Gastartikel: crumar zu den dicken Brettern, die gebohrt werden mussten

Ein weiterer Fall von „der Kommentar ist einen eigenen Artikel wert“: Siggi, der schon einen Gastartikel hier im Blog veröffentlicht hatte, äußerte sich zu der wiederkehrenden Frage „Was tun?“ dahingehend, dass es Zeit für Extrempositionen sei. Ihm antwortet crumar in einem längeren Kommentar und kündigt sogar noch weitere Teile an. Ab jetzt bis zu den Aktualisierungen O-Ton crumar, ich habe allein die Links ergänzt zwecks besserer Nachlesbarkeit:

Du hast am Anfang einen Kommentar auf „telepolis“ (heise) zitiert, aber das Bild wird erst vollständig, wenn du auch den Artikel nennst, auf den sich dieser Kommentar bezieht, bzw. durch den er angeregt worden ist.
Nämlich „Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen“ von Stephan Schleim vom 20.5.2016, in dem nicht nur die Zahlen der feministischen Lobby kritisiert, die unkritisch medial verarbeitet werden, sondern auch die Definition von bspw. der „sexuellen Belästigung“ aus „Studien“, die offensichtlich so weit gefasst worden ist, um solche aufgeblähten Zahlen zu ermöglichen.

Nun muss man wissen, dass „telepolis“ nicht „schon immer“ Kritik der Männerrechtsbewegung an feministischen Mythen veröffentlichte; das Gegenteil ist der Fall.
Auch auf diesem Medium gab es im Lauf der Jahre feministische, feministisch inspirierte, genderistische, gynozentrische Texte in Massen.
Das war mehr oder weniger die Leitlinie der Redaktion (speziell des Chefredakteurs Florian Rötzer).
Die wurden jahrelang gelesen und in den Kommentaren – mehr oder weniger sachkundig und mehr oder weniger radikal – kritisiert.

Eine Zeitenwende trat m.E. am 5.10.2010 ein, als Birgit Gärtner den Artikel „Jammernde Väter“ schrieb und in 854 (!) Kommentaren, größtenteils sachlich und inhaltlich, regelrecht in der Luft zerrissen worden ist.
Sie wurde daraufhin recht offensichtlich von der Redaktion genötigt den ursprünglichen Artikel zu verbessern, zehn Tage später erschien „Die Sorge der Mütter und die Rechte der Väter“ – ihr erging es allerdings in den 1116 (!) Kommentaren zum zweiten Artikel wenig besser.

Bis zu diesem Punkt war es also die beharrliche Kritik aus unserer Perspektive – nur in diesem einen Forum – die offensichtlich eine Veränderung der Mehrheitsmeinung in diesem Forum bewirkte.
Der Katalysator war dieser eine Artikel, bei dem die Forenmeinung offensichtlich war:
„Jetzt reicht es!“.
D.h. die Vorgeschichte zu dem von dir zitierten Kommentar von 2016 ist dieser Artikel von 2010 und das gloriose Scheitern dieses Artikels hat wiederum eine Vorgeschichte, die nach meiner Schätzung bis 2006 zurückreicht.
Es stimmt, es hat eine lange und beharrliche Arbeit erfordert, um an diesem Punkt anzukommen.
Dafür schreiben nun Twister und Schleim und andere *Artikel* auf „telepolis“ und nicht mehr nur *Kommentare* im Forum in unserem Sinne.

Dass die sehr pessimistische Sicht des Kommentators auf den Stand der Bewegung ausgerechnet zum kritischen Artikel von Stephan Schleim erfolgte, ist Angesichts der Tatsache, dass Stephan Schleim diesen Artikel überhaupt auf „telepolis“ veröffentlichen konnte, fast ein Widerspruch in sich.

Ich möchte nun noch einmal deinen Blick auf den Zeitraum von 10 Jahren lenken, der zwischen den Anfängen der Kritik in diesem Forum an der veröffentlichten offiziellen Meinung stand und bis zu dem Punkt reicht, in dem exakt dieses Medium auch die Kritiker selber veröffentlicht.
Es handelt sich bei unseren Anliegen leider um die Bohrerei in ganz dicken Brettern und auf „man tau“ hat Lucas Schoppe in mehreren, sehr lesenswerten Artikeln beschrieben, warum das bei Anliegen der Männerrechtsbewegung (für Männer und Jungen) *zwangsläufig* so ist.

Im Rückblick sollte man auch die Erfolge der Männerrechtsbewegung bis zum jetzigen Zeitpunkt betrachten und dazu gehört zweifellos das Phänomen der „sprechenden Männer“, die in zahlreichen Foren in ihren Kommentaren das Wort ergreifen und die bestehenden Verhältnisse kritisieren.
Auf „telepolis“ hat dies immerhin schon dahin geführt, dass wir in Artikeln selber sprechen dürfen, statt dass – wie in der „Süddeutschen“ – nur *über* uns gesprochen wird.

Aktualisierungen: Christian Schmidt beschäftigt sich bei Alles Evolution mit dem ursprünglichen Artikel. Siggi legt nochmal nach.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Den Ausdruck „sprechende Männer“ kannte ich noch nicht. Er ließ mich sofort an die Talking Heads denken… und die Zeile „you might get what you’re after“, also eine positive Aussicht.

Talking Heads: Burning Down the House

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17 Kommentare zu „Gastartikel: crumar zu den dicken Brettern, die gebohrt werden mussten“

  1. Aus den wilden 70gern – Popkultur:

    Ja, so´war das damals, als die 2. Frauenbewegung entstand – und Ihr hättet auch rebelliert!

    1. Aber Leonie, selbst heute würde z.B. Adrian den Refrain begeistert mitsingen!
      Frag ihn ruhig! 😉

      Die Zeiten haben sich geändert, Leonie.
      Natürlich könnte ich ebenfalls einem Mann die Schuld dafür geben, wenn mein Haushalt nicht ordentlich geführt ist.
      Denn ich lebe als Single – so wie über 50% der Haushalte hier in Berlin (weibliche Singles müssten dann allerdings einer Frau die Schuld geben, beinahe unvorstellbar).

      Das Lied stammt noch aus der „guten alten Zeit“, in der es solide Paarbindungen in traditionellen Paarbeziehungen gab, die mit einer traditionellen Aufgabenteilung nach Geschlecht zusammen wohnten und einen traditionellen Haushalt bildeten und führten.
      Diese Haushalte befinden sich inzwischen in mehreren (deutschen) Großstädten in der Minderheit.

      Diese gesellschaftliche Entwicklung hat der Feminismus der zweiten Welle (und nachfolgende) nicht nur verkannt, sondern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die gute alte „Hausarbeit“ ebenso wie die „care-Arbeit“ ausschließlich als weiblich verstanden worden ist, prägt auch die aktuelle feministische Debatte.
      Wenn ungebrochen feministischerseits geklagt wird, die „unbezahlte“ care-Arbeit und Hausarbeit sei immer noch weiblich, dann wird m.E. diese „gute alte Zeit“ beschworen.
      Man hat fast den Eindruck, die rituelle Klage muss sich der Existenz einer solchen, traditionellen, konservativen Gesellschaft versichern, um überhaupt wirksam zu sein.

      Was evtl. daran liegt, dass sich zwar immer mehr Frauen sich an der Erwerbsarbeit beteiligen, das Verhältnis der durchschnittlichen Arbeitszeit nach Geschlecht sich hingegen nicht geändert hat. Durchschnittlich sind es 22 Stunden in der Woche für Frauen und 43 Wochenstunden für Männer und daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren nichts großartig geändert. D.h. die Entwicklung stagniert seit dieser Zeit.

      Nun kann man durchaus die Existenz von sehr gut verdienenden Single-Frauen und Männern annehmen, die ihr individuelles Leben mit 22 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche bestreiten.
      Für die Mehrheit der Männer und Frauen wird dies jedoch nicht zutreffen.
      Was allerdings die Frage aufwirft, von was der Durchschnitt der Frauen in Paarbeziehungen lebt, die durchschnittlich 22 Stunden in der Woche arbeiten…
      Wenn es in dem Lied heißt, dann „geb ich ihm eine paar Euroschecks, dann kann er sich was kaufen“, ist das löblich.
      Nur müsste man fragen: Verfügt der *reale Mann* über das Geld seiner Partnerin oder sind die Schecks nicht sehr wahrscheinlich durch *sein eigenes Geld* gedeckt?

      Ich fand und finde an der feministischen Diskussion bezeichnend, dass solche Fragen erst gar nicht erst gestellt worden sind.
      Die Einkünfte durch die männliche Erwerbsarbeit werden ebenso fraglos vorausgesetzt, wie auch, dass der Mann seine materiellen Ressourcen (fraglos) zu teilen habe.
      Als sei es das selbstverständlichste der Welt, auf diese – durch Männer – erarbeitete Ressourcen einen – quasi biologischen – *Anspruch* zu haben.

      Gerecht und emanzipiert wäre es, wenn beide Geschlechter 32,5 Wochenstunden arbeiten und sich Hausarbeit und „care-Arbeit“ 50:50 teilen – dafür stehe ich ein.
      Vom Mann jedoch *die Hälfte* der beiden letztgenannten Tätigkeiten zu erwarten und selber nur ein *Drittel* zu den Paar-Einnahmen beizusteuern, hat weder etwas mit Gerechtigkeit, noch mit Emanzipation zu tun.
      Sondern es ist die *Fortsetzung* einer traditionellen, konservativen Aufgabenteilung nach Geschlecht, in dem die modernen Ansprüche von Frauen an Männer diesen ZUSÄTZLICH aufgehalst werden.
      Bei gleichzeitiger weiblicher Verhaltensstarre, den gleichen Beitrag zu den Paar-Einkünften beizusteuern – siehe Stagnation.

      Was wir dem Feminismus – auch der zweiten Welle – vorwerfen ist, dass er nicht nur eine halbierte Form der Emanzipation anstrebt, sondern sich propagandistisch darin ergeht, traditionelle, konservative Verhältnisse, in denen Männer *verbleiben sollen* (irgendwer muss diese Gesellschaft finanzieren) als „modern“ zu *verkaufen*.
      Ein Marketing von außen rot, innen traditionell und konservativ.

      Ich glaube, die Männerbewegung wird diese versteinerten Verhältnisse sehr, sehr grundlegend zum tanzen zwingen.

      Gruß crumar

  2. Wie wichtig ist telepolis eigentlich?
    Ich habe telepolis immer, vielleicht wegen heise.de, als ein Spartenmedium für Nerds und Computerbegeisterte wahrgenommen, das im Vergleich zu Mainstream-Medien wie FAZ, Zeit usw., und erst recht im Vergleich zum TV, in der Breite politisch irrelevant war und ist. Zur besten Zeit der Piraten vielleicht etwas wichtiger, aber das war nur eine kurze Ära. Jedenfalls sehe ich da nur selten hinein.

    Ich kann mich irren, aber nach meinem Bauchgefühl werden auch ziemlich gute Beiträge (z.B. sind einige von Stephan Schleim sehr gut recherchiert) in den Hauptmedien nicht rezipiert, noch nicht mal in den Online-Ausgaben.

    Daß telepolis vor 2010 überwiegend feministisch war und in 2010 eine „Zeitenwende“ eintrat, ist interessant. Ich scheine telepolis erst nach dieser Zeitenwende kennengelernt zu haben, denn ich habe vor allem die Kommentare als durchweg feminismuskritisch in Erinnerung.

  3. @mitm

    Wenn du „telepolis“ bereits 2001 kennengelernt hättest, würdest du die Frage nicht stellen.

    Ab 9/11 war „telepolis“ quasi der Gegenpol zu „gleichgeschalteten“ offiziellen Medien.
    Ich weiß noch haargenau, wie ich die Artikel von M. Bröckers heruntergeladen, ausgedruckt und meinem Vater gesendet habe, der sich darüber wunderte, dass „so was überhaupt veröffentlicht werden darf“ (DDR-Sozialisation).
    Wenn du zu dieser Zeit „telepolis“ gelesen hast, dann war das fast ein Parallel-Universum und dir wurde klar, was das Internet ermöglicht.
    Man war überhaupt nicht mehr angewiesen auf offizielle Verlautbarungen und die eigentliche Diskussion fand in den Foren statt, die den Artikel selbst nur als *Anregung* verstanden.
    Mir wurde *dort* erst bewusst, wie viel Macht dieses Kollektiv der Leser und Diskutanten hat.
    Das war Demokratie und *draußen* war die *Simulation von Demokratie*.

    Egal, ob die Artikel in den offiziellen Medien Erwähnung finden, „telepolis“ gilt als seriös.
    Der Punkt ist die unglaublich liberale Praxis der Moderation und *die Autoren diskutieren selber mit*. In einem Fall hat ein Verfasser eines Artikels mich in einer Diskussion persönlich beleidigt und wir haben uns im Forum gefetzt, in einem Fall hat sich einer bei mir via E-Mail entschuldigt für einen nicht besonders gelungen Artikel, für den ich ihn im Forum kritisiert habe.

    Es gibt Autoren, die nie wieder auf „Telepolis“ schreiben wollten, weil sie stinkebeleidigt von der Reaktion des Forums waren.
    Die geblieben sind, haben sich ihre jeweils eigene Fan-Gemeinde erarbeitet.
    Liebling der Massen ganz klar: Twister.

    Was ich damit sagen will: Es gibt nur eine Zukunft des Journalismus und das ist „telepolis“.
    Der Rest wird eine Mischung aus Industrie-/Staats-Prostituierte sein.
    Ohne damit Prostituierte beleidigen zu wollen!

    Gruß crumar

    1. @crumar

      Ja, finde ich richtig, dass Telepolis eine sehr, sehr liberale Praxis hat. Aber, m.E. hat auch Telepolis viel Schrott: Peter Nowak finde ich vielfach unterirdisch, das Gleiche gilt für diese Birgit Gärtner und das Gleiche gilt für Tomasz Konicz.
      Sehr gut gefallen mir Thomas Pany, meist auch Marcus Klöckner, Markus Kompa, Stephan Schleim und Peter Mühlbauer.
      Florian Rötzer finde ich durchwachsen: Er lässt m.E. viel zu viele Artikel raus, damit er immer aufwändig und sauber recherchieren kann.
      Das Gleiche gilt für den „Verschwörungstheoretiker“ Bröckers, der mir zu stark immer alles nur als Verschwörung oder „verdeckt“ oder „geheim“ oder die Akteure nur als Marionetten dunkler Mächte sehen will. Aber wie gesagt: Es ist eine sehr liberale Praxis und das gefällt mir sehr gut!

      1. @Mark

        Es gibt den entsprechenden Begriff für solche Artikel von Rötzer: „dahin gerötzert“. 😉

        Das Spektrum der telepolis-Autoren zu erweitern liegt doch an uns.
        Bewerbe dich mit einem Text.

        Dann zu Bröckers: Du musst immer mitbedenken, was für eine Zeit das war.
        Alle anderen Medien schrieben quasi voneinander ab, selbst die wildesten Verlautbarungen galten unhinterfragt als Fakt.
        Und auf der anderen Seite des Spektrums, quasi als Alleinvertreter eines kritischen Journalismus, hattest du die Artikel von Bröckers.

        Sicher, deine Kritik ist zutreffend.
        Aber ich werfe diese Dinge aus der Geschichte mit in die Waagschale.

        Die Autoren kann man mit Kritik ein „Stück weit“ erziehen, indem beharrlich an deren Schwachpunkten kritisiert wird.
        Andererseits lässt sich nicht verhindern zu akzeptieren, dass die cleversten Menschen riesige „blind spots“ zu bestimmten Themen mit sich tragen, insbesondere, wenn es um unsere Anliegen geht.

        Dann müssen wir eben selber tätig werden.
        Lass uns doch einfach ausprobieren, wie weit wir damit kommen!

        Gruß crumar

    2. „Liebling der Massen ganz klar: Twister.“
      Dieser Massen Anteil bin ich ( ausnahmsweise ) mit Vergnügen. Die ist der Hammer!

    3. @crumar

      Ich würde gerne einmal eine Reihe von schriftlichen Interviews führen mit Personen, die sich mit Problemlagen von Jungen und Männern befassen. Ich würde gerne mal mit Dir anfangen. Wenn Du Lust und Zeit dafür hast, wäre es toll, wenn Du mir mal Deine E-Mail-Adresse geben würdest: sei dies hier direkt oder unter folgende E-Mail-Adresse:

      mark_smith@gmx.net

      Danke!

      1. @Mark

        Wenn du mir nicht böse bist, dass ich dir nicht versprechen kann, wann ich dieses Interview beantworte?!

        Ich stecke knietief in Kalkulationen und habe eine Abgabefrist in einer Woche, weiß nicht, wie es danach weitergeht.
        Zudem hänge ich noch immer zwei versprochenen Texten hinterher.
        Kann also sein, ich bin in 14 Tagen in der Lage zu antworten oder in zwei Monaten.

        Wenn das ok ist, dann gerne!

        Gruß crumar

      2. @crumar

        Danke für das Feedback! Zeitpunkt spielt keine Rolle, also kannst Dir genügend Zeit lassen. 🙂 Aber schreibst Du mich bitte mal noch an oder gibst mir Deine E-Mail-Adresse, damit ich Dir einmal den ersten Teil der Interviewfragen zusenden kann?

  4. @ crumar: Du hast die Frage „Wie wichtig ist telepolis eigentlich?“ eher qualitativ verstanden und entsprechend geantwortet. Qualitativ hatte ich schon lange ein ähnliches Bild von telepolis (eher vom Hörensagen als durch eigene Erfahrung). Gemeint war die Frage aber eher quantitativ, man kann es ggf. als Frage nach der medialen Reichweite bezeichnen, auch wenn der Begriff aus der Werbeindustrie kommt und die Frage nach der „politischen medialen Reichweite“ eventuell prinzipiell nicht beantwortbar ist.

    Hintergrund meiner Frage sind Wahlanalysen nach der Trump-Wahl, wonach Trump vor allem auf TV und klassische Medien gesetzt hat. Deren Reichweite ist nach wie vor viel höher als die der neuen Medien, die entsprechende Fehleinschätzung im Clinton-Lager gilt als eine Mitursache für die Niederlage.

    Man kann das jetzt darauf zurückführen, daß die „dummen Trump-Wähler“ nur vor der Glotze sitzen und sich mit Meinungsschrott abfüllen lassen anstatt sich selber über die Bandbreite der Standpunkte zu informieren. Das ist aber nur hochnäsig und verkennt das Problem, vor dem auch intelligente Leute stehen: es fehlt einfach die Zeit, man braucht etwas kompaktes. Wer kleine Kinder hat oder einen stressigen Job, der kann nicht 2 Stunden am Tag konzentriert Nachrichten scannen und vergleichen und sich am Ende eine eigene Meinung erarbeiten. Das kann sich eventuell eine wohlhabende, gutbürgerliche Schicht (und Hartz4er). Daran wird sich mMn auch so schnell nichts ändern.

    Das Durchsehen von hunderten Kommentaren auf telepolis (aber auch auf Zeit.de, SPON, AllesEvo usw.) war und ist für mich aus Zeitgründen unmöglich und/oder hat mich tendenziell abgeschreckt, weil viele Kommentare intellektuell nicht so prickelnd sind (Schema: „Du bist doof“ — „nein, du!!“).

    Ich mache hier gerade ein Riesenfaß auf, was demokratische Teilhabe in der Zeit des Internets bedeutet, welches Recht jeder einzelne (auch ein Nicht-Experte) hat, bei der politischen Meinungsbildung Gehör zu finden wie leicht offene Plattformen von professionellen Meinungsmacher gekapert werden können usw. Darauf läuft es am Ende hinaus. Deshalb halte ich Deine Einschätzung

    Was ich damit sagen will: Es gibt nur eine Zukunft des Journalismus und das ist „telepolis“.

    für einigermaßen plausibel bei Themen, in die sich Otto Normalbürger noch mit vertretbarem Lernaufwand einarbeiten kann. Bei wirklich komplexen Themen glaube ich nicht an die Segnungen der Schwarmintelligenz. Das mindeste, was man auch bei solchen Themen erreichen sollte, wäre korrekte Fakten als Basis der Meinungsbildung.

    Mein Fazit: Ob uns das paßt oder nicht, Präsenz in den reichweitenstarken Medien ist unverzichtbar, wenn man irgendwann in den oberen Bewußtseinschichten unserer gewählten Volksvertreter ankommen will, also in den wirklichen Machtzentren.

    1. @mitm

      „Mein Fazit: Ob uns das paßt oder nicht, Präsenz in den reichweitenstarken Medien ist unverzichtbar, wenn man irgendwann in den oberen Bewußtseinschichten unserer gewählten Volksvertreter ankommen will, also in den wirklichen Machtzentren.“

      Korrekt.
      Und insbesondere in den „öffentlich-rechtlichen“, die immer noch den Nimbus der Glaubwürdigkeit mit sich herumtragen.
      Auf deren Ausrichtung eben diese Volksvertreter auch den meisten Einfluss haben und somit besonders empfindlich reagieren, wenn die Berichterstattung nicht in ihrem Sinne ist.

      Aus dieser Perspektive, die ich schon lange verlassen habe, ist all das, was du gesagt hast zutreffend. Bedaure ich, ist aber so.
      Man kann jedoch *beide* Strategien verfolgen, weil wir einfach nicht darauf angewiesen sind, ob uns bspw. ein ARD-Reporter „entdeckt“.
      Es schert mich einen Dreck, weil wir wirklich nicht auf diese Medien angewiesen sind, unsere Sache zu vertreten.
      Aus der mittel- und langfristigen Perspektive der Reichweite gesehen hingegen sehr wohl.

      „Man kann das jetzt darauf zurückführen, daß die „dummen Trump-Wähler“ nur vor der Glotze sitzen und sich mit Meinungsschrott abfüllen lassen anstatt sich selber über die Bandbreite der Standpunkte zu informieren.“

      Das haben beide Lager nicht getan – für beide Lager gab es die Filterblasen, in den traditionellen Medien und auch in den sozialen Medien.
      Es gibt die „dummen Hilary-Wähler“ daher ebenso (Lena Dunham z.B. ist richtig doof).

      Ich möchte jedoch betonen, dass die angelsächsische / US-Demokratie und die „the winner takes it all“-Mentalität (durch ein zwei Parteien System / eine Präsidialdemokratie) nicht unser Problem ist.
      Diese Mentalität ist m.E. die unmittelbare Ursache der Brutalisierung, Personalisierung und Profanisierung des Diskurses.
      Wir HABEN ein politisches Spektrum, seit der Erosion der Volksparteien existiert der Zwang zum Kompromiss bei der Gewinnung von Mehrheiten noch wesentlich stärker – diese unterschiedlichen Demokratie-Verständnisse auf dieser Basis *in eins zu setzen* ist einfach sinnlos.

      Als bei einer Milo Y. Veranstaltung ein spanischer Student zu SJW, political correctness etc. meinte, dies wäre ein angelsächsisches Phänomen, welches im restlichen Europa fast keine Rolle spielen würde, herrschte erst einmal schweigen.
      Weil es das Narrativ torpedierte, hier ginge es ZENTRAL um die Werte der „western world“. Geht es nicht.
      Sondern um die permanente Behauptung einer ZENTRALPERSPEKTIVE aus der Perspektive *der angelsächsischen Welt*.

      Der Lerneffekt aus Trumps Sieg muss daher zwangsläufig in Deutschland ein ganz anderer sein. Aber die hiesige Linke ist bisher leider lernresistent.
      Sie möchten so gerne nachplappern, was aus (NEU!) den USA stammt…
      Das wird noch ein hartes Stück Arbeit!

      Gruß crumar

  5. Ich recyle hier mal meinen Kommentar unter dem „Extrempositionen“ bei den scheidenden Geistern, da ich ein paar Punkte zum Thema Extrempositionen habe:

    Zum einen sollte mann sich klar sein, dass schon die Position „Männer sind hier und heute mindestens genauso benachteiligt wie Frauen“ von der Mehrheit als extrem angesehen wird. Eine typische Reaktion auf die Offenbarung, mann sei Männerrechtler ist: Lachen und die Frage „Wofür soll das denn gut sein?“

    Zum anderen kann ich den Wunsch nach mehr extremen Positionen gut nachvollziehen, aus der Ungeduld und dem Gefühl heraus dass es einfach nicht vorangeht. Und es könnte ja sein, dass die Lehre aus vielen anderen Bereichen „ohne Schmerz ändert sich nichts“ auch hier zutrifft – und ich meine hier weniger körperlichen Schmerz. Aber mann sollte sich fragen wie extrem mann denn werden will. Unter anderem *muss* man sich das fragen, weil von Seiten des Feminismus Gewalt nicht ausgeschlossen wird. Die Beispiele von Esther Vilar und Erin Pizzey zeigen, dass das sogar gegenüber Frauen gilt. Und die feministische Aktion in Berlin am 1. Mai 2016, bei der Männergruppen mit unverschämten Flugblättern versorgt wurden und abwehrende Reaktionen darauf mit Wasserbomben bestraft wurden? Da sehe ich dass Gewalt in Kauf genommen wurde, oder besser: hervorgerufen werden sollte.

    Außerdem ist die Frage: Werden denn extremere Positionen etwas nutzen? Wenn man sich einmal klargemacht hat, dass es dieser Gesellschaft scheissegal ist ob Männer leben oder sterben, wieso sollte sie reagieren wenn Männer lauter bitten? Damit will ich nicht sagen dass mann es nicht versuchen sollte, mann sollte sich nur keine Illusionen machen.

    Eine Gruppe die sich Männerrechtler genauer anschauen sollten ist MGTOW, gerade wenn es darum geht was mann selbst und direkt tun kann, und wenn es um einen schonungslosen Blick auf die Realität geht.

    Hier ist z.B. ein erhellendes Gespräch zwischen dem Ex-Männerrechtler John the Other und dem MGTOWler Ayam Sirias, Themen unter anderem: wie wird mann vom Männerrechtler zum MGTOW, Feminismus als Feind?, Bittstellertum, Scheisssituation von Männern in Indonesien und anderen traditionellen Gesellschaften auch ohne Feminismus: https://www.youtube.com/watch?v=6qc31r1pmtU

    Wenn ich schon mal dabei bin, hier noch ein Video von John the Other zum Thema Konfliktstrategien, dieses mehr zum Umgang mit direkten Angriffen von feministischer Seite. Tenor: Gleiches mit Gleichem zu vergelten hilft nicht, vernünftig argumentieren hilft auch nicht. Man muss den vorgegebenen Frame verlassen (ab 2:30):

    Ohne die Positionen aus dem angelsächsischem Raum zu übernehmen, finde ich es sinnvoll sie zu kennen, da sie über kurz oder lang bei uns landen, häufig auch noch unübersetzt („rape culture“).

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