Fundstück: Leszek zu der Frage, warum Soziologen so selten Gender Studies kritisieren

In der Diskussion des gestrigen Artikels kamen von LoMi zwei Empfehlungen:

– die herrschenden sozialwissenschaftlichen “Theorien” oder Theorien müssen auch sozialwissenschaftlich kritisiert werden ==> wissenschaftliche Hygiene
– die Geschlechterforschung muss deutlich interdisziplinärer werden ==> bessere Gegenstandsangemessenheit

Das ist eine Steilvorlage für zwei weitere Artikel, die ich ohnehin schon ganz oben auf meiner Liste hatte. Zur ersterem hatte sich Leszek bei Alles Evolution ausgiebig geäußert. (Ich empfehle auch den Original-Artikel, weil ich da stellenweise sehr lachen musste.) Weiter geht’s mit der „Wir zitieren Leszek-Aktion“!

Bezüglich der mangelnden Kritik der Soziologen an den Gender Studies wäre es wichtig die Gründe dafür zu analysieren und zwar aus einer realistischen Perspektive.
Folgende Gründe könnte es geben, warum ein Soziologe, der selbst keine Gender Studies betreibt, die Gender Studies nicht kritisiert:

– Er kann die Gender Studies ausreichend beurteilen und stimmt deren Positionen im Großen und Ganzen zu. (Das dürften wohl die Wenigsten sein, welcher Soziologe interessiert sich schon für Gender Studies und versucht sich da reinzuarbeiten?)

– Er kann die Gender Studies nicht auseichend beurteilen und assoziiert diese einfach irgendwie relativ vage mit Analyse und Kritik starrer traditioneller Geschlechterrollen, wogegen er nichts hat, kümmert sich ansonsten aber nicht um Gender Studies, sondern ist mit eigenen Projekten beschäftigt.

– Er kann die Gender Studies nicht ausreichend beurteilen und interessiert sich auch nicht dafür, hat dazu keine Meinung und ist mit eigenen Projekten beschäftigt.

– Er steht den Gender Studies kritisch gegenüber, hat aber keine Lust sich genauer in diese einzuarbeiten um eine fundierte Kritik zu formulieren, da er mit eigenen Projekten beschäftigt ist, die ihn mehr interessieren.

– Er steht den Gender Studies kritisch gegenüber, weiß aber, dass ihm Anfeindungen drohen (“Sexist”, “Antifeminist”, “rechts” etc.), wenn er sie öffentlich kritisiert, daher lässt er es lieber.

Man muss hier also im Hinterkopf haben:

Ein Soziologe, der die Gender Studies kritisieren will, muss sich erstens in das Thema einarbeiten, damit seine Kritik fundiert ist und nicht einfach aufgrund inhaltlicher Fehler abgeschmettert werden kann. Das kostet erstmal Zeit.

Und zweitens müsste ein soziologischer Gender-Kritiker nachdem er seine Kritik veröffentlicht hat mit öffentlichen Anfeindungen seitens der Genderisten rechnen, eventuell mit schweren Anfeindungen, bei der Gefahr besteht, dass sie seiner Karriere schaden könnten.

Soziologen sind im Durchschnitt nicht heldenhafter und egoismusfreier als der Rest der Menschheit und so ist es wenig verwunderlich, dass diese Situation nicht gerade motivierend wirkt.

Das ist bedauerlich, aber man muss es realistisch analysieren.
Hier müssten also erstmal ein paar Mutige den Anfang machen, die sowohl die Zeit und Motivation haben sich in den Gender Studies-Quatsch einzuarbeiten und die die psychischen Voraussetzungen hätten mit entsprechenden Anfeindungen klar zu kommen.

Spätestens hier musste ich erneut heftig schmunzeln bei der Vorstellung, wie Leute erst den Aufwand nicht scheuen, gewissenhaft die Gender Studies von innen durchleuchten und es dann aushalten, nach dem Motto „Undank ist der Welten Lohn“ öffentlich zur Unperson erklärt zu werden. Schön wär’s.

Ernsthaft überlegt: Dafür muss jemand genügend Geld haben, um nicht arbeiten zu müssen, und gleichzeitig so unabhängig von seinem öffentlichen Ruf, dass er sich das leisten kann. Das kann ich mir am ehesten bei jemandem von den „jungen Alten“ vorstellen. Als erste Motivation sähe ich das Ideal der „redlichen Wissenschaft“ und der „sauber geführten Debatte“. Also kein unmöglicher Fall, aber nicht das klassische Publikum, das hier in der Blogblase verkehrt. Aber man darf noch hoffen…

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Der Text fängt direkt damit an, dass jemand sich sagen läßt, er habe „den Glauben an Wissenschaft und Fortschritt“ verloren.

Sting: If I Ever Lose In You

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