Fundstück: Brett McKay: „Gesunden Menschenverstand zurückbringen“

„Wo sind all die guten Männer hin?“ – wer kennt diese Klage nicht? Ein aufmunterndes Plädoyer dagegen habe ich beim schon erwähnten The Art of Manliness gefunden. Ausgangspunkt sind Reaktionen auf Ratgeber für Männer, die im Stile von „Ist es nicht traurig, dass man diese Sachen jungen Männern beibringen muss?“ erfolgen.

Brett McKay will in die Debatte über moderne Männer „gesunden Menschenverstand zurückbringen“. Er bricht eine Lanze für die Männer von heute:

Bringing Back Common Sense

Die Sichtweise, die Gesellschaft und die Männer seien vor die Hunge gegangen, ist zwar weitverbreitet, aber falsch. Männer sind nicht schlechter als früher:

Anleitungen und Erziehung hat es schon immer gegeben. Er erwähnt und zeigt als Beleg dazu zahlreiche alte Ratgeber. Das war auch in der „guten alten Zeit“ so – von nichts kommt nichts.

Das Klagen über die Männer von heute ist unangebracht. Die heutige Nachfrage nach praktischen Ratgebern ist vielmehr ein positives Zeichen, dass Männer daran interessiert sind, männlich zu sein und „die beste Version von sich selbst“ zu werden.

Insgesamt ein äußerst erfrischender Beitrag über Männer. Eine positive Grundeinstellung in Kombination mit der Überzeugung, sich selbst durch eigene Taten ändern zu können, finde ich höchst sympathisch!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Warum nur nach den guten Männern fragen, wenn es auch grobe Jungs gibt?

Ted Leo and the Pharmacists: Where Have All The Rude Boys Gone?

Fundstück: Die Geschichte eines überwundenen Mannes

Der Westerwald-Bote hat jetzt sein eigenes Blog namens „Geisterzeiten“ und dort vor einigen Tagen eine ganz traurige Geschichte veröffentlicht. Der Titel enthält ein berühmt-berüchtigtes Zitat aus dem Grundsatzprogramm der SPD – und letzten Endes ist das auch die richtige Einstimmung in das Thema.

Man findet hier auf engstem Raum einige zentrale Wahrheiten über das „Mann sein“ versammelt: Als erstes die männliche Verfügbarkeit, die schon Jungen eingetrichert wird – entgegen allem Gerede von dem Wert, den angeblich alle Menschen „einfach so“ hätten. Wer nicht mehr nützlich ist, wird weggeworfen. So sieht sie aus, die traditionelle Beurteilung nach Verwertbarkeit.

Als zweites, wie stark davon wiederum der Wert auf dem Partnermarkt abhängig ist. Wer als Mann mit Beruf, Geld, Status ein Problem hat, hat schnell gleich noch weitere dazu!

Als drittes, wie eine Trennung einem Mann komplett den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Als viertes, dass Männer in der Not weniger Hilfsangebote zur Verfügung haben. Und schließlich als fünftes eine ganz anschauliche Begründung, warum die Suizidrate bei Männern um ein Vielfaches höher ist als die von Frauen.

Mein Vorschlag für die menschliche Gesellschaft: Die Gesellschaft, die so mit Männern mit umgeht, gehört überwinden!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? An das Lied musste ich als erstes denken bei dem Blognamen…

Die Ärzte: Geisterhaus

Warum ich einmal grundsätzlich zum „gender empathy gap“ schreibe

Der Begriff „gender empathy gap“ wird taucht immer wieder in der Geschlechterdebatte auf. Aber was steckt genau dahinter?

Ich wollte schon lange einen Grundsatzartikel dazu schreiben, konnte mich aber nie entscheiden, wie herum ich die Argumentation aufziehen wollte. War das „gender empathy gap“ Ursache oder Wirkung, Annahme oder Folgerung? Schließlich wollte ich einen Zirkelschluss vermeiden. Dann las ich, was der Doktorant zu Induktion und Deduktion geschrieben hat, und ich hatte endlich eine Idee. Mal sehen, ob ich sie Sache halbwegs anständig über die Bühne bringe oder mich übernehme.

Meine Definition

Das „gender empathy gap“ – also die Empathielücke zwischen den Geschlechtern – bezeichnet das Phänomen, dass unter denselben Umständen die Angehörige eines Geschlechtes mehr Mitgefühl bekommen als die des anderen. Allgemein gilt dies im Durchschnitt, das heißt, auch wenn allgemein einem Geschlecht weniger Empathie entgegengebracht wird, kann es Fälle geben, in denen das andere weniger abbekommt.

So weit, so gut. Diese Definition sagt so noch nichts darüber aus
– ob dies tatsächlich allgemein so gilt
– welchem Geschlecht gegenüber weniger Empathie gilt
– was die Ursache hierfür ist

Diese Definition ist ferner dafür offen, dass es andere Kriterien für Empathie gibt, die stärker wirken als dieser Unterschied bei ansonsten gleichen Voraussetzungen.

Beispiele für Männer

Männerrechtler / Maskulisten führen an, dass Männern im allgemeinen weniger Mitgefühl entgegengebracht wird. Das fängt an mit Formulierungen in den Nachrichten wie „unter den Opfern waren auch Frauen und Kinder“, nach denen es offenbar weniger schrecklich ist, wenn Männer die Opfer sind.

Fefe hatte die Frage nach der Empathie einmal in größerem Zusammenhang gestellt, was ich an anderer Stelle bereits zitiert hatte:

Habe vorhin kurz bei zwei Biologen und einer Psychologin nachgehakt:

Im Wesentlichen triggert

  1. der Tod eines Kindes am stärksten,
  2. dann der einer attraktiven Frau im gebärfähigen Alter,
  3. dann folgt der Tod eines „schwachen“ Menschen (alt, körperlich eingeschränkt, geistig eingeschränkt und, tatsächlich, „alle anderen Frauen“ -> also Frau tatsächlich auf derselben Empörungsstufe wie ein „behinderter“ Mensch!)
  4. und dann erst folgen Männer.

Männer im wehrfähigen Alter erhalten das geringste Mitgefühl, wenn ihnen etwas wie „Tod durch Erschießen“ widerfährt.

Die Einsender bei Fefe hatten zum Großteil Evolutionsbiologie als Ursache angegeben. Sowohl die Verfeinerung der Empathierangfolge als auch die Erklärung erscheinen mir schlüssig.

Das Schöne an dem biologischen Hintergrund ist ja: Es ist verständlich, ohne dass es bedeutet, dass es so bleiben soll. Insbesondere in einem westlichen Industriestaat ist nicht einzusehen, warum gegen diese biologischen Grundlagen, die früher einmal sinnvoll waren, nicht jetzt gegengesteuert werden sollte (wenn sich auch, da bin ich realistisch, die Biologie nie verleugnen oder negieren läßt). Insbesondere die kulturelle Ausformung ist ja gerade nicht durch die Biologie vorbestimmt, selbst wenn die Biologie einen Rahmen vorgibt, innerhalb dessen man sich bewegen kann.

Dies ist kein „reines Männeranliegen“, wie Genderama an einem interessanten Fall belegte. Hintergrund war eine steigende Zahl von Übergriffen gegen Frauen bei der Polizei. Nach wie vor sind allerdings zu 82,5% Männer betroffen, sogar 87,5% bei Totschlag. Ein Leser kommentierte: Bei der französischen Polizei seien Frauen anstrengend, weil sich im Konfliktfall die Männer automatisch vor sie stellten. Man kenne von der israelischen Armee, dass Soldaten ihren Auftrag vergäßen, um eine Soldatin zu retten. Die Veränderung in Deutschland sei also ein Zeichen von Gleichberechtigung. Die Reaktion darauf war allerdings, dass der Chef der Gewerkschaft der Polizei NRW eine Begrenzung des Frauenanteils forderte. Arne Hoffmann urteilte:

Die Tendenz, das Leiden von Männern leichter als das Leiden von Frauen zu gewichten, droht hier ausnahmsweise auch einmal die Gleichberechtigung von Frauen zu torpedieren.

Zur Kultur, genauer zur Popkultur, äußerte sich Blogger uepsilonniks in einem Kommentar bei „Alles Evolution“:

Man schaue sich mal an, wer als Vertreter seines Geschlechts etwa in Action-Filmen Gewalt erfährt und reihenweise getötet wird, ohne dass es den Filmspaß trübt. Wären es Frauen die vom Helden abgeschlachtet würden, der Film würde keinen Spaß machen (genauso wie bei Kindern). Auch das zeigt: Wir verurteilen Gewalt gegen Frauen stärker, leiden mit, können das nicht auf die leichte Schulter nehmen sind also anders als bei Männern dem gegenüber sensibilisiert.

Folgen zur kritischen Beobachtung

Was sind die erwartbaren Folgen eines solchen Empathieunterschiedes gegenüber Männern allgemein bzw. Männern im wehrfähigen Alter?

Nummer eins wäre für mich, dass man sich weniger um diese allgemeine und noch weniger um deren spezielle Untergruppe kümmert. Stattdessen werden sie sich selbst überlassen.

Einen institutionellen Hinweis in diese Richtung haben wir schon: Das BMFSFJ kümmert sich um alle außer Männer zwischen 18 und Rentenalter.

Nummer zwei: Probleme aller Art, von denen sie ausschließlich oder in stärkerem Maße als andere betroffen sind, bekommen weniger Aufmerksamkeit.

Wie ich im oben bereits erwähnten Artikel, in dem ich einen Beitrag von Fefe zitierte, schrieb:

Die geringere Empathie bei Männern wird sich bei der Behebung von Problemen, von denen Männer häufiger betroffen sind (Selbstmord, Obdachlosigkeit, Trennung von Kindern) erschwerend auswirken.

Nummer drei: Wird dann doch einmal spezielle Aufmerksamkeit für diese Gruppen gefordert, dann erwarte ich einen Abwehrreflex, gerne getragen von dem Gefühl, dass man das Mitleid „an die falschen Leute verschwendet, die es am wenigsten brauchen“.

Hier kann dann als „Begründung“ eine Argumentation mit Durchschnitten kommen, etwa welche Gruppe insgesamt im Schnitt reich ist, Macht hat usw., ohne zu berücksichtigen, dass die Mitglieder einer demographisch definierten Gruppe keineswegs untereinander zusammenhalten und alle anderen ausklammern und dass ein Durchschnitt nichts bedeutet, wenn man die Varianz, Standardabweichung, kurz: Verteilung innerhalb der Gruppe zu kennen.

Was die Probleme, die außerhalb der Aufmerksamkeit liegen, angeht, so drückt es Martin Daubney so aus (gefunden via Genderama):

Man muss beweisen, dass Männer und Jungen leiden, weil es die meisten Leute einfach nicht glauben.

Hilfsangebote speziell für Männer und Jungen erleben eine Abwehr. Das führt dann zum Beispiel zu Sachbeschädigung.

Wie kommt man die Probleme derzeit aus dem toten Winkel? Wie es Matze sinngemäß beschrieb: Probleme, die Männer haben, werden erst dann relevant, wenn Frauen durch sie Nachteile erleiden.

Was tun?

Wenn der gender empathy gap tatsächlich vor allem Männer trifft, dann ergeben sich darauf einige interessante Konsequenzen, wenn man Schieflagen mehr Aufmerksamkeit verschaffen möchte, von denen Männer besonders betroffen sind:

Weil Männer weniger Mitleid bekommen…

  1. …ist es wichtig, auf die Verzahnung des Wohlergehens von Männern mit dem von Frauen und Kindern hinzuweisen, also gerade das Gegenteils des „Geschlechterkrieges“ zu präsentieren. Lucas Schoppe hat diesen Aspekt so oft erwähnt, dass ich aufgehört habe, zu zählen.
  2. …ist das Etablieren und Einhalten allgemeiner, universaler Rechte dienlicher als eine spezielle Aufmerksamkeit oder Förderung. Kurioserweise ist letzteres eine Standardforderung von Lügnern und Manipulatoren (SJW) sowie Gender-Feministinnen, während sich auf ersteres einige Gegner dieser Gruppen berufen.
  3. …lohnt es sich, beim Interesse wecken für ein Problem gerade keinen besonderen Wert auf das Geschlecht der Betroffenen zu legen oder weibliche Betroffene ins Rampenlicht zu rücken. Das passt frappierend mit der Beobachtung zusammen, dass sobald über eine Betroffenengruppe berichtet wird, die überwiegend männlich ist, entweder das Geschlecht nicht erwähnt wird oder besonderer Fokus auf der weiblichen Minderheit liegt.

Das alles gilt allerdings nur vor dem Hintergrund, dass man diesen „gender empathy gap“ als „gegeben“ hinnimmt und nicht gegen ihn angeht. Angesichts der Lage der Dinge halte ich es allerdings für utopisch, dass das zuerst geschieht.

Die argumentative Redlichkeit gebietet es außerdem, stets zu messen, ob es Beispiele gibt, die den oben genannten Ausführungen widersprechen. Es darf ja nicht in die Richtung gehen „wir nehmen den gender empathy gap als gegeben hin und stellen ihn nicht mehr in Frage“. Es muss stets eine Offenheit geben in die Richtung „Was würden wir denn erwarten, wenn es sich so verhält? Was beobachten wir in der Realität? Was entspricht unseren Erwartungen, was verhält sich anders?“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dass es tatsächlich einmal eine Band mit diesem Namen gegeben hat…

The Gap Band: Early In The Morning

Warum mir die Jungen im Zug noch etwas zeigen konnten

Persönliche Erlebnisse beweisen nichts. Sie sind aber gut geeignet, um den eigenen Blick zu schärfen und zu korrigieren.

Freitag abend im ICE: Nach einer langen Arbeitswoche möchte ich ein wenig Ruhe haben und noch ein Buch lesen. Die Wahrscheinlichkeit dafür sehe ich in den Keller sinken, als ich das Abteil mit meinem reservierten Platz erreiche: Dort sitzen bereits vier Jungen bzw. junge Männer, die sich mit Handys und Computern ausgebreitet haben. Vor meinem inneren Auge ziehen bereits Szenen vorbei, wie sie sich die ganze Zeit laut etwas zurufen oder sich über ihre Spiele unterhalten. „Na, das kann ja heiter werden.“, denke ich mir resignierend, beschließe aber, meine Lesezeit nicht völlig kampflos aufzugeben.

Mit einem „Guten Abend“ – jeder hat es schließlich verdient, ordentlich angesprochen zu werden – betrete ich das Abteil und werde leise zurückgegrüßt. Die vier jungen Herren sind fast reglos. Ich bin direkt von der Arbeit losgefahren und trage entsprechend noch Bürokluft; das in Kombination mit einem offiziellen, ernsten Auftreten kann tatsächlich einschüchtern. Na, die Schlacht wäre gewonnen, denke ich mir zufrieden und packe mein Buch aus.

Ich schaffe es nicht, mich auf das Lesen zu konzentrieren. Die Woche war wohl doch zu viel. Aber jetzt geschieht etwas Magisches: Ich werde mir Stück für Stück bewusst, wie falsch ich gelegen habe bezüglich meiner Mitreisenden. Anfangs habe ich noch im Kopf „Naja, Jungs, denk mal daran, was die überhaupt für eine Chance haben, nicht als störend und nervig zu gelten…“, gefolgt von „Was wäre überhaupt ein akzeptables Verhalten, bei dem ich zugeben würde, dass sie sich ordentlich aufgeführt haben?“ über „Wie war ich denn selbst in dem Alter? Also, heute möchte ich ja nicht noch einmal Jugendlicher sein, mit all dem Druck und den Erwartungen…“ zu „In was für einer Lebenssituation werden sie wohl sein? Welche Möglichkeiten haben sie, ein Stück Freiheit zu leben? Da ist doch Unterhaltungselektronik, ohne dass Erwachsene dazwischenfunken, eine offensichtliche Wahl!“ – und da wird es mir bewusst: Die vier anderen sind absolut ruhig!

Der vielleicht 16- oder 17-jährige guckt mit seinem Bruder, den ich auf 11-12 schätze, einen Trickfilm. Sie benutzen Kopfhörer, um niemanden zu stören. Liebevoll kümmert sich der ältere um den jüngeren und sie sitzen da ganz harmonisch, als wäre es das normalste der Welt. Die beiden anderen sind volljährig, gucken auf ihre Handys, aber es gibt keine lauten „lustigen Videos“ or Gedudel von Spielen. Fast schon wie Mönche ruhend, sitzen sie da in sich gekehrt. Als einer der beiden aussteigt, wünschen sie sich noch ein schönes Wochenende. Anhand des Gepäckes erkenne ich, dass es Bundis sind.

Und jetzt wird mir schlagartig klar, dass ich hier der Unruheherd im Abteil bin! Ich gucke ständig von meinem Buch auf, sortiere irgendwelche Papiere, starre in die Gegend, während meine Gedanken abschweifen. Die beiden Brüder und die Bundeswehrsoldaten verhalten sich hingegen vorbildlich.

An andere herantreten mit negativen Erwartungen, die man hingegen selbst erfüllt – das nennt man wohl eine Projektion. Für „die Gesellschaft“ beweist diese Anekdote nichts. Für mich selbst war das aber ein gutes Signal, mir meiner eigenen Voreinstellungen demnächst von Anfang an bewusst zu werden, um aus ihnen aktiv „aussteigen“ zu können.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Jungen im Zug waren alles andere als „verlorene Jungen“. Trotzdem fällt mir als erstes der Soundtrack von „Lost Boys“ ein.

Lou Gramm: Lost In The Shadows (The Lost Boys)

Warum mir der Mann mit dem Metal-T-Shirt nicht aus dem Kopf geht

Die Begegnung ist schon eine Weile her. Ich erinnere mich aber immer wieder daran:

Ich bin im europäischen Ausland unterwegs. Es ist Wochenende, ich stehe am Rande einer Fußgängerzone, in der sich jede Menge Läden zum Einkaufen befinden. Die Geschäfte machen langsam zu, es wird bald dunkel, die Leute eilen mit Tüten und Taschen nach Hause. Es ist ein richtiger Strom an Menschen raus aus der Innenstadt.

Eine Gruppe Männer in orange hat jedoch die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie sind gekommen, um die Spuren des Konsums zu beseitigen. Ihre Arbeit hier beginnt gerade erst.

Während die Einkäufer und Spaziergänger miteinander reden, gehen sie an den Saubermachern vorbei, ohne sie weiter zu beachten – so als ob diese gar nicht existieren würden. Ich bin zutiefst erstaunt, als ich bemerke: Diese Männer sind unsichtbar!

Keiner grüßt sie, niemand schwatzt mit ihnen – so als ob sie zu einer Schicht der Unberührbaren gehören würde. Es scheint kein „reiche Einheimische, arme Ausländer“-Gegensatz zu sein, denn die Männer von der Straßenreinigung sehen nicht anders als die anderen aus.

Da fällt mir an dem, der mir am nächsten arbeitet, etwas auf: Seine orangefarbene Jacke ist auf, darunter trägt er ein Metal-T-Shirt. Na, das ist doch sympathisch, denke ich mir und lächele. Dann schaue ich genauer hin und erkenne sogar Band und Album wieder: „Valley of the Damned“, das Debüt von DragonForce.

Ich bin hin und weg und weise meine Begleitung auf das T-Shirt hin. Das bekommt auch der Mann mit, den ich daraufhin freundlich anspreche. Tolles T-Shirt, guter Musikgeschmack, auf die Band bin ich Ende 2000 gestoßen, als sie noch DragonHeart hieß und ihr erstes Demo-Album draußen hatte. Ein kurzer Plausch von 2-3 Minuten, dann wünsche ich ihm noch einen schönen Tag und gehe weiter.

Was ich bis heute nicht vergessen habe: Wie erfreut der Mann über die Aufmerksamkeit schien; dass er mit jemandem reden und den Arbeitsalltag vergessen konnte, dass ihm jemand etwas Nettes gesagt hat.

Es wird viel über unsichtbare Männer geschrieben. Ich habe an dem Tag tatsächlich einen getroffen. Und nach dieser Begegnung habe ich mir oft überlegt: Wie viele Unsichtbare es wohl noch gibt, an denen ich nach wie vor so einfach vorbeigehe?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die heute Liederauswahl liegt auf der Hand…

DragonForce: Valley of the Damned

Fundstück: Schneewittchen und „Der Mann das ist ein Lustobjekt“

Als Reaktion auf einen Artikel von crumar schlägt Leonie Popkultur „aus den wilden 70ern“ vor mit dem Hinweis:

Ja, so´war das damals, als die 2. Frauenbewegung entstand – und Ihr hättet auch rebelliert!

Die Popkultur – was wäre ein Blogeintrag ohne sie? – ist dabei folgende:

Gruppe Schneewittchen: Der Mann das ist ein Lustobjekt

Das Lied stammt aus dem Jahr 1978 und merke, wie sich die Zeiten geändert haben, denn mein erster Gedanke war: Das wäre heute abzufeiern!

Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Also, so eine positive Beurteilung von Männern allgemein bin ich ja gar nicht gewohnt! Männern wird hier zugestanden, als Lustobjekt zu taugen, also sexuelles Interesse zu erregen – von einer Frau, wohlgemerkt! Dies wirkt in der heutigen Zeit, in der Männer in erster Linie mit Gewalt, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht werden, wie ein überschwengliches Lob.

Er nennt mich seinen liebsten Schatz
Doch das, das sind nur Sprüche

Na, das ist doch gut, dass sie das durchschaut. Vor allem, weil sie bereit ist, auch die Konsequenzen daraus zu ziehen:

Und wenn der Neue streicheln kann
Und schöner als der Alte
Dann bleib‘ ich bei dem neuen Mann
Bevor ich ganz erkalte
Dann werd‘ ich von ihm heißgestreichelt
Bis die Matratzen rauchen

Mich erinnert das an das selbstbewusste Frauenbild, das ich in den 1990ern mitbekommen habe: Da gingen Frauen offensiv mit ihrer Sexualität und ihren Wünschen um. Nun mögen seinerzeit Anspruch und Wirklichkeit auseindergeklafft haben – aber es gab zumindest dieses positive Bild, das Frauen ihre Freiheit ließ – und Männern auch! Jeder Erwachsene war eben für seine Taten verantwortlich, aber eben nicht automatisch „schuldig für andere“.

Ab heute, müssen alle ran
Bis sie den Geist aushauchen

Das klingt schon ein wenig lebensbedrohlich. Allerdings immer noch besser als als Soldat zu sterben! Und ich bin mir sicher, viele „nette Kerle„, die ständig in der Friendzone landen, würden gerne mal „nur fürs Bett“ zu gebrauchen sein.

Wenn einer nicht mehr funktioniert
Und anfängt zu querelen
Dass er an seiner Lust krepiert
Ja dann, ja meiner Seelen
Geb‘ ich ihm ein paar Euroschecks
Dann kann er sich was kaufen

Das ist ja sogar zu modern für heute: Der Mann bekommt Geld für seine „emotionale Arbeit„.

Für diejenigen, für das alles zu albern war, hier der Kommentar von crumar als Antwort auf Leonie:

Aber Leonie, selbst heute würde z.B. Adrian den Refrain begeistert mitsingen!
Frag ihn ruhig! 😉

Die Zeiten haben sich geändert, Leonie.
Natürlich könnte ich ebenfalls einem Mann die Schuld dafür geben, wenn mein Haushalt nicht ordentlich geführt ist.
Denn ich lebe als Single – so wie über 50% der Haushalte hier in Berlin (weibliche Singles müssten dann allerdings einer Frau die Schuld geben, beinahe unvorstellbar).

Das Lied stammt noch aus der „guten alten Zeit“, in der es solide Paarbindungen in traditionellen Paarbeziehungen gab, die mit einer traditionellen Aufgabenteilung nach Geschlecht zusammen wohnten und einen traditionellen Haushalt bildeten und führten.
Diese Haushalte befinden sich inzwischen in mehreren (deutschen) Großstädten in der Minderheit.

Diese gesellschaftliche Entwicklung hat der Feminismus der zweiten Welle (und nachfolgende) nicht nur verkannt, sondern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die gute alte „Hausarbeit“ ebenso wie die „care-Arbeit“ ausschließlich als weiblich verstanden worden ist, prägt auch die aktuelle feministische Debatte.
Wenn ungebrochen feministischerseits geklagt wird, die „unbezahlte“ care-Arbeit und Hausarbeit sei immer noch weiblich, dann wird m.E. diese „gute alte Zeit“ beschworen.
Man hat fast den Eindruck, die rituelle Klage muss sich der Existenz einer solchen, traditionellen, konservativen Gesellschaft versichern, um überhaupt wirksam zu sein.

Was evtl. daran liegt, dass sich zwar immer mehr Frauen sich an der Erwerbsarbeit beteiligen, das Verhältnis der durchschnittlichen Arbeitszeit nach Geschlecht sich hingegen nicht geändert hat. Durchschnittlich sind es 22 Stunden in der Woche für Frauen und 43 Wochenstunden für Männer und daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren nichts großartig geändert. D.h. die Entwicklung stagniert seit dieser Zeit.

Nun kann man durchaus die Existenz von sehr gut verdienenden Single-Frauen und Männern annehmen, die ihr individuelles Leben mit 22 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche bestreiten.
Für die Mehrheit der Männer und Frauen wird dies jedoch nicht zutreffen.
Was allerdings die Frage aufwirft, von was der Durchschnitt der Frauen in Paarbeziehungen lebt, die durchschnittlich 22 Stunden in der Woche arbeiten…
Wenn es in dem Lied heißt, dann „geb ich ihm eine paar Euroschecks, dann kann er sich was kaufen“, ist das löblich.
Nur müsste man fragen: Verfügt der *reale Mann* über das Geld seiner Partnerin oder sind die Schecks nicht sehr wahrscheinlich durch *sein eigenes Geld* gedeckt?

Ich fand und finde an der feministischen Diskussion bezeichnend, dass solche Fragen erst gar nicht erst gestellt worden sind.
Die Einkünfte durch die männliche Erwerbsarbeit werden ebenso fraglos vorausgesetzt, wie auch, dass der Mann seine materiellen Ressourcen (fraglos) zu teilen habe.
Als sei es das selbstverständlichste der Welt, auf diese – durch Männer – erarbeitete Ressourcen einen – quasi biologischen – *Anspruch* zu haben.

Gerecht und emanzipiert wäre es, wenn beide Geschlechter 32,5 Wochenstunden arbeiten und sich Hausarbeit und „care-Arbeit“ 50:50 teilen – dafür stehe ich ein.
Vom Mann jedoch *die Hälfte* der beiden letztgenannten Tätigkeiten zu erwarten und selber nur ein *Drittel* zu den Paar-Einnahmen beizusteuern, hat weder etwas mit Gerechtigkeit, noch mit Emanzipation zu tun.
Sondern es ist die *Fortsetzung* einer traditionellen, konservativen Aufgabenteilung nach Geschlecht, in dem die modernen Ansprüche von Frauen an Männer diesen ZUSÄTZLICH aufgehalst werden.
Bei gleichzeitiger weiblicher Verhaltensstarre, den gleichen Beitrag zu den Paar-Einkünften beizusteuern – siehe Stagnation.

Was wir dem Feminismus – auch der zweiten Welle – vorwerfen ist, dass er nicht nur eine halbierte Form der Emanzipation anstrebt, sondern sich propagandistisch darin ergeht, traditionelle, konservative Verhältnisse, in denen Männer *verbleiben sollen* (irgendwer muss diese Gesellschaft finanzieren) als „modern“ zu *verkaufen*.
Ein Marketing von außen rot, innen traditionell und konservativ.

Ich glaube, die Männerbewegung wird diese versteinerten Verhältnisse sehr, sehr grundlegend zum tanzen zwingen.

Fundstück: Gesammelte Falschbeschuldigungen

Der Blogger Uepsilonniks hat etwas einfaches, aber sehr effektives gemacht: Er hat Fälle von Falschbeschuldigungen gesammelt und zitiert. Der Clou dabei: Es sind sowohl solche mit fremdenfeindlichen Hintergrund gegen männliche Flüchtlinge als auch solche allgemein gegen Männer dabei.

Beim Durchlesen liegt der Gedanke nahe: Egal, wen es trifft, es ist nie ok. Selbst wenn solche Straftaten tatsächlich begangen werden, darf man nicht irgendeine Gruppe unter Pauschalverdacht stellen – weder männliche Flüchtlinge noch Männer allgemein. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) wird nicht dadurch besser, dass man die Zielgruppe gröber oder feiner auswählt.

Für weiteres Lesen bietet sich der Verweis auf das Forum „Induzierte Erinnerungen“ an: Erfundener Missbrauch und Falschanschuldigungen in Deutschland und Umgebung. Auch der Blogger Lotosritter war bereits explizit darauf eingegangen:

Wer mehr über Falschbeschuldigungen erfahren möchte, hier der Link zu der entsprechenden Rubrik im Forum Falsche Erinnerungen, das von einem Opfer sexueller Gewalt inzwischen rein als Archiv betrieben wird. Die Liste, der hier durch die Presse bekannt gewordenen Falschbeschuldigungen, ist erschreckend lang.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Zum Thema Erinnerungen fällt mir der Film Memento mit seinem Ambient-Soundtrack ein.

David Julyan: Leonard and Natalie