Warum ich hinter „abschaffen“ Unsportlogik sehe

Dem Blog „Mama arbeitet“ bin ich zum ersten Mal bewusst beim Blogstöckchen #Was wäre wenn („…ich das andere Geschlecht hätte“) über den Weg gelaufen. Vor einigen Wochen machte wohl zuerst über Twitter, dann in den Blogs die Forderung der Autorin die Runde, die Bundesjugendspiele abzuschaffen. Sie hat auch Antworten auf häufige Fragen und Einwände formuliert. Natürlich beschränkt sich die Debatte nicht auf die jährliche Veranstaltung, sondern weitet sich schnell auf den Schulsport insgesamt aus. Schließlich sind die Bundesjugendspiele nur dessen (traurige) Krönung.

Zuerst war ich auf das Thema über Lucas Schoppe gestoßen, der sich wiederum auf einen Artikel von Robin Urban berief. Via Nassrasur bin ich auf einige weitere Beiträge aufmerksam geworden. Entgegen meiner üblichen Gewohnheit verlinke ich gleich hier auf die anderen Artikel (nicht jeder hat ja die Kondition, ganz bis zum Ende zu lesen, und darauf sollte man Rücksicht nehmen…):

Finsterste Vergangenheit

Ich bin immer noch erstaunt, wie häufig ich in Interviews den Satz „ich war beim Sport immer der, der als letzter gewählt wurde“ gehört habe. Da scheinen viele Leute wirklich sehr ungute Erinnerungen zu haben.

Schulsport – das ist der ideale Rahmen für Mobbing. Über körperliche Mittel läßt sich hier einigen Schülern klar demonstrieren, wo sie auf der Sozialskala stehen – nämlich ganz unten. Im Klassenzimmer lernt man, dass man auf Schwächere Rücksicht nehmen soll, was dann auch in vielen Fächern praktiziert wird – außer in der Turnhalle.

Es geht auch anders!

Mit der Schule an sich bin ich gut zurechtgekommen und außerhalb der Schule habe ich, wie ich mit Nachdenken aufgrund dieser Artikel erst festgestellt habe, viele positive Erfahrungen mit Sport gemacht. Was läuft also in der Kombination falsch? Bzw. was müsste sich ändern, damit es besser wird? Was waren es denn für Bedingungen, unter denen es bei mir geklappt hat?

  1. Variation. Ich erinnere mich an eine Gelegenheit, bei der eine Gruppe von außerhalb kam und Akrobatik anbot. Das ist die schönste Schulsporterinnerung meines Lebens!
  2. Bälle, die nicht wehtun, wenn man sie voll ins Gesicht kriegt. Bei Brillenträgern schmerzt die Brille extra und es droht, auf unbestimmte Zeit nicht mehr richtig sehen zu können, weil die Brille kaputtgeht. Warum habe ich wohl beim Tischtennis nie Angst vor dem Ball gehabt?
  3. Sportarten, bei denen es nicht nur um Kraft und Größe geht. Womit wir wieder beim Tischtennis sind. Natürlich ödet das auch wieder andere an, aber bitte nicht zu 90% Fußball und Basketball. Beim Fußball merkt man sofort, wer im Verein spielt, und Basketball ist einfach witzlos bei den Größenunterschieden.
  4. Regeln einhalten. Es nützt mir nichts, dass man sich bei vielen Sportarten eigentlich nichts berühren soll, wenn ich dann trotzdem über den Haufen gerannt werde. So wird mir nur vermittelt, dass Regeln reiner Anstrich sind und im Zweifelsfall der Rücksichtslosere gewinnt.
  5. Bei Wettbewerben: Bewusst auf ein Ziel trainieren! Ich finde diese Großveranstaltungen mit Pflichtteilnahme deswegen so schwachsinnig, weil – im Gegensatz zu Klassenarbeiten – nicht auf diese Prüfung hingearbeitet wird. Entweder man kann’s oder man wird’s nie lernen. Das ist das Gegenteil davon, jemandem einen Lernerfolg zu vermitteln. Ich nenne es Unsportlogik, in Anlehnung an Fettlogik.
  6. Nach Leistung trennen: Sollen doch die Guten ruhig mal unter sich spielen (es reichte immer für zwei Mannschaften), dann können sie auch alles geben.
  7. Erklären, üben, wiederholen, kontrollieren… alles das, was man im normalen Unterricht in einigen Abständen auch machen sollte, um sicherzugehen, dass wesentliches Wissen und Können vorhanden ist.
  8. Messen. Irgendetwas. Meinetwegen Gewicht, Puls und Blutdruck. Dann kann man auch Trainingserfolge aufzeigen und es geht nicht darum, gegen die anderen zu gewinnen, sondern für sich selbst.

Natürlich ist es schwierig, einerseits einen gesunden Wettbewerbsgeist zu fördern und die Schüler aufzufordern, an ihre Grenzen (und darüber hinaus) zu gehen, andererseits sicherzustellen, dass das unmittelbare körperliche Aufeinandertreffen nicht dafür genutzt wird, unterdrückte Konflikte aus dem Klassenraum auszutragen. Aber wer hat behauptet, Lehrer sein sei eine leichte Aufgabe?

Gute Gründe für Sport

Körper und Geist sind nicht einfach so zu trennen. Wenn ich mich nicht genug bewege, bin ich leichter gereizt, mir fällt das Denken oft schwer. Oft hilft schon auf und ab gehen oder spazieren, um auf neue Gedanken zu kommen oder ein Problem im Kopf zu knacken.

Die immer wieder angesprochene Benachteiligung von Jungen in der Schule könnte dadurch entschärft werden, dass wieder mehr Bewegung gefördert wird, anstatt braves Stillsitzen zu fordern. Viele Kinder, so meine Beobachtung, bewegen sich sogar ausgesprochen gerne, wenn man sie läßt. Um ein wenig Dampf abzulassen und danach wieder ruhiger zu sein, scheint mir das ein guter Weg zu sein.

Die meisten Menschen möchten etwas leisten. Das kann sich völlig unterschiedlich äußern und auf ganz verschiedenen Gebieten stattfinden. Schülern eine Chance zu nehmen, ein Erfolgserlebnis zu haben, halte ich daher für den falschen Weg. Ich kann mich außerdem nicht daran erinnern, anderen Leuten ihre Sieger- und Ehrenurkunden missgönnt zu haben. Nur auf eines hätte ich gerne verzichtet: Die demütigende, nicht ablehnbare Teilnehmerurkunde, die mir bescheinigte, dass ich einerseits nichts Besonderes geleistet hatte und man mich andererseits für psychisch so instabil hielt, dass man mir trotzdem etwas geben müsse, da ich es anscheinend nicht aushalten würde, mal einmal nichts zu bekommen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Vergib ihnen, selbst wenn es ihnen nicht leid tut“ singt Julian Casablancas – eine gute Einstellung, um auch eigene schlechte Erfahrungen aus der Schulzeit hinter sich und aus aktuellen Debatten zu lassen. Im Lied erwähnt er außerdem, wie Städte zusammenkommen, um sich im Namen des Sportes zu hassen – ist das denn besser?

Julian Casablancas: 11th Dimension

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