Gastartikel: crumar und die dicken Bretter, zweiter Teil

crumar hat sein Wort gehalten und tatsächlich Teil zwei geschrieben! Die Links habe ich ergänzt.

Ich möchte an meinem historischen Rückblick ansetzen, der im ersten Teil einen Bruchpunkt in *einem* Forum charakterisierte, nämlich den bei „telepolis“ zu einem feministischen Artikel von Birgit Gärtner im Jahr 2010.
Hier wurde die Autorin offensichtlich von der Redaktion wegen der Forenreaktionen gezwungen, den ursprünglichen Test um die gröbsten Falschaussagen zu bereinigen und erneut zu veröffentlichen.

D.h. die „Offensive in der Defensive“ – nämlich engagiert aus der Sicht des Lesers zu kritisieren – hatte Früchte getragen, auch weil „heise“ von seiner liberalen Moderationspraxis nicht abließ (ausdrücklich hervorgehoben).

Zwei Jahre später, also 2012 gab es zwei Ereignisse, die ich als Dammbruch charakterisieren würde und die fast zeitgleich erfolgten:

Am 12.4. erschien „Das verteufelte Geschlecht“ von Christoph Kucklick in der „Zeit“ und lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die *eigentlichen* gesellschaftlichen und historischen Gründe für die Entstehung *gesellschaftlich akzeptierter* Männerfeindlichkeit:

Der Feminismus hat die Ideologie der bösen Männlichkeit nicht erfunden, er hat diese nur für eigene Zwecke genutzt und oft sogar richtige und politisch segensreiche Schlüsse daraus gezogen.
Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle: zu Beginn der Moderne, um 1800. Die Geburt des maskulinen Zerrbildes ist also unmittelbar mit der Geburt der modernen Gesellschaft verbunden, seither schreiten beide, Moderne und verteufelte Männlichkeit, gemeinsam und untrennbar durch die Historie.
Das Unbehagen an der Moderne wurde zum Unbehagen am Mann.
Und umgekehrt.

http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner/seite-2

Der Lerneffekt: Wer den feministischen Begriff der „toxic masculinity“ bekämpfen will, indem er den Feminismus bekämpft, betreibt ein Art Schattenboxen.
Der Artikel ist in Gänze lesenswert! Sein Buch „Das unmoralische Geschlecht“ (quasi als Antwort auf „Das moralische Geschlecht“ von Lieselotte Steinbrügge geschrieben) wird bereits als Klassiker der Männerbewegung angesehen.
Da es sich um eine gekürzte Fassung seiner Promotion handelt, die nicht einfach zu lesen ist, empfehle ich eine Zusammenfassung in mehreren Teilen von Lucas Schoppe:

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht.
Teil 1: Warum Männerfeindschaft modern ist
Teil 2: Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit
Teil 3: Politik und Kinderfeindschaft
Teil 4: Zeit für neue Lieder

Am 18.4. erschien beim „Spiegelfechter“ die „Eckpfeiler einer linken Männerpolitik“ von Arne Hoffmann und hier sind die Eckpunkte weniger wichtig, als herauszustellen, dass nach satten 1234 Kommentaren in drei Wochen das Forum geschlossen werden musste.
Eine solche Resonanz auf einen Beitrag eines ausgewiesenen Männerrechtlers hatte es bisher nicht gegeben.
Ebenso wenig die Möglichkeit, auf einem Blog zu veröffentlichen, von dem bekannt ist, der Autor schreibt in und für die „Nachdenkseiten„, einem im linken sozialdemokratischen Spektrum verortbaren Blog.

Nachdem sich Arne Hoffmann mit „Genderama“ zudem als „Blog des linken Flügels der antisexistischen Männerbewegung (Maskulismus)“ positionierte, waren sämtliche Versuche, die Männerechtsbewegung als „rechts“ zu denunzieren und auszugrenzen lächerlich geworden.
Endgültig mit Erscheinen von „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ 2014, einem absoluten Klassiker des linken Flügels der Männerrechtsbewegung. Nichtsdestotrotz gibt sich das Wikipedia-Geschwader von Fälschern, namentlich Fiona und nico b., natürlich noch immer Mühe seinen Eintrag „korrekt“ zu redigieren (ihn also als „rechts“ anzuschmieren).

Nachdem ich diese beiden Männer vorgestellt habe, ist es wichtig, sich deren akademischen Werdegang anzusehen: Christoph Kucklick studierte Politikwissenschaften und Soziologie in Hamburg, Arne Hoffmann Medienwissenschaften in Mainz.
Damit kann übergeletet werden zur politischen Forderung, die Geisteswissenschaften abzuschaffen: Ich halte diese Forderung für falsch.
Sie ist nicht nur falsch, weil die besten Kritiker des Feminismus und Genderismus offensichtlich selber Geisteswissenschaftler sind und diese Forderung auf ihre Selbstabschaffung hinauslaufen würde.

Sondern weil sich in der hier gestellten Frage, ein grober politischer Fehler, nämlich aus einem Gefühl von OHNMACHT abgeleitete Politik verbirgt:

Wie viele Geisteswissenschaftler gibt es denn, die man von feminismuskritischen Positionen oder gar von männerrechtlichen Positionen überzeugen könnte? Nach meiner Einschätzung sind das nicht viele.

Zunächst eröffnet Siggi eine m.E. falsche Frontstellung, nämlich WIR gegen „die Geisteswissenschaften“, die nicht existiert – siehe eben Arne Hoffmann und Christoph Kucklick.
Aber weil ein Gefühl der Ohnmacht ihm sagt, dass Geisteswissenschaftler per se nicht von unseren Argumenten zu überzeugen sind, muss eben „die Geisteswissenschaft“ sterben.

Das klingt zunächst einmal radikal, im Kern steht jedoch entweder das Eingeständnis der Ohnmacht, andere mit Argumenten nicht überzeugen zu können, weil diese ideologisch verbohrt sind oder das Eingeständnis unserer Schwäche, weil wir argumentativ nicht gut genug sind.

Da ich selbstbewusst genug bin zu behaupten, letzteres trifft nicht zu, läuft seine Forderung darauf hinaus, allen Geisteswissenschaften pauschal zu unterstellen, es handle sich um männerfeindliche, feministische Ideologieproduzenten.
Den Beweis für eine solche Behauptung kann jedoch nicht erbracht werden.

Nur weil sich eine feministische Bürokratie aus den Geisteswissenschaften rekrutiert, kann man nicht alle Geisteswissenschaften in Sippenhaft nehmen und kollektiv bestrafen.
Darauf läuft der Vorschlag aber hinaus und allein deshalb finde ich ihn grenzwertig.
Wenn man „die Feministische Infrastruktur und den Staatsfeminismus“ in seiner Macht beschränken willst, dann sollte DAS ein Thema sein.
Mitm erklärt hier, was wir darunter verstehen: maninthmiddle.blogspot.de/p/staatsfeminismus.html

Anders verhält es sich bei den „gender studies“, aber aus anderen, guten Gründen anders.
Leszek (ein Sozialwissenschaftler, übrigens) schrieb auf „Alles Evolution“ im Rahmen einer Antwort auf die Vorschläge:

Innerhalb der Geschlechter-Soziologie dominieren heute leider die Gender Studies. Ich bin allgemein dafür die Gender Studies einer gründlichen Evaluation zu unterziehen und dann alle Personen rauszuwerfen, die nicht wissenschaftlich arbeiten – wobei ich vermute, dass dann wenig von den Gender Studies übrigbliebe.

D.h. Leszek kritisiert die Unwissenschaftlichkeit der „gender studies“, die also (sozial/geistes-) wissenschaftlichen Standards nicht genügen.
Eine Wissenschaft zu kritisieren, bloß weil sie eine andere, von uns nicht gewünschte Positionen vertreten ist nicht ausreichend.
Sie aus diesen Gründen abschaffen zu wollen, wäre haargenau das, was wir unseren politischen Gegnern vorwerfen: Zensur und Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft.

Ich werfe Siggi nicht vor, dass er solche Auffassungen selber hat, sondern für die „radikalen Forderungen“, die Siggi präsentiert sehe ich andere Ursachen, die Leszek ebenfalls (kritisch) anführt:

Es ist m.E. recht offensichtlich, was der wesentliche Grund dafür ist, dass die Männerrechtsbewegung nicht schneller vorankommt: weil sie vor allem eine Internetbewegung darstellt und außerhalb des Netzes kaum in Erscheinung tritt.

Die Männerrechtsbewegung tut bislang das nicht, was jede andere soziale Bewegung auch tun musste um erfolgreich zu sein, nämlich auch im öffentlichen Raum als konstruktive soziale Bewegung in Erscheinung treten und gewaltfreie Aktionen durchführen. (…)

Solange Männerrechtler keine gewaltfreien Aktionen durchführen, wird sich der Fortschritt für die Männerrechtsbewegung eben langsamer vollziehen als es eigentlich möglich wäre.

https://allesevolution.wordpress.com/2017/02/08/es-wird-zeit-fuer-plakative-forderungen-fuer-extrempositionen-die-nur-im-indirektem-zusammenhang-mit-jungen-und-maennerrechten-stehen/#comment-279970

Ich sehe die Forderungen vor dem Hintergrund, dass wir uns in einer politischen Internetbewegung befinden, die alle Kennzeichen einer gefährlichen Filterblase hat.
Vor allem, sich und uns selbst ins Nirwana zu radikalisieren.
Seit 2012 (länger sind die meisten nicht tätig) geht es rasant aufwärts mit männerrechtlichen/maskulistischen Blogs, mit Kommentaren mit youtube-Videos usw., aber der Internet-Aktivismus springt nicht auf das echte Leben über.
Der Fehler ist m.E. angesichts dieser Rasanz der Entwicklung im Internet ungeduldig zu werden, weil man die Internetbewegung mit einer wirklichen politischen Bewegung verwechselt.
Das sind wir aber (noch) nicht.
Es würde helfen, wenn wir uns das eingestehen, geduldig bleiben, weiter männerfeindliche Scheiße fressen und dicke Bretter bohren (am Ende werden wir natürlich sowieso siegen).
Und irgendwann mal den Arsch hoch bekommen – „Komm ins Offene, Freund!“ 😉

Ende Teil 2

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dass mich crumar daran erinnern muss…

Peter Licht: Wir werden siegen

Gastartikel: crumar zu den dicken Brettern, die gebohrt werden mussten

Ein weiterer Fall von „der Kommentar ist einen eigenen Artikel wert“: Siggi, der schon einen Gastartikel hier im Blog veröffentlicht hatte, äußerte sich zu der wiederkehrenden Frage „Was tun?“ dahingehend, dass es Zeit für Extrempositionen sei. Ihm antwortet crumar in einem längeren Kommentar und kündigt sogar noch weitere Teile an. Ab jetzt bis zu den Aktualisierungen O-Ton crumar, ich habe allein die Links ergänzt zwecks besserer Nachlesbarkeit:

Du hast am Anfang einen Kommentar auf „telepolis“ (heise) zitiert, aber das Bild wird erst vollständig, wenn du auch den Artikel nennst, auf den sich dieser Kommentar bezieht, bzw. durch den er angeregt worden ist.
Nämlich „Vergewaltigung: Spiel mit den Zahlen“ von Stephan Schleim vom 20.5.2016, in dem nicht nur die Zahlen der feministischen Lobby kritisiert, die unkritisch medial verarbeitet werden, sondern auch die Definition von bspw. der „sexuellen Belästigung“ aus „Studien“, die offensichtlich so weit gefasst worden ist, um solche aufgeblähten Zahlen zu ermöglichen.

Nun muss man wissen, dass „telepolis“ nicht „schon immer“ Kritik der Männerrechtsbewegung an feministischen Mythen veröffentlichte; das Gegenteil ist der Fall.
Auch auf diesem Medium gab es im Lauf der Jahre feministische, feministisch inspirierte, genderistische, gynozentrische Texte in Massen.
Das war mehr oder weniger die Leitlinie der Redaktion (speziell des Chefredakteurs Florian Rötzer).
Die wurden jahrelang gelesen und in den Kommentaren – mehr oder weniger sachkundig und mehr oder weniger radikal – kritisiert.

Eine Zeitenwende trat m.E. am 5.10.2010 ein, als Birgit Gärtner den Artikel „Jammernde Väter“ schrieb und in 854 (!) Kommentaren, größtenteils sachlich und inhaltlich, regelrecht in der Luft zerrissen worden ist.
Sie wurde daraufhin recht offensichtlich von der Redaktion genötigt den ursprünglichen Artikel zu verbessern, zehn Tage später erschien „Die Sorge der Mütter und die Rechte der Väter“ – ihr erging es allerdings in den 1116 (!) Kommentaren zum zweiten Artikel wenig besser.

Bis zu diesem Punkt war es also die beharrliche Kritik aus unserer Perspektive – nur in diesem einen Forum – die offensichtlich eine Veränderung der Mehrheitsmeinung in diesem Forum bewirkte.
Der Katalysator war dieser eine Artikel, bei dem die Forenmeinung offensichtlich war:
„Jetzt reicht es!“.
D.h. die Vorgeschichte zu dem von dir zitierten Kommentar von 2016 ist dieser Artikel von 2010 und das gloriose Scheitern dieses Artikels hat wiederum eine Vorgeschichte, die nach meiner Schätzung bis 2006 zurückreicht.
Es stimmt, es hat eine lange und beharrliche Arbeit erfordert, um an diesem Punkt anzukommen.
Dafür schreiben nun Twister und Schleim und andere *Artikel* auf „telepolis“ und nicht mehr nur *Kommentare* im Forum in unserem Sinne.

Dass die sehr pessimistische Sicht des Kommentators auf den Stand der Bewegung ausgerechnet zum kritischen Artikel von Stephan Schleim erfolgte, ist Angesichts der Tatsache, dass Stephan Schleim diesen Artikel überhaupt auf „telepolis“ veröffentlichen konnte, fast ein Widerspruch in sich.

Ich möchte nun noch einmal deinen Blick auf den Zeitraum von 10 Jahren lenken, der zwischen den Anfängen der Kritik in diesem Forum an der veröffentlichten offiziellen Meinung stand und bis zu dem Punkt reicht, in dem exakt dieses Medium auch die Kritiker selber veröffentlicht.
Es handelt sich bei unseren Anliegen leider um die Bohrerei in ganz dicken Brettern und auf „man tau“ hat Lucas Schoppe in mehreren, sehr lesenswerten Artikeln beschrieben, warum das bei Anliegen der Männerrechtsbewegung (für Männer und Jungen) *zwangsläufig* so ist.

Im Rückblick sollte man auch die Erfolge der Männerrechtsbewegung bis zum jetzigen Zeitpunkt betrachten und dazu gehört zweifellos das Phänomen der „sprechenden Männer“, die in zahlreichen Foren in ihren Kommentaren das Wort ergreifen und die bestehenden Verhältnisse kritisieren.
Auf „telepolis“ hat dies immerhin schon dahin geführt, dass wir in Artikeln selber sprechen dürfen, statt dass – wie in der „Süddeutschen“ – nur *über* uns gesprochen wird.

Aktualisierungen: Christian Schmidt beschäftigt sich bei Alles Evolution mit dem ursprünglichen Artikel. Siggi legt nochmal nach.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Den Ausdruck „sprechende Männer“ kannte ich noch nicht. Er ließ mich sofort an die Talking Heads denken… und die Zeile „you might get what you’re after“, also eine positive Aussicht.

Talking Heads: Burning Down the House