Warum ich Dr. House in Ordnung finde

Eine Warnung vorweg: Ich werde im folgenden völlig frei Plotdetails der Serie Dr. House (House, M.D.) ausplaudern. Wer die – absolut lohnenswerte – Serie noch nicht gesehen gesehen hat, mache also einen weiten Bogen um den Rest dieses Artikels!

Was ist der Anlass, um hier über Dr. House zu bloggen? Faktum – das Magazin (früher Nicht-Feminist) kritisiert in einem Artikel und Video, dass in der Fernsehserie Dr. House offenbar akzeptiert wird, dass eine Frau mehrere Kuckuckskinder hat. Der Beitrag wird auch beim Kuckucksvaterblog erwähnt.

In einem Nebenplot in der Folge „Heavy“ (S1E16) findet Dr House heraus, dass der Ehemann einer Patientin nicht der Vater einiger ihrer Kinder sein kann. Allerdings läßt er der Frau das Geheimnis und kümmert sich nur um ihre Gesundheit.

Das ist natürlich ein starkes Stück. Die einzige Entschuldigung könnte der rechtliche Hintergrund sein, den ich nicht kenne. Wenn es in den USA etwa verboten wäre, solche Informationen an Mann und Kinder weiterzugeben, wenn diese im Rahmen einer medizinischen Untersuchung entdeckt werden, dann würde der Arzt sich ans Gesetz handeln – die wahre Baustelle wäre dann das Gesetz.

Es gibt übrigens noch eine zweite Folge, in der Dr. House einer (werdenden) Mutter hilft, ihre Untreue zu kaschieren: „Joy to the World“ (S5E11), ebenfalls in einem Nebenplot. Hier verschweigt Dr. House nicht nur, sondern lügt den Vater auch noch an (wenn auch mit einer absolut absurden Lüge). Die Motivation für Dr. House bestand einzig darin, seinen Kollegen etwas zu beweisen.

Ist die Serie deswegen moralisch zu verdammen? Nein! Der Kontext der Serie besteht darin, dass Gregory House gerade nicht moralisch richtig handelt und ihm stattdessen alles außerhalb seines Falles erst einmal egal ist. Er wird eben nicht als leuchtendes Vorbild präsentiert, sondern abseits seiner Analysefähigkeiten als einsamer Soziopath, der selbst seinen besten (weil einzigen) Freund oft genug vor den Kopf stößt.

Tatsächlich hat die Serie eine ganze Reihe Themen und Plots zu bieten, die man begrüßen kann, auch wenn man nicht die männer- oder väterrechtliche Brille aufhat:

Da sind zum Beispiel in den Folgen „Distractions“ (S2E12) und „The C Word“ (S8E19)
die getrennten bzw. geschiedenen Eltern, deren Kind krank wird, während es Zeit mit dem Vater verbringt. Weil der Vater dem Kind etwas erlaubt hat, was die Mutter nie tun würde, bekommt er erst eimal die Schuld von ihr zugewiesen.

Dann ist da in einer Nebenhandlung in „Moving the Chains“ (S6E12) der Soldat, der Vater wird und nicht zurück in den Auslandseinsatz will, in „Parents“ (S8E06) der missbrauchte Junge und in „Dead & Buried“ (S8E07) der Vater, der sichtlich Schwierigkeiten hat, den Tod seines Sohnes zu verarbeiten. Jobverlust und Verarmung werden mehrmals thematisiert, etwa in „Recession Proof“ (S4E14) und „Locked In“ (S5E19). Obdachlose kommen mehrfach als Patienten vor, z.B. in „Histories“ (S1E10), „Fall From Grace“ (S7E17) und „Runaways“ (S8E9), wobei anders als die Mehrheit der Obdachlosen zwei von ihnen Frauen sind und der Mann sich nicht als so nett herausstellt.

In „Carrot or Stick“ (S7E6) kommt ein ferner Mann vor, der seinem straffällig gewordenen Sohn nicht enthüllt, dass er sein Vater ist. Dieses „nicht zu seinem Sohn stehen“ wird als schwach und verlogen gewertet – und dabei noch ausgerechnet von einem Mann, der sich als hart und diszipliniert darstellt.

Fragwürdig hingegen ist der Plot der Folge „Man of the House“ (S8E12). Hier kämpft ein Mann mit Hormonproblemen. Leider wird hier zwischen den Extremzuständen „lieb und nett“ und „total herrschsüchtig“ gependelt, anstatt eine gesunde Mitte zu zeigen. Auch das am Anfang gezeigte Seminar ist doch sehr fragwürdig.

Noch absurder mutet der Nerd mit der Puppe an in „We Need the Eggs“ (S8E16). Hier wurde ganz tief in die Klischeeschublade gegriffen.

Am negativsten sind mir zwei Plots aufgefallen, die sich über mehrere Folgen hinziehen.

Zum einen demonstriert Dr. Houses Chefin Lisa Cuddy mehrfach in der 4. Staffel, unter anderem in „Games“ (S4E09), eine merkwürdige Einstellungspraxis. Er „müsse unbedingt eine Frau nehmen“. Es hat natürlich Dramaturgie- und Zuschauergründe, eine hübsche Frau in der Serie zu haben, aber innerhalb der Welt der Serie selbst ergibt das überhaupt keinen Sinn.

Noch ärgerlicher ist, dass ein Rätsel überhaupt nicht aufgelöst wird. Dr House vermutet seit seiner Kindheit, dass der Mann seiner Mutter nicht sein leiblicher Vater ist. Als Kandidaten für seinen biologischen Vater hat er einen Freund der Familie in Verdacht. Als er schließlich einen DNA-Test durchführt, steht es fest: Er ist ein Kuckuckskind. Auch wenn er sonst immer den Wert von Beziehungen herunterspielt, beschäftigt ihn die Frage, was seine Wurzeln sind. Er liest ein Buch seines vermuteten Vaters, stellt jedoch unbefriedigt fest, dass er seinen scharfen Verstand wohl nicht von ihm hat. Soweit, so gut – noch.

In „Love is Blind“ (S8E13) stellt sich durch einen weiteren DNA-Test jedoch heraus, dass auch der Freund – inzwischen neuer Mann seiner Mutter – ebenfalls nicht sein Vater sein kann.

Dr Houses einziger Kommentar, nach all dem Grübeln und Rätseln: Es scheine, als ob seine Mutter interessanter sei als er dachte. Das ist ein Bruch mit dem sonstigem Stil und wird weder der Figur noch dem Plot gerecht – mal ganz davon abgesehen, dass dies tatsächlich ein akzeptables Ende aus der Sicht der Autoren zu sein scheint. Es bleibt völlig offen, warum Dr House seine Mutter nicht mit der Tatsache konfrontiert, dass er über ihre Affären im Bilde ist und sie fragt, wer denn noch sein Vater sein könnte.

Auffällig ist, dass ein Großteil der schlechten Plots in der letzten Staffel vorkommt. Hier ging den Schreibern sichtlich die Puste aus. Insgesamt ist Dr House jedoch nicht männerfeindlich oder gegen Väter.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dieser Klassiker von den Rolling Stones kommt mehrfach in der Serie vor und wurde in dieser Version auf deren Soundtrack veröffentlicht.

Band from TV: You Can’t Always Get What You Want

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Fundstück: Lucas Schoppe und „sich nicht entwickeln bringt Nachteile“

In den Kommentaren brachte Lucas Schoppe einen interessanten Gedankengang auf. Ausgangspunkt war die Idealisierung der Frau, welche sich auch in Filmen niederschlägt.

Ich hatte früher bereits auf das Problem makelloser Frauenfiguren hingewiesen: Wenn weibliche Charaktere immer „stark“ und „ohne Fehler oder Schwächen“ sein müssen, sind sie langweilig. Lucas Schoppe sieht es ähnlich, kommt dann aber noch auf einen ganz neuen Aspekt zu sprechen:

Die Idealisierung der Frau – als Unschuld, als Lehrerin des zu humanisierenden Mannes, als menschlich vollkommenes Wesen – wird also durch Statik, Entwicklungslosigkeit und Unlebendigkeit der Figur erkauft.
(…)
Dieses verbissene Vorführen von Frauenfiguren, die immer schon perfekt sind und die daher keine Entwicklung nötig haben, ist eben nicht nur aus einer männlichen Perspektive herabwürdigend (der Mann als der ständig zu Erziehende…). Auch für Frauen, die das ernst nehmen, ist es schlicht bescheuert: Wer in einer hochentwickelten komplexen Massengesellschaft einen halbwegs vernünftigen Platz haben möchte, ist ja auch selbst notwendig auf langfristige, komplexe Entwicklungen angewiesen, beruflich wie persönlich. Wer sich einredet, er sei immer schon vollkommen, so wie er ist – der steuert zielsicher auf eine Position zu, in der er (oder eben: sie) sich durch andere versorgen lassen muss. Sei es durch einen Partner oder den Sozialstaat.

Das ist ein Gedanke, den ich so noch nicht gelesen habe. Und natürlich leuchtet das ein: Wenn ich niemals lerne, auf andere zuzugehen oder mich auf eine neue Sache einzulassen, weil ich der Meinung bin, ich habe das nicht nötig, dann werde ich unweigerlich irgendwann an die Grenzen meiner Möglichkeiten stoßen. Und diese Grenzen sind enger als die anderer Leute, die so etwas gelernt haben, um in der westlichen Gesellschaft über die Runden zu kommen. Ich werde also im Schnitt erfolgloser sein als andere. Sich nicht entwickeln bringt Nachteile.

Das spannende ist, dass man das ja nicht auf die Idealisierung der Frau beschränken muss. „Wir sind schon gut, wir brauchen nichts zu tun“ findet man bei zahlreichen Ideologien. Insbesondere der Glaube, ohne weitere Leistung besser als die anderen zu sein (vgl. Nationalismus und Rassismus) kann mit Marktwirtschaft und relativ freien Reisemöglichkeiten nur zu Enttäuschung führen.

Doch wie kann man scheitern, wenn man doch von Beginn an perfekt war? Da muss jemand seine Finger im Spiel haben… und damit hat man die Basis für eine Verschwörungstheorie, nach der sich „die anderen“ gegen einen verbündet haben. Anstatt also den Fehler zu bemerken, kann sich gegen unangenehme Wahrheiten aus der realen Welt abschotten.

Faszinierend finde ich, dass man z.B. Frauen keinen Gefallen damit tut, sie so zu idealisieren. Wie Schoppe schon schrieb: Wenn man in der westlichen Welt glücklich werden will, führt kein Weg daran vorbei, die eigene Entwicklung als Person voranzutreiben.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Schoppe erwähnte den Film Ghostbusters als Beispiel für die Entwicklung der Charaktere.

Ray Parker Jr.: Ghostbusters

Wo ich heute über die Weiterentwicklung schrieb: In den letzten Monaten fiel es mir – auch aufgrund der gestiegenen Artikelfrequenz – schwer, immer ein Lied zu finden. Mindestens einem Leser gefällt die Musik auch nicht. Deswegen denke ich darüber nach, diese Marotte einzumotten. Doch vorher sei es noch einmal ausdrücklich gefragt:

Nostalgie-Fundstück: Dating der Zukunft aus Cherry 2000

Bei vielen 1980er-Jahre-Streifen werde ich inzwischen an den Spruch erinnert: Leute, diese dystopischen Erzählungen waren nicht als Anleitung gedacht!

Selbst ein eher trashiges Werk wie Cherry 2000 hat hier seine Meriten. Wer den Film noch gucken möchte, lese daher nicht weiter, denn ab hier gibt’s Details.

Erster Lacher: Spielt im Jahr 2017.

Die Wirtschaft ist inzwischen den Bach heruntergegangen, die Gesellschaft verroht. In den großen Städten hat man den Rest der Welt praktisch vergessen. Außerhalb der wenigen noch halbwegs zivilisierten Zonen haben Banden das Sagen.

Mit anderen Worten: Völlig realitätsfern, wie sich die Leute damals das Jahr 2017 vorgestellt haben! 😀

Dieser Hintergrund bietet natürlich zahlreiche Gelegenheiten für Ballereien und sonstige Gewalt. Der Plotauslöser ist allerdings der eigentliche Grund, warum der Film mir immer wieder ins Gedächtnis kommt. Hier werden zwei Themen behandelt, die in der Geschlechterdebatte in den letzten Jahren immer wieder auftauchten. (Das wurde übrigens vorher schon von Kommentator GOI erwähnt, sehr gut!)

Nummer 1: Roboter als Ersatz für eine Partnerin. Der Protagonist hat so einen, Modell Cherry 2000. Hat nicht nur das Aussehen und die Figur eines Fotomodells (umgesetzt durch Besetzung mit einem Fotomodell), sondern macht auch Essen und wäscht ab, ist also nicht nur für Sex zu gebrauchen.

Nummer 2: Modernes Dating, bei dem alles bereits vorher ausgehandelt werden muss. Die Idee, dass man aufgrund der geforderten „consent culture“ und dem neuen Sexualstrafrecht praktisch vor dem Geschlechtsakt einen Vertrag ausmachen und von einem Anwalt prüfen läßt, hier ist sie bereits vollständig umgesetzt!

Tja, und dann kann es auf den letzten Metern doch noch scheitern aufgrund einer „oralen Klausel“… womit wir wieder bei dem Thema wären, warum mancher Mann auf Roboter zurückgreift und lieber in eine Todeszone reist, um sein Lieblingsmodell zu ergattern!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Mir war bisher gar nicht bewusst, dass die Musik aus dem Film von dem Mann stammt, der auch den „Starship Troopers“-Soundtrack gemacht hat!

Basil Poledouris: Cherry 2000 Music Suite

Fundstück: crumar über MGTOW und den Mythos der notwendigen Vervollständigung

In einer Diskussion bei Alles Evolution über Beziehungen kam die Sprache auf Spott gegenüber Singles und „men going their own way“. Dabei kam es zu einem äußerst erhellenden Kommentar, nach dessen Lesen ich hellwach war.

Zunächst führe man in the middle (mitm) an:

Gespottet wird über Singles ganz generell, auch außerhalb dieses Blogs. Ich hatte auf meiner Seite, die die Definitionen von MGTOWs vs. PUAs vs. Maskulisten vergleicht, ziemliche Probleme, MGTOWs von „normalen“ freiwilligen Singles abzugrenzen. Die Argumente, keine Beziehungen einzugehen, sind ziemlich ähnlich, die gesellschaftliche Ablehnung ebenfalls.

(Der Artikel von mitm ist, wie so oft, in Gänze lesenswert.) Darauf antwortete crumar mit einer längeren Ausführung:

Die Abgrenzung zwischen Singles und MGTOW ist relativ einfach.

Die vorherrschende – und überwiegend gewollte – Lebensweise in unserer Gesellschaft ist die in einer heterosexuelle Paarbeziehung zwischen männlichen und weiblichem Geschlecht im Rahmen einer (in der Regel: seriell-monogamen) Partnerschaft, d.h. mit wechselseitiger sexueller Exklusivität.

Endet eine dieser (seriell-monogamen) Beziehungen, so entlässt die Paarbeziehung quasi ihre Kinder. 😉

Bei den männlichen respektive weiblichen *Singles* entsteht recht bald der Wunsch, sich auf die Suche nach dem Kandidaten / der Kandidatin für die nächste Paarbeziehung zu machen.

Bei *MGTOW* hingegen existiert dieser Wunsch aus einer Vielzahl an Gründen *nicht*, die hier auch im Forum genannt worden sind. Als MGTOW die eigenen Interessen, Bedürfnisse und Ziele in den Mittelpunkt zu stellen, eben als Mann „seinen eigenen Weg zu gehen“, kann mit einer Paarbeziehung kompatibel sein, in der Regel ist das nicht.

Viele MGTOW empfinden kein Verlust, „da ich sehr gut alleine leben kann“, wobei ohne Paarbeziehung auskommen nicht heißt, ohne Freunde und Freundinnen zu leben.

MGTOW schätzen ein, nicht mehr die „nötige Kompromissbereitschaft für eine Beziehung“ aufbringen zu können oder zu wollen, vor allem in Sachen gemeinsamer Freizeitgestaltung.

Konzentration auf Beruf oder Karriere machen es schwer vorstellbar für MGTOW, dies mit einer Paarbeziehung unter einen Hut zu bekommen.

Da Männern in der Beziehungssuche der aktive Part obliegt, wird seitens MGTOW im Rahmen einer Kosten-Nutzen Kalkulation der „nötige Aufwand“ dafür in Frage gestellt, zumal mit Blick auf den verfügbaren „Pool an Frauen“.

Das ist der pragmatische Part.

Warum MGTOW als historischer Nachfolger der „Hagestolze“ angesehen werden können, die mit zahlreichen „shame tactics“ sich ihrer selbst gewählten Lebensform zu rechtfertigen haben, ist eigentlich leicht nachzuvollziehen, denn wir sind eine Provokation.

Der Klassiker der Hollywood-Klischee Sätze – der selbstverständlich für Frauen geschrieben worden ist und den die Bauchredner-Puppe namens Tom Cruise plappern durfte – lautet:

DU VERVOLLSTÄNDIGST MICH!

Damit artikuliert der Mann seine *Halbfertigkeit*, die der weiblichen *Ergänzung* und *Vollendung* bedarf, *erniedrigt sich* und stellt die Frau *auf ein Podest*.
Frau ™ als *Errettung und Erlösung* aus seiner männlich unzivilisierten Existenz in eine Paarbeziehung. Amen.

In der bspw. die Unbeholfenheit im Umgang mit den *eigenen Gefühlen* für den Mann *nicht* Anlass ist, diese besser kennen und artikulieren zu lernen.
Sondern der sie der Frau überlässt, welche daraus eine „emotionale Arbeit“ macht, die sie legitimiert in einer Paarbeziehung zu leben, in der sie alle Wahlmöglichkeiten für ihren weiteren Lebensweg hat.
Deshalb ist „Bindungslosigkeit“ ein sehr ernstes Thema auch für Feminin-istinnen – zumindest wenn Männer als „bindungslos diagnostiziert werden, denn dies schadet gerade, insbesondere und vor allem Frauen, wenn *Männer* zu „strong and independent“ sind.

Männer sind in Sachen *Externalisierung von Gefühlen, Lebenssinn und Lebensgestaltung* peinliche Weltmeister und brechen daher wesentlich eher zusammen, wenn die Paarbeziehung oder Ehe oder Familie kollabiert.
Das ist nicht angeboren, das ist (vorsätzlich) antrainiert.
G. Amendt hat sehr ernste Dinge geschrieben über die – oft suizidalen – emotionalen Scheidungsfolgen für Männer, welche auf dieser aus emotionaler Unbeholfenheit erfolgten Externalisierung beruhen.
Die männliche Unart, seine „elernte Hilflosigkeit“ als vermeintlichen BONUS in eine Paarbeziehung zu bringen ist aber das, was Frauen gerne hören wollen, weil es ihre „elernte Beholfenheit“ aufwertet.

MGTOW sind durch ihre bloße Existenz der Schmerz im Arsch für für solche S/M-Rituale der männlichen Selbsterniedrigung und Überhöhung von Frauen.
Aus diesem Grund also eine Provokation für beide Geschlechter.

Gruß crumar

PS: Dem das, was derzeit als MGTOW z.B. auf youtube präsentiert wird überhaupt nicht passt.

Es sind gleich drei Aspekte, die ich an diesem Kommentar so bemerkenswert finde:
1. Die Quasi-Spiegelung der Folklore, nachdem Männer ein Problem mit „starken, unabhängigen“ Frauen hätten: Tatsächlich sind es laut crumar die Feministinnen, die starke, unabhängige Männer nicht akzeptieren können.

2. Der (Nicht-)Umgang von Männern mit den eigenen Gefühlen, den crumar konstatiert, ohne die Verantwortung dafür jemand anderem als letztendlich den Männern selbst zu geben. Gerade letzteres halte ich für sehr wichtig, denn man wird nicht sein eigenes Leben verbessern, indem man die Schuld (verknüpft mit der Macht zur Veränderung) stets jemandem anderen gibt.

3. Der Mann als mangelhaftes Wesen, das alleine unvollständig bleibt und durch die Frau „erlöst“ oder „zivilisiert“ werden muss – das erinnert doch stark an Das unmoralische Geschlecht von Christoph Kucklick und die 200 Jahre alte Tradition der Männerfeindlichkeit in der Moderne.

Passend dazu siehe die Rezension des neuen „50 Shades of Grey“-Filmes beim Volksverhetzer auf Mimikama (via Genderama):

Dieses psychische Trauma und das dazugehörige Verhalten werden sowohl von der Autorin und den Filmproduzenten, als auch von den Lesern und Zuschauern zum Ideal männlichen Verhaltens stilisiert. (…) Es zeigt, wie wenig männliche Missbrauchsopfer ernst genommen werden und es zeigt den Sexismus auf, der den Großteil der Frauenwelt durchsetzt.

Denn die Geschichte eines gebrochenen Mannes, der infolge der erlebten sexuellen Übergriffe Hilfe benötigt, hätte für sich allein eben keine nassen Flecke auf den Kinositzen hinterlassen. Offenbar interessiert sich laut Text die Frauwelt nicht für das Innenleben des männlichen Protagonisten. Der Fokus liegt auf seiner Attraktivität, dem Erfolg und seinem Machogehabe. Letzteres natürlich nur dann, wenn die Frau das gerade geil macht. Hier entfaltet sich eine durch und durch ambivalente Erwartungshaltung. Einerseits muss der Mann kühl, abweisend und mysteriös sein, gleichzeit jedoch emotional, nähesuchend und offen. Kein normaler, geistig gesunder Mann kann dieser Schizophrenie gerecht werden. Es braucht also einen Christian Grey.

Es braucht einen labilen, von Verlassensängsten geprägten Mann, der so verunsichert ist, dass er einen Kontrollzwang entwickelt. Er soll innerlich gespalten sein und die Frau soll ihn wieder ganz machen. Sie will das sein, worauf der Mann sein ganzes Leben lang gewartet hat: die Erlösung aus dem Leiden. Prinzessinnen-Märchen reversed. Wer hier wirklich Dominanz ausübt ist die Frau. Es wird ein Idealbild entworfen, welches den Mann derart innerlich zerreißt, dass es einer rettenden Hand bedarf, nämlich die der Frau, um ihn wieder zusammenflicken.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dass ich auf dieses Lied erst jetzt gekommen bin…

The Rolling Stones: Blue Turns To Grey

Fundstück: crumar über Titanic und den bürgerlich-feministischen Ausredenkalender

Nach crumars Deutung von Groundhog Day habe ich nun seine Deutung zu „Titanic“ aus den Kommentaren gefischt bei Alles Evolution:

Der Film ist selbstverständlich eine „Konstruktion“ in dem Sinne, dass er die Bedürfnisse der Zuschauerinnen zu erraten und zu bedienen versucht:

Die Heldin wird in dem Film dargestellt, als würde sie dies Opfer zu Gunsten ihrer Liebe bringen wollen und eine höhere Macht habe dies eben verhindert.
Die höhere Macht in Gestalt der NATURGEWALT Eisberg hat demnach verhindert, dass sich die *andere hohe Macht* der Naturgewalt der Liebe über die Klassenschranken hinweg durchsetzt.

Aber leider kam – wie gesagt – ein Eisberg dazwischen.
Der Witz ist, alle Zuschauer wissen, dass das Ende der Titanic UNAUSWEICHLICH ist.
Der Regisseur weiß dies auch und erfindet ein sexistisches Märchen – ein weiteres Blatt im bürgerlich-feministischen Ausredenkalender – in dem die Naturkatastrophe über die Liebe als Naturgewalt (beliebtes bürgerliches Ammenmärchen) jenseits von Klassenschranken einbricht.

Der männliche Held des Films opfert also im Film sein Leben für die Heldin nicht aus männlichem Pflichtgefühl oder aus Liebe.
Sondern die Konstruktion des Regiesseurs gibt dem Tod des Helden einen verborgenen Sinn – um nämlich die Heldin VOR SICH SELBST zu retten.
So lange er lebt und die Fahrt dauert, ist ihr Verzicht imaginär, kommt das Schiff an (wir wissen bereits, das wird es nicht) oder überleben beide, dann besteht die Gefahr, dass sie an dem eigenen Anspruch scheitert.

Er MUSS sterben, damit die Heldin nicht gezwungen ist, den realen Verzicht auf ein Leben in Reichtum und Wohlstand in die REALITÄT umzusetzen.
Camerons Konstruktion und Eingriff zielt also darauf ab, sie vor dem Einbruch der Realität in ihre Traumwelt zu schützen, welche zugleich – retrospektiv – als real vorgestellt wird.

Und in einem zweiten Kommentar:

Wobei es das Drama „Liebe überwindet Klassenschranken“ und „normative Zwänge“ *mit* Happy-End für Frauen natürlich gibt. Aber eben nur für Frauen: „Pretty Woman“.
Interessant ist hier (u.a.), dass letztlich noch einmal „Pygmalion“/“My Fair Lady“ noch einmal neu aufgewärmt worden ist.

Anyway: Vergleicht man unter diesem Gesichtspunkt beide Filme, dann wird klar, dass die Regiesseure messerscharf geschlossen haben, welche der beiden Szenarien *nach Geschlecht* für die Zuschauer REALISTISCH und demnach – mit Bezug auf deren Lebenswelt – GLAUBWÜRDIG sind.

(…)

Es gibt in Titanic die wunderbare Szene, in der sie bereits im Wasser sind – er IM Wasser und sie AUF einem Schwimmkörper.
Sie fleht ihn an nicht zu gehen, während sie *zugleich* seine bereits erstarrten Finger vom Rand pult und er in die Tiefe versinkt.
D.h. ihre *tatsächliche Handlung* steht in starkem Kontrast zu dem, was sie *verbal* (als Traum) äußert.

Der bürgerlich-feministische Ausredenkalender wurde von crumar schon vorher erwähnt (dort noch ohne den Zusatz „bürgerlich“) und so definiert:

„Jeden Tag eine neue Ausrede, warum man partout nicht durch eigenes Handeln oder nicht Handeln sich in der Situation befindet, in der man sich eben befindet.“

Christian Schmidt, crumar und ich selbst hatten Interesse daran ausgedrückt, diese Ausreden mal zu sammeln. Voilà, Nummer zwei.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Via Fiete in den Kommentaren (Danke, Fiete!):

Manuel’s Love Song from Captains Courageous

Fundstücke: Opfergeschichten verkaufen sich immer gut

Es war mir schon mehrmals aufgefallen, aber spätestens mit der Behauptung von Björk, „Frauen dürfen nicht über Atome singen“, war die Zeit reif für einen Artikel. Wie wird uns Popkultur verkauft? Indem neue Geschichten und Genres präsentiert werden, die so noch nie dagewesen sind? Manchmal – sie sind aber ein hohes Risiko für die jeweilige Industrie, weil man nicht weiß, wie sie einschlagen werden, und ein Großteil der Verwertungsmaschinerie auch darauf ansetzt, die Produkte in bestimmte Schubladen stecken zu können – selbst wenn diese Schubladen sehr weit gefasst sind und nur eine ungefähre Richtung angeben, was man zu erwarten hat.

In einem Großteil der Fälle schwimmt man also mit dem Strom, springt auf den fahrenden Zug auf, bietet „mehr von demselben“ an in der Hoffnung, das Publikum werde auch das konsumieren. Es ist geradezu kurios, dass dabei etwa die Erzählung von der „rebellischen“ Musik und den „alternativen“ Künstlern auch nach Jahrzehnten noch aufrechterhalten werden kann, auch wenn sich diese längst im Einklang mit den Gesetzen des Marktes befinden.

Im Beispiel von Björk wurde die neuerliche Marketing-Geschichte schon in den Kommentaren bei Alles Evolution auseinandergenommen. Es stimmt bis ins Detail nichts daran: Sie gewinnt seit Jahrzehnten alle möglichen Preise ( = „die Medien nehmen sie nicht ernst“) und die Alben landeten in den Charts ( = „über solche Themen darf sie nicht singen“).

Ja, warum dann diese Aussage? Beim Berichten über Musik ergibt sich immer das Problem, die Leute für etwas zu interessieren, über das sie erst durch den eigentlichen Konsum entscheiden können. Also müssen irgendwelche Ersatzmittel her: Fotos, Persönliches, Details zur Entstehung… am Ende muss das Thema „Dieses Album ist etwas ganz Besonderes, weil…“ bedient werden. Das allein schin deswegen, weil ja auch Leute abseits der unbedingten Fans angesprochen werden sollen, inklusive denjenigen, die mit den früheren Werken des Künstlers wenig oder nichts anfangen konnten. „Björk hat mal wieder ein Album draußen“ klingt eben weniger spektakulär als „Auf dem neuen Album kann sie zum ersten Mal…“.

Kommen wir nun zu der risikoaversen Industrie zurück. Opfergeschichten verkaufen sich derzeit einfach gut, deswegen bekommen wir soviele von ihnen aufgetischt. Und Leute, die länger im Geschäft sind, ändern ihre Geschichte rückblickend entsprechend. Wie crumar in der Diskussion anlässlich des Todes von Carrie Fisher bemerkte:

Du solltest in Betracht ziehen, dass auch Carrie Fisher ihre Erinnerungen ein wenig „frisiert“ haben könnte, um für ein aktuelles Publikum attraktiv zu sein.
Sie nimmt ein bestehendes, feministisches Narrativ für ihre Aussage, um ihre Erinnerung „sozial erwünscht“ darzustellen.

Aber auch Madonna (ein Beispiel wird in den Kommentaren zum Björk-Artikel erwähnt): Früher war sie eine Frau, die selbstbewusst mit ihrer Sexualität umging und „ihr Ding durchzog“. Heute ist auch für sie alles ganz schrecklich und sie, nach Jahrzehnten des Erfolgs, das arme Opfer. Vom Vorreiter zum Mitheuler.

Oder Lady Gaga (Beispiel von Gerhard gefunden), die sich über die harte Musikindustrie beklagt, in der sie wegen ihrer Intelligenz, nicht wegen ihres Körpers wahrgenommen werden wolle. Während man ihren Liedern Ähnlichkeiten zu denen anderer Künstler nachsagte – sooo neu waren die Ideen dann auch nicht – ist sie vor allem für ihre Outfits bekannt geworden (ein Kleid aus Fleisch etwa); übrigens wie seinzerzeit vor ihr Madonna. Sie hat den Startbonus als Frau voll ausgespielt und sich gut über ihr Äußeres vermarktet.

Die Platte „Ich werde nicht ernst genommen / auf mein Äußeres reduziert / nicht ernst genommen, weil mein Äußeres nicht konform genug ist / muss immer gut aussehen“ läuft einfach sehr gut. Ich erinnere mich an Portraits von Caro Emerald und Lily allen in verschiedenen Ausgaben eines Bordmagazins. Bei Lily Allen war es diese bescheuerte Mischung aus „wir zählen noch einmal auf, was sie alles mit ihrem Äußeren gemacht hat – sooo mutig!“ und „viele Leute sind blöd und gucken aufs Äußere“, bei Caro Emerald „sie ist ja nicht absolut schlank; schrecklich, dass Leute das so wichtig nehmen und darauf herumreiten!“. (Bei Männern gibt es aber auch haarsträubende Erzählungen… Xavier Naidoo, der nette Millionär von nebenan, der so erfolgreich ist und trotzdem ganz normal geblieben etc.)

Bei den Frauen, die ihre Karriere mit vollem Körper- und Klamotteneinsatz vorangebracht haben, spielt vielleicht ein Aspekt eine Rolle: Sie dürfen (in den Augen anderer Frauen!) „nicht billig wirken“; es muss so rüberkommen, dass sie nicht zu sehr „nach den Regeln gespielt“ haben, denn das raubt das Rebellenhafte. Also entweder die populäre Erzählung aus den 1990ern, sie würden selbstbewusst mit ihrem Körper umgehen, oder die neuerdings beliebtere Variante, sie hätten das ja tun müssen.

Unter dem Björk-Artikel kommentierte crumar noch:

Ich habe diesen Vorgang für mich „feministischer Ausredenkalender“ getauft.
Jeden Tag eine neue Ausrede, warum man partout *nicht* durch *eigenes* handeln oder nicht handeln sich in der Situation befindet, in der man sich eben befindet.

Wobei der Feminismus nur eine weibliche *Nachfrage* bedient, die wesentlich früher da war und bspw. durch Religion bedient worden ist.
Es ist auffällig, dass abstrakte Wesenheiten, wie z.B. „*der* Sexismus in der Musikindustrie“ nahtlos in das Wirken „Satans in der Musikindustrie“ übersetzt werden können.

Und später:

Der wichtigste Nachteil an dieser Haltung ist nach meiner Meinung, es handelt sich um die selbst verschuldete Blockade eines normalen Lernprozesses, in dem man den objektiven Ursachen für seine individuellen Fehler, die zum scheitern geführt haben auf die Spur kommt und daran arbeitet, diese abzustellen und nicht zu wiederholen.

(Beide Kommentare sind in Gänze lesenswert.)

Christian Schmidt schlägt vor, die Elemente dieses Auredenkalenders mal zu sammeln. Eine gute Idee, findet crumar, und auch mir gefällt der Vorschlag.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Frauen haben schon längst über Moleküle gesunden… (Danke, Mycroft!)

MIA.: Tanz der Moleküle

Warum ich schon wieder eine Karriereweisheit bei Star Trek sehe

Kürzlich hatte ich mich erfreut über eine Karriereweisheit in der Serie „Star Trek: The Next Generation“ (TNG) geäußert. Erst später fiel mir auf, dass nur wenige Folgen später eine weitere wichtige Lektion gelehrt wird.

Wer TNG trotz des Alters und Popularität der Serie noch nicht kennt und sie noch sehen will, der lese bitte nicht weiter.

Passenderweise heißt die betreffende Folge der 6. Staffel „Lessons„. Captain Jean-Luc Picard und die neue Chefin der Astrowissenschaft verlieben sich ineinander. Die Dame ist ebenfalls ein hochrangiger Offizier, Lieutenant Commander, wie Data oder Deanna Troi zum damaligen Zeitpunkt. Auch wenn der Zuschauer zunächst den Eindruck bekommt, sie reiße alle Schiffsresourcen an sich, so bekommt er bald das Bild einer Frau präsentiert, die voll in ihrem Fach aufgeht und das beste für ihre Abteilung will, aber auch menschlich zugänglich ist und außerhalb ihres Berufes Musik als Leidenschaft hat.

Problematisch wird das Verhältnis, als Picard auch über ihr Leben im Rahmen einer gefährlichen Mission entscheiden muss. Die Erfahrung, dass sich die Gefühle bei beiden eben nicht so einfach ausschalten lassen und auch richtiges Verhalten zu Schuldgefühlen führen kann, bringt die Offizierin schließlich dazu, sich auf eine Stelle außerhalb der Enterprise versetzen zu lassen und die Beziehung zu beenden. Auf ihre Karriere verzichten, um auf der Enterprise zu bleiben ohne in gefährliche Einsätze zu kommen, möchte sie nicht. Das ist auch gut nachvollziehbar, berücksichtigt man ihren Rang und wie sie bei der Arbeit bei der Sache ist. Zwar sagen sich beide, dass man ja den Landurlaub miteinander abstimmen könne, aber schon das klingt halbherzig und es ist klar, dass die Liebe auseinanderbricht.

Die Folge erklärt recht gut, warum eine Beziehung zwischen zwei Menschen, denen die Karriere an erster Stelle steht und die sehr hoch auf der Rangleiter stehen, sehr schwierig bis unmöglich ist. Auch diese ist nicht eine meiner Lieblingsfolgen, aber in diesem Punkt sehr realistisch.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein fürchterlich schlechter Film, aber ein toller Soundtrack: Star Trek V – The Final Frontier. Zwei Filme später fragt sich Kirk, wann Sulu Zeit gehabt hat, eine Familie zu gründen…

Jerry Goldsmith: A Busy Man