Warum mich Peter Döges Essay so begeistert

Der vorgestern erwähnte Wahl-O-Mat verweist auf ein Dossier zum Gender Mainstreaming von der Bundeszentrale für politische Bildung. Darin befindet sich ein Artikel: Anerkennung und Respekt – Geschlechterpolitik jenseits des Gender Trouble – Essay von Peter Döge.

Die Einleitung ließ mich aufhorchen: „Geschlechterpolitik kann nicht länger von der Idee homogener Geschlechtergruppen ausgehen. Im Sinne des Diversity Management muss sie die Vielfalt unter Frauen und Männern annehmen und benachteiligungsfrei gestalten.“ Eine Absage an die Sinnhaftigkeit, jeweils alle Frauen und Männer über einen Kamm zu scheren? Na, das ist doch mal interessant! Später wird das noch ergänzt durch die Feststellung, dass es nicht „das eine“ Männlichkeitsbild gibt, sondern schon immer verschiedene gegeneinander konkurrierten – also das Gegenteil der stets behaupteten „toxischen Männlichkeit“, die „alle“ Jungen von klein auf lernen, hingegen gut zu verbinden mit der von Lucas Schoppe dargestellten Vielfalt der Männlichkeitsbilder unter den Pop-Idolen.

Die nächste, mir höchst willkommene These: Geschlecht ist nicht einzige oder wichtigste Kategorie für Diskriminierung. Historisch kann das genauso „Rasse“, Qualifizierung oder soziale Herkunft sein. Letzteres sei etwa entscheidend für die Bildungschancen im deutschen Schulsystem, wobei vorwiegend die „jungen Männer aus bildungsfernen Milieus“ die Verlierer seien. Weiter entfernt als „Frauen sind immer die Opfer“ geht es nicht. Der absolute Knaller aus diesem Abschnitt ist dieses Zitat:

Die Universalkategorie „Frau“ ist also nichts weiter als eine Abstraktion, sie nutze – wie afroamerikanische Feministinnen kritisierten – vor allem den weißen, gut ausgebildeten Mittelschichtfrauen, ihre Interessen durchzusetzen. Ziel dieser Frauen ist jedoch nicht die Aufhebung von Diskriminierungsstrukturen im Allgemeinen, sondern die Gleichstellung „mit den Männern ihrer Klasse“.

Da musste ich sofort an Lucas Schoppes Analyse zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht denken, kommt er dort doch zu dem Ergebnis:

Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Wohlgemerkt, es geht um das abstrakte Bild von Frau und Mann, welches seit 200 Jahren (!) besteht und den Mann als böse, die Frau als rein präsentiert. Eine jahrhundertealte Phantasie der Mittelschicht – und nicht etwa eine allumfassende, moderne Geisteshaltung bildet eine der geistigen Grundlagen für Feminismus.

Im weiteren Verlauf seines Essays kritisiert Peter Döge ausdrücklich Judith Butler und die Vorstellung, der Mensch käme als „unbeschriebenes Blatt“ auf die Welt und werde vollständig durch seine Umwelt geprägt. Den Menschen ausschließlich als Produkt seiner Umwelt zu betrachten verkenne, dass die Umwelt ja wiederum durch durch das Verhalten einzelner Menschen geformt werde.

Er erwähnt das „Spannungsfeld von Natur und Kultur“. Biologische Erklärungen als „biologistisch“ abzutun, geschehe leider meistens ohne Hintergrundwissen zu Biologie und unterstelle fälschlicherweise, dass Gene als alles bestimmend betrachtet würden.

In diesem Sinne lassen sich alle seriösen Studien der neurobiologischen Geschlechterforschung zusammenfassen: Männer und Frauen sind in allen Lebensbereichen gleichermaßen kompetent, sie scheinen nur unterschiedliche Strategien zu verfolgen und unterschiedliche Motivationslagen zu besitzen, sich mit bestimmten Dingen zu beschäftigen. Dies gilt allerdings nicht für alle Männer und Frauen gleichermaßen, denn zwischen den einzelnen Individuen gibt es große Variationsbreiten, die wiederum größer sein können, als die zwischen den Geschlechtern insgesamt.

Na, das ist doch mal eine positive Botschaft! Wenn wir uns darauf einigen könnten, wäre soviel gewonnen…

Peter Döge wird sogar noch konkreter und legt bei einem hoch politischen Thema – Frauen in Führungspositionen – nach:

So zeigt sich, dass im Durchschnitt mehr Männer als Frauen die Motivation besitzen, eine Führungsposition einnehmen zu wollen. Diese Motivation findet sich aber nicht bei allen Männern, sie findet sich jedoch auch bei einigen Frauen.

Sehr richtig ausgedrückt: Lust auf Karriere ist keine Eigenschaft, die alle Männer verbindet.

Nicht nur, dass es wie vorher erwähnt eine wechselseitige Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen Individuum und Umgebung gibt: An die vollständige Erklärbarkeit, warum Männer und Frauen im Durchschnitt Unterschiede aufweisen etwa hinsichtlich Karriereambitionen, Unterbrechung der Berufstätigkeit für die Kinder oder Wahl des Studienfaches, stellt Döge eine klare Absage:

Ob diese Motivationslagen sozialisations- oder evolutionsbedingt sind, wird Geschlechterforschung – auch in einer transdisziplinären Perspektive – niemals mit eindeutiger Sicherheit beantworten können. Eine solche Sicherheit im Hinblick auf die Interpretation von Prozessen und Vorgängen wird in Zeiten von Unschärferelation und Chaostheorie nicht einmal mehr in der Physik postuliert, und von daher sollte auch die Geschlechterforschung und vor allem die Geschlechterpolitik lernen, mit diesen Unsicherheiten umzugehen.

Eine deutliche Gegenmeinung zu der These, wenn Männer und Frauen hinsichtlich der Ergebnisse nicht gleich seien, müsse es sich automatisch um Diskriminierung handeln. Wenn selbst die „exakten“ Naturwissenschaften keinen Allmachtsanspruch auf restlose Erklärung mehr hätten, warum sollten sich die „weichen“ Sozialwissenschaften darauf versteigern?

Dass Frauen stärker Teilzeit arbeiten und sich um die Kinder kümmern möchten, ist nicht Ergebnis von Diskriminierung, sondern unterschiedlicher Wünsche. Diese bewirken dann auch ein geringeres Gehalt und seltenere Führungspositionen von Frauen im Vergleich zu Männern (jeweils insgesamt!).

Im letzten Abschnitt bringt Peter Döge noch einen tollen Satz, mit dem sich eigentlich alle anfreunden können, die Wert auf die individuelle Freiheit legen:

Gleichwertigkeit lässt Unterschiedlichkeit zu und versucht nicht, Frauen und Männer an eine Norm anzupassen – weder an die Norm des hegemonial Männlichen noch an eine sozial-konstruktivistische Norm der Unterschiedslosigkeit.

Popkultur
Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es zuletzt um Freiheit ging… ohnehin passt die positive Stimmung des Liedes sehr gut zur Einstellung, die im Artikel zum Ausdruck kommt.

George Michael: Freedom 90

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3 Kommentare zu „Warum mich Peter Döges Essay so begeistert“

  1. Das Gehirn ist das größte „Geschlechtsorgan“. Dort finden sich die wichtigsten, prägendsten und auch bereicherndsten, unüberbrückbaren Unterschiede zwischen Frau und Mann in den Bereichen „physiologische Abläufe“, „zentralnervöse Informationsverarbeitung“ und „genuinen, also angeborenen Denk- und Bewertungsprinzipien“. In Denk- und Bewertungsprinzipien, welche sich eben nicht einfach beispielsweise mit unterschiedlichen sozialen Erfahrungen in der Kindheit oder sonstigen sozio-kulturellen Einflüssen erklären lassen.
    Frauen haben z. B. mehr graue Gehirnzellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
    Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen müssen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweiterte Auflage, Logos-Verlag, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4)

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