Gastartikel: Leszek zu der Frage, ob Gender Studies unwissenschaftlich sind

Zum gestrigen Fundstück schrieb Leszek einen Kommentar, der mal wieder von so hohem Niveau ist, dass ich ihn 1:1 als Gastartikel übernehme. Ab hier O-Ton Leszek:

Um die Wissenschaftlichkeit bzw. Unwissenschaftlichkeit einer Disziplin zu beurteilen empfiehlt sich m.E. stets ein Blick in Lehrbücher/Einführungsbücher zum Thema. Denn diese müssen ja einen wesentlichen Teil der Inhalte enthalten, die dann auch in den entsprechenden Studiengängen gelehrt werden.
Lässt sich aus dem Lesen von Einführungsbüchern/Lehrbüchern einer Disziplin also bereits ersehen, dass diese gravierende wissenschaftliche Mängel aufweisen – eine solche Beurteilung setzt allerdings natürlich bereits Wissen zum Thema voraus – dann kann begründet davon ausgegangen werden, dass auch die Disziplin als Ganzes entsprechende Mängel aufweist.

Ausgehend von meinen Recherchen in Einführungsbüchern/Lehrbüchern der Gender Studies sowie von sonstigen Verlautbarungen von Vertretern der Gender Studies komme ich zu dem Ergebnis, dass die Gender Studies unwissenschaftlich sind. Ich befürworte ihre Abschaffung.

Ich hatte bei „Alles Evolution“ kürzlich einmal versucht zusammenfassen hinsichtlich welcher Aspekte die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies m.E. zum Ausdruck kommt:

– Ausblendung des Forschungsstandes zu Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind.

– Ausblendung von Forschungsergebnissen und Theorien der biologischen Verhaltenswissenschaften.

– Ausblendung von Forschungsergebnissen konkurrierender geschlechter-soziologischer Ansätze, wenn diese nicht zu den Gender Studies-typischen ideologischen Vorannahmen passen (z.B. Catherine Hakims Präferenztheorie).

– Durchschnittliche Unterschiede hinsichtlich geschlechtsbezogener gesellschaftlicher Verteilungen werden als Resultat von Diskriminierung gedeutet ohne zu prüfen, ob dies wirklich der Fall ist und ob nicht unterschiedliche durchschnittliche Präferenzen die Ursache oder zumindest Mitursache sind.

– Ein Intersektionalitäts-Verständnis, bei dem Diskriminierungen immer nur in eine Richtung laufen können, Diskriminierungen auf der anderen Seite also per se gar nicht erst in den Blick geraten können. Damit zusammenhängend Ausblendung sämtlicher sozialwissenschaftlicher Forschungsergebnisse, die nicht zu dieser Vorannahme passen.

– Absurde wissenschaftstheoretische Vorstellungen („feministische Wissenschaftstheorie“) und eine Weigerung, die in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften ansonsten gängigen wissenschaftlichen Standards ernstzunehmen und einzuhalten.

– Weigerung auf begründete Kritik einzugehen, stattdessen Tendenz auch sachlicher, fundierter und begründeter Kritik mit politisch korrekten Vorwürfen zu begegnen.

– Ideologisierung durch das Eingebundensein der Gender Studies in die politisch korrekte (vulgär-)poststrukturalistische ideologische Weltsicht. Dadurch sind die Gender Studies Beschränkungen durch entsprechende politisch korrekte Vorgaben und Interpretationen ausgesetzt, über die nicht hinausgedacht werden kann/darf.

– Hinsichtlich der theoretischen Grundlagen der Gender Studies (z.B. bei Vorstellungen zu philosophischer Anthropologie, Ethik, Erkenntnistheorie) besteht eine weitgehende Abspaltung vom und Ignoranz gegenüber dem eigentlichen Diskussionsstand in der Philosophie.

Und dies alles findet sich auch – z.T. in noch stärkerer Ausprägung – auf gender-feministischen Blogs wieder, denn zwar sind die Gender Studies als Disziplin etwas anderes als der Gender-Feminismus als soziale Bewegung, aber es gibt natürlich Wechselwirkungen.

Es werden sich bei den Vertretern der Gender Studies sicherlich trotzdem mal Einzelpersonen finden, auf die die genannten Kritikpunkte nicht oder in geringerem Maße zutreffen.
Ich hatte ja mal Stefan Hirschauer als einen Vertreter der Gender Studies erwähnt, den ich durchaus gerne lese und der ja auch selbst die Ideologisierung im Feld der Gender Studies kritisiert hat. Aber das sind eben die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Grundsätzlich gilt m.E.: die Gender Studies sind unwissenschaftlich, sie versuchen sich (und ihre Unwissenschaftlichkeit) in zahlreichen anderen Disziplinen zu verankern, stellen m.E. zumindest in langfristiger Perspektive ein Risiko für den universitären Wissenschaftsbetrieb dar, die Gender Studies scheinen nicht selten einen negativen Einfluss auf Studenten zu haben, die das Fach studieren, insofern die Gender Studies zumindest einen Beitrag dazu leisten ideologisierte politisch korrekte Mentalitäten hervorzubringen, die nur in eine Richtung denken können, zum Opfernarzissmus neigen und eine geringe Wertschätzung für die Meinungsfreiheit haben.

Es gibt m.E. gute Gründe die Abschaffung der Gender Studies zu fordern (und dafür muss man keineswegs konservativ/rechts sein).

Ich bin hinsichtlich meiner politischen Weltsicht wesentlich libertärer Sozialist und kein Fan der DKP, aber die DKP hat in diesen Fall mit ihrer Kritik an den Gender Studies (Partikularismus, Identitätspolitik, aufklärungsfeindlich) m.E. schon Recht.

Ende des Gastartikels, ab hier wieder ich: Der von Leszek erwähnte Artikel bei „Alles Evolution“ war „Sind Gender Studies unwissenschaftlich?“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Irgendwie musste ich bei der Diskussion um Wissenschaftlichkeit an „das logische Lied“ denken.

Supertramp: The Logical Song

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27 Antworten zu Gastartikel: Leszek zu der Frage, ob Gender Studies unwissenschaftlich sind

  1. cero schreibt:

    Der Leserartikel entstand ja als Antwort auf meine Frage im Ausgangspunkt. Daher erstmal vielen Dank für die ausführliche Antwort. 🙂

    Dennoch geht der Post noch ein wenig an meiner ursprünglichen Frage vorbei. Würdest du die ganzen Argumente in Bezug auf Feminismus/Gender Mainstreaming bringen, dann würde ich dir vollkommen zustimmen. Auch wenn „Feminismus“ ein sehr weites Feld ist, gibt es doch genug Beispiele von Feministen die die entsprechenden Positionen vertreten.

    Da es aber ja um die „Gender Studies“ als universitäre Disziplin – insbesonder in Deutschland – geht, fehlen mir immer noch Belege, dass man mit diesen Punkten nicht gegen einen Strohmann argumentiert. Deswegen möchte ich hier noch einmal um zitierfähige Quellen bitten.

    Du hast erwähnt, dass deine Beobachtungen auf Einführungsliteratur zu den Gender Studies beruht. Kannst du das konkretisieren? Welche Einführungsliteratur meinst du?

    Ich bin mir zudem nicht ganz sicher, ob Einführungsliteratur geeignet für die Evaluierung dieser Frage ist, da sie normalerweise nicht detailreich genug ist, um daran wirklich eine Wissenschaftlichkeit abzuleiten. In der psychologischen Einführungsliteratur wird auch immer noch Freud behandelt, obwohl dessen Thesen wissenschaftlich absolut unhaltbar sind. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen die Psychologie als Pseudowissenschaft zu bezeichnen.

    Optimal wäre es also, aktuelle wissenschaftliche Publikation der entsprechenden Professoren dafür ins Feld zu führen. Der Großteil der Publikationen, die ich gefunden habe, wirkt auf mich aber erstmal eher unproblematisch (Zum Beispiel gibt es massenhaft historische Evaluationen, wie die Rolle der Frau in irgendwelchen Gesellschaften war/gewesen sein könnte).

    • Leszek schreibt:

      @ Cero

      „Du hast erwähnt, dass deine Beobachtungen auf Einführungsliteratur zu den Gender Studies beruht. Kannst du das konkretisieren? Welche Einführungsliteratur meinst du?“

      Ich nenne mal drei, die mir gerade unmittelbar vorliegen:

      Das von Arne bereits genannte Metzler Lexikon Gender Studies, herausgegeben von Renate Kroll

      http://www.bol.de/shop/home/suche/;jsessionid=01862F398279DC5C88ECF8DBC4EF4AA9.tc1p?sq=lexikon+gender+studies&sswg=ANY&timestamp=1470420042377#descriptionToggle

      ist in der Tat ein gutes Beispiel. Beim Lesen, Querlesen oder Überfliegen wird man – wenn man die oben genannten Kritikpunkte im Hinterkopf behält – auf viele der erwähnten Aspekte stoßen. Tatsächlich erscheint dieses Lexikon sogar in vielerlei Hinsicht eher als ein Lexikon des Feminismus mit Schwerpunkt Gender Studies als ein Lexikon über sozialwissenschaftliche Geschlechterforschung im Allgemeinen. Die Artikel sind klar aus gender-feministischer Perspektive geschrieben.

      Nehmen wir im Vergleich dazu mal ein Gender Studies-Lehrbuch, dass sich speziell mit den Gender Studies & Queer Studies beschäftigt und dessen Autorin an manchen Stellen differenzierter argumentiert als dies bei den gängigen gender-feministischen Blogs im Internet üblich ist: Gender/Queer Studies von Nina Degele (und anderen Autoren):

      http://www.bol.de/shop/home/suche/?sq=gender+studies+degele&sswg=ANY&timestamp=1470420959158#descriptionToggle

      Obwohl dieses noch eines der besseren Bücher zum Thema ist, finden sich viele der genannten Kritikpunkte auch hier. Das ganze Buch hindurch wird z.B. die soziale Konstruiertheit von Geschlecht vorausgesetzt, in einem Kapitel findet sich zwar eine Auseinandersetzung mit biologischen Theorien, aber dabei werden nur solche Theorien behandelt, die in den zeitgenössischen biologischen Verhaltenswissenschaften keine Rolle mehr spielen.
      Obwohl die Autorin an einigen Stellen bei ihren Definitionen und Darstellungen versucht nicht zu stark in Dualismen zu verfallen, spielen männliche Diskriminierungen, mit der Ausnahme von schwulen Männern, in dem Buch keine Rolle.
      Die beiden Grundvoraussetzungen gender-feministischen Denkens: „Geschlecht ist sozial konstruiert“ und „Frauen, aber nicht Männer, sind benachteiligt“ sind also auch hier die Leitperspektiven, unter denen die Themen behandelt werden.

      Ein kürzeres Einführungsbuch ist das Buch „Gender“ von Therese Frey Steffen:

      http://www.bol.de/shop/home/mehr-von-suche/ANY/sa/therese_frey_steffen.html?mehrVon=Therese+Frey+Steffen#descriptionToggle

      Es enthält auch ein Kapitel zu den sogenannten „Masculinities Studies“. Damit ist nun allerdings nicht die Thematisierung männlicher Diskriminierungen und sozialer Problemlagen gemeint, sondern es geht um sogenannte pro-feministische bzw. kritische Männerforschung, kritisch in Bezug auf Männer und Männlichkeit. Auch dieses Buch betont natürlich wie die vorhergenannten die soziale Konstruktion von Geschlecht.

      Stets zeigt sich also in diesen Büchern, dass bestimmte aus dem Gender-Feminismus stammende Perspektiven unhinterfragt dem Inhalt zugrundegelegt werden.

      Wenn du es noch eine Ecke ideologischer wünschst, dann seien die Werke von Heinz-Jürgen Voss empfohlen. Christian hat übrigens einige lesenswerte Besprechungen zu Voss Schriften auf seinem Blog „Alles Evolution“.

      „Ich bin mir zudem nicht ganz sicher, ob Einführungsliteratur geeignet für die Evaluierung dieser Frage ist, da sie normalerweise nicht detailreich genug ist, um daran wirklich eine Wissenschaftlichkeit abzuleiten.“

      Ich würde empfehlen die oben von mir genannten Kritikpunkte im Hinterkopf zu behalten und mal ein paar Einführungsbücher oder Lehrbücher zu den Gender Studies unter dieser Perspektive zu lesen oder querzulesen. Wenn sich zeigt, dass Kritikpunkte zutreffen, dann sagt das m.E. schon etwas Bedeutendes über das ganze Feld aus, denn gerade solche Bücher sollen ja das Wesentliche des Faches darstellen.

      „In der psychologischen Einführungsliteratur wird auch immer noch Freud behandelt, obwohl dessen Thesen wissenschaftlich absolut unhaltbar sind. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen die Psychologie als Pseudowissenschaft zu bezeichnen.“

      Ich interessiere mich u.a. für Psychologie und besitze mehrere Psychologie-Lehrbücher. Wenn in Psychologie-Lehrbüchern Freud bzw. seine Theorien behandelt werden, dann geschieht dies in historischer Perspektive, aber es wird auch dargestellt, dass die heutige Psychoanalyse nicht mehr die von Freud ist. Werden aktuelle Forschungsergebnisse, Theorien und Therapieformen aus diesem Bereich genannt wie z.B. die Selbstpsychologie, die Objektbeziehungstheorie, die Bindungstheorie, die zeitgenössische psychoanalytische Entwicklungspsychologie, die Mentalisierungstheorie als Nachfolger der klassischen freudschen Psychoanalyse, dann wird in Psychologie-Lehrbüchern ja deutlich gemacht, dass insoweit bestimmte Theorien von Freud heute noch fortleben, sie dies nur in einer weiterentwickelten, mit anderen Forschungsergebnissen und Theorien vermischten und modifizierten Form tun.

      Dieser historische Aspekt wäre vielleicht vergleichbar damit, dass in mehreren Gender Studies-Büchern sich Darstellungen zur Geschichte der Frauenbewegung finden (z.B. auch bei den drei oben genannten). Solche Darstellungen, die sozialgeschichtlich und/oder ideengeschichtlich orientiert sein können, gehen häufig einer Darstellung der Gender Studies voraus. Aber genau wie in Psychologie-Lehrbüchern lässt sich dieser historische Teil von den aktuell vertretenen Theorien im Feld der Gender Studies schon klar differenzieren.

      „Optimal wäre es also, aktuelle wissenschaftliche Publikation der entsprechenden Professoren dafür ins Feld zu führen. Der Großteil der Publikationen, die ich gefunden habe, wirkt auf mich aber erstmal eher unproblematisch (Zum Beispiel gibt es massenhaft historische Evaluationen, wie die Rolle der Frau in irgendwelchen Gesellschaften war/gewesen sein könnte).“

      Die wichtige Frage dabei wäre – neben derjenigen ob diese historischen Darstellungen wissenschaftlich fundiert sind – ob sie unter Gender Studies-typischen ideologischen Perspektiven durchgeführt werden. Eben das kann schon zu Verzerrungen führen, selbst wenn das Forschungsmaterial ansonsten historisch korrekt wäre.

      Ich will aber nicht ausschließen, dass sich in manchen Disziplinen, in denen sich die Gender Studies leider geschafft haben zu verankern, vielleicht auch Wissenschaftler finden, die vorher schon in diesem jeweiligen Feld auf seriöse Weise zum Thema Geschlecht geforscht haben und nun nach Etablierung der Gender Studies einfach diesem Fachbereich zugeschlagen wurden, obwohl sie mit den Gender Studies-typischen Ideologie-Aspekten nichts zu tun hatten. Es gab ja auch vor den Gender Studies schon eine Geschlechter-Soziologie, eine Geschlechter-Ethnologie, eine historische Geschlechterforschung usw.

      Wenn nun, sagen wir mal, ein Geschlechter-Soziologie, der mit dem gender-feministischen Ideologie-Kram nichts zu tun hatte, sich dann nach Etablierung der Gender Studies auf einmal im Fachbereich Gender Studies mit den entsprechenden gender-ideologischen Sektierern wiederfindet, dann muss er deshalb natürlich nicht zwangsläufig auch zum Ideologen werden. Eine solche Person würde dann zwar unter dem Dach der Gender Studies seine Arbeiten produzieren müssen, aber vielleicht liefert er trotzdem wie bisher saubere Arbeit ab.
      Vielleicht gibt es solche Fälle, ich kann es im Augenblick nicht beurteilen. Auf jeden Fall ist jede Person, die im Kontext der Gender Studies tatsächlich ernsthafte wissenschaftliche Arbeit leisten will, insofern gearscht als dass sie sehr genau darauf achten muss nichts zu schreiben, was den gender-ideologischen Vorgaben zu stark widerspricht – ansonsten würde sie vermutlich negative Reaktionen seitens der „Kollegen“ riskieren.

      Aranxo hatte ja in dem anderen Strang zu Recht eine neutrale Evaluation der Gender Studies gefordert. Dann könnte man idealerweise alle Ideologen und Pseudo-Wissenschaftler in diesem Feld von den Universitäten entfernen und wer tatsächlich gute wissenschaftliche Arbeit leistet, könnte an den Universitäten bleiben. Ich persönlich glaube nicht, dass da von den Gender Studies viel übrig bliebe.
      Und diejenigen, die dann übrig blieben, sollten m.E. auch nicht unter dem Label „Gender Studies“ weitermachen, das würde nur Verwirrung stiften. Es gab wie gesagt schon Forschungen zum Thema Geschlecht in verschiedenen Disziplinen bevor es die Gender Studies gab. Und genau dahin sollten wir m.E. auch zurückkehren.

      • cero schreibt:

        Ich habe zurzeit leider nur auf das Buch von Frau Degele Zugriff. Dies scheint mir aber auch insofern für die aktuelle Diskussion am geeignetsten, da es das neueste Buch in einer doch sehr jungen Disziplin ist. Die anderen beiden Bücher sind schließlich auch schon fast 15 Jahre alt.

        Eine große Schwierigkeit bei der Evaluation dieser Schriften ist, dass der sozial-/ gesellschaftswissenschaftliche Schreibstil sich stark von dem naturwissenschaftlichen Schreibstil unterscheidet.

        Es ist dort normal, verschiedene Ansätze sehr umfassend darzustellen ohne damit den Anspruch zu erheben, dass diese Ansätze der Wahrheit entsprechen. Dementsprechend findet man leicht irgendwelche Abschnitte, die Vorurteile vermeintlich bestätigen.

        In dem Buch von Frau Degele findet sich dagegen zum Beispiel unter den Anwendungen auch der folgende Absatz:

        „Berührungspunkte zwischen dekonstruktivistischen Überlegungen und der Strategie der Frauenförderung vermag ich erst recht nicht auszumachen. Frauenförderung ist ein identitärer Ansatz; die Analyse von Sprechakten, Diskursen und symbolischen Repräsentationen stellt seine Grundannahmen und damit ihn selbst in Frage und kann ihn deshalb auch nicht bereichern.“

        Geht es etwas konkreter als „Man merkt das schon, wenn man das durchliest.“? Am Besten wären konkrete Äußerungen/Forschungsergebnisse der Professoren die unter „Gender Studies“ laufen (Die umstrittensten Professuren sind interessanterweise gar keine expliziten Gender Studies Professuren, z.B. Heinz-Jürgen Voß, Renate Knoll, Lann Hornscheidt, …). Ich habe auch den Eindruck, dass sich da in den letzten Jahren bereits viel getan hat.

        http://www.mvbz.fu-berlin.de/service/datensammlungen/professuren/index.html

      • Leszek schreibt:

        @ Cero

        Ich kann meine genannten Kritikpunkte anhand von Degeles Buch ja mal der Reihe nach durchgehen und sagen, welche davon m.E. bei diesem Buch zutreffen.
        Ist schon richtig, dass du genau nachfragst.

        Ich komme aber wahrscheinlich heute oder morgen nicht mehr dazu.
        Ich hatte vorhin noch einen Kommentar zum Umgang von Vertretern der Gender Studies mit Kritik geschrieben, der aber noch nicht freigeschaltet ist und muss jetzt erst mal weg. Ich antworte dir, sobald ich wieder Zeit habe.

  2. Arne Hoffmann schreibt:

    Es geht wohl unter anderem um Bücher wie dieses hier. Auch ich kam beim Lesen aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus:

    https://www.amazon.de/gp/cdp/member-reviews/AR56SNAS7GGMV/ref=pdp_new_read_full_review_link?ie=UTF8&page=1&sort_by=MostRecentReview#R2KRIRJZ4OLI9K

  3. mitm schreibt:

    Wer und was genau die Gender Studies sind, ist fast so einfach festzumachen wie einen Pudding an die Wand zu nageln. Der Begriff „Gender Studies“ wird taktisch sehr geschickt mit ständig wechselnden Bedeutungen benutzt. Das ist wie beim Märchen vom Hasen und Igel…

    Schritt 1 einer Befassung mit den „Gender Studies“ muß daher sein zu erfassen, wer überhaupt befugt ist zu definieren, was Gender Studies sind (da kommen bereits die ersten Überraschungen – hochrangige offizielle Quellen behaupten, G.S. könne man „.. nicht mit einer traditionellen Einzeldisziplin vergleichen“, sprich, relevante Teile erheben gar nicht den Anspruch, eine normale wissenschaftliche Disziplin zu sein, dafür aber von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung und imstande, Gesetzesvorhaben zu initiieren.)

    Ich habe vor rund einem Jahr sehr viel dazu recherchiert, das Ergebnis: http://maninthmiddle.blogspot.de/p/gender-studies.html ist leider rund 20 Seiten lang, dafür hat nicht jeder die Geduld, und auch die sind immer noch nicht vollständig. Der Artikel ist noch einigermaßen aktuell. Kommentare und Verbesserungshinweise sind willkommen.

    9 einschlägige Handbücher und einführende Lehrbücher habe ich mir auch angesehen (nur frei zugängliche Teile), ich komme bei deren Bewertung zum gleichen Resultat wie Leszek.

    Meine persönlichen wichtigsten Erkenntnisse.

    1. Große Teile der Gender Studies sind eine (radikal-) feministische Kaderschule (vergleichbar mit Koranschulen der übelsten Sorte), sie erheben keinen konventionellen wissenschaftlichen Anspruch und erfüllen auch keinen.

    2. Die Anteile der Gender Studies, die einen wissenschaftlichen Anspruch erheben, erfüllen diesen teilweise, allerdings dann als Unteruntergebiet eines konventionellen Wissenschaftsgebiets, z.B. Soziologie oder Literaturwissenschaften. Die Gender Studies erfüllen aber nicht die Merkmale eigenständiger Wissenschaften, auch nicht die Kriterien einer Merkmale interdisziplinären Wissenschaft (letztes wird oft behauptet). Die Pseudo-Interdisziplinärität besteht darin, vorhandene Wissenschaften zu beschuldigen, nicht überall nach Geschlechterdifferenzen zu suchen. Dies ist aber nur eine ideologisch motivierte Wissenschaftskritik, keine eigene produktive Wissenschaft. Dreist ist die Okkupation medizinischer Forschung und „Gendermedizin“ als Teil der Gender Studies: kein einziger der rund 200 Gender-Lehrstühle gehört zur Biologie, Biologie hat sozusagen Hausverbot in den G.S.

    3. Wie schon von Leszek richtig bemerkt werden die in großen Teilen der G.S. verwandten Wissenschaftstheorien woanders nicht anerkannt, insb. die Feministische Standpunkttheorie und der Sozialkonstruktivismus.

    4. Die „blank-slate“-Hypothese, die in fast allen Zweigen der Gender Studies als unhinterfragbares Dogma gilt, ist wissenschaftlich unhaltbar.

    5. Charakteristisch für die wissenschaftliche Qualität: der zentrale Begriff „Gender“ wird parallel in mehreren widersprüchlichen Bedeutungen benutzt!

    • Graublau schreibt:

      Ich glaube, wir haben den nächsten Gastartikel. 🙂

      • Leszek schreibt:

        „Ich glaube, wir haben den nächsten Gastartikel.“

        Das kann ich nur unterstützen.
        (Wie ja auch der Blog von Man in the Middle sehr lesenswert ist.)

    • cero schreibt:

      Kurz @graublau: Es ist schön, dass die Antworten als so lesenswert eingestuft werden, dass sie zu einem eigenen Artikel werden, das erschwert aber etwas die Diskussion. Ich werde daher jetzt bei dem Artikel bleiben. 🙂

      @mitm: Die Argumente, die du bringst sind (fast alle) nachvollziehbar, gehen aber von der Prämisse aus, dass innerhalb der (wissenschaftlichen Disziplin der) Gender Studies diese feministischen Auffassungen vertreten werden. Dafür reichen mir hier aber auch noch nicht die Belege aus. Du verweist zwar auf Literatur, wirst aber nicht konkreter. Gerade bei Punkt 3 und 4 würden mich Belege interessieren.

      Zu dem zweiten Punkt, also der Frage, ob Gender Studies eine eigenständige Disziplin ist: Hier bist du m.E. päpstlicher als der Papst. Eine genaue Abgrenzung/Definition wirst du bei keiner Wissenschaft finden. Ansonsten versuch mal die Chemie genau von der Physik oder die Biologie genau von der Chemie abzugrenzen.

      Zudem gibt es durchaus eigenständige, methodisch korrekte Erkenntnisse der Gender Studies, z.B. gibt es die Studien in denen Arbeitgebern identische Lebensläufe vorgelegt wurden mit unterschiedlichem Namen/Geschlecht. Oder die Studien zu dem „Stereotype Threat“.

      Zu Punkt 5: Meines Erachtens definitiv ein Problem. Aber ein allgemeines Problem in den Humanwissenschaften.

      • Graublau schreibt:

        „Zudem gibt es durchaus eigenständige, methodisch korrekte Erkenntnisse der Gender Studies, z.B. gibt es die Studien in denen Arbeitgebern identische Lebensläufe vorgelegt wurden mit unterschiedlichem Namen/Geschlecht. „

        Kannst Du einen genauen Namen nennen? Ich erinnere mich vage, dass eine dieser Studien in einem Video zerpflückt worden ist. Die methodische Schwäche bestand darin, dass die Orte, an denen die Abschlüsse erlangt worden sein sollen, nicht existierten o.ä. Es war wohl auch auf Irland (oder nur Dublin?) bezogen, sehr kleine Stichprobe usw.

        Sprich, Du hast eine Erinnerung, ich eine andere – am besten ist es immer, die konkreten Studien herauszusuchen. Christian von Alles Evolution ist das immer recht gut darin. Ich ärgere mich jedesmal (so wie jetzt), wenn so etwas an mir vorbeirauscht, ich es mir nicht notiere und ich es später brauchen könnte.

      • cero schreibt:

        @Graublau:

        Der Stereotype Threat Effekt ist meines Wissens ziemlich gut belegt. Bei „Hier wohnen Drachen“ wird Spencer: Stereotype-threat and women’s math performance von 1999 zitiert. (http://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen/2014/10/08/gleichstellung-laengst-ueberfluessig/3/)
        Es gibt aber unzählige Literatur, die sich damit befasst. https://de.wikipedia.org/wiki/Bedrohung_durch_Stereotype

        Bzgl. der Bewerbungen gibt es hier eine Studie: http://www.pnas.org/content/109/41/16474

        Ein ähnliches Ergebnis gab es bei der Bewertung von Schülern durch Lehrer:
        https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2016/01/schlechtere-physik-noten-fuer-maedchen.html

        (Unschöner Designfehler wie ich finde ist hier, dass nicht nur das Geschlecht sondern auch der fiktive Schwerpunkt geändert wurde – warum auch immer)

        Über die Größe von Effekten kann man streiten, aber dass gesellschaftliche Effekte vorhanden sind, ist unbestreitbar (und auch logisch, da ein Mensch induktiv denkt. Wenn man bisher viel mehr gute Männer als Frauen gesehen hat, dann ordnet man intuitiv Männer als potentiell besser ein.)

        Und dass solche Forschung betrieben wird finde ich durchaus richtig und wichtig.

      • mitm schreibt:

        @ cero „Frage, ob Gender Studies eine eigenständige Disziplin ist: Hier bist du m.E. päpstlicher als der Papst. Eine genaue Abgrenzung/Definition wirst du bei keiner Wissenschaft finden.“

        Das ist kein Argument. Es kommt nicht darauf an, ob eine Disziplin an ihren Rändern mit Nachbardisziplinen überlappt, sondern ob sie „innen“ einen eigenständigen thematischen und methodischen Kern hat. Das ist bei den Gender Studies nicht der Fall. Mehr dazu hier, ehe ich das alles wiederhole.

        Rein diskurstechnisch möchte ich auch die Beweislastumkehr ablehnen, die hinter der Forderung steckt, ich oder ein anderer Kritiker sollten die Gender Studies genau abgrenzen oder die Unwissenschaftlichkeit der eventuellen Kernbereiche zeigen. Die „Ergebnisse“ der Gender Studies werden unmittelbar benutzt, um Männern Grundrechte abzuerkennen (Beispiel: die herbeiphantasierten „strukturellen Diskriminierungen“, mit denen z.B. die lex FiDAR oder letztens das Dienstrechtsmodernisierungsgesetz NRW begründet wurden). Die Beweislast liegt daher bei den feministischen Parteien und indirekt bei den Gender Studies selber. Aber da passiert natürlich nichts, denn letztlich spielen die G.S. die Rolle einer Zweckwissenschaft für die regierende SPD und die Grünen.

    • mitm schreibt:

      @ cero „Du verweist zwar auf Literatur, wirst aber nicht konkreter. Gerade bei Punkt 3 und 4 würden mich Belege interessieren.“

      Bei Punkt 3 hatte ich schon hierhin verlinkt, dort habe ich versucht, die Hauptkritikpunkte zusammenzufassen, unten bei den Zitaten habe ich nur Boghossian und Hacking angegeben, man kann aber noch viel mehr angeben (liest aber sowieso niemand :-)). Extrem lesenswert ist übrigens auch Hirschauer (2014).

      Zu Punkt 4: die „blank-slate“-Hypothese ist im Kontext dieser Diskussion praktisch identisch mit der These, „Geschlecht sei sozial konstruiert“, dazu hat Leszek ja schon reihenweise Beispiele gebracht. Weitere Quellen s. z.B. hier, insb. Steven Pinker. Ferner relevant ist die generelle Kritik an den Sozialwissenschaften.

      Und noch einmal zur politischen Relevanz: alle Quotengesetze hängen essentiell von der Annahme ab, daß es keinerlei biologisch begründete geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede gibt, denn nur unter dieser Annahme kann man postulieren, geringe Frauenanteile seien „nicht natürlich“, sondern Ergebnisse von („strukturellen“) Diskriminierungen, und rechtfertigten kompensatorische Diskriminierungen von Männern. D.h. die „blank-slate“-Hypothese wird politisch nahezu täglich implizit in den Debatten benutzt!

      • cero schreibt:

        @mitm:

        Erstmal zu dem obigen Post:

        „Es kommt nicht darauf an, ob eine Disziplin an ihren Rändern mit Nachbardisziplinen überlappt, sondern ob sie „innen“ einen eigenständigen thematischen und methodischen Kern hat. Das ist bei den Gender Studies nicht der Fall.“

        Das sehe ich grundlegend anders. Die Erforschung des sozialen Geschlechts („Gender“) und der Wechselwirkungen zwischen Gender und Umwelt ist durchaus ein gut definierter Forschungsgegenstand. An der Methodik kann und sollte Kritik geübt werden, die Fragestellung zu verkennen ist m.E. unhaltbar. Zu den Punkten im Artikel:

        „Geschlechterunterschiede sind aber kein klar abgegrenzter, sondern ein nahezu uferloser Problembereich.“ – Und? Nenne mir eine Wissenschaft in der das anders ist. (Dazu habe ich ja vorher schon was geschrieben)

        „Man kann die Differenz zwischen zwei mathematischen Objekten nur verstehen, wenn man diese mathematischen Objekte (reelle Zahlen, Matrizen, …) versteht. “

        Mal davon abgesehen, dass das schon aus mathematischer SIcht sehr fragwürdig ist, befinden wir uns bei den GS in den Geisteswissenschaften, also so weit weg von der exakten Mathematik wie nur möglich.

        „Geschlechterunterschiede kann man analog nur verstehen, wenn man die den jeweiligen biologischen, psychologischen oder sozialen Kontext verstanden hat. Hierzu sind in erster Linie Fach- und Methodenwissen im jeweiligen Problembereich erforderlich ist. Vor diesem Hintergrund sind Geschlechterunterschiede eher ein sekundäres Querschnittsthema.“

        Sorry, keine Ahnung was du mit diesem Abschnitt sagen willst. Dass in den GS kein Methodenwissen existiert?

        „Wegen der unklaren thematischen Eingrenzung sind einheitliche Theorien und Methoden nicht möglich. Grundlegende Theorien, Lösungsansätze und -Methoden, mit denen sich überall Geschlechterunterschiede erklären und ggf. „behandeln“ lassen, sind daher nicht bekannt und kaum vorstellbar.“

        Erneut keine Ahnung, worauf du diese Aussage aufbaust. Wenn etwas unklar ist, dann braucht man ja gerade die Wissenschaft, um das Ganze zu strukturieren. Das hört sich ein bisschen an nach „Wir werden eh nie alles verstehen, deswegen sollten wir es gleich lassen:“

        „Rein diskurstechnisch möchte ich auch die Beweislastumkehr ablehnen, die hinter der Forderung steckt, ich oder ein anderer Kritiker sollten die Gender Studies genau abgrenzen oder die Unwissenschaftlichkeit der eventuellen Kernbereiche zeigen.“

        Warum würdest du das tun? Wenn mir jemand sagt, dass z.B. Stringtheoretiker unwissenschaftlich arbeiten, dann würde ich die Beweislast nicht bei mir sehen. Siehst du das anders? Einige methodisch saubere Erkenntnisse habe ich oben schon erwähnt.

        „Die „Ergebnisse“ der Gender Studies werden unmittelbar benutzt, um Männern Grundrechte abzuerkennen (Beispiel: die herbeiphantasierten „strukturellen Diskriminierungen“, mit denen z.B. die lex FiDAR oder letztens das Dienstrechtsmodernisierungsgesetz NRW begründet wurden)“

        Das stimmt sicher, aber es wäre unredlich das den Wissenschaftlern anzulasten. Dass methodisch korrekte Ergebnisse von z.B. Feministen falsch interpretiert oder überinterpretiert werden, ist ein Problem. Das geht aber den meisten Wissenschaftsbereichen so.

        Anders wäre es, wenn innerhalb der Publikationen systematisch konkrete politische Forderungen abgeleitet werden würden. Dafür fehlen mir aber immer noch ausreichend Belege/Beispiele.

        Jetzt zu diesem Post: 🙂

        Zu deinen Anmerkungen bzgl. 3 und 4: In deinem Artikel hast du vor allem erklärt was diese Konzepte bedeuten und warum sie unwissenschaftlich sind. Das ist mir alles klar. Meine Frage bezog sich darauf, ob diese Konzepte in den Gender Studies (nicht im Feminismus oder in der Politik) genutzt werden, um darauf Resultate aufzubauen. Und dazu fehlen mir Belege.

        „die „blank-slate“-Hypothese ist im Kontext dieser Diskussion praktisch identisch mit der These, „Geschlecht sei sozial konstruiert““

        Hier muss man ganz stark aufpassen. Während Feministen ihren Gegnern gerne „Biologismus“ (100% Biologie) vorwerfen, passiert es häufig, dass andersrum Sozialkonstruktivismus als „radikaler“ Sozialkonstruktivismus interpretiert wird (100% Kultur). Hier habe ich bei meinen Recherchen feststellen müssen, dass diese radikale Position längst nicht so verbreitet in den GS ist, wie man meint. (Tatsächlich habe ich kein einziges eindeutiges Beispiel für einen GS-Vertreter in Deutschland gefunden, der diese Position unterstützt).

        Die generelle Kritik an den SoWis unterschreibe ich übrigens, so weit gehen den SoWis in ihrer Gesamtheit deswegen die Wissenschaftlichkeit abzuerkennen würde ich allerdings nicht.

        „Und noch einmal zur politischen Relevanz: alle Quotengesetze hängen essentiell von der Annahme ab, daß es keinerlei biologisch begründete geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede gibt, denn nur unter dieser Annahme kann man postulieren, geringe Frauenanteile seien „nicht natürlich“, sondern Ergebnisse von („strukturellen“) Diskriminierungen, und rechtfertigten kompensatorische Diskriminierungen von Männern. D.h. die „blank-slate“-Hypothese wird politisch nahezu täglich implizit in den Debatten benutzt!“

        Das ist wieder Politik und damit klar abzugrenzen von dem Thema, das ich hier angesprochen habe, der wissenschaftlichen Disziplin. Ansonsten ist (ohne Sinn und Unsinn von Quoten diskutieren zu wollen) anzumerken, dass Quoten auch mit einer gemäßigteren Position begründet werden könnten. Stark vereinfachtes Beispiel: Wenn es nur 10% Informatikerinnen gibt und durch biologische Unterschiede nur ein Verhältnis von 30:70 begründet werden kann, dann kann man daraus die Forderung nach einer Frauenquote von 30% ableiten.

      • cero schreibt:

        Jetzt hätte ich fast vergessen zu fragen, welche Publikation von Hirschauer von 2014 meinst du? Es gibt da mehrere. Könntest du dann konkreter bzgl. bestimmten Äußerungen werden?

      • mitm schreibt:

        @ cero „Die Erforschung des sozialen Geschlechts („Gender“) und der Wechselwirkungen zwischen Gender und Umwelt ist durchaus ein gut definierter Forschungsgegenstand.“

        Kann ich nicht entfernt erkennen. Der Begriff des sog. „sozialen Geschlechts“ („Gender“) ist nach meinem Eindruck praktisch undefiniert bzw. – noch schlimmer – gar nicht definierbar. Ich bin lange Zeit selber auf diesen Bluff hereingefallen, denn die informelle Begriffsbildung analog zum biologischen Geschlecht (einer beliebigen Variante davon) klingt zunächst einmal plausibel. Ich würde sogar behaupten, daß ich, obwohl Masku, an die Frage, wie man „soziales Geschlecht“ definieren kann, ziemlich ergebnisoffen herangegangen bin, weil ich es interessant fand, und man ja nie ausschließen soll, daß irgendwo versteckt etwas Vernünftiges zu finden ist. Ergebnis s. hier, ein völliges Chaos bzw. eine einzige Enttäuschung.

        Gegenfrage: wie definierst Du denn „Gender“? Jetzt bitte Butter bei die Fische. Bitte keine Ausweichmanöver der Form, das sei eine „Analysekategorie“.

        „Nenne mir eine Wissenschaft in der das anders ist. “

        Also, dann nehmen wir z.B. die ASIIN, eine der ca. 10 deutschen Akkreditierungsagenturen für Studiengänge, und finden auf dieser Seite weiter unten die „Fachspezifischen Ergänzenden Hinweisen“, die für eine Liste von Fächern beschreiben, was die zentralen angestrebten Kompetenzen und Inhalte der Bachelor- bzw. Master-Studiengänge sind. Ähnlich brauchbare Abgrenzungen der Fächer findet man sicher auch in der Wikipedia.

        Oder um es an einem Beispiel plastisch auszudrücken: Wenn ein gelernter Physiker (vor aus sogar promoviert oder habilitiert) behaupten würde, er könne einen Diplom- oder Master-Chemiker ersetzen und sei imstande, Forschung zu Kernthemen der Chemie zu betreiben, würde er ausgelacht werden. Obwohl beide Fächer irgendwie mit Atomen zu tun haben, haben sie klar abgegrenzte Kernbereiche.

        „befinden wir uns bei den GS in den Geisteswissenschaften,“

        Nein, das stimmt in mehrerer Hinsicht nicht. Die fachliche Zuordnung der Gender Studies-Lehrstühle hat als Schwerpunkte u.a. Soziologie, soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie, alles keine Geisteswissenschaften, sondern Sozialwissenschaften, die mit völlig anderen Methoden arbeiten als die Geisteswissenschaften (insb. die empirischen Sozialwissenschaften).

        Es gibt auch Gender Studies-Lehrstühle in der Geschichte oder Literatur, nur ist bei deren Irrelevanz hinsichtlich aktueller Themen des Geschlechterverhältnisses offensichtlich. Es mag ja für einen Literaturwissenschaftler ungeheuer interessant sein, wie Frauen in der spanischen Literatur des 13. Jahrhunderts dargestellt werden, nur helfen uns diese Erkenntnisse überhaupt nicht dabei weiter, ob wir hier und heute mehr Gender-Sterne und Frauenparkplätze brauchen.

        Wir landen hier wieder einmal bei der Frage, ob die Gender Studies (wenn sie eine eigene Disziplin wären) eine zweckfreie, erkenntnisoffene Wissenschaft sind oder eine Zweckwissenschaft für feministische Parteien. Diese Frage ist mMn ähnlich einfältig wie die Frage, ob die Konstruktionstechnik von Atombomben eine zweckfreie eigene Wissenschaft ist, weil es einfach furchtbar interessant ist, so einem Bömbchen beim Explodieren zuzusehen. Oder ob das nicht eher eine Zweckwissenschaft ist, um militärische Bedrohungen zu ermöglichen.

        Nur wegen des Anspruchs, politisch verwertbare Argumente für unsere feministische Gesellschaft zu liefern, gibt es dermaßen viele Gender-Professuren.

        „welche Publikation von Hirschauer von 2014“

        Stefan Hirschauer: Wozu Gender Studies? Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft. Hirschauers Kritik an den Gender Studies (sowohl im Sinne einer Forscherpopulation als auch im Sinne der wissenschaftlichen Seriösität) ist übrigens mMn vernichtend, und er ist Insider.

      • cero schreibt:

        @mitm:

        „Gegenfrage: wie definierst Du denn „Gender“? Jetzt bitte Butter bei die Fische. Bitte keine Ausweichmanöver der Form, das sei eine „Analysekategorie“.“

        Ich würde es auf die Schnelle definieren als die Eigenschaften, Verhaltensweisen und Erwartungshaltungen die kulturell bedingt mit der Kategorie „Geschlecht“ verknüpft werden.
        Das ist erstmal unabhängig davon, ob diese Erwartungshaltungen „gerechtfertigt“ sind (also z.B. auf biologische Unterschiede zurückzuführen sind) oder nicht.

        Es ist durchaus richtig, dass hier unterschiedliche Definitionen verwendet werden und dass das teilweise auch zu Problemen führt. Das ist aber wiederum kein grundsätzlicher Kritikpunkt an einer Wissenschaft. Es muss nur darauf geachtet werden, dass bei einer konkreten Aussage klar ist, welche Definitionen dieser Aussage zugrunde liegen.

        Ansonsten definiere mir bitte eindeutig die Begriffe „Leben“ (Biologie), „Intelligenz“ (Psychologie, Informatik), „Natur“/“Kultur“ (Natur- und Kulturwissenschaften), …

        Aus dem Wikipedia-Artikel zur Mathematik: „Für Mathematik gibt es keine allgemein anerkannte Definition.“

        „Also, dann nehmen wir z.B. die ASIIN, eine der ca. 10 deutschen Akkreditierungsagenturen für Studiengänge, und finden auf dieser Seite weiter unten die „Fachspezifischen Ergänzenden Hinweisen“, die für eine Liste von Fächern beschreiben, was die zentralen angestrebten Kompetenzen und Inhalte der Bachelor- bzw. Master-Studiengänge sind. “

        Hä? Eben sagst du noch, dass man in der Lage sein muss den präzisen Forschungsgegenstand zu beschreiben, jetzt definierst du ein Fach über eine (relativ willkürliche) Sammlung von Lehrinhalten? Also das geht auch bei den GS…

        „Wenn ein gelernter Physiker (vor aus sogar promoviert oder habilitiert) behaupten würde, er könne einen Diplom- oder Master-Chemiker ersetzen und sei imstande, Forschung zu Kernthemen der Chemie zu betreiben, würde er ausgelacht werden. Obwohl beide Fächer irgendwie mit Atomen zu tun haben, haben sie klar abgegrenzte Kernbereiche.“

        Sorry, muss ich das wirklich entkräften? Ein Kernphysiker wird nicht direkt als Astronom arbeiten können, ein Ökologe nicht als Mikrobiologe, ein DataMining-Experte nicht als Kryptologe.

        Dagegen kommt es nicht selten vor, dass ein Mathematiker als theoretischer Physiker/Informatiker arbeitet. Oder ein Chemiker als Molekularbiologe.

        Klare Abgrenzungen sind schlicht Schwachsinn und auch überhaupt nicht notwendig.

        „„befinden wir uns bei den GS in den Geisteswissenschaften,“

        Nein, das stimmt in mehrerer Hinsicht nicht. […]“

        Ich verwende ab und an die Begriffe Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften, Kulturwissenschaften, Humanwissenschaften etc. synonym, sorry. Meinte wohl eher Kulturwissenschaft.

        „Es gibt auch Gender Studies-Lehrstühle in der Geschichte oder Literatur, nur ist bei deren Irrelevanz hinsichtlich aktueller Themen des Geschlechterverhältnisses offensichtlich. Es mag ja für einen Literaturwissenschaftler ungeheuer interessant sein, wie Frauen in der spanischen Literatur des 13. Jahrhunderts dargestellt werden, nur helfen uns diese Erkenntnisse überhaupt nicht dabei weiter, ob wir hier und heute mehr Gender-Sterne und Frauenparkplätze brauchen.“

        Jetzt begehst du den Fehler, der gerade den GS vorgeworfen wird, nämlich wissenschaftliche Erkenntnisse mit politischen Forderungen zu vermischen.

        „Wir landen hier wieder einmal bei der Frage, ob die Gender Studies (wenn sie eine eigene Disziplin wären) eine zweckfreie, erkenntnisoffene Wissenschaft sind oder eine Zweckwissenschaft für feministische Parteien. Diese Frage ist mMn ähnlich einfältig wie die Frage, ob die Konstruktionstechnik von Atombomben eine zweckfreie eigene Wissenschaft ist, weil es einfach furchtbar interessant ist, so einem Bömbchen beim Explodieren zuzusehen. Oder ob das nicht eher eine Zweckwissenschaft ist, um militärische Bedrohungen zu ermöglichen.“

        Oder die Frage, ob man gentechnische Forschung betreiben kann, ohne GMOs zu fördern. Oder Nuklearphysik ohne Atomkraftwerke zu propagieren. Oder Pränataldiagnostik ohne Menschen mit Behinderung abzuwerten.

        Sorry, nein. Damit begibst du dich auf das Niveau von Greenpeace & Co. Alle Forschung, die genutzt werden könnte, um eigene Überzeugungen anzugreifen ist schädlich und darf nicht sein.

        „Stefan Hirschauer: Wozu Gender Studies? Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft. Hirschauers Kritik an den Gender Studies (sowohl im Sinne einer Forscherpopulation als auch im Sinne der wissenschaftlichen Seriösität) ist übrigens mMn vernichtend, und er ist Insider.“

        Dann solltest du den Artikel noch einmal genau lesen. Er beschreibt dort genau, was die sinnvollen Anwendungen von GS sind und beklagt sich darüber, dass Ergebnisse von Feministen und der öffentlichen Wahrnehmung zweckentfremded und entstellt werden.

        Für die Gender Studies sieht er dann die Herausforderung, sich klar von dieser Politisierung abzugrenzen und neutral zu forschen. Er beschreibt aber auch, dass dieser Prozess bereits im Gange ist.

        Aus dem Artikel:
        „P.S.: Ein Text wie dieser wird zwangsläufig hineingesogen in die Stimmungen und Strömungen, in denen er sich artikuliert: der eingeübten Indifferenz der meisten, bei einem immergleichen Thema auf taub zu stellen, dem verdrucksten Schweigen der politisch Gutwilligen, die schon lange ahnen, dass etwas schief läuft, dem revanchistischen Lauern von Maskulisten auf schlagkräftige Argumente und der misstrauischen Hermeneutik der Insassinnen der Wagenburg, die den Autor schon an seiner vermeintlichen Geschlechtszugehörigkeit als potenziellen Frauenfeind verbuchten. Ach Schwestern! Es gibt ein postnormatives Denken nach dem Feminismus: klar, heiter, kritisch, theoretisch innovativ und empirisch lernfähig. Sein einziger Nachteil: Es weiß nicht immer sofort, wer der Täter war.“

        PS von mir: Leider ein weiterer Kommentar ohne konkreten Beleg für die Unwissenschaftlichkeit von GS-Forschungsergebnissen. Ich befürchte langsam, wir reden aneinander vorbei.

  4. m schreibt:

    @Graublau: sieh bitte mal im spam nach, ich habe was gepostet

  5. Pingback: Gastartikel: man in the middle zu der Frage, ob Gender Studies unwissenschaftlich sind | Geschlechterallerlei

  6. Leszek schreibt:

    @ Cero

    Hier noch ein Hinweis auf ein Buch von Vertretern der Gender Studies, das als Reaktion auf Kritik an den Gender Studies veröffentlicht wurde und ein paar kurze Hinweise darauf, wie Vertreter der Gender Studies meiner Erfahrung nach mit Kritik umgehen:

    https://www.amazon.de/Anti-Genderismus-Sexualit%C3%A4t-Schaupl%C3%A4tze-politischer-Auseinandersetzungen/dp/3837631443/ref=pd_rhf_se_p_img_3?ie=UTF8&psc=1&refRID=4WSSSYJJYHZF4WW0F4G7

    (Es ist möglich bei Amazon ein bißchen in das Buch reinzulesen.)

    Natürlich laufen die Kapitel in dem Buch wesentlich darauf hinaus, dass Kritiker der Gender Studies grundsätzlich rechts (rechtskonservativ, neurechts, rechtsradikal, christlich-konservativ oder religiös-fundamentalistisch etc.) seien, traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild erhalten wollten, homophob seien usw.
    Es kann leider nicht bestritten werden, dass es unter Kritikern der Gender Studies auch solche Leute gibt und auch ich halte von diesen nichts. Es gibt neben konservativer/rechter Gender-Kritik – die zumindest teilweise leider tatsächlich in entsprechende Einstellungen abrutscht – aber auch Kritiken an den Gender Studies aus liberaler sowie linker politischer Perspektive. Und was wissenschaftlich fundierte Argumentationen angeht, so gibt es Kritik an den Gender Studies, die naturwissenschaftlich ausgerichtet ist und auch solche, die geisteswissenschaftlich oder sozialwissenschaftlich ausgerichtet ist.
    (Es gibt sogar Kritiken an den Gender Studies seitens einiger konkurrierender feministischer Strömungen.)

    Die Diskursstrategien der Vertreter der Gender Studies im Umgang mit Kritik zielen in der Regel darauf ab Kritiker der Gender Studies pauschal in die rechte Ecke zu stellen, die Vielfalt von politischen und wissenschaftlichen Positionen und Argumenten im Spektrum der Kritik an den Gender Studies wird bewusst ignoriert. Eine Auseinandersetzung mit wissenschaftlich fundierten Gegenargumenten findet nicht statt.

    – Eine gerne gebrauchte Diskursstrategie der Vertreter der Gender Studies behauptet z.B., wer nicht an die reine und ausschließliche soziale Konstruiertheit geschlechtsbezogener Identitäten glaube, der würde automatisch einen biologischen Determinismus vertreten, also dass geschlechtsbezogene Identitäten vollständig biologisch determiniert seien. Natürlich ist das eine so einseitig wie das andere und außer vielleicht ein paar Hanseln aus dem Lager der konservativen/rechten Gender-Kritiker, die ähnlich einseitig wie die Gender Studies-Vertreter soziale Einflüsse überbetonen eben biologische Einflüsse überbetonen, behauptet niemand – auch die naturwissenschaftlichen Gender-Kritiker nicht – dass nicht auch soziale Einflüsse für die Bildung geschlechtsbezogener Identitäten eine Rolle spielen. Schon die Vielfalt der Geschlechterverhältnisse in verschiedenen Zeiten und Kulturen zeigt, dass es einen sozial konstruierten Anteil bei der Ausbildung geschlechtsbezogener Identitäten geben muss. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch biologische Dispositionen bezüglich geschlechtsbezogener Identitäten existieren, eine ergebnisoffene Geschlechterforschung mit interdisziplinärem Anspruch hätte in dieser Hinsicht eben zu versuchen soziale UND biologische Einflussfaktoren und ihr Zusammenwirken zu erforschen.

    – Eine weitere Diskursstrategie der Vertreter der Gender Studies postuliert, dass wer nicht an die reine und ausschließliche Konstruiertheit geschlechtsbezogener Identitäten glaubt, zwangsläufig traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild bejahen würde sowie real existierende vielfältige Präferenzen bei Frauen und Männern leugnen würde.
    In Wahrheit ergeben sich aus den aktuellen Theorien der verhaltensbiologischen Geschlechterforschung aber keine essentialistischen Geschlechterbilder, vielmehr wird davon ausgegangen, dass es einerseits DURCHSCHNITTLICHE biologisch disponierte Unterschiede zwischen Männern und Frauen gebe, dass es aber andererseits AUCH eine biologisch disponierte breite Vielfalt und Varianz jeweils innerhalb der beiden Geschlechtergruppen von Frauen und Männern gebe. Das bedeutet also, dass es in verhaltensbiologischer/evolutionspsychologischer Perspektive neben durchschnittlichen Unterschieden zwischen Frauen und Männern von Natur aus auch verschiedene Präferenzen innerhalb der Geschlechtergruppen von Frauen und Männern gibt, dass es also neben Frauen und Männern, die von ihren Präferenzen her stärker zu traditionellen Geschlechterrollen tendieren auch solche gibt, die dies überhaupt nicht tun und die ohne traditionelle Geschlechterrollen leben möchten und wieder andere, die tendenziell irgendwo dazwischen liegen.
    Wollte man aus diesen Forschungsbefunden und Theorien also aus einer freiheitlichen Perspektive irgendeine Empfehlung ableiten, dann wären dies weder traditionelle Geschlechterrollen als Leitbild, noch „progressive“ Geschlechterrollen als Leitbild, sondern der Verzicht auf jedes verallgemeinernde geschlechtsbezogene normative Leitbild und die Orientierung am Individuum von klein auf, also dass jedes menschliche Individuum egal welchen Geschlechts hinsichtlich seiner geschlechtsbezogenen Identität und Lebensweise so traditionell oder nicht-traditionell leben können sollte, wie es dies wünscht.

    Christian hatte dazu mal einen lesenswerten Artikel geschrieben:

    https://allesevolution.wordpress.com/2014/02/10/geschlechterrollen-haufungen-wird-es-immer-geben-dies-darf-aber-keinen-konformitatszwang-erzeugen/

    Eine solche konsequente Orientierung an der persönlichen Freiheit anstatt an normativen geschlechtsbezogenen Leitbildern würde m.E. auch das gegenseitige Hochschaukeln zwischen Anhängern der Gender-Theorie einerseits und speziell so manchen konservativen Gender-Kritikern andererseits entschärfen, denn in psychologischer Perspektive steckt hinter diesem Konflikt m.E. wesentlich, dass es sich jeweils oft um Menschen mit verschiedenen Präferenzen in geschlechtsbezogener Hinsicht handelt. Die einen – konservative Gender-Kritiker – neigen von ihren persönlichen Präferenzen her stärker zu einem Leben nach traditionellen Geschlechterrollen, die anderen – Anhänger der Gender-Theorie – neigen von ihren persönlichen Präferenzen her stärker zu einem Leben ohne traditionellen Geschlechterrollen. Beide machen leider zu oft den Fehler ihre jeweiligen Präferenzen zu verabsolutieren und es fällt ihnen schwer zu verstehen, dass die andere Seite jeweils eine Lebensweise vertritt, die ihnen selbst aufgrund ihrer anders gelagerten Präferenzen als einschränkend und unbefriedigend erscheint, so dass beide Seiten sich hinsichtlich ihrer für sich selbst als befriedigend empfundenen Lebensweise von der jeweils anderen Seite bedroht fühlen und sich daher gegenseitig hochschaukeln.
    Paradoxerweise ist die nicht-essentialistische verhaltensbiologische Perspektive diejenige, die unterschiedliche Präferenzen in geschlechtsbezogener Hinsicht viel leichter anerkennen kann als dies die Vertreter der Gender Studies tun, die auf ihre Weise genauso einseitig sind wie ideologische Geschlechter-Traditionalisten, nur in inhaltlicher Hinsicht umgekehrt.

    – Eine weitere gerne verwendete Diskusstrategie von Vertretern der Gender Studies wirft Kritikern der Gender Studies vor Gegner der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern zu sein. Hierbei wird dann nicht selten mit einer Verwechslung der Begriffe Gleichberechtigung (Chancengleichheit) und Gleichstellung (Ergebnisgleichheit) hantiert.
    Viele Kritiker der Gender Studies bejahen aber eindeutig die Gleichberechtigung der Geschlechter, ihre Kritik richtet sich gegen eine durch die Gender Studies mitlegitimierte Gleichstellungspolitik, welche geschlechtsbezogene gesellschaftliche Ungleichverteilungen durch Frauenquoten zu beseitigen versucht ohne vorher genau geprüft zu haben, ob und inwieweit solche geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen tatsächlich ein Produkt von Diskriminierung sind oder ob und inwieweit sie aus unterschiedlichen durchschnittlichen Präferenzen von Frauen und Männern resultieren.
    Wenn es IM SCHNITT durchschnittliche Interessenunterschiede hinsichtlich Studium, Arbeit und Karriere zwischen Frauen und Männern gibt, dann ist klar, dass es auch zu gewissen geschlechtsbezogenen gesellschaftlichen Ungleichverteilungen kommen muss, trotzdem hat dies in diesem Fall nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern ist dann in letzter Instanz Ausdruck der persönlichen Wahlfreiheit.

    – Dann gibt es noch die Diskursstrategien seitens Anhängern der Gender Studies gegen Männerrechtler und die Versuche von Männerrechtlern auf die Beseitigung von Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, hinzuwirken. Zur Diskreditierung von Männerrechtlern wurden einige als „Expertisen“ getarnte pseudowissenschaftliche Propaganda-Schriften kreiert. Neben den bereits erwähnten Diskursstrategien der Vertreter der Gender Studies kommt hier häufig noch der Vorwurf hinzu, es ginge darum „männliche Privilegien“ zu verteidigen, es werden pauschale und undifferenzierte Sexismus-Vorwürfe gegen Männerrechtler erhoben, bestenfalls wird zugestanden, dass es, obwohl Frauen sehr viel stärker benachteiligt seien, auch ein paar Benachteiligungen von Männern gebe, die dann meist als „Kollateralschäden des Patriarchats“ gedeutet werden und ansonsten übergangen werden.

    Nun wird m.E. jeder, der sich eine Zeitlang mit dem Thema „Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind“ ernsthaft beschäftigt und die Argumente und Forschungsbefunde von Männerrechtlern überprüft zu dem Ergebnis kommen, dass die meisten Anliegen und Ziele der Männerrechtsbewegung berechtigt sind:

    http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

    https://manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

    https://www.amazon.de/review/R2E1N8QWPC5OZM/ref=cm_cr_dp_title?ie=UTF8&ASIN=149543625X&channel=detail-glance&nodeID=299956&store=books

    Männer sind keine „privilegierte Klasse“. Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Jungen und Männer betroffen sind, sollten daher in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Theoriebildung und in der Geschlechterpolitik genauso ernst genommen werden wie äquivalente Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen von denen Mädchen und Frauen betroffen sind. Und genau dies wird auch in der Mehrheit der für die Männerrechtsbewegung zentralen Literatur gefordert und nicht etwa eine einseitige Geschlechterpolitik nur für Jungen und Männer.
    Ich verwende für eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Diskriminierungen, soziale Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, die versucht die Probleme aller Geschlechter (Frauen, Männer, Intersexuelle, Trans-Personen) in wissenschaftlicher, theoretischer und politischer Hinsicht zu berücksichtigen den Begriff „Integraler Antisexismus“. Mit einer solchen Sichtweise können die Gender Studies leider überhaupt nichts anfangen.
    Dies von ihnen zu erwarten wäre so unrealistisch wie aber in moralischer Hinsicht angemessen. Wer wie die Gender Studies u.a. mit dem Anspruch auftritt für geschlechtsbezogene Diskriminierungsforschung zuständig zu sein und dann auf einem Auge blind ist, der verzerrt in erheblichem Maße die Realität.

    – Zuletzt sei auch noch auf die von Vertretern der Gender Studies gängigen Homophobie-Vorwürfe an Kritiker der Gender Studies eingegangen. Es gibt ohne Frage leider auch Kritiker der Gender Studies, auf die dieser Vorwurf zutrifft und andere bei denen man zumindest einräumen muss, dass sie wenig Sensibilität für das Engagement gegen Diskriminierungen von Homosexuellen und für die Gleichberechtigung von Homosexuellen haben. Aber da das Spektrum von Kritik an den Gender Studies in Wahrheit sehr breit ist, gibt es selbstverständlich auch ganz andere Ansichten hierzu. Gerade unter den linken und liberalen Gender-Kritikern – einschließlich linker und liberaler Männerrechtler –

    http://genderama.blogspot.de/2013/12/erste-maskulistische-blogparade-warum.html

    gibt es auch viele, die jede Diskriminierung von Homosexuellen ablehnen und die die Gleichberechtigung von Homosexuellen z.B. hinsichtlich Ehe und Adoptionsrecht eindeutig bejahen.

    Zudem wird von linken und liberalen Kritikern der Gender Studies bei diesem Thema auch häufiger die Kritik geäußert, dass die in den Gender Studies gängige Auffassung auch sexuelle Orientierungen seien rein sozial konstruiert nicht nur vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu den Ursachen von Homosexualität wissenschaftlich nicht haltbar ist, sondern, dass diese Sichtweise – abgesehen von dem Umstand, dass viele Homosexuellen sich ausgehend von ihrer eigenen Lebenserfahrung gar nicht mit dieser Annahme identifizieren können – auch für die berechtigten Anliegen von Homosexuellen nicht förderlich ist, weil diese Sichtweise paradoxerweise auch homophobe Umerziehungsversuche gegenüber Homosexuellen legitimieren könnte sowie weil die irrationalen Ängste mancher Konservativer dadurch befeuert werden.

    Eine wissenschaftliche Disziplin muss sich u.a. auch daran messen lassen, wie sie mit begründeter Kritik umgeht, und was das angeht, sieht es bei den Gender Studies im Allgemeinen schlecht aus.
    Mein Text ist leider doch etwas länger geworden, weil ich für Mitleser, die mit den Argumenten einer wissenschaftlich fundierten und emanzipatorischen Kritik an den Gender Studies vielleicht noch wenig vertraut sind, ein paar zentrale Positionen hierzu wenigstens erwähnen wollte.

    • Graublau schreibt:

      Das „Kritiker sind alles Rechte“-Argument bedeutet ja nichts anderes als: „Kein Mensch, der ohne ideologische Scheuklappen durchs Leben geht, findet etwas ernsthaftes daran auszusetzen.“ Und das muss doch skeptisch stimmen, denn Wissenschaft speist sich immer daraus, dass Annahmen hinterfragt, kritisiert, widerlegt, verworfen, verbessert, verfeinert werden. Ein „da kann man ja gar nichts mehr dran verbessern“ ist unwissenschaftlich und ein verlässlicher Hinweis auf ideologische Scheuklappen.

      Zur falschen Dichotonie „alles sozial konstruiert“ – „biologischer Determinismus“, Zu den unterschiedlichen Präferenzen insgesamt und den gleichzeitig bestehenden Varianzen innerhalb der Geschlechter, zu den sich daraus ergebenden unterschiedlichen Ergebnissen und warum sie eben kein Zeichen von Diskriminierung sind, zur spezifischen Benachteiligung von Jungen in der Schule, was sich nicht mit der einfachen Erzählung „männlich = privilegiert“ deckt siehe Peter Döge.

    • Graublau schreibt:

      Es ist ja ein Traum, wie hier im Blog plötzlich so viele gute Kommentare erscheinen. Ich habe aus dem hier wieder einen Gastartikel gemacht, denn er hat mehr Leser verdient.

    • cero schreibt:

      Danke, dass du dir so viel Zeit nimmst. Und danke für den Hinweis auf das Buch von Hark&Villa.

      Leider hast du dich so sehr in die Erklärung von Kritik an den GS vertieft, dass mein eigentliches Anliegen noch immer (großteils) unbeantwortet bleibt.

      Die Sache ist: Ich stimme dir vollkommen zu, bin aber immer noch auf der Suche nach Belegen, dass die GS tatsächlich unwissenschaftlich arbeiten. Ich habe die gleiche Diskussion von deiner Position aus unter http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2016/05/16/noch-einmal-gender-studies-meinungsfreiheit-durch-faktenfreiheit/ geführt.

      Ich musste dabei feststellen, dass viele der Argumente von uns (also GS-Kritikern) ebenfalls zu stark pauschalisieren und teilweise auf falschen bzw. nicht ausreichend belegten Annahmen fußen. Und damit meine ich nicht die Argumente an sich, sondern Belege dafür, dass in den GS tatsächlich entsprechende Meinungen vertreten werden (z.B. radikaler Sozialkonstruktivismus, feminstische Standpunkttheorie, „wissenschaftliche“ Begründung des Gender Mainstreamings…).

      Die Argumente, die mir dort entgegen gebracht wurden, bestehen großteils darin, dass die tatsächlichen Forschungsergebnisse unabhängig von diesen Theorien sind, also nicht erfordern, dass z.B. Geschlecht zu 100% sozial konstruiert ist. Es ist eine interessante (allerdings sehr lange) Diskussion, wenn mal jemand zu viel Zeit hat. 😉

      Daher mein Interesse an den Belegen dafür am konkreten Beispiel.

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