Fundstück: MTV und der „typische“ Mann

Noch ein Video, auf das ich durch Zufall gestoßen bin:

‚American Male‘ Short Film | Look Different | MTV

Für diejenigen, die das Genuschel nicht gut verstehen, gibt es Untertitel. Die wesentlichen Botschaften, die man aus dem Film mitnehmen kann:

– Probleme von Männern sind irgendwelche Normen, die man einfach ablegen kann und die nie auf Anforderungen an das wahre Leben beruhen
– Männer sind nie einfach nur Opfer, sondern immer auch Täter, also maximal Opfer und Täter zugleich
– „typische Männer“ sind ziemlich primitiv und abstoßend

Ganz im Sinne der Serie „Spaß mit Männerhass„: Wie sähe ein solcher Film wohl aus, wenn MTV Verallgemeinerungen und Klischees gegen Ausländer, Schwarze oder Juden zelebrieren und als fortschrittlich darstellen wollte? Ich muss es mir nur einen Moment ansatzweise vorstellen, bevor ich innerlich zusammenzucke. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) ist eben nie schön.

Was nicht gezeigt wird: Der Protagonist könnte jederzeit gehen, es zwingt ihn niemand, bei dieser Clique mitzumachen (auch wenn das Verbindungen wohl anders sehen werden); er hat sich für dieses Leben entschieden; wie stark er auf der Party mitmacht, ist jederzeit durch ihn selbst steuerbar. Diese scheinbare Alternativlosigkeit spiegelt das Klagen von den eigentlich hochprivilegierten Frauen wider, wie schwer sie es doch hätten, trotz brotlosem Studium (falls überhaupt abgeschlossen) vom Staat finanziert über die Runden zu kommen, während ihnen die männlichen MINT-Absolventen in der freien Wirtschaft die Karrierestellen wegnehmen, indem sie heimtückisch Überstunden kloppen, Reisezeiten in Kauf nehmen und gefährliche und dreckige Jobs machen.

Tatsächlich gehört der „arme Kerl“, der da so in den gesellschaftlichen Rollen gefangen ist, zu den privilegiertesten Leuten überhaupt: beliebt und erfolgreich unter den Seinen und ständig von extrem attraktiven Frauen umgeben. Ok, letzteres ist ihm eigentlich egal, weil er heimlich homosexuell ist, und die Befürchtung, deswegen von der Umgebung nicht akzeptiert zu werden, ist dann auch tatsächlich etwas, was wirklich einmal ein Problem genannt werden kann. Doch lebt dieser Mann gleichzeitig in der westlichen Hemisphäre, und welche bessere, real existierende Welt gibt es für Homosexuelle? Und wie viele Männer leben in der dargestellten Welt der US-Studentenverbindungen (fraternities)? Das trifft doch selbst unter den amerikanischen Studenten nur auf eine Minderheit zu. Also, wenn dieser Mann ausbrechen wollte, gäbe es Möglichkeiten. Vielleicht wäre dieser eine knackige Typ dann nicht mehr da (obwohl man sich angesichts der Blicke nicht sicher sein kann), aber mit so einem muskulösen Körper sollten Partner zuhauf zu bekommen sein.

Überhaupt, dieser Körperkult in dem Film: Lauter durchtrainierte Männer und gutaussehende Frauen, da wird richtig schön auf die Klischeetube gedrückt. Und das, wo doch eigentlich „alle sind gleich schön“ zum üblichen Wertekanon gehört… aber nein, es ergibt ja einen Sinn: Die Verbindung, wo alle traditionellen Schönheitsidealen entsprechen, das ist die Hölle, in der die Leute eigentlich tief im Innern unglücklich sind.

Das Video zeigt den Hass auf die fraternities, die aus mehreren Gründen besonders gut zum Feindbild taugen: exklusive Runde; überwiegend weiß/männlich/heterosexuell; der Ruf ausufernder Partys, bei denen man es mit den Regeln nicht so genau nimmt (Gegenteil von „safe space“, hier muss man tatsächlich auf sich selbst aufpassen!); Frauen, die sich anscheinend sehr ranschmeißen müssen, um dabei sein zu dürfen, und dabei entsprechend schlank, aufgebrezelt und knapp bekleidet sind. Die Verbindungen sind aber auch Netzwerk- und Karriereschmiede – und damit ein seltenes Beispiel für ein real existierendes Bündnis, um unter sich zu bleiben.

Es wird nicht als Alternative zum Leben im absoluten Klischee dargestellt, wie man stattdessen mit gesellschaftlichen Regeln spielen kann, einige einhält, einige bewusst bricht (und die entsprechenden Nachteile gerne in Kauf nimmt); wie man es sich bei einem hohen Status leisten kann, bestimmte „uncoole“ Dinge zu machen, also nach den Behauptungen aus dem Film ein Hemd mit einer „falschen“ Farbe anzuziehen, das „falsche“ Essen zu mögen, etwas für Kunst übrig zu haben. Es fehlt auch das Element, dass sich Männer unter Freunden auch gerne mit solchen Sachen aufziehen, dass solche Frotzeleien für viele dazugehören; nach dem Motto „seht her, wir können uns auch leichte Beleidungen an den Kopf werden, das zeigt unsere Nähe“.

Und wenn es diese Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Schnitt gibt: Was ist daran so schlimm? Niemand schwimmt ständig gegen den Strom. Warum darf man also nicht konform sein und Unterschiedlichkeit von Mann und Frau einfach mal akzeptieren? Die Alternative zur totalen Anpassung ist doch nicht die totale Rebellion, sondern das selbstbestimmte Leben (das dann tatsächlich für viele Unterschiede im Schnitt sorgen kann).

Zu dem „zuviel lesen ist doof“ sei auf Lucas Schoppe verwiesen, der die Realität unter Jungen ganz anders darstellt. Dass Frauen außerhalb von Teenagerkomödien aus den 1980ern auch nicht auf totale Bücherwürmer stehen, sondern eher auf Sportler, scheint auch noch nicht angekommen zu sein.

Und „Musik machen“ sei typisch weiblich? Wieso wird dann beklagt, dass es Frauen in der Musikbranche so schwer hätten? Und wo kommen all die männlichen Metalbands her?

Einen Moment der Wahrheit hat der Film allerdings durch zwei Szenen: Am Anfang übt der Protagonist alleine das an sich völlig schwachsinnige Kunststück, Pingpongbälle in Trinkbecher zu werfen. Angetrunken und von einer lärmenden Meute umgeben inmitten der Party zahlt sich das Training jedoch aus, er schafft es locker und ist der Held.

Das ist in Kurzform der Grund, warum es mehr Männer ganz nach oben schaffen: Man sieht sie eben erst dann, wenn sie erfolgreich sind, und nicht in den endlosen einsamen Stunden vorher, wenn sie das Risiko auf sich nehmen, ihre Zeit mit etwas absolut Sinnlosem zu verplempern.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eine Band in der „falschen Farbe“ rosa singt gerne übers Feiern…

J.B.O.: Ein Fest

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