Neoliberalismus, feministisch kritisiert: Katrine Marçals »Machonomics«

Im Folgenden rezensiere ich ausführlich das Buch Machonomics der schwedischen Journalistin Katrine Marçal. Ich rezensiere es ausführlich, weil es in meinen Augen ein mustergültiges Beispiel dafür darstellt, wie das kritische Vermögen einer eigentlich nicht unklugen Autorin durch ideologische Voreingenommenheiten beeinträchtigt wird und das Resultat ihrer Arbeit bei aller sprachlichen Eleganz zum Fließbandprodukt einer feministischen Bewusstseinsindustrie werden lässt, dem am Ende die Bestätigung vorgefasster Ansichten wichtiger ist als eine Ausschöpfung des kritischen Potentials des von ihr angeschnittenen Themas.

Das eigentliche Thema der Autorin ist das ökonomische Menschenbild, also diejenigen anthropologischen Fiktionen, die den modernen ökonomischen Theorien seit Adam Smith zur Beschreibung des wirtschaftlich handelnden Menschen unterlegt wurden. Sie versucht aber, diesem Thema eine zusätzliche feministische Wendung zu geben, indem sie dieses Menschenbild auf die Rolle des Mannes in der modernen Gesellschaft bezieht. Die englische Sprache bietet hierzu einen rhetorisch günstigen Anknüpfungspunkt, nämlich die Doppelbedeutung von »economic man«: »Mensch« und »Mann«. Damit ist zugleich auch schon die Kritikfigur benannt, derer sich Marçal bedient: die alte, vom Feminismus adaptierte These Georg Simmels von der Identifizierung des Männlichen mit dem Neutralen und Objektiven, angereichert um eine Kritik der theoretischen Vernachlässigung der Reproduktionssphäre. Für das Material ihrer Argumentation zieht die Autorin einen historischen Längsschnitt durch die Geschichte der ökonomischen Theorien – beginnend mit Adam Smith, und endend mit dem »neoliberalen Menschenbild«. Wie formuliert die Autorin ihre Kritik dieses Menschenbildes, und wie wirkt sich ihr feministischer Standpunkt auf diese Kritik aus?

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Kurznachrichten vom 17.05.2016

1: Die TAZ sorgt sich um Männer, die durch Sexualstraftatsbeschuldigungen voreilig verurteilt werden könnten. Allerdings nur um nicht-weiße Männer, bei weißen hat sie kein Problem damit. Schrägerweise trägt der Kommentar auch noch den Titel „Selbstbestimmung ja, Rassismus nein“.

2: Volker Beck is back und deckt schon wieder haarsträubende Skandale über homophobe Behördenformulare auf. Migrantengewalt gegen Schwule interessiert ihn dagegen nicht so sehr, wie der ebenfalls schwule Publizist Dr. David Berger meint.

3: Schauspielerin Emma Watson („Harry Potter“) und Botschafterin der UN-Kampagne #HeForShe, taucht in den Panama Papers mit einer eigenen Briefkastenfirma auf. Selbstverständlich hat sie das nach eigener Aussage, wie alle anderen auch, die dort Briefkastenfirmen haben, niemals zur Steuerhinterziehung benutzt.

4: Sexspezialistin Erika Berger ist tot. Die älteren unter uns werden sich noch an ihre Sexratgebersendung auf RTL in den 80ern in den Anfangszeiten des Privatfernsehens erinnern.

5: Gunnar Kunz fasst auf seinem Blog „Das Alternativlos-Aquarium“ die alltägliche Verzerrung von Nachrichten zusammen, mit der männliches Leid, aber auch männliche Erfolge kleingeredet und das weibliche Leiden an der Welt überhöht wird.

6: Gestern gab es ziemlichen Zoff innerhalb der Antifa. Da fühlt sich eine Genoss_in von einem Genoss_en irgendwie dumm angemacht und gemobbt (was genau der Herr sich hat zu Schulden kommen lassen, bleibt im Unklaren) und outet ihn in einem Wutanfall mit Klarnamen und Wohnbezirk. Woraufhin sie von anderen Genoss_en zusammengefaltet wird, denn Veröffentlichung von Klarnamen und Adresse eines Mitkämpfers geht nun mal gar nicht, die könnten ja persönlichen Gefahren ausgesetzt sein. Sowas macht man schließlich nur mit Besuchern von AfD-Parteitagen, also dem politischen Gegner. Die Genoss_in muss sich schließlich entschuldigen, nicht ohne noch einen Seitenhieb auf die „Macker-Fa“ loszulassen.

Dass eine Macker-Antifa gezielt mit Masku-Taktiken Marginalisierte angreift hat sich allerdings in diesem Fall zu ganz neuen Sphären hochgeschaukelt. […] My Antifa will be feminist or it will be Bullshit. Ihr seid also auch nicht meine Genossen und hiermit von allen Mariokart-Abenden in meiner Wohnung ausgeschlossen, ätsch.

Ein wirklich bezaubernder Einblick in eine fremde Welt. Meine Fresse, was bin ich froh, dass ich nicht in so einer selbstzerfleischenden Szene bin, wo jeder falsche Satz zum Ausschluss führen kann. Ähm, wait… Na gut, so schlimm wie die sind wir nicht.

7: OT-Thema des Tages: Die SPD hat offensichtlich die nächsten Bundestagswahlen schon verloren gegeben. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Parteichef Gabriel schlägt „generös“ vor, den Kanzlerkandidaten per Mitgliederentscheid wählen lassen, obwohl er selbst ja den ersten Zugriff darauf hätte. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hat da aber keine Lust drauf und schubst ihn nach vorne in die erste Reihe. Da hat wohl keiner Lust, der Loser zu sein, der das historische Tief von irgendwas um die 20% einfahren will. Wobei fraglich ist, wozu man angesichts dieser Aussichten überhaupt einen Kanzlerkandidaten braucht, denn offensichtlich würde es nicht mal mehr für Rot-Rot-Grün reichen, selbst wenn man sich auf die Linken einlassen wollte. Auf der anderen Seite wäre es erst recht ein Eingeständnis von vorheriger Aufgabe, keinen Kanzlerkandidaten zu küren bzw. ihn verschämt Spitzenkandidaten zu nennen. Aber wenn schon der Parteichef zum Jagen getragen werden muss, verdeutlicht das mehr als klar das Elend der Partei.

8: Mal wieder ein hübscher Comic zum Schluss:

manspreading

 

Fundstück: Sargon of Akkad und die Rangliste der Privilegien

Sargon of Akkad, den ich zuletzt im Februar erwähnte, hat einen Ausschnitt aus einem seiner Wochenrückblicke „This Week In Stupid“ noch einmal als eigenes Video veröffentlicht. In den 1:23 Minuten erläutert er, wie die Rangliste der Privilegien im Jahr 2016 aussieht:

The Progressive Stack Explained

Er beschreibt dabei aus seiner Sicht die Haltung der „Progressiven“, die er auch als „regressive Linke“ bezeichnet – in ausdrücklicher Abgrenzung von anderen Linken oder Liberalen. Die Pseudo-Progressiven sieht er in enger Beziehung zu Lügnern und Manipulatoren (SJW).

Die „Rangliste der Privilegien“ (meine Wortwahl, eigentlich „der progressive Stapel“) dient dabei dazu, zu klären, wer im Zweifelsfall mehr unterdrückt ist, was allein durch Identitätsmerkmale bestimmt wird. Die Liste sieht folgendermaßen aus (erneut meine Übersetzungen):

  1. Rasse (*)
  2. Cis-Normativität (*)(*)
  3. Geschlecht
  4. sexuelle Ausrichtung
  5. (Nicht-)Behinderung
  6. Klasse

Seine Begründungen für diese Einschätzung finde ich ebenfalls erwähnenswert: Homosexuell zu sein sei weniger wichtig als die Tatsache, dass man gleichzeitig ein weißer cis-Mann ist. Beachtlich befindet er ferner, dass Dinge wie körperliche Eingeschränktheit oder eine Herkunft aus armen Verhältnissen, die bei der Frage nach Privilegien eigentlich eine große Rolle spielen sollten, ganz unten rangierten. Daraus ergebe sich dann, dass etwa die aus recht wohlhabendem Hause stammende Laurie Penny sich als ganz schrecklich unterdrückt darstellen kann, weil sie ja eine Frau sei.

Doch wehe dem, der weiß, cis, männlich, hetero, nicht behindert und aus der Mittelklasse ist. In der Weltanschauung der „Progressiven“ seien diese Menschen schlicht und ergreifend Abschaum, der von Privilegien profitiere und die Gruppen mit jeweils anderen Merkmalen unterdrücke.

Diese regressive Linke ist offensichtlich sein Feindbild, da sie sich genau konträr zu der von ihm beschriebenen neuen Gegenkultur verhalten. Es ist daher natürlich Vorsicht geboten, diese Rangliste einfach so als Tatsache zu übernehmen.

Reizvoll finde ich es aber schon, sie daraufhin zu überprüfen, wie oft sie bei „Privilegienkonflikten“ zutrifft. Es wäre doch interessant, zukünftige Fälle zu sammeln, bei denen sie stimmt – und natürlich auch solche, bei denen sie nicht stimmt, inklusive dem ableitbaren alternativen Rangsystem.

(*) Die Verwendung des Wortes „Rasse“ bedeutet dabei nicht, dass er selbst (oder gar ich) an irgendwelche „Rassentheorien“ glaubt, sondern nur, dass der Begriff Rasse als bedeutendes Merkmal in Diskussionen verwendet wird.

(*) (*) Wortwörtlich übersetzt wäre es „Heteronormativität“, aber er bezieht sich nicht auf hetero/homo, sondern cis/trans, wie aus seiner Erläuterung deutlich wird.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hier eine weitere Geschichte von einer schrecklich unterdrückten Frau (man sehe nur, wie sie von all den Männern mit Geschenken belästigt wird!):

Madonna: Material Girl

Kurznachrichten vom 11.05.2016

So, nach langen Wochen, in denen ich einfach mal was anderes lieber gemacht habe, raffe ich mich mal wieder auf, einen Überblick über aktuelle Artikel und Ereignisse zu geben.

1: Jan Fleischhauer vom SPIEGEL stellt die These auf, #aufschrei und die mediale Vernichtung von Rainer Brüderle wäre der Kulminationspunkt und Startschuss für die rechte soziale Gegenbewegung gegen die ausufernde Political Correctness gewesen.

Die einzige Gruppe von Menschen, über die man herziehen darf, bis die Schwarte kracht, sind die Zurückgebliebenen, die im Verdacht stehen, mit Leuten wie Petry oder Trump zu sympathisieren. Das sind die Hinterwäldler, die mit der Moderne nicht zurechtkommen und deshalb an überkommenen Vorstellungen kleben. Dass sich niemand gern von neunmalklugen Dies-und-das-Studenten sagen lässt, er habe den Anschluss verpasst, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Komischerweise gehört Einfühlungsvermögen nicht zu den stärksten Seiten der Antidiskriminierungsexperten.

Richtig. Ausgerechnet die, die „Emphathie“ wie einen Mercedesstern vor sich her tragen, beweisen immer wieder, dass sie so gut wie Null davon haben und stattdessen selbstverliebte Narzissten sind. Danisch kommentiert das so:

Wobei ich den „Rechtsruck” ja schon lange nur für eine Art Notwehr gegen linke Diktatur halte, nicht für Ausdruck rechter Positionen. Würde aber meine These stützen, dass das Anwachsen des rechten Flügels keineswegs von Rechten oder dem vielbeschworenen „Rechtspopulismus” verursacht wird, sondern eine schiere Abstoßungs- oder Abwehrreaktion gegen die überkochende linke totalitäre Meinungsdiktatur und Hetzjagd ist.

2: In der ZEIT beklagt Elisa Gutsche – haltet Euch fest – zuwenig Feminismus in der SPD.

Jedoch sollte sich die SPD nicht nur allein auf Geschlechtergerechtigkeit im Berufsleben konzentrieren, sondern auch auf andere Themenbereiche. So sind die Grünen und die Linken weitaus konsequenter und progressiver beim Thema sexuelle und reproduktive Rechte von Frauen. Das Feld hier den Grünen und Linken zu überlassen wäre fatal.

Wenn es nach ihr ginge, müsste den jungen Frauen das Leben so leicht wie nur irgend möglich gemacht werden. Dass das manchmal auch bedeutet, den Männern das Leben schwerer zu machen, interessiert sie nicht. Oder ist ihr vielleicht sogar recht. Macht nur weiter so, wenn Ihr auch die letzten Männer noch vergraulen wollt!

3: Der Tech-Blogger Sascha Pallenberg (MobileGeeks), auch bekannt geworden durch das sogenannte #fappygate, hat mal wieder Ärger mit Feministinnen, weil er einen kritischen Artikel über das Sponsoring der re:publica 2016 durch die Firma Eyeo GmbH, die den Werbeblocker AdblockPlus herstellt, geschrieben hat. Angeblich blockt AdblockPlus nämlich Werbung, auf die freie kleine Bloggingportale dringend angewiesen sind, was denen die Einnahmen wegbrechen lässt, andererseits soll Werbung doch durchgelassen werden, wenn der Werbetreibende nur genug an Eyeo bezahlt. Klingt nach einer windigen Sache und hat mit Freiheit im Netz, für das ja angeblich die re:publica stehen will, wirklich nichts zu tun. Ganz im Gegenteil.

Das Pikante daran ist nun, dass Laura S. Dornheim, bekannte Feministin und m.W. Mitinitiatorin von #aufschrei jetzt neuen Chef-Lobbyistin der Eyeo GmbH ist und den Deal mit der re:publica eingefädelt hat. Das anzuprangern reicht schon, um sich den Unmut der Allies zuzuziehen, denn eine Frau zu kritisieren, das geht ja nun mal gar nicht.

Fefe hat das dann auch nochmal gebührend kommentiert.

4: Es wurde ja bereits mehrfach berichtet, dass Ronja von Rönne, die letztes Jahr mit ihrem Rant „Warum mich der Feminismus anekelt“ Furore gemacht hat, den Axel-Springer-Preis dafür bekommen sollte und diesen abgelehnt hat. Es wurde auch gemunkelt, sie sei reumütig zum Feminimus zurückgekehrt, bzw. wollte nicht als Galeonsfigur der Antifeministen gelten. Was allerdings fehlte, war ihr eigenes Statement, das m.W. kaum einer beachtet hat. Das sei hiermit nachgeholt.

5: Vor einigen Tagen versuchte eine Gruppe von erfahrenenen Wikipedia-Autoren, einen Artikel über „Gender Biomedizin“ in der Wikipedia zu platzieren und stieß dabei aber auf den harten Widerstand der Genderfeministinnen in der Wikipedia, worauf der Artikel noch am selben Tag als angeblich irrelevant zur Löschung freigegeben wurde. Die durchaus rennomierte Dawkins-Foundation dokumentiert den Artikel und den Vorgang.

6: Der ehemalige Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, hat auf einer Abschlussfeier der University of Michigan die absurde Safe-Space-Kultur angeprangert.

7: Im Tagesspiegel gab es letzte Woche einen Artikel über die Antifa Demo in dem 300-Seelen-Dorf, in dem der thüringische AfD-Chef Björn Höcke wohnt. Den Antifas wurde letztlich verboten, direkt vor Höckes Haus zu demonstrieren. Um das Thema geht es mir gar nicht, sondern mehr um eine Skurrilität am Rande in diesem Artikel, über die ich gestolpert bin, eine Aussage des thüringischen Innenministers:

Ein Missbrauch dieses Grundrechts werde durch die Thüringer Polizei nicht toleriert werden. „Unsere Beamtinnen und Beamtinnen sind auf alles vorbereitet“, versicherte Poppenhäger – und unterstützte ausdrücklich die Position von Ramelow.

Jetzt frage ich mich: Hat der das wirklich so gesagt? Oder hat sich der Journalist da vertan? Und warum fällt sowas beim Korrekturlesen gar nicht mehr auf? Gibts da überhaupt wen, der Korrektur liest? Aber eigentlich ist es nur ein Zeichen dafür, dass diese Phrasen so dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass wirklich niemand mehr genau hinschaut.

Ach ja, um dann doch mal Off-Topic zu werden: Die Antifa hat auch was verlautbart:

Stephan Maßdorf vom Anti-Demonstrationsbündnis hatte in einem Interview mit der „Jungle World“ erklärt, die Linkspartei und die AfD würden nur „sehr wenig“ unterscheiden. […] „Beide können sich mit dem Gemeinschaftskult, der hier herrscht, ganz gut arrangieren.“ Die Linkspartei habe mit ihrem Ost- und Regionalkult den Nährboden geschaffen für die AfD.

Alles Nazis, auch die Linken! Da hab ich eigentlich keine Fragen mehr.

8: Zum Abschluss mal wieder ein wunderbarer Comic von Jesus and Mo, halb On-, halb Off-Topic: