Fundstück: Schneewittchen und „Der Mann das ist ein Lustobjekt“

Als Reaktion auf einen Artikel von crumar schlägt Leonie Popkultur „aus den wilden 70ern“ vor mit dem Hinweis:

Ja, so´war das damals, als die 2. Frauenbewegung entstand – und Ihr hättet auch rebelliert!

Die Popkultur – was wäre ein Blogeintrag ohne sie? – ist dabei folgende:

Gruppe Schneewittchen: Der Mann das ist ein Lustobjekt

Das Lied stammt aus dem Jahr 1978 und merke, wie sich die Zeiten geändert haben, denn mein erster Gedanke war: Das wäre heute abzufeiern!

Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Also, so eine positive Beurteilung von Männern allgemein bin ich ja gar nicht gewohnt! Männern wird hier zugestanden, als Lustobjekt zu taugen, also sexuelles Interesse zu erregen – von einer Frau, wohlgemerkt! Dies wirkt in der heutigen Zeit, in der Männer in erster Linie mit Gewalt, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht werden, wie ein überschwengliches Lob.

Er nennt mich seinen liebsten Schatz
Doch das, das sind nur Sprüche

Na, das ist doch gut, dass sie das durchschaut. Vor allem, weil sie bereit ist, auch die Konsequenzen daraus zu ziehen:

Und wenn der Neue streicheln kann
Und schöner als der Alte
Dann bleib‘ ich bei dem neuen Mann
Bevor ich ganz erkalte
Dann werd‘ ich von ihm heißgestreichelt
Bis die Matratzen rauchen

Mich erinnert das an das selbstbewusste Frauenbild, das ich in den 1990ern mitbekommen habe: Da gingen Frauen offensiv mit ihrer Sexualität und ihren Wünschen um. Nun mögen seinerzeit Anspruch und Wirklichkeit auseindergeklafft haben – aber es gab zumindest dieses positive Bild, das Frauen ihre Freiheit ließ – und Männern auch! Jeder Erwachsene war eben für seine Taten verantwortlich, aber eben nicht automatisch „schuldig für andere“.

Ab heute, müssen alle ran
Bis sie den Geist aushauchen

Das klingt schon ein wenig lebensbedrohlich. Allerdings immer noch besser als als Soldat zu sterben! Und ich bin mir sicher, viele „nette Kerle„, die ständig in der Friendzone landen, würden gerne mal „nur fürs Bett“ zu gebrauchen sein.

Wenn einer nicht mehr funktioniert
Und anfängt zu querelen
Dass er an seiner Lust krepiert
Ja dann, ja meiner Seelen
Geb‘ ich ihm ein paar Euroschecks
Dann kann er sich was kaufen

Das ist ja sogar zu modern für heute: Der Mann bekommt Geld für seine „emotionale Arbeit„.

Für diejenigen, für das alles zu albern war, hier der Kommentar von crumar als Antwort auf Leonie:

Aber Leonie, selbst heute würde z.B. Adrian den Refrain begeistert mitsingen!
Frag ihn ruhig! 😉

Die Zeiten haben sich geändert, Leonie.
Natürlich könnte ich ebenfalls einem Mann die Schuld dafür geben, wenn mein Haushalt nicht ordentlich geführt ist.
Denn ich lebe als Single – so wie über 50% der Haushalte hier in Berlin (weibliche Singles müssten dann allerdings einer Frau die Schuld geben, beinahe unvorstellbar).

Das Lied stammt noch aus der „guten alten Zeit“, in der es solide Paarbindungen in traditionellen Paarbeziehungen gab, die mit einer traditionellen Aufgabenteilung nach Geschlecht zusammen wohnten und einen traditionellen Haushalt bildeten und führten.
Diese Haushalte befinden sich inzwischen in mehreren (deutschen) Großstädten in der Minderheit.

Diese gesellschaftliche Entwicklung hat der Feminismus der zweiten Welle (und nachfolgende) nicht nur verkannt, sondern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die gute alte „Hausarbeit“ ebenso wie die „care-Arbeit“ ausschließlich als weiblich verstanden worden ist, prägt auch die aktuelle feministische Debatte.
Wenn ungebrochen feministischerseits geklagt wird, die „unbezahlte“ care-Arbeit und Hausarbeit sei immer noch weiblich, dann wird m.E. diese „gute alte Zeit“ beschworen.
Man hat fast den Eindruck, die rituelle Klage muss sich der Existenz einer solchen, traditionellen, konservativen Gesellschaft versichern, um überhaupt wirksam zu sein.

Was evtl. daran liegt, dass sich zwar immer mehr Frauen sich an der Erwerbsarbeit beteiligen, das Verhältnis der durchschnittlichen Arbeitszeit nach Geschlecht sich hingegen nicht geändert hat. Durchschnittlich sind es 22 Stunden in der Woche für Frauen und 43 Wochenstunden für Männer und daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren nichts großartig geändert. D.h. die Entwicklung stagniert seit dieser Zeit.

Nun kann man durchaus die Existenz von sehr gut verdienenden Single-Frauen und Männern annehmen, die ihr individuelles Leben mit 22 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche bestreiten.
Für die Mehrheit der Männer und Frauen wird dies jedoch nicht zutreffen.
Was allerdings die Frage aufwirft, von was der Durchschnitt der Frauen in Paarbeziehungen lebt, die durchschnittlich 22 Stunden in der Woche arbeiten…
Wenn es in dem Lied heißt, dann „geb ich ihm eine paar Euroschecks, dann kann er sich was kaufen“, ist das löblich.
Nur müsste man fragen: Verfügt der *reale Mann* über das Geld seiner Partnerin oder sind die Schecks nicht sehr wahrscheinlich durch *sein eigenes Geld* gedeckt?

Ich fand und finde an der feministischen Diskussion bezeichnend, dass solche Fragen erst gar nicht erst gestellt worden sind.
Die Einkünfte durch die männliche Erwerbsarbeit werden ebenso fraglos vorausgesetzt, wie auch, dass der Mann seine materiellen Ressourcen (fraglos) zu teilen habe.
Als sei es das selbstverständlichste der Welt, auf diese – durch Männer – erarbeitete Ressourcen einen – quasi biologischen – *Anspruch* zu haben.

Gerecht und emanzipiert wäre es, wenn beide Geschlechter 32,5 Wochenstunden arbeiten und sich Hausarbeit und „care-Arbeit“ 50:50 teilen – dafür stehe ich ein.
Vom Mann jedoch *die Hälfte* der beiden letztgenannten Tätigkeiten zu erwarten und selber nur ein *Drittel* zu den Paar-Einnahmen beizusteuern, hat weder etwas mit Gerechtigkeit, noch mit Emanzipation zu tun.
Sondern es ist die *Fortsetzung* einer traditionellen, konservativen Aufgabenteilung nach Geschlecht, in dem die modernen Ansprüche von Frauen an Männer diesen ZUSÄTZLICH aufgehalst werden.
Bei gleichzeitiger weiblicher Verhaltensstarre, den gleichen Beitrag zu den Paar-Einkünften beizusteuern – siehe Stagnation.

Was wir dem Feminismus – auch der zweiten Welle – vorwerfen ist, dass er nicht nur eine halbierte Form der Emanzipation anstrebt, sondern sich propagandistisch darin ergeht, traditionelle, konservative Verhältnisse, in denen Männer *verbleiben sollen* (irgendwer muss diese Gesellschaft finanzieren) als „modern“ zu *verkaufen*.
Ein Marketing von außen rot, innen traditionell und konservativ.

Ich glaube, die Männerbewegung wird diese versteinerten Verhältnisse sehr, sehr grundlegend zum tanzen zwingen.

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2 Antworten zu Fundstück: Schneewittchen und „Der Mann das ist ein Lustobjekt“

  1. Matze schreibt:

    Hach-ja, ich werde auch lieber als Lustobjekt gesehen, als das mich eine UN-Botschafterin als genetisch unterentwickelt bezeichnet.

    Sowas ist natürlich Geschmackssache…

  2. crumar schreibt:

    @Graublau

    Besonders pikant: Sie hat das Lied gar nicht selber geschrieben, der Text stammt von einem *Mann*

    „I kissed a girl and I liked it!“
    Silvio Berlusconi

    „Oooops, I did it again!“
    Silvio Berlusconi

    Gruß crumar

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