Kurznachrichten vom 11.02.2016

1: Na endlich! Auf diesen Vorschlag habe ich ja schon länger gewartet: Pfarrer Ulrich Wagner schlägt vor, Asylbewerbern den Besuch von Prostituierten zu spendieren, um dem sexuellen Notstand abzuhelfen. Bezahlt werden sollte das aber nicht vom Staat, sondern von einem freiwilligen Unterstützerkreis. Die Nutzer-Kommentare sind geteilt.

Ellie […] meint, dass der Pfarrer sexuelle Gewalt gegen Frauen rechtfertigt: „Sexualität im Gewand einer Vergewaltigung als nicht beherrschbarer Naturtrieb! Mir ist gerade speiübel!“

Ähnlich sieht es auch Hasn: „Was für ein Schwachsinn, sexuelle Übergriffe sind mit eiskalter Härte zu sanktionieren und nicht mit Puffgutscheinen.“ Der User Menschenverachtung: „Eine menschenverachtendere Einstellung gegenüber Prostituierten habe ich noch selten gelesen!“

Den letzten Kommentar finde ich etwas wirr. Was ist denn daran menschenverachtend, den Prostituierten neue Kunden zu vermitteln? Etwas praktischer ist die Ansicht von User hanz:

„Ich bin ganz für die Idee, es darf jedoch nicht vom Staat bezahlt werden. Die Menschen kriegen schon ‚Taschengeld‘, da können sie sich doch einmal im Monat 60 Euro dafür sparen. Einfach nur vermitteln und das war‘s.“

Ich finde den Vorschlag zwar durchaus charmant, frage mich allerdings, warum der nicht schon im Zuge der Agenda 2010 aufgekommen ist. Haben deutsche Hartz-IV-Empfänger weniger sexuelle Bedürfnisse (zu haben) als Asylbewerber? Sind Asylbewerber irgendwie notgeiler oder vergewaltigungsfreudiger als Einheimische und müssen deshalb auf diese Weise davon abgehalten werden? Und wenn nein – ein ja wäre doch sicher rassistisch -, warum muss man bei den einen für Linderung sorgen und die anderen müssen sehen, wo sie bleiben?

2: Um beim Thema zu bleiben: Der Bürgermeister der sächsischen Gemeinde Bad Schlema, Jens Müller (Freie Wähler), hat auf einer Anwohnerversammlung jungen Mädchen den Tipp gegeben, zum eigenen Schutz nicht zu „provozieren“ und die Umgebung des Asylbewerberheims zu meiden. Aufgrunddessen erntete der Bürgermeister erhebliche Empörung. Allerdings nicht, weil seine Aussage als „rassistisch“ gewertet wurde, wie das die #ausnahmslos im Elfenbeinturm vor sich hin träumenden Mädchen des Netzfeminismus wohl sehen würden. Sondern weil er damit den jungen Frauen ggf. die Mitverantwortung gibt, und weil man es zurecht nicht einsieht, in der eigenen Stadt nicht mehr herumspazieren zu können, wie und wo man will.

3: Die Grünen in Klagenfurt (Österreich) bezeichnen jetzt alle ihre Mitglieder mit weiblichen Funktionstiteln. Somit ist Reinhard Schinner nun „Stadtobfrau“.

4: Auch die Berliner Umbenennung des Studentenwerks in Studierendenwerk scheint jetzt durch. Der Wissenschaftsausschuss hat zumindest einstimmig (!) dafür gestimmt. War ja nicht anders zu erwarten. Den Esel in seinem Lauf hält weder Ochs noch Einsicht auf… Oder so…

5: Wo wir gerade dabei sind: Hier ein Video von Dr. Tomas Kubelik: „Wie Gendern unsere Sprache verhunzt.“

 

 

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34 Kommentare zu „Kurznachrichten vom 11.02.2016“

  1. Zu 2)
    Adrian hatte bei Christian mal rhetorisch gefragt, ob die Empfehlung, seine Haustür abzuschließen, auch eine Form der Diskriminierung sei. Damit hat er einen springenden Punkt getroffen. Sicherheitstipps sind keineswegs eine Form der Verantwortlichmachung der Opfer, sondern Optionen, die jemand hat, um sich vor Straftaten zu schützen. Sie sind pragmatische Empfehlungen, die auf die Möglichkeiten zielen, die ein potenzielles Opfer hat. Mehr nicht.

    Es ist dagegen eine böswillige rhetorische Finte, solche Sicherheitstipps als Form der Rape Culture bzw. als eine Art Einverständniserklärung mit den herrschenden Verhältnissen zu interpretieren. Das sind sie nicht zwingend. Die Aussage z.B. der Staat müsse Straftaten verhindern und vermeiden, anstatt Opfern solche Tipps zu geben, geht an der Wirklichkeit vorbei. Nicht immer kann der Staat diese Forderung auch erfüllen. In Köln hat die Polizei sichtlich versagt, aber der Staat ist auch bei Mobilisierung aller Sicherheitskräfte nicht in der Lage, flächendeckend Straftaten zu verhindern. Das wäre er eher, aber auch nicht vollständig, wenn er den Ausnahmezustand verhängte und zum Polizeistaat würde.

    Solange der Staat also diese Sicherheit nicht schaffen kann, ist es pragmatisch gesehen sinnvoll, sich selbst mit den verfügbaren Mitteln zu schützen.

    Um das mal deutlicher zu machen eine typische auf tumblr erhobene Klage: Es sei doch traurig, dass der Staat Frauen sage, wie sie sich vor Vergewaltigern schützen sollen, anstatt Männern beizubringen, nicht zu vergewaltigen.

    In dieser Klage wird das ganze Ausmaß an Irrealität erkennbar.
    – Wie soll der Staat alle Männer derartig „umerziehen“? Mit welchen Ressourcen und Befugnissen?
    – Angenommen, das wäre ein guter Plan: Was passiert in der Zeit, in der der Staat diese Umerziehung vornimmt? Bei Millionen von Männern dürfte das ja einige Jahre in Anspruch nehmen, so dass es in der Zwischenzeit auch weiter Vergewaltigungen geben müsste.

    Selbst wenn man die Umerziehung guthieße, bräuchten Frauen also Selbstschutz. Sich selbst zu schützen ist eine Form der Verantwortungsübernahme. Aber in derartigen Klagen scheint es darum zu gehen, die Verantwortung für die eigene Sicherheit vollständig auf andere, insbesondere den Staat zu übertragen, der dann folgerichtig auch ein allmächtiger Staat sein müsste. Denn wie sonst sollte der Staat Zugriff auf die umzuerziehenden Männer bekommen? Es ist schon interessant, dass die so herrschaftskritischen Feministinnen so blauäugig einem Leviathan huldigen.

    1. „Adrian hatte bei Christian mal rhetorisch gefragt, ob die Empfehlung, seine Haustür abzuschließen, auch eine Form der Diskriminierung sei. Damit hat er einen springenden Punkt getroffen.“

      Ja, ein Volltreffer. Ich habe das selbst nicht bemerkt.

      Ich muß mir dringend überlegen, wie man die Selbstverantwortung präzise bestimmen kann, denn Paternalismus deckt nur einen kleinen Teil des rape-culture-Problems ab.

      1. Ich glaube, Paternalismus ist ein ungenügende Definition. Man kann sich ja einen milden Paternalismus vorstellen in Gestalt eines Staates, der mit Augenmaß eingreift. Paternalistisch sind auch Führerstrukturen, deren Eigenheit es ist, dass der Führer den Geführten einen Nutzen verschafft.

        Hinter der Forderung, Männern beizubringen, nicht zu vergewaltigen, schlummert aber schon eine umfassendere Fantasie. Denn das wäre nicht einfach nur ein konservativ-strenger Staat, sondern das wäre eine Diktatur, die sehr intensiv ins Private eingreift. Und weil eine Rape Culture behauptet, nach der im Grunde alle Männer Vergewaltiger sind, müsste diese Diktatur im Dienste der Frau auch auf alle Männer zugreifen. Das ist schon ganz schön wahnwitzig und übersteigt eigentliich alles, was man gewöhnlich mit „Paternalismus“ assoziiert.

      2. @LoMi

        Ich weiß: Paternalisus reicht nicht aus.

        Die Vorstellung alles risikokrei tun zu können, ist irgendwie absurd. Schließlich nehmen wir auch am Strassenverkehr teil und sind nicht empört darüber, die StVO einhalten zu müssen, damit so wenig wie möglich passiert.

        Trotzdem kann ich irgendwie den Knackpunkt gerade nicht sehen ….. 😦

      3. Pragmatiker: Es gibt da draußen Diebe, schließe besser Deine Türe ab!

        Ich: Frechheit! Anstelle mir die Verantwortung für den Diebstahl mit solchen Tipps in die Schuhe zu schieben, sollte der Staat den Dieben beibringen, nicht mehr zu stehlen! Ich lasse die Tür offen!

        Mögliche Konsequenz: Ich werde wegen meiner offenen Tür beklaut. Das hätte ich vermeiden können. Ich war dieser Situation nicht hilflos ausgeliefert, sondern ich war handlungsfähig. Ich hatte die Option, die Tür abzuschließen. Wenn mein Wohlergehen auch von meinem eigenen Tun beeinflusst wird, dann bin ich auch dafür verantwortlich. Wenn ich aus Protest die Tür offenlasse, als Symbol meiner Anklage gegen den Staat, muss ich die Folgen selber verantworten.

        Und nun zum Feminismus
        Feministin: Frechheit! Ich meide die gefährlichen Orte nicht, denn der Staat hat die Aufgabe, Vergewaltigungen zu verhindern, nicht ich als mögliches Opfer!

        Pragmatiker: Aber Du könntest doch etwas tun, um Dich zu schützen. Das ist besser als vergewaltigt werden!

        Feministin: Nein, damit unterstützt man bloß die Rape Culture, weil man ein Symptom bekämpft und nicht die Ursache. Die tatsächliche Vergewaltigung ist das Symptom. Die Ursache ist die Haltung von Männern, dass man Frauen vergewaltigen dürfe. Wenn man nur die Tat verhindert, lenkt man von den Ursachen ab. Wir müssen das Problem an seinen Wurzeln angehen und Männern beibringen, nicht zu vergewaltigen.

        Staat: OK, wir therapieren solche Gewalttäter ja auch.

        Feministin: Hier geht es nicht um einzelne, sondern um die Männer an sich, denn Vergewaltigung ist der Einsatz von Macht zur Unterdrückung von Frauen (lies doch mal Brownmiller, ey!). Deshalb muss man allen Männern beibringen, dass man nicht vergewaltigen darf. Das hat z.B. der Grünenpolitiker Gwosdz begriffen. Wenn therapiert wird, lieber Staat, dann alle oder keiner!

        Staat: In Ordnung. Ich bin ja kein Frauenfeind. Ich richte dann mal ein nur für Jungen obligates Fach „Gender und korrekter Umgang miteinander“ ein.

      4. @LoMi

        Ja, das hab ich schon verstanden, aber wie würde man in einer „Theorie der Verantwortung“ den move der Feministin beschreiben, den pragmatischen Vorschlag, sich selbst zu schützen, als Schuldzuweisung für den eigenen Nachteil zu deuten?

      5. Ich sehe Dein Problem und habe auch noch keine Lösung.

        Hier geht es um Prävention. Handeln, um einem Schaden vorzubeugen, der von anderen verursacht werden könnte. Die individuelle Prävention setzt sich mit Möglichkeiten auseinander, sie reagiert auf spekulative Szenarien dessen, was geschehen könnte. Gleichzeitig kann die individuelle Prävention die Gefahr nicht wirklich beseitigen. Man schützt sich vor Vergewaltigern, aber man beseitigt nicht den Vergewaltiger selbst. Gewünscht wird offenbar eine Beseitigung der Gefahr, eine absolute Sicherheit. Diese ist durch individuelle Prävention nicht geleistet werden. Dafür wird eine andere Instanz benötigt.

        Die je individuelle Verantwortung erstreckt sich auf die Prävention, eine Gefahr zu vermeiden. Mehr geht meistens nicht. Die Beseitigung der Gefahr liegt aber in der Verantwortung des Staates. Die staatliche Verantwortung anzumahnen, muss aber nicht zwingend zur Ablehnung individueller Präventionsverantwortung führen.

        Was geschieht hier also? Präventionstipps werden als Verantwortungsverletzung des Staates interpretiert. Der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung, die Gefahr zu beseitigen.

        Warum eigentlich? Solange der Staat nicht alles tut, was er tun könnte, um die Gefahr zu beseitigen, ist er seiner Verantwortung nicht nachgekommen. Diese Forderung ist äquivalent zur Forderung nach individueller Verantwortung, die sagt: Tue alles, was in Deinen Kräften steht, um Dich vor Gefahren zu schützen! Jetzt sagt die Feministin: Staat, tue alles, was in Deinen Kräften steht, um die Gefahr zu beseitigen! Der Staat wird behandelt wie ein Bürger. Übersehen wird die Frage des Rechts, der Grenzen staatlicher Macht und der mögliche Machtmissbrauch. Diese Fragen können nicht mit einer individualisierten Moral behandelt werden. Mir scheint aber, dass Feministinnen genau das tun, sie bearbeiten Fragen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit nach individuellen Moralvorstellungen.

      6. @Lomi

        „Ich sehe Dein Problem und habe auch noch keine Lösung.“

        Vorschlag – vielleicht etwas anders als erwartet:

        Während wir beide Rechte als etwas Konstantes ansehen, daß nur mit dem Personenstatus steht und fällt (Kinder, Entmündigung), sieht ein Feminist ein Recht als etwas an, was jederzeit verlorengehen kann – was natürlich eigentlich bedeutet, daß es sich nicht um ein Recht, sondern um einen praktischen Vorteil handelt.

        Die Folge ist, daßein Feminist um „seine Rechte“=seine Vorteile jederzeit kämpfen muß – und von dem Standpunkt ist die rape culture-Hysterie verständlich: Denn sowie ein Feminist zugeben würde, daß es Sinn macht, sich selbst zu schützen, hört er auf, den Staat oder die Gesellschaft unter Druck zu setzen und – nach feministischer Meinung – das reicht aus um „das Recht“=den Vorteil SOFORT wieder zu verlieren.

        Wenn das stimmt, dann beruht der rape culture-Vorwurf auf einer Art Selbstaufopferungsmythos: „Ich – die einzelne Frau – weiche keinen Zentimeter und tue nichts, um mich selbst zu schützen. Indem ich dies tue, werfe ich meinen Leib den Barbaren zur Schändung hin, aber schütze meine Mitfrauen, ihren Vorteil, ihre Stellung, ihre Unversehrheit. Nehmt diesen Körper und entweiht ihn, aber niemals könnt ihr unsere Freiheit nehmen.“.

        Dafür spricht noch etwas anderes: Dieser move entspricht der traditionellen Geschlechterrolle so sehr, daß uns Männern dieser Hintergrund entgeht.

        Test: Antworte beim nächsten rape culture-move mal …. scheisse, mir fällt grade nichts ein … Momentchen ….

      7. Test: Antworte beim nächsten rape culture-move mal „Schöner Vorschlag: Vielleicht fnden wiir jemanden, der attraktiv genug ist, um gefährdet zu sein?“

        Hmmm …. doof ….. bin einfach nicht so der Witzereißer….

        Wie macht man eingebidleten Heroismus lächerlich?

      8. „Die Folge ist, daßein Feminist um “seine Rechte”=seine Vorteile jederzeit kämpfen muß – und von dem Standpunkt ist die rape culture-Hysterie verständlich: Denn sowie ein Feminist zugeben würde, daß es Sinn macht, sich selbst zu schützen, hört er auf, den Staat oder die Gesellschaft unter Druck zu setzen und – nach feministischer Meinung – das reicht aus um “das Recht”=den Vorteil SOFORT wieder zu verlieren.“

        Spannender Zugang! Das müssen wir mal weiterverfolgen.

        Der Vorteil ist absolut: absolute Sicherheit. Nie einer Gefahr ausgesetzt sein. Nichts geringeres wird da eingefordert. Keine Ahnung, ob das eine Rolle spielt. Aber begrifflich ist das schon interessant, dass hier Recht missverstanden wird als die Garantie eines Zustandes. Recht heißt ja: Ich kann das Recht einklagen. Das impliziert die Möglichkeit der Rechtsverletzung. Aber feministisch heißt Recht offenbar: ich habe nicht nur das Recht auf Unversehrtheit, sondern dieses Recht wird auch umfassend gegen Verletzung geschützt. Nur dann wird es als „Recht“ wahrgenommen.

      9. @LoMi

        Für Juristen beruhen Rechte auf einer staatlichen Garantie der Verfolgung von Rechtsverletzungen – und nie auf einer Garantie des Ausbleibens von Rechtsverletzungen.

        rape culture wäre daher eine Art rhethorischer Kniff: Definiere „Recht“ so (als Vorteil), daß du keines zu haben scheinst und werfe das dem Rest der Welt vor.

        Die Sache auch so zu vertreten, wird atttraktiv durch Koinzidenz mit tradi. Geschlechterrolle – es braucht keine zusätzliche ideologische Schulung für Frauen, um die Pointe daran zu verstehen – das machen die mit dem verlängerten Rückenmark.

        Folge: Frauen, die an der feministischen Praxis teilnehmen, fordern in Wahrheit eine faktische Privilegierung. Und es ist ihnen egal, wie das realisiert wird – ist ja immerhin ihr „Menschenrecht“.

        Doch vermutlich ist das nicht die vollständige story.

      10. Interessante Diskussion. Ich fürchte nur, dass ihr euch im Kreis dreht. Dass solche feministischen Forderungen bestenfalls realitätsfremd und schlimmstenfalls bösartig sind steht außer Zweifel. Die einzig interessante Frage bleibt aber:

        Wie entkräftet man solche Behauptungen auf möglichst einfache und überzeugende Weise?

        Gäbe es tatsächlich eine „rape-culture“ würden solche Behauptungen leer laufen, weil sich niemand dafür interessieren würde. Den geforderten „Rundum-Schutz“ könnte es nur dann geben, wenn gleichzeitig jegliche Freiheit eliminiert werden würde. Aber selbst dann könnte niemand eine 100% Garantie versprechen.

      11. @LoMi, HansG

        Also:

        „Aber selbst dann könnte niemand eine 100% Garantie versprechen.“

        würde nur als Bestätigung der allgemeinen Vergewaltigungsgefahr ausgelegt werden.

        Insofern hinkt mein Vergleich mit dem Straßenverkehr, denn daß jeder von A nach B wollen dürfen muß, würde niemand abstreiten.

      12. Gut, dann warte ich das mal gespannt ab!

        Mir fiel bei unseren Versuchen des copings dieser Verantwortungsgeschichte etwas auf: Ideologien haben mindestens zwei Seiten. Die eine Seite ist die, die die politische Positionierung deutlich erkennen lässt als „rechts“, „links“, „feministisch“ usw. Die zweite Seite sind alle die Inhalte, die man als Gegner der Ideologie nicht ohne größeren Aufwand widerlegen kann. Das sind gewissermaßen gesellschaftliche Konsense oder Aussagen, die sich als Konsense tarnen. Es sind Aussagen, die man nicht kritisieren kann, ohne in Selbstwiderspruch zu geraten.

        Wir haben ein Problem mit dem feministischen move zum Thema „Selbstschutz“, weil wir bestimmte Annahmen teilen. Wir sind selber fest vom Recht auf körperliche Unversehrtheit überzeugt. Wir hätten auch gerne, dass der Schutz vor Gewalt 100%ig wäre. In einer idealen Welt gäbe es Gewalt gar nicht, das sehen wir auch so. Und auch wir fragen uns dann, wie man die Gewaltvorkommnisse in unserer Welt hätte verhindern können.

        Hier geraten wir ins Schwitzen und DAS ist das Problem von Ideologie. Ideologie verheiratet schwer bestreitbare Konsense mit politischen Weltbildern.

        Feminismus macht uns oft sprachlos, weil wir in der Masse es natürlich vollkommen verkehrt finden, jemanden zu benachteiligen, nur weil die Person eine Frau ist. Selbst wenn wir Machos sind, finden wir das nicht richtig. Deshalb sind wir auch zunächst betroffen und defensiv, wenn man uns vorwirft, dass Frauen ungerecht behandelt und diskriminiert werden. Man zeiht uns eines Fehlers, den wir auch sofort als Fehler anerkennen (nur nicht unbedingt als unseren).

        Wir haben auf das Problem von Selbstschutz, Recht und Verantwortung keine einfachen Antworten. Wir antworten mit abstrakten Konstrukten wie „Rechtsstaat“ und mit Abwägungen, was der Staat darf und was nicht. Diese Antworten sind nicht intuitiv einleuchtend, Einsichten dieser Art müssen erarbeitet werden. Ideologie hingegen erzeugt das Gefühl von unmittelbarer Einsichtigkeit ihrer Aussagen, zumindest sind das die Kerne von Ideologie.

      13. @LoMi

        Tjaaaaaaa … ich weiß nicht so genau…. aber ich schreib noch mal meine Gedanken dazu auf:

        1) Ich werde den Verdacht nicht los, daß wir hier die feministische Praxis als Menge rhethorischer Schemata selbst bei den Eiern haben und würde daher – als Antwort auf HansG – einen pragmatischen Widerspruch suchen: Denn wenn sich Feministen in diesem Fall über den Selbstschutzrat beschweren, dann heißt das ja, daß sie ansonsten keine Probleme haben – etwa wie ein Kapitän, der im Logbuch einträgt „Leichtmatrose ist heute nüchtern.“, und dadurch dokumentiert, daß der Matrose routinemäßig voll ist.

        2) Andererseits es es nicht irgendeine Rhethorik, die die Feministen wählen, eine andere würde es nicht tun. Denn die Sache erinnert mich an den Freiheitsbegriff, den die Feministen vom Existentialismus geerbt haben: Danach ist

        i) Freiheit keine Menge von selbsterkämpften Handlungsoptionen, sondern einfach nur das, was die Götter bei ihrem Ableben den Menschen dagelassen haben.

        ii) Bedingte Freiheit ist keine Freiheit: Nur realisierte Freiheit im praktischen Leben ist Freiheit, so daß es aus begrifflichen Gründen keine brachliegende Freiheit gibt. Denn diese ist immer schon Unfreiheit.

        So in etwa ist das hier auch: Rechte gibt es nur als jederzeit realisierte Rechte und Recht = Freiheit von etwas = negative Freiheit. Rechte, für die man erst eintreten muß, scheinen auch keine zu sein (Hätte man sie, dann müßte man nicht dafür kämpfen – logisch oder? 😉 ) Feministen können sich daher quasi selbst entrechten – einfach, indem sie für sich selbst eintreten.

        Und genau das Argumentationsschema gibt es permanent a la „Die kommentare hier zeigen nur, wie nötig Feminismus ist.“ und „Wenn ich über Frauenrechte reden muß, dann kann es sie ja noch nicht geben“ oder „Wenn du nicht meiner Meinung bist, dann unterdrückst du mich.“

        Irgendwas geht da logisch schief – aber ich kapier einfach nicht, was es ist. 😦

      14. Wir haben ein Problem mit dem feministischen move zum Thema “Selbstschutz”, weil wir bestimmte Annahmen teilen.

        Richtig. Allerdings unterscheiden sich fundamentale Schlussfolgerungen und damit auch jeder Konfliktlösungsansatz.

        Wir haben auf das Problem von Selbstschutz, Recht und Verantwortung keine einfachen Antworten.

        Weil es keine tauglichen einfachen Antworten gibt. Ein Staat kann keinen absoluten Schutz leisten. Ebenso wenig würden routinemäßige Erziehungscamps garantieren, dass es zu keiner Vergewaltigung mehr kommen wird. Die Forderung ist objektiv betrachtet nur dann zu erfüllen wenn alle Menschen permanent überwacht werden würden. Da sich die Forderung nur auf Männer bezieht ist das zugrundeliegende Denkmuster klar faschistisch.

        Diese Antworten sind nicht intuitiv einleuchtend, Einsichten dieser Art müssen erarbeitet werden.
        Richtig. Wobei die Antwort nicht wasserdicht sein muss. Es reicht völlig die Behauptung oberflächlich zu zerstören um die Gegenseite in die Defensive zu drängen.

        Irgendwas geht da logisch schief – aber ich kapier einfach nicht, was es ist. 😦

        Du suchst Logik, wo keine existiert. Feminismus baut überwiegend auf Emotionen auf.

        Ich hab die ganze Diskussion jetzt erst mal kopiert und mache einen post daraus.

        Versuch bitte ihn nicht akademisch zu gestalten. Es geht im Grunde um Rhetorik für kognitiv Arme.

      15. @HansG

        „Versuch bitte ihn nicht akademisch zu gestalten. Es geht im Grunde um Rhetorik für kognitiv Arme.“

        Ich gebe mir Mühe.

        Allerdings möchte ich anmerken, daß die gegenwärtige Lähmung, die in der blogossphäre herrscht, eine Folge der Tatsache ist, daß wir eben nicht gut genug sind, die Probleme nicht erkennen, keine echten Alternativen entwickeln und so weiter.

        Aus diesem Grund muß es eine beschränkte Menge akademischer posts geben.

      16. @Hans

        „Weil es keine tauglichen einfachen Antworten gibt. Ein Staat kann keinen absoluten Schutz leisten. Ebenso wenig würden routinemäßige Erziehungscamps garantieren, dass es zu keiner Vergewaltigung mehr kommen wird. Die Forderung ist objektiv betrachtet nur dann zu erfüllen wenn alle Menschen permanent überwacht werden würden.“

        Nun, da steckst Du mitten im Problem. Es gibt keine einfachen Antworten, richtig. Aber das ist nur für den so, der sich mit der Komplexität des Problems befasst. Alle anderen glauben schon daran, dass es einfache Antworten gibt. Ihnen wird man mit Mühen erklären müssen, warum es schwierig ist und warum mehr gordischer Knoten und weniger Schwert zuhanden sind.

        So etwas ist rhetorisch immer den Ideologen unterlegen. Einfache Antworten schlagen den Akademiker. Das Gegengift kann nur ein Rhetorisches sein. Aber um das mal zu verdeutlichen: Der Gedanke der Überwachung ist für viele Menschen hochgradig plausibel. Er ist so plausibel, dass wir einen Großteil an Überwachung auch hinnehmen (Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung). Im Grunde denken viele: Überwachung tut nicht weh, aber bringt mir Sicherheit. Dagegen zu argumentieren ist nicht einfach. Ich meine, dass solche schwer zu widerlegenden „Wahrheiten“ eben das Problem einer Ideologie ausmachen. Weshalb Ideologien ja auch immer ihre Legitimität in ihrem vermeintlichen Dienst an universellen Werten suchen: Sie arbeiten nicht als Lobbyisten eines Grüppchens, sondern für die Menschheit, den Weltfrieden, die Familie usw. Und das ist alles meist Dinge, die unstrittig und unwiderleglich wirken und zwar intuitiv.

      17. Einfache Antworten schlagen den Akademiker. Das Gegengift kann nur ein Rhetorisches sein.

        Deswegen meinte ich ja, dass wir eine Rhetorik für kognitiv Arme brauchen. Die darf ruhig widerlegbar sein. Ein paar passende Antworten zu finden kann im Grunde nicht so schwer sein. Schon alleine deshalb, weil sich feministische Themen im Kern sowieso nie ändern.

        Außerdem ist es doch viel lustiger die Gegenseite schön arbeiten zu lassen um sie letztendlich doch mit einer umfassenden Antwort zu widerlegen. Derzeit sind gut durchdachte Antworten bestenfalls Perlen vor die Säue.

      18. Aus diesem Grund muß es eine beschränkte Menge akademischer posts geben.

        Vielleicht wäre es sinnvoll deine Text zweiteilig zu gestalten. Eine zusammenfassende Version in einfachen verständlichen Worten und eine Analysierende. Dabei spielt es keine Rolle ob du zwei Blogposts benutzt oder beide Versionen zusammenfasst.

        Mir ist natürlich klar, dass das mehr Arbeit bedeutet. Nur was hast du davon wenn nur wenige deine Texte überhaupt lesen, weil deine Schlussfolgerungen ohne Einarbeitung zu komplex sind?

      19. „Nur was hast du davon wenn nur wenige deine Texte überhaupt lesen, weil deine Schlussfolgerungen ohne Einarbeitung zu komplex sind?“

        Ja, es sind zwei getrennte Aufgaben: Entwicklung und Verbreitung.

        An der Verbreitung muß ich noch arbeiten.

    1. Ja mei, was soll ich machen. Ich interessiere mich da mehr fürs inhaltliche. Liegt aber vielleicht auch an meiner Timeline auf Facebook. Da ist grad jemand ziemlich aktiv.

      Außerdem hilft man denen nur, wenn man sie ständig als Schmuddelkinder in die Ecke stellt. Ich mach da nicht mit. Wenn jemand was m.E. vernünftiges sagt, ist es mir egal, ob er in der Abwatsch-Ecke steht und ansonsten bei anderen Themen dummes Zeug geredet hat.

      1. OK, ich werde es mir mal anschauen. Ich bin aber sehr skeptisch, wenn ein Wissenschaftler sich solche Umfelder aussucht. Ich habe mir gerade die „Demo für Alle“-Seite angeschaut. Das ist schon haaresträubend. Ich mag mich in meiner bildungsbürgerlichen Naivität nicht gerne und nicht schon wieder vor einen Karren von Ideologen spannen lassen. Daher rührt auch meine Skepsis. Dass Ideologen Kreide fressen und sich vermeintlich dem Gemeinwohl zu widmen behaupten, gehört ja auch zum Spiel.

      2. Davon habe ich mich inzwischen frei gemacht. Die deutsche Gesellschaft ist randvoll mit Ideologien. Egal, was man sagt, vor irgendeine Ideologie spannt man sich immer. Oder es gibt zumindest irgendwen, der das behaupten wird. Letztlich läuft es auf das „guilt by association“-Argument (Schuldig durch Komplizenschaft) hinaus. Was letztendlich auf betoniertes Lagerdenken hinausläuft, und das wiederum steht wirklichem gesellschaftlichen Fortschritt im Wege.

  2. @elmar & Lomi
    Hier ein schönes Beispiel.
    ben_
    schreibt:

    Es geht darum, dass wir der Mehrheit der Menschen in diesem Land immer und immer und immer wieder erzählen, ihre Leben bestünden nur daraus hübsch auszusehen und sich für das andere Geschlecht zu interessieren. Es geht darum, dass die Geschichten, mit denen wir uns unterhalten und die Welt erklären, die Mehrheit einfach ausblenden.
    […]
    So ist das in einer freiheitlich, demokratischen Gesellschaft. Jeder hat die Freiheit, sich mit den Misständen auseinanderzusetzen, von denen er/sie denkt, dass sie wichtig sind. Und ich persönlich finde die Diskriminierung der Mehrheit [Frauen] der Gesellschaft wichtig und die Autoren dieses Artikels scheinbar auch. Es steht Ihnen natürlich frei, sich anderer Probleme zu widmen. Ich sehe allerdings nicht, wieso sie es für nötig halten, diejenigen, die sich hier engangieren zu behindern.

    Der erste Teil lässt sich eigentlich recht einfach beantworten. Eine glaubwürdige und interessante Szene benötigt in der Regel drei Dinge. Ein Ziel, einen Konflikt und ein Desaster. Geht man jetzt z.B. davon aus, dass Frauen im Allgemeinen einen höheren Schutz als Männer genießen wird es schwierig sie in ein Desaster zu stürzen. Das Desaster ist deshalb notwendig, weil es langweilig ist, wenn der Protagonist bekommt was er will.

    Einen schönen englischen Text dazu findet man bei AVFM: http://www.avoiceformen.com/miscellaneous/the-bechdel-test-or-how-i-learned-to-stop-worrying-about-it-and-love-character-development/

    Den Bechdel-Test einfach nur zu bestehen ist natürlich kein Problem. Im Grunde reichen z.B. zwei Frauen, die eine Warteschlange aufhalten weil sie sich über ihre Töchter, ihre Haushalt oder ihr Gewicht unterhalten und der Protagonist deshalb seinen Zug verpasst. Nutzen für die Story praktisch null. Traditionelle Rollenbilder annähernd perfekt reproduziert.

    Teil Zwei wird schon kniffliger. Wie um alles in der Welt soll man mit einer einfachen Antwort begründen warum es hin und wieder geboten ist irgendwelchen Aktivisten in die Parade zu fahren?

  3. Eine Bitte: Kannst Du die Schlagwörter selbst setzen und darauf achten, dass die Kurznachrichten nur in der Kategorie Kurznachrichten sind? Das kostet weniger als eine Minute.

    1. Kann ich. Kann man ja auch noch nachträglich ändern.
      Ist einfach nur so, dass ich das manchmal vergesse (Kategorie), und das mit den Schlagwörtern muss ich mir noch angewöhnen.

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