#freethenipple und feministische Doppelstandards

Das Ding hier kommt auf uns zu. Ein Film über Frauen, die es total empauernd und befreiend finden, ihre Nippel in aller Öffentlichkeit zu zeigen. Junge Mädchen, die mit blankem Oberkörper durch die Straßen rennen, und das „equality movement against female oppression and censorship“ nennen. Aber seht selbst:

Ganz so neu ist das ganze ja nicht, spätestens seit der Hippie-Bewegung und Woodstock kommt das immer mal wieder und nicht zuletzt „argumentieren“ die Femen ja auch so.

Darauf gestoßen bin ich über den Feuerbringer, der das ganze schon mal gebührend kommentiert hat. Allerdings möchte ich da noch ein paar Aspekte anfügen. Der Feuerbringer weist zurecht darauf hin, dass das Hollaback-Video, dessen Inhalt ich jetzt in unserer Szene nicht nochmal erklären muss, noch nicht mal richtig um die Ecke ist, und jetzt das. Ich zitiere ihn mal:

Der ungewollten Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts möchte man nun also entgegensteuern, indem man Frauen auffordert, ohne Oberteil durch die Straßen zu laufen.

Das kommentiert bei ihm eine gewisse Alexia mit:

Ich habe eine Weile mit dem Versuch verbracht, zu verstehen, was die Belästigung von Frauen in Fußgängerzonen mit dem Recht auf das Auftreten ohne Oberteil in der Öffentlichkeit zu tun haben soll.

Echt jetzt? Offensichtlich hat die Gute noch nie was von „Wie man in den Wald hineinruft…“ gehört. Je offenherziger Frau sich zeigt, desto lauter ruft sie in den Wald, sprich desto eher provoziert sie damit entsprechende Reaktionen von Männern. Das sollte doch wirklich jeder klar sein. Das hat nichts mit „victim blaming“ oder patriarchaler Unterdrückung zu tun. Die Grenze ist für mich erreicht, wo es um ungewünschte Berührungen geht. Damit wir uns nicht falsch verstehen, im Zweifelsfall bin ich immer eher für Freiheit als für Prüderie. Von mir aus sollen das die Frauen gerne machen. Aber man kann sich nun wirklich nicht hinstellen, das Entblößen von Brüsten als total empauernd feiern und sich dann anschließend über lüsterne Blicke oder anzügliche Bemerkungen empören. Aber am End sind natürlich wieder die triebgesteuerten Männer die Bösewichte.

Wenn der Feminismus nicht langsam komplett seine Glaubwürdigkeit verlieren will, dann sollte er sich aber mal ein wenig mehr auf eine Linie einigen. Während halbnackte Mädels in der Werbung, im Pirelli-Kalender oder auf dem Hemd eine Astrophysikers natürlich tooootal sexistisch sind, und das geradezu einer Aufforderung für Männer zum Benutzen und Vergewaltigen von Frauen gleichkommt, ist es das natürlich nicht, wenn sich die Frauen selbst entblößen. Dann ist das natürlich überhaupt keine Aufforderung zu nichts, sondern im Gegenteil super empauert selbstbestimmtes Handeln. Dass die Damen auf dem besagten Pirelli-Kalender oder auch in Pornos oder in den Puffs der Welt das vielleicht auch völlig selbstbestimmt machen, das lassen Feministen natürlich wieder nicht gelten. Im Grunde hat Birgit Kelle mit ihrem epischen Beitrag „Dann mach doch die Bluse zu!“ vor zwei Jahren schon alles dazu gesagt.

Wenn Männer blank ziehen

Auf der anderen Seite gibt es natürlich immer wieder Beschwerden von Feministinnen über entblößte Oberkörper von Männern. Denen würde man das am liebsten verbieten. Jedenfalls ist ein entblößter Männerkörper ja sooo patriarchal und sexistisch. Letztes Jahr erst gab es große Wallung bei dem Konzert der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ im  ArbeiterInnen-Jugend-Zentrum Bielefeld, das schon nach dem zweiten Song abgebrochen wurde, weil der Schlagzeuger der Band sich erdreistet hatte, sein T-Shirt auszuziehen. Weil das nach den Regeln des Zentrums als sog. Trigger für Opfer sexueller Gewalt und damit als sexistischer Akt gilt. Außerdem ist das Blankziehen des Oberkörpers ja ein männliches Privileg, auf das Männer doch bitteschön verzichten sollten. Hätte irgendein Mann auf diesem Event als Lösungsvorschlag gebracht, die Frauen könnten doch gleichziehen und auch ihre Nippel befreien, er wäre nach der abschwellenden Schnappatmung der anwesenden Feministinnen von denselben geteert und gefedert worden. Leo Fischer (auch Chefredakteur der Titanic) hat in der Konkret zu dem Vorfall den m.E. besten Kommentar verfasst. Er nimmt diesen aber nur als Aufhänger, um die ganze Privilegientheorie schön auseinander zu nehmen. Sehr lesenswert! Zitat:

Privileg ist ein Wort, von dem auch geduldigen Lesern linker Blogs und Pamphlete mittlerweile speiübel werden dürfte, so omnipräsent ist es; wie Glutamat wird es über fade Textprodukte gestreut, die aus eigener Kraft kaum nach Kritik schmecken. Es entstammt jenem Heimwerkerbedarf für Theorie, der überall dort aufmacht, wo kritische Wissenschaft erfolgreich aus den Universitäten getilgt wurde und ihre Reste in studentischen Lektürezirkeln und offenen Seminaren studiert werden wie kuriose Fossilien. Ähnlich wie bei den Szenevokabeln »Übergriff«, »triggern« und »Kackscheiße« ersetzt dabei die Wut, die den Begriffen injiziert wird, die Theorie, die ihnen nicht mehr zur Verfügung steht. Dabei darf der Terminus Privileg ruhig als wissenschaftlicher Geisterzug verstanden werden – denn weit kommt man damit nicht, und die Orte, die man damit erreicht, will man gar nicht sehen.

Kommen wir zum Schluß, wir lernen also: Es gibt Menschen (i.a. Frauen), die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt haben, und sich durch den Anblick eines entblößten (männlichen) Körpers getriggert fühlen. Männer dürfen sich aber durch den Anblick eines entblößten (weiblichen) Körpers ganz und gar nicht getriggert fühlen, weder im Sinne einer Aufforderung noch im Sinne eines Sich-Belästigt-Fühlens.

Frauen sollen nach dem Willen von Feministen ihre Shirts ausziehen dürfen, Männer nicht mehr. Was daran jetzt antisexistisch sein soll, erschließt sich mir jetzt nicht wirklich.

Und weils grad so gut passt: Auch in Hommage an Matt Taylor schlage ich für allzu überzogene feministische Forderungen künftig folgenden Hashtag vor: #idontgiveashirt

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Die Literatin als Hasenhirn

oder

Wie die Frauenquote den Weltuntergang verhindern soll

Eine Rezension von Karen Duves »Warum die Sache schiefgeht«

Deutschland ist um einen Wutbürgertext reicher, diesmal geschrieben von »einer Art feministisch-vegetarischer Pirincci«, nämlich Karen Duve.

Das Buch besteht im Wesentlichen daraus, in vier Kapiteln vier positiv und bis zu einem gewissen Grad auch »männlich« konnotierte Tugenden, nämlich »Einsatzbereitschaft«, »Risikobereitschaft«, »Selbstvertrauen« und »Durchsetzungsvermögen« als solche charakterliche Ausprägungen darzustellen, die entweder auf der Kippe zum Krankhaften stehen oder bereits ins Psychopathologische umgekippt sind, und sie als Ursache einiger zum Untergang der Menschheit führender Probleme dingfest zu machen. Woraufhin dann in einem fünften Kapitel Frauen explizit und offensiv als die »besseren Menschen« beansprucht werden, welche die Herrschaft der männlichen Psychopathen beenden sollen, und im Schlusskapitel doch noch – sicherheitshalber, für alle Fälle, falls es die Frauen auch nicht reißen – das potentielle Aussterben des Menschen zu einem guten Zweck erklärt wird.

Weiterlesen „Die Literatin als Hasenhirn“

Nur für Frauen

Immer mal wieder bekomme ich Einladungen für Veranstaltungen, die nur für Frauen sind.
So beispielsweise zu einer jährlich stattfindenden, regionalen Frauenmesse.

Man stelle sich nur den #Aufschrei vor, wenn es eine ähnliche Messe gäbe, bei der nur Männer ausstellen dürfen. Als Besucher werden dann auch Frauen großzügig und gönnerhaft akzeptiert.
Ich stehe ja nicht erst seit gestern im Berufsleben, habe aber in den letzten paar Jahren mehr und mehr den Eindruck, dass man als Frau beruflich umso weniger ernst genommen wird, je mehr Frauenförderung es gibt.
Während man früher bei Frauen in entsprechender Position noch von Eignung ausgehen konnte, trifft man mittlerweile zunehmend auf Alibifrauen und Quotentussis.
Es scheint sich der gesellschaftliche Konsens durchzusetzen, dass Frauen nur dann beruflich erfolgreich sein können, wenn sie entsprechend gefördert wurden (mit anderen Worten: „Frauen sind zu doof, um selbst etwas zu leisten“).

Normalerweise boykottiere ich ja reine Frauen-Veranstaltungen, aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor etlichen Jahren, als ich mich selbständig machte, an Gründerinnenseminaren teilgenommen habe.
Zwar wären mir geschlechtsunabhängige Seminare lieber gewesen, aber es wurde nichts entsprechendes gehalten. Diese Gründerinnenseminare dagegen wurden sehr preisgünstig angeboten, vermutlich weil sie aus irgendwelchen Fördertöpfen bezuschusst wurden.
Aus damaliger Sicht erschien es naheliegend, an diesen Seminaren teilzunehmen. Im Rückblick schäme ich mich fast dafür. Aber es war mir damals noch nicht bewusst, dass Förderung von Frauen auf Benachteiligung von Männern hinausläuft.

Als drittes Beispiel nenne ich noch die neuen Informatikstudiengänge nur für Frauen, die an einigen deutschen Universitäten (etwa in Berlin und Bremen) angeboten werden.
Dort können Frauen in einem Schonraum – ungestört von Männern, und ohne lästige männliche Konkurrenz – Informatik studieren. Inwieweit dort das Niveau an den allgemeinen Studiengang heranreicht, darüber möchte ich gar nicht spekulieren.
Spätestens wenn sie ins Berufsleben treten, müssen dann auch diese Informatikerinnen von ihrer Sandbox Abschied nehmen. Vermutlich ist dann der Praxisschock umso größer, wenn sie letzendlich doch gezwungen sind, mit Männern zu konkurrieren.

[Nachtrag]
Ganz aktuell endet der heutige Beitrag auf Alles Evolution, bei dem es darum geht, dass viele Männer die Auswirkungen des Feminismus gerne ausblenden, anstatt sich die negativen Konsequenzen klarzumachen, mit

„Man muss die Leute nur wach bekommen und ihnen deutlich machen, dass viele Bereiche bereits betroffen sind.“

Ich habe hier ein paar Bereiche genannt, die das Berufsleben betreffen.

Warum ich Hollaback bedenklich finde

Sie haben heute einer unbekannten Frau “Guten Tag” auf der Straße gewünscht? Damit könnten sie demnächst als Perverser, der Frauen belästigt, im Internet an den Pranger gestellt werden! Womöglich mit Foto. Der Ort, wo Sie die Frau gesehen haben, wird sowieso veröffentlicht, so dass Sie da nie wieder in aller Ruhe hergehen können. Das ist die Welt, wie sie laut Hollaback aussehen sollte.

Na, klingt das aufgeregt oder übertrieben? Dann schauen wir uns doch einmal die Fakten an.

Was ist geschehen? Am 28.10. wurde bei Youtube ein Video veröffentlicht, das bislang mehr als 35 Millionen mal angesehen wurde. Es trägt den Titel „10 Hours of Walking in NYC as a Woman“ („10 Stunden als Frau durch New York City gehen“, meine Übersetzung). Es ist das erste und bisher einzige Video dieses Nutzers, der sich „Street HarassmentVideo“ nennt („Video über Belästigung auf der Straße“, meine Übersetzung).

Das Video wurde von einer Agentur produziert, die sich dem Namen nach auf virale Videos spezialisiert hat. Die gezeigte Frau ist eine professionelle Schauspielerin.

Was zeigt man uns? Als was verkauft man das? Was will man damit erreichen?

Titel und Texttafeln im Video suggerieren, dass zehn Stunden Material verwendet wurden. Das Endprodukt ist keine zwei Minuten lang (1:56). Um zu messen, wieviel man von dem Gang durch die Straßen New Yorks zu sehen bekommt, sind von der Gesamtlaufzeit des Videos die Teile abzuziehen, in denen die Schauspielerin noch nicht losgegangen ist und in denen nur Text vorkommt.

Die intendierte Botschaft des Videos erscheint ganz am Ende: Es seien mehr als 100 verbale Belästigungen auf der Straße gewesen. Um zu helfen, solle man „Hollaback!“ spenden, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dem Ziel gewidmet habe, Belästigung auf der Straße zu beenden. Hollaback selbst läßt ebenfalls keinen Zweifel daran, wie das Geschen zu interpretieren ist, und verwendet die Überschrift „You won’t believe how many times this woman gets harrassed in 10 hours.“ („Ihr werdet nicht glauben, wie oft diese Frau in 10 Stunden belästigt wurde.“, meine Übersetzung). In der Kurzbeschreibung des Videos wird außerdem auf einen Artikel verwiesen, laut dem das Video erschreckend sei und die meisten Leute, die es gesehen haben, schockiert seien, womit Frauen jeden Tag zurechtkommen müssten.

Zur Erinnerung: Es ist eine Kampagne und es geht ums Geldeinsammeln. Alles, was darum herum geschieht, was also die Schauspielerin, die Macher oder Leute von der beworbenen Organisation in Interviews sagen oder von sich aus schreiben, ist mit Vorsicht zu genießen.

Und natürlich muss auch das eigentliche Video unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Es ist keine Dokumentation und auch kein wissenschaftliches Experiment.

Was bekommen wir real in dem Video zu sehen? Sätze wie „Wie geht es Dir/Ihnen heute?“ oder „Einen schönen Abend!“, die mehrfach in der einen oder anderen Form fallen. Das ist natürlich nicht alles, aber auch diese Handlungen werden als Belästigungen verurteilt.

Zwei Männer stechen aus der Menge heraus: Das ist zum einen ein Typ, der angeblich mehrere Minuten neben ihr hergeht. Zum anderen gibt es einen hartnäckigen Anmacher, der sie eine ganze Weile von der Seite anquatscht.

Kritik

Doch hier läßt sich bereits ein Bruch zwischen Filmskript und Realität feststellen: Im echten Leben könnte man irgendwann anhalten und zum ersten Mann sagen: „Entschuldigen Sie, Sie kommen mir gerade zu nahe. Würden Sie bitte etwas Abstand halten oder woanders lang gehen?“ Und zum zweiten: „Nein, ich habe kein Interesse, bitte lassen Sie mich jetzt in Ruhe.“ Die Schauspielerin hingegen hatte die ausdrückliche Anweisung, nie zu reagieren. Beide Männer wussten das nicht und können davon ausgegangen sein, dass sie sich schon melden wird, wenn es ihr zuviel wird. Damit wir uns richtig verstehen: Niemand hat die Pflicht, auf jemand anderen verbal zu reagieren. Aber für gewöhnlich die Möglichkeit. So zu tun, als sei das anders, ist eine Verdrehung der Tatsachen.

Bald gesellten sich noch andere Interpretationen als die gewünschte hinzu: „Die Bösen“ in dem Video sind Schwarze und Latinos, kein Bevölkerungsquerschnitt. Ist das Video rassistisch? Mit derselben Methode könnten Rechtsextreme auch „zeigen“, dass ausländische Männer eine Bedrohung für „unsere“ Frauen darstellten. Zu diesem Vorwurf kam noch eine tiefer gehende Statistik-Kritik hinzu. Auch wenn das Video gerade nicht repräsentativ sein will (Kampagne, nicht Wissenschaft!), so hätte man eine bestimmte Ambiguität vermeiden können, was man gerade von Medienprofis verlangen darf. Eine Analyse der Schauplätze ergab, dass von den gezeigten Aufnahmen 59% aus Harlem stammen, 21% vom Time Square und mehr als die Hälfte sogar aus einer einzigen Straße. Hier wird also nicht eine Großstadt als Ganzes gezeigt (wie der Titel suggerierte), sondern der Fokus gezielt auf bestimmte Ecken gelegt. Und wer hätte das gedacht, es waren gerade nicht besonders feine Gegenden. Kommt zu dem Rassismus also auch noch Klassismus?

Ähnliche Videos, die in Auckland (Neuseeland), in Frankfurt am Main oder in Berlin-Neukölln gedreht wurden, konnten nicht ansatzweise überhaupt eine solche Ansprech-Frequenz belegen, wie sie in dem Originalvideo unterstellt wurde. (Diese Videos und Artikel halte ich insofern für glaubwürdiger, als die Autoren viel mehr von einem Skandalvideo profitiert hätten, in dem sie jeweils bei sich bzw. den Lesern vor der Haustür furchtbare Zustände gezeigt hätten.)

Was will Hollaback?

Halten wir fest: Einen guten Tag wünschen auf der Straße ist Belästigung, und Hollaback behauptet, Belästigung auf der Straße beenden zu können. Also will Hollaback verhindern, dass Leute auf der Straße jemandem einen guten Tag wünschen. Wie wollen sie das schaffen? Laut Eigenauskunft nicht durch eine Verschärfung des Strafrechts:

Question: Does Hollaback! endorse increasing criminalization of street harassment?

No. We believe that it is our role as advocates to steer policy makers away from measures that would increase criminalization, and toward measures that engage communities in prevention. As explained in Hollaback!’s article by Deputy Director, Debjani Roy, “Criminalizing verbal harassment and unwanted gestures is neither the final goal nor the ultimate solution to this problem and can, in fact, inadvertently work against the growth of an inclusive anti-harassment movement. The criminal justice system disproportionately targets and affects low-income communities and communities of color, as evidenced by policies such as New York City’s Stop and Frisk program and other degrading forms of racial profiling. Our objective is to address and shift cultural and social dialogues and attitudes of patriarchy that purport street harassment as simply the price you pay for being a woman or being LGBTQ. It is not to re-victimize men already discriminated against by the system.”

Kurioserweise wird hier die Befürchtung geäußert, mit solchen Maßnahmen würde man vermehrt arme und nichtweiße Männer treffen – also genau die Gruppen, aus denen sich in dem Geldeinsammel-Video die Bösen und Verdammenswerten rekrutieren. Hollaback hat aber ohnehin ein interessantes Menschenbild: Sie gehen davon aus, dass Frauen grundsätzlich die Wahrheit sagen („Our site is premised on the idea that women tell the truth“). Mit anderen Worten: Frauen sind die besseren Menschen.

Was Hollaback also tut: Sie veröffentlichen Geschichten von Leuten, die sich belästigt fühlen. Dabei wird die genaue Adresse, wo diese Belästigung geschehen sein soll, angegeben sowie – etwa in den USA – wenn möglich auch ein Foto des Beschuldigten. Und damit sind wir bei dem angelangt, was ich im ersten Absatz behauptet hatte.

Wie bereits Don Alphonso feststellte (alternative URL): Ziel ist es, einen digitalen Pranger zu errichten. Passenderweise verweist er auch auf Zensursula und die Methode, mit einem hehren Ziel und Emotionalisierung die Freiheit einzuschränken. Die Frage nach der Freiheit wurde dann folgerichtig von LoMi aufgeworfen.

Hollaback gibt es bereits in lokalen Versionen für Berlin, Chemnitz und Dresden. Die Berliner Sektion läßt keinen Zweifel darüber, wie Belästigung zu definieren ist: „Wenn es dir unangenehm ist, ist es nicht okay.“ In einem PDF, das unter „einige eher wissenschaftliche Definitionen“ einsortiert wurde, findet sich: „Sprachliche Handlungen des Street Harrassment können sein: verbale Akte (…) Fragen wie „Wo kommst Du her? (…)“, (…) nonverbale Akte (Blicke)“.

Miria listete kürzlich auf, was inzwischen alles als sexuelle Belästigung gilt, und kam zusammenfassend zu dem Ergebnis: Wenn das so ist, dann werden praktisch alle ständig belästigt und dann belästigen auch praktisch alle ständig.

Doch leider, leider hat in Deutschland die Rechtslage Hollaback dergestalt einen Riegel vorgeschoben, dass man nicht einfach Fotos von anderen Leuten hochladen kann, ohne selbst ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen. Das bedauert Hollaback Berlin ausdrücklich in seinen FAQ:

Das mit den Fotos ist ja echt schlimm! Das klingt nach Selbstjustiz.

HALLO –> WIR VERÖFFENTLICHEN KEINE FOTOS!!!!

Tatsächlich basiert die Stärke der New Yorker HollaBack! Bewegung darin, mit der Handykamera Bilder der Angreifer_innen zu machen und diese auf dem Blog zu veröffentlichen. Es gibt auch eine Iphone App zu diesem Zweck.

Aber, wir hier in Deutschland haben andere Gesetze und dadurch einen anderen Handlungsspielraum. Wir veröffentlichen keine Bilder auf dem Blog – das könnte für uns als auch für die Einsender_innen Folgen haben, und das wollen wir nicht.

Ein Foto der belästigenden Person zu machen, kann auch gefährlich sein – die Person kann sich ertappt fühlen und noch aggressiver reagieren, als sowieso schon. Denn nochmal zur Erklärung: die Belästigung war schon der Angriff! Diese Form der Aggression – meist sexualisiert – basiert auf einer Schieflage im Genderverständnis. Bestimmte Körper sollen verfügbar, benutzbar und unterwürfig sein. Street Harassment ist nichts anderes als Kontrolle des (öffentlichen) Raumes – wer darf wann, wie, wo sein? Wie wird Raum benutzt und kontrolliert? Wer sitzt breitbeinig in der U-Bahn und wer macht sich klein und versucht, zu verschwinden, weil die männliche Aggression und Raumnahme zu bedrohlich scheinen?

Ansonsten ist es mit möglichen Skrupeln nicht weit her. Ein weiterer Teil der FAQ:

Ist das Veröffentlichen von Geschichten nicht Rufmord?

Eigentlich nicht. Ich wurde belästigt und nenne es beim Namen. Im besten Falle kann ich die Person identifizieren und mich und andere Betroffene stärken, indem ich eine Gegenöffentlichkeit schaffe. Welcher Teil davon „schädigt“ den Angreifer?!“

Die in letzter Zeit viel von mir gelesene Behauptung, radikale Feministen hätten ein Problem mit der Meinungsfreiheit und mit dem Rechtsstaat – wann habe ich sie zuletzt besser belegt bekommen als im Fall von Hollaback? Dabei handelt es sich nicht um eine vereinsamte Splittergruppe. Immerhin werden sie von Anne Wizorek in ihrem Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ ausdrücklich empfohlen (S. 279 f.):

Hollaback (ihollaback.org) – ist eine weltweite Bewegung, die in New York City begann, und sexueller Belästigung im öffentlichen Raum den Kampf angesagt hat. Auf der Webseite der lokalen Projekte können jeweils Geschichten solcher Belästigungen geteilt werden. Es gibt außerdem Google Maps, auf denen die Orte markiert sind, an denen die Belästigungen stattfanden, eine App, Workshops und Tipps für Menschen, die sich als Verbündete gegen Belästigungen einsetzen wollen. In Deutschland gibt es das Projekt bisher für die Städte Berlin, Chemnitz und Dresden.

Ein Text vom Hollaback-Internetauftritt wird auch als Quelle verwendet (S. 301, genaue Angabe auf S. 333, Quellangabe Nr. 417). Aber auch ansonsten gibt es durchaus eine weltanschauliche Verbindung zu Anne Wizorek. Christian Schmidt zeigt das gut auf in seinem Artikel irrationale Angst trotz Wohlstand und Sicherheit (dass man als Frau bereits Angst vor dem auf die Straße gehen habe, ist dabei ein Zitat von Anne Wizorek aus einem Fernsehauftritt, den sie im Fahrwasser des #Aufschrei-Erfolges hatte):

Was mich an vielen feministischen Theorien stört, ist der Umstand, dass die dort geschilderte Welt geradezu die Hölle auf Erden ist. Frauen werden unterdrückt und sind so verängstigt, dass es „für ganz viele Frauen extrem schlimm ist, einfach schon auf die Straße zu gehen„. Überall warten lüsterne Männer darauf, die Frau zu belästigen oder zu vergewaltigen. Ein Spießrutenlauf für jede Frau, die an dieser Unterdrückung krank wird. Kaum ein Aspekt des täglichen Lebens ist von dieser Unterdrückung nicht durchzogen.

Dabei leben wir gegenwärtig in den Zeiten in denen es die wenigsten Vergewaltigungen jemals gibt. Nie waren Frauen freier, nie konnten sie eigenständiger sein, nie war es leichter, nicht von einem Mann abhängig zu sein und nie konnte man ein Kind so einfach auch alleine aufziehen. Es sind – das ist eigentlich kaum zu bestreiten – die besten Zeiten, die es für Frauen jemals gab, was Freiheit und Gleichberechtigung angeht, zumindest in den Ländern der ersten Welt, aber wahrscheinlich in so ziemlich allen Ländern auf dieser Erde.

Natürlich: Auch verbesserte Zustände können schlecht sein. Einem Sklaven, der nur noch 10 Peitschenhiebe pro Tag erhält, kann man nicht entgegenhalten, dass er sich doch nicht aufregen soll, es wäre doch alles besser.

Es gäbe noch weitere interessante Einwände gegen Hollaback, die weiter auszuführen wären. Etwa, dass hier Kommunikation binär aufgefasst wird (gut/böse) und die Möglichkeit von Uneindeutigkeit ausgeblendet wird. Außerdem gibt es nur „Belästigung“, es erscheint alles gleich schlimm, von „auf der Straße ansprechen“ bis zu begrabschen oder sich entblößen (zwei Dinge, die in dem Video gerade nicht vorkommen). Oder dass ein „alles in einen Topf werfen“ unabhängig vom Land, in dem es geschieht, letzten Endes Kulturen mit verschiedener Auffassung davon, welche körperliche Distanz und welches Maß an verbalem Kontakt noch ok ist und was schon unangenehm ist, eine bestimmte, sehr restriktive, Interpretation der Welt überstülpt.

Schließen möchte ich aber mit einem Video, das zeigt, wie jede Menge Frauen nach der Hollaback-Definition einen Mann auf offener Straße belästigen. Frauen reagieren durchaus auf äußerliche Reize. Man braucht dazu eben nur einen besonders gutaussehenden Mann.

ModelPrankstersTV: 3 Hours Of „Harassment‘ In NYC!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit einem Video, bei dem auch eine Frau durch die Straßen geht, aber es macht viel mehr Spaß ihr dabei zuzusehen, weil die Musik gut ist, die da läuft.

Massive Attack – Unfinished Sympathy

Gesammelte Beiträge zu dem Video und seiner Diskussion hier aus der Blogblase:
aktualisiert 21.11.)

Genderama

Alles Evolution

Offene Flanke

Meinungen und Deinungen

Andere

Deutschland, deine Kindererziehung – Teil 1

petpanther

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petpanther2

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Angeregt unter anderem durch die beiden Kommentare werde ich mich im Folgenden mit den verschiedenen Erziehungsstils befassen und versuchen, einen Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Erziehungsstils und der gesellschaftlichen Entwicklung darzustellen. Ob es mir gelingt, dessen bin ich mir gerade noch nicht so sicher. Bedingt durch den Umfang, den dieser Artikel jetzt schon hat, werde ich das Thema Kindererziehung in mehrere Teile aufsplitten.

Ich bitte um Nachsicht, falls ich für einige Vermutungen keine Quellennachweise liefere, da es wie gesagt Vermutungen sind. Ich lese regelmäßig alle möglichen Artikel zu den Themen Erziehung und Familie sowie die Konflikte, welche hier häufig entstehen; Das Interessante bleibt hängen, der Rest meist nicht, doch tatsächlich kann ich mir viel zu oft einfach nicht merken, wo ich was gelesen habe. Außerdem führte ich etliche Gespräche mit meiner sozialpädagogischen Familienhelferin sowie mit zwei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. In jedem Fall werde ich versuchen, nicht allzu weit auszuholen. Falls jemand von euch Verbesserungsvorschläge, Ergänzungen oder interessante Links zum Thema hat, immer her damit.

Jedes Mal, wenn wieder ein Mensch durchdreht und Amok läuft, wird das Ereignis bis zum Erbrechen dazu benutzt, unliebsame Dinge an den Pranger zu stellen. Die Computerspiele sind schuld [Gewaltverherrlichung! Objektifizierung! Misogynie!], die Schützenvereine sind schuld [Zugang zu Waffen! Umgang mit Waffen!], Pen & Paper Rollenspiele sind schuld [glaubt es oder nicht, habe ich vor Jahren tatsächlich im Zusammenhang mit einem Amoklauf in den USA im Reader´s Digest gelesen, die Begründung lautete: Realitätsverlust!], die Pharmaindustrie ist schuld [Ritalin!!!11einself]. Ach und fast hätt ichs vergessen: Das Patriarchat™ ist schuld, genau genommen sind es die „patriarchalen Strukturen“, die das verursacht haben. Kurz: Nichts scheint weit genug hergeholt und für kaum etwas sind sich jene Menschen zu schade, wenn es nur der eigenen Sache nutzt.
Natürlich ist es verlockend, nach einem Schuldigen zu suchen. Irgendwer/Irgendwas muss es ja gewesen sein. Ich persönlich vertrete die Ansicht, dass es im Falle eines Amoklaufes eine Verkettung ungünstiger Umstände war, welche die betreffende Person dazu brachte zu tun, was sie tat. Klingt nach einem Versuch, die Täter in Schutz zu nehmen? Ja und nein. Ja weil jeder Täter auch irgendwann einmal ein Opfer war. Und nein weil solche Taten absolut nicht entschuldbar sind. Ja weil jedes erziehende Elternteil heute die Chance hat, dem eigenen Kind ein gesundes Großwerden zu ermöglichen, ohne dabei – bewusst oder unbewusst – in dessen Bewusstsein die Idee des „Schlechtseins“, des „Nichtgenügens“ oder des „Schuldseins“ einzupflanzen. Und nein weil keiner von denen, die bei einem Amoklauf verletzt oder getötet wurden, auch nur ansatzweise etwas für das kann, was dem Täter einst angetan wurde.

Vor längerer Zeit las ich einen Artikel, welcher sich mit jungen Menschen mit Migrationshintergrund befasste bzw. mit deren Schwierigkeiten, eine eigene Identität zu finden. Sie fühlen sich nirgends zuhause, in der Heimat ihrer Eltern nicht und in Deutschland irgendwie auch nicht so richtig.

Auch wenn das sehr spezifische Probleme sind mit denen man sich hierzulande als sogenannter weißer Cisgender heterosexueller Mensch oder, [laut 3rd Wave Feminismus] die Steigerung dessen, als WHM [white heterosexual male] nicht herumschlagen muss: Es gibt genügend andere problematische Entwicklungen, welche auf die Persönlichkeit der betreffenden Menschen nicht minder gravierende Auswirkungen haben können.

Ich selbst habe in meiner eigenen Kindheit zwei Extreme erlebt: die überfürsorgliche Mutter mit problematischem Religionshintergrund, deren Wunschkind ich war, und den entweder autoritären [wann immer ich es wagte, aufzubegehren] oder desinteressierten [alles war gut, solange ich funktionierte], in jedem Fall jedoch recht lieblosen Vater, der eigentlich nie da war, wenn ich ihn brauchte; Zumindest fühlte es sich für mich damals so an. Zur Verteidigung meines Vaters sei gesagt: Er, geboren 1938 in Deutschland, wo gerade der zweite Weltkrieg tobte, war ein Kind der so genannten „Verlorenen Generation“, Kinder für sie sich keiner interessierte, weil sie die Kinder der Kriegstreiber waren. Was der Krieg und was er mit sich bringt aus Kindern macht, dürfte hinlänglich bekannt sein. Doch das – zumindest an dieser Stelle – nur am Rande.

Wie fängt also es an? [Baby]

Ein Baby sollte möglichst viel menschliche Nähe und Ansprache erfahren. Ferner sollen seine Bedürfnisse [„satt und sauber“] zeitnah erfüllt werden. Wenn sich jedoch niemand um das Baby kümmert, macht es früher oder später durch Schreien auf sich aufmerksam. Spätestens dann sollte eine Bezugsperson für die Erfüllung der Bedürfnisse des Säuglings sorgen, da Schreien in dessen Körper und Gehirn massiven Stress auslöst: Während einer Stress-Situation werden im Körper die Hormone Cortisol , Adrenalin  und Noradrenalin  ausgeschüttet. Kümmert sich die Bezugsperson um die Erfüllung des kindlichen Bedürfnisses, wird Oxytocin ausgeschüttet, was eine Senkung der Stresshormone bewirkt: Das Kind beruhigt sich. Lassen Eltern ihren Säugling wiederholt für längere Zeit schreien, steigt der Stresslevel und das Kind wird zunehmend ängstlicher und gestresster. Ohne Unterstützung der Erwachsener stellt es das Schreien erst durch Erschöpfung oder Resignation ein.

Hierzu ein interessanter Artikel bei Geborgen Wachsen.

Mögliche Folgen des Schreienlassens:

  • Beeinträchtigung des Gehirns bis hin zu einer Anfälligkeit für Depressionen, Angststörungen und stressbedingten körperlichen Erkrankungen.
  • Völlige Erschöpfung, körperliche Schmerzen
  • Erschütterung des Urvertrauens
  • Gefährdung der späteren Bindungsfähigkeit
  • Im späteren Leben kein gesunder Umgang mit Stress/Frust möglich

Ebenfalls interessant: Schlaflernprogramme: ein Blick hinter die Schreikulisse 

Und dann? [Kleinkind bis Vorschulalter]

Ein Kleinkind hat natürlich die selben Bedürfnisse wie ein Säugling, hinzu kommt in wachsendem Maße noch ein Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Das Kind stellt irgendwann fest, dass es anders möchte als Mama oder Papa und teilt dies mehr oder weniger energisch mit [Trotzphase/Trotzalter]. Jedoch kann es mit zunehmendem Alter problemlos einige Zeit auf die Erfüllung eines Bedürfnisses warten, beispielsweise weil das jüngere Geschwisterkind zuerst gewickelt werden muss, oder weil das betreuende Elternteil zuerst noch fertig essen möchte.

Hier beginnt es, erziehungstechnisch richtig interessant zu werden, denn es gibt einige Erziehungsstils, die sich zum Teil gravierend voneinander unterscheiden und sich daher auch unterschiedlich auf das Verhalten und die Psyche des späteren Erwachsenen auswirken.

Die größten Unterschiede bestehen wohl zwischen der autoritären  und der antiautoritären  Erziehung. Ferner gibt es noch die autoritative  Erziehung sowie verschiedene Abstufungen der einzelnen Erziehungsstils und -konzepte, beispielsweise autokratisch, demokratisch, egalitär, laissez-faire, negierend und permissiv.

Unterschiede bestehen beim Ausmaß der Lenkung des Kindes sowie bei der Art und dem Ausmaß der Responsivität des Elternteils. Generell gilt, dass es nicht die ultimative, auf alle Kinder anwendbare Erziehung gibt. Jedoch besteht laut Wikipedia eine Korrelation zwischen autoritärer Erziehung [hohe Kontrolle, geringe Responsivität] und Essstörungen bei autoritär erzogenen Kindern. Ferner neigen solche Kinder später selbst zu Aggressionen und zeichnen sich durch geringe soziale Kompetenz sowie ein geringes Selbstwertgefühl aus.

Ebenso hat die Art der Erziehung Auswirkungen auf die Suizidalität des Kindes bzw. des späteren Erwachsenen. So erhöht ein vernachlässigender [wenig Kontrolle, geringe Responsivität] Erziehungsstil die Gefahr, dass der spätere Erwachsene einen Suizidversuch unternimmt, während ein autoritativer Erziehungsstil  bzw. eine hohe Responsivität der Eltern diese Gefahr verringert.

Idealerweise sollten Eltern den „goldenen“ Mittelweg finden zwischen einem Zuviel und Zuwenig an beidem, Kontrolle und Responsivität. Kontrolle ist dort wichtig, wo das Kind die Konsequenzen seiner Entscheidungen noch nicht in vollem Ausmaß abschätzen kann. Innnerhalb eines geschützten Raumes kann man ein Kind durchaus eigene Entscheidungen treffen lassen; Ein Kind im Kindergartenalter kann zum Beispiel mitentscheiden, was es zu Mittag geben soll, oder ob es Nachmittags lieber Fahrrad fahren möchte, anstatt beim kleinen Geschwisterkind im Sandkasten zu sitzen. Bei der abendlichen Zubettgehzeit hört die Eigentständigkeit jedoch wieder auf, da das Kind noch nicht abschätzen kann, dass es am Folgetag völlig übermüdet und entsprechend um ein Vielfaches weinerlicher und schlechter gelaunt sein und daher seitens der Eltern und Erzieher mehr Aufmerksamkeit, Zuspruch und Trost benötigen wird.

Die richtige Dosierung der elterlichen Responsivität ist mE ähnlich heikel wie die der Kontrolle, da ein Zuviel ebenso wie ein Zuwenig erheblichen Schaden anrichten kann, wenn auch auf andere Art und Weise. Zuwenig Responsivität kann Störungen im Bindungsverhalten sowie starke Defizite in den Bereichen Selbstwert, Selbstkonzept, intellektuelle Entwicklung, Selbstkontrolle und Aggressionskontrolle bewirken.

Ebenso kann Überbehütung, ein Fernhalten von allen schwierigen Situationen, eine zu lange Unterstützung der narzisstischen Bedürfnisse einen schädlichen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben, da es auf diese Weise keine Möglichkeit hat, den Umgang mit Frustrationserlebnissen und Rückschlägen zu erlernen.

Hierzu ein interessanter Artikel über Ursachen und Auswirkungen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Was ich selbst tatsächlich erlebt habe waren Eltern, die kindliche Probleme als unwichtig abtaten, wenn sie sie denn überhaupt wahrnahmen. Weil die Welt für Erwachsene bekanntlich um so vieles unbarmherziger und grausamer ist als für Kinder. Heute frage ich mich: ist sie das wirklich? Ein Kind, das von den Eltern kaum Ansprache bekommt außer ein „Hör auf zu heulen/stell dich nicht so an, meine Welt ist viel schlimmer als deine!“ hat es einfacher als ein Erwachsener? Natürlich muss ein Kind erst lernen, eine frustrierende [Niederlage beim Spiel, ein Spielzeug das es sich wünscht, nicht zu bekommen] oder schmerzvolle [zB Verlust eines Haustieres oder schlimmer: Eines Familienangehörigen] Situation zu bewältigen, und natürlich braucht ein Kind die Unterstützung eines Erwachsenen, ggf. eines Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.
Als ich sieben Jahre alt war, beging ein naher Verwandter, welcher das Obergeschoss unseres Hauses bewohnte, Selbstmord. Damals, im selben Alter wie meine Tochter jetzt, hätte ich wirklich jemanden brauchen können, der mir dabei helfen würde, den Verlust zu verkraften. Ich versuche mir vorzustellen, ob ich heute meine Tochter mit einem solche Verlust allein lassen könnte, und bin mir ziemlich sicher, dass ich es nicht fertigbrächte. Natürlich kann ich es nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Aber so war das wohl damals.

Kindern beim Erlernen dieser Kompetenzen zur Seite zu stehen kann schmerzvoll sein, ist jedoch in jedem Fall anstrengend, nerven- und kräftezehrend. Einerseits möchte man das Kind nicht zu sehr verhätscheln, andererseits möchte man dem Kind auch nicht den Spaß am Spiel verderben, denn für eine Langzeitmotivation braucht es – natürlich – Erfolgserlebnisse. Und wer sagt den Eltern, wie es „richtig“ geht? Einig sind sich Experten darin, dass Gewalt, sei sie körperlicher oder seelischer Natur, sich negativ auf die Entwicklung der kindlichen Psyche auswirkt, und daher zu unterlassen ist. In der Praxis ist der Grat zwischen der Ausübung von „schützender Macht“ und „missbräuchlicher Gewalt“ manchmal ganz schön schmal. Wichtig ist immer die Kommunikation zwischen Eltern und Kind, Signale der Wertschätzung [damit meine ich keine materiellen Zuwendungen] und, fast noch wichtiger: Authentizität. Ich kann meinem Kind gegenüber nicht sagen „Hauen darf man nicht!“, es am nächsten Tag Ohrfeigen und dann erwarten, dass es mich glaubwürdig findet. Natürlich war das ein überspitztes Beispiel, doch Kinder lernen hauptsächlich durch Imitieren des elterlichen Verhaltens; Wenn ich a sage und b mache, wird mein Kind das bemerken und mich als Autoritätsperson früher oder später in Frage stellen.

An dieser Stelle mache ich einen Schnitt und werde mich im nächsten Teil dem Schulalter und der Pubertät widmen.

Parallele Welten

Mit etwas Zeitabstand reblogge ich diesen Post hier, der aber immer noch aktuell ist.

Ich würde insbesondere gerne auch die Frage diskutieren, inwieweit es einen gesellschaftlichen Druck gibt, sich sexuell belästigt „zu fühlen“.

Aktualisierung (7. September 2015)
Durch meinen Blogumzug ist der Reblog hier leider verloren gegangen.
Der ursprüngliche Blogeintrag lässt sich jetzt unter https://bpmeta.wordpress.com/2014/10/14/parallele-welten/ nachlesen.

Briefe an Feministinnen: Geschlechtergerechte Sprache

Liebe Sanczny,

Du schilderst in Deinem Artikel „Heute in Gut gemeint ist die kleine Schwester von scheiße: “Gendern” „, warum Du die jetzige Art der Gestaltung von „geschlechtergerechter Sprache“ bei der immer die Geschlechter Mann und Frau gesondert angesprochen werden sollen (Bürger und Bürgerinnen, Zuschauer und Zuschauerinnen etc.) nicht gut findest.

Das finde ich schon mal als Ansatz recht lustig, denn diese Art der verordneten Sprachumgestaltung wird von anderer Seite ja schon sehr sehr lange kritisiert, ohne dass diese Kritik die Vertreter der Genderfraktion bisher ernsthaft interessiert hätte.

Nun ist Dein Ansatz aber natürlich ein Anderer. Während bisher kritisiert wurde, die „geschlechtergerechte Sprache“ sei zu umständlich, weil sie immer Männer und Frauen extra ansprechen muss, geht sie Dir hingegen in ihrer Umständlichkeit noch gar nicht weit genug:

„Es gibt mehr Geschlechter als “Mann” und “Frau”. Binäre Schreibweisen (“Beidnennung”, männliche und weibliche Form abwechseln, Schrägstrich, Binnen-i) sind cis-sexistisch. Sie diskriminieren Menschen, die sich nicht in die binäre Norm einsortieren (lassen).“

Achja – diese ganzen vielen Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen mögen. Die neue Lieblingszielgruppe der Genderfraktion. Die werden tatsächlich durch die Aufteilung in Männer und Frauen nicht sprachlich gesondert erfasst. Die ganze mühevoll erst staatlich eingeprügelte eingeführte Sprachgenderung ist nun also auch schon wieder dikriminierend. Die Halbwertzeiten von nichtdiskriminierender Sprache werden scheinbar immer kürzer. Das ist schon schon irgendwie praktisch, so werden die ganzen Gender“wissenschaftler“ nicht arbeitslos. Nach der Reform ist vor der Reform.

Wobei Sanczny, die neue Sprachgestaltung scheint mir dann doch etwas unpraktisch:

„Ein Unterstrich (auch: “Gender Gap”) zwischen dem Wortstamm und der Endung _innen, soll sichtbar machen, dass da außer männlicher und weiblicher Form noch mehr ist (Mitarbeiter_innen, Ärzt_innen). Dieses “mehr” sind Menschen, die sich weder männlich noch weiblich verorten. Gesprochen wird der Unterstrich als Pause.“

Man soll dann also künftig sprechen:

„Ärzt……(Pause)…innen“.

Und die Gruppe der Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnet wird dann repräsentiert allein durch die sprachliche Pause? Da warte ich doch schon wieder auf den nächsten altklugen Artikel einer Feministin, die findet, dass diese Pause auch diskriminierend ist, weil diese besondere Gruppe damit ja „verschwiegen“ wird… oder so.

Ich persönlich glaube ja eher, diese ganze geschlechtergerechte Sprache ist nur eine ABM Maßnahme für all die Genderforscher und Gleichstellungsbeauftragten, die sonst einer richtigen Arbeit nachgehen müssten hat sich irgendwie verrannt und wird mit jedem neuen Versuch nur noch komplizierter und noch weniger alltagstauglich.

Aber auch Du bist ja keine beinharte Sprachfanatikerin. Bei einigen Wörtern ist Dir das Gendern und die Einbeziehung aller Geschlechter dann auch plötzlich nicht mehr soooo wichtig:

„Ebenfalls irreführend wäre aber z.B., bei Vergewaltigungen von “Täter*innen” zu sprechen. Dies würde ohne weitere Klarstellung verschleiern, dass der Anteil der nicht-männlichen Täter*innen verschwindend gering ist.“

Beim „Täter“ bleibt also trotz gendern alles wie gehabt.