Warum Cédric Wermuth an keine öffentliche Diskussion mehr geht, wenn nur Männer an der Diskussion teilnehmen

Der Schweizer Parlamentarier Cédric Wermuth (Partei der Sozialdemokraten) will ein politisches Zeichen setzen bzw. Symbolpolitik betreiben und hat erst kürzlich auf seinem Blog verlauten lassen: “Ich werde ab sofort zu keinen öffentlichen Diskussionen mit mehr als zwei Gästen mehr zusagen, wenn sie nur aus Männern zusammengesetzt sind“. Da stellt sich doch gleich die Frage, weshalb sind nur die Frauen Adressaten seiner Symbolpolitik?

Cédric Wermuth schreibt: 

„Spätestens seit dem #SchweizerAufschrei darf man offenbar hierzulande wieder über Feminismus und Geschlechterdiskriminierung sprechen, ohne gleich als vorgestrig abgestempelt zu werden (die rechten Sektenblätter jetzt mal ausgenommen).“

Habe ich da etwas verpasst? Mir ist in den letzten Monaten und Jahren in den linksliberalen Medien, aber auch in den öffentlich-rechtlichen Medien, kein Feminismus-Bashing oder Geschlechterdiskriminierung-Bashing aufgefallen. Im Gegenteil: Entweder wird sehr neutral darüber berichtet oder sie protegieren den Feminismus richtiggehend. Und vor allem: Wurden im #SchweizerAufschrei auch Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer thematisiert? Weiss eigentlich Cédric Wermuth etwas von Männern als Opfer von Gewalt und wie viele Hilfsangebote es für diese Zielgruppe gibt?

Ungleichheit der Geschlechter beruht auf struktureller Diskriminierung

 Cédric Wermuth schreibt:

„Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beruht selbstverständlich zu einem großen Teil auf strukturellen Diskriminierungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.“

Woher weiß Cédric Wermuth, dass die Ungleichheit der Geschlechter in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf Diskriminierung beruht?

Und weshalb auf einer strukturellen Diskriminierung. Was genau ist eigentlich eine „strukturelle Diskriminierung“? Wenn Frauen und Männer anzahlmässig nicht paritätisch in der Legislative vertreten sind, ist das eine Diskriminierung bzw. ist das eine strukturelle Diskriminierung? Jeder Wählende hat ja die Auswahl, ob er alle Männer auf einer Liste streichen will und nur eine Liste abgibt, die nur mit Frauen besetzt ist. Wenn jede Frau die wählen geht, nur Frauen wählt und die Linken mithin das selbe tun, dann gibt es innert kürzester Zeit eine satte Mehrheit von Frauen in der Legislative. Und diese Frauenmehrheit in der Legislative kann dann desgleichen nur noch Frauen in die Exekutive und Judikative wählen und folglich haben wir im politischen System innert kurzer Zeit eine klare Frauenmehrheit. Ich sehe somit keine Diskriminierung und insbesondere auch keine strukturelle Diskriminierung, weil die Veränderungen können mithilfe individuellem Verhalten erreicht werden, ohne dass quasi über Gesetze (Quoten) eingegriffen werden muss, falls dies die Bevölkerung auch will. Abgesehen davon, dass bei einer Legislative, die demokratisch gewählt wurde, keine Ergebnisgleichheit zwischen verschiedenen Populationen vorherrschen muss und dies somit auch keine Diskriminierung darstellen kann, wenn der Männer- bzw. Frauenanteil z.B. bei 70% liegt.

Weiße Männer mit Privilegien

Cédric Wermuth schreibt:

„Das lösen wir nicht mit etwas ‚Willen’ und wenn wir etwas netter sind zueinander. Trotzdem gibt es natürlich enormen Spielraum in unserem individuellen Verhalten – gerade auf der Seite der Privilegierten (das wären dann Männer, vor allem weiße).“

Was für Privilegien haben eigentlich weiße Männer, die kaum ökonomisches, kulturelles und politisches Kapital haben? Diese Männer haben vermutlich vielfach auch noch sehr wenig symbolisches und soziales Kapital, sind also eher auch noch symbolisch und sozial in der Gesellschaft marginalisiert. Wäre es somit nicht viel adäquater, wenn man von weißen Frauen und Männern spricht, die viel kulturelles, ökonomisches oder politisches Kapital besitzen und infolgedessen vielfach privilegiert sind, die dann ebenfalls Veränderungen anstossen könnten? Auch nichtweiße Männer und Frauen, die viel ökonomisches und kulturelles Kapital aufweisen, sind häufig sehr privilegiert.

Sprache und Bilder prägen die Vorstellungen

Cédric Wermuth schreibt:

„Sprache und Bilder prägen unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Zusammenleben. Und wenn Politik von Männern „gemacht wird“, bleibt das Bild einer Gesellschaft in der Männer das Sagen haben der Normalfall in unseren Köpfen. Das ist eine selbstverstärkende Spirale, die zu durchbrechen unsere gemeinsame Aufgabe ist. „

Möglicherweise sollte man die Sprache und Bilder, die unsere Vorstellungen prägen, auch nicht zu fest überschätzen. Woran erkennt man beispielsweise bei einer Fernsehdiskussion, dass diejenigen Leute, die besonders viel ökonomisches und kulturelles Kapital besitzen, über vertreten sind im Vergleich zur Gesamtpopulation? Das kann man ja in der Regel nicht unmittelbar feststellen, weil man ja vielfach nicht weiss, wie viel Vermögen und Einkommen sie besitzen bzw. erhalten und welche Bildungsabschlüsse sie vorzuweisen haben. Sprache und Bilder können somit eine Übervertretung bei diesen Populationen nicht erklären, es müssen somit andere Mechanismen verantwortlich sein, die dafür sorgen, dass eine Übervertretung dieser Populationen zustande kommt.

Cédric Wermuth fällt einen Grundsatzentscheid

Cédric Wermuth schreibt:

„Ich habe deshalb heute einen für mich selber gültigen Grundsatzentscheid gefällt: Ich werde ab sofort zu keinen öffentlichen Diskussionen mit mehr als zwei Gästen mehr zusagen, wenn sie nur aus Männern zusammengesetzt sind.“

Also, das heißt: Bei mehr als zwei Gästen in öffentlichen Diskussionen muss, falls man den Cédric Wermuth ebenfalls dabei haben will, mindestens auch eine Frau als Diskussionsteilnehmerin dabei sein. Jetzt kann man sich natürlich gleich fragen, weshalb Cédric Wermuth eine ausgeglichenere Repräsentation der unterschiedlichen Populationen bei öffentlichen Diskussionen nur beim Faktor Geschlecht haben möchte? Weshalb nicht auch beim Alter (Alterskohorten), beim kulturellen Kapital (Bildung), ökonomisches Kapital (Einkommen und Vermögen), Nationalität (Schweizer vs. Ausländer), Migrationshintergrund, Ethnie bzw. Hautfarbe, sexuelle Orientierung (Schwule, Lesben), Konfession, Wohnort (Stadt, Agglomeration, Land) Behinderung, etc., usw., usf.

Weshalb soll also, wenn es um Diversity geht, nur das Geschlecht eine Rolle spielen und alle anderen Unterschiede sollen obsolet sein? Ist das gerecht? Könnte das nicht auch ein falsches Signal aussenden, dass nur gewisse Gruppe angemessen repräsentiert werden sollen und andere sind es nicht wert? Und wenn wir die Sache noch aus der Perspektive der Privilegien anschauen: von denjenigen Populationen, die am wenigsten ökonomisches, kulturelles, symbolisches, soziales und politisches Kapital besitzen ist sicherlich nicht die Population der Frauen diejenige, die in der Schweiz hinsichtlich der vorgenannten Faktoren am wenigsten privilegiert ist, sondern die unteren Klassen/Schichten/Milieus und die Ausländer/Migranten/Flüchtlinge.

Weshalb also nur die Frauen? Cédric Wermuth würde vermutlich wie folgt argumentieren: Frauen würden 50% der Population ausmachen und wären somit eine der größten Gruppe, die ev. in öffentlichen Diskussionen unsichtbar gemacht bzw. nicht repräsentativ vertreten würden und mit einer Population müsse man ja schlussendlich einmal beginnen. Diese Argumentation mag nachvollziehbar sein, aber es zeigt eben doch auf, dass andere Populationen, die unterrepräsentiert sein können, für Cédric Wermuth nicht den selben Stellenwert haben wie die Population der Frauen. Insbesondere eben die zwei weiter oben genannten Populationen nicht, die sicherlich schlechter gestellt sind als die Frauen, weil sie im Durchschnitt weniger ökonomisches, politisches und kulturelles Kapital besitzen als die Frauen. Der soziale Blick von Cédric Wermuth ist infolgedessen sehr selektiv und partikularistisch: Diversity ist jedoch mehr als nur partikularistische Frauenpolitik.

Advertisements

Linke Identitätspolitik: soziale Klassen und Verteilungsgerechtigkeit kein Thema mehr für die liberalen Linken?!

Die Schweizerische Wochenzeitung (WoZ)  interviewt in ihrer neusten Ausgabe Silja Häusermann (Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Zürich) im Zusammenhang von Abstiegsängsten sogenannter Modernisierungsverlierer. Dabei wird deutlich, dass bei der liberalen Linke Identitätspolitik Vorrang vor allem anderen hat.

Wer ist eigentlich die Elite, gegen den sich der Rechtspopulismus wendet?

Silja Häusermann fragt sich im Interview, wen denn die Rechtspopulisten eigentlich mit der Elite meinen. Der erst kürzlich verstorbenen Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski unterscheidet ja folgende Eliten:

−      Geldelite
−      Finanzelite
−      Politische Elite und
−      Funktions- & Wissenselite.

Silja Häusermann würde als Professorin an einer Universität zur Funktions- & Wissenselite gehören. Nach dem Soziologen Pierre Bourdieu würde sie zu den „Herrschenden in beherrschter Stellung“ gehören. Herrschende deshalb, weil bei Bourdieu das kulturelle Kapital, von dem Frau Häusermann eine ganze Menge besitzt, auch ein Faktor für die Bestimmung einer sozialen Klasse ist. In beherrschter Stellung ist sie deshalb, weil bei Bourdieu das ökonomische Kapital quasi das alles dominierende Kapital ist.

Die SVP-WählerInnen oder die RechtspopulistInnen haben somit eine große Auswahl von Eliten zur Verfügung, die sie nicht so gut mögen; Frau Häusermann könnte ev. auch darunter fallen.

Nicht die Armen und die Prekarisierten wählen die Rechtspopulisten, sondern der untere Mittelstand

Silja Häusermann ist der Auffassung, dass nicht die Armen und die Prekarisierten die Rechtspopulisten wählen, sondern der untere Mittelstand. Wenn wir die Wahl 2015 in der Schweiz anschaue, dann hat

die Einkommensklasse von

– Fr. 0-4000 zu 32% die Rechtspopulisten gewählt; bei der SP sind es nur 22%.
– Fr. 4001-6000 zu 36% die Rechtspopulisten gewählt; bei der SP sind es nur 17%.

Die Aussage von Silja Häusermann dürfte somit falsch sein: Gerade die Armen und Prekarisierten sowie der untere Mittelstand haben überdurchschnittlich die SVP bzw. die Rechtspopulisten gewählt.

Noch krasser sieht es beim kulturellen Kapital aus:

Personen ohne Berufsausbildung haben zu

33% die Rechtspopulisten gewählt, aber nur 14% die SP.

Das heißt, diejenigen Populationen, die am wenigsten ökonomisches und kulturelles Kapital besitzen, wählen eindeutig am häufigsten und zwar überdurchschnittlich häufig die Rechtspopulisten! Die Rechtspopulisten ziehen also nicht nur überdurchschnittlich Leute an, die an einer relativen bzw. subjektiven Deprivation leiden, wie uns dies Silja Häusermann offenbar weismachen möchte, sondern bei denen auch tatsächlich eine objektive Deprivation vorhanden ist.

Hilft vermehrte Sozialpolitik gegen Rechtspopulismus?

Silja Häusermann ist außerdem der Auffassung, dass ein bisschen mehr Geld vom Sozialamt der Rechtspopulismus durch eine linke Partei nicht aufgehalten werden kann.

Es ist sicherlich richtig, dass mit ein wenig mehr Geld vom Sozialamt der Rechtspopulismus nicht aufgehalten werden kann. Die Ursache des Problems des Rechtspopulismus ist m.E. jedoch auch nicht einfach nur ein ökonomisches, das dann in ein kulturelles bzw. identitäres Problem transformiert wird, wie Silja Häusermann behauptet, sondern hat mindestens drei Ursachen:

  1. ökonomisch: Verteilungskrise
  2. kulturell: Identitäts- und Sinnkrise
  3. politisch: Repräsentationskrise und fehlende politische Partizipation

(vgl. Decker, Franz 2006, S. 22)

Und das Problem dieser „Modernisierungsverlierer“ ist somit auch nicht einfach und in erster Linie ein Identitäres, wie dies Silja Häusermann behauptet, sondern durch ökonomische, kulturelle und politische Krisen verursachte objektive und subjektive Deprivation, die durch den Rechtspopulismus mit identitätspolitischen Angeboten (Abgrenzung und Ausgrenzung von anderen Menschen sowie Nationalismus etc.) „bewirtschaftet“ wird.

Da die Problematik mehrdimensional ist, reicht ein starker Sozialstaat in der Regel nicht aus. Es braucht dementsprechend Maßnahmen, die u.a. die politische, die kulturelle und die ökonomische Krise und die daraus resultierenden Deprivationen in den Fokus rückt.

Die Wählerschaft der Linken hat sich in den letzten Jahrzehnten komplett verändert.

Die folgende Aussage von Silja Häusermann finde ich dann schon sehr bemerkenswert:

„Anfang der achtziger Jahre gehörten in Europa zwei Drittel der linken Wähler zur Arbeiterschaft, ein Drittel war Mittelklasse. Heute ist es umgekehrt. Aber nur dank der kulturellen Öffnung konnte die Linke überhaupt ihren Wähleranteil halten, auch in der Schweiz. Die Wählerschaft hat sich komplett verändert. Aber das ist keine schlechte Nachricht.“

Ich habe gedacht, bei den Linken geht es neben der Bekämpfung von Sexismus und Rassismus etc. auch um Einkommens- und Vermögensverteilung, politische Partizipation, Bildungsmobilität, Klassenmobilität, Lebenserwartung, Krankheit, Gesundheit, Armut etc.?!

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ich kenne keine Evidenz dafür, dass sie diese Wähler mit sozialpolitischen Themen zurückgewinnen könnte. Das hat nirgendwo funktioniert.“

Was ist denn eigentlich mit Syriza oder mit Podemos? In Deutschland dürfte die AfD um einiges stärker sein, wenn es DIE LINKE nicht geben würde. Warum gibt es eigentlich in Portugal, Spanien oder Irland keinen Rechtspopulismus mit nennenswertem Erfolg? Aber wie bereits weiter oben gesagt, sozialpolitische Maßnahmen alleine dürften vielfach nicht ausreichen.

Das Problem des Rechtspopulismus ist kein ökonomisches, sondern ein kulturelles bzw. Identitäres

Silja Häusermann sagt weiter:

„Sie muss weiter für einen starken Sozialstaat einstehen. Aber sie muss sich darüber im Klaren sein, dass sie damit keine Stimmen zurückholt. Das gibt keinen Wählerzuwachs. Denn das Problem ist: Die Ablehnung der rechtsnationalen Wähler richtet sich nicht in erster Linie gegen das ökonomische Kapital, sondern gegen den kulturellen Wandel. Die Linke müsste also ihre universalistische Politik ablegen. Und was will sie dann anbieten? National gefärbten Klassenkampf?“

Nun, ein starker Sozialstaat reicht alleine vielleicht nicht aus, aber wenn noch zusätzliche Elemente dazu kommen würden, dann könnte man vermutlich dem Rechtspopulismus schon vermehrt das Wasser abgraben. Z.B. vermehrte Bildungsmobilität, Klassenmobilität, Wirtschaftsdemokratie, eine Verminderung der habituellen Entfremdung zwischen Sozialdemokratie, Bildungselite, Wissenselite und den „kleinen Leuten“ und nicht eine andauernde Delegitimierung von Sorgen, Emotionen und Wahrnehmungen dieser Menschen (da könnte ich der Silja Häusermann das Buch von Pierre Bourdieu „Die Feinen Unterschiede“ empfehlen, in dem es gerade um Distinktionsstrategien unterschiedlicher sozialer Klassen geht). Also z.B. eine Politik der Anerkennung nach Axel Honneth für diese „kleinen Leute“. Und wenn man die „kleinen Leute“ nicht mehr in den Blick bekommt, dann ist dies sicherlich keine universalistische Politik mehr, sondern eine reine partikulare Identitätspolitik, die eben partikularistisch vorgeht und den Universalismus abgelegt hat.

Ich verweise mal auf einen Vortrag von Eric Hobsbawm  (Identitätspolitik und die Linke):

Will die Linke wieder zurück zum Nationalstaat?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ja, fürchterlich. In gewissen Ländern in Europa könnte das eine linke Minderheitsposition werden. Bloss: Das ist sicher keine taugliche Politik für eine Sozialdemokratie. Wenn sie beginnt, ihre kulturelle Basis infrage zu stellen, die Stellung der Frau, die internationale Solidarität, die Rechte von Migranten, dann verliert sie jene Wähler, die sie in den letzten dreissig Jahren gewinnen konnte und die heute die Mehrheit ihrer Basis ausmachen: die kosmopolitische, urbane und gebildete Mittelschicht. Menschen, die in den wachsenden Branchen arbeiten.“

Weshalb fragt Silja Häusermann nicht danach, weshalb es einen Brexit gab, und weshalb gewisse Linke ihr Heil wieder in der Nation suchen?

Ich verweise diesbezüglich mal auf Heiner Flassbeck und auf Mario Candeias:

Heiner Flassbeck

Mario Candeias

Verkürzt würde dies heißen: Wenn die Sozialdemokratie weiterhin eine autoritäre Austeritätspolitik fährt und Deutschland weiterhin Lohndumping im eigenen Land betreibt und die eigene Arbeitslosigkeit exportiert, was in einer Währungsunion nicht gut gehen kann, dann werden ev. noch ganz andere Leute an die Macht kommen als Trump et al.

Die kosmopolitische, urbane und gebildete Mittelschicht könnte eben gerade mitverantwortlich sein für einen autoritären Neoliberalismus, der dann ev. zu Nationalismus und antidemokratischem Autoritarismus führt.

Haben wir einen neuen Kulturkampf: Linke Liberale und rechte Nationalisten?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ja, weil es sowohl den heutigen linken Wählern wie auch den ehemaligen Anhängern, die heute rechtsnational wählen, primär um identitäre, um kulturelle Fragen geht. Egal was die Linke macht, sie verliert am einen oder anderen Ende. Es findet ein neuer Kulturkampf statt.“

Das ist richtig: der heutigen Linke geht es primär einmal um Identitätspolitik und kulturelle Fragen und primär nicht mehr um soziale Gerechtigkeit bzw. Verteilungsfragen etc. Ich zitiere Wolfgang Merkel in diesem Zusammenhang:

„Die junge, intellektuelle Linke hat den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren. Da gibt es vonseiten der Gebildeten weder eine Sensibilität noch eine Aufmerksamkeit und schon gar keine Verbindungen mehr. Die Linke hat sich eben kosmopolitisiert und, wie gesagt, ihren politischen Schwerpunkt auf eine kulturelle Ebene verlagert, und eben auf dieser Ebene unterscheiden sich die Milieus der hoch und weniger Gebildeten deutlich voneinander. Dieser Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen, wenn ich diesen Begriff einmal verwenden darf, ist massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit.“

Ist linke Identitätspolitik universalistisch oder doch eine neue Klassengesellschaft?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ja, nur dass sich heute nicht mehr Reformierte und Katholische gegenüberstehen wie im 19. Jahrhundert, sondern Linksliberale und Rechtsnationale. Wenn Sie die Reaktionen auf Trump verfolgen: Die grosse Besorgnis ist die um eine liberale Gesellschaftsordnung und um Minderheitenrechte, also um universalistische Rechte.“

Wenn man die soziale Verteilungsfrage und viele andere Fragen, die eben nicht primär Identitätspolitik oder kulturelle Fragen sind, aus den Augen verloren hat, wie kann man dann behaupten, dass man quasi universalistisch denkt?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Vieles, was wir heute als selbstverständlich erachten, sind erkämpfte Erfolge einer kulturell liberalen Identitätspolitik. Die gute Nachricht für die Linke ist: Sie kann Einfluss nehmen mit den Stimmen, die sie in den letzten Jahrzehnten dazugewonnen hat. Aber es gibt einen Backlash. Es mag unbefriedigend sein, aber die Diagnose bleibt: Die Linke steckt in einem Dilemma.“

Es würde sich dann mal die Frage stellen, ob die erkämpften Erfolge rein auf eine kulturell liberale Identitätspolitik zurückzuführen sind?  Hier wird m.E. u.a. die ökonomische Dimension vollständig außen vor gelassen, die gerade für die Gleichstellung der Geschlechter auch ziemlich wesentlich war. Nur fragt sich eben, ob eine linke Identitätspolitik wirklich universalistisch ist und nicht eben nur partikularistisch, wenn die Gesellschaft wieder vermehrt zu einer Klassengesellschaft wird. Dazu abschliessend Wolfgang Merkel:

„Im Schatten der wachsenden kulturellen Sensibilität der Linken ist also eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft ist bislang zumindest nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses.“

Soll man die Sorgen und Ängste und Ressentiments der Bevölkerung ernst nehmen?

Im Zusammenhang der US-Präsidentenwahl 2016 schreibt ein Arzt (Psychiater) und Philosoph auf einem Blog unter dem Titel „’Make America great again“’. Zur politischen Psychologie des Ressentiments“ folgendes:

„Die übliche Reaktion der Wohlmeinenden auf das Ressentiment lautet: „Man muss die Ängste ernst nehmen.“ Diese ebenso verlogene wie herablassende Haltung nähert sich bis zur Unkenntlichkeit dem Ressentiment an: Auch sie erklärt das Gefühl zur höchsten Instanz. In Tat und Wahrheit ist das Ressentiment eine Verleugnung der Angst.“

Dazu ein paar ein Gedanken meinerseits dazu:

Weshalb soll das eine verlogene Haltung sein, wenn man die Ängste der Leute ernst nimmt? Und was soll daran herablassend sein?

Ob das jemand als herablassend empfindet, dürfte wohl jede Person immer wieder anders empfinden und ist vermutlich keine anthropologische Grundkonstante aller Menschen; dies ist m.E. eine unzulässige Verallgemeinerung.

Wenn man sich empathisch der Angst oder dem Ressentiment eines Menschen nähert, heißt dies selbstverständlich nicht, dass nun das Gefühl zur höchsten (moralischen) Instanz erklärt bzw. erhoben wird? Wenn ein Mensch Mordabsichten hegt, die auf gewissen Gefühlen basieren, dann kann man zwar die dahinter stehenden Gefühle ernst nehmen, aber das heißt noch lange nicht, dass man die Mordabsichten gutheißt. Der Mensch kann zwar seine Gefühle explorieren, aber man kann dann die möglichen, daraus entstehenden Handlungen (Ressentiments, Mordabsichten) selbstverständlich für vollständig unangebracht halten. Jedoch: Sorgen, Ängste und Ressentiments nicht ernst nehmen, lässt diese sicherlich nicht einfach verschwinden, wenn man einfach sagt, das sei alles Schwachsinn. Ich vermute, das Gegenteil dürfte vielfach zutreffen. Sorgen, Ängste und Ressentiments ernst nehmen, heisst für mich, dass ein Mensch diese quasi explorieren darf und man dann schaut, was steckt eigentlich dahinter: wieso, weshalb, warum hat ein Mensch solche Sorgen, Ängste und Ressentiments. Und wie können solche Sorgen, Ängste und Ressentiments in konstruktive Bahnen gelenkt werden, sodass eben Rassismus, Fremdenfeindlichkeit etc. abgebaut wird.

Und ob nun das Ressentiment eine Verleugnung der Angst ist, scheint mir auch nicht so gewiss zu sein. Da kann Angst dahinterstecken, da können aber auch viele andere Gefühle dahinterstecken (Groll, Ärger, Schmerz, Verletzungen etc.). Übrigens: Wenn die Linke die Ängste der Leute nicht ernst nimmt, dann werden sie sicherlich die Rechtspopulisten ernst nehmen; mit den entsprechenden Konsequenzen.

HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE: Keine Mutter für die Nation

So titelte die Schweizer Wochenzeitung WoZ die Niederlage Clintons gegenüber Donald Trump. Sehen sich weiße Frauen tatsächlich der Versuchung ausgesetzt, sich dem Unterdrücker anzuschließen, weil er ihnen die Teilhabe an der Macht vortäuscht und sich bis heute wenig daran geändert hat? Dieses Narrativ mag bei genauerem Hinsehen nicht richtig zu überzeugen.

Würde die WoZ identisch argumentieren, wenn Frauen wie Sarah Palin, Marine Le Pen oder Frauke Petry zur Wahl gestanden hätten?

Interessant wäre ja die Frage, ob dieses Narrativ (Frauen sind immer noch diskriminiert, Frauen solidarisieren sich lieber mit dem Unterdrücker, weil es ihnen Vorteile verschafft etc.), das die WoZ bzw. Anna Jikhareva erzählt, auch so geschrieben worden wäre, wenn ein Mann bei den Demokraten gegen eine Frau bei den Republikanern angetreten wäre: z.B. eine Frau wie Sarah Palin oder Marine Le Pen oder Frauke Petry? Vermutlich nicht! Da hätte die WoZ vermutlich die Frauen gelobt, die nicht Palin, Le Pen oder Petry gewählt haben, weil sie sich sonst „ideologisch“ in unlösbare Widersprüche begeben hätte. Das identitätspolitische Narrativ (Frauen sollten gefälligst Frauen wählen: alles andere ist unsolidarisch oder eben Komplizenschaft) funktioniert also nur unter ganz bestimmten Prämissen und ist deshalb nicht wahnsinnig stichhaltig bzw. valide.

Clinton hat sicherlich nicht einfach verloren, weil sie eine Frau war, sondern weil sie im Gegensatz zur Obama-Wahl 2012

  • bei allen Altersgruppen bis 64 Jahren prozentual weniger Stimmen als Obama holte;
  • bei allen Ethnien (Weiße, Afroamerikaner, Hispanics, Asiaten und Sonstige) prozentual weniger Stimmen holte als Obama:
  • und auch insgesamt bei den Frauen prozentual weniger Stimmen holte als Obama!

vgl. FAZ

Haben weiße Frauen die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt?

Auch die nachträgliche Begründung von  Jikhareva ist nicht sehr stichhaltig bzw. vollständige Spekulation, die besagt, dass die weißen Frauen lieber die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt haben. Die weißen Frauen, die insbesondere über überdurchschnittlich viel kulturelles Kapital besaßen, haben in hohem Masse für Clinton gestimmt. Diejenigen Frauen, die eben gerade hinsichtlich des kulturellen Kapitals nicht privilegiert waren, haben zu 62% für Trump gestimmt. Viel naheliegender dürfte die Interpretation sein, dass gerade weiße Frauen, die zur Unterschicht gehören und zu den Globalisierungsverlierern gehören, für Trump gestimmt haben.

vgl. SPIEGEL

Und was für Privilegien haben wohl diese weißen Frauen, die wenig kulturelles Kapital besitzen? Im Vergleich zu Männern, die wenig kulturelles Kapital besitzen, dürften sie auch noch weniger ökonomisches Kapital besitzen. Clinton konnte diese Frauen offenbar nicht wahnsinnig überzeugen, dass es ihnen mit ihrer Wahl besser geht.

Schließen sich Frauen lieber ihrem Unterdrücker an, weil er ihnen ein Teilhabe an der Macht vortäuscht?

Und dass sich weisse Frauen ausgesetzt sehen, sich dem Unterdrücker anzuschließen, ist auch nichts weiter als Spekulation. Was genau hätte den Clinton für diese weiße Frauen mit wenig ökonomischem und kulturellem Kapital zu bieten gehabt? Wollte Clinton die Lohnquote für die Arbeitenden erhöhen? Oder ganz allgemein den Gini-Index der USA verbessern, folglich die Kluft der Einkommens- und Vermögensverteilung verringern? Oder wollte sie dafür sorgen, dass die USA weniger eine Plutokratie bzw. Oligarchie ist und ganz allgemein die politische Partizipation der unteren Klassen stärken? Hat Obama irgend etwas diesbezüglich erreicht? Außer der Entspannung zu Kuba und dem Iran sowie Obamacare findet man bei Obama keine nachhaltigen Verbesserungen.

Auch die Aussage, dass die Wahl von Trump für die Frauen ökonomisch negative Folgen haben wird, ist reinste Spekulation und es fehlt jegliche Begründung dafür.

Eine Mehrheit der Menschen wollte einen „Change“ und nicht den Status Quo

Der restliche Text von Jikhareva, der die schwache Repräsentation der Frauen in Exekutive und Legislative in den USA beklagt, mag zwar grundsätzlich richtig sein, ist jedoch für die Analyse der US-Präsidentschaftswahl 2016 mehrheitlich irrelevant. Seit 1945 gab es in den USA nur einmal eine Phase, in der die gleiche Partei ununterbrochen 12 Jahre bzw. drei Amtszeiten hintereinander den Präsidenten stellen konnte. In allen übrigen Phasen konnte die gleiche Partei höchstens 8 Jahre den Präsidenten stellen. Ein großer Teil der Menschen in den USA wollte einen Wechsel (Change) und den erhält man nicht, wenn man noch einmal einen Präsidenten wählt, der aus der selben Partei stammt wie der Vorgänger und schon gar nicht, mit einer Präsidentschaftskandidatin, die innenpolitisch den Status quo weiterführt.

Entscheidend waren die Staaten des Mittleren Westens: Globalisierungsverlierer

Entscheidend bei dieser Wahl waren nun mal die Staaten Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Also Staaten, mit überdurchschnittlich hohem Anteil von weißen, wenig gebildeten Menschen, die man unter die Globalisierungsverlierer subsumieren kann. Clinton hatte hier Mühe zu punkten, weil die protektionistischen Sprüche von Trump nun mal glaubwürdiger waren als analoges von Clinton.

Fazit

Das mehrheitlich identitätspolitische Narrativ von Anna Jikhareva ist m.E. überwiegend falsch. Es ist vornehmlich ein ideologisches Narrativ, das nur dann funktioniert, wenn eine Frau bestimmte Voraussetzungen mitbringt wie dies bei Hillary Clinton der Fall war (Mitglied der demokratischen Partei, identitätspolitische, postmodernistische und intersektionale Programmatik), jedoch bei anderen Frauen, die z.B. eher konservativ, rechtspopulistisch oder protektionistisch politisieren, nicht angewendet werden kann/darf, weil sich sonst die Autorin ideologisch in unlösbare Widersprüche verstrickt. Es ist somit ein ideologisches Narrativ, das eben gerade die komplexe empirische Realität aussen vor lassen muss, damit die Ideologie durchgehalten werden kann. Die Realität ist also komplexer, als es Ideologen gerne hätten.

Quellen:

WoZ-Artikel: HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE Keine Mutter für die Nation

Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach mokiert sich in einem Blog-Artikel über die Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschrei. Leider bleibt sie bei ihrer Analyse bzw. Kritik in einem dualistisch manichäischen Weltbild verfangen.

Die Überschrift des Blog-Artikels hat es bereits in sich

Die Überschrift des Blog-Artikels von Franziska Schutzbach, in dem sie sich mit den Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschreis auseinandersetzt, hat es bereits in sich, er lautet nämlich:

Wie können die Tussen es wagen?

Offenbar hat eine Person (oder waren es mehrere?) die Initiatoren des #SchweizerAufschreis in den Social Media als Tussen bezeichnet, die es wagen würden, sich gegen Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zu wehren bzw. dies öffentlich zu thematisieren. Solche Aussagen wie „Tussen“ sind selbstverständlich zu unterlassen, aber man kann sich ebenfalls fragen, wie repräsentativ diese Aussagen für alle Kommentatoren bzw. für alle Männer sind? Vermutlich nicht sehr repräsentativ. Franziska Schutzbach baut somit m.E. bereits im Titel einen Popanz auf, der besagt: Männer beschimpfen Frauen als Tussen und wollen ihnen offenbar den Mund verbieten, wenn diese gewisse Problematiken thematisieren. Vereinfacht könnte man auch formulieren: Männer sind Unterdrücker und Frauen die armen Opfer.

Dualistisch manichäisches Weltbild und Rundumschlag

 Franziska Schutzbach schreibt:

Spätestens seit #SchweizerAufschrei wissen wir, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen. Die Zeit der breitbeinigen Männlichkeit, der Polter-Eidgenossen, Welterklärer, Maskulisten, Mansplainer, Werte-Verkünder, Pussygrabscher und Bescheidwisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

In einem ersten Rundumschlag gegen alles Böse wird bereits am Anfang fleissig sortiert: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wie viele Personen haben wohl in den Kommentarspalten der Online-Medien geschrieben, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen würden? War das 1 Person von 100 bzw. 1 Person von 1’000 Personen? Hat Franziska Schutzbach eine repräsentativ empirische Studie durchgeführt und ausgerechnet, wie hoch der prozentuale Anteil ist? Oder könnte es vielleicht so sein, dass dies z.B. nur eine Person gesagt hat und Franziska Schutzbach wiederum einen Popanz aufbaut, quasi als rhetorische Strategie, um einen Beweis zu liefern, dass Männer quasi einem Hirngespinst nachjagen?

Und sind diese „breitbeinige Männlichkeit“, diese „Polter-Eidgenossen“, „Welterklärer“, „Maskulisten“, „Mansplainer“, „Werte-Verkünder“, „Pussygrabscher“ und „Bescheidwisser“ eine homogene Gruppe? Also alle samt und sonders böse Männer, die allen Frauen und insbesondere der Franziska Schutzbach nur böses wollen oder sonst nur böses auf der Welt tun? Könnte es ev. sein, dass hier Franziska Schutzbach schon mal zahlreiche Feindbilder aufbaut, um ihrem dualistisch manichäischen Weltbild Genüge zu tun?

Wer ist eigentlich Täter und wer ist eigentlich Opfer?

Franziska Schutzbach schreibt:

Vorhersehbar wie der Sonnenuntergang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer inszenieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigentlichen Opfer sind! Und wo doch die eigentlichen Täter diejenigen sind, die die Frechheit haben, sie an ihre Täterrolle zu erinnern! Ein grosser Entlastungsdrang entlud sich, es wurde geschimpft: Feminazis, Gesinnungspolizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsächlich, dass Männer ihr Verhalten reflektieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmucken: Sie werden öffentlich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumindest vorgepredigt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern.

Jetzt muss man die Franziska Schutzbach einmal fragen, ob sie es gerne hätte, wenn sie quasi, nur weil sie ein Mann oder eine Frau ist und somit einer dieser zwei Populationen angehört (Männer bzw. Frauen),  quasi mit einem Generalverdacht belangt würde, der heisst: „Männer sind potenzielle Vergewaltiger oder sexuelle Belästiger oder Sexisten?“ Was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn man sagen würde: „Frauen sind potenzielle Kindsmörderinnen“? Oder „Ausländer sind potenziell kriminell“? Franziska Schutzbach würde bestimmt laut aufschreien und sagen: „das ist Rassismus, wenn man sagt, dass Ausländer potenziell kriminell sind“.  Oder was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn die SVP (eine rechtskonservative neoliberale populistische Partei in der Schweiz) eine Aufschrei-Kampagne starten würde, bei der alle Bürger dazu eingeladen sind, ihre Erfahrungen mit Ausländerkriminalität emotionalisierend, moralisierend und skandalisierend zum Besten zu geben?  Auch hier würde sie wohl lauthals Rassismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit schreien. Aber wenn sich Männer beschweren, dass sie den Eindruck haben, quasi alle Männer würden als potenzielle Täter stigmatisiert und gebrandmarkt, dann ist das vermutlich für Franziska Schutzbach vollständig etwas anderes.

Weshalb spricht eigentlich Franziska Schutzbach nicht ebenfalls von männlichen Opfern und weiblichen Tätern? Vermutlich passt dies nicht in ihre feministische Agenda und wird tunlichst ausgeklammert und vermieden und würde das Bild zerstören von: hier die guten Frauen als Opfer und dort die bösen Männer als Täter.

Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz kommt eine Studie aus dem Jahre 2013, was die potenziell belästigenden Situationen anbelangt, zum Ergebnis, dass kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszumachen sind. Bei sexueller Gewalt im europäischen Vergleich sind, was die Opfer betrifft,  Unterschiede zwischen Männern und Frauen kaum vorhanden:

Wir haben also bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und bei sexueller Gewalt bei neusten Studien kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Opfer betrifft., wenn neuere Studien berücksichtigt werden. Wenn nun gewisse Männer den Eindruck bekommen, sie würden pauschal als potenzielle Täter gebrandmarkt, ist es sicherlich nachvollziehbar, wenn sie sich dagegen wehren.

Und selbstverständlich treten diese Kommentarschreiber nach Franziska Schutzbach nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern. Woher weiss Franziska Schutzbach, dass diese Kommentarschreiber oben sind? Oder weshalb sollten sie oben sein? Was genau heisst eigentlich oben? Kennt Franziska Schutzbach diese Kommentarschreiber persönlich? Weiss sie überhaupt irgend etwas von ihren Lebenslagen – ausser, dass sie vielleicht Männer sind, was auch nicht zu 100% sicher ist, sondern nur vermutet werden kann. Und woher weiss sie, dass sich diese Kommentarschreiber ihrer Allmacht versichern wollen? Könnte es nicht auch sein, dass sich Franziska Schutzbach hier wiederum als „armes Opfer“ inszenieren möchte, das unten wie ein Mäuschen steht (machtlos, hilflos, ausgeliefert) und ein Bild vom bösen Unterdrücker und Machtmenschen zelebriert, der selbstverständlich ein Mann ist?

Frauen werden nach Schutzbach also immer, wenn sie mit dem Mund aufmucken, zur Schnecke gemacht? Gibt es diesbezüglich empirische Untersuchungen, die genau das bestätigen, was Franziska Schutzbach hier behauptet oder ist das einfach ihr gefühlter Eindruck und/oder ev. eine rhetorische Strategie, um Frauen wiederum als allgegenwärtiges und ubiquitäres Opfer zu inszenieren? Ist es nicht viel mehr so, dass die wichtigen Medien in der Schweiz (Radio, TV, Print, Online) sehr ausführlich und wohlwollend über den #SchweizerAufschrei informiert haben? Man könnte sogar sagen: In den wichtigen Medien ist der #SchweizerAufschrei quasi hegemonial geworden.

Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

 

images-2

 

Franziska Schutzbach schreibt:

Was den Kommentatoren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Feminismus und letztlich auch Political Correctness sind. Denn es muss eine Art zivilisierter Selbstzensur geben, die unsere Gesellschaft zusammenhält. So zu tun, als wäre es fortschrittlich, Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit oder letztlich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewaltfrei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspucken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, menschliches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzuerziehen‘, bei der Sexualität oder im Geschlechterverhältnis plötzlich aufhören?

Kulturelle Gepflogenheiten und Vorstellungen sind keine Naturtatsachen, sondern verändern sich.

Das hört sich zwar alles auf den ersten Blick sehr vernünftig an, wenn wir jedoch diesen #SchweizerAufschrei, der u.a. von Franziska Schutzbach lanciert wurde, genauer betrachten und ihn mit den Augen des erst kürzlich verstorbenen Mediensoziologen Kurt Imhof prüfen, der u.a. das „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgegeben hat, sieht die Sache doch ganz anders aus. Im Hinblick auf die Flutung der Öffentlichkeit mit Emotionalisierung, Moralisierung und Skandalisierung, wie dies z.B. mit dem #SchweizerAufschrei geschehen ist, kommt er in einem Interview mit der Überschrift „Schluss mit dem Bauchstalinismus“ zu folgender Einschätzung:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne oder die in ihrer heissen Phase ausgeprägt auf die Empörungsbewirtschaftung einer Einzelperson fixierte Abzockerauseinandersetzung beobachten, sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Das heisst: Kurt Imhof würde vermutlich den #SchweizerAufschrei unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumieren. Kurt Imhof sagt im Interview weiter:

Die sanfte Gewalt des besseren Arguments hat keine Chance gegen die moralgetränkte Empörung und unsere privaten Leidenschaften geraten unter die Fuchtel einer ebenso moralgetränkten Political Correctness.

(…)

Affekte und Empörungsgefühle sind die billigste Währung, die wir haben. Wenn unsere Unterschichtenmassenmedien zur öffentlichen Hinrichtung eines bekannten Grossbankers auf dem Paradeplatz aufrufen würden, dann kämen Zigtausende. Eine Einsicht des Aufklärungsliberalismus war: Öffentliche Hinrichtungen, die Human-Interest-Ereignisse der Vormoderne, sind pädagogisch nicht wertvoll. Sie befriedigen Affekte und tragen nichts zum Fortschritt von Mensch, Moral und Gesellschaft bei. Also musste dieser Zivilisationsprozess über die Bildungsinstitutionen und das öffentliche Räsonnement zunächst das ganze Volk durchdringen, damit es möglich wurde, den Rechtsstaat aufrechtzuerhalten und die Gewaltenteilung durchzuziehen. Dahinter wollen wir doch nicht zurück?

Die #SchweizerAufschreikampagne nimmt es zumindest billigend in Kauf, dass quasi eine Debatte über Sexismus, Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung mittels Empörungsbewirtschaftung und moralischer Diskreditierung abgehandelt wird und die „sanfte Gewalt des besseren Arguments“ auf der Strecke bleibt.

Franziska Schutzbach schreibt:

Kulturelle Praxen zu überdenken und zu hinterfragen ist ein normaler, ja wichtiger Vorgang moderner demokratischer Gesellschaften.

Weshalb dies nun Franziska Schutzbach explizit in diesem Kontext aufführen muss, ist m.E. nicht nachvollziehbar. Dies dürfte vermutlich für die Mehrheit der Frauen und Männer eine Binsenwahrheit sein.

Political Correctness versus Noam Chomsky

Franziska Schutzbach schreibt:

Bei genauer Betrachtung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, den Status quo zu erhalten.

Bei Franziska Schutzbach geht quasi alles immer nur um ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung. Es kommt ihr offenbar nicht in den Sinn, dass hinter der Kritik an PC auch ganz andere Motive stecken könnten. Wenn sich beispielsweise Noam Chomsky  für die Redefreiheit eines Holocaustleugners einsetzte, dann ging es ihm ganz sicherlich nicht darum, eine asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, sondern, es ging ihm darum, die Meinungsäusserungsfreiheit auch und gerade in Fällen von abscheulichen Gedanken zu verteidigen. Man kann Chomskys Haltung für richtig oder falsch finden, aber der Impetus für die Meinungsäusserungsfreiheit ist in diesem Fall sicherlich anders, als Franziska Schutzbach dies verallgemeinernd insinuiert.

Franziska Schutzbach schreibt:

Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Unterstellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen minorisierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unterstellung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeblich totalitäre Vorgehen der Frauen diskutiert wird, statt über das Problem ungleicher Macht- oder Ressourcenverteilung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich rechtfertigen über die richtige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwieweit ihre Anliegen nicht totalitär oder Männerfeindlich seien.

Interessant ist hier, dass Franziska Schutzbach die Frauen als Minorität (numerische Minderheit) sieht, obwohl z.B. in der Schweiz gerade das Gegenteil der Fall ist: Die Population der Frauen ist numerisch eine Majorität. Aber es zeigt gut auf: Sie möchte vermutlich die Frauen unbedingt als Randgruppe inszenieren, die eben unterdrückt sind und einen Opferstatus zugewiesen bekommen sollen. Über Empörungsbewirtschaftung, moralische Diskreditierung von Personengruppen, Emotionalisierung und Skandalisierung in der Öffentlichkeit soll also nicht diskutiert werden, das würde ja vom eigentlich Problem ablenken. Das die Art und Weise, wie die Problematik in der Öffentlichkeit thematisiert wird, selbst zum Problem werden kann, kommt selbstredend nicht auf den Radar, bzw. ist selbstverständlich nur eine Nebensache und tut nichts zur Sache: Kollateralschäden (der Zweck heiligt die Mittel) werden einkalkuliert und sind nicht der Rede wert.

Die ewig unterdrückte Frau

Franziska Schutzbach schreibt:

Ich habe unter #SchweizerAufschrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine rechtliche Zurückstufung oder Schlechterstellung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzuhören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten.

Wenn Männer quasi als Tätergruppe hingestellt werden, unabhängig davon, ob dies nun bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit geschieht und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht ins Blickfeld geraten, muss sich Franziska Schutzbach nicht wundern, wenn sich Männer gegen eine kollektive Dämonisierung zur Wehr setzen, auch wenn gewisse Formen der Verteidigung selbstverständlich unangebracht sind. Wie bereits weiter oben dargelegt: Wenn Ausländer oder Flüchtlinge pauschal als Tätergruppe in der Öffentlichkeit diffamiert würden, dann wäre der Aufschrei von Franziska Schutzbach gewiss; aber bei Männern darf das selbstverständlich gemacht werden.

Franziska Schutzbach schreibt:

Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Weltherrschaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Das dürfte für viele Männer kein Problem sein, wenn in Geschlechterbeziehungen Machtgefälle angesprochen werden, wenn die Männer jedoch den Eindruck haben, dass Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht thematisiert und Männer quasi kollektiv in der Öffentlichkeit dämonisiert werden, dann ist es nachvollziehbar, wenn Männer sich hier zur Wehr setzen.

Geschlechtergerechtigkeit und wer wie viel weiss

Franziska Schutzbach schreibt:

(…) Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexobjekte? Oder dümmliche Prinzessinnen? Warum sitzen in vielen Talkshows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute überwiegend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexualisierte Gewalt fast ausschliesslich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.

Wie wäre es, wenn sich Franziska Schutzbach im Gegenzug ein bisschen mehr Wissen über Geschlechtergerechtigkeit aneignen würde? Beispielsweise in dem Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer endlich auch einmal von ihr thematisiert werden? Und wie wäre es, wenn Franziska Schutzbach sich einmal die Frage stellen würde, weshalb Männer 1,5 mal häufiger als Frauen Opfer von schweren Gewalttaten werden (Mord, Totschlag, Raub, schwere Körperverletzung); Männer fast 3mal häufiger Selbstmord begehen als Frauen, Männer immer noch 5 Jahre früher sterben als Frauen, Männer viel häufiger obdachlos sind als Frauen usw., usf., etc.!

Fazit

Das Narrativ, das uns Franziska Schutzbach in ihrem Blog-Artikel erzählt, ist sehr einseitig und auf einem dualistischen manichäischen Weltbild aufgebaut, das insbesondere Dämonisierung und Feindbilder erzeugt; Differenzierungen und Grautöne sind kaum vorhanden. Es lautet vereinfacht wie folgt:

  • Männer beschimpfen Frauen und werten diese ab;
  • Männer sind Unterdrücker und sonnen sich in ihrer Allmacht;
  • Männer wollen den Frauen den Mund verbieten und sie unterdrücken;
  • Frauen sind nur Opfer und keine Täterinnen.
  • Männer sind nur Täter und keine Opfer.
  • Frauen sind machtlos und eine Minorität. Männer sind die Majorität und haben Macht.

Quellen:

„Wie können die Tussen es wagen“

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz

Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Schluss mit dem Bauchstalinismus!

 

#SchweizerAufschrei: Michèle Binswanger über die antifeministischen Memmen, die gefälligst aufhören sollen zu flennen!

von Mark E. Smith

Ein „#SchweizerAufschrei“ gab in den letzten Tagen in der Schweiz viel zu reden, und es gab insbesondere auch von vielen Männern grosse Kritik an dieser Aufschrei-Kampagne. Die Journalistin Michèle Binswanger erklärt in einem meinungsbetonten Artikel den Kritikern, weshalb dieser Aufschrei sinnvoll ist. Ob ihr das gelingt …..?

In der Schweiz gab es in den letzten Tagen einen sogenannten „#SchweizerAufschrei“, der, ähnlich wie der „Hashtag Aufschrei“ in Deutschland aus dem Jahre 2013, Sexismus, sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung zum Thema hatte. Auslöser dafür war neben den Aussagen von Donald Trump (Pussygate) eine Aussage einer nationalen schweizerischen Parlamentarierin (SVP-Nationalrätin) namens Andrea Geissbühler, die sich in einem Interview mit einem Regional-Sender wie folgt äusserte:

„Naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen und dann ein bisschen mitmachen, aber plötzlich dennoch nicht wollen, tragen ja auch ein wenig eine Mitschuld. Da sind die bedingten Strafen vielleicht gerechtfertigt.“

Es geht an dieser Stelle nicht darum, diese Aussage von Andrea Geissbühler zu diskutieren und zu qualifizieren, sondern aufzuzeigen, was der Auslöser für den „Hashtag SchweizerAufschrei“ war. Wie in Deutschland, mit dem „Hashtag Aufschrei“, wurde dieser in der Schweiz von vielen Medien (Print, Online, Radio, TV) aufgegriffen und somit in der Öffentlichkeit breit thematisiert.

In diesem Beitrag möchte ich mich ausschliesslich mit einem Artikel von der Journalistin und Feministin Michèle Binswanger auseinandersetzen, der am 18. Oktober 2016 auf dem Online-Portal des Tagesanzeiger erschienen ist.

Der Titel und der Vorspann des Artikels lauten dabei wie folgt:

„Hört auf zu flennen, ihr Memmen!“
„Antifeministen wollen wissen, was der #SchweizerAufschrei bringen soll. Eine gute Frage, doch die Antwort wird ihnen nicht gefallen.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob es nett, höflich und konstruktiv etc. ist, wenn man die „fremdernannten“ Antifeministen bereits im Titel mit „Memmen“ tituliert, die aufhören sollen zu flennen. Michèle Binswanger weiss offenbar, dass man die „fremdernannten“ Antifeministen ohne grosse berufliche bzw. gesellschaftliche Konsequenzen beleidigen, diffamieren oder diskreditieren darf, weil solche Beschimpfungen zumindest im gesellschaftspolitischen Mitte-links-Milieu im Sinne von Antonio Gramsci hegemonial sind. Interessant ist natürlich auch die Frage, weshalb Michèle Binswanger so treffsicher wissen kann, dass die Kritiker des „#SchweizerAufschrei“ alle samt und sonders Antifeministen sind? Ich glaube kaum, dass sie die Kritiker danach gefragt hat und ebenfalls ist unwahrscheinlich, dass sich diese selbst so etikettiert haben. Aber: Warum sollte Kritik am „#SchweizerAufschrei“ gleichbedeutend mit Antifeminismus sein? Ev. sind es einfach Menschen, die Humanisten, Menschenrechtler, kritische Geister etc. sind und das kritisieren, was für sie nicht einleuchtend bzw. stimmig ist, ohne irgendwelche politische Ideologien zu präferieren. M.E. gibt es jedoch dafür zwei plausible Gründe, weshalb Michèle Binswanger die Kritiker allesamt unter die Antifeministen subsumiert: 1) Sie kann sich offenbar nicht vorstellen, dass überhaupt jemand berechtigte Kritik an diesem „#SchweizerAufschrei“ haben kann, ohne quasi ablehnend gegenüber dem Feminismus eingestellt zu sein, und/oder, 2) sie will vor allem ein Feindbild kreieren, so im Sinne von: „Die Menschen, die für Gleichberechtigung von Mann und Frau sind, haben selbstverständlich nichts gegen den Feminismus und somit auch nichts gegen den „#SchweizerAufschrei“ und wer diesen trotzdem kritisiert, ist eben ein Antifeminist, der jenseits von Gut und Böse ist“. Durch diese Reduktion in zwei Parteien (hier die Feministinnen und dort die Antifeministen) wird bereits der erste Schritt getan, um die Debatte in einen Feindbild-Modus zu lenken.

Beschimpfung der mutmasslichen Antifeministen im Kontext der Qualität der Medien

Aber ich möchte noch kurz etwas Grundsätzliches zu dieser Beschimpfung der „fremdernannten“ Antifeministen durch Michèle Binswanger sagen und zwar aus medienwissenschaftlicher Sicht und hier insbesondere, wenn es um die Qualität von Medien und Öffentlichkeit geht:

Der erst kürzlich verstorbene Mediensoziologe Kurt Imhof, der zuletzt Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich war und u.a. das alljährlich erscheinende „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgab, sagte einmal in einem Interview:

„Der Aufklärungsliberalismus hat auch aus den Erfahrungen der Religionskriege ein Bewusstsein dafür behalten, dass der unzivilisierte, affektgetriebene Mensch des Menschen Wolf ist. Deshalb setzten die Aufklärungssozietäten auf Affektkontrolle als zivilisatorisches Programm. Ihre Forderung nach ‚Ausgewogenheit’ bedeutete, dass Argumente niemals gegen Personen, sondern nur gegen Argumente antreten. Für die Affekte, das Triebhafte und ‚Naturgemässe’ des Menschen hat die Aufklärung strikt den Raum des Privaten reserviert. Im Öffentlichen gilt dagegen der Respekt vor der – begründeten – Meinung anderer. Man nimmt politische Gegner ernst. Man gibt nicht einfach ein Charakterurteil über andere ab, weil einem ihre Meinung nicht passt. Wer dies in den Aufklärungsgesellschaften tat, verstiess gegen grundsätzliche Regeln und wurde vom Diskurs ausgeschlossen. Aus gutem Grund, denn die persönliche Diskreditierung anderer ist nichts als bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt.“

Insofern wäre die Beschimpfung im Titel (Memmen, die aufhören sollen zu flennen) von Michèle Binswanger gegenüber den mutmasslichen Antifeministen alles andere als ein Zeichen von Qualitätsjournalismus, sondern „bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt“.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, weshalb Michèle Binswanger überhaupt auf diese abwertenden Wörter wie „Memmen“ und „flennen“ kommt. M.E. leitet sie dies aus den nachfolgenden Erörterungen ab – sie schreibt nämlich:

„Auch durch die sozialen Medien schwirrten sofort die antifeministischen Verteidigungsschwadronen und verkündeten ihre Weisheiten zum Thema Sexismus in der Schweiz. Der #SchweizerAufschrei, hiess es da, sei a) ein Profilierungstrick linker Politikerinnen, b) sei Sexismus in der Schweiz kein Problem, weil sie selber c) noch nie eine angemacht oder angegrabscht hätten. Sie seien aber d) selber schon begrabscht worden und hätten das nicht schlimm gefunden. Daraus schliessen sie schliesslich e), dass Frauen mit der Aktion nur Opferstatus beanspruchen wollen.“

Die „fremdernannten“ Antifeministen drehen quasi den Spiess des „#SchweizerAufschreis“ um und sagen: sie selbst würden nie Frauen sexistisch behandeln bzw. sexuell belästigen, aber wenn jemand sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt würde, dann wären sie es; sie würden dies jedoch nicht schlimm finden; zumal sie eben gerade nicht flennen und sich wie Memmen benehmen. Für sie ist also die sexuelle Belästigung bzw. der Sexismus der Frauen gegenüber ihnen kein Grund zur Klage. Die „fremdernannten“ Antifeministen machen jedoch den Frauen des „#SchweizerAufschrei“ den Vorwurf, dass diese quasi mimosenhaft reagieren würden. Indem diese nämlich bereits Komplimente wie „sie sei nett angezogen“ oder „sie würde schöne Stiefel tragen“ als sexistisch taxieren würden, zumal derartige Komplimente Frauen auf ihr Aussehen reduzieren würden.
Die „fremdernannten“ Antifeministen sind nach Michèle Binswanger also primär deshalb Memmen, die flennen, weil sie nicht so mimosenhaft wie gewisse Frauen auf Komplimente reagieren und dies als Sexismus wahrnehmen.

Eine frohe Botschaft: Nicht alle Männer sind Sexisten, aber alle Frauen sind Opfer

Michèle Binswanger schreibt:

„Die Verteidigungsschwadronen beklagen sich, hier würde allen Männern der Prozess gemacht, was vollkommener Blödsinn ist. Nur weil alle Frauen das erleben, heisst das nicht, dass alle Männer so sind.“

Michèle Binswanger gibt sich empört. Wie können gewisse Männer nur auf die absurde Idee kommen, der „#SchweizerAufschrei“ würde behaupten, alle Männer wären potenzielle Sexisten und sexuelle Belästiger? Diese Auffassung scheint mir jedoch überhaupt nicht abwegig zu sein: Wenn bei Michèle Binswanger alle Frauen Opfer sind und keine männlichen Opfer weit und breit thematisiert werden und die Täter primär männlich sind, dann werden einmal die Männer als Opfer vollständig eskamotiert und auch Frauen als Täterinnen sind quasi inexistent. Wie kommt eigentlich Michèle Binswanger auf die Gewissheit, dass 100% der Frauen Opfer sexueller Belästigung und Sexismus sind? Hat sie repräsentative wissenschaftliche Studien darüber konsultiert? Natürlich nicht! Das ist ihre „gefühlte“ Wahrheit bzw. Gewissheit!

Michèle Binswanger als Spezies des postfaktischen Zeitalters

Man könnte also polemisch formulieren: Michèle Binswanger ist eine typische Spezies des postfaktischen Zeitalters bzw. der postfaktischen Politik bzw. des postfaktischen Journalismus; es interessiert sie nicht, was repräsentative wissenschaftliche Studien über Sexismus und Sexuelle Belästigung hinsichtlich Männer und Frauen bisher herausgefunden haben, sondern ihre Betroffenheit und ihr subjektive „Gefühltheit“ sind primär der Massstab, um das gesellschaftliche Ausmass festzustellen und einzuordnen.
Bei Wikipedia können wir unter dem Begriff postfaktische Politik u.a. folgendes lesen:

„Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem evidenzbasierte Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“

Michèle Binswanger im Empörungs- und Betroffenheitsmodus

Nachdem sie de „fremdernannten“ Antifeministen die Leviten gelesen hat, nähert sie sich nun mit eiligen Schritten dem Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus.

Michèle Binswanger schreibt:

„Was sexuelle Übergriffe anging, hatte ich in meinem Leben ein paarmal Glück. Oder konnte mich wehren. Als ich einmal allein im Ausgang war und mir von hinten jemand an den Hintern fasste, drehte ich mich um und stellte ihn: ‚Du hast mir jetzt aber nicht gerade an den Hintern gefasst?’, fragte ich laut. Er tat ertappt und murmelte in sein Bier: ‚Ja, aber das ist doch nicht so schlimm!’ Nein, ich fand die Berührung nicht schlimm. Schlimm fand ich, dass er dachte, er könne das einfach so tun. Ohne irgendwas, nicht einmal Blickkontakt, den er missverstehen könnte. Man wird zum Objekt gemacht, nicht ernst genommen. Schlimm ist, wenn die 15-jährige Tochter am Sonntag vom Lernen im Park heimkommt und sagt: ‚Da war so ein Typ, der hat uns aufdringlich zugezwinkert und uns verfolgt. Sehr gruselig.’ Das ist es, was wir jeden Tag erleben: Nicht ernst genommen, als Fickstück und Schlampe betitelt werden, in unserer sexuellen Integrität bedroht, vom väterlichen Stadtpräsident mit einer Hand auf dem Bein angefasst werden. Es ist eine verdammte Realität in diesem Land, nicht bei allen, nicht jeden Tag. Aber es passiert.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, was dieser Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus erreichen will und was er schlussendlich bewirkt? Und ob er überhaupt ein realistisches und repräsentatives Bild über Sexismus und sexuelle Belästigung in der Schweiz abgibt und zwar was sämtliche Täter und Opfer betrifft und dies bei Männern wie bei Frauen.

Der bereits weiter oben zitierte Mediensoziologe Kurt Imhof sagt im Zusammenhang von Empörungsjournalismus:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne (…) sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Die #SchweizerAufschrei-Kampagne und der hier besprochene Artikel von Michèle Binswanger kann somit nach Kurt Imhof unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumiert werden, denen es nicht mehr darum geht, mit „der sanften Gewalt des besseren Arguments“ zu überzeugen, sondern möglichst mittels Emotionalisierung, Skandalisierung und Moralisierung Aufmerksamkeit zu erheischen und moralische Diskreditierung zu betreiben (alle Kritiker der #SchweizerAufschrei-Kampagne als Antifeministen brandmarken und sie als Memmen, die flennen, beschimpfen).

Politik und Medien zeichnen vielfach ein schiefes Bild

Dass die Politik und die Medien vielfach ein schiefes Bild zeichnen, wenn es um die Opfer und Täter von Gewalt, Sexismus und sexueller Gewalt geht, darauf hat erst kürzlich wieder Stephan Schleim hingewiesen, wenn er schreibt:

„Medien und Politik zeichnen ein einseitiges wie eindeutiges Bild: Opfer sexueller Gewalt sind vor allem Frauen. Männer werden in der Regel als Täter dargestellt. Neue Studien widerlegen dieses Bild deutlich. Bei Untersuchungen in Chile und der Türkei gab es kaum Unterschiede bei den Opfererfahrungen zwischen den Geschlechtern. Im europäischen Vergleich zeigten sich 32% der Frauen und 27% der Männer betroffen von sexueller Gewalt. Es ist höchste Zeit, dass Medien und Politik ihr falsches Bild korrigieren.“

Was soll der „#SchweizerAufschrei“ bezwecken?

Für Michèle Binswanger soll der Aufschrei und ihr Artikel den Männern bewusst machen, in welcher Welt die Frauen leben und sie dazu ermuntern, selbst einzuschreiten, wenn wieder eine Frau von einem Mann sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt wird. Hier zeigt sich sehr gut, dass dieser Aufschrei, zumindest wenn wir Michèle Binswanger folgen, ausschliesslich für Frauen gedacht ist, die Opfer werden und zwar Opfer ausschliesslich durch Männer als Täter. Das schiefe Bild, auf das bereits Stefan Schleim hingewiesen hat, wird somit weiterhin zementiert bzw. reproduziert.

Quellen:
(http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Hoert-auf-zu-flennen-ihr-Memmen/story/31808295)
https://www.schweizermonat.ch/artikel/schluss-mit-dem-bauchstalinismus
http://www.heise.de/tp/artikel/49/49666/1.html
http://www.telebaern.tv/118-show-news/12639-episode-sonntag-9-oktober-2016/29540-segment-vergewaltigungen-in-der-schweiz

Franziska Schutzbach zum Ersten: „Ich will Arsch schauen“

von Mark E. Smith

Die Geschlechterforscherin und feministische Aktivistin Franziska Schutzbach beschäftigt sich in einem Blog-Beitrag mit dem „kulturell machtförmigen Blick“. Ausser Phrasen bzw. Plattitüden wird jedoch nicht viel Substanzielles geboten.

Ich habe mir vorgenommen, mich in der nächsten Zeit immer wieder einmal mit Publikationen von der Geschlechterforscherin und feministischen Aktivistin Franziska Schutzbach, die in Schweiz wohnhaft ist, auseinanderzusetzen bzw. abzuarbeiten. Dies u.a. deshalb, weil m.E. Schutzbach gegenwärtig in der Schweiz, was Genderthemen aus einer feministischen bzw. radikalfeministischen Perspektive anbelangt, am stärksten in die Öffentlichkeit drängt und immer wieder einmal als Expertin in den unterschiedlichsten Medien eine Plattform erhält.

In einem Blog-Beitrag mit dem Übertitel „Ich will Arsch schauen“ vom 28. Juni 2016 auf ihrem Blog „PRÄZIS UND KOPFLOS. Notizen zum Frau-Werden, Tier-Werden, Schwarz-Werden“ befasst sie sich insbesondere mit dem „kulturell machtförmigen Blick“. Der Blog-Beitrag ist eigentlich eine Kritik an einem anderen Blog-Beitrag, der sich seinerseits wiederum mit der Thematik beschäftigt, ob Männer Frauen in der Öffentlichkeit anschauen dürfen. In meinen nachfolgenden Ausführungen geht es mir nicht um diese Kritik von Schutzbach am Blogbeitrag von Reda el Arbi und ob diese berechtigt ist oder nicht, sondern ich konzentriere mich vollständig auf die Ausführungen von Schutzbach zum „kulturell machtförmigen Blick“.

Gibt es eine neutrale Sexualität?

Franziska Schutzbach schreibt:

„El Arbi legt dann aber nahe, es gäbe eine Art „neutrale“ Sexualität, eine, die sich jenseits von Machtverhältnissen abspiele – dazu gehören zum Beispiel Blicke. Dass es auch im ‚Blickverhalten’ Varianten gibt, schliesst er zwar nicht aus (auch er ist der Meinung, dass offensives Glotzen nicht angenehm ist), allerdings erkennt er darin keinerlei gesellschaftliche Schieflagen, sondern nur Effekte eines Fortpflanzungstriebes, bei dem Männer auf nackte Haut reagieren. Dass auch ‚Blicke’ als kulturelle Verhaltensweisen machtförmig sein können (nicht müssen), interessiert El Arbi nicht, dass auch Blicke Frauen zu Objekten machen können (aber nicht müssen), unterschlägt er.“

Schutzbach legt hier zumindest im ersten Satz nahe, dass es quasi keine „neutrale Sexualität“ gibt, Sexualität also quasi immer mit Machtverhältnissen gekoppelt sei. Leider begründet sie diese Aussage nicht! Wenn zwei erwachsene Menschen Sex haben, die beide mündig und urteilsfähig sind, kann man m.E. grundsätzlich einmal davon ausgehen, dass der Sex ohne irgendwelche Machtverhältnisse vonstatten geht. Selbstverständlich kann es Umstände geben, bei denen man Machtverhältnisse annehmen kann, wenn Drohung, Nötigung oder ganz allgemein Straftaten gegen die sexuelle Integrität vorliegen. Schutzbach schreibt nun von „Blicken, die kulturell machtförmig“ sein können, aber sie unterlässt es, genau zu begründen, wie sie auf diese Aussage kommt. Wie muss man sich einen solchen „kulturell machtförmigen Blick“ vorstellen? Was sind die objektiven Merkmale bzw. Indikatoren für einen solchen Blick? Wie wird er definiert und wie operationalisiert? Nehmen alle Menschen einen solchen kulturell machtförmigen Blick identisch wahr – also gibt es diesbezüglich einen Konsens, was ein „kulturell machtförmiger Blick“ ist? Ausserdem schreibt sie von „Blicken, die Frauen zu Objekten machen können“. Auch hier wieder: Was muss man sich eigentlich unter einem solchen Blick vorstellen? Gibt es eine konsensfähige Definition darüber, die dann eine zuverlässige Operationalisierung gewährleisten, sodass alle Menschen sofort einen solchen Blick erkennen können? Und was ist eigentlich damit gemeint, wenn sie davon spricht, dass Frauen zu Objekten gemacht werden? Wann genau wird eine Frau zum Objekt gemacht und wann genau nicht? Gibt es auch hier zuverlässige Indikatoren, die eine zuverlässige Abgrenzung gewährleisten oder ist dies quasi nur ein „subjektives bzw. gefühltes Konstrukt“? Und weshalb spricht sie nur von Frauen und nicht auch von Männern oder was bei ihr anzunehmen ist von weiteren Geschlechtern?

Was ist ein sexistischer bzw. machtförmiger Blick?

Franziska Schutzbach schreibt:

„Nicht jeder Blick ist sexistisch oder machtförmig. Darin stimme ich überein. Ich selber habe nicht grundsätzlich etwas dagegen, angeschaut zu werden. Es gibt viele Blicke, mit denen ich gut klar komme, die mir manchmal sogar schmeicheln. Viele Männer wissen ganz genau, wie das geht. Sie „glotzen“ nicht. Im Unterschied zu El Arbi habe ich offenbar eine bessere Meinung von Männern: Ich erfahre in der Regel respektvolle Blicke, die Gefallen ausdrücken, ohne zu objektivieren. Sowas geht, es ist überhaupt nicht schwierig. Und ja: Ich erlebe natürlich auch genau das andere: Blicke, bei denen ich mich unwohl und belästigt fühle.“

Leider weiss der Leser immer noch nicht, was denn nun genau ein belästigender, objektivierender, sexistischer oder machtförmiger Blick sein soll. Sie schreibt zwar, dass sie sich bei gewissen Blicken unwohl und belästigt fühlt, aber ob das einfach ihr subjektives Empfinden ist oder dies quasi alle Menschen so erleben würden wie sie, bleibt vollständig offen. Insbesondere sie ja auch nicht versucht, solche empirische Phänomene wie einen sexistischen Blick zu definieren und zu operationalisieren.

Der Blick bedarf einer Reflexion und ist Teil eines Machtregimes

Franziska Schutzbach schreibt:

„El Arbi weigert sich, sich ernsthaft mit diesem Unterschied zu befassen. Und legitimiert damit, dass alle Blicke letztlich okay, ja gar notwendig sind, selbst dann, wenn sie objektivieren. Zwar darf Frau sich wehren, vom ‚Schauenden’ fordert El Arbi aber keine Reflexion. Anhand der Fortpflanzungs-Biologie behauptet er, diese Blicke seien eine Art männliches ‚Muss’.“

Hier muss man sich einfach fragen, wie El Arbi überhaupt eine Differenzierung zwischen objektivierendem und nicht objektivierendem Blick vornehmen soll, wenn bisher noch überhaupt nicht geklärt wurde, was denn nun ein objektivierender Blick genau sein soll (Definition, Operationalisierung, Indikatoren etc.).

Franziska Schutzbach schreibt:

„Damit weigert er sich erstens zu reflektieren, inwiefern auch Blicke Teil eines Machtregimes sein können (nicht müssen!), in dem es durchaus um die Objektivierung des weiblichen Körpers gehen kann (was nicht heisst, dass Frauen dann automatisch ‚Opfer’ sind). Zweitens reduziert er Sexualität auf ein rein heterosexuelles Projekt: Sexualität entspringe dem ‚Fortpflanzungsdruck’. Diese enge Sicht auf Sexualität macht es El Arbi möglich, ein Konstrukt aufzubauen, in dem Blicke nach einem neutralen und deshalb nicht-kritisierbaren Programm ablaufen, in dem Männer keine Akteure sind, sondern gesteuert durch die Notwendigkeit der Natur. Ein (gefährliches) Argument, mit dem sich letztlich jede Praxis legitimieren lässt.“

Dass nun Blicke Teil eines Machtregimes sind, hört sich zumindest für mich sehr kryptisch an. Was ist eigentlich ein Machtregime? Gibt es hier eine Definition dafür? Und ist ein solches Machtregime empirisch fassbar: also gibt es Operationalisierungen und Indikatoren, um dies empirisch fassbar zu machen? Und wiederum: was ist genau mit einer Objektivierung des weibliche Körpers gemeint (Definition, Operationalisierung, Indikatoren etc.)? Dass die menschliche Sexualität wohl primär durch den „Zwang“ zur zweigeschlechtlichen Fortpflanzung entstanden ist, dürfte wohl zumindest für Biologen klar sein; natürlich wird Sex nicht nur deshalb praktiziert, um sich fortzupflanzen, aber der Ursprung geht sicherlich auf den „Zwang“ zur zweigeschlechtlichen Reproduktion zurück. Und weshalb geht es immer ‚nur’ um die Objektivierung des weiblichen Körpers und der männliche Körper bleibt vollständig aussen vor?

Blicke und ihre sexistische Anspruchshaltung

Franziska Schutzbach schreibt:

„Das heisst aber nicht, dass Blicke nicht auch objektivierend sein können. Vor allem dann, wenn sie überall sonst, aber nicht in die Augen gehen. In manchen Blicken schwingt eine sexistische Anspruchshaltung: ‚ich kann dich unverhohlen anglotzen, weil ich das Subjekt bin und du das Objekt‘.“

Also: Ein Blick auf das Haar, die Hände, die Nase, die Ohren, die Füsse, die Finger, die Beine, den Rücken etc. ist viel verdächtiger für eine Objektivierung der Frau als ein Blick in die Augen. Hmmm, warum, weshalb, wieso? Wenn Schutzbach wenigstens einmal etwas begründen würde, anstatt nur Behauptungen aufzustellen, dann könnte man sich wenigstens mit ihrer Argumentation auseinandersetzen, aber so…..?!

Blicke sind nicht verboten, aber ….

Franziska Schutzbach schreibt:

„Einmal abgesehen davon, dass auch dann gestarrt wird, wenn man mit einem Rollkragenpulli rumläuft: Natürlich sollen Blicke nicht verboten werden, aber sie können reflektiert werden, wie jede andere Handlung auch. Denn sie sind Teil von gesellschaftlichen Verhältnissen – wie jede andere Handlung auch.“

Blicke sollen also nicht verboten werden, aber sie sollen doch reflektiert werden, weil sie Teil von gesellschaftlichen Verhältnissen sind. Was aber genau bezweckt denn diese Reflexion des eigenen Blickes? Offenbar will Franziska Schutzbach die von ihr präferierten Verhaltensänderungen nicht durch „Repression“ (Verbot) erreichen, weil das würde sich ev. für den Feminismus nicht so gut machen (immer Verbote zu fordern, ist mit der Zeit nicht sooo sexy), sondern doch lieber durch internalisierten Selbstzwang: also keine Muss-Erwartung, aber doch eine Soll-Erwartung. Ergo: Man soll einen Arsch im öffentlichen Raum nur noch mit Selbstbeschämung anschauen dürfen oder doch besser überhaupt nicht, weil dann auch die Strafe der Beschämung wegfällt. Nun, dass Blicke ev. auch etwas mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun haben, könnte durchaus sein, aber sie haben ev. auch viel mit der Ontogenese und ev. auch mit der Phylogenese der Menschen zu tun, was Franziska Schutzbach „selbstverständlich“ nicht erwähnt, weil man bekommt von ihr den Eindruck, dass nun wirklich alles einfach gesellschaftlich bedingt sein muss.

Schutzbach im Kaffee und dann passierts…

Franziska Schutzbach schreibt:

„Kürzlich sass ich in einem Kaffee, es kam ein mittelalterlicher Mann herein, ich sass an meinem Laptop und schrieb. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er sich direkt gegenüber von mir positionierte und mich dann taxierte. Er starrte in meinen (nicht sehr grossen) Ausschnitt, musterte mich unverhohlen. Ich nahm meine Sachen und setzte mich an einen anderen Platz, so dass zwischen mir und ihm eine Säule war. Der Mann aber lehnte sich einfach nach vorne und starrte an der Säule vorbei nach mir. Ich wurde wütend, und sagte, er solle aufhören. Worauf er entrüstet ausrief, das sei ja wohl eine Frechheit. Ich stand auf und ging. Was hätte ich anderes tun sollen? ich musste dringend einen Text abgeben, hatte keine Zeit für Auseinandersetzungen. Meine ‚persönliche Freiheit’ war zu gehen, obwohl ich eigentlich gern dort weiter gearbeitet hätte. Ich war also diejenige, die gehe musste, mein Bewegungsraum wurde durch die Blicke dieses Mannes direkt eingeschränkt.“

Offenbar hat sich Schutzbach durch den Blick des Mannes unwohl gefühlt. Jetzt kann man sich fragen, ob sie die Situation nicht viel anders hätte lösen können? Eine Möglichkeit wäre beispielsweise gewesen, wenn sie einfach den Mann vollständig ignoriert hätte, dann hätte sie auch nicht bemerkt, dass er sie offenbar längere Zeit anschaut oder beobachtet und das Problem wäre für sie gelöst gewesen. Sie hätte sich auch einen Platz im Kaffee aussuchen können, bei dem sie dem Mann den Rücken zudreht – also auch hier: „aus den Augen, aus dem Sinn“. Eine Möglichkeit wäre ausserdem gewesen, den Mann selbst anzustarren, sodass es ihm vermutlich unangenehm geworden wäre, wenn er sich bei seinem Anstarren auch angestarrt fühlt. Eine weitere Handhabe, um mit dieser Situation umzugehen, hätte darin bestanden, dass sie dem Mann auf eine freundliche Art und Weise mitgeteilt hätte, dass sie den Eindruck habe, dass er sie seit längerer Zeit anstarren würde und sie sich dabei sehr unwohl fühle und er dieses Verhalten doch freundlicherweise unterlassen solle. Man bekommt hier schon den Eindruck, dass sich Schutzbach unbedingt als Opfer inszenieren möchte, dem ein grosses Unrecht angetan wurde und dem als letzte Handlungsmöglichkeit nur noch die Flucht aus dem Kaffee bleibt.

Männer auch Opfer, aber bitte ohne gesellschaftlichen Kontext

Franziska Schutzbach schreibt:

„Auch Männer erfahren Sexismus, aber dabei kann einfach nicht von einer gesellschaftlichen Gesamtdynamik gesprochen werden, oder von einer einfachen Umkehrung. Wenn Männer auf ihre Sexyness reduziert werden, geschieht dies vor einem anderen kulturhistorischen Hintergrund, das heisst ihr Subjektstatus steht dadurch als Gruppe nicht ernsthaft infrage.“

Die Frage würde sich hier stellen, was Schutzbach damit meint, wenn sie behauptet, es könne nicht von einer gesellschaftlichen Gesamtdynamik gesprochen werden. Wenn z.B. 30% der Männer auf ihr sexy Aussehen reduziert würden, hätten wir dann eine gesellschaftliche Gesamtdynamik oder erst bei 100%. Und was nun der kulturhistorische Hintergrund für die Menschen in der Gegenwart zu tun haben soll, wenn sie auf ihre Körperlichkeit reduziert werden, ist m.E. nicht ersichtlich. Zum einen geht es einmal um den konkreten einzelnen Menschen: den Einzelfall. Das heisst, wenn beispielsweise ein Mann durch eine Frau eine Körperverletzung davon trägt, spielt es keine Rolle, ob dies nun kulturhistorisch ein Novum ist oder nicht; die Schmerzen und die ev. sonstigen Schädigungen werden dadurch nicht geringer. Zum Subjektstatus: Schutzbach will damit hoffentlich nicht behaupten, dass der Vorfall im Kaffee, den sie weiter oben geschildert hat, alle Frauen genau gleich erfahren/erleben und interpretieren würden wie sie selbst. Dieses Kollektiv-Singular „Frau“ – damit ist u.a. gemeint, dass quasi sämtliche Frauen ihre Lebenswelt identisch erfahren und interpretieren würden, ist ein Mythos. Selbstverständlich gibt es Frauen, die den Vorfall im Kaffee ähnlich erfahren und interpretieren würden wie Schutzbach, aber dies dürfte m.E. eine Minderheit der Frauen sein. Gewissen Frauen wäre der Mann überhaupt nicht aufgefallen, andere hätten ihn schlichtweg ignoriert und wieder andere hätten ihm den Rücken zugedreht und die Sache wäre vermutlich auch gegessen gewesen.

Die kulturhistorische Bedeutung des Blicks

Franziska Schutzbach schreibt:

„Sowieso unterschlägt El Arbi die kulturhistorische Bedeutung des Blicks und reduziert ihn auf ein rein biologisches Programm. Wie Laura Mulvey in ihrer Filmtheorie gezeigt hat, ist der aktive Blick „männlich“. Das heisst in den meisten Filmen wird die Kamera gemäss einer androzentrischen Ordnung geführt, in der Männer den sehenden Part haben und Frauen den Part des gesehen werdens. Kurz: Männer schauen, Frauen werden geschaut.“

Nun kann man sich natürlich fragen, ob man kulturhistorische Filmtheorie auf Begegnungen zwischen Frauen und Männer im öffentlichen Raum des 21. Jahrhundert eins zu eins übertragen kann und ob hier überhaupt ein Konnex besteht. Und man könnte sich dann auch gleich fragen, wer Frauen heute in den westlichen Industrienationen daran hindert, selbst einen aktiven Blick in den alltäglichen Begegnungen und im Film einzunehmen?! Auch hier entsteht wiederum der Eindruck, dass es Schutzbach vor allem darauf anlegt, Frauen als ewiges Opfer des Mannes zu zelebrieren, das von irgendwelchen ominösen Mächten daran gehindert wird, ein selbst gewähltes Leben zu leben.

Franziska Schutzbach schreibt:

„Das hat damit zu tun, dass historisch das Subjekt männlich konnotiert war: Mensch = Mann, Bürger = Mann (in der Schweiz durften Frauen erst ab den 1970er Jahren abstimmen). Natürlich hat sich seither vieles verändert.“

Es ist richtig, dass die Schweiz in Europa eines der letzten Länder war, das auf Bundesebene das Wahlrecht für Frauen einführte. In Deutschland war beispielsweise das Wahlrecht für Frauen bereits 1918 Tatsache geworden und auch ein beträchtlicher Teil der Männer hatte de facto erst zu diesem Zeitpunkt das Wahlrecht. Zumal vor 1918 ein grosser Teil der Männer auch vom Wahlrecht ausgeschlossen wurde: Im Jahre 1871 beispielsweise durften de facto nur 20% der Gesamtbevölkerung wählen; das bedeutet, dass 60% der Männer de facto nicht wählen durften.

Popkultur und die Frau für einmal kein Opfer, aber nur ganz kurz …

„Aber ein Blick in die Popkultur zeigt bis heute, dass Frauen oft Ausstattung, Dekoration, Sexobjekt sind (was sogar El Arbi in seinem Text bestätigt). Frauen sind oft dazu da (zum Glück nicht immer), um angeschaut zu werden.
Das heisst noch lange nicht, dass Frauen, die sich in eine solche Position begeben und ihren Ausschnitt in die Kamera halten oder im Minirock herumlaufen per se „Opfer“ sind, oder Unterdrückte. Natürlich sind sie Akteurinnen, die auch eine freie Wahl oder einfach verschiedene Stile haben. Aber die sexistische Grundlogik, nach der wir in einem System leben, das einen grossen Teil seiner Dynamik daraus zieht, Weiblichkeit in der Objekt-Position zu halten, bleibt auch dann bestehen, wenn Frauen diese Dinge freiwillig tun und damit manchmal gut Geld verdienen.“

Von der kulturhistorischen Filmtheorie über das Wahlrecht sind wir nun bei der Popkultur gelandet. Frauen sind also für Schutzbach nicht per se Opfer, weil sie ja frei wählen können, ob sie sich als Sexobjekt darbieten wollen oder nicht – das wäre ja schon mal eine gute Nachricht. Doch die Frau-als-Opfer-Rhetorik währt nur kurz und wird sogleich in den nachfolgenden Sätzen wieder eingeführt und zwar durch ein System, das Weiblichkeit in einer Objekt-Position hält. Folglich nichts mehr mit freier Wahl und so für die Frauen: Das System zwingt die Frauen in eine Objekt-Position! Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer denn dieses ominöse System genau ist? Und vor allem auch, wie das System den Frauen diese Objekt-Position aufzwingt? Leider erfahren wir auch diesbezüglich nichts von Schutzbach.

Verhandlungsdemokratie und die ubiquitären gesellschaftlichen Verhältnisse

Franziska Schutzbach schreibt:

„Vielleicht noch dies: Wenn ich der Meinung bin, auch sexuell intendierte Blicke seien unterschiedlicher Art und müssten diskutiert werden, dann heisst das natürlich nicht, dass ich sexuelle Impulse allgemein unterdrücken will. Für mich bedeutet in einer Demokratie zu leben aber, dass alles, ausnahmslos alles verhandelbar ist. Auch Blicke. Auch Biologie. So zu tun, als gäbe es Felder, die jenseits von gesellschaftlichen Verhältnissen einfach ‚so sind’, wie sie sind, und zu unterstellen, darauf hätten Menschen keinen Einfluss, ist historisch wie aktuell falsch. Das Argument, es sei einfach Biologie, hat man schon vor 200 Jahren gebracht, als die Vagina noch als ein nach innen gestülpter Penis definiert war und Frauen folglich als ‚minderwertige Männer’.“

Schutzbach spricht von Felder, wobei überhaupt nicht klar wird, was sie überhaupt unter dem Begriff „Feld“ versteht. Tatsache dürfte sein, dass es nun mal rein biologische Phänomene gibt. Die Präferenz zur männlichen Homosexualität ist nun mal rein biologisch bedingt (Genetik plus hormonelle Einflüsse etc.) und gesellschaftliche Verhältnisse spielen bei der Entstehung dieser Neigung/Präferenz überhaupt keine Rolle. Ob diese Neigung dann beispielsweise eher in der Öffentlichkeit oder im Privaten ausgelebt wird, bestimmen selbstverständlich dann wiederum auch gesellschaftliche Verhältnisse.

Fazit, Resümee, Schluss

Zusammengefasst bekommt man vom Text von Schutzbach folgenden Eindruck: Es wird viel behauptet, ohne jedoch diese Behauptungen mit Begründungen zu versehen. Begriffe (Konstrukte) und gesellschaftliche Mechanismen werden nicht definiert bzw. erklärt, geschweige denn operationalisiert, sodass schlussendlich alles und nichts darunter verstanden werden kann und es vor allem von der subjektiven Einschätzung/Befindlichkeit der Autorin abhängt, wann ein Blick zum Anstarren wird, wann er machtförmig wird, welche Körperteile besonders dafür prädestiniert sind und von welcher Person dieser Blick ausgehen muss (der Blick eines Kindes, das glotzt oder starrt, würde vermutlich nach Schutzbach nicht unter einen „machtförmigen Blick“ subsumiert werden) und wie dies alles mit einer gesellschaftlichen machtförmigen symbolischen Ordnung zusammenhängen soll. Ein solch schwammiges und auf subjektiven Befindlichkeiten aufbauendes Konzept taugt jedoch sicherlich nicht dazu, um menschliches Verhalten konstruktiv zu regulieren: das Gegenteil ist der Fall, es befördert Willkür.

Opfer sind bei Schutzbach primär mal die Frauen. Wenn Männer Opfer sind, dann ist dies selbstverständlich weniger schlimm und sicherlich nicht in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu verorten, weil die gesamtgesellschaftliche symbolische Ordnung macht selbstredend nur Frauen zu Opfer; bei Männer handelt es sich vermutlich um tragische Einzelfälle. Merke: Wenn Frauen Opfer werden, dann ist dies immer strukturell bzw. gesellschaftlich bedingt, wenn Männer Opfer werden, dann handelt es sich um einen Einzelfall ohne jegliche Verbindung zum Gesellschaftlichen.

Quelle:
https://franziskaschutzbach.wordpress.com/2016/06/28/ich-will-arsch-schauen/