Allein gelassene Familien

Es folgt ein Gastartikel von Siggi, ursprünglich im Blog Scheidende Geister erschienen.

Über die Recherche zu meinem Artikel Allein Gelassene Alleinerziehende bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die weit überwiegende Zahl der Alleinerziehenden einen großen Teil ihrer Einkünfte aus öffentlichen Transferleistungen bezieht. Nach Aussage des verlinkten Artikels bekommen 87 Prozent der Alleinerziehenden beziehen Hartz IV-Leistungen. Staatliche Leistungen, beispielsweise Kindergärten, Schulen, Universitäten, öffentlicher Verkehr, Straßen und Polizei werden praktisch nicht durch Alleinerziehende finanziert, aber natürlich genutzt.

Es war die Anspruchshaltung der Autorin, die mich nachdenklich gestimmt hat. Diese habe ich als überzogen empfunden und daher ihre Aussagen hinterfragt. Heraus kam für mich im Wesentlichen, dass man auch auf die Verantwortung der Alleinerziehenden schauen sollte, bevor man nach mehr Geld schreit, und das subtile Gefühl, dass Familien nicht nur für ihre eigenen Kinder zahlen, sondern überproportional auch für Alleinerziehende. So weit habe ich das im Blogeintrag beschrieben.

Mich interessierten die Fakten. Fündig wurde ich beim Statistischen Bundesamt (Seite 34). Dort findet sich der Durchschnitt des Bruttoeinkommens aus unselbstständiger Arbeit aufgeschlüsselt nach Haushaltstyp: 1527 Euro für Alleinerziehende, 3563 für den Hauptverdiener einer Familie und 1007 für den Partner. Männliche Singles verdienen Durchschnittlich 1664 Euro, Single-Frauen 1216 Euro.

Unter „sonstige Haushalte“ sind im Wesentlichen die Familien erfasst, die Kinder über 18 Jahren haben. Das können Rentner mit erwachsenen Kindern und Enkeln sein, aber auch Eltern, deren Kinder studieren. Leider wurde diese Gruppe nicht weiter heruntergebrochen. In dieser Gruppe verdient der Hauptverdiener im Schnitt 2861 Euro, der Partner 684 Euro.

Damit keine Zweifel aufkommen: Familien mit minderjährigen Kind(ern) erzielen mit Abstand die höchsten Einkommen von allen Haushaltstypen, sie sind es, die die höchsten Steuern zahlen und damit die Gemeinschaft und die Alleinerziehenden im Wesentlichen finanzieren. Die sonstigen Haushalte sind die nächsten größeren Leistungserbringer.

Das kann man auch schnell durchrechnen (NRW, Jahr 2017, nicht in der Kirche, Alter 30, Kinder: Ja, gesetzlich versichert, 1,1 Prozent Zusatzbeitrag):

  • Alleinerziehend, Steuerklasse 2: 1527 Euro brutto, Steuern: 51,00 Euro
  • Ehepartner 1, Steuerklasse 3: 3563 Euro brutto, Steuern: 327,74 Euro
  • Ehepartner 2, Steuerklasse 5: 1007 Euro brutto, Steuern 107,40 Euro
  • Single Mann, Steuerklasse 1, kein Kind: 1664 Euro brutto, Steuern: 124,83 Euro
  • Single Frau, Steuerklasse 1, kein Kind: 1216 Euro brutto, Steuer: 27,50 Euro
  • (Sonstiger) Ehepartner 1, Steuerklasse 3: 2861 Euro brutto, Steuern: 163,99 Euro
  • (Sonstiger) Ehepartner 2, Steuerklasse 5: 684 Euro brutto, Steuern 66,08 Euro

Wir sehen: Das Geld für die Alleinerziehenden kommt nicht von einer anonymen Gruppe von Reichen, die unlauter an ihr Geld gekommen sind. Es wird den Familien genommen. Familien, die ihren Status auch ihren verantwortungsvollen Entscheidungen und ihrer eigenen harten Arbeit zu verdanken haben.

Eine Durchschnittsfamilie zahlt monatlich 435,14 Euro Steuern. Ein Durchschnittsalleinerziehender zahlt monatlich 51,00 Euro Steuern. Es braucht mehr als acht Alleinerziehende, um das Steueraufkommen einer Familie zu ersetzen.

Nimmt man an, dass die Mutter die Erziehung übernimmt, zahlt der Vater der Kinder als Single Mann 124,83 Euro Steuern. Eine Alleinerziehende Mutter und der getrennt lebende Vater zahlen gemeinsam 175,83 Euro Steuern. Es braucht fast 2,5 getrennt lebende Durchschnittsfamilien, um das Steueraufkommen einer Durchschnittsfamilie zu ersetzen.

Die Annahmen in dieser Kalkulation habe ich so gewählt, dass sie den geringsten Unterschied im Steueraufkommen nach sich ziehen: Die Beispielfamilie ist verheiratet und profitiert damit von Steuervorteilen. Bei der getrennt lebenden Durchschnittsfamilie habe ich die Steuerklasse 2 dem Partner mit dem geringen Einkommen zugewiesen, so dass hier mehr Steuern als nötig bezahlt werden.

In der Realität ist der Unterschied im Steueraufkommen also noch größer, da nicht alle Paare mit Kindern verheiratet sind und manche Alleinerziehende gemeinsam mit dem anderen Elternteil die Steuervorteile optimieren können.

Zusätzliches Problem könnte sein, dass es attraktiver ist getrennt zu leben, um Sozialleistungen zu bekommen. Wenn der Partner arbeitet kann das ein Motiv sein. Dazu kenne ich keine Zahlen, es ist aber auf jeden Fall ein Fehlanreiz zum Schaden der Kinder. Es macht schon einen Unterschied, als Familie beispielsweise 200 Euro über dem Hartz IV-Satz zu liegen (mit dem Einkommen des Partners) oder Mutter und Kind voll abgesichert zu haben über Hartz IV, während er nur (seine eigene) Miete zahlen muss.

Mit höheren Leistungen für Alleinerziehende – wie im ursprünglichen Artikel gefordert – macht man außerdem den Sozialleistungsbetrug attraktiver – also Paare, die tatsächlich zusammenleben, sie gibt ihn aber bei der Behörde nicht mit an und erhält sämtliche Vergünstigungen einschließlich Hartz IV, sein Einkommen ist komplett verfügbar. Wie dieser Artikel zeigt, wird dies wiederum hauptsächlich durch die Familien finanziert.

Fazit

Mein Gefühl, dass vor allem Familien die Alleinerziehenden finanzieren, wurde durch Fakten bestätigt. Es scheint keine öffentliche Debatte darüber zu geben, zumindest kenne ich keine. Es wird so getan, als seien die Mittel für soziale Wohltaten „da“, so als würden nicht Menschen dafür Leistung erbringen müssen.

Und oft bringen Familien Opfer, um hohe Einkommen erzielen zu können, etwa lange Pendelstrecken, Überstunden, Umzug in eine wirtschaftsstarke Region oder wochenlanger Einsatz auf Montage.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, zu welchen Transferleistungen Familien moralisch verpflichtet sind und welches Verhalten man von (zukünftig) Alleinerziehenden und ihren Sexualpartnern erwarten kann.

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10 Kommentare zu „Allein gelassene Familien“

  1. Es gibt m.W. eine starke Relation zwischen Gewissenhaftigkeit und Intelligenz einerseits und beruflichem Erfolg andererseits.
    Man könnte auch sagen, es gibt Menschen, die ihr Leben mit Fleiß und/oder Klugheit auf die Reihe kriegen und es gibt Menschen, deren geistige und moralische Kapazitäten zu vielen ungünstigen Entscheidungen führen.
    Ein Kind in einer instabilen, finanziell nicht abgesicherten Partnerschaft zu bekommen, ist ein Beispiel für so eine ungünstige Entscheidung.
    Alleinerziehende sind ein Symptom, keine Ursache.

    1. Ich gebe Ihnen zum Teil recht, dass sicher in vielen Fällen eine Kausalität in der von Ihnen beschriebenen Weise vorliegt.
      Ich gehe aber auch davon aus, dass es natürlich in anderen Fällen Mitnahmeeffekte gibt. Etwa wenn beide Partner nicht zusammenziehen, weil jeder für sich ALG2 bekommt. Mit den entsprechenden Auswirkungen auf das Kind, welches dann ohne Vater aufwächst.
      Ein anderes Beispiel wäre, wenn eine finanziell abgesicherte Partnerschaft vorliegt und sich ein Partner trennt. Dieser Partner verschlechtert dann die Situation für alle (zwei Wohnungen zu unterhalten usw.). Das kann eben auch dann passieren, wenn dieser Partner (der der die Trennung möchte) gar nicht in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Das Wissen, dass Vater Staat einspringt, sorgt hier überhaupt erst für die Möglichkeit.
      Im Extremfall kann es sogar sein, dass die Entscheidung für Kinder direkt von staatlichen Transferleistungen abhängt. Also dass man beispielsweise bei eigenen Handlungen gar kein Kind in Kauf nehmen würde, wenn es keine Transferleistungen gäbe.

      1. Der Staat als Ermöglicher schlechten Verhaltens?
        Das ist wohl auch richtig. Meines Erachtens die Schattenseite von Sozialsystemen.

    1. Der Vorwurf der Arroganz ist natürlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich habe aber versucht sachlich zu bleiben.
      In erster Linie besteht der Artikel aus Fakten, und diese sind wertungsfrei. Auch wenn es mir nicht gelungen ist, komplett ohne Wertung auszukommen, habe ich mich schon darauf konzentriert.
      Die Situation aller Alleinerziehenden auf gescheiterte Lebensplanung zu reduzieren, ist auch zu einfach. Die meisten von ihnen dürften keine passiven Opfer sein. Fast jeder hat Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten.
      Und die (moralische) Frage bleibt: Warum sollten die anderen das bezahlten?

  2. „Zusätzliches Problem könnte sein, dass es attraktiver ist getrennt zu leben, um Sozialleistungen zu bekommen. Wenn der Partner arbeitet kann das ein Motiv sein. Dazu kenne ich keine Zahlen, es ist aber auf jeden Fall ein Fehlanreiz zum Schaden der Kinder. Es macht schon einen Unterschied, als Familie beispielsweise 200 Euro über dem Hartz IV-Satz zu liegen (mit dem Einkommen des Partners) oder Mutter und Kind voll abgesichert zu haben über Hartz IV, während er nur (seine eigene) Miete zahlen muss.“

    Klar: es zahlt sich sicher aus, zwei Wohnungen zu halten und zu versorgen, sein Kind dazu zu erziehen, zu lügen. Und es zahlt sich sicher aus, die paar Sozialleistungen zu bekommen, die einem Alleinerziehenden zustehen würden. Für Vater und Mutter! Bei den niedrigen Mieten in Deutschland.

    „Mein Gefühl, dass vor allem Familien die Alleinerziehenden finanzieren, wurde durch Fakten bestätigt. Es scheint keine öffentliche Debatte darüber zu geben, zumindest kenne ich keine. Es wird so getan, als seien die Mittel für soziale Wohltaten „da“, so als würden nicht Menschen dafür Leistung erbringen müssen.“

    Hast du in deine Fakten auch mit einberechnet, dass Familien-Hauptverdiener-Ehepartner (bzw. Familien mit Ehepaaren allgemein) mit hübschem Abstand durchschnittlich am meisten verdienen? Das kann man jedenfalls aus der Aufstellung, die du oben gepostet hast, entnehmen. Ja, hast du sogar! Sie verdienen am meisten, darum legen sie am meisten ab. Wären alleinerziehende Mütter diejenigen in dieser Gruppe, die am meisten verdienen, bin ich ziemlich sicher, dass sie diejenigen wären, die die meisten Steuern zahlen.
    Abgesehen davon bin ich ziemlich sicher, dass (prozentuell gesehen) kinderlose Singles die Alleinerziehenden am ehesten finanzieren. Die kriegen nämlich kein Kindergeld zum Ausgleich und machen keine Babypausen und keine Krankenpflege-Urlaube. Sie sind auch am flexibelsten.

    „Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, zu welchen Transferleistungen Familien moralisch verpflichtet sind und welches Verhalten man von (zukünftig) Alleinerziehenden und ihren Sexualpartnern erwarten kann.“

    Was heißt „moralisch verpflichtet“? Es geht nicht um die Alleinerziehenden, sondern um die Kinder. Und ein Kind hat grundsätzlich das Recht auf Sozialleistungen. Es kann sich immerhin noch nichts selbstständig erarbeiten. Was kann ein Kind dafür, dass der Vater/die Mutter tot ist oder sich verabschiedet hat/verabschiedet worden ist?
    Apropos: Sind eigentlich auch Alleinerziehende auf deinem Radar, die keine „Sexualpartner“ haben, und ihren damaligen Partner, den Vater des Kindes mal eben aus einer Laune heraus entsorgt haben, bzw. um mehr Geld vom Staat zu kassieren, sondern deren Partner verstorben ist, oder aus heiterem Himmel abgehauen, auf Nimmerwiedersehen, weil er sich das mit dem Kind nicht so anstrengend vorgestellt hat?

    Und um auf deine Antwort auf errollbundelfeuerstein einzugehen: nein, „passive Opfer“ sind vielleicht nicht alle Alleinerziehenden, vielleicht nicht mal ein großer Teil. Aber absichtlich bzw. bewusst bringt sich kaum jemand in die Lage, alleinerziehend zu sein. Du stellst es so dar, als würde eine Mehrzahl der Alleinerziehenden irgendwann beschließen: „So, ich entsorge rasch mal den Alten, damit ich Sozialleistungen bekomme und Familien schröpfe!“ Als würde es Spaß machen, und nicht, im Gegenteil, mit Schmerz verbunden sein. Natürlich ist es immer eine gescheiterte Lebensplanung! Weil erst mal so gut wie jeder hofft, dass die Beziehung zum Kindesvater/der Kindesmutter hält und man eine glückliche Familie wird.

    Und warum sollten das die anderen bezahlen? Siehe oben. Und tja, das ist eben der Sozialstaat. Wir können es auch gerne gleich so machen, dass niemand, der keine oder weniger „Leistung“ bringt, irgendwas zugeschossen bekommt. Denn immerhin müssen ja sonst die Familien Steuern zahlen! Also her mit den bis zum Tode arbeitenden Senioren. Unter die Brücke mit den auf dem Arbeitsmarkt Unvermittelbaren.

    1. „Klar: es zahlt sich sicher aus, zwei Wohnungen zu halten und zu versorgen, sein Kind dazu zu erziehen, zu lügen. Und es zahlt sich sicher aus, die paar Sozialleistungen zu bekommen, die einem Alleinerziehenden zustehen würden. Für Vater und Mutter! Bei den niedrigen Mieten in Deutschland.“
      Im Falle von Hartz IV übernimmt der Staat die Miete. Als Kostenfaktor für die Betroffenen scheidet dies dann aus.

      „Hast du in deine Fakten auch mit einberechnet, dass Familien-Hauptverdiener-Ehepartner (bzw. Familien mit Ehepaaren allgemein) mit hübschem Abstand durchschnittlich am meisten verdienen? Das kann man jedenfalls aus der Aufstellung, die du oben gepostet hast, entnehmen. Ja, hast du sogar! Sie verdienen am meisten, darum legen sie am meisten ab. “
      Das war ja der Sinn der Übung. Aber stellt sich nicht auch die Frage, warum das so ist? Sind diese Leute zufällig auf gut bezahlten Posten? Oder hat es (auch) etwas mit ihrer persönlichen Leistung, ihren persönlichen Entscheidungen und den Opfern die sie erbringen zu tun?

      „Abgesehen davon bin ich ziemlich sicher, dass (prozentuell gesehen) kinderlose Singles die Alleinerziehenden am ehesten finanzieren. Die kriegen nämlich kein Kindergeld zum Ausgleich und machen keine Babypausen und keine Krankenpflege-Urlaube. Sie sind auch am flexibelsten.“
      Genau genommen sind es die männlichen Singles. Die verdienen mehr als die weiblichen Singles. Und auch die sind nicht zufällig auf den gut bezahlten Posten. Die von dir ins Spiel gebrachte Flexibilität bringt sicher Geld, aber auch die erfordert oft persönliche Opfer.

      „Was heißt „moralisch verpflichtet“?“
      Genau das. Alleinerziehende und ihre Kinder zu unterstützen ist eine moralische Entscheidung.

      „Es geht nicht um die Alleinerziehenden, sondern um die Kinder. Und ein Kind hat grundsätzlich das Recht auf Sozialleistungen. Es kann sich immerhin noch nichts selbstständig erarbeiten. Was kann ein Kind dafür, dass der Vater/die Mutter tot ist oder sich verabschiedet hat/verabschiedet worden ist? Apropos: Sind eigentlich auch Alleinerziehende auf deinem Radar, die keine „Sexualpartner“ haben, und ihren damaligen Partner, den Vater des Kindes mal eben aus einer Laune heraus entsorgt haben, bzw. um mehr Geld vom Staat zu kassieren, sondern deren Partner verstorben ist, oder aus heiterem Himmel abgehauen, auf Nimmerwiedersehen, weil er sich das mit dem Kind nicht so anstrengend vorgestellt hat?“
      Der Kontext wird im Artikel beschrieben. Mir ging es um die Anspruchshaltung, mit der *weitere* Transferleistungen gefordert werden. Es wird so getan, als käme das Geld dafür aus dem nichts. Diesem Eindruck wollte ich mit diesem Artikel widersprechen. Ich möchte nicht alle Transferleistungen abschaffen. Das steht auch nicht im Artikel.

      „Und um auf deine Antwort auf errollbundelfeuerstein einzugehen: nein, „passive Opfer“ sind vielleicht nicht alle Alleinerziehenden, vielleicht nicht mal ein großer Teil. Aber absichtlich bzw. bewusst bringt sich kaum jemand in die Lage, alleinerziehend zu sein. Du stellst es so dar, als würde eine Mehrzahl der Alleinerziehenden irgendwann beschließen: „So, ich entsorge rasch mal den Alten, damit ich Sozialleistungen bekomme und Familien schröpfe!“ Als würde es Spaß machen, und nicht, im Gegenteil, mit Schmerz verbunden sein. Natürlich ist es immer eine gescheiterte Lebensplanung! Weil erst mal so gut wie jeder hofft, dass die Beziehung zum Kindesvater/der Kindesmutter hält und man eine glückliche Familie wird.“
      Das habe ich auch nicht behauptet. Aber es gibt – nach meiner Beobachtung – GAR KEINE Debatte über die Verantwortung derjenigen, die Kinder unter schlechten Bedingungen in die Welt setzen oder die Bedingungen durch Trennung verschlechtern, wenn sie da sind. Wann haben Sie denn zum letzten Mal gelesen, dass Person X einfach mal die Zähne hätte zusammenbeißen sollen, und bei ihrem Partner hätte bleiben sollen, der Kinder wegen? Oder dass X und Y gar kein Kind unterhalten können, vielleicht sollten sie dann auch verantwortungsbewusster handeln?
      Solche Transferleistungen sind aus meiner Sicht eine moralische Verpflichtung. Aber ist es dann nicht opportun auch bei den Empfängern nach ihrem Beitrag zu fragen, diese Situation zu vermeiden?

      „Und warum sollten das die anderen bezahlen? Siehe oben.“
      Das habe ich nicht verstanden. Weil viele Alleinerziehende keine Schuld an ihrer Situation tragen (was ich nicht bestreite)? Woraus ergibt sich jetzt, dass die anderen dafür zahlen sollen? Und die Transferleistungen noch weiter ausweiten sollen?

      „Und tja, das ist eben der Sozialstaat. Wir können es auch gerne gleich so machen, dass niemand, der keine oder weniger „Leistung“ bringt, irgendwas zugeschossen bekommt. Denn immerhin müssen ja sonst die Familien Steuern zahlen! Also her mit den bis zum Tode arbeitenden Senioren. Unter die Brücke mit den auf dem Arbeitsmarkt Unvermittelbaren.“
      Wie schon geschrieben: Das ist nicht mein Wunsch.

      1. „Im Falle von Hartz IV übernimmt der Staat die Miete. Als Kostenfaktor für die Betroffenen scheidet dies dann aus.“

        Natürlich ist es auch ein tolles Gefühl, zum Staat betteln zu rennen und in Hartz IV-finanzierten Wohnungen zu leben, statt eine anständige Wohnung von einem satten Gehalt selbst zu finanzieren. Hört sich an, wie ein Anreiz.

        „Das war ja der Sinn der Übung. Aber stellt sich nicht auch die Frage, warum das so ist? Sind diese Leute zufällig auf gut bezahlten Posten? Oder hat es (auch) etwas mit ihrer persönlichen Leistung, ihren persönlichen Entscheidungen und den Opfern die sie erbringen zu tun?“

        Es hat etwas damit zu tun, dass sie es sich leisten können, auf solchen Posten zu sein, weil sie jemanden haben, der ihnen den Rücken freihält. Der ihre Kinder (mit)betreut. Der sich um die Sachen kümmert, um die sie sich nicht selber kümmern können, aus Zeitgründen. Und damit, dass sie gefördert werden.

        „Genau das. Alleinerziehende und ihre Kinder zu unterstützen ist eine moralische Entscheidung.“

        Momentan ist es glücklicherweise einfach bloß eine staatliche Entscheidung.

        „Genau genommen sind es die männlichen Singles. Die verdienen mehr als die weiblichen Singles. Und auch die sind nicht zufällig auf den gut bezahlten Posten. Die von dir ins Spiel gebrachte Flexibilität bringt sicher Geld, aber auch die erfordert oft persönliche Opfer.“

        Das Geschlecht der Singles zu erwähnen, quasi mit dem hoch erhobenen moralischen Zeigefinger, war natürlich SEHR wichtig.
        Opfer? Opfer, die zu bringen sie keiner zwingt. Die sie eben bringen, um mehr zu verdienen.

        „Der Kontext wird im Artikel beschrieben. Mir ging es um die Anspruchshaltung, mit der *weitere* Transferleistungen gefordert werden. Es wird so getan, als käme das Geld dafür aus dem nichts. Diesem Eindruck wollte ich mit diesem Artikel widersprechen. Ich möchte nicht alle Transferleistungen abschaffen. Das steht auch nicht im Artikel.“

        Nun, es ist kein Geheimnis, dass Alleinerziehende (m/w) keine großen Sprünge machen können und in jedem Falle doppelt belastet sind. Ich finde, dass man diese Leute unterstützen kann, schon allein zum Wohl ihrer Kinder, damit diese nicht leiden müssen. Ob nun weil der Vater/die Mutter tot ist, oder weil das erziehende Elternteil sich falsch entschieden hat.

        „Das habe ich auch nicht behauptet. Aber es gibt – nach meiner Beobachtung – GAR KEINE Debatte über die Verantwortung derjenigen, die Kinder unter schlechten Bedingungen in die Welt setzen oder die Bedingungen durch Trennung verschlechtern, wenn sie da sind. Wann haben Sie denn zum letzten Mal gelesen, dass Person X einfach mal die Zähne hätte zusammenbeißen sollen, und bei ihrem Partner hätte bleiben sollen, der Kinder wegen? Oder dass X und Y gar kein Kind unterhalten können, vielleicht sollten sie dann auch verantwortungsbewusster handeln?“

        Dann sind wir hier bei einer Grundsatzdiskussion. Elternführerschein? Kindesentzug? Denn das Kind kann in keinem Fall etwas dafür. Soll es die Fehler seiner Eltern ausbaden? Sollen wir vielleicht wieder zu einer Gesellschaft werden, in der die Kinder von unfähigen Eltern geächtet werden? Denn dazu könnte es kommen, wenn es eine Schuldfrage gibt.
        Und die Zähne zusammenbeißen? Eine Beziehung um des Kindes Willen weiterzuführen, ist für das Kind nicht gut. Im Endeffekt. Habe ich in meinem Umfeld schon ein paar Mal erlebt. Gerade wenn Kinder da sind, ist das Beenden einer Beziehung zumeist keine Entscheidung, die mal so eben getroffen wird, aus dem Bauch heraus. Jedenfalls nicht von demjenigen, an dem die Erziehung des Kindes „hängen bleibt“.

        „Solche Transferleistungen sind aus meiner Sicht eine moralische Verpflichtung. Aber ist es dann nicht opportun auch bei den Empfängern nach ihrem Beitrag zu fragen, diese Situation zu vermeiden?“

        Es ist ein Eingriff in das Leben von Einzelnen. Man könnte auch dicken Menschen, die irgendwann im Lauf des Lebens aufgrund ihres Übergewichts einen Diabetes mellitus Typ 2 oder Gelenksbeschwerden entwickeln, die Krankenkassenbeiträge erhöhen. Oder auch Rauchern. Oder Leuten, die zu viele Acrylamid-verseuchte Pommes essen und dann Magenkrebs kriegen. Man könnte auch Leute zu Gentests zwingen, ehe sie Kinder in die Welt setzen. Bzw. Leuten mit offensichtlichen genetischen Defekten untersagen, Kinder zu bekommen. Denn wie kommen gesunde Menschen dazu, behinderte Kinder von Leuten durchzufüttern, die einen Gendefekt haben?
        Der Staat kann es sich, denke ich, durchaus leisten, Alleinerziehende zu unterstützen. Ohne hoch erhobenen moralischen Zeigefinger. Die meisten haben sich ihre Situation nicht ausgesucht. Und, wie gesagt, die Kinder können nichts dafür.

        „Das habe ich nicht verstanden. Weil viele Alleinerziehende keine Schuld an ihrer Situation tragen (was ich nicht bestreite)? Woraus ergibt sich jetzt, dass die anderen dafür zahlen sollen? Und die Transferleistungen noch weiter ausweiten sollen?“

        Woraus ergibt sich, dass die anderen für blinde Kinder zahlen müssen? Oder für Querschnittsgelähmte? Oder für Senioren? Für Asylanten?
        Warum die Transferleistungen ausweiten? Damit die Alleinerziehenden den Rücken frei haben, z.B.? Und sich dann infolge dessen auch selber besser versorgen können? Damit es den Kindern besser geht, und sie eines Tages „bessere Mitglieder der Gesellschaft“ werden?

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