Kurznachrichten vom 15.01.2017

1: Aktuell brodelt immer noch #metoo und die Gegenrede der 100 französischen Frauen, angeführt von der Diva Catherine Deneuve. Diese hat sich jetzt teilweise bei Opfern sexueller Gewalt dafür entschuldigt, ihr mitunterzeichneter Aufruf sei evtl. missverständlich gewesen sein. Tatsächlich sieht sie aber keinen Grund, inhaltlich etwas davon zurückzunehmen.

In dem offenen Brief von über hundert Frauen werde sexuelle Belästigung in keinster Weise gerechtfertigt, ansonsten hätte sie ihn nicht unterschrieben, erklärte die Schauspielerin. Den Vorwurf, keine Feministin zu sein, wies sie zurück.

In einem Interview mit der FAZ verteidigt Mitautorin Catherine Millet den Aufruf. Zwei Ausschnitte:

Gut, dann sprechen wir doch von den Nuancen. Am Anfang Ihres Textes schreiben Sie: „Die Vergewaltigung ist ein Verbrechen, aber eine plumpe Anmache ist kein Delikt.“ Sind Sie wirklich der Ansicht, man mache da keinen Unterschied?

Ehrlich gesagt, ja. Vor ein paar Tagen hörte ich im Radio eine Feministin, die gegen unseren Text argumentierte. Und sie erklärte genau das: Man dürfe nicht mehr unterscheiden, man müsse einen Mann, der einem irgendwie lästig wird, sofort anzeigen. Ich finde das verrückt. Es gibt doch wohl sehr viele sehr unterschiedliche Formen des Lästig-Seins. Manche davon sind schlimm, viele sind es nicht. Die zu unterscheiden, die graduellen Nuancen nicht einfach zu verwischen, das scheint mir essentiell.

Glauben Sie nicht, dass das jede Frau anders empfindet?

Natürlich, aber gerade deshalb sollte man es doch jeder Frau überlassen, das für sich selbst zu entscheiden, selbst zu wissen, wo ihre Grenze liegt. Gerade deshalb, gerade weil jede Frau das anders empfindet, bin ich dagegen, dass man uns eine Moral von außen auferlegt.

Sie sprechen auch von Puritanismus.

Ja, für mich huldigt ein Großteil dieser Feministinnen einer puritanischen Utopie, in der die Komplexität der Sexualität vollkommen glattgebügelt wird. Um eine sexuelle oder sogar nur eine romantische Beziehung mit einem anderen einzugehen, muss einer offensiv sein, sonst passiert nichts. Da kann es schon mal sein, dass man sich ungeschickt oder plump verhält. Ist das so entsetzlich? […]

Sie sind also nicht gegen die #MeToo-Bewegung oder den #balancetonporc-Aufruf („Prangere dein Schwein an“), sondern gegen das, was Sie als Ausschweifungen der Bewegung bezeichnen?

Na ja, sagen wir es so: Ich bin persönlich dagegen, dass man so ernste Angelegenheiten wie eine Vergewaltigung auf dem Marktplatz von heute, also im Netz verhandelt. Dass man Männer in den sozialen Netzwerken eines solchen Deliktes beschuldigt, sie öffentlich denunziert, bevor man sich an die Justiz gewandt hat – für mich ist das der Wilde Westen. Wir leben in zivilisierten Gesellschaften, wir haben Gesetze, die dazu da sind, uns zu schützen, stattdessen wählt man die öffentliche Anklagebank und rechnet vor den Augen aller mit diesem oder jenem ab. Außerdem habe ich wirklich ein Problem mit diesem Begriff.

Dem des Schweines?

Ja. Die meisten werden es vergessen haben, aber unter den Nazis waren die „Schweine“ die Juden. Zur „Denunziation“ der „Schweine“ aufzurufen scheint mir also, von allem anderen mal abgesehen, zutiefst schockierend. Zumal mir diese Generalisierung nicht gefällt. Dass alle Männer jetzt plötzlich Tiere sind. Was soll denn das? Natürlich gibt es Männer, die zu weit gehen, aber das ist ja nicht die Regel.

2: Harald Martenstein vergleicht im Tagesspiegel die öffentlichen Rezeptionen zweier aktueller Dauerthemen, nämlich die #metoo-Kampagne auf der einen Seite und die Gewaltdelikte muslimischer Migranten auf der anderen Seite.

In der „Me too“-Debatte ist zu Recht von den kulturellen Faktoren die Rede, die Missbrauch begünstigen: Chefetagen voller Männer, Kumpanei, machtlose, verängstigte Frauen. Bei der Gewalt von muslimischen Migranten ist dagegen jeder Fall ein Einzelfall. Die Taten haben höchstens am Rande mit Prägungen zu tun. Und die Statistik ist sowieso rassistisch. […] In der „Me too“-Debatte ist kaum eine Emotion groß genug, Wut ist Trumpf. In der anderen Debatte wird relativiert, dass sich die Balken biegen. Die einen Opfer sind traumatisiert, die anderen Opfer sind nicht selten tot.

3: Kommen wir zum zweiten großen Aufregerthema der Woche, der Liebesgeschichte zwischen Malvina und Diaa, die im November vom Kinderkanal ausgestrahlt wurde, aber nach dem Mord an der 15-jährigen Mia in Kandel erst richtig von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde und so in die Kritik kam. Die FAZ bietet eine gute, auch leicht kritische Zusammenfassung der Debatte.

Am Samstag kam beim Hessischen Rundfunk (HR) eine Wiederholung der Sendung mit anschließender Diskussionsrunde, die aber m.E. eine Farce war, denn man hatte einen Kritiker der Sendung gegen vier Verteidiger antreten lassen, und dieser Kritiker war auch noch von der AfD, so dass das Setting klar war: Nur die Bösen können etwas gegen eine Liebesbeziehung zwischen einer deutschen 16jährigen und einem syrischen Flüchtling haben, dessen Alter nach wie vor ungeklärt ist, aber mit derzeit 20 angegeben ist*. Wenn man also ein kleines Problem darin sieht, dass er bei ihr keine kurzen Röcke akzeptiert, keine männlichen Freunde, die sie auch noch umarmen möchte, wenn er ihr das Kopftuch andient, gegen dass sie sich noch sträubt, aber wenigstens verzichtet sie ihm zuliebe schon auf Schweinefleisch, also wenn man darin evtl. ein Problem sehen könnte, dann kann man ja nur einer dieser ewiggestrigen Rassisten sein.

Die neuesten interessanten Details sind noch nicht im FAZ-Artikel enthalten, nämlich dass Diaa auf seinem Facebook-Profil die Seite des Islamisten-Predigers Pierre Vogel geliked hat, und dafür die fadenscheinige Begründung gibt, er habe an einem Gewinnspiel teilnehmen wollen, aber die Seite nicht inhaltlich erfasst und stehe nicht dazu. Bei dem „Gewinnspiel“ ging es um eine Reise nach Mekka. Und als nächstes taucht noch ein Foto von ihm auf, wo er auf einer Kanone posiert und das auf arabisch kommentiert, dass er Deutschland islamisieren wolle.

* Diaa, der auch noch Mohamed heißt, welcher Name davon der erste ist, blieb bisher unklar, sieht m.E. mindestens aus wie 25, wenn nicht 30, hat einen veritablen Vollbart, in  dem auf manchen Fotos schon ein paar graue Härchen zu sehen sind. Auf seinem Facebook-Profil gibt es 5 Jahre alte Bilder, auf denen er auch schon sehr erwachsen aussieht. Und zudem gibt der HR an, in seinem Pass stünde als Geburtsdatum 1998. Gleichzeitig hat man verkündet, dass er vor kurzem 20 geworden sei. Kann es evtl. sein, dass Mohamed Diaa zufällig am 1. Januar geboren ist, wie zufällig viele andere unbegleitete minderjährige Flüchtlinge? Wer traut sich, dagegen zu wetten?

Und wie immer in letzter Zeit, hat man zu dem Fall von Feministinnen noch keinen Ton gehört. Wenn das kein syrischer Flüchtling, sondern ein deutscher Mann wäre, er wäre längst als sexistischer Möchtegern-Pascha gebrandmarkt worden.

4: Die Richard Dawkins Foundation hat einen Beitrag von Jeffrey Tayler bei Quilette übersetzt, in dem er die Femen-Aktivistin Inna Schewtschenko porträtiert und interviewt, die sich gegen den Kulturrelativismus und den Verrat der regressiven Linken an ihren ehemaligen Idealen sowie deren Anbiederung an den (politischen) Islam ausspricht.

Der Verrat vieler sogenannter Liberaler, wenn es um das Verhältnis von Islam zu Terrorismus und Frauenrechten geht, hat sie tief getroffen. „So viele auf der Linken – im Englischen heißen sie regressive Linke, aber hier nennen wir sie Islamogauchisten – haben den Manipulationen der Islamisten nachgegeben. Für diese Linke wurde Kommunitarismus – ethnische Identitätspolitik, die eine direkte Verneinung des französischen Ideals der Gleichheit darstellt – eine neue Religion.“ Sie atmet tief ein. „Wenn so viele Menschen, die eigentlich auf deiner Seite stehen sollten, auf die Manipulationen deines Gegners reinfallen, dann fühlst du nur noch Verzweiflung. Es gibt dieses Argument laut dem Kritik am Islam rassistisch ist. Das ist Gift für die öffentliche Debatte. Ich habe kein Problem damit islamphob genannt zu werden. Ich bin tatsächlich sogar religions-phob. Es ist kein Verbrechen, Angst vor Religion zu haben. Als Frau Angst vor Religion zu haben, ist normal.“ […]

Sie hegt großen Zorn gegen diejenigen Liberalen, die darauf bestehen, den Islam nicht zu kritisieren, weil dies in ihren Augen Trump oder Marine Le Pen dabei hilft, ihr Narrativ über Muslime zu verfestigen. Solche „Liberalen“ sagt sie, schlagen ernsthaft vor, „Frauenrechte, Sicherheit, das Wohlergehen kleiner Mädchen, das fundamentale Recht auf Meinungsfreiheit, ja sogar das Recht auf unseren eigenen Lebensstil und die Art wie wir uns kleiden, laut auf der Straße zu lachen, all das aufzugeben, aus Angst nicht mit den Meinungen der Rechtsextremen in Verbindung gebracht zu werden! Für mich ist das keine Lösung, sondern Feigheit und sehr gefährlich. So sind Fremdenfeinde die einzig verbleibenden Islamkritiker, die die Bühne für sich allein haben. Aber dies ist kein Thema für die Rechtsextremen. Es ist ein Thema für die gesamte Gesellschaft. Wenn ich höre, wie Liberale derart sprechen, begreife ich, dass sie und die Islamisten dasselbe wollen: Die Unterdrückung progressiver Stimmen. Wenn man diese Stimmen zum Schweigen bringt, wird man ein Verbündeter des Islamismus.“ […]

Donald Trumps Wahl zum Präsidenten ist „ein perfektes Beispiel, für das Versagen der Demokraten, das Problem beim Namen zu nennen.“ Trump hat mit der Angst der Amerikaner vor der terroristischen Bedrohung gespielt, so dass sie für den einzigen Kandidaten stimmten, der willens war, das Problem anzusprechen.“ Trump, so sagt sie, ist ein „Clown, die Parodie eines Politikers, eines Menschen, ein Cartoon der genauso auch von Charlie Hebdo erdacht sein könnte. Und er gewann, weil die Demokraten es nicht fertigbrachten, ehrlich über den Islam zu reden.“

Zur Gänze lesenswert.

5: Ein Bäcker in den USA muss einem lesbischen Pärchen 135.000 US-Dollar Schmerzensgeld bezahlen, weil er sich aus religiösen Gründen geweigert hat, dem Paar die Hochzeitstorte zu backen. Das Paar fühlte sich „mentally raped“.

In the lawsuit, the two women claimed to have been mentally raped and said that they have suffered 88 symptoms of emotional distress as a result of Sweet Cakes By Melissa refusing to sell them a wedding cake.

6: Zum Abschluss ein Filmtipp: Gestern Abend lief auf der ARD die Dokufiction „Härte“, die wahre Geschichte des ehemaligen Karate-Meisters und Zuhälters Andreas Marquart, verfilmt von Rosa von Praunheim. Marquardt wurde jahrelang von seiner Mutter sexuell missbraucht und geriet unter anderem dadurch auf die schiefe Bahn. Ein wirklich aufrüttelnder, authentischer Film, der unter die Haut geht. Unbedingt ansehen. Trailer gibts schon mal hier:

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Laurie Penny, Stoßarbeiterin der feministischen Bewußtseinsindustrie

Nachdem ich zuletzt einen Aufsatz von Rebecca Solnit aus den »Blättern für deutsche und internationale Politik« (»die größte politisch-wissenschaftliche Monatszeitschrift im deutschen Sprachraum«) kritisiert hatte, hatte crumar mich darauf hingewiesen, dass dieselbe, hust!, Fachzeitschrift auch einen Artikel von Laurie Penny publiziert hat. Der Artikel heißt »Feminismus: Die Befreiung der Männer« und beruht auf dem Kapitel »Verlorene Jungs« in Pennys Buch »Unsagbare Dinge«. Spoiler vorneweg: der Aufsatz ist so unterirdisch wie befürchtet. Warum also, so kann man fragen, noch einmal der Aufwand einer ausführlichen Auseinandersetzung? Mein Hauptgrund lautet: Eigenbedarf. Ich rücke in meiner Kritik den Begriff des Patriarchats ins Zentrum, und da muss ich natürlich auch ein Relevanzargument liefern. Und! Überraschung!(Nicht) Der Begriff spielt im Aufsatz eine tragende Rolle. Ich bin zwar der Meinung, dass sich die um diesen Begriff herum entstandenen ideologischen Denkfiguren auch ohne den Begriff selbst nachweisen lassen, aber kann mir Steilvorlagen von reichweitenstarken Autorinnen wie Solnit und Penny kaum entgehen lassen – hier bekomme ich das Relevanzargument sozusagen vom befrackten Domestiken auf dem Silbertablett serviert, mit Schleifchen dran und Zucker obendrauf. Nur das persönliche Grußkärtchen fehlt, dafür muss ich leider erst berühmt werden. In der Summe werde ich der verehrten Leserschaft daher im Folgenden nichts wirklich neues erzählen. Interessant könnte allerdings sein, wie Pennys Text funktioniert und auf welche Weise sie ihre Botschaft ins Ziel zu bringen versucht. Außerdem ist dies meine erste Auseinandersetzung mit Laurie. Zu ihr wurde also möglicherweise bereits alles Nötige gesagt – nur eben noch nicht von mir! 🙂

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Rebecca Solnit und zweierlei Schweigen im »Patriarchat«

Ich werde ja sofort hellhörig, wenn in öffentlichen Debatten (oder, wie man im Internetzeitalter wohl ergänzen muss, in öffentlichen Debatten von hinreichender geistiger Schöpfungshöhe) tatsächlich explizit die Vokabel vom »Patriarchat« verwendet wird. Jetzt ist sie mir in einer Zeitschrift begegnet, die ich abonniert habe, nämlich in den »Blättern für deutsche und internationale Politik«, die als »politische Fachzeitschrift« gilt und dem eigenen Anspruch nach »die größte politisch-wissenschaftliche Monatszeitschrift im deutschen Sprachraum« ist, und zu deren Herausgeberkreis unter anderem linksliberale Akademiker wie Micha Brumlik, Dan Diner, Claus Leggewie und Jürgen Habermas gehören. In der aktuellen Ausgabe 1’18 findet sich ein Artikel von Rebecca Solnit mit dem Titel »Die Geschichte des Schweigens oder: Wie das Patriarchat uns mundtot macht« (online nur hinter Paywall), der ausweislich Fußnote auf ihrem jüngst erschienenen Buch »Die Mutter aller Fragen« beruht. Da nun die Frage danach, ob und inwieweit es so etwas wie ein »Patriarchat« überhaupt gibt und gegeben hat und ob es zudem sinnvoll ist, die moderne Gesellschaft als »Patriarchat« zu bezeichnen, für mich »die Mutter aller Fragen« darstellt, habe ich mich entschlossen, meiner Lektüre des Artikels einen Blogpost folgen zu lassen.

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Kurznachrichten vom 02.12.2017

Arne hat Recht, die Nachrichtenlage ist gerade ziemlich mau. Aber zwei Nachrichten sollten Euch nicht vorenthalten werden.

1: Die AfD hält an diesem Wochenende in Hannover ihren Bundesparteitag ab. Dabei steht auch ein Antrag zum Verbot der männlichen Beschneidung auf dem Programm, und Spiegel Online entblödet sich nicht, das wie folgt zu beschreiben:

Der sächsische Bundestagsabgeordnete Detlev Spangenberg fordert unter dem Titel „Diskriminierung des männlichen Kindes stoppen“ ein Beschneidungsverbot – was gegen muslimische und jüdische Kinder zielt.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Nicht die Beschneidung verletzt fundamentale Rechte von muslimischen und jüdischen Kindern, nein, deren Verbot würde das tun.

Bei N-TV wird das nicht ganz so krass dargestellt, aber immerhin so:

Und der Bundestagsabgeordnete Detlev Spangenberg will mit einem Antrag die „Diskriminierung des männlichen Kindes stoppen“ und fordert ein Beschneidungsverbot, was eine direkte Konfrontation gegen Muslime und Juden darstellt.

Nein, nein, es kann natürlich nicht sein, dass sich der Gottseibeiuns für Menschenrechte einsetzt. Die benutzen arme kleine Jungs ja nur, um ihre Islamophobie und ihren Antisemitismus auszuleben. Wisst Ihr was? Es ist mir sowas von scheißegal, warum sie das tun. Hauptsache, es geht in dieser Sache voran. Traurig ist nur, dass bisher alleine ausgerechnet die AfD sich dafür einsetzt. Die anderen Parteien haben sich damit ja bisher nicht mit Ruhm bekleckert, wo sie doch sonst so gerne die Menschenrechte aufs Schild heben. (Um fair zu sein: Ausgenommen die LINKE, die bei dem epochalen Beschluss des Bundestages am 12.12.2012 zur expliziten Erlaubnis der männlichen Beschneidung mehrheitlich dagegen gestimmt hat.)

2: Lauren Southern ist auf eine feministische Demo gegangen und hat den protestierenden Feministinnen eine einfache Frage gestellt. Die Antworten sind bezeichnend:

 

»Blutwurst«: Jakob Augsteins Plädoyer für den Terror

 

Die um den Hashtag #metoo und die sexuellen Übergriffe Hollywoods entbrannte öffentliche Debatte nimmt an Schärfe zu. Im Deutschlandfunk hat Thea Dorn am 10. November aus Anlass des Hinauswurfs von Kevin Spacey aus »House of Cards« (sowie aus einem Film über Paul Getty) vor zwei Wochen den Vorwurf erhoben, dass wir in einer »hysterisch-bigott hypermoralisierten Gesellschaft« lebten und im Begriff seien, in einen moralischen Totalitarismus zu geraten:

»In so einem System bin ich doch von morgens bis abends nur noch damit beschäftigt zu überlegen, hat mich wer beleidigt, hat mich wer komisch angeguckt, hat mich wer irgendwie genannt, anstatt den Leuten, den Menschen zu sagen: Kinder, das gehört zum Erwachsenwerden, das gehört, um in dieser Welt zu überleben, dass man eine gewisse Abwehrkraft entwickelt.« (Thea Dorn)

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Kurznachrichten vom 20.11.2017

1: Die Süddeutsche Zeitung berichtet darüber, dass man an Schwedens Universitäten eine Frauenquote für alles einzuführt, was in Seminaren gelesen wird – nicht nur Sekundär-, sondern auch Primärliteratur, und welche aberwitzigen Folgen das hat. Der Beitrag von Thomas Steinfeld ist für die SZ ungewohnt kritisch, was Berichte über die absurden Auswüchse von Political Correctness angeht.

Politisch brisant ist das Versprechen der „Normkritik“ aus mehreren Gründen. Zum ersten verwechselt es das aus den Idealen der Demokratie hervorgehende Prinzip der „Gleichberechtigung“ mit dem Prinzip der „Gleichstellung“. Dabei handelt es sich aber nicht um dieselbe Sache. Denn während die „Gleichberechtigung“ auf die Voraussetzungen zielt, unter denen ein Mann, eine Frau oder wer auch immer sich in die Wechselfälle des gesellschaftlichen Lebens begibt, verlangt das Prinzip „Gleichstellung“, die Dinge umgekehrt, also vom Resultat her, zu betrachten.

„Gleichgestellt“ kann eine Gesellschaft erst dann sein, wenn jede ihrer Fraktionen im gesellschaftlichen Leben angemessen repräsentiert ist, weshalb das Prinzip „Gleichstellung“ dem Prinzip „Gleichberechtigung“ zumindest latent widerspricht: Wenn die Ergebnisse aller Anstrengungen immer die gleichen sein sollen, wird man auf unterschiedliche Voraussetzungen Rücksicht zu nehmen haben. Dann muss man Menschen absichtlich ungleich behandeln, um am Ende Gleichheit erzeugen zu können – irgendwann vielleicht. Weil solche Ungleichbehandlungen aber durchgesetzt werden müssen, immer und überall, setzt das Prinzip der „Gleichstellung“ eine permanente Kontrolle aller gesellschaftlichen Aktivitäten voraus. „Gleichstellung“ ist deswegen ohne einen autoritären Staat nicht zu haben.

In der Tat ist das ungewöhnlich deutlich für die Verhätnisse der SZ, insbesondere der letzte Satz, den auch Fefe in einem süffisanten Kommentar herausstellt.

2: Ein Oberster Richter aus dem Bundesstaat Ohio, Bill O’Neill, der auch für den Senatsposten in Ohio kandidiert, prahlte mit seinem Sexleben, um klarzustellen, dass für ein politisches Amt absolute moralische Reinheit nicht vonnöten sei. Natürlich gab es einen entsprechenden Shitstorm und O’Neill musste teilweise zurückrudern.

3: Ein AfD-Abgeordneter fragt im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern die SPD-Frau Nadine Julitz eine ganz einfache Frage, nämlich wieviele Geschlechter es ihrer Ansicht nach gebe. Was die Befragte ganz gehörig ins Stottern bringt.

4: Nur der Vollständigkeit halber: Das Urteil gegen Gina-Lisa Lohfink wegen falscher Verdächtigung ist nun endgültig rechtskräftig.

5: Und nun zum Boulevard und zur toxischen Weiblichkeit: Eine Frau beauftragt einen Auftragskiller für ihnen Mann und wird dabei ertappt.

Warum ich Axe Movember empfehle

Es ist Movember, also der Monat, um auf Männergesundheit aufmerksam zu machen! Nachdem ich das Thema zuletzt vor drei Jahren hier im Blog angeschnitten hatte, machte ich unlängst eine erfrischende Entdeckung:

In den Niederlanden und Belgien hat Axe dieses Jahr eigens Duschgel und Deospray namens „Movember“ herausgebracht – inklusive Schnurrbart auf der Verpackung. Darauf befindet sich außerdem eine Anleitung, wie man seine Hoden kontrolliert – um frühzeitig Hodenkrebs zu erkennen.

Mit jedem verkauften „Axe Movember“ unterstützt Axe die Movember-Stiftung, die sich für Männergesundheit einsetzt. Besondere Aufmerksamkeit liegt dabei auf Themen wie Prostatakrebs, Hodenkrebs, psychische Gesundheit und Selbstmordprävention (siehe Erklärung bei der Drogeriekette „Kruidvat“).

Mit Sprüchen wie „Habt Ihr die Eier, um Euch um Eure Gesundheit zu kümmern?“ sollen insbesondere junge Männer angesprochen werden, für die Gesundheitsthemen „uncool“ seien. Das passt insofern, als Hodenkrebs eine der häufigsten Krebsarten bei jungen Männern ist (siehe Blog der Drogeriekette „Kruidvat“).

Ich muss sagen: Das ist doch mal ein Kommerz, der mir gefällt!

Rettung durch Konsum?

Wie heißt es doch so schön: Nur Nixon konnte nach China gehen.

Wer könnte besser auf ein ernstes, unangenehmes Thema aufmerksam machen als eine Firma, die in der Vergangenheit in ihrer Werbung auf Spaß und (Hetero-)Männerphantasien setzte? Legendär etwa die Fahrstuhl-Werbung von 1997, die neben dem „normalen“ guten Ende auch zwei Varianten mit Oma und Rocker hatte:

Oder der Clip über „die ideale Frau“, bei der in verschiedenen Sprachen genau das gesagt wird, was Männer gerne hören würden:

Heute kann ich mir so etwas gar nicht mehr vorstellen. Die Fahrstuhl-Werbung würde als „rape culture“ gebrandmarkt und die Werbespots über die „ideale Frau“ natürlich als sexistisch, wenn nicht sogar ein Bezug zu Vergewaltigungsdrogen hergestellt würde.

Zum Vergleich: Axe spricht mit „Movember“ ein Thema an, das Florian Rötzer von Telepolis trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse ignorieren möchte, wohl um sich als „besonders modernen Mann“ darzustellen. Also, da habe ich doch lieber ehrlichen Konsum als falschen Idealismus!

Meta

Vor etwa einem halben Jahr hatte ich erklärt, warum ich weniger bloggen werde. Leider ist es, was das Verfolgen der Blogblase angeht, bei mir nicht besser, sondern sogar schlechter geworden. Ich bin praktisch raus. Mir fehlt die Zeit und Konzentration.

Dazu kommt noch, dass ich selbst für dieses Blog hier nicht die Muße finde, die Autoren und Leser verdient haben. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, gegen Ende des Jahres einen Schnitt zu machen und – von eventuellen Gastartikeln abgesehen – mit dem Bloggen aufzuhören.

Das kommt bei mir nicht mit einem traurigen, sondern einem zufriedenen Gefühl: Das Blog an sich läuft soweit und die Blogblase ist so groß, dass ich es nicht mehr schaffe, alles mitzubekommen. Da geht doch viel mehr als zu meiner Einsteigerzeit!

Die grundsätzlichen Themen sind soweit für mich abgehakt. Ich erlebe nur noch selten, dass ich etwas ganz Neues lerne. Der tägliche Wahnsinn wird soweit gut begleitet; auch die Einordnung von scheinbar neu aufflackernden Themen in einen größeren Kontext klappt gut. Wenn ich jemandem ein Buch empfehlen will, brauche ich nur „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ von Arne Hoffmann zu nennen, da steht alles wesentliche schön unaufgeregt drin. Was wünsche ich mir mehr?

In den letzten Monaten begegne ich immer häufiger Männer und Frauen, die „aufgewacht“ sind. Sie beurteilen die neueste „virtue signalling“-Mode kritisch, sie fordern echte Gleichberechtigung, sie rufen zu eigenständigem Denken und Hinterfragen auf, statt sich einfach in seiner Wohlfühlblase aufzuhalten, wo einem niemand wehtut. Sie sind mutiger als ich, weil sie unter Klarnamen auftreten und ihr Gesicht zeigen. Das sind die Menschen, die ich unterstützen möchte.

Ich erlebe auch, dass Themen und Positionen, die ich früher aus in der Blogblase kannte, plötzlich ins reale Leben herübergeschwappt sind. Andere Leute sprechen sie von sich aus mir gegenüber an. Sicher, bis zu irgendwelchen politischen Lösungen wird es noch dauern, denn die Politik reagiert bekanntlich als letztes. Aber das bleierne Schweigen, das ist nicht mehr da. Die Botschaft in die Welt hinaustragen und die Flamme weiter entfachen – das gilt es jetzt für mich zu tun.

Durch das Lesen und Diskutieren habe ich viel gelernt. Ich bin davon überzeugt, dadurch ein besserer Mensch geworden zu sein als ich zuvor war, der deutlich positiver durchs Leben geht. Gerade die Möglichkeiten zu erkennen, wie ich mein eigenes Leben besser gestalten kann, hat mich auf die richtige Bahn gebracht. Vielen Dank dafür!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da es heute um eine Aktion in den Niederlanden und um einen absehbaren Abschied ging: Dieses Lied ist das Lied von Reinhard Mey in den Niederlanden!

Reinhard Mey: Gute Nacht, Freunde