Warum mich romantische Filme durchaus ansprechen

Im Westen nichts Neues: Feministinnen geben vor, Männer zu fragen, aber, wie Lucas Schoppe feststellt:

Es sind Aussagen und Zuschreibungen in Frageform. (…) Interessanter war es nun für mich, die Fragen einfach in die Zuschreibungen zurückzuverwandeln, die sie eigentlich sind. Dabei kommt ein durchaus beeindruckendes Bild von Männern heraus. (…) Hier also ein Eindruck davon, wie sich junge feministische Frauen von heute Männer vorstellen: (…) „Männer mögen keine romantischen Komödien, oder denken, sie dürften sie nicht mögen.“

Gut, wer das als allgemeingültiges Männerbild hat, dem kann ich auch nicht helfen. Allen anderen sei gesagt: Es gibt Männer, die etwas für Romantik in Filmen übrig haben.

Die interessantere Frage lautet also: Unter welchen Bedingungen? Das kann ich natürlich nur für mich beantworten – wenn es anderen ebenso geht, freut es mich, das zu hören (aber auch die Unterschiede würden mich interessieren).

Zunächst könnte es um die Definition gehen: Was ist eine romantische Komödie? Da wird es schon schwierig, denn während ich Romantik noch ganz gut zu erkennen glaube, fällt es mir mit dem komödiantischen Anteil meistens sehr schwer. Das geht mir aber allgemein so. Für Leute wie mich enthalten deutsche Filmtitel „total lustig“ – mir würde sonst nicht auffallen, dass die Filme lustig sind.

Gleichzeitig erinnere ich mich an die Kritik von Frauen, dass bei der „Ladies‘ Night“ im Kino so viele romantische Komödien kommen und „nichts ordentliches“. Befassen wir uns also lieber mit romantischen Filmen allgemein – egal, ob sie nun heiter/fröhlich/unbeschwert oder als Drama/Tragödie daherkommen.

die Abgründe

Zugegeben, die typische Romantic Comedy fürs Fernsehen ist gruselig. Schema F, echte Probleme gibt es nicht bzw. sie lösen sich plötzlich einfach auf und Partnerschaft und Traumberuf bekommt man spielend unter einen Hut. Die Botschaft: Jeder beruflich frustrierte Single kann seine Sehnsüchte eigentlich in eineinhalb bis zwei Stunden locker lösen! Na, wenn das nicht deprimiert…

Es gibt leider viele Kinofilme, die mit größerem Budget, aber ohne mehr Tiefgang gedreht wurden, wie ich mich in zahlreiche „Sneak Preview“-Besuchen versichern konnte. Für mich sehe ich noch mehrere Gründe, warum ich mich nicht gut in die Figuren in solchen Filmen hineinversetzen kann. Manches würde mit vertauschten Geschlechtern nicht funktionieren; andererseits geben die Männer oft wenig Anknüpfungspunkte:

  • die Phantasie des sozialen Aufstiegs durch Heirat (für Männer nicht drin)
  • der „reiche Mann“ (spricht evtl. Frauen an, eignet sich aber nicht als Identifikationsfigur)
  • zwischen mehreren werbenden Partnern hin- und hergerissen sein (Gibt es das bei Männern?)
  • langes Schmachten (verläuft für Männer meist unglücklich und macht sie unattraktiv)
  • Traumprinz interessiert sich für die „nette Frau von nebenan“ (moralischer Unterton: Männer sollen sich gefälligst für – auf den ersten Blick – weniger attraktive Frauen interessieren)
  • hässliches Entlein wird zum Schwan (nur Aussehen verändern hilft wenig bei einem Mann)
  • „nur“ Gefühle ohne eigenes Handeln (für Männer meistens nicht drin)
  • Rettung „aus dem Nichts“, unerwartete Entwicklung (steht eigener Aktivität entgegen)

Aber Vorsicht, gerade der Schwachsinn mit dem „extrem attraktive Person steht auf die Außenseiter-Hauptfigur“ wurde umgekehrt ja ebenfalls schon bis zum Gehtnichtmehr serviert. Vergleiche hierzu einen Kommentar von shark999 bei Alles Evolution:

“Böse, männergerechte” Filme? Wie wär’s mit jedem X-beliebigen 80-er Teeniestreifen, in dem die schöne Cheerleaderqueen den Quarterback abschießt, um mit dem kleinen, schmächtigen Supernerd (in die abgelegten Klamotten seines großen Bruders oder, noch schlimmer, Vaters gekleidet) zusammen zu sein?

Romantik in allerlei Form

Aber kommen wir doch lieber zu den guten Filmen, denn davon fallen mir genügend ein – und ganz verschieden sind sie: Die Shakespeare-Verfilmung „Romeo and Juliet“ von 1968, ein klassisches Drama, mit jungen Schauspielern gedreht; Cruel Intentions, eine moderne Adaption von „Gefährliche Liebschaften“, mit tollem 1990er-Jahre-Soundtrack; The Princess Bride, eher zum Schmunzeln und doch sehr schön; Playing by Heart, ein Ensemblefilm mit vielen ernsten Hintergrundgeschichten; Amy’s Orgasm, bei dem der Sex schon im Titel vorkommt; und schließlich High Fidelity, bei dem der Film recht gut ans Buch herankommt, jede Menge Musik im Spiel ist und von vielen Geschichten beide Seiten beleuchtet werden.

Völlig abseits davon erinnere ich mich an einen Film, den ich leider nie wiedergefunden habe: Späte 1980er / Anfang 1990er, männlicher Protagonist, aus der Provinz (Ohio) in eine große Stadt an der Küste gezogen (muss Westküste sein, wegen Lockerheit, Strand usw.), versucht über eine Agentur / Singlebörse (ja, damals noch mit richtigem Büro) eine Frau kennenzulernen. Nebenbei spricht er auch Frauen einfach so an und es geht wunderbar schief (eine kommt etwa ebenfalls aus seiner Heimat, will aber mit Typen aus der Ecke nichts zu tun haben; oder er sieht eine Frau ein Buch lesen, das ihm ebenfalls gefallen hat, und verrät beim Schwärmen darüber mal eben das Ende). Diese „guter Kerl, aber etwas tolpatschig“-Chose läßt sich allem Anschein nach besser mit einem Mann durchziehen, denn männliche Charaktere haben eine größere Bandbreite zur Verfügung, wenn es darum geht, was ihnen alles passieren darf.

Jane Austen: zeitlos

Ich hatte schon beim Blogstöckchen „Was wäre anders…?“ erwähnt, dass ich in meiner Jugend viel Freude mit Jane-Austen-Verfilmungen hatte. Das waren Pride and Prejudice (1995, u.a. mit Colin Firth) und Sense and Sensibility (1995, u.a. mit Alan Rickman).

Erst vor kurzem habe ich zum ersten Mal die neuere Verfilmung von Pride and Prejudice (2005, mit Keira Knightley) gesehen. Allen Befürchtungen zum Trotz, das könne ja gar nicht so gut wie die alten Erinnerungen sein, hat mir der Film großartig gefallen.

Kurz zusammengefasst: Die Protagonistin ist eine von fünf Schwestern, dabei selbst etwas eigensinnig („undamenhaft“), aber hell im Kopf, liebenswert und durchaus hübsch. Ihre Familie gehört zum verarmtern Landadel (vieles müssen sie selbst machen – nicht etwa Bedienstete!), dem zudem noch droht, aus dem Haus geworfen zu werden. Zur Rettung sowohl der Familie als ganzes als der Schwestern müssen gut begüterte Ehemänner her, zum einen, um den sozialen Absturz zu verhindern, zum anderen, um den Damen eine akzeptable Zukunftsaussicht zu geben. Doch so oft lassen die sich auf dem Land nicht blicken, und so ist die Ankunft von reichen Erben als auch schneidigen Offizieren eine höchst erfreuliche Neuigkeit. Leider stehen dem noch enge Konventionen und aussichtsreiche Rivalinnen im Wege, und zunächst muss auf Bällen der Gang auf dem gesellschaftlichen Parkett gemeistert werden.

Die Geschichte spielt sich vor einem historischen Hintergrund ab, der so wenig mit der heutigen Zeit gemeinsam hat, dass viele Szenen und Charaktere völlig skurril anmuten. Kein Wunder, dass es für Fans inzwischen das Kartenspiel zum Buch namens „Marrying Mr. Darcy“ gibt (sogar mit Untoten-Erweiterung): Es macht einfach Spaß, sich auf so etwas einzulassen und in eine Welt einzutauchen, in denen strenge gesellschaftliche Regeln bestimmen, welches Verhalten sittsam ist und wer wen heiraten kann – wohlwissend, dass es in der westlichen Welt eben heute nicht mehr so ist.

Wer den Film bierernst nimmt, hat schon verloren: Frauen, die in erster Linie heiraten wollen und müssen, jedem halbwegs passablen Mann entgegenjauchzen, bevor sie ihn gesehen haben (die wichtigste Eigenschaft ist Geld), dabei das Militär verehren – man könnte Bullshit-Bingo spielen. Die gezeigten Verhältnisse werden zwar bedauert, aber nicht in Frage gestellt.

Interessant ist dabei, was angesichts des engen sozialen Spielraums für unterschiedliche Frauen und Männer dabei gezeigt werden. Die Person vom höchsten Stand, die man im Film zu sehen bekommt, ist eine Lady. Auf der anderen Seite heiratet eine Freundin der Protagonistin den durchaus gutmeinenden, aber etwas verkrampften Kerl, durch den sie allerdings abgesichert ist und der sie allem Anschein nach gut behandelt. Der Vater der fünf Schwestern ist gutmütig und hört auf seine Tochter. Und selbst der „gute Fang“ bekommt einige sehr gute Szenen, in denen er zeigt, dass er sich selbst mit seinem Gefühlsleben schwer tut. Für die damalige Zeit doch beachtlich.

universal erzählbar

Eine Sache ist mir bei dem Film aber noch aufgefallen, und das ist letzten Endes das Geheimnis, warum mich die Geschichte der Elizabeth Bennett so in ihren Bann zieht, obwohl mich von einer jungen Landadeligen im England zu Beginn des 18. Jahrhunderts doch Welten trennen müssten: Es ist eine universelle Erzählung, wie jemand, der als hinreichend klug und liebenswert präsentiert wird, innerhalb der engen Begrenzungen seiner Welt nach seinem persönlichen Glück strebt. Das ist so tief in mir als Mensch verankert, dass es mich immer anspricht.

Es könnte genauso gut ein junger Mann aus Asien sein, der mühsam seine ersten beruflichen Schritte geht und dabei immer aufpassen muss, seine Eltern stolz zu machen. Es könnte die Geschichte eines schwulen Paares sein, das in der Anonymität der Großstadt versucht, aus den spießigen Verhältnissen zu entkommen. Ja, es müssen noch nicht einmal Menschen dabei vorkommen: Es ließe sich auch die Geschichte eines Tieres erzählen (zugegeben, entweder vermenschlicht als Zeichentrickfilm oder mit geschickt zusammengeschnittenen Aufnahmen aus einem Dokumentarfilm), das irgendwo im Urwald aufwächst und dabei all die Fährnisse überstehen muss, die die Natur so mit sich bringt. Oder Außerirdische oder Fabelwesen, bei denen zumindest menschliche Werte in irgendeiner Form vorkommen, die aber ansonsten in einer fernen Welt leben und dort allerlei Hindernisse überwinden müssen. Ja, es ginge sogar mit abstrakten Formen, bei denen man etwa mit einem Dreieck mitfiebert, das sich durch eine künstliche Landschaft durchschlägt.

(Ich erinnere mich vage an eine Studie, in denen sehr kleine Kinder solche Konzepte wie „soziales Verhalten“ erkannten, wenn sie verschiedene Formen sahen, die sich gegenseitig halfen oder behinderten. Finde leider keine Quelle mehr, sehr schade!)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal komme ich um den „High Fidelity“-Soundtrack kaum herum.

Stevie Wonder: I Believe (When I Fall In Love)

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8 Kommentare zu „Warum mich romantische Filme durchaus ansprechen“

  1. Andere Vorschläge:

    Das Apartment
    Das Happy End klingt nach nicht viel (Junge Frau wird von Bad Boy so oft enttäuscht, dass sie sich für eine unerotische Beziehung mit dem Good Guy, der sich schon den ganzen Film um sie bemüht, entscheidet, nachdem dieser ein Minimum an Rückgrat zeigt), ist aber ein schöner und lustiger Film.

    Die Brücken am Fluss
    Ein Film, der wie „Romeo und Julia“, „Ein Herz und eine Krone“ und noch ein paar die Erkenntnis von Tucholskys „Danach“ erfolgreich umsetzt:

    Es wird nach einem happy end
    im Film jewöhnlich abjeblendt.
    Man sieht bloß noch in ihre Lippen
    den Helden seinen Schnurrbart stippen –
    da hat sie nun den Schentelmen.
    Na, und denn – ?

    Denn jehn die beeden brav ins Bett
    Naja … diß is ja auch janz nett.
    A manchmal möchte man doch jern wissen:
    Wat tun se, wenn se sich nich kissen?
    Die könn ja doch nich immer penn … !
    Na, und denn – ?

    Denn säuselt im Kamin der Wind.
    Denn kricht det junge Paar ’n Kind.
    Denn kocht se Milch. Die Milch looft üba.
    Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.
    Denn wolln sich beede jänzlich trenn …
    Na, und denn – ?

    Denn is det Kind nich uffn Damm.
    Denn bleihm die beeden doch zesamm.
    Denn quäln se sich noch manche Jahre.
    Er will noch wat mit blonde Haare:
    vorn doof und hinten minorenn …
    Na, und denn – ?

    Denn sind se alt.
    Der Sohn haut ab.
    Der Olle macht nu ooch bald schlapp.
    Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit –
    Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!
    Wie der noch scharf uff Muttern war,
    det is schon beinah nich mehr wahr!
    Der olle Mann denkt so zurück:
    wat hat er nu von seinen Jlück?
    Die Ehe war zum jrößten Teile
    vabrühte Milch und Langeweile.
    Und darum wird beim happy end
    im Film jewöhnlich abjeblendt.

    Casablanca
    Es gibt echte Liebe, aber es gibt anderes, was noch wichtiger sein kann.

    Dick Tracy
    Ein im Beruf großer Mann braucht eine charakterlich große Frau.
    Stimmt auch anders rum, siehe die Virginia Woolf Episode in The Hours.

    Die wunderbare Welt der Amelie
    Verschroben passt zu verschroben. „Prinz“ ist subjektiv.

    Ein Herz und eine Krone.
    Oben schon mal erwähnt, aber ein Film, in dem die Frau das Happy End ablehnt, weil sie sich ihrer Pflicht bewusst ist, verdient eine extra Nennung. Außerdem zeigt er, dass die meisten Feministinnen keinen Schimmer von weiblicher Stärke haben.

    Harry und Sally
    Sahne nur, wenn die Erdbeeren frisch sind. Sonst die Sahne auf einem extra Teller.

    Secretary
    Verschroben passt zu verschroben. Das wird nicht einfach, aber anders gehts wahrscheinlich gar nicht.

    Sideways

    “Tigger is alright, really,” said Piglet lazily.
    “Of course he is,” said Christopher Robin.
    “Everybody is, really,” said Pooh. “That’s what I think.”
    “But I don’t suppose I’m right,” he said.
    “Of course you are,” said Christopher Robin.

    Susi und Strolch
    Die Magie der Fleischklößchen 🙂

    Zauber der Venus
    Im Zweifelsfall ist die Liebe zur Musik eh wichtiger als alles andere.

    The Kid
    Wieso eigentlich nur Liebe zwischen Mann und Frau? Warum nicht zwischen Vater und Sohn? Ach ja, weils nicht „romantisch“ ist.

  2. Der einzige romantische Film, bei dem mir im Kino-Sessel die Tränen gekommen sind, ist „Lichter der Großstadt“ mit Charlie Chaplin. Bei der Stelle, als das Blumenmädchen Charlie anhand des Händedrucks wieder erkennt.

    Die anderen romantischromantischen Filme können mir gestohlen bleiben.

    1. Wie konnte ich nur „Im Juli“ in der Aufzählung vergessen? Scheint allgemein gar nicht so bekannt zu sein, aber ist ein schöner Reisefilm durch Europa mit viel Musik. Habe ich damals nur durch Zufall gesehen und war vollkommen begeistert.

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