Fundstück: Spaß mit Männerhass – Folge 14

Ein Beispiel für eine ganz klassische männerfeindliche Argumentation zeigt der Stadtmensch in seinem Artikel „Ladenhüter Feminismus“ auf. Er zitiert und kritisiert den Artikel „Der Mann als Wille und Vorstellung“ von Selma Mahlknecht:

Der Feminismus beispielsweise kann per Definition nicht männerfeindlich sein. Er (…) bekämpft nicht den Mann als solchen. Der Feminismus, der eine Welt der Chancengleichheit und Partnerschaftlichkeit einfordert, unterstellt (…), dass Männer sehr wohl dazu in der Lage sind, in einer solchen Welt zu leben. Der Feminismus behauptet, dass Männer offene Haare und Miniröcke aushalten können, dass sie selbst nach Mitternacht und in dunklen Seitengassen fähig sind, Frauen, sogar schöne, unvergewaltigt ihrer Wege gehen zu lassen.

Das Schema dieser gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit lautet:
„Ich habe nichts gegen X, sie sollen sich nur nicht wie Xse verhalten“

Wie Christian Schmidt im gleichnamigen Artikel passend schreibt:

Und es wäre eben auch nicht weniger rassistisch, wenn man sagt, dass man „nichts gegen Schwarze hat, wenn sie eben nicht stehlen und vergewaltigen, sie könnten sich ja ändern“. Weil man eben eine Gruppe verurteilt und ihr bestimmte negative Eigenschaften unterstellt und nur den Einzelnen davon ausnimmt, wenn er sich exkulpiert.

Über diese Stelle musste ich immer lachen, denn sie erinnerte mich an einen Text, den ich vor fast 20 Jahren gelesen habe. Ein Team um Rainer Stenzenberger präsentierte eine Art Seifenoper im Internet mit Namen „Kleine Welt“: Heute mag es technisch trivial klingen, aber 1997 war es Pionierarbeit: Die Serie bestand aus den Texten aus der jeweiligen Perspektive des Charakters, passend bebildert mit Fotos von Schauspielern.

Aus der Riege der jungen Protagonisten stach einer hervor: Herr Schlüter, der Hausmeister. Seine Ansichten waren jenseits von Gut und Böse. Aus dem Gedächtnis heraus: Einmal gab es Krach in der Kneipe, weil sich einer in der Runde abfällig über Schwarze geäußert hatte. Schlüter hatte damals einen schwarzen Angestellten und schilderte, wie er seinem Kumpel fast eine geschallert hätte. Im Brustton der Überzeugung, dass er sich damit gegen Rassismus eingesetzt hätte, erzählte er, was er als Antwort gebrüllt hätte: Die Schwarzen könnten schließlich nichts dafür, dass sie dümmer seien als Weiße!

Es ist einfach ein wunderbares Beispiel für das Denkmuster „Ich habe eine positive Einstellung gegenüber Xsen, schließlich akzeptiere ich, dass sie minderwertig / von Natur aus böse sind“. Weitere Varianten bezogen auf Männer waren bei Alles Evolution zu lesen:

In Diskussionen, in denen es darum geht, ob Feminismus Männerfeindlichkeit ist, stelle ich häufig eine Frage:

Kannst du mir einen Artikel zeigen, der die positive Sicht des Feminismus auf Männer darstellt?
(…)
Tatsächlich habe ich aber als Reaktion hierauf noch keinen wirklich positiven Artikel gezeigt bekommen. Die Artikel haben eher den folgenden Inhalt:

  1. Wir hassen Männer nicht, wir glauben ja, dass Männer besser werden können.
  2. Wir hassen Männer nicht; einige Männer sind gut.
  3. Wir hassen Männer nicht; man kann sie umerziehen.
  4. Wir hassen Männer nicht; wir sind bereit, ihnen zu verzeihen, wenn sie hinreichend büßen und sich ändern.
  5. Mir persönlich bekannte Männer sind durchaus gut; leider sind nicht alle so.
  6. Männer sind nicht das Problem, sondern die Männlichkeit, also das Verhalten des typischen Mannes.
  7. Wie du als Mann aufhören kannst, ein schrecklicher Mann zu sein, indem du ein feministischer Ally wirst und deine Privilegien hinterfragst.

(Rechtschreibung und Zeichensetzung in der Liste leicht angepasst von mir.)

Es lohnt sich, hier einmal ungeschminkt die versteckten Grundannahmen (Präsuppositionen), die in diesen Aussagen enthalten sind, herauszuschreiben, ähnlich wie es Lucas Schoppe bei den „36 Fragen an Männer“ gemacht hat:

  1. Die meisten Männer sind schlecht.
  2. Männer einfach so – ohne Umerziehung – sind nicht zu ertragen.
  3. Männer als Gruppe haben Schuld auf sich geladen und können nicht so bleiben, wie sie sind.
  4. Wenn einzelne Männer gut sind, gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel.
  5. Männlichkeit / typisch männliches Verhalten ist schlecht.
  6. Männer müssen sich ausdrücklich von den anderen Männern im allgemeinen distanzieren.

Jedem Menschen einer demographischen Gruppe abzusprechen, dass er einfach so ok ist, wie er ist – das ist schon ein starkes Stück. Aber auch von denjenigen, die nicht pauschal verurteilt werden wollen für das, was sie sind, zu verlangen, sich von den anderen Gruppenmitgliedern abzugrenzen, bevor man überhaupt in Erwägung ziehen kann, sie zu akzeptieren, ist der Hammer.

Aus einem Buch über Nationalsozialismus ist mir die Erzählung eines Zeitzeugen in Erinnerung geblieben, wie über einen fahrenden jüdischen Händler gesprochen wurde: „Das ist der gute Jude. Er ist Jude, aber er betrügt die Leute nicht.“ Natürlich ist das antisemitisch. Wie auch der Zeitzeuge selbst urteilte: Die positive Darstellung des einen wird dazu verwendet, die Gruppe an sich negativ zu charakterisieren.

Wenn man das Eingangszitat umformuliert mit einem Platzhalter, was würde wohl allgemein von diesem „X-ismus“ gehalten?

Der X-ismus beispielsweise kann per Definition nicht fremdenfeindlich sein. Er (…) bekämpft nicht den Ausländer als solchen. Der X-ismus, der eine Welt von Zucht und Ordnung einfordert, unterstellt (…), dass Ausländer sehr wohl dazu in der Lage sind, in einer solchen Welt zu leben. Der X-ismus behauptet, dass Ausländer offene Haare und Miniröcke aushalten können, dass sie selbst nach Mitternacht und in dunklen Seitengassen fähig sind, Deutsche, sogar schöne, unvergewaltigt ihrer Wege gehen zu lassen.

Zur Erinnerung: die Spielregeln

Nur ein kleiner Test:

Was kommt dabei heraus, wenn ich in einem Text „Männer“ wahlweise durch „Ausländer“, „Schwarze“ oder „Juden“ ersetze?

Fundstücke mit Quellangabe einfach in die Kommentare schreiben!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Na, zumindest sind einige Lieder mit Hass im Titel sehr melodisch…

The Pretenders: Thin line between love and hate

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10 Antworten zu Fundstück: Spaß mit Männerhass – Folge 14

  1. Mark E. Smith schreibt:

    Hallo Graublau! Habe Dir vor ein paar Tagen einen Text geschickt zum Veröffentichen für den 09. Oktober. Ist er Dir entgangen oder passt er nicht? Sag mir doch kurz Bescheid, wie wir diesbezüglich weiter verfahren? Besten Dank und viele Grüsse. Mark.

    • Graublau schreibt:

      Der Text ist fertig formatiert. Ich hätte den auch heute veröffentlicht, sah aber, dass die Kurznachrichten schon in Arbeit waren. Besser ein Artikel pro Tag als zwei an einem und dann nichts, weil der neueste Artikel immer prominent an erster Stelle steht und natürlich durch die Hinweise via Twitter und den Patriarchats-Verteiler Leser anzieht. Ich plane den einfach für den 10. ein.

  2. Matze schreibt:

    Ganz interessant was sie da zwischen ca. 26:55 min und 30.49 min sagt.

    Daraus:
    „Feminist support for men requires men to accept criminal charges first. That isn’t support.“

    • Matze schreibt:

      „Feminist support for men requires men to accept criminal charges first. That isn’t support.“

      Perfektes Beispiel:

      Duke University launches ‘safe space’ for men to consider their ‘toxic masculinities’

      Duke University is creating a “safe space” for male students to pore over the ways in which their “toxic masculinities” create a harmful environment on campus and beyond.

      The Men’s Project, which is sponsored by the Duke Women’s Center, aims to “create a space of brotherhood fellowship dedicated to interrogating male privilege and patriarchy as it exists in our lives, our campus and our society,” according to the university’s website.

      [..]

      Mr. Bhowmik said the project will create an environment in which men can “critique and analyze their own masculinity and toxic masculinities to then create healthier ones.”

      The curriculum is about “questioning how you can be accountable to feminism, to the women in your life and to the larger community,” he told the Duke Chronicle, a student newspaper.

      http://www.washingtontimes.com/news/2016/oct/3/duke-university-launches-safe-space-men-consider-t/

      Man stelle sich vor es gebe nur ein Center für Männer und diese Männer wollen mal etwas FÜR Frauen tun und diese Hilfe sieht nun so aus das Frauen erstmal ihre toxische Weiblichkeit hinterfragen sollen. Oder es gibt ein Center für Weiße, dass dann den Schwarzen hilft ihre toxische Blackness zu hinterfragen.

      Es geht nicht darum Männern zu helfen. Es geht darum wie Männer besser Frauen helfen können und das Problem was ihnen dabei ihm Weg steht ist ihr dasein als Mann. Und wenn das gelöst ist wie diese Männer sich für Frauen nützlich machen können, gibt es für diese Frauen vom Womens Center auch keine Probleme mehr mit bei den Männern.

      via

      http://www.youtube.com/watch?v=hOk4gJWSNQg

      Noch ein kleine Aufreger: In dem Video wir auch auf einen Fall von 2005 an der gleichen Uni eingegangen wo drei Studenten der Vergewaltigung beschuldigt wurden und das ganze dann zu einen Hexenprozess ausgeartet ist, bei dem der Coach schon bevor die Verhandlung überhaupt angefangen hat seinen Posten räumen musste. Es gab dann natürlich Proteste auf Seiten der Anklägerin die so wütend wurden das sie Schilder machten. Eine Frau hält ein Schild hoch:

      „Real Men don’t lie“

      Wie sich herausstellte, konnten keinerlei Hinweise darauf gefunden das diese 3 Studenten jemand vergewaltigt haben, hingegen sprechen die gefundenen Hinweise gegen die Aussage der Anklägerin.

      Ob da wohl jemand ein Schild mit:

      „Real Women don’t lie“

      hochgehalten hat?

  3. uepsilonniks schreibt:

    Schön analysiert, diese hinterpf*****e Misandrie.

  4. Das Traurigste an diesem (hier auseinandergenommenen) Text ist, dass er mit dem Ersatzwort „Ausländerfeindlichkeit“ im Moment haargenau so in vielen Foren unwidersprochen stehenbleibt und von großen Gruppen transportiert wird.
    Bei allen anderen Texten bisher war der darin transportierte Schwachsinn sofort für jeden nachvollziehbar – hier offensichtlich für weite Teile der Gesellschaft nicht ^^

    • Graublau schreibt:

      Ich sehe es so: Zu erkennen, dass einem derselbe Grütz mit nur ein paar ausgetauschten Wörtern unter verschiedenen Etiketten präsentiert ist, ist schon einmal ein wichtiger Schritt.

      Dann noch darauf zu kommen, dass das ja in keinem Fall angemessen ist, ist mein frommer Wunsch an andere. Das wird bestimmt nicht immer klappen (und ich bin mir sicher, da ebenfalls irgendwelche Scheuklappen zu haben), aber wenn ich da nur einen einzigen Menschen zum Nachdenken bringe, hat es sich gelohnt.

  5. Irenicus schreibt:

    Hmm, ich habe so meine Probleme mit diesem Vergleich zwischen Männerfeindlichkeit und Rassismus.
    Der Grundgedanke, dass Schwarze und Weiße prinzipiell als Gruppe nicht sehr (eigentlich gar nciht) verschieden sind ist denke ich richtig.
    Bezogen auf Männer und Frauen stimmt das aber nicht. Männer sind halt einfach anders als Frauen. Auch als komplette Gesellschaftsschicht. So könnte man also durchaus Sätze finden, die mit Schwarzen und Weißen rassistisch (bzw. einfach schwachsinnig) sind, mit Mann-Frau aber nicht.

    Zum Beispiel: „Männer sind im Schnitt eher an Technik interessiert als Frauen“,
    Sexistisch würde das erst werden, wenn man sagt: „Alle Männer sind eher an Technik interessiert als Frauen“

    Nichts destotrotz ist das hier vorgebrachte Zitat von Selma Mahnknecht natürlich total männerabwertend. Denn der Satz: „Der Feminismus behauptet, dass Männer offene Haare und Miniröcke aushalten können, dass sie selbst nach Mitternacht und in dunklen Seitengassen fähig sind, Frauen, sogar schöne, unvergewaltigt ihrer Wege gehen zu lassen.“ impiziert eben, dassalle Männer gerne vergewaltigen wollen und im Prinzip sogar, dass sie es teilweise gar nicht lassen können. (Hey die Vergewaltiger sind gar nicht Schuld! Nur Opfer ihrer Männlichkeit!!!!!)
    Beides ist Unfug.

  6. Pingback: Fundstück: Spaß mit Männerhass – Folge 15 | Geschlechterallerlei

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