Fundstück: „Männer werten nicht immer stärker ab als Frauen.“

Quelle der Aussage: Prof. Andreas Zick sowohl in einer Veröffentlichung als auch in einem Vortrag über Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF).

Da klingeln natürlich sofort die Alarmglocken. Waren Frauen nicht das edlere, friedlichere, sozial intelligentere Geschlecht?

Das muss ja ein reaktionärer Knochen sein, dieser Professor! Wer hat es ihm überhaupt erlaubt, so etwas zu verbreiten?

Das PDF aus dem Jahr 2014 heißt Die Vorurteile der anderen – Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit statt Toleranz und Weltoffenheit. Die entsprechende Grafik findet sich auf Seite 28.

Hervorgehoben und bei Frauen stärker verbreitet sind Fremdenfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, Etabliertenvorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen. Außerdem finden sich bei Frauen häufiger Rassismus und Abwertung von Obdachlosen.

Bei Männern stärker verbreitet sind hingegen Antisemitismus, Sexismus (beachtlich: auch Frauen können sexistisch sein), Abwertung von Behinderten, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern. Der stärkste Unterschied ist jedoch Homophobie.

Insgesamt, so zu lesen auf S. 17, nehmen Sexismus und Abwertung von Homosexuellen ab. Das Dokument liegt auf nuernberg.de, also dem offiziellen Internetauftritt der Stadt Nürnberg. Als eine wichtige Quelle (neben aktuellen Ergänzungen) wird eine Studie aus dem Jahr 2011 genannt.

Sie stammt (jetzt kommt’s) von der Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und findet sich unter einer URL, die „gegen Rechtsextremismus“ im Namen trägt. Zur Erinnerung: Die SPD will die männliche Gesellschaft überwinden, um die menschliche zu errichten. Die SPD-nahe FES bescheinigt Männern in einigen Punkten eine bessere Einstellung als Frauen. Das ist, als ob es in der Hölle schneite.

Das PDF ist 222 Seiten stark und nennt sich Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung (2011).

Zugegeben, ich habe die Studie nur durchgeblättert und an einigen Stellen genauer nachgelesen. Auf S. 15 wird etwa als ein zentrales Ergebnis genannt: Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren Einstellungen kaum. Das ist ja bereits ein großer Widerspruch zur These, Frauen seien die besseren Menschen oder irgendwie edler. Als Ursache für GMF spielt das Gefühl der Benachteilung (!) eine Rolle. Ist es daher schlau, genau das zu verbreiten?

zunächst: Weltbild wie gehabt

Auf S. 22 werden Frauen, nicht jedoch Männer als Ziel von GMF genannt, obwohl sich Männerfeindlichkeit natürlich auf der Welt finden läßt und diese kein sich ausschließendes Merkmal zu Frauenfeindlichkeit darstellt.

Zitat S. 25: Eine wesentliche Kategorie, auf der Vorurteile und Stereotypen im Alltag basieren, ist das Geschlecht. Die mangelnde Gleichstellung von Männer und Frauen in allen Bereichen des Lebens ist ein anhaltendes Thema, denn Frauen sind strukturell noch immer massiv benachteiligt.

mangelnde Gleichstellung (nicht Gleichberechtigung!), strukturelle Benachteiligung ( = „nicht überall, wo es etwas zu holen gibt, mindestens 50% Frauen“?)… da fallen die bekannten Stichwörter.

Zitat S. 36f: Moderne Vorurteile können sich auch in einer Überbetonung individueller Gleichheit ausdrücken. Häufig wird auf Gleichheit verwiesen, um Forderungen nach Maßnahmen zur Verbesserung von Chancen spezifischer Gruppen eine Absage zu erteilen. Strukturelle Chancenungleichheiten und Diskriminierungen werden dabei übersehen oder verleugnet, beispielsweise bei der Ablehnung von speziellen Frauenquoten mit dem Verweis darauf, dass sich individuelle Leistung durchsetze. Übersehen wird dabei, dass die entscheidenden Strukturen aber von Männern gemacht sind, an den Bedürfnissen von Männern orientiert sind und von Männern dominiert werden.

Man beachte, wie hier Gleichwertigkeit und Gleichheit durcheinandergewirbelt werden: Die grundsätzliche Gleichwertigkeit eines jeden Individuums sollte entscheidend sein. Ob wir an der Spitze eine Gleichheit bezüglich der Geschlechter haben müssen, darüber läßt sich hingegen herzhaft streiten.

Wenn eine Elite von Männern die Regeln aufstellt, warum sollte man sie durch eine neue Elite von Frauen ersetzen, anstatt etwa generell die Eliten zu zerschlagen und eine Meritokratie anzustreben?

Zitat (zur Sexismus-Definition) S. 47: Männer und Frauen werden mit Verweis auf vermeintlich biologische Fakten unterschiedliche Charaktereigenschaften, Fähigkeiten und Neigungen zugeschrieben, die in ihrer Konsequenz erklären und rechtfertigen, warum Frauen im Durchschnitt weniger Macht, Einfluss, Vermögen oder Zugangschancen als Männer haben. (…)
So erfreuen sich etwa evolutionäre Erklärungen für Geschlechterunterschiede großer Beliebtheit in öffentlichen Debatten. Im wissenschaftlichen Gewand werden traditionelle Vorurteile reproduziert, indem Beobachtungen geschlechtertypischen Verhaltens auf biologische Faktoren zurückgeführt werden. Kulturelle, das heißt erlernte und durch die äußeren Strukturen bedingte, Erklärungen werden dabei unterbelichtet. Stattdessen wird über die Natur von Frauen und Männern so spekuliert, dass die untergeordnete Statusposition von Frauen, wie sie sich in Spitzenpositionen oder Einkommensgefällen manifestiert, naturalisiert wird.

Also quasi der vulgäre Anti-Christian: Biologische Ursachen gibt es nicht, werden jedoch als Erklärung und Rechtfertigung für alles herangezogen.

S. 72: Zur Messung von Sexismus wurden folgende Aussagen verwendet:

  • Frauen sollten ihre Rolle als Ehefrau und Mutter ernster nehmen.
  • Wenn Arbeitsplätze knapp sind, sollten Männer mehr Recht auf eine Arbeit haben als Frauen.

Dabei kann man durchaus fragen, ob Frauen sich nicht stärker Richtung Ehe orientieren sollten, wenn man bei Männern dasselbe bemängelt. Und dass Frauen in Deutschland insgesamt mehr Wert auf die Rolle als Mutter legen können, ist bei der aktuellen Geburtenrate doch keine absurde Meinung – dazu kommt, dass Männern zu wenig Einsatz als Vater vorgeworfen wird, obwohl es ganz andere Gründe dafür geben kann als fehlende Motivation.

Zur zweiten Aussage gibt es inzwischen etwa eine Forderung nach einer Männerquote bei Zahnärzten, weil zu wenige Zahnmedizinerinnen nach der Babypause in den Beruf zurückkehren, ganztags arbeiten oder das Risiko einer eigenen Praxis auf sich nehmen wollen. Klingt ganz so, als gäbe es einen Grund, vereinzelt auf Männer zu achten, um die Grundversorgung sicherzustellen.

Zitat zum Zusammenhang zwischen Sexismus und Homophobie, S. 81: Recht wenige Befragte befürworten die Gleichstellung einer der beiden Gruppen und verweigern die Gleichstellung der jeweils anderen.

Da haben wir wieder das Verwischen von rechtlicher Gleichheit und Ergebnisgleichheit. Bei klarem Verstand hat es keinen Sinn, die Lage von Frauen mit denen von Homosexuellen gleichzusetzen. Dürfen (heterosexuelle) Frauen etwa bislang nicht heiraten, erben oder Kinder adoptieren? Und wo gibt es umgekehrt die Forderung nach einer Homosexuellenquote in den Aufsichtsräten?

der Knüller

Schließlich kommt jedoch der interessante Teil auf den Seiten 97 ff.:

Stimmen Frauen oder Männer häufiger abwertenden Aussagen gegenüber
schwachen Gruppen zu? Wir haben die Antworten aller europäischen Befragten differenziert nach Geschlecht ausgewertet. Die daraus resultierenden GMF-Mittelwerte in Abbildung 18 zeigen, dass Frauen sich durchschnittlich häufiger abwertend äußern als Männer.

Der differenzierte Blick auf die einzelnen Dimensionen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit offenbart im Wesentlichen ein ähnliches Muster (vgl. Abb. 19). Frauen sind im Durchschnitt signifikant fremdenfeindlicher, rassistischer, islamfeindlicher und sexistischer als Männer. Kein Unterschied zeigt sich im Antisemitismus. Männer antworten lediglich bezüglich der Homophobie signifikant abwertender als Frauen.

Beachtlich, welches Ergebnis hier unter anderem geliefert wird: Frauen sind sexistischer als Männer! Sie stimmen also häufiger den vorher genannten Aussagen zu, dass sich Frauen stärker auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter konzentrieren sollten oder in Zeiten knapper Arbeitsplätze bevorzugt Männer beschäftigt werden sollten. Dabei könnte man das weniger dramatisch ausgedrückt einfach in Einklang bringen mit den wahren Ergebnissen der Allensbach-Studie: Aufgabenteilung, Mütter möchten in den ersten Jahren lieber beim Kind sein, da müssen die Väter eben mehr arbeiten.

Am Ende wird auch hier auf S. 100 noch einmal ausdrücklich festgehalten:

Männer und Frauen unterscheiden sich nur geringfügig im Ausmaß der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit.

Das ist kein Widerspruch zu den signifikanten Unterschieden. Sie könnten vorhanden sein, sind aber nicht besonders groß.

Dass beide Veröffentlichungen sich unter anderem darin unterscheiden, wer etwa jeweils sexistischer ist, tut der Sache keinen Abbruch: Das kann bei ungefährer Gleichheit passieren.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Warum hasst der eine den anderen?“ wird im folgenden Lied gefragt.

Depeche Mode: People are People

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10 Kommentare zu „Fundstück: „Männer werten nicht immer stärker ab als Frauen.““

  1. Bei Tierärzten wird mittlerweile auch schon eine Frauenquote gefordert.

    Etabliertenvorrechte? Ist das sowas wie ‚ein Kind gehört zur Mutter‘ oder ‚ich lebe hier schon seit ich geboren wurde, ich muss mich nicht anstellen‘?

    „Hervorgehoben und bei Frauen stärker verbreitet sind Fremdenfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, Etabliertenvorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen. Außerdem finden sich bei Frauen häufiger Rassismus und Abwertung von Obdachlosen.

    Bei Männern stärker verbreitet sind hingegen Antisemitismus, Sexismus (beachtlich: auch Frauen können sexistisch sein), Abwertung von Behinderten, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern. Der stärkste Unterschied ist jedoch Homophobie.“

    Finde ich irgendwie seltsam.

    Männer: Antisemitismus, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern.
    Frauen: Fremdenfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, Rassismus

    Ich kann das gerade nicht so ohne weiteres trennen.

    1. Ja, das ist in der Tat seltsam. Wo ist da ein Unterschied zwischen „Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von Asylbewerbern“ und „Fremdenfeindlichkeit“?

    2. Das ist halt das, was herauskommt, wenn man einfach zu jeder dieser Kategorien eine Handvoll Aussagen formuliert, zu denen die Leute einen Wert von 1 bis 5 vergeben, und dadurch die jeweilige Kategorie definiert.
      Rassismus wird hier eben durch bestimmte Fragen definiert, Antisemitismus durch andere (ähnliche).
      Alles ohne jeglichen Bezug der Fragen untereinander. Da ist eben Antisemitismus kein „unterpunkt“ von Rassismus.
      Am Ende kommt halt die besagte Verteilung heraus.
      Auf die Art kann man trennen, was eigentlich sinnvollerweise nicht getrennt werden sollte.

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