Warum ich es normal finde, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt

Das Thema / der Vorwurf / die Kritik kommt immer wieder hoch, zuletzt etwa als These zum Maskulismus: Männerrechtler, Maskulisten oder meinetwegen auch nur Feminismuskritiker hätten nichts drauf außer Antifeminismus.

Wie Leszek es schon gut auf den Punkt brachte:

Das Schwerpunktthema des Maskulismus sind Diskriminierungen, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind. Um diese bekannt zu machen und die falsche Auffassung, Männer seien eine privilegierte Klasse zurückzudrängen ist eine Kritik am heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Feminismus (Radikal-/Gender-/Staatsfeminismus) unvermeidbar, da diese mit ihren medial, akademisch und politisch leider zur Zeit noch einflussreichen einseitigen und falschen Konzepten zu männlichen Diskriminierungen beitragen.

Ähnlich unaufgeregt äußerte sich vor einigen Tagen Karen Straughan in ihrem Video „Warum greifen Männerrechtler Feminismus an?“:

Why do MRAs attack feminism?

Ich hatte die Dame bereits erwähnt. Es gibt sicherlich noch interessantere Videos von mir, aber sie bringt einen ganz sachlichen Punkt: Das bei häuslicher Gewalt praktizierte Duluth-Modell funktioniere schlecht, weil es auf Eskalation und einseitige Schuldzuweisung (beim Mann) setze. Es basiere auf feministischen Ideen. Eine Abkehr von diesem schlechten Modell stelle zwangsweise in irgendeiner Form auch Feminismuskritik dar.

Es geht aber noch trivialer und viel grundlegender. Bei den MTV Music Video Awards trat Beyoncé knapp bekleidet auf, im Hintergrund reckten Frauen ihre Hintern in die Höhe und in dem Lied ging es um Sex. Eine Sternstunde der Moderne, denn im Hintergrund erschien der Schriftzug „feminism“. Mit kurzem zeitlichen Abstand ließ sich Sofía Vergara im Rahmen der Emmy-Verleihung im wahrsten Sinne des Wortes auf ein Podest stellen, um eine langweilige Rede optisch aufzulockern und mit einigen Gags anzureichern. Ein Rückfall ins finstere Mittelalter, denn die Frau wurde zum Objekt gemacht! Beide Meldungen erschienen bei Genderama im Abstand von nur einem Tag. Dass die Hintergrundtänzer lebende Kulisse sind, während die Schauspielerin die Lacher auf ihrer Seite hatte und den ersten Gag selbst brachte, spielte keine Rolle. Es ließ sich auf folgende einfache Parole herunterbrechen: Wenn „Feminismus“ draufsteht, ist es gut, ansonsten ist es böse!

Es ist ein Kennzeichen für die „Die heilige Kirche des Netzfeminismus„, wie es das Blog „Das Neue Rheingold“ treffend zusammenfasste. Eines der „Fünf Symptome für den Wandel des Netzfeminismus zur dogmatischen Religion“, so der Untertitel des Artikels, war „die Etablierung einer Priesterklasse“. Irgendeine Autorität muss inzwischen entscheiden, was richtig und falsch ist. Für Normalsterbliche ist das nicht mehr durchschaubar – zu widersprüchlich und beliebig ist das, was unter dem Etikett „Feminismus“ alles erscheint.

Damit sind wir bei meinem Lieblingsvergleich, der mir seit Monaten im Kopf herumgeht: Mit „Feminismus“ ist es wie mit „politisch links“: Das taugte mal als Bürgerschreck, wurde irgendwann modern und wegweisend, danach war man damit auf der Höhe der Zeit, dann waren es irgendwie alle, schließlich wurde es ein wenig angestaubt und heute ist das Wort so ausgehöhlt in seiner Bedeutung, dass einem niemand mehr ohne weiteren Kontext sagen kann, worum es geht.

Wie es Harald Martenstein sehr treffend ausdrückte:

Ich finde übrigens, dass man heute nicht mehr pauschal von „Feminismus“ sprechen kann. Es gibt viele Feminismen, das reicht von Positionen, die ich jederzeit unterschreiben könnte, bis zu radikalen Strömungen mit totalitären Allmachtsfantasien. Es ist wie mit dem Wort „links“. Sigmar Gabriel ist links, die maoistische MLPD ist auch links. Was haben sie miteinander zu tun? Nichts. Genauso breit ist das Spektrum beim Feminismus.

Und jetzt kommt der Unterschied: Nehmen wir an, jemand sagt mir ohne weitere Erklärung, er sei links und ich antworte in etwa so: Naja, links, das kann ja alles mögliche von „linksliberal“ bis „stalinistisch“ sein. Wobei Linksliberale und Stalinisten entschiedene Gegner sind und ich die Ideologie der letztgenannten Gruppe ablehne, mit den Linksliberalen aber sicher so manche Überzeugung teile. Wenn mein Gegenüber dann im Empörung ausbricht über meine „antilinke“ Einstellung, was ich mich erdreiste, über Linke zu reden, ich kenne mich doch gar nicht aus und sei eine Zumutung, einen Linken auf Verirrungen anzusprechen, die unter dem Etikett „links“ begangen worden sind… dann wäre es wohl kein Wunder, wenn diese Person nicht für voll nehmen würde.

Viel zu oft erlebe ich bei Diskussionsversuchen über Feminismus das Feld-und-Festung-Argumentationsschema. Oder wie es bei Alles Evolution ausgedrückt wurde:

Da wird auch deutlich, dass es teilweise weniger ein Rückzug ist, als eine Gleichsetzung: “Wer gegen Maßnahme X ist, ist gegen Gleichberechtigung, ist gegen Frauen, hasst Frauen”

Der Angriff auf das schlecht zu verteidigende Feld wird insofern als Angriff auf die Festung reframt und darüber dann der Feind als der “Böse” ausgewiesen.

Es ist natürlich ein unredlicher Taschenspielertrick, etwa Kritik an radikalfeministischen Strömungen als grundsätzlich antifeministisch zu brandmarken, dabei wohlwissend, dass man den Gegner in einer Debatte damit leicht das Etikett „ist gegen Gleichberechtigung“ oder „frauenfeindlich“ anhängen kann und ihn damit indiskutabel macht. Da verschiedene Zweige des Feminismus zum Teil zueinander konträre Haltungen vertreten (etwa „für“ oder „gegen“ Prostitution), wird daraus ein Totschlagargument: Egal, was jemand zu dem Thema vertritt, man kann ihn immer als antifeministisch abstempeln!

Und genau weil dieser Ruf immer erfolgen kann, hoffe ich, dass er so über die Maßen benutzt wird, dass ihm bald niemand mehr Aufmerksamkeit schenkt. Zu befürchten gibt es für ernstzunehmende Menschen dabei nichts, denn wie der Flussfänger schon formulierte: Kritik ist auch Wertschätzung. Oder wie es Lucas Schoppe zuletzt ausdrückte:

Denn feministische Positionen sind politische Positionen, und in einem demokratischen Rahmen dürfen und SOLLEN politische Positionen natürlich einer offenen Kritik unterzogen werden. Wenn ich bestimmte Positionen des Feminismus kritisiere, macht das aus mir noch keinen „Antifeministen“

Nicht jede Kritik an X ist Anti-X. Wenn alles und das Gegenteil davon X sein kann, kann auch alles und das Gegenteil davon Anti-X sein. Und schließlich wird eine inflationär gebrauchte Warnung vor Anti-X nur dazu führen, dass sie mit der Zeit keiner mehr ernst nimmt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei Beyoncé muss ich seit einigen Jahren immer an folgendes Lied denken…

J.B.O.: Bejonze

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7 Kommentare zu „Warum ich es normal finde, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt“

  1. „Nehmen wir an, jemand sagt mir ohne weitere Erklärung, er sei links und ich antworte in etwa so: Naja, links, das kann ja alles mögliche von “linksliberal” bis “stalinistisch” sein. Wobei Linksliberale und Stalinisten entschiedene Gegner sind und ich die Ideologie der letztgenannten Gruppe ablehne, mit den Linksliberalen aber sicher so manche Überzeugung teile. Wenn mein Gegenüber dann im Empörung ausbricht über meine “antilinke” Einstellung, was ich mich erdreiste, über Linke zu reden, ich kenne mich doch gar nicht aus und sei eine Zumutung, einen Linken auf Verirrungen anzusprechen, die unter dem Etikett “links” begangen worden sind… dann wäre es wohl kein Wunder, wenn diese Person nicht für voll nehmen würde.“

    Dieser Abschnitt ließe sich genauso gut auf Männer übertragen:

    was ich mich erdreiste, über Männer zu reden, ich kenne mich doch gar nicht aus und sei eine Zumutung, einen Mann auf Verirrungen anzusprechen, die unter dem Etikett Mann begangen worden sind… dann wäre es wohl kein Wunder, wenn diese Person nicht für voll nehmen würde.

  2. Hat dies auf emannzer rebloggt und kommentierte:
    Sommerloch – und kein Ende. Da ist es wohltuend mal Beiträge zu lesen, wie den aktuellen von „Graublau“ auf dem Blog Geschlechterallerlei.

    Und er stellt dar, warum er es normal findet, dass es soviel „Antifeminismus“ (oder: Männerrechtler, Humanismus, Maskulismus) gibt. Und zeigt anhand von Zitaten und Links auf, weshalb die Begründung dieser ‚Normalität‘ eine sukzessiv wachsende Bewegung ist.

    Und welche Gründe das nun mal hat:
    Denn es istActio-Reactio letztendlich!

    Anders gehen Synthesen halt nicht.

  3. Feministinnen reiben sich schon die Augen, denn der Genderismus hat leider nicht die erhoffte Totalbefreiung gebracht, sondern fesselt die Frauen an die Maschinen (Ausschöpfung des Erwerbspotentials von Frauen!). Zusätzlich ist bei weiterer gender-ideologischer Gleichmacherei zu erwarten, dass die Hauptleidtragenden die Frauen sein werden. Denn wenn die eigentlichen weiblichen Vorteile und Überlegenheiten ausgeredet oder gar negativ bewertet werden, ist die innere Identität zerstört und es bleiben nur noch Äußerlichkeiten, die dann kultmäßig in den Mittelpunkt rücken (Diäten, Schönheitsoperationen, Castingshows, Sexting usw.) [Kommunikationswissenschaftlerin Petra Grimm, 2010: Mädchen ziehen zunehmend Selbstbewusstsein daraus, Jungen als Sexobjekte zu dienen].
    Gefahr: Frau wird zur Ware (Leihmutter, Eizellenlieferantin, Prostitution usw.)
    Die Überredungs-Ideologie, dass Gleichberechtigung nur durch Aufhebung der Geschlechtrollenunterschiede möglich sei, kann bei Frauen mit den anderen selbst erlebten motivationalen Grundlagen zu inneren Konflikten und damit zu Depression und anderen ernsthaften psychischen Problemen führen [Moulton, 1977]
    Siehe auch in den hierzulande weitgehend unbekannten Studien z. B. von Prof. Annica Dahlström, Uni Göteborg: Innerhalb der letzten 15 – 20 Jahre einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei schwedischen Mädchen um 1000 Prozent, Depressionen um 500 Prozent; Suizidrate finnischer Mädchen ist die höchste in Europa
    Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 6. Auflage, Logos-Verlag, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4

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