Im Bett ohne Feminismus: Die persönliche Geschichte einer emanzipierten Frau

Es folgt ein Gastartikel der Leserin Hannah, in dem sie beschreibt, wie sie ihre feministische Erziehung hinter sich gelassen hat:

Ich bin Anfang 20 und würde mich nun endlich als emanzipiert bezeichnen – emanzipiert von einem Feminismus, der mich jahrelang eingeschränkt hat. Ich glaube, Feminismus schränkt viele Frauen ein und führt zu viel Frust bei Männern und Frauen, bei mir kam aber hinzu, dass meine Mutter Radikalfeministin ist, sich politisch engagiert und für ein Verbot von Pornos, Prostitution und (sexistischer) Werbung kämpft. Ich wurde also von einer Feministin feministisch erzogen und auch mein Vater ist zwar nicht ganz so radikal, unterstützt meine Mutter aber letztlich in ihren Ansichten.

Feminismus bedeutet für meine Mutter, dass Männer und Frauen sich nur rein biologisch ein klein wenig unterschieden, alle anderen Unterschiede, die wir tagtäglich beobachten können sind das Konstrukt der Gesellschaft. Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird dazu gemacht. Dieses Zitat von Simone de Beauvoir ist wohl einer der Schlüsselsätze. Wie sich Frauen kleiden, welche Berufe sie ergreifen, welche Hobbys sie haben und natürlich auch Gehaltsunterschiede und die Tatsache, dass weniger Frauen in Chefetagen oder der Politik vertreten sind, einfach alles lässt sich demnach auf gesellschaftliche Umstände und rein gar nichts auf biologische Gründe zurückführen. Nebenbei bemerkt sind Frauen bei den rein biologischen Unterschieden – dazu später mehr – natürlich komplexer und irgendwie besser als Männer.

Diese gesellschaftliche Realität, die letztlich verändert werden muss, wird wiederum von Medien, Werbung, Politik, Schulen, sonstigen öffentlichen Institutionen etc. erzeugt oder zumindest verstärkt und konserviert. Allerdings, so das Weltbild, sind die einzelnen Akteure in unterschiedlichem Maß dafür verantwortlich. So wird der Pornoindustrie unterstellt, sie wolle (neben anderen Zielen) bewusst ein „falsches“ Frauenbild bei Männern und Frauen schaffen. Die Marketingbranche oder allgemein die Wirtschaft und große Teile der Medien hingegen verstärken Geschlechterrollen bewusst, aber nicht unbedingt mit einem negativen Ziel und Schulen vermitteln eher aus Unachtsamkeit ein „falsches“ Geschlechterbild.

In der Kindheit bedeutete diese Einstellung für meine Erziehung in erster Linie, dass rosa Kleidung und Prinzessinnenkostüme weitestgehend vermieden wurden und ich statt Puppen auch Lego-Technik geschenkt bekam. Aber außer gelegentlichem Quengeln, um rosa Kleidung zu bekommen, war das für mich als Kind glaube ich kein Drama und wurde logischerweise von mir als Kind nicht hinterfragt. Zu Reibungspunkten kam es dann ab der Pubertät. So wie es eben ganz normal ist, möchte man als Mädchen irgendwann Hotpants, kurze Röcke, bauchfreie Tops anziehen. Natürlich wurde mir das nicht verboten. Denn es ist das absolute Recht jeder Frau, knapp bekleidet rumzulaufen, ohne dass dies einem Mann das Recht gibt, auch nur abschätzig zu schauen (der sog. Male Gaze). Stattdessen gab es dann ein ernstes Gespräch, nicht etwa mit dem Ziel, mich zu bekehren oder zu belehren, sondern um meinen freien Willen und meine Einsicht in die gesellschaftlichen Realitäten zu stärken. Das führte immer mal wieder zu Streit, aber nicht zu einem Hinterfragen der Ideologie. Denn grundsätzlich klang das alles für mich schlüssig. Ich war also lange Zeit eher hin- und her gerissen: Will ich mir wirklich die Fingernägel lackieren oder wurde mir das von Wirtschaft und Werbung nur so eingeredet? Mode, Schmuck, Make-Up, Haarentfernung etc. waren so letztlich ständig Themen, die immer unter den Aspekten Macht und Unterordnung diskutiert wurden und die ich selbst auch ständig hinterfragt habe. Ich habe mich schließlich als Feministin gesehen und wollte jede Handlung unter diesem Aspekt reflektieren.

Ein weiteres Thema, das im Laufe der Pubertät dazu kam, war natürlich Sexualität. Ich habe im Beitrag zum „Mythos vaginaler Orgasmus“ durchaus einiges bekanntes entdeckt. Ganz im Stile Alice Schwarzers wurde mit vermittelt, die Klitoris ist das eigentliche Lustzentrum, Penetration ist vor allem von den Männern gewünscht, bringt der Frau aber nicht viel. Aber auch die Männer möchten nicht nur aus Lustgründen penetrieren, sondern auch als Akt der Besitzergreifung. Vielleicht anders als Schwarzer es sieht, müsse die Vereinigung allerdings nicht per se negativ sein, sondern könne ein Akt der Zweisamkeit, der Verbindung sein – aber bei reiner Penetration eben ohne besonders großen Lustgewinn für die Frau und vor allem nicht als Muss in einer Beziehung. Unabhängig davon wurde es sowohl im Rahmen der Aufklärung, wie ich finde aber auch in mehr oder weniger allen Frauen- und Jugendzeitschriften so dargestellt, als gäbe es ein Recht auf einen Höhepunkt und sei es (alleinige) Aufgabe des Mannes, dafür zu sorgen.

Nun war mir eigentlich schon vor dem ersten Mal klar, dass die Klitoris, zumindest bei mir, nicht dieser Lustknopf ist, den man einfach nur richtig drücken muss und dann kommt man. Ich bin heute nicht mehr sicher, ob ich darüber damals, als mein Sexleben begann, schon nachgedacht habe. Aber wenn ich es nichtmals selbst schaffe, mich einfach so zum Höhepunkt zu bringen, wie sollte das einem (sexuell ebenso unerfahrenem) Jungen gelingen? Vermutlich aber habe ich darüber nicht nachgedacht, sondern hatte einfach die Erwartung, dass das nun seine Aufgabe sei. Gleichzeitig aber hab ich auch eine Art Pflicht empfunden, kommen zu müssen – also beste Voraussetzungen, damit es dann am Ende klappt….nicht. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich bei meinem ersten Freund überhaupt mal gekommen bin. Mit etwas mehr Erfahrung bei mir und meinem jeweiligen Partner änderte sich das zwar etwas, aber der Normalfall war weiterhin, dass ich nicht zum Orgasmus kam und das obwohl ich all die Tipps, die so kursieren, ausprobierte. Recht oft spielte ich den Höhepunkt auch vor. Gar nicht, weil ich wollte, dass der Akt dann vorbei ist, sondern weil ich die Erwartung spürte, dass ich kommen muss, und diese Erwartung wollte ich ihm gegenüber aber auch mir selbst gegenüber erfüllen. Man lügt sich also selbst in die Tasche.

Nun war es natürlich nicht so, dass ich nur noch dauerfrustriert durch die Gegend gelaufen bin. Mir machte der Sex ja durchaus Spaß. Es gab aber eben diese Diskrepanz zwischen dem was mir als Normalität, als Anspruch vermittelt wurde und der Realität. Das führte allerdings noch längst nicht zu einem Hinterfragen dieser vermeintlichen Gewissheiten oder gar der gesamten Konstruktion des Feminismus. Bis dahin sollte es noch lange dauern.

Zunächst einmal entdeckte ich so mit ca. 17 eine sexuelle Vorliebe, durch die ich mich im Grunde dem Mann spielerisch unterwerfe, ihm meine Hingabe zeige, was sich aber eher schwer mit dem Leben als Feministin vereinbaren lässt. Dieser Zwiespalt ließ mich anfangs zögern, obwohl ich diese Vorliebe ausleben wollte und als ich sie dann auslebte war ein schlechtes Gewissen die Folge. Ich wollte weiter Feministin sein, aber es fühlte sich nun für mich an, als wäre ich eine Außenstehende, eine, die dazugehören will, aber nicht mehr kann. Im Grunde fühlte ich mich als Verräterin.  Letztlich zeigen sich beim Sex die natürlichen oder archaischen Neigungen besonders explizit und dies auch bei Personen, die ansonsten Geschlechterrollen ablehnen. Dies erkannte ich wohl ab da immer mehr. Das Hinterfragen des Feminismus blieb zwar weiter zunächst aus, doch im Rückblick würde ich sagen, dass dieses Gefühl, nicht mehr wirklich dazuzugehören in der Kombination damit, sexuelle Befriedigung durch diese Vorliebe und damit unabhängig vom Orgasmus zu erleben, den Ausschlag gab, mich mit der Biologie zu befassen.

Internetrecherchen zum Thema Orgasmus brachten mich allerdings nicht sofort weiter. Wer das Thema googelt findet viel, aber nicht unbedingt biologisches Hintergrundwissen. Ich fand zunächst vor allem Seiten mit klugen Tipps, wie „es auf jeden Fall“ klappt und „Tipps, die jede Frau wissen muss“, darunter praktisch immer die übliche Klitoris-Fixierung, so als wäre das nun eine total neue Erkenntnis und nicht etwa das, was einem ohnehin überall erzählt wird.  Als ich dann auf Artikel stiess, wo erklärt wurde, der weibliche Orgasmus sei nach wie vor ein Rätsel, da er evolutionsbiologisch unnütz sei, machte mich das zwar neugierig aber zunächst auch regelrecht wütend. Selbst die Biologie – oder etwa die männlichen Biologen? – schien den Männern hier ein Privileg einzuräumen. Bis dahin hatte ich tatsächlich nie über irgendwelche biologischen Gründe und Notwendigkeiten nachgedacht und wollte das alles, was ich nun las auch nicht wirklich wahrhaben. Es wurde für mich immer erschreckender. Da wurde der weibliche Orgasmus teils als Unfall der Evolution bezeichnet. Es gab zwar eine ganze Reihe von Theorien, wieso Frauen zum Höhepunkt kommen, aber durchgesetzt hatte sich in Fachkreisen offenbar keine. Die wohl wahrscheinlichste ist tatsächlich, dass der weibliche Orgasmus ein Nebenprodukt des – biologisch notwendigen – männlichen Höhepunkts ist, weil die entsprechenden Voraussetzungen schon teilweise gebildet werden, bevor beim Fötus das Geschlecht festgelegt ist – so wie Männer biologisch unnötig Brustwarzen haben.

Und ich fand Zahlen, nach denen nur jede zehnte bis jede Vierte Frau mehr oder weniger immer kommt und dass das alles auch noch genetisch bedingt sein soll, ob eine Frau eben gut und häufig kommt, eher schwierig oder sogar gar nicht. Mich machte das wütend, ich fühlte mich nun erst recht ohnmächtig, aber es begann auch ein Prozess des Nachdenkens: War das alles, was mir erzählt wurde, nicht richtig und bin weder ich noch meine Partner anormal? Hatte ich sowohl mich als auch meine Partner unnötig unter Druck gesetzt? Und was bedeutete das nun? Ich realisierte immer mehr, es gibt keinen Anspruch auf einen Orgasmus, aber damit eben auch keinen Druck, kommen zu müssen.

Mit dem Loslassen von diesem ganzen Denken, kam ich dann sogar häufiger. Ganz anders als es von Feministinnen dargestellt wird, verlor der Orgasmus nun aber für mich an Bedeutung, ich hörte auf, etwas anzustreben, was unwillkürlich passiert und von dem genetisch determiniert ist, wie schwer oder leicht es passiert. Und auf der anderen Seite gewann der eigentliche Akt, die Penetration an Bedeutung. Die Realisierung der Bedeutung der Biologie veränderte für mich sehr viel. Die ganze Einstellung zum Sex ändert sich. Dazu kam, dass ich mich nicht mehr als Feministin fühlte, aber auch nicht mehr als Verräterin, wie zeitweise vorher. Im Gegenteil, ich fühlte mich nun vom Feminismus verraten. All die Jahre an Frust und schlechtem Gewissen, weil mir im Grunde Lügen erzählt wurden. Und auf einmal war auch klar: Wenn hier die Biologie wichtig ist, dann auch in den ganzen anderen Bereichen, wo ich lange glaubte, das alles wäre komplett gesellschaftlich bestimmt. Es setzte ein Gefühl ein, als hätte man mir die Augen geöffnet und ich sah immer mehr, welche Rolle die Biologie auf unser Verhalten hat und sah damit immer mehr, welcher Unsinn mir über Jahre erzählt wurde, der überall und meist kritiklos weiterhin erzählt wird.

Mittlerweile kann ich mein Sexleben, meine Vorliebe ohne jedes schlechte Gewissen und ohne (Orgasmus-)Druck frei und unbeschwert genießen. Mein früherer Frust hat sich nun in Wut auf den Feminismus gewandelt. Beinahe täglich entdecke ich Artikel, Aussagen, Kommentare zu allen Bereichen des Lebens, die mir mittlerweile komplett absurd erscheinen, die aber offenbar ernst gemeint sind. Da wird ein Sexverbot für Männer, die kein Kondom benutzen, gefordert, Cheerleaderinnen wird ihr Sport verboten, dass Frauen seltener zum Orgamus kommen wird als “Orgasm Gap” zur Ungerechtigkeit stilisiert, Männer sollen erzogen werden, richtig zu sitzen und Siri und Alexa sind sexistisch, weil es Frauenstimmen sind (aber wehe, es wären Männer)… die Liste ist endlos. Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto klarer sehe ich, dass Feministinnen eine neue Unfreiheit auch und gerade für Frauen schaffen.

Male Tears, Male Fears

Tag auch, ich bin der Neue hier! Eigentlich wollte ich etwas zum Thema ‚Antifeminismus‘ schreiben, allerdings ziehen sich die Recherchen dazu noch hin. Um dennoch nicht meinen Einstand zu verpassen, stelle ich stattdessen kurzfristig in paar spontane Gedanken zum Thema männlicher Wertewandel zur Diskussion.

Letzte Woche erregte ein Artikel in der Online-Ausgabe der ’20 Minuten‘ meine Aufmerksamkeit, in dem ein kleiner Teil der Resultate der ‚Shell Jugendstudie 2015‘ mit dem Fokus auf das Mindset junger Männer besprochen wurde. Was mir dabei ins Auge fiel, waren weniger die besprochenen Ergebnisse an sich, als viel mehr die Themengewichtung, die der Artikel vornimmt und die mir schon öfter in Zeitungspublikationen zum Thema Gender aufgefallen war.

‚Die Welt wird weiblicher‘ wird eine der Autorinnen der Studie zitiert in Hinblick auf die 78% der jungen Männer, welche sich bei Entscheidungen ‚auch nach Gefühlen‘ richten wollen (im Gegensatz/in Abwägung zu was, frage ich mich…). Der Artikel vermittelt durch die Auswahl seiner Zitate auch in weiteren Passagen den Eindruck, der ‚weiblicher‘ werdende Mann sei eine Erfolgsgeschichte der emanzipierter werdenden Gesellschaft, obwohl sich die Kategorien, innerhalb derer das angeblich ablesbar sein soll, ziemlich strikt an traditionellen Definitionen von ‚Mann‘ und ‚Frau‘ auszurichten scheinen.

Das ist der eine Aspekt, den ich immer mal wieder in solchen Artikeln wahrnehme; die traditionelle Definition der Geschlechter wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern nur die Attribute neu auf Männer und Frauen verteilt und – sofern es denn einen (vermeintlichen) Shift von ‚männlich‘ zu ‚weiblich‘ gibt – positiv hervorgehoben. Die andere Regelmässigkeit scheint mir die zu enge Darstellung des Meinungsspektrums zu sein: Auf der einen Seite die – ihr könnt euch an dieser Stelle ein verstohlenes Kichern von mir dazu denken – Progressiven (…welche Männer nicht von Geschlechternormen befreien, sondern lediglich die Norm ersetzen wollen…) und auf der anderen der Seite der Teilzeit-Traditionalist (Michel Craman von ‚Mannschafft‘), den man zwischen den Zeilen als Emanzipationsverlierer bashen kann, was besonders schön im letzten Abschnitt zur Geltung kommt: ‚Auch Craman ist ein Anhänger der Gleichstellung. …‘, steht da zu lesen. Ja warum denn auch nicht? Welcher Grund bestünde denn, das Gegenteil anzunehmen? Zwar sagt mir die Organisation ‚Mannschafft‘ nichts, weshalb ich deren Weltbild nicht beurteilen kann, ich finde die unterschwellige Unterstellung aber dennoch unfair.

Natürlich ist das alles ein Stück weit Interpretationssache, aber man entwickelt mit der Zeit halt ein Gespür für gewisse Nuancen und Subtexte.

Zwar teile auch ich Craman’s bisweilen unnötig essentialistischen Aussagen nicht alle (insbesondere beim Wort ‚verweichlicht‘ hatte ich spontan so n‘ bisschen Kotze im Mund), kann aber seine Sorge nachvollziehen:

Michel Craman, Präsident des Männervereins Mannschafft, vermutet, dass die Jungs sich nur so verhielten, weil sie aus Angst vor Vorwürfen unter Druck stehen. «An den traditionellen Männern haftet schnell das Bild des Machos, der nur über Fussball redet und sich zuhause nach der Arbeit auf die faule Haut legt.»

Ich möchte den Grundgedanken des obigen Zitats gerne ein wenig vertiefen; mir ist klar, dass sich die Shell-Studie mit den generellen Lebensperspektiven von Jugendlichen befasst und nicht primär mit deren Bezug zu eigentlicher Emotionalität. Wenn wir aber über den Wertewandel bei Buben und jungen Männern sprechen, ist gerade dieser Aspekt ein zentraler, finde ich. Gefühle zuzulassen und sie offen zu zeigen ist ebenfalls eine, wenn nicht die Anforderung, die an den ’neuen Mann‘ gestellt wird und ich finde es grundsätzlich Klasse, Männer dazu zu ermutigen.

Allerdings – so nehme ich die Stimmung in der Gesellschaft zumindest persönlich wahr – meint ‚offener‘ Umgang mit Gefühlen im Subtext den ‚weiblichen‘ Umgang damit; auch hier scheinen die Handlungsoptionen, die Männern neuerdings als legitim zugestanden werden, nicht vielfältiger, sondern lediglich in ein neues Rollenkorsett überführt zu werden. Dass ‚weiblich‘ dabei offenbar klischeehaft-traditionell ausgelegt wird, wird dem emotionalen Spektrum von Frauen und seinen Ausdrucksformen übrigens genauso wenig gerecht.

Warum lässt mir der Gedanke keine Ruhe?

Kommunikation kennt – verbal wie nonverbal – so viele Ausdrucksformen, wie es Individuen gibt; wenn eine Junge seine Emotionen mit Tränen ausdrücken will, ist das o.k.; will er schweigen und lieber nachdenken, über etwas, das ihn bedrückt, ist das o.k.; will er etwas verarbeiten, in dem er in Gesellschaft eines guten Freundes belanglosen Smalltalk macht und nebenher n‘ bisschen auf seiner Playstation zockt, ist das o.k.. Will ein und derselbe Junge mal weinen und mal witzeln, wenn ihn etwas emotional mitnimmt, ist das o.k. … ihr merkt, worauf ich hinaus will. Ein Junge, der weint ist kein Weichei und einer, der es nicht tut, ist kein Macho oder unemanzipiert.

Eine Debatte über den männlichen Umgang mit Gefühlen, welche falsche Korrelationen als Bewertungskriterien implementiert, bereitet mir Unbehagen. Das ‚offene‘ Zeigen von Emotionen geriete dadurch in vielen Fällen zu einer Karikatur seiner selbst, einer sinnentleerten Performance, welche die Idealvorstellung all derer bedienen soll, die es schlicht nichts angeht. Schliesslich soll der individuelle Umgang mit Emotionen, denjenigen weiterbringen und reifen lassen, der sie empfindet und niemanden sonst.

Sollte sich so ein Verhalten durchsetzen, würden Buben und junge Männer in Zukunft wohl mehr reden – und dennoch weniger sagen. Und das ist etwas, was ich tatsächlich zum Heulen fände.

Wie eingangs erwähnt, lege ich hier nur ein paar spontane Gedanken dar, vielleicht sehe ich Einiges auch zu dramatisch. Was ist eure Einschätzung dazu?

Jungs und rosa Einhörner.

Eigentlich schreibe ich solche Sachen eher auf meinem eigenen Blog, aber da ich finde, dass das hier gut reinpasst, und für heute noch kein Beitrag drin ist, landet es beim Geschlechterallerlei.

Mein Sohn ist sieben Jahre alt, interessiert sich für allerlei „Jungskram“ sprich Autos, Fußball, Lego Technic und was es halt noch so gibt. Nun interessiert er sich seit einer Weile vermehrt für die Spielsachen seiner Schwester. Er mag mit ihren Fillys spielen und kuschelt ganz gern mit ihren Kuschel-Einhörnern. Ist für mich kein Problem, seine Schwester allerdings findets nicht so prall, weil er sie immer um ihre Sachen anbettelt. Daher spielte sich kürzlich folgendes Gespräch ab:

Sohn: „Schwester, krieg ich deine Regenbogen zum kuscheln?“ [Regenbogen ist ein fliederfarbenes Kuscheleinhorn mit mehrfarbigen, glitzernden Hufen sowie farblich passendem Horn und Zaumzeug]

„Hmm, nö. Ich mag lieber selber damit kuscheln.“

„Krieg ich dann Sternchen?“ [Rosa Kuschel-Einhorn]

„Warum willst du immer mit meinen Kuscheltieren kuscheln? Du hast doch eigene!“

Mein Partner schaltet sich ein: „Weißt du was, wenn du so gern mit Einhörnern kuschelst, dann kaufen wir dir einfach ein eigenes, und du musst nicht immer die von deiner Schwester nehmen.“

Sohn murmelt: „Nö.“

– „Und warum nicht?“

Sohn antwortet zögernd: „Weil die anderen sonst lachen.“

Etwa so lief das ab. Seitdem grüble ich, wie ich es hinbekomme, dieses Ding aus der Welt zu schaffen, und auch wenn das vielleicht seltsam rüberkommt: Wie würdet ihr das angehen?

 

Dürfen Jungs weinen?

Dieses Video bringt die Problematik ganz gut rüber, wie ich finde.

Hierzu möchte ich euch etwas erzählen, was sich vor etwa zweieinhalb Jahren in unserem Kindergarten zugetragen hat.

Mein Sohn, damals noch nicht ganz oder gerade eben fünf Jahre alt, bekam einen neuen Platz in der Garderobe zugewiesen und war momentan mit der Situation überfordert. Er steigerte sich in einen waschechten Heulkrampf hinein.

Eine andere Mutter, deren Sohn etwa im selben Alter ist wie meiner, begann damit, dass sie uns schräg anschaute. Als nächstes begann sie, auf meinen Sohn einzureden, so à la „Was regst du dich denn auf, schau mal, die anderen Kinder weinen doch auch nicht!“ und schloss mit der Feststellung „Du bist ein Junge und Jungs weinen nicht!“ Dass ich gerade dabei war, beruhigend auf ihn einzureden, ignorierte sie dabei geflissentlich. Ich informierte sie darüber, dass ich das mit meinem Sohn ganz gut allein klären kann und damit war die Sache für mich erledigt.

Einige Tage später holte ich meinen Sohn vom Kindergarten ab, und der Sohn von der oben erwähnten Mama wurde ebenfalls von ihr abgeholt. Er kam weinend aus dem Kindergarten gelaufen, doch anstatt ihn zu trösten rügte sie ihn und befahlt ihm, er solle aufhören zu heulen, denn Jungs weinten schließlich nicht.

Es ist natürlich ihre Sache, ob sie ihren Sohn tröstet oder zusammenscheißt, wenn er weint. Doch innerlich wühlte mich dieser Vorfall ziemlich auf, denn ich selbst bezeichne meinen Sohn nicht als Heulsuse, wenn er weint. Ich tröste ihn. Dies hat mit meiner gesamten Erziehungs-Philosophie zu tun, welche ich nach Marshall B. Rosenbergs „gewaltfreier Kommunikation“ gestalte. Zumindest versuche ich es nach Kräften, und natürlich gilt auch hier: mal gelingt es mir besser, und mal nicht so gut.

Mich interessieren an dieser Stelle vor allem folgende Fragen:
1) An diejenigen von euch, die selbst Kinder haben: Wie handhabt ihr das, speziell bei euren Jungs? Tröstet ihr sie, wenn sie weinen? Wertet ihr das Weinen als „weibisch“ ab? Oder wie reagiert ihr?
2) An die Männer: Weint ihr auch mal, wenn euch etwas emotional berührt?
3) An die Frauen [und natürlich auch die Männer]: Wie findet ihr das, wenn ein Mann weint? Ist es für euch okay oder eher no-go?

Ich selbst halte nichts davon, Gefühlsäußerungen zu unterdrücken. Klar, im Berufsleben braucht es Professionalität und keine Gefühlsduselei. Wobei man hier, je nach Beruf, auch mal eine Ausnahme machen kann. Und wer bietet schon gern in der Öffentlichkeit eine Angriffsfläche, indem er oder sie vor aller Augen weint. Ich jedenfalls nicht. Aber innerhalb der Familie? Kann mann es wagen? Oder widerspricht es dem, was gemeinhin unter „Männlichkeit“ verstanden wird? Kann man – soll man – daran etwas ändern oder ist es zu  fest in unseren Köpfen verankert?