Fundstück: Sinkende Einkommen bei Männern führen zu weniger, bei Frauen zu mehr Ehen

Das Blog „MGTOW Deutsch“ erwähnt gleich zweimal einen Artikel von Florian Rötzer bei Heise namens „Sinkende Einkommensunterschiede setzen Männer unter Druck„. Was in diesem Artikel steht, fügt sich wie ein Puzzleteil in die im Blog schon besprochene Studie „Trade Liberalization and Mortality: Evidence from U.S. Counties“ von Justin R. Pierce und Peter K. Schott (Entwurf vom Dezember 2015 als PDF).

Am Anfang wird zwar das Feindbild weißer Mann bemüht und verschwiegen, wie viele Frauen für Donald Trump gestimmt haben, aber immerhin werden auch tatsächliche wirtschaftliche Sorgen als Hintergrund erwähnt. Bereits bekannt ist: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt die Suizidrate bei Männern in Osteuropa und – schon oben im Rahmen der Studie von Pierce und Scott erwähnt – in den USA.

Basis für den Heise-Artikel ist eine neue Studie von David Autor, Gordon Hanson und David Dorn namens „When Work Disappears: Manufacturing Decline and the Falling Marriage-Market Value of Men“ (PDF).

Für die „Schicht der Männer ohne Hochschulabschluss zu tun hat, die in der verarbeitenden Industrie tätig sind, um ihre Jobs fürchten oder diese bereits verloren haben“ ergibt sich folgendes traurige Bild:

Weil ihre Karriere- und Einkommensaussichten sinken oder wegbrechen, sinkt auch ihre Attraktivität auf dem Heiratsmarkt und damit wohl auch bei der Partnerwahl. Das macht wütend und verzweifelt.

Und bei diesen Männern hört es nicht auf:

Allerdings sind die Ergebnisse wohl über diese Schicht hinaus gültig. In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der jungen Menschen, die verheiratet sind, stark zurückgegangen. Zwischen 1979 und 2008 fiel der Anteil der Frauen im Alter von 25-39 Jahren, die verheiratet sind, bei den Hochschulabgängerinnen um 10 Prozent und um 20 Prozent bei denjenigen, die einen Highschool-Abschluss oder weniger haben. Parallel dazu steigt die Zahl der der Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten, so hat sich in etwa derselben Zeit die Zahl der Kinder von unverheirateten Müttern fast verdoppelt.

Hier sieht man, wie Probleme miteinander verbunden sind. Der sehr deutlich betitelte Artikel „How Not to Be Poor“ listet als einen Tipp gegen Armut „keine außerehelichen Kinder haben“ auf und zeigt in einer Grafik, dass Armut in der Gruppe der Alleinerziehenden mit Abstand am häufigsten vorkommt.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde in den USA deutlich, dass mehr Männer als Frauen von deren Folgen betroffen waren und dass die Gehälter der Männer stärker darunter leiden.

Hier stellt sich dann spätestens der AH-Effekt ein („Das habe ich doch schon bei Arne Hoffmann gelesen…“), gefolgt vom „PfelM-Reflex“ („Ich gucke mal nach, was in dem Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik darüber steht…“). Und siehe da, es findet sich selbst bei schneller Suche folgendes:

Kapitel „Der Mann als ökonomischer Verlierer“, S. 144, 146, bezogen auf Deutschland. Für das Phänomen, dass Männer stärker von der Wirtschaftskrise betroffen sind, habe ich irgendwo den Terminus „hecession“ aufgeschnappt.

Bei Wirtschaftskrisen oder bei steigenden Importen aus dem Ausland sollen sich die Mechanismen auf dem Heiratsmarkt besonders nachhaltig auf dem unteren Ende der Einkommensschichten auswirken. Die Zahl der Männer, die arbeitslos sind oder weniger verdienen, auch weniger als die Frauen, steigt, während ihre Attraktivität für die Frauen sinkt. Dazu kann ein Anstieg im Drogen- und Alkoholkonsum, der Kriminalität und auch der Mortalität kommen.

Die Autoren gehen in der Studie vor allem den Auswirkungen einer erhöhten Einführung von chinesischen Waren auf dem US-Arbeitsmarkt nach.

Genau wie die oben erwähnte Studie von Pierce und Schott, nur dass hier noch der Heiratsmarkt dazukommt.

Steigt jedoch die Arbeitslosenquote bei den jungen Frauen mit geringer Qualifizierung relativ an, erhöht sich Heiratsbereitschaft.

Nichts Neues: Frauen haben im Notfall die Möglichkeit, in eine Partnerschaft „zu fliehen“ und aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen. (Ja, nicht jede und unter allen Umständen, aber tendenziell.)

Nach den Berechnungen der Wissenschaftler würde ein „Schock“ von einem Punkt Anstieg chinesischer Importe auf hauptsächlich männliche Beschäftigung zwischen 1990 und 2007 den Anteil der 18-25-jährigen Frauen, die keine Heirat eingehen, um 3,9 Prozentpunkte ansteigen lassen, während ein solcher „Schock“ auf überwiegend weibliche Beschäftigung den Anteil der jungen Frauen, die niemals verheiratet waren, um 3,1 Prozentpunkte senkt.

Mit anderen Worten: Sich alleine auf die Frauen und ihre Unabhängigkeit zu konzentrieren wäre das falscheste, was man machen könnte! Geht es nämlich den Männern schlecht, gibt es mehr Armut für alle, auch bei den Kindern. Wie Lucas Schoppe gerne ausführt: Die meisten Menschen haben überhaupt kein Interesse an einen Geschlechterkrieg, weil sie viel zu sehr auf Kooperation angewiesen und daher an ihr interessiert sind. Es kann daher auch nicht sinnvoll sein, Interessen von Männern und Frauen in Konkurrenz zueinander zu sehen, ohne den Gesamtzusammenhang zu betrachten. Hier würde sich tatsächlich ergeben: Im Zweifelsfall auf den Mann achten – eine sehr unangenehme, unkorrekte Botschaft.

Sollten die Analysen für die „Handelsschocks“ auf den Arbeits- und Heiratsmärkten für die Regionen, in denen das verarbeitende Gewerbe wegbricht, das Mitte des 20. Jahrhunderts den Wohlstand breiter Schichten garantiert hat, aber seit Jahrzehnten schrumpft, zutreffen, dann dürfte auch die kommende Automatisierungswelle ähnliche Folgen haben. Dann wären aber nicht nur die Arbeitsplätze von Arbeitern betroffen, sondern auch die von Höherqualifizierten und Akademikern, was nach der Studie den Heirats- und Partnermarkt noch maßgeblicher beeinflusst.

Und da können wir direkt den nächsten Bekannten erwähnen: Schließlich hat der Stadtmensch als Dauerthema, dass aufgrund der zunehmenden Automatisierung immer mehr Stellen wegfallen – und dass die Politik keinerlei Lösungsansätze anbietet, geschweige denn das Problem erst einmal anspricht, falls sie es überhaupt erkannt hat. Stattdessen werden wir mit irgendwelche sinnlosen Symbolkampagnen und -gesetzen beschäftigt.
So lassen sich in einem großen Bogen eine Palette von Themen miteinander verknüpfen: Wirtschaftslage, Gesundheit von Männern, Heiratsmarkt, Geschlechterunterschiede, Armut in der Gesellschaft.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Schien mir ganz angemessen für den heutigen Tag…

Jan Garbarek and The Hilliard Ensemble: Parce Mihi Domine

#heisegate : Trump is evil, Apple ist Weltfrieden

Wir zitieren mal die Überschrift:

Transgender-Schüler: Apple wirft Trump-Regierung Diskriminierung vor

Der neue US-Präsident will Transgender-Schülern nicht mehr erlauben, die ihrer Geschlechtsidentität entsprechende Toilette zu verwenden. Der iPhone-Hersteller sprach sich in einem Statement deutlich dagegen aus.

Dann klein irgendwo im Text:

Unter der bisherigen Regelung drohte Schulen, die Transgender-Schülern nicht die freie Wahl der jeweiligen Toilette erlaubten, ein Entzug staatlicher Zuschüsse. Präsident Trump hatte stets argumentiert, öffentliche Schulen und Staaten sollten selbst darüber entscheiden dürfen, wie sie das Thema regeln.

Huch! Trump ist doch nicht Hitler? Jedenfalls nicht so ganz? Jedenfalls wenn man sich überlegt, wie die guten Feministinnen von der Störenfriedas keine Schwänze auf den Frauenklo wollen weil sie bedrohlich und sowieso fies und eklig sind? http://diestoerenfriedas.de/die-sache-mit-den-safe-spaces-warum-ich-keine-schwaenze-auf-frauentoiletten-haben-will/

Die hilfreichen Nerds aus dem Heiseforum kommen zur Hilfe: Nutzer wwwfang

https://www.heise.de/forum/Mac-i/News-Kommentare/Transgender-Schueler-Apple-wirft-Trump-Regierung-Diskriminierung-vor/Zum-Verstaendnis-Wie-die-Vereinigten-Staaten-organisiert-sind/posting-29994363/show/

Zum Verständnis: Wie die Vereinigten Staaten organisiert sind

Dass der Artikel Trumps Entscheidung falsch darstellt, wurde hier ja schon mehrfach eingebracht. Er verbietet nichts, er will auch nichts „nicht mehr erlauben“, er hat eine föderale Zuschussregelung entsorgt und damit die Angelegenheit auf die Ebene der Bundesstaaten verlagert. Nicht mehr, nicht weniger.

Das kann man, wenn man denn unbedingt will, als Versuch ansehen, erzkonservativen Kräften irgendwo im Bible Belt in die Hände zu spielen und damit durch die Hintertür etwas zu verbieten. Andersrum kann man aber natürlich genauso sagen, Trump ermöglicht es den Kaliforniern, ihre eigene freizügige Entscheidung zu treffen, ohne dabei auf die ganz besonders christlichen Christen achten zu müssen.

Was in dieser Hinsicht im Artikel steht, ist nur eines: Bockmist. Wer auch immer das geschrieben hat, sollte das korrigieren und sich entschuldigen.

Aber zum Thema:
Tatsächlich folgt die Entscheidung einem ganz simplen Grundprinzip, auf dem die Vereinigten Staaten aufbauen: Die Bundesstaaten halten sich aus internationalen Dingen raus, das ist Sache der Bundesregierung, und die Bundesregierung hält sich aus Dingen raus, die lokal geregelt werden können, das ist Sache der Bundesstaaten und Gemeinden.
Nicht umsonst war auch die jetzt von Trump abgeschaffte die Obama-Regelung keine Vorschrift, sondern ganz banal ein Entzug von Bundeszuschüssen (die meines Wissens nach zudem noch nicht einmal in Kraft war, eben weil die Zuständigkeit der Bundesregierung angezweifelt wurde).

Wer es nicht weiss, wie strikt diese Trennung der Zuständigkeiten läuft, kann sich als Beispiel die Polizei ansehen: Weder der Präsident, noch der Gouverneur haben das Recht einem örtlichen Polizeibeamten irgendetwas zu sagen, denn die Polizei ist Sache der Gemeinden (bzw. Städte).

Das hat also alles nichts mit Verbieten oder Erlauben zu tun, das ist eine Frage der Staatsorganisation.

Der einzige Streitpunkt wäre hier, inwieweit die Kloklage Teile der US-Verfassung berührt, die sich gegen Unterdrückung wenden. Zur Erinnerung: Es gab in einigen Staaten noch bis in die 60er nach Rassen getrennte Klos. Auch das wurde erst durch die Bundesregierung unterbunden.

Danke, wwfang. Warum bekommt das Heise nicht hin?

Fundstück: Feministische Regierung beugt sich Kleiderordnung im Iran

Da war ja neulich etwas los in den sozialen Medien! Ein Foto machte die Runde, auf dem Donald Trump nur mit anderen Männern zu sehen war. Angeblich entschieden „ausschließlich Männer darüber, was Frauen mit ihrem Körper machen dürften“. Klartext: Der US-Präsident strich Organisationen die Unterstützung, wenn diese Abtreibungen durchführten oder nur darüber informierten. Dass immer 42% aller weiblichen Wähler, die ihre Stimme abgegeben haben, für ihn gestimmt haben, dass Frauen kritischer gegenüber Abtreibungen sind als Männer – was machen sollte Fakten schon aus, wenn es um das Narrativ des Geschlechterkrieges geht. (Wenn es darum geht, dass ein Geschlecht willkürlich über das körperliche Wohlergehen des anderen verfügen kann: Dürften dann Frauen nicht über Krieg und Frieden entscheiden, zumal die überwiegende Mehrheit der Soldaten männlich ist?)

Die schiefen Vergleiche ließen nicht lange auf sich warten („Frauen beschließen, dass Männer nicht mehr masturbieren dürfen“), die schwedische Regierung zog jedoch alle Register, posierte ähnlich wie Trump und seine Untergebenen und gab bekannt, feministisch zu sein. Und jetzt kommt’s: Was machten Mitglieder derselben Regierung, die vorher noch lauthals den Einsatz für Gleichberechtigung verkündet hatte, als sie in den Iran reisten? Genau, sich den dortigen Kleidervorschriften fügen!
Anspruch und Wirklichkeit klaffen gerade bei der Begegnung von Außenpolitik und Beharren auf Menschenrechten immer auseinander. Da sind Frauen eben nicht anders als Männer und errichten keineswegs „die menschliche Gesellschaft„.

Aber die Schere im Kopf, zu Hause ordentlich Gratismut zu haben und sich dann, wenn mal Gelegenheit wäre, Haltung zu zeigen, so unterzuordnen, ist schon beachtlich. Leider ist das mit den schlimmsten Vorurteilen über Feministinnen vereinbar: Dass diese nämlich nur unter Menschen aus liberal-westlicher Sozialisation stark sind, gegenüber prämodernen Gruppen jedoch einknicken. Die schwedische Regierung hat echter Gleichberechtigung hier einen Bärendienst erwiesen.

Doch es geht erfreulicherweise auch ganz anders: Via Alex in einem Kommentar bei Alles Evolution wurde ich auf Nazi Paikidze (schöner Scherz über den eigenen Namen!) aufmerksam gemacht, die „die Schachweltmeisterschaft im Iran wegen Kopftuchzwang boykottiert hat.“ Und da ist sie nicht die einzige! Respekt vor diesen jungen Damen, die persönliche Nachteile dafür in Kauf nehmen, Einschränkungen individueller Rechte nicht hinzunehmen.

Zur Tradition, im Umgang mit autoritären Staaten gerne mal etwas nachsichtig zu sein, was Menschenrechte angeht, finde ich folgende beiden Artikel aus dem vergangenen Jahr sehr treffend:
Saudi-Arabien-Besuch: Außenminister Steinmeier wohnt landestypischer Enthauptung bei
Respekt vor westlichen Gepflogenheiten: Iran begrüßte Steinmeier mit Porno-Werbung und nackten Brüsten

Aktualisierung: Alles Evolution zum selben Thema

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das war kein Meisterstück, Schweden…

Uschi Ischmeier: Jenseits von Schweden

Fundstücke: Warum gegen „den Feind“ eben nicht alles erlaubt ist

Straftaten wie Falschbeschuldigungen gegen AfD-Politiker oder sogar körperliche Gewalt wie gegen Richard Spencer: Es ist besorgniserregend, was inzwischen gegenüber einem weltanschaulichen Gegner als legitim vertreten wird, wenn dieser nur als schrecklich gilt. Glücklicherwiese stehen dem aber auch einige Stimmen der Vernunft gegenüber, von denen ich einige hier zitieren möchte:

Auf Alles Evolution tat sich Dirk M. Jürgens (DMJ) ganz groß mit zwei Kommentaren hervor:

Die ganze Nummer hat mir auch ordentlich Magengrimmen gemacht.
Man verstehe mich nicht falsch: Ich habe keinen Hauch Mitgefühl mit Nazis, wenn sie auf’s Maul kriegen, denn das verdienen sie in der Tat. – Aber ich halte viel vom Prinzip, Gewalt nur im äußersten Notfall anzuwenden. Doch in dieser Angelegenheit haben erschreckend viele Leute (persönliche Bekannte ebenso wie anerkannte Journalisten), die noch zu Bush-Zeiten komplett mit mir einer Meinung waren, dass wir Terror nicht mit Terror beantworten dürfen, nicht einmal VERSTANDEN, was für ein Problem ich damit habe.

Mir wurden Spencer-Zitate und Geschichten vom Widerstand im 3. Reich um die Ohren gehauen, argumentiert, dass die Triebbefriedigung ein vollkommen okayes Motiv für Gewalt sei und immer wieder gesagt „Aber der will doch viel Schlimmeres“. Dass wir besser sein sollten als unsere Gegner, nicht nur im Recht sein, sondern auch moralischer sein sollten, als sie, war alles schlagartig vergessen.
Dass wir damit Gewalt von ihnen gegen uns ebenso legitimieren – keine Rede von. Dass die Sache praktsich nur ein PR-Gewinn für den, mir vorher vollkommen unbekannten Spencer war – wollte keiner hören.
Stattdessen überboten sie sich, den maskierten, nach der Attacke fliehenden Schläger zum Superhelden zu erklären.

Die sollen sich noch mal beschweren, dass Diskurs und Umgang miteinander so verroht seien…

Im zweiten Kommentar zitiert er einen Popehat-Artikel. Ich zitiere etwas andere Teile des tatsächlich sehr lesenswerten Beitrags:

We have social and legal norms, including „don’t punch people because their speech is evil, and don’t punish them legally.“ Applying those norms is not a judgment that the speech in question is valuable, or decent, or morally acceptable. We apply the norms out of a recognition of human frailty — because the humanity that will be deciding whom to punch and whom to prosecute is the same humanity that produced the Nazis in the first place, and has a well-established record of making really terrible decisions.

Und als zweites die sehr gute Einsicht, dass „Nazis schlagen ist ok“ untrennbar mit der Ansicht „wer hier Nazi ist, bestimme ich“ verbunden ist:

In embracing a norm that sucker-punching Nazis is acceptable, remember that you live in a nation of imbeciles that loves calling people Nazis. Also bear in mind that certain aspects of our culture — modern academic culture, for instance — encourages people to think that you’re a Nazi if you eat veal or disagree with them about the minimum wage.

Via Fefe fand ich ein Video von Jonathan Pie über dieselbe Frage:

Protest Pie.

Wichtigste Aussage (sinngemäß, ab 2:55): Meinungen von Leuten durch Gewalt zum Verstummen zu bringen ist nicht Faschismus bekämpfen, es ist Faschismus.

Christian Schmidt gibt einige wichtige Punkte zu bedenken:

Weicht man das Gewaltmonopol des Staates auf, indem man zulässt, dass Leute, die der herrschenden Meinung oder auch nur einigen Leuten nicht gefallen, dann ebnet man Willkür und Lynchjustiz Tür und Tor. Man opfert damit etwas, was eine der wesentlichen Fundamente unser Gesellschaft ausmacht und es führt zu einem Abgrenzungsproblem, welches kaum zu lösen ist: Es legitimiert nämlich, dass die andere Seite wiederum anführt, dass zB die andere Seite von ihrer Seite ausnahmslos für falsch gehalten wird und deswegen ebenfalls Gewalt angewendet wird. Eine Gesellschaft, die den politischen Diskurs zugunsten von Gewalt aufgibt, die bahnt aus meiner Sicht einem Unrechtsstaat den Weg.

Genau so ist es. Es wäre ein zivilisatorischer Dammbruch.

Weitaus schlimmer ist aber, dass radikale Linke dazu neigen, den Kreis derer die „unwertes Gedankengut“ haben, und damit „Nazis“ sind inflationär zu gebrauchen und es auf jede unliebsame Meinung auszuweiten. Damit entwerten sie nicht nur den Begriff, sondern erlauben es sich, schlicht gegen jede unliebsame Meinung Gewalt anzuwenden.

Eben das. Natürlich läuft es darauf hinaus, jede unliebsame Meinung zu verbieten, denn wo wollte jemand bei so einer ungebremsten Gewaltbereitschaft noch ernsthaft eine Abwägung treffen und eine Grenze ziehen?

Ich finde es auch faszinierend, dass diese radikalen gar nicht merken, wie schnell sich solche Praktiken auch gegen sie richten könnten. Gerade dann, wenn sie meinen, dass Trump ein Faschist ist, sollten sie die Meinungsfreiheit hoch halten.

Schon geschehen! Donald Trump hat den Spieß längst umgedreht.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Was waren das noch für Zeiten, als „Spencer“ und „Prügeleien“ für harmloses Filmvergnügen standen?

Oliver Onions: Fantasy

Fundstück: Every Second Counts

Ich habe über viele Videos der Marke „America First, [other country name] Second“ schmunzeln können. Außerhalb der Sammlung auf everysecondcounts.eu gibt es noch Regionen oder Fantasie-Welten.

Eines finde ich allerdings beachtlich: Wie ein weiteres Mal das Prinzip „Wenn es die richtigen Leute trifft, ist es ok!“ praktiziert wird.

Da sollen Gesetze her gegen Fake News, weil diese so schrecklich und gefährlich sind – aber gegen Donald Trump sind sie natürlich in Ordnung. Auch die angebliche Verbindung zum KKK wird wiederverwertet, dabei war das eine Behauptung, die noch aus dem Wahlkampf stammt, aber bei näherer Betrachtung überhaupt keinen Sinn ergibt. Illegal mitgeschnittene Aussagen, die ebenfalls aus Wahlkampfkalkül endlos wiederholt wurden, sind inzwischen zitierfähiges Allgemeingut.

Während die Videos tatsächlich interessante Fakten über viele Länder beinhalten, so enthalten viele auch den Klassiker, bei Männern Anspielungen auf die Größe gewisser Körperteile zu haben (bei Frauen wird eher „die ist hässlich“ verwendet, was genauso einfallslos ist). Auf dem moralisch hohen Ross kann man, wenn man solche Videos vorbehaltlos billigt, also nicht sitzen. Das muss man ja auch nicht; es ist vielmehr viel gewonnen, sich vor Augen zu halten, wie einfach gegen die „richtigen“ Leute Dinge gebilligt werden, welche angeblich „grundsätzlich“ nicht in Ordnung sein sollen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich kriege das Lied nicht mehr aus dem Kopf…

Pink: Dear Mr President (live)

Fundstück: Wladimir Putin kommentiert souverän Fake News

Weil die US-Präsidentschaftswahlen nicht wie von politischem Establishment und Massenmedien erwünscht ausgingen, musste eine Verschwörungstheorie her: Die braven Wähler wären durch Fake News manipuliert worden, um am Ende Donald Trump zu wählen. Und wer war der Bösewicht dahinter? Natürlich, die Russen! Sie haben nicht nur die Wahlen gehackt. Weil Donald Trump sich mit Wladimir Putin verstehen soll, „drohe“ Verständigung zwischen den USA und Russland. Viel bekloppter geht’s nicht.

Und was ist die beste Reaktion darauf? Genau, selbst Fake News gegen Donald Trump in die Welt setzen! Er soll sich angeblich in Moskau mit Prostituierten vergnügt haben. In diesem Zusammenhang hatte Fefe mal wieder ein bemerkenswertes Fundstück. Laut dem äußerte sich der russische Präsident sinngemäß so:

Donald Trump sei ein erwachsener Mann, habe seit Jahren mit Schönheitswettbewerben zu tun und einige der schönsten Frauen der Welt getroffen. Er, Wladimir Putin, halte es für schwer zu glauben, dass Donald Trump daher in ein Hotel eilen müsste, um einige leichte Mädchen zu treffen – obwohl die russischen ohne jeden Zweifel die besten der Welt seien.

Was habe ich gelacht! So reagiert man auf solche Vorwürfe: Nicht ernst nehmen, mit vernünftigen Einwänden die Gerüchte schon auf einfachster Ebene völlig unglaubwürdig erscheinen lassen und danach noch einen entspannten Spruch raushauen, mit dem man zeigt, dass man sich auf so billige Weise schon gar nicht aus der Reserve locken läßt. Da müsst Ihr schon mit etwas Besserem kommen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hier ein Lied mit Bezug auf Wladimir Putin und erlogenen Geschichten.

Funny van Dannen: Wladimir Putins Cousine

Warum ich die „Fake News“-Hysterie selbst für „Fake News“ halte

Also gut, „Fake News“ sollen es dann sein. Die Massenmedien haben sich auf ein neues Narrativ einigen können, mit dem der Widerspruch zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen erklärt werden kann:

Die richtige Sache war „auf offenem Felde ungeschlagen“, aber ausländische Mächte haben durch das massenhafte Verbreiten von Falschmeldungen (Fake News) im Internet die Wähler so beeinflusst, dass diese am Ende dem falschen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben.

Das ist ein tatsächlich recht rundgeschliffener Mainstreammythos. Die Erklärungen vorher waren letzten Endes schwer zu verteidigende Positionen. Deutungen aus einem geschlossenen Weltbild heraus wie etwa die im Sinne der Identitätspolitik waren nicht massenkompatibel genug. Ich hatte ja bereits der Dolchstoßlegende von den bösen weißen Frauen, die Donald Trump gewählt haben, keine Chance eingeräumt, weil sie als Erweiterung des Feindbildes weißer Mann nicht taugt.

Die jetzt getroffene Lösung hat viele Vorteile: Mit „russischen Hackern“ kann man irgendwelchen anonymen Kräften die Schuld in die Schuhe schieben, aber nebenbei noch andeuten, als gäbe es eine Verbindung zur russischen Regierung / Wladimir Putin. Und das ohne irgendwelche ordentlichen Quellen (wodurch sich das Narrativ natürlich selbst als Fake News entlarvt). Fake News sind noch besser als der Vorwurf der Wahlfälschung, welcher sowieso routinemäßig alle vier Jahre in den USA erhoben wird, zumal man diesen ja irgendwie beweisen müsste. Ferner läßt sich behaupten, Wahlbeeinflussung durch Fake News könne sich jederzeit wiederholen, „auch bei uns“, womit man die Brisanz für Europa hat und das Thema schön warmgehalten wird. Dass die Massenmedien mit diesem Narrativ subtile Fremdenfeindlichkeit schüren („die wollen uns was!“) und Angst verbreiten, während sie sonst Angst bei der Bevölkerung kritisiert – wen kümmert das schon?

Denn die Alternative wäre ja eine echte Wahlanalyse, wie sie etwa die Nachdenkseiten oder Cicero veröffentlicht haben und bei der dann unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“ – für sie sind soziale Klassen kein Thema mehr.

Dieses Erkenntnis käme aber für weite Teile der Medien einem Schuldeingeständnis gleich, denn sie sind längst Teil der Elite, die eine funktionierende vierte Macht im Staate kritisieren und gegen die diese eine Gegenöffentlichtkeit aufbauen würde. Um sich nicht selbst in schlechtes Licht zu rücken, soll daher vermieden werden, die Bevölkerung ernst zu nehmen.

Der Vorstoß einiger Politiker, „Fake News“ zu einem neuen Straftatbestand zu machen, wurde entsprechend medial flankiert: Journalisten treten allen Ernstes für Zensur ein, nachdem ihnen die Deutungshoheit entglitten ist. Man beachte: Das war nicht irgendein Schreiberling für ein Käseblatt, sondern die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich in den Tagesthemen!

Wie bei den Nachdenkseiten treffend kommentiert wurde:

Auf dem direkten Weg in die Postdemokratie. Was sind bitte „Gezielte Desinformation zur Destabilisierung eines Staates“? Das liegt immer auch im Auge des Betrachters. Aus Sicht der Eliten kann das jede Kritik an den herrschenden Verhältnissen sein.

Der ansonsten überstrapazierte Vergleich mit den Nazis trifft diesmal: Schon die Nazis gaben vor, „Fake News“ zu bekämpfen. Die Nachdenkseiten haben hierzu eine studentische Hausarbeit von Tobias Jaecker gefunden:

Um die Presse in den Griff zu bekommen, bedienten sich die Nationalsozialisten zunächst des Instruments der Notverordnungen, die der Reichspräsident erlassen konnte. Mit der „Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933 wurden Beschlagnahmung und Verbot von Druckschriften geregelt. Unter der Verantwortung von Reichsinnenminister Frick wurde ein umfangreicher Katalog von Verbotsgründen erarbeitet. Darunter fielen etwa die Verbreitung „unrichtiger Nachrichten“ und der Aufruf zum Streik.

Die Nazis im O-Ton (Quelle: Dokumentarchiv.de):

„Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar 1933
„Periodische Druckschriften können verboten werden (…) wenn in ihnen offensichtlich unrichtige Nachrichten enthalten sind, deren Verbreitung geeignet ist, lebenswichtige Interessen des Staates zu gefährden. (…) Zuständig für das Verbot einer periodischen Druckschrift sind die obersten Landesbehörden oder die von ihnen bestimmten Stellen.“

Es ist alles nicht neu: In den letzten Jahren haben wir eine ganze Reihe von Initiativen erlebt, um unter dem Deckmantel einer guten Sache Zensurinstrumente einzuführen. Zunächst waren es die Netzsperren gegen Kinderpornographie. Dann wollte die EU Antifeminismus verbieten. Vor den Vereinten Nationen durften sich Anita Sarkeesian und Zoë Quinn darüber ausheulen, was für schreckliche Sachen ihnen im Internet passieren würden: Es gäbe tatsächlich Leute, von denen sie kritisiert würden! Sie forderten Schutz – wobei der Vorwurf der „Nachstellung“ sich für sie nicht nur auf illegale Aktivitäten erstrecke, sondern auch so fürchterliche Beschimpfungen wie „Du bist eine Lügnerin“ oder „Du bist doof“. Das Wehklagen hatte woanders durchaus Erfolg: Google machte machte den Bock zum Gärtner.

Wie schnell solche Mechanismen, um Leute mit abweichender Meinung zum Schweigen zu bringen, entgleiten können, hätte man eigentlich aus der Geschichte lernen können. Nun hat Donald Trump noch einmal exemplarisch vorgeführt, was „die Geister, die sie riefen“ bedeutet.

Welch Ironie, dass ausgerechnet „Der Postillon“ besonders vielseitig über Fake News berichtet:

  1. Ratgeber: Alles, was Sie jetzt über Fake-News wissen müssen
  2. Bundeskanzler Hubert Dreher will Fake-News unter Strafe stellen
  3. Hat Fake-News verbreitet: Türkischer Journalist zu 5 Jahren Haft verurteilt
  4. Teenager (15) endlich fertig damit, unter jedes einzelne YouTube-Video „Fake!“ zu schreiben – der vielfach vergessene Ursprung der Fake-News-Vorwürfe

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Um „News“ wieder in einen positiven Zusammenhang zu bringen:

Huey Lewis & The News – Perfect World