J. B. Peterson im ZEIT-Interview – Zusammenfassung, Analyse, Kommentar

Als erste große deutsche Zeitung, hat ausgerechnet die relativ feministische ZEIT sich die Ehre gegeben, dem äußerst einflussreichen politisch-unkorrekten kanadischen Denker Jordan B. Peterson ein Interview (Paywall) zu geben. Das Interview wird in der Schweiz stattgefunden haben, wo Peterson gerade auf Tour ist. Das Interview ist fair, ausführlich (5 Seiten) und mit gebotener Seriösität und kritischer Distanz. Auf einen Teaser und eine Einleitung, die Peterson erst einmal ins falsche Licht rücken sollen, wurde natürlich trotzdem nicht verzichtet:

„Junge Männer haben gar nichts“

Der kanadische Bestsellerautor Jordan B. Peterson ist der globale Star einer neuen Männlichkeitsbewegung. Er hält das Patriarchat für naturgegeben.

Die Überschrift soll wohl suggerieren, Peterson meine, dass junge Männer total arm dran und ausgebeutet sind, während Frauen alles hätten. Dergleichen will Peterson mit diesem Satz aber nicht zum Ausdruck bringen, sondern etwas völlig anders, was ohne Zusammenhang unverständlich ist. Ich werde unten darauf eingehen. Weiter heißt es, Peterson sei „Star einer neuen Männlichkeitsbewegung“, was dann in den Zusammenhang mit „dem Patriarchat“ gestellt wird. Das ist wörtlich nicht falsch, doch die ZEIT hantiert hier mit Begriffen, die ohne Kontext irreführend sind. Dieser Teaser mit seinen Schlagworten dient in erster Linie dazu, Peterson als einen Geschlechterkrieger vorzustellen, was jedoch eine grobe Verzerrung seines Werkes darstellt. Doch auch dazu unten mehr. Zunächst zum Einleitungstext:

Jordan B. Peterson gilt manchen als „einflussreichster Intellektueller der westlichen Welt“ („New York Times“). Sein Buch „12 Rules for Life“, das einfache Regeln für ein gelungenes Leben herleitet, wurde weltweit mehr als zweieinhalb Millionen Mal verkauft. Petersons YouTube-Kanal hat 1,8 Millionen Abonnenten, auf Twitter folgt ihm eine Million, auf einer Art Welttournee sprach er bereits vor mehr als 250.000 Menschen. Manche seiner meist männlichen Verehrer nennen sich „Hummer“, weil Peterson deren archaisches Dominanzverhalten als Beispiel für die patriarchalische menschliche Gesellschaft dient. Sein 20 Jahre altes, verrätseltes Hauptwerk über das Entstehen von Mythen und Glaubenssystemen [ZEIT meint: Maps of Meaning] fand kaum 500 Käufer – jetzt, im Zuge seines plötzlichen Erfolgs, ist es auf Deutsch erschienen („Warum wir denken, was wir denken“, mvg Verlag). Das späte zweite Leben des 56-Jährigen begann erst vor wenigen Jahren mit seinem öffentlichen Kampf gegen Political Correctness und mit teils irritierenden Thesen zum Verhältnis der Geschlechter. Für Empörung sorgte etwa sein Tweet, man werde für die Frage gekreuzigt, ob Feministinnen den Islam deshalb nicht kritisierten, weil sie sich unbewusst nach männlicher Dominanz sehnten. […]

In dieser Zusammenfassung ist immerhin nichts inhaltlich falsch; doch entscheidende Informationen fehlen hier in so auffälliger Weise, dass ich böse Absicht vermute: Peterson ist ordentlicher Professor der Toronto University und in erster Linie ist er nicht Feminismuskritiker oder überhaupt politischer Denker, sondern akademischer und klinischer Psychologe! Er beschäftigt sich mit Religion, Bibel, Literatur, Evolutionsbiologie, Ethik und Gesellschaft aus psychologischer (jungianischer) Perspektive und nur nebenbei kommt es vor, dass er die letzten Wasserstandsmeldungen zum Geschlechterkampf kommentiert. Es ist ein grundsätzliches Problem der (deutschen) Medien, dass Peterson als Wissenschaftler nicht ernst genommen wird und in erster Linie als eine Art politischer Provokateur wahrgenommen (und verunglimpft) wird, wie der nächste Satz bezeugt:

Heute ist er ein Star der Maskulinisten, die die Männlichkeit gegen die Anfeindungen des Feminismus verteidigen – und der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung. […]

Ah ja. Was die ZEIT unter „Maskulinisten“ versteht und wie viele Jahre Höllenfeuer es laut der Redaktion nach sich zieht, wenn man Männlichkeit gegen den Feminismus verteidigt, kann man sich gut vorstellen, wenn Peterson im selben Satz erst einmal mit dem Rechtsextremismus in Verbindung gebracht wird. Vorsicht Kinder, das ist Bäh! Jeremy-Pascal, nimm sofort den Atommüll aus dem Mund!! Ob es diverse Rechtsextreme gibt, die Peterson etwas abgewinnen können, ist nicht von Interesse. Seine Zielgruppe sind sie jedenfalls nicht. Seine politische Grundhaltung ist liberal-konservativ. In seinen Vorträgen geht er regelmäßig auf die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts ein und sucht z.B. nach gemeinsamen Ursachen von Kommunismus und Faschismus. Im Interview selbst behauptet die ZEIT noch einmal, dass sein Publikum rechtsextrem ist, was Peterson zurückweist.

Aber halten wir uns nicht länger mit dem manipulativen „linksextremen“ Vorgeplänkel auf. Ich werde im folgenden wichtige Teile des langen Interviews passagenweise zitieren, ggf. zusammenfassen, analysieren und kommentieren:

 

Gleichstellungsfrage

Das erste Thema ist natürlich – wie könnte es anders sein – die ökonomische Ungleichheit von Mann und Frau. Peterson rattert routiniert herunter, was er zu Gender Pay Gap und Gender Mainstreaming zu sagen hat. Chancengleichheit ist nicht gleich Ergebnisgleichheit, weibliche Präferenz zur Kinderbetreuung und Pflege, männliche Präferenz zur Karriere und hoch bezahlten Berufen, etc… altbekannte Dinge halt, die jeder halbwegs belesene Feminismuskritiker so oder so ähnlich erklären würde und für die man eigentlich kein Interview mit Peterson machen müsste. Die ZEIT und die bürgerlich-feministische Leserschaft lassen sich das alles aber vorsichtshalber noch einmal durchkauen, um die Tatsache, dass freie Frauen eher keine Männerrolle einnehmen wollen, ganz langsam und allmählich zu verdauen. Wahrscheinlich hätte die ZEIT auch ein Interview mit Albert Einstein gemacht, um sich noch einmal erklären zu lassen, wie man eine Glühbirne … aber lassen wir das.

Dann geht Peterson kurz auf seine bedeutende Theorie von „agreeableness“ und „non-agreeableness“ ein und führt diese beiden gegensätzlichen Charaktermerkmale als Faktor für die durchschnittlich niedrigere Bezahlung von Frauen ein:

[…] Frauen sind auch konfliktscheu. Und konfliktscheue, verträgliche [„agreeable“] Menschen verdienen weniger, weil sie für sich selbst nicht so gut verhandeln.

Agreeable und non-agreeable bzw. disagreeable sagen aus, inwiefern Menschen bereit sind, Widerspruch zu leisten und ich gehe davon aus, dass er diese Begriffe im englischen Original benutzt hat. Peterson erklärt in seinen Vorträgen regelmäßig, dass agreeableness eine tendenziell weibliche Eigenschaft ist und non-agreeableness tendenziell männlich. Dies wirkt sich natürlich (unter anderem) auf den Lohnanspruch aus. Ich persönlich würde allerdings nicht sagen, dass Frauen „nicht so gut verhandeln“, sondern ich würde eher meinen, dass sie eine andere Zielsetzung haben. Sie haben ganz einfach nicht den eigenen Anspruch, möglichst viel bei einer Gehaltsverhandlung heraus zu holen, weil dies ihren sozialen Status nicht erhöht. Bei der Frage, welche Chancen Peterson dem umgekehrten Ernährermodell (Karrierefrau, Hausmann) einräumt, kommt er auf die Frage des sozialen status selbst zu sprechen:

Peterson: Ich glaube nicht, dass das funktioniert, insbesondere weil Frauen den niedrigeren Status ihrer Männer nicht tolerieren können, der damit verbunden ist.

Dies ist natürlich eine Verallgemeinerung, was die ZEIT auch prompt bemängelt. Doch diese Verallgemeinerung ist als soziologisches Modell aufzufassen und nicht als Aussage über Einzelfälle. Des weiteren sollte man bei Peterson beachten, dass er in der Regel als Psychologe über unterbewusstes Handeln spricht. Wenn er also davon redet, dass Frauen von Männern Status und Geld verlangen, dann meint er nicht unbedingt, dass sie das bewusst tun.

Männlichkeitskrise und Sexualität

Peterson soll zum Incel-Terroristen von Toronto Stellung nehmen, den er angeblich in Schutz genommen haben soll. Peterson weist das zurück und erklärt stattdessen, dass er nur versucht habe, die psychischen Beweggründe des Täters nach zu vollziehen:

Nur die Zugehörigkeit zu einer schwachsinnigen Organisation ist keine Erklärung. Ich habe gesagt, dass der junge Mann böse auf Gott war, weil die Frauen ihn zurückgewiesen hatten. […]

Um das Thema „böse auf Gott“ wird es später noch ausführlicher gehen.

ZEIT: Sie haben aber auch gesagt, dass „erzwungene Monogamie“ für [Incels] eine Lösung wäre. Das ist verstörend.

Peterson: Das ist in erster Linie ein anthropologischer Fachbegriff und bezeichnet die sozialen Normen, die langfristige monogame Beziehungen fördern. Es gibt eine starke Neigung vieler Kulturen zu erzwungener Monogamie, auch Gesetze können dies begünstigen. Ein Grund dafür ist, dass polyamore Kulturen extrem gewalttätig werden. Jeder weiß das.

Petersons Ausführungen sind hier recht plump. Soweit ich weiß, ist er der Meinung, dass eine monogame gesellschaftliche Ordnung sicher stellt, dass kein Mann zu kurz kommt und daher nicht aggressiv wird. Das mag schon sein, doch was das nun mit den Incels zu tun haben soll, bleibt schleierhaft. Dass „jeder weiß“, dass „polyamore Kulturen extrem gewalttätig werden“ ist mir neu. Die Tyranneien des 19. und 20. Jahrhunderts waren jedenfalls nicht „polyamor“ und die Gewalttätigkeit in der modernen islamischen Gesellschaft, auf die Peterson hier möglicherweise anspielt, hat mit Polyamorie nichts zu tun. Sehr schwacher Teil, doch es folgt ein stärkerer:

ZEIT: Was läuft falsch bei jungen Männern? Sie reden oft über deren Probleme.

Peterson: Das, was immer falsch lief. Warum sind sie für eine vernünftige Frau nicht attraktiv? Junge Männer haben gar nichts, keine Begabung, keine Fähigkeiten, keine Erfahrung. Sie haben Jugend und Potenzial, das ist schon was, aber …

ZEIT: Das gilt genauso auch für junge Frauen, oder?

Peterson: Keineswegs. Junge Frauen sind schön und attraktiv.

ZEIT: Junge Männer nicht?

Peterson: Das ist nicht dasselbe.

ZEIT: Warum?

Peterson: Weil Männer keine Babys haben.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Peterson: Männer und Frauen wählen einander auf unterschiedliche Weise. Eine wichtige Eigenschaft für die Paarungsattraktivität ist die Jugend von Frauen. Sie ist für Männer in Bezug auf Frauen viel wichtiger als umgekehrt – das gilt für alle Kulturen, denn Jugend bei Frauen wird mit Fruchtbarkeit assoziiert. Nicht bei Männern, jedenfalls kaum. Männer und Frauen wählen einander nach Intelligenz, Humor, physischer Attraktivität aus – aber es gibt eben Unterschiede.

ZEIT: Und die jungen Männer?

Peterson: Sie haben sich noch nicht etabliert, also sind viele von ihnen nicht besonders attraktiv. Frauen auf Datingsites bewerten 85 Prozent der Männer unterdurchschnittlich, bei Männern ist es fifty-fifty.

Das ist übrigens der Zusammenhang, aus dem die ZEIT die Artikelüberschrift gerissen hat. Ich denke, inhaltlich ist dem nichts weiter hinzuzufügen. Peterson führt dann weiter aus, dass sich diese Situation heute durch Digitalisierung, Pornofizierung und den „Kollaps traditioneller Heiratsstrukturen“ verschärft hat, doch dieser Teil ist dann leider wieder ziemlich vage gehalten. Er will darauf hinaus, dass die Krise junger Männer durch die traditionelle Ehe überwunden werden kann und casual sex mit Vorsicht zu genießen ist.

Außergewöhnlich interessant dabei ist, dass Sexualmoral auf dem ersten Blick etwas für Konservative, für Traditionalisten wie mich zu sein scheint. Aber gerade die radikale Linke hat einen Knoten in der Unterhose wegen der sexuellen Übergriffe. Die #MeToo-Bewegung ist überall. In 20 amerikanischen Staaten haben wir Gesetze, die die ausdrückliche Zustimmung zu Sex regeln, und es gibt sexuelle Verhaltensregeln an den Universitäten, nach denen Sie jeden kleinen Schritt in einer intimen Beziehung vorher mündlich verhandeln müssen. Das gute alte sexuelle Tabu, das wir glaubten, los zu sein, manifestiert sich bei der radikalen Linken noch stärker, und das heißt doch was.

Ja sehr richtig, das heißt sehr wohl etwas. Doch was, lässt Peterson dabei leider offen, weswegen ich hier mal eine Interpretation dieses Befundes wage: Die zeitgenössische feministische Prüderie, dieser neue Viktorianismus, entspringt in einer Verdrängung der tabuisierten („sexistischen“) erotischen Wünsche und einer Projektion dieser auf die „toxische Männlichkeit“. Diese Projektion, diese Beschämung des Gegenübers, ist für die gut-bürgerliche akademische mehr oder weniger feministische junge Generation die einzige Möglichkeit der Offenbarung des eigenen hochpeinlichen natürlichen Trieblebens (neben der Pornographie versteht sich). Gerade bei Metoo und im feministischen Sexualstrafrecht offenbart sich in diesem Sinne der starke Wunsch nach sexueller patriarchaler Unterwerfung. Die Feministinnen von heute sind zumindest von dominanter Männlichkeit offensichtlich völlig fasziniert, so viel steht fest. Man erkennt es ja schon an dem verklemmten Verhältnis des Feminismus zum Islam, das Peterson ja schon süffisant kommentiert hat (siehe oben). Und damit kommen wir zum nächsten Thema: Dem „Patriarchat“, das Jordan Peterson, ja für naturgegeben halten soll, wie die ZEIT im Teaser schon vorlaut heraus prusten musste. Doch was genau heißt das?

 

Chaos und order

Peterson: […] Soziale Hierarchien repräsentieren Ordnung – und sie sind männlich. […] Die Gesellschaft ist ein Patriarchat – das bedeutet, sie ist männlich dominiert. Das genau ist mein Punkt, es ist eine natürliche Kategorie. Die andere Frage ist: Warum steht das Weibliche für Chaos? Zunächst: Irgendetwas muss Chaos sein, denn das ist der Gegenspieler von Ordnung. Da ist aber noch mehr, denn das Weibliche ist die Natur, Mutter Natur – ein Prozess, der Reproduktion organisiert. Während menschliche Weibchen sexuell selektiv sind, sind sie die Natur. Das ist nicht nur symbolisch. Natur ist, was auswählt, das ist die darwinistische Definition. Und das sind die Frauen. […]

Um das zu verstehen, ist zunächst eine Erläuterung zu Petersons Grundbegriffen von chaos und order von Nöten. Chaos ist zunächst nichts böses oder schlechtes, sondern die unberührte Natur, die jenseits von Gut und Böse ist. Diese assoziiert Peterson mit dem weiblichen Prinzip, wie er es in dem Abschnitt erklärt. Order (also Ordnung) ist das schöpferische männliche Prinzip – die menschliche (oder auch göttliche) Ordnung. Weiblich und männlich sind hier zunächst als Symbolisierungen zu verstehen. Diese Konzepte hat sich Peterson nicht selbst ausgedacht, sondern sie aus seinen Studien zu Mythen, Bibel, Brauchtum und der analytischen Psychologie Carl Jungs entnommen bzw. abgeleitet. Sie bezeichnen, um es noch einmal zu betonen, ein Phänomen des Unterbewusstseins. Auf die konkrete menschliche (Geschlechter-)Ordnung sind diese Prinzipien nur bedingt anzuwenden. Diesbezüglich sagte Peterson einmal den netten Satz: „Männer testen Ideen, Frauen testen Männer“. Peterson erteilt allerdings einer patriarchalen sozialen Ordnung eine klare Absage (leider ohne dies zu begründen). „Das Patriarchat“, das Peterson für naturgegeben hält, wie uns die ZEIT am Anfang weismachen wollte, ist also nicht das fiese Weinstein-Hitler-Unterdrücker-Patriarchat aus der lüsternen feministischen Fieberfantasie, sondern er redet über den psychologischen Vaterarchetypus aus der analytischen Psychologie von Jung, bzw. – wie ich persönlich es nenne – das Patriarchat der Seele. Und dieses Patriarchat existiert heute wie vor 10000 Jahren. Es ist nun mal naturgegeben. Unterdrückung ist es, es zu verleugnen. Wenn Peterson nun sagt „Die Gesellschaft ist ein Patriarchat“, meint er, dass der Ursprung jeder gesellschaftlichen Ordnung dem Vaterarchetypus entspringt, wodurch jede Rebellion gegen die Ordnung eine Rebellion gegen den psychologischen Vater ist, wie im folgenden vielleicht deutlicher wird:

Peterson: Betrachten wir die symbolische Repräsentation – sagen wir Ordnung-Männlichkeit. Sie teilt sich in zwei gleich mächtige archetypische Unterkategorien, eine ist positiv, die andere negativ. Die positive ist der weise König, die negative der Tyrann. Der Tyrann allein, glauben die Radikalen, sei unsere Kultur. Aber das ist nicht nur so – man kann es fälschlicherweise so sehen, weil jede Kultur auch ein Monster ist. Die menschliche Geschichte ist vom ersten Tag an von Blut und Katastrophen gezeichnet. Jede soziale Struktur bringt auch Schreckliches hervor. Aber man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Radikalen kritisieren das Patriarchat nur für seine blutige und brutale Seite.

Peterson als PC-Gegner

Machen wir weiter mit etwas weniger abstrakten Themen. Wie ich ja schon angemerkt habe, krankt die mediale Peterson-Rezeption daran, ihn in erster Linie als einen politischen Provokateur o.ä. wahrzunehmen. Wenn man sich die vorangegangenen Passagen anschaut, ist das allerdings nicht verwunderlich. Seine Thesen sind unvermeidbar politisch, eben weil sie politisch-unkorrekt sind.

Peterson: […] Es ist kompliziert, weil ich vor einigen Jahren in diese politische Debatte verwickelt wurde, worüber ich nicht sehr glücklich bin, aber …

ZEIT: Sind Sie nicht?

Peterson: Nein, überhaupt nicht! Ich finde das sehr anstrengend. Die Politiker in Kanada haben damit begonnen, Dinge zu beeinflussen, in die sie sich verdammt noch mal besser nicht eingemischt hätten.

ZEIT: Sie meinen die Sprache?

Peterson: Die Regulierung der öffentlichen Rede – das ist ein großer Fehler. Ich fand das nicht akzeptabel, aber ich bin nicht erfreut, in diesen hitzigen Streit hineingezogen worden zu sein.

Und weiter unten:

ZEIT: Macht es Ihnen nicht auch große Freude, diese ganzen Linken zu provozieren?

Peterson: Nein. Nein. Es klingt abgefahren, aber ich genieße das nicht. Ich bin eher konfliktscheu. Die Folgen davon, diese Konflikte nicht auszutragen, schrecken mich aber noch mehr. Als klinischer Psychologe weiß ich, was es bedeutet, Probleme ungelöst zu lassen.

Und im weiteren Verlauf:

Eine Reihe von wissenschaftlichen Artikeln erscheint demnächst im American Psychologist, der Flaggschiffpublikation meiner Zunft, die hervorheben, was gegen Mikroagression unternommen werden muss. […]

… was aus seiner Sicht auf das Verbot von Sarkasmus, wütenden Äußerungen und Witzen hinauslaufen wird. An anderer Stelle betont er eindringlich die Wichtigkeit der freien Rede und des freien Denkens an den Universitäten, deren Grenzen Peterson ja selber regelmäßig aufgezeigt bekommt.

 

Peterson als Person

ZEIT: In Ihrem ersten Buch schreiben Sie, den archetypischen Helden charakterisiere „die Weigerung, Bedeutung für Sicherheit zu opfern“. Sind Sie das?

Peterson: Ja, definitiv.

ZEIT: Sie sind also ein Held?

Peterson: Das ist ein Ideal.

[…] Schon vor langer Zeit habe ich einen Entschluss gefasst: Ich berechne nicht die Konsequenzen dessen, was ich sage. Ich sage, was ich denke. Das ist ein ganz anderer Seinszustand. Ein fundamentales Element des Glaubens an die Macht der Wahrheit ist, dass man nicht plant. Wie bei diesem Interview. Ich bin nicht hier hereingekommen und habe gedacht: „Das will ich erreichen.“ Sondern: „Sie werden mir Fragen stellen, und ich werde Ihnen so gut antworten, wie ich nur kann.“

Diese Grundeinstellung ist meiner Meinung nach der wesentliche Grund dafür, dass er so souverän wirkt und nicht wie ein Funktionär, der sein Programm abarbeitet. Bei seinen Vorträgen hat er meist nur einen groben roten Faden, meistens schweift er lange ab und lässt sich von seinen Gedanken treiben, ohne sie groß zu steuern. Er verlässt sich in gewisser Weise darauf, von einer höheren Weisheit als der bewussten eigenen gelenkt zu werden. Bzw. wie er es formuliert:

Das Problem mit der Planung ist, dass man bestenfalls das bekommt, was man will. Sie bekommen nie das, was besser ist als das, was Sie wollen. […]

Dies lässt Petersons Vorträge zu etwas außergewöhnlichen werden, was ihn zusammen mit seinen Ratschlägen und Ermahnungen an sein Publikum bisweilen wie einen Prediger wirken lässt.

ZEIT: Und doch wirkt es, wenn man die Verehrung der Menschen sieht, als seien Sie auf dem Weg, eine Art Glaubensführer zu werden.

Peterson: Religiöse Annahmen liegen dem Weltbild aller Menschen zugrunde.

Der Begriff „religiös“, den Peterson hier verwendet ist unpräzise. Gemeint ist das archetypische Unterbewusstsein. Leider antwortet er nicht direkt auf die Frage, die darauf anspielt, dass er vielen Menschen Hoffnung, (männliches) Selbstbewusstsein und vor allem Orientierung gibt. Petersons Hauptfeind ist nämlich nicht die PC oder der Marxismus oder dergleichen, sondern eigentlich der Nihilismus, den er als Rebellion gegen Gott auffasst. Einer seiner wichtigsten Referenzen ist Friedrich Nietzsche, der bekanntlich formuliert hat, dass der moderne Mensch „Gott getötet“ hat und der sich nun den Kopf darüber zerbrach, wie diese Verbindung wieder hergestellt werden kann. Carl Jung hat Nietzsches Werk weitergeführt, indem er Gott in der menschlichen Psyche wiederfand, wenn man so will. Peterson wiederum ist, wie schon mehrfach dargestellt, in erster Linie Jungianer. Ein religiöser Führer ist er damit nicht, weil Peterson kein religiöses Dogma und keine konkrete Gottesvorstellung vermittelt und auf dem Boden der Naturwissenschaft bleibt. Auch wenn er getauft ist, ist sein Weltbild konfessionslos, aber keineswegs atheistisch und auch nicht wirklich agnostisch. Petersons Verständnis von Gott psychologisch und greift auch hin und wieder in die Mystik hinein. Seine Vorträge können daher wie Predigten wirken und sind durchaus auch dazu gedacht den Glauben an Gott, bzw. wie Peterson es häufig nennt „das Göttliche“ zu stärken bzw. zu entdecken.

[…] Ich spreche zu den Menschen über die Schwierigkeiten ihres Lebens und darüber, dass diese unvermeidbar sind. Die Vorträge sind sehr dunkel. Aber je mehr sich die Menschen den dunklen Dingen stellen, desto besser können sie sich vorstellen, sie zu überwinden. Es gibt keinen radikalen Optimismus ohne vorherigen radikalen Pessimismus. Die gesamte psychologische Literatur über die erfolgreiche Behandlung psychischer Störungen basiert auf dieser Idee.

Mit viel Leidenschaft und Energie redet Peterson in seinen Vorträgen über die Massenmorde des 20. Jahrhunderts, Psychopathen und die Hölle auf Erden, die man erfährt, wenn man sein Leben nicht in den Griff bekommt. „Catastrophy“, „pathologic“, „bitter and resentful“, „literally hell“ und weitere sind Worte die jeder auswendig mitsprechen kann, der sich ein paar der Vorträge angeschaut hat. Die hellen und schönen Seiten der Welt bzw. der Psyche, die Liebe, das Paradies, die Ausschweifung kommen dagegen eher kurz.

ZEIT: Haben Sie jemals nachts wachgelegen und sich gefragt, ob Sie die Büchse der Pandora geöffnet haben?

Peterson: Jede einzelne Nacht. Und das meine ich todernst.

Peterson ist ein eher düsterer Typ, der in tiefe menschliche Abgründe geschaut hat, aber eben daraus seine Weisheit bezieht. Er gibt gelegentlich ein Carl-Jung-Zitat zum besten, dass auch in diesen Zusammenhang passt: „Die meisten Menschen finden Gott nicht, weil sie nicht tief genug suchen.“

 

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Brandenburg hebelt freies Wahlrecht aus

Nach der Verabschiedung des Gesetzes standen Abgeordnete von SPD, Linken und Grünen im Plenarsaal auf und klatschten.

Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ)

Der brandenburger Landtag hat heute einen Gesetzesvorschlag der rot-roten Landesregierung über ein „Parité-Gesetz“ angenommen. Das Gesetz sieht vor, dass bei Landtagswahlen die Parteien verpflichtet sind, die Wahllisten zu gleichen Anteilen und abwechselnd mit Frauen und Männern zu besetzen. Die Direktkandidaten in den Wahlkreisen bleiben von der Regelung aber ausgenommen, obwohl die Grünen vorgeschlagen hatten, die Parteien zu verpflichten jeweils zwei Wahlkreiskandidaten aufzustellen. Dieser Eingriff in das freie Wahlrecht ging dann der rot-roten Regierung aber doch zu weit, wahrscheinlich weil sie dann selber Probleme bei der Aufstellung der Direktkandidaten bekommen hätte.

Die kommenden Landtagswahlen im September sind übrigens noch nicht von der Quote betroffen sondern erst die übernächsten. Zunächst kann in Brandenburg also noch einmal frei gewählt werden.

 

Ist das Gesetz Verfassungskonform?

In der brandenburger Landespolitik gibt es jedoch auch Kritik. MAZ:

CDU, AfD und Freie Wähler lehnten das Gesetz ab und äußerten Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit der neuen Regelungen, weil es die Wahlfreiheit der Bürger einschränke. Eine Verfassungsbeschwerde kündigten die Piraten-Partei an, die nicht im Landtag vertreten ist.

Auch die brandenburger FDP kontert  und beruft sich auf den Verfassungsgrundsatz des Freien Wahlrechts. Ich persönlich bin mir übrigens nicht mal so sicher ob das brandenburger Paritätsgesetz wirklich verfassungswidrig ist, denn die brandenburger Landesverfassung geht in Sachen „Gleichstellung“ durchaus weiter als das Grundgesetz. Art. 12 (3) der Landesverfassung ist brisant:

„(3) Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Das Land ist verpflichtet, für die Gleichstellung von Frau und Mann in Beruf, öffentlichem Leben, Bildung und Ausbildung, Familie sowie im Bereich der sozialen Sicherung durch wirksame Maßnahmen zu sorgen.“

Da haben die Brandenburger damals anscheinend nicht aufgepasst, was für eine Verfassung sie da unterschreiben, den ein solcher Artikel öffnet feministischer Willkürherrschaft Tor und Tür. Von daher wundert es mich auch nicht, dass Brandenburg das erste Land ist, in dem dieser gefährliche feministische Blödsinn eingeführt wird. Zwar gibt es andere Verfassungsartikel die einer Parlamentsquote widersprechen (freies Wahlrecht Art 22(3) und ein Verbot rechtlicher Ungleichbehandlung Art 12(2)), doch im Falle sich widersprechender Verfassungsgrundsätze gilt es halt abzuwägen. Die feministische Sicht könnte sich dabei durchsetzen. Die Idee, die Demokratie einzuschränken wird dadurch aber natürlich nicht besser.

 

Bundesweiter Trend zum quotierten Wahlrecht

Brandenburg ist mit dem neuen Parité-Gesetz bundesweiter Vorreiter in Sachen Gender-Demokratie. Ähnliche Schritte werden von den linken Parteien in Deutschland aber auch in anderen Bundesländern wie z.B. Thüringen, geplant  und vorallem auch für die Bundesebene vorbereitet. Hier machen sich nicht nur Grüne, Linke und SPD für die Einschränkung des freien Wahlrechts stark, sondern auch verschiedene Politikerinnen der CDU, allen voran CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer.

Ich arbeite zur Zeit an einer „Femokratenliste“, einer Übersicht über alle Politiker und Organisationen, die sich in den Kopf gesetzt haben, die Gleichstellungsideologie über das demokratische Prinzip zu stellen und damit aktiv gegen das Grundgesetz arbeiten. In diesem Beitrag wird es dann auch eine ausführlichere verfassungsrechtliche Analyse geben.

Bis dahin können alle schon mal die DDR-Hymne auswendig lernen. Und dabei bitte immer hoffnungsvoll lächeln und salutieren:

Warum mir nur eine Sache einfällt, dir ich als Mann gerne machen würde, aber nicht tue

Alles Evolution hat mal wieder eine Frage in die Runde: Was würden Männer gerne machen, wenn es nicht als „weiblich“ oder „Sozial unakzeptabel“ für ihr Geschlecht angesehen würde?

Das wäre ein wunderbarer Aufhänger für eine Blogparade. „Worum beneidet ihr das andere Geschlecht?“ wurde vor ein paar Monaten gefragt – das wäre ebenfalls ein guter Kandidat gewesen. Aber ich habe zu lange gezögert, aus meinem damaligen Kommentar einen ganzen Artikel zu machen. Diesmal soll’s besser werden!

Um die jetzige Frage zu beantworten, lohnt es sich, einmal zurückzublicken: Grundsätzlich bin ich gerne ein Mann und ich glaube, dass für mich nicht viel anders wäre, wenn ich das andere Geschlecht hätte. Schon bei diesem Blogstöckchen gab es die Frage „Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann bist?“ und darauf antwortete ich nur mit der Einschränkung [j]eweils bezogen auf „in der Öffentlichkeit“:

Zartheit zeigen. (…) Nähe und Wärme. (…) Verletzlichkeit und Verletztheit.

Das ist aber nichts, was ich mir vollständig verkneifen würde – nur eben das ungebremste Ausleben. Es ist ja auch nicht schlimm, sondern anständig: Vermutlich stehe ich mit der Einschätzung nicht alleine dar, dass es unangemessen sein kann, wenn man öffentlich, also vor wildfremden Leuten, persönliche Gefühle offenbart. Man zwingt damit andere Menschen zu einer Reaktion.

Obwohl die 36 Fragen an Männer, wie etwa Lucas Schoppe analysierte, in Wirklichkeit Zuschreibungen wie „Männer mögen keine romantischen Komödien oder denken, dass das sozial inakzeptabel ist.“ enthielten, fällt es mir leicht, das durch mich persönlich zu widerlegen: Ich mag durchaus romantische Filme.

Was ich selbst im Freundeskreis nicht tue

Eine Sache ist mir aber doch eingefallen, die ich – unter meinem vollen Namen – allenfalls sehr vorsichtig und nur vor ausgewählten Personen mache: Kritik an irgendeiner Form von Feminismus äußern.

Denn „ein Mann kritisiert eine bestimmte Einstellung einer Variante des Feminismus“ wird verallgemeinert zu „ist gegen Feminismus“, was behandelt wird wie „ist gegen Gleichberechtigung“, „will das Frauenwahlrecht abschaffen“, „will Frauen unterdrücken“, „hasst Frauen“.

Öffentlicher Aufruhr, egal ob angemessen oder nicht, kann dazu führen, dass Leute ihre Arbeit verlieren. Das passiert sogar in prominenten Fällen wie Nobelpreisträger Tim Hunt. Möchte ich das für mich riskieren? Natürlich nicht.

Ich mache mir da keine Illusionen: Es spielt keine Rolle, ob ich gleichzeitig Artikel schreibe wie „Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind“ (für die ich woanders gescholten werde). Auch wenn es logisch falsch ist („Nicht jede Kritik an X ist Anti-X.“), würde ich mit einer öffentlich geäußerten Kritik als Antifeminist abgestempelt – wobei es dann kein Wunder ist, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt:

Es ist natürlich ein unredlicher Taschenspielertrick, etwa Kritik an radikalfeministischen Strömungen als grundsätzlich antifeministisch zu brandmarken, dabei wohlwissend, dass man den Gegner in einer Debatte damit leicht das Etikett „ist gegen Gleichberechtigung“ oder „frauenfeindlich“ anhängen kann und ihn damit indiskutabel macht. Da verschiedene Zweige des Feminismus zum Teil zueinander konträre Haltungen vertreten (etwa „für“ oder „gegen“ Prostitution), wird daraus ein Totschlagargument: Egal, was jemand zu dem Thema vertritt, man kann ihn immer als antifeministisch abstempeln!

Und genau vor diesem Hintergrund freue ich mich, wenn irgendwelche Filterblasen platzen und unangenehme Meinungen wieder geäußert werden können. Ich wünsche ideologischen Gegnern auch nicht, dass sie zum Schweigen gebracht werden, indem sie sozial vernichtet werden.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Manchmal ist Schweigen Gold – nicht, weil man klüger ist, sondern weil Reden gefährlich wäre.

The Tremeloes: Silence is Golden

Gastartikel: LoMi zur Debatte angesichts der Übergriffe in Köln

LoMi ist wieder da – und da er nach eigenem Bekunden derzeit nur kommentiert und nicht selbst bloggt, erlaube ich es mir, seinen Kommentar zu den Kurznachrichten vom 19.01.2016 zu einem Gastartikel zu befördern, denn er ist aus meiner Sicht so lesenswert. Also, ab jetzt (bis zur Popkultur) O-Ton LoMi:

Ich halte diesen Kommentar für ziemlich falsch. Meiner Meinung nach ist die Debatte längst noch nicht zum Kern vorgestoßen. Die Behauptung, dass der Feminismus widersprüchlich ist, ist nicht neu und nicht originell und erklärt nichts. Es ist auch zu sehr Agenda seiner Kritiker, dem Feminismus Bigotterie nachzuweisen. Man erkennt es daran, dass Feminismus und “links” schnell gleichgesetzt werden. Das ist nicht immer eine echte Verbindung. Feminismus ist oft genug pseudopolitisch oder gar reaktionär.

Es ist Tatsache, dass der Feminismus angesichts der Vorfälle von Köln versagt und hier versucht, vom Flüchtlingsthema abzulenken. Aber ich glaube nicht, dass man damit bereits alles gesagt hat. Der Kommentar greift zu kurz.

Man kann der Sache nur Herr werden, wenn man alle Seiten betrachtet. Es ist nun einmal so, dass das Thema Köln einen zeitgeschichtlichen Kontext hat, der auch AfD und Pegida beinhaltet. Das Spannungsfeld zwischen Ablehnung und Befürwortung der Flüchtlingsaufnahme bildet den Hintergrund. Insofern kann das Verhalten einer politischen Interessengruppe nicht isoliert betrachtet werden. Es ist immer auch Reaktion auf etwas.

Im gegenwärtigen Klima in Deutschland ist es schwer, so etwas wie Köln sachlich zu diskutieren. Die Silvesternacht wird von links wie rechts genutzt, um eigene politische Agenden nach vorne zu treiben. Zur politischen Strategie gehört es allzumal, den politischen Gegner möglichst zu diskreditieren und so die öffentliche Meinung auf die eigene Seite zu ziehen. Der Vorwurf der Lüge und der Heuchelei sind dabei Standardwerkzeuge. Schon immer haben sich Parteien aller Couleur gegenseitig Lüge, Egoismus, Korruption, ideologische Verblendung und Dummheit vorgeworfen. Diese Art Vorwürfe sind selber das Phänomen, das man reflektieren muss. Sie sind hier immer Teil des politischen Kampfes.

Die Feminismuskritiker übersehen, dass sie allzu schnell falsche Freunde gewinnen und somit sich vor den Karren einer ausländerfeindlichen Politik spannen lassen. Und genau das ist das Problem an Köln für “Gutmenschen”. Ich nehme das mal als Etikett für jene, die versuchen, eine hohe humanistische Moral zu verwirklichen. Dazu muss man kein Feminist sein, will sagen: nicht jeder “Gutmensch” ist Feminist oder links. Die Schwierigkeit besteht nach Köln nun darin, das Thema Flüchtlinge so zu diskutieren, dass man weder einem positiven Rassismus anhängt (“alle Fremden sind per se gut”), noch dass man beim Besprechen von Problemen ins Gegenteil verfällt (“der Islam ist per se frauenfeindlich”).

Die Abwehr von Ausländerfeindlichkeit sorgt oft dafür, dass man sehr grob argumentiert und dazu neigt, demonstrativ sich auf die Seite der Migranten zu stellen. Das mündet dann schnell auch in peinlicher Folklore, wie das eben bei Solidaritätsbekundungen oft der Fall ist. Schließlich ist da immer Pathos im Spiel und Pathos kippt schnell ins Lächerliche. Dahinter steckt auch die Angst, dass man ungewollt irgendwas “rassistisches” äußert und damit Probleme anfacht. Aus dieser Angst heraus wird die Folklore dann zwanghaft. Damit reagiert man dann aggressiv auf alles, was aus der Folklore rausfällt und geißelt es als “rassistisch”. Alles in allem ist das aber der Versuch, es richtig zu machen angesichts ja auch realer Gefahren. Nazis sind keine Erfindung, sie existieren und nicht nur der NSU war gewalttätig.

Es ist nun ungemein schwierig, in dieser Gemengelage den eigentlich wesentlichen Punkt stark zu machen: Menschenrechte und die Priorität des Individuellen. “Gutmenschlich” gedacht ist der Mensch kein Söldner im Dienste unverrückbarer kultureller Prägungen, sondern jeweils ein Individuum. Menschen sollten deshalb nicht vor-verurteilt werden, sondern je nach ihrem individuellen Handeln. Und Flucht aus Krieg, Not und Elend gebührt menschenrechtlich gesehen eben nicht nur den moralisch Guten, sondern jedem Menschen. Die Pflicht zu helfen resultiert nicht daraus, dass die Hilfebedürftigen tolle, sympathische Menschen sind, sondern daraus, dass sie in großer Not sind. In diesem Sinne kann man sogar “Gutmensch” sein, ohne je links gedacht zu haben: Die Bibel zum Beispiel nennt das “Nächstenliebe”.

Es ist den “Gutmenschen” aber nicht gelungen, daraus einen markanten Diskurs zu schmieden. Vereinfachungen a la #aufschrei, Multikulti, aber auch a la Pegida und AfD sind viel wirkmächtiger und schlagzeilenträchtiger. Menschenrechte und Individualität haben etwas medienunfreundlich intellektualistisches an sich. Aber letzten Endes geht es genau darum wie auch um die Tragik des Scheiterns solcher Positionen in einem aufgeheizten Kampf um die Deutungshoheit.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal U2 mit einem Lied, das aufgrund seines Titels vordergründig als Bezug auf die Vorgänge in der Silvesternacht gedeutet werden könnte, jedoch in diesem Blog noch eine Bedeutung hat. „Nichts ändert sich am Neujahrstag“ heißt es im Refrain. Und mir ist erst beim Einstielen des Artikels aufgefallen, dass die Kurznachrichten vom Januar 2016 (bis auf die vom 06.01.) noch alle auf 2015 datiert sind… 😉

U2: New Year’s Day

Warum ich es normal finde, dass es soviel „Antifeminismus“ gibt

Das Thema / der Vorwurf / die Kritik kommt immer wieder hoch, zuletzt etwa als These zum Maskulismus: Männerrechtler, Maskulisten oder meinetwegen auch nur Feminismuskritiker hätten nichts drauf außer Antifeminismus.

Wie Leszek es schon gut auf den Punkt brachte:

Das Schwerpunktthema des Maskulismus sind Diskriminierungen, Benachteiligungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind. Um diese bekannt zu machen und die falsche Auffassung, Männer seien eine privilegierte Klasse zurückzudrängen ist eine Kritik am heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden Feminismus (Radikal-/Gender-/Staatsfeminismus) unvermeidbar, da diese mit ihren medial, akademisch und politisch leider zur Zeit noch einflussreichen einseitigen und falschen Konzepten zu männlichen Diskriminierungen beitragen.

Ähnlich unaufgeregt äußerte sich vor einigen Tagen Karen Straughan in ihrem Video „Warum greifen Männerrechtler Feminismus an?“:

Why do MRAs attack feminism?

Ich hatte die Dame bereits erwähnt. Es gibt sicherlich noch interessantere Videos von mir, aber sie bringt einen ganz sachlichen Punkt: Das bei häuslicher Gewalt praktizierte Duluth-Modell funktioniere schlecht, weil es auf Eskalation und einseitige Schuldzuweisung (beim Mann) setze. Es basiere auf feministischen Ideen. Eine Abkehr von diesem schlechten Modell stelle zwangsweise in irgendeiner Form auch Feminismuskritik dar.

Es geht aber noch trivialer und viel grundlegender. Bei den MTV Music Video Awards trat Beyoncé knapp bekleidet auf, im Hintergrund reckten Frauen ihre Hintern in die Höhe und in dem Lied ging es um Sex. Eine Sternstunde der Moderne, denn im Hintergrund erschien der Schriftzug „feminism“. Mit kurzem zeitlichen Abstand ließ sich Sofía Vergara im Rahmen der Emmy-Verleihung im wahrsten Sinne des Wortes auf ein Podest stellen, um eine langweilige Rede optisch aufzulockern und mit einigen Gags anzureichern. Ein Rückfall ins finstere Mittelalter, denn die Frau wurde zum Objekt gemacht! Beide Meldungen erschienen bei Genderama im Abstand von nur einem Tag. Dass die Hintergrundtänzer lebende Kulisse sind, während die Schauspielerin die Lacher auf ihrer Seite hatte und den ersten Gag selbst brachte, spielte keine Rolle. Es ließ sich auf folgende einfache Parole herunterbrechen: Wenn „Feminismus“ draufsteht, ist es gut, ansonsten ist es böse!

Es ist ein Kennzeichen für die „Die heilige Kirche des Netzfeminismus„, wie es das Blog „Das Neue Rheingold“ treffend zusammenfasste. Eines der „Fünf Symptome für den Wandel des Netzfeminismus zur dogmatischen Religion“, so der Untertitel des Artikels, war „die Etablierung einer Priesterklasse“. Irgendeine Autorität muss inzwischen entscheiden, was richtig und falsch ist. Für Normalsterbliche ist das nicht mehr durchschaubar – zu widersprüchlich und beliebig ist das, was unter dem Etikett „Feminismus“ alles erscheint.

Damit sind wir bei meinem Lieblingsvergleich, der mir seit Monaten im Kopf herumgeht: Mit „Feminismus“ ist es wie mit „politisch links“: Das taugte mal als Bürgerschreck, wurde irgendwann modern und wegweisend, danach war man damit auf der Höhe der Zeit, dann waren es irgendwie alle, schließlich wurde es ein wenig angestaubt und heute ist das Wort so ausgehöhlt in seiner Bedeutung, dass einem niemand mehr ohne weiteren Kontext sagen kann, worum es geht.

Wie es Harald Martenstein sehr treffend ausdrückte:

Ich finde übrigens, dass man heute nicht mehr pauschal von „Feminismus“ sprechen kann. Es gibt viele Feminismen, das reicht von Positionen, die ich jederzeit unterschreiben könnte, bis zu radikalen Strömungen mit totalitären Allmachtsfantasien. Es ist wie mit dem Wort „links“. Sigmar Gabriel ist links, die maoistische MLPD ist auch links. Was haben sie miteinander zu tun? Nichts. Genauso breit ist das Spektrum beim Feminismus.

Und jetzt kommt der Unterschied: Nehmen wir an, jemand sagt mir ohne weitere Erklärung, er sei links und ich antworte in etwa so: Naja, links, das kann ja alles mögliche von „linksliberal“ bis „stalinistisch“ sein. Wobei Linksliberale und Stalinisten entschiedene Gegner sind und ich die Ideologie der letztgenannten Gruppe ablehne, mit den Linksliberalen aber sicher so manche Überzeugung teile. Wenn mein Gegenüber dann im Empörung ausbricht über meine „antilinke“ Einstellung, was ich mich erdreiste, über Linke zu reden, ich kenne mich doch gar nicht aus und sei eine Zumutung, einen Linken auf Verirrungen anzusprechen, die unter dem Etikett „links“ begangen worden sind… dann wäre es wohl kein Wunder, wenn diese Person nicht für voll nehmen würde.

Viel zu oft erlebe ich bei Diskussionsversuchen über Feminismus das Feld-und-Festung-Argumentationsschema. Oder wie es bei Alles Evolution ausgedrückt wurde:

Da wird auch deutlich, dass es teilweise weniger ein Rückzug ist, als eine Gleichsetzung: “Wer gegen Maßnahme X ist, ist gegen Gleichberechtigung, ist gegen Frauen, hasst Frauen”

Der Angriff auf das schlecht zu verteidigende Feld wird insofern als Angriff auf die Festung reframt und darüber dann der Feind als der “Böse” ausgewiesen.

Es ist natürlich ein unredlicher Taschenspielertrick, etwa Kritik an radikalfeministischen Strömungen als grundsätzlich antifeministisch zu brandmarken, dabei wohlwissend, dass man den Gegner in einer Debatte damit leicht das Etikett „ist gegen Gleichberechtigung“ oder „frauenfeindlich“ anhängen kann und ihn damit indiskutabel macht. Da verschiedene Zweige des Feminismus zum Teil zueinander konträre Haltungen vertreten (etwa „für“ oder „gegen“ Prostitution), wird daraus ein Totschlagargument: Egal, was jemand zu dem Thema vertritt, man kann ihn immer als antifeministisch abstempeln!

Und genau weil dieser Ruf immer erfolgen kann, hoffe ich, dass er so über die Maßen benutzt wird, dass ihm bald niemand mehr Aufmerksamkeit schenkt. Zu befürchten gibt es für ernstzunehmende Menschen dabei nichts, denn wie der Flussfänger schon formulierte: Kritik ist auch Wertschätzung. Oder wie es Lucas Schoppe zuletzt ausdrückte:

Denn feministische Positionen sind politische Positionen, und in einem demokratischen Rahmen dürfen und SOLLEN politische Positionen natürlich einer offenen Kritik unterzogen werden. Wenn ich bestimmte Positionen des Feminismus kritisiere, macht das aus mir noch keinen „Antifeministen“

Nicht jede Kritik an X ist Anti-X. Wenn alles und das Gegenteil davon X sein kann, kann auch alles und das Gegenteil davon Anti-X sein. Und schließlich wird eine inflationär gebrauchte Warnung vor Anti-X nur dazu führen, dass sie mit der Zeit keiner mehr ernst nimmt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei Beyoncé muss ich seit einigen Jahren immer an folgendes Lied denken…

J.B.O.: Bejonze

Fundstück: Feministisches Wörterbuch

Der Hinweis bei Genderama erschien schon im August, aber seitdem ist viel Zeit vergangen, um es zu vervollständigen: Auf Twitter gibt es ein „feministisches Wörterbuch„, das ich allerdings als „radikalfeministisch“ oder „genderfeministisch“ nenne. All die verquasten Begriffe und selsamen Neudefinitionen, die man so an Kopf geworfen bekommt, werden einmal so erklärt, dass sogar ich sie verstehe.

Wie immer ist längst nicht alles ein Treffer. Aber um mich zwischendurch mal zum Schmunzeln zu bringen, hat der ursprüngliche Eintrag bei Genderama gereicht – und auch der Blick neulich.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal geht es um „Hass“ – nur ein Vierbuchstabenwort.

Warum ich diese beiden Stellen in Anne Wizoreks Buch perfide finde

An meinem regulären Tag hatte ich keinen Artikel veröffentlicht, sondern nur ein Fundstück zur Filmkritik, das aber offensichtlich nicht besonders interessant war. Deswegen folgt nun ein längerer Text.

Ende September ist Anne Wizoreks Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute“ erschienen. Es hat in den ersten Tagen bereits jede Menge Rezensionen gegeben (bei Amazon tobte eine wahre Schlacht). Ich hatte damals keine Zeit, um es so schnell zu lesen. Geschafft habe ich es überhaupt nur, weil ich nach den ersten paar Dutzend Seiten meinen ursprünglichen Plan über Bord warf, jede diskutierenswerte Stelle zu vermerken und Notizen zu machen. Da es bereits viele Texte über das Buch insgesamt.gibt, möchte ich stattdessen in einer losen Serie immer wieder einzelne Aspekte oder Stellen herausgreifen und besprechen.

Das hat den Vorteil, dass ich einzelne Teile genauer betrachten kann. Stoff dafür bietet das Buch genug. Außerdem sind die einzelnen Kapitel so unterschiedlich, dass man das auch machen kann, ohne eine längere Argumentation aus den Augen zu verlieren.

Warum dieses Buch?

Natürlich gibt es auch Argumente gegen ein solches Vorgehen. Mir fallen sofort ein: 1. Anne Wizorek ist doch nur eine einzelne Frau, die ist überhaupt nicht repräsentativ für Feministinnen allgemein! 2. Das Buch ist gar nicht so wichtig, daran kann man doch nicht den Feminismus an sich festmachen! 3. Eine zu intensive Beschäftigung misst sowohl der Autorin als auch ihrem Buch mehr Bedeutung zu, als sie tatsächlich haben.

Dazu sei gesagt: Anne Wizorek hat den Grimme-Preis für den Aufschrei bekommen. Der Titel des Buches spielt auch auf diese Aktion an. Sie ist eine Person, die mediale Aufmerksamkeit bekommt. Sie spielt also für das, was in Deutschland derzeit unter dem Stichwort Feminismus passiert, eine große Rolle. An ihr lassen sich nicht, das sei ausdrücklich gesagt, alle Feministinnen messen oder „die typische/durchschnittliche“ Feministin festmachen.

Ich bin mehrfach dieses Jahr angeblafft worden mit dem Hinweis, ich solle doch mal lieber ein feministisches Buch lesen. Dem bin ich hiermit nachgekommen. Ab jetzt kann ich zumindest insofern mitreden. Ich halte es ohnehin für eine gute Vorgehensweise, die Bücher eines vermeintlichen oder tatsächlichen ideologischen Gegners zu lesen.

Und zuletzt kann aus dem Internet alles wieder verschwinden. Was in einem Buch steht, das bleibt. Es ist dann schwerer öffentlich zugänglich für alle, aber es kann bei Diskussionen wieder hervorgeholt werden von denen, die es haben.

Ich hatte in meinem Artikel über Hollaback bereits einmal das Buch erwähnt. Im folgenden möchte ich jedoch auf die beiden schlimmsten Stellen des gesamten Buches eingehen. Sie sind mir beim Lesen sofort unangenehm aufgefallen und sind für mich das Schlechteste, was dieses Buch zu bieten hat.

Der Fall Elliot Rodger

„Als am 23. Mai 2014 bekannt wurde, dass ein junger Mann namens Elliot Rodger in Isla Vista, Kalifornien, sechs Menschen getötet und 13 weitere in einem Amoklauf verletzt hatte, bekam ich dies wieder mal zuerst über Twitter mit. Es kursierte bereits ein Blogpost, der die Tat mit der Männerrechtsbewegung und Pick-up-Artist-Szene in Verbindung brachte.“

(Anne Wizorek, S. 303; im Original steht die URL des Artikels bei den Quellangaben, auf die jeweils via Zahl verwiesen wird)

Für mich ist das ein Paradebeispiel für „mit der Wahrheit lügen“. Es stimmt, dass im erwähnten Artikel behauptet wird, Elliot Rodger habe mit der Männerrechtsbewegung und Pickup zu tun. Was aber nicht genannt wird: Es gibt überhaupt keinen Beleg dafür – weder in dem Artikel selbst, noch in einer späteren Quelle. Das liegt daran, dass die Behauptungen nicht stimmen. Mit Männerrechten hatte Elliot Rodger überhaupt nichts am Hut. Angeblich soll er Geld für eine Pickup-Schulung ausgegeben haben, die aber bei ihm nicht funktionierte, so dass er später Zeit in Anti-Pickup-Foren verbrachte.

Nun könnte das einfach ein peinlicher Recherchefehler sein. Diese Behauptungen machten die Runde, um Belege kümmerte sich da niemand mehr. Wenn es so viele Leute schreiben, wie kann das denn falsch sein? Wie kann die Berichterstattung an so vielen Stellen versagen und ungeprüft solche Falschmeldungen übernehmen? Es waren doch Quellen, denen die Autorin eventuell sonst auch immer vertraute.

Das wäre schlimm genug. Blogartikel kann man schnell korrigieren, Bücher erst in der nächsten Auflage. Anne Wizorek müsste sich hier vorwerfen lassen, ihre Quellen nicht genügend geprüft zu haben.

Ich glaube jedoch nicht, dass das ein Versehen war, sondern gehe davon aus, dass das in voller Absicht geschehen ist. Die Stelle im Buch ist genau so geschrieben, dass man sie nicht als „an sich falsch“ kritisieren kann. Wäre Anne Wizorek tatsächlich davon überzeugt gewesen, dass die Quelle stimmte, dann hätte sie etwas schreiben können in der Form „er war ein Männerrechtler und betrieb Pickup“, also kurz und knapp und deutlich. Das hätte man leicht anfechten können. So messerscharf an dem zu bleiben, was man schreiben kann, aber alles wegzulassen, was die Behauptungen als ungerechtfertigt entlarvte (und das ist im Prinzip jede Quelle, die diese genauer untersucht hat) – das erscheint mir zu sauber ausgeführt, um das Ergebnis eines Zufalls zu sein.

Falls Anne Wizorek jedoch wusste, dass beide Behauptungen nicht stimmten (oder bisher nicht belegt worden sind), dann wäre es nur redlich gewesen, das klarzustellen – oder sie überhaupt nicht erst zu erwähnen. Und hier beginnt die Täuschung der Leser, die nicht mehr über den Fall wissen: Natürlich geht man implizit davon aus, dass kein Autor Vorwürfe erwähnt, an denen nichts dran ist, insbesondere dann, wenn keine Abwägung über ihre Glaubwürdigkeit erfolgt und keine weitere Information. Selbst in eine Frage verpackt, die scheinbar erst einmal gar nichts behauptet (fiktives Beispiel: „War Anne Wizorek beteiligt am Beschädigen einer Apotheke?“) und genauer besehen mit Sicherheit mit „nein“ beantwortet werden kann, wirkt das: Denn wenn es völlig aus der Luft gegriffen wäre, würde doch redlicherweise niemand die Frage stellen… das ist ein beliebtes Prinzip des Boulevard-Journalismus, mit nichts in der Hand etwas schreiben zu können und dabei ganz nebenbei den Ruf von Personen zu beschädigen.

Und genau davon gehe ich auch in diesem Fall aus: Anne Wizorek kann ganz nebenbei die Männerrechtsbewegung und Pickup-Verfechter in schlechtes Licht rücken, indem sie sie mit einem mehrfachen Mörder in Verbindung bringt – und das, ohne das direkt zu behaupten und damit angreifbar zu sein! Das finde ich perfide.

Wenn man schon im Mai/Juni in dieser Blogblase mitgelesen hat, dann weiß man, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Außerdem ist dieser Trick, wie erwähnt, durchaus aus der Presse bekannt. Der zweite Fall ist hingegen noch schlimmer.

Der Fach Jörg Kachelmann

„Als ich vor ein paar Jahren einer Bekannten riet, dass sie den sexuellen Übergriff anzeigen sollte, von dem sie mir gerade erzählt hatte, deutete sie nur auf den Fernseher, der im Hintergrund lief und die neuesten Bilder vom Kachelmann-Prozess zeigte. „Damit mir dann auch niemand glaubt? Nein danke.“ Ich hatte keine Antwort für sie – und habe sie bis heute nicht.“

(Anne Wizorek, S. 112)

Dröseln wir das erst einmal sauber auf. Jörg Kachelmann ist von dem Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden. Dabei kamen dasselbe Prinzip zur Anwendung wie überall sonst: Der Angeklagte gilt als unschuldig, solange seine Schuld nicht hinreichend bewiesen ist. Die Unschuldsvermutung gehört zum Fundament des Rechtsstaates. Es spielt dabei keine Rolle, ob jemand beliebt oder ein Außenseiter ist, ein anständiger Bürger oder ein Charakterschwein.

Natürlich steht es jedem frei, zu glauben, was er will. In der Öffentlichkeit bestimmte Dinge über andere Personen zu behaupten, kann jedoch je nach Rechtslage negative Konsequenzen nach sich ziehen. Jörg Kachelmann hat eine ganze Reihe Unterlassungsklagen gegen diejenigen gewonnen, die das vergessen hatten oder einfach mal austesten wollten.

Was lesen wir in diesem kurzen Abschnitt? Da ist eine Frau offenbar Opfer eines Verbrechens geworden, scheut jedoch vor einer Anzeige zurück, weil sie davon ausgeht, dass in einem prominenten Fall die Klägerin ebenfalls Opfer eines Verbrechens wurde und ihr niemand glaubt. Anne Wizorek fällt dazu angeblich nichts ein.

Das Perfide an dieser Schilderung ist: Anne Wizorek kann ganz nebenbei die Ansicht vertreten, Jörg Kachelmann sei in Wirklichkeit schuldig gewesen. Sie stellt diese Behauptung ja nicht selbst auf, sondern erzählt sie aus dem Mund einer Freundin.

Dass sie diese Ansicht vertritt, läßt sich recht leicht mit ein wenig Logik belegen. Gehen wir einmal vom Gegenteil aus: Da wird ein Unschuldiger in einem rechtstaatlichen Verfahren freigesprochen, eine Bekannte glaubt jedoch, die Klägerin sei tatsächlich sein Opfer gewesen und traut sich deswegen nicht, ein ihr widerfahrenes Verbrechen anzuzeigen. Dazu soll man dann nichts zu sagen wissen. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Deswegen muss unter der Annahme, dass Anne Wizorek grundsätzlich etwas Sinnvolles schrieb, davon ausgegangen werden, dass sie Jörg Kachelmann für schuldig hält. Dann bekommt der zitierte Absatz einen Sinn – auf fatale Weise, wie ich noch zeigen werde.

Doch zunächst zurück zum Szenario, bei dem man von der Unschuld des Freigesprochenen überzeugt ist. Was wäre das erste, was man der Freundin sagen könnte? Etwa „das ist etwas ganz anderes, der Mann ist unschuldig“ oder „das zeigt doch nur, dass Recht und Gesetz funktionieren, das sollte Dich eher ermutigen“. Auf keinen Fall würde man sie im Glauben lassen, sie habe keine Chance mit einer Anzeige, wenn sie sich auf einen Fall beruft, bei dem man der Überzeugung ist, er sei richtig entschieden worden und anders gelagert.

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Nehmen wir (fiktiv!) an, Jörg Kachelmann sei tatsächlich schuldig. Was hätte man dann der Freundin sagen können? „Es wird immer Fehlentscheidungen geben, aber das darf Dich nicht entmutigen“ oder „Das ist doch ein ganz anderer Fall, lass uns mal lieber überlegen, was für Beweise und welche Zeugen es für das gibt, was Dir geschehen ist“.

Egal, was man also über den Fall Kachelmann glaubt – es gibt so oder so etwas, das man einem Menschen sagen kann, der laut eigener Aussage einen Übergriff erlebt, diesen noch nicht angezeigt hat und seine Zweifel mit dem Fall Kachelmann begründet. Anne Wizorek stellt das jedoch als gigantisches Problem dar. Sie, die Aufschrei-Mitinitiatorin, Feminismus-Aktivistin, Talkshowteilnehmerin und Buchautorin, ist von Sprachlosigkeit betroffen. Obwohl selbst ich mit zwei Minuten Nachdenken auf einige vernünftige Vorschläge komme, findet sie bis heute nicht die passenden Worte.

Dass ein Angeklagter in einem Vergewaltigungsprozess freigesprochen wird, wirkt also so lähmend auf Opfer von sexuellen Übergriffen und Leuten, die den Opfern helfen wollen, dass bereits die Anzeige dieser Verbrechen verhindert wird. (Ich bin hier ganz nebenbei davon ausgegangen, dass die Freundin die Wahrheit sagt. Sonst würde es noch komplizierter.) Die Unschuldsvermutung sorgt also nicht nur dafür, dass „im Zweifelsfalle für den Angeklagten“ gilt, sondern nebenbei auch, dass die Ahndung offensichtlicher, womöglich leicht beweisbarer Verbrechen nicht geschieht.

Es muss sich also entschieden werden zwischen „ein paar Unschuldige über die Klinge springen lassen“ und „Massen von Opfern im Stich lassen“. Mit derselben Logik hat man auch schon Folter und außerrechtliche Gefängnisse im Kampf gegen den Terrorismus gerechtfertigt. Da der Rechtsstaat dem Rechtsstaat im Wege steht, müssen wir auf den Rechtsstaat verzichten, weil wir sonst keinen Rechtsstaat mehr haben.

Das ist keine Einzelmeinung, sondern war insbesondere im Fahrwasser des Kachelmann-Prozesses häufig zu hören. Das sei angemerkt, damit es nicht so wirkt, als stehe Anne Wizorek mit ihrer Haltung im luftleeren Raum. Über die Hintertür zu behaupten, Jörg Kachelmann sei schuldig und so zu tun, als stehe der Rechtsstaat der Verfolgung sexueller Übergriffe im Weg, das ist doppelt perfide.

Fazit

Es sind, wie eingangs erwähnt, die beiden schlimmsten Stellen in Anne Wizoreks Buch; der Rest sieht glücklicherweise anders aus. Schade, dass sie im Einsatz für ein (ihr) hehres Ziel auf solche Mittel zurückgreift.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ein Lied, das auf dem Amoklauf einer Schülerin basiert. Wenn wir Geschlechterrollen ausbrechen wollen, kann es ja nur sinnvoll sein, sich auch diese Fälle in Erinnerung zu rufen.

The Boomtown Rats: I Don’t Like Mondays