Kurznachrichten vom 14.01.2016

1: Ein paar neue Links zum Thema Kölner Silvester und der Kampagne #ausnahmslos. Auch wenn Arne Hoffmann auf Genderama diese schon verlinkt hat, will ich trotzdem darauf hinweisen. Ganz besonders hervorragend ist der Beitrag von Thierry Chervel beim Perlentaucher, der die Kampagne #ausnahmslos gekonnt analysiert und auseinander nimmt.

Zwar konzedieren die Autorinnen (irgendeine von ihnen wird darauf beharrt haben), dass „soziokulturelle und weltanschauliche Ursachen von Gewalt“ benannt werden sollen – aber diese Formulierung steht wie eine Insel im Meer der Ablehnung genau dieser Forderung.

Der Rest des Textes will die Identität der Täter verunklaren, weil „sexualisierte Gewalt nicht ‚islamisiert‘ werden darf“ und weil „reißerische und stigmatisierende Deutungen“ zu unterbleiben haben. Man soll das Offensichtliche – es waren zumeist nordafrikanische oder arabische Männer, und sie haben sich in eine Weise zusammengerottet, wie man es hierzulande nicht einmal vom Oktoberfest kennt – nicht mehr benennen können.

asemann.de hat sich gleich mit zwei guten Beiträgen hintereinander damit beschäftigt. Bei der FAZ kommentiert Ursula Scheer:

Sie nimmt die massenweisen Attacken, die – so verstörend der Tatbestand ist, man kommt an ihm nicht vorbei – ganz überwiegend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis auf Frauen verübt haben, zum Anlass, diskursiv quasi in Sekundenschnelle vom Konkreten auf das Allgemeine umzuschwenken: sexualisierte Gewalt in Deutschland insgesamt. Das aber ist argumentativ eine Fluchtbewegung weg von dem bisher nicht Dagewesenen auf vertrautes Terrain, wo eingeschliffene feministische Narrative entfaltet werden können. […]

„Emma“ lässt auch den Deutsch-Syrer Alexander Hawa zu Wort kommen, dessen Tochter von arabischen Männern überfallen wurde. In einem offenen Brief an Migranten beschreibt er in einfachen Worten die Grundlage des Zusammenlebens in Deutschland: Respekt, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit. Er formuliert Forderungen an Männer, die aus anderen Kulturkreisen ins Land kommen. Er geht damit viel offensiver vor als die Feministinnen von „#ausnahmslos“. Er ist kein Feminist. Er ist Demokrat. Das genügt.

2: Selbst von linker Seite (auf linksunten.indymedia.org) wird die Relativierung durch Verallgemeinerung von feministischer Seite mit zwei Artikeln kritisiert. Zitate:

„Die Empörung und Beschuldigung der betroffenen Frauen und ihr Anzeigeverhalten sind nur so groß, weil sie arabisch aussehende Menschen beschuldigen.“ Das finde ich schon schockierend unsolidarisch. Ich möchte gar nicht ausschließen, dass es im Einzelfall stimmt. Klar, es gibt Rassismus und das wirkt sich auch aufs Anzeigeverhalten aus. Trotzdem finde ich es sehr zynisch, einer Frau, die gerade sexuelle Gewalt erlebt hat, vorzuwerfen, dass es sie bei einem Deutschen nicht gestört hätte oder sie zumindest ihn nicht angezeigt hätte. Das hat mit Feminismus nichts zu tun.

Wenn also noch nicht einmal die Widersprüche in der eigenen Szene-Politik aufgelöst und auf den Grundkonflikt eingegangen werden kann, um hier eine sinnvolle Antwort zu finden, dann ist das Schweigen oder Verklären einer komplexeren Gemengelage wie zur Zeit in Köln durch die Linke kein Wunder.

Bei der Auseinandersetzung um die Geschehnisse in Köln konzentrieren sich die linken Debattenbeiträge demnach wenig überraschend auf die Relativierung der Dimension der Übergriffe, etwa mit dem Verweis auf das Oktoberfest. Das zweiwöchtige Oktoberfest mit zwanzig Anzeigen zu sexualisierter Gewalt bei 6 Millionen Teilnehmern ist nicht dieselbe Qualität, wie über 150 Anzeigen auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz in der Silvesternacht. Das gilt auch für die Dunkelziffern. Besonders erschreckend ist jedoch das weitestgehende Ausbleiben feministischer Forderungen, wie sie zu erwarten wären, wenn es sich bei der betreffenden Gruppe betrunkener, übergriffiger Männer um zweifelsfrei „Biodeutsche“ gehandelt hätte.

3: Henryk M. Broder vergreift sich etwas im Ton, als er zwei Autorinnen vom Tagesspiegel wünscht, „dass sie vom IS nach Rakka eingeladen werden, um zu erfahren, was Rape Culture bedeutet.“ Allerdings kann ich die Wut verstehen, denn der von ihm kritisierte Artikel hat es durchaus in sich. Über die belästigten Frauen vom Domplatz:

Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu beschleunigen.

Womöglich. Ja das ist so, möglich ist alles, z.B. auch, dass die beiden Autorinnen reif für die Klapse sind. Broder meint dazu:

Diese Sätze, geschrieben von zwei Frauen, waren das Ekelhafteste, Mieseste, Widerlichste, was über die große Sause in Köln geschrieben wurde. Eine angedeutete Täter-Opfer-Umkehr.

Ich kann ihm nur beipflichten. Das dürfte das erste Mal sein, dass den Opfern von Köln von anderen Frauen Rassismus vorgeworfen wurde.

Den Tätern werden dagegen jedwede mildernde Umstände zugebilligt, so dass man den Autorinnen fast Maskulismus vorwerfen könnte:

Die organisierten Trickdieb-Banden, die offenbar schon lange zum Kölner Hauptbahnhof gehören, bestehen wohl überwiegend aus Nordafrikanern, die schon länger in Deutschland sind – aber offenkundig nicht angekommen sind. Eine echte Perspektive sehen sie für sich nicht, sonst wären sie wohl nicht zu professionellen Dieben geworden. […] In Köln zu Silvester sei auf dem Dom-Vorplatz eine Art „Freistil-Situation“ entstanden, in der die Grenzen zwischen diesen verschiedenen Lebensstilen ausgetestet worden seien. Dort hatten sich diejenigen versammelt, die sich eine besser organisierte Party in einer Kneipe, einem Club nicht leisten konnten, also vor allem junge Männer mit wenig Geld, und die womöglich auch keine Freunde haben, die sie zu einer privaten Party hätten einladen können. „Die wussten nicht, wohin sie sonst hätten gehen können. Und Bahnhofsvorplätze sind seit jeher die Orte, an denen ,Fremde’ zusammenkommen.“ […] Hier sei eine größere Gruppe junger Männer „in ein Niemandsland“ abgedrängt worden. „Es fehlte die zivilgesellschaftliche Mischung, die diese Dynamik hätte verhindern können.“

Dass sie es doch mal wieder nur gut mit migrantischen Männern meinen und nicht mit einheimischen, zeigen sie recht deutlich. Sie faseln davon…

Dass sie die Urangst des älteren weißen Mannes – die nehmen uns unsere Frauen weg – auf der Domplatte in der Silvesternacht ausagiert haben, war die größtmögliche Provokation einer Gesellschaft, die sie nicht aufnehmen will. […] Aber der Verlauf der Nacht hat genau die Urängste vor potenten, jungen, fremden, „wilden“ Männern geweckt, die nun im Mittelpunkt der Diskussion stehen.

Wenn man als Mann sexuelle Übergriffe missbilligt, kann das ja nur daran liegen.

4: Und dann gibt es noch einen erfrischenden Artikel auf der Welt „Frauen dürfen keinen Millimeter Freiheit abgeben“ von Inga Griese. Sie schreibt:

Also: Ich sag jetzt mal was zum arabischen, orientalischen, maghrebinischen – oder wie auch immer das politisch korrekt formuliert sein soll – Frauenbild. Und ich sage es am besten gleich: Ich will das nicht mehr. Ich will es nicht in meinem Europa. Und ich will mich nicht dafür entschuldigen müssen, dass ich es nicht will.

Uiuiui, bin ich jetzt mutig. Soll ich jetzt nicht doch besser hinterherschieben, dass ich nichts gegen Flüchtlinge und nichts gegen den Islam im Allgemeinen habe? […]

Auch das will ich nicht. Es ist zu abgedroschen. Und so wenig zielführend, wie zum Beispiel der Versuch von Politikerinnen wie Hannelore Kraft und Renate Künast in der Sendung „Hart aber fair“, die Kölner Vorkommnisse direkt in der großen Watte „sexuelle Gewalt im Allgemeinen“ zu versenken. […]

Wir sollten besser ruhig und ehrlich über religiös begründete Frauenfeindlichkeit sprechen und ihr mit aller Vehemenz entgegentreten. Ein altes Thema. Jetzt ist die Zeit, es selbstbewusst anzugehen, nicht in Bierzelte oder zu den Brüderles abzuschweifen, sondern dranzubleiben. Bedrückend genug, dass mehr oder weniger selbst ernannte neue Feministinnen das nicht vermögen.

5: Zur Kür des Wortes „Gutmensch“ zum „Unwort des Jahres“, gibt es einige kritische Kommentare, z.B. von Hugo Müller-Vogg, auf Sciencefiles.org und Schindluder und die Stuttgarter Nachrichten.

6: Auf der trotzkistischen Seite „Klasse gegen Klasse“ findet sich unter dem Titel „Bin ich Sexist oder was?“ Ja, bist du. 10 Tipps für linke Männer. eine Anleitung zur Selbstumwandlung in einen feministisch angepassten Mann aka kastrierten Wicht. Der gerät auch unfreiwillig komisch:

Beim Kongress eines reformistischen Jugendverbandes gab es ein Frauentreffen: Hier konnten weibliche Mitglieder unter sich diskutieren. Eine tolle, feministische Sache! Was haben die Männer währenddessen gemacht? Saßen in der Kneipe und tranken Bier. Nicht so toll. […]

Während eines Frauentreffens können Männer unter sich über Sexismus reflektieren – solche Diskussionen sind oft ergiebiger, als man erwarten würde. Alternativ können sich Männer in der Zeit mit Reproduktionsarbeit beschäftigen.

Fragt sich nur, wie die Männer in der freien Zeit das mit der „Reproduktionsarbeit“ auslegen.

Wenn das alles nötig ist, um kein Sexist zu sein, was Genossin Tabea Winter da so schreibt, dann bleib ich lieber Sexist.

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25 Kommentare zu „Kurznachrichten vom 14.01.2016“

  1. Der fehlte noch: wenn mir langweilig ist, frage ich eine Frau, ob sie schon mal Unrecht hatte. Sie, zB.: Feministische Betrachtung, streng pc, zur Sylvesternacht
    Dieser „Gutmensch“- Artikel hat mir die Augen geöffnet, warum Gutmenschen nicht nur nicht gut sind, sondern krank. Und weil sie Ihr Gutmenschentum nicht für sich behalten wollen, auch schlecht sind. Gefährlich schlecht!
    Das Dümmste, das menschlich Verkrüppelste dieses linken, herzenskranken „Gut“menschen zeigt sich etwa in der Mitte des Artikels. Die links- feministisch geprägte Autorin plädiert mit einer an die Kälte von KZ- Aufsehern erinnernden Gleichmut und Selbstverständlichkeit dafür, sich und (das ist das Gefährliche (!)) ihrer Schwester eine „Demut“ abzuverlangen, angesichts entgegenkommender Arabergangs besser auf den Boden zu schauen. Sich, sein Gesicht nicht zu zeigen. Um die Barbarei, ,,frauenfeindliche Gewalt“ nicht zu provozieren. Ich finde, und viele verunsicherte Frauen nach Köln werden mir zustimmen, sie, die Frauen, sollten auch vorsichtshalber die Strassenseite wechseln, mindestens vom Gehweg in den Rinnstein. Ja, viele tun das schon heute, meine eigene Frau eingeschlossen, und sie findet das, ob aus Erfahrung, Angst oder aus Vorsicht, auch richtig.
    „Die Unterwerfung“, die Michel Houllebeq beschrieben hat, die Gutmenschen verlangen sie, nicht nur von sich selbst, sondern von uns.
    Das hatten wir schon mal. Und schon mal glaubten einige, dass Sie dafür von den neuen Herrenmenschen Respekt bekämen, Duldung, mindestens. War aber ein Irrtum, 6 millionenfach.
    Diese Herzenskälte selbst ist schon erschreckend genug, diese kranke innere Zustimmung der eigenen Erniedrigung gegenüber nicht zu spüren- das ist die individuelle und gesellschaftliche Krankheit in Medien, Bildung, Politik und Justiz. Das Nazi- Deutsche „Du sollst nicht [mit-] fühlen!“ (Alice Miller), die heute wie damals herzlose Überhöhung der Ideologie gegenüber dem individuellen Gefühl, Gewissen, die buchstäblich gnadenlose Unterwerfung des „fühlenden Ich“ unter den Zeitgeist, die charakterlose Attitüde des „autoritären Charakters“ (Erich Fromm)- hier, im Gutmenschen, feiert er fröhliche Urständ‘.

    Nebenbei zeigt sich hierin auch, dass die explizit feministisch denkende Autorin eben NICHT ein besonderes (feministisches) Selbstvertrauen hat aufbauen können, denn eine auf-„rechte“ Frau würde dieser Selbsterniedrigung nicht nur nicht zustimmen, sie käme gar nicht auf diese Idee.
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-angriffe-von-koeln-waeren-sie-nur-nicht-so-dumm-14004681.html
    Die Symptome der Krankheit „Political Correctness“ der feministisch- linken Frau. Ein Beispiel, Medienprofi Antonia Baum schrieb:
    „Diese Geschichte im Kopf“

    1. Hm, ich wette deine Frau wechselt auch die Strassenseite, wenn ihr ein Gruppe deutscher (weißer) Männer entgegenkommt.
      Und ich tue das gelegentlich auch (wenn ich nachts um zwei alleine nach Hause laufe). Und schon gar nicht schaue ich den Männern in dieser Situation in die Augen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich von einer Gruppe (junger) Männer angepöbelt/angegriffen werde, steigt dadurch, nach eigener Erfahrung, massiv an. Achja ich bin 30 Jahre alt, durchtrainiert und männlich.

      Ich finde bei der Debatte immer interessant, dass das (anpöbeln etc.) mit Sicherheit jedem jungen Mann mehrfach im Jahr passiert (zumindestens, wenn er am „Nachtleben“ in einer größeren Stadt teilnimmt), während Frauen dass als absolute Ausnahmesituation erleben.
      Deswegen habe ich auch diverse Mechanismen entwickelt, diese Situationen zu entschärfen, selbst dann wenn die andere Seite sich offensichtlich prügeln will.

  2. “Bin ich Sexist oder was?” Ja, bist du.

    Jaaaa, ihr seid alles Sünder!!!! By default! Entschuldigt euch und leistet Abbitte bei Frauen.

    Macht Mann etwas, ist es sexistisch, because

    Macht Mann nichts, ist es auch sexistisch, weil er es zulässt.

    Uiuiuiuuiii, das klingt ja so verlockend.

    Auch diese prosoziale Dominanz mit der die Feministinnen hier den Männern vorschreiben wollen wie sie ihre Zeit während des ultrawichtigen Frauentreffens gestalten sollten.

    1. @elmar

      Zutiefst aufrichtig und ehrlich das Interview, die Schlussfolgerung eine zutiuefst „unbequeme Wahrheit“:

      „Wir müssen aufhören mit der falschen Toleranz gegenüber dem Islam. Der Islam macht unsere Werte kaputt, und das müssen wir verhindern.“

      Extrem gut konstatiert dies hier: „Die islamischen Werte sind also sowohl frauen- als auch männerfeindlich.“

      „Die Welt“ fragt auch genau das Richtige, genau auf den Kern des Problems hin, mit der Einlassung zum Schluss:

      „Der Koran gilt ja als Wurzel des Übels. Das Verschleierungsgebot, die Überlegenheit des Mannes werden aus ihm abgeleitet. Andererseits gibt es im Koran auch Frauenhuldigung. Die Mutter hat Heiligenstatus. Wie passen Frauenverehrung und Frauenverachtung zusammen?“

      Es ist eben nicht einfach nur Verachtung, sondern auch eine abartige Überhöhung, die wie Kehrseiten einer Münze zueinander gehören. Dies ist wichtig zu beachten, wenn man dem kulturellen Bild der Frau im Islam das Wasser abgraben will.
      Eigentich ist diese Dichotomie in jedem irrational überhöhten Feindbild (im weiteren Sinne) anzutreffen und vermutlich für dieses überhaupt notwendig!

    2. Danke für den Link, interessantes Interview! Ich halte zwei Dinge darin für problematisch:
      a) Die angenommene Identität der von Zana Ramadani erlebten Kultur mit einer generellen islamischen Kultur. Viele, wenn nicht sogar alle der angesprochenen Punkte finden sich auch im in fundamentalistischen christlichen oder ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaften. „Züchtige“ Kleiderordnung? Check. Reinheits- und Jungfräulichkeitskult? Check. Haare bedecken? Check (ultraorthodoxe). Strikte Trennung zwischen Männern und Frauen im öffentlichen Leben, Mann im Außenverhältnis als Oberhaupt der Familie? Check. Alles religiös begründet.
      Trotzdem würden wir hier nicht christliche oder jüdische Werte kritisieren, sondern christlichen oder jüdischen Fundamentalismus.
      Wenn die kritisierte Verhaltensweisen als islamische Werte bezeichnet werden, lässt man moderaten Muslimen (ja, die gibt’s auch) eigentlich nur die Wahl zwischen einer Distanzierung vom Islam als ganzes, denn es wird ja nicht differenziert zwischen seinen Strömungen, und dem Schulterschluss mit Fundamentalisten (auch wenn sie sie eigentlich ablehnen). Aufgrund der Stärke religiöser Identitäten ist wohl letzteres wahrscheinlicher. Ich bin übrigens durchaus der Meinung, dass Fundamentalisten wirklich die Werte vertreten, wie sie bei der Entstehung der Religion herrschten, und dass viele der angesprochenen Probleme wirklich religiös begründet sind, die Aussage, das habe nichts mit dem Islam zu tun (oder mit Christentum oder Judentum), daher falsch ist. Aber eine pauschale Distanzierung von der Religion zu fordern, ohne deutlich zu machen, dass eine liberaler Islam akzeptabel ist, führt eher zum Schulterschluss der Gemäßigten mit den Fundamentalisten.

      b) Für eine Betrachtung aus integral-antisexistischer (danke, Leszek :)) Position: Was ist eigentlich die Perspektive der Männer in diesem Milieu? Was sind deren Probleme? Sind die im Durchschnitt zufriedener als die Frauen? Das müsste ja eigentlich nach Meinung mancher Feministin der Traum eines jeden Mannes sein, trotzdem würden wohl alle der hier Kommentierenden lieber auswandern, als so zu leben? Kommt leider fast gar nicht vor.
      Und was veranlasst so viele Frauen, dieses System zu stützen oder sich ihm sogar anzuschließen? Warum sind z.B. ca. 35% der Franzosen beim IS weiblich, darunter viele Konvertitinnen? Im Text kommen Frauen seltsam passiv rüber, ihre Motivation bleibt unklar. Die Annahme, es würden sich alle nichts lieber wünschen, als dieser Hölle zu entfliehen, scheint ja nicht zuzutreffen.

      1. Leider bin ich alles andere als ein Islamkenner, aber ich finde es einleuchtend, daß die Brisanz zustande kommt, wenn der Islam auf eine bestimmte Kultur trifft – so als vorläufige Arbeitshypothese: Am Islam ALLEINE liegt vermutlich wenig.

      2. @elmar:
        „[…]daß die Brisanz zustande kommt, wenn der Islam auf eine bestimmte Kultur trifft“ – meinst Du damit die westliche Kultur (Brisanz durch Konfrontation) oder eine traditionelle autoritäre Kultur (Brisanz durch gegenseitige Verstärkung autoritärer Inhalte zwischen Kultur und Religion)?
        Für mich stellt sich eben die Frage, was an dem von Ramadani geschilderten denn originär islamisch ist, gerade im Vergleich mit anderen traditionellen religiösen Gesellschaften. Wie oben geschrieben, fallen mir da eher Gemeinsamkeiten auf. Interessant ist natürlich, warum der Anteil der derjenigen mit diesen restriktiven Werten in islamischen Gesellschaften und Bevölkerungsteilen im Moment höher zu sein scheint. Aber auch das kann andere Ursachen haben.

        @mocho:
        Leszek hat Dir ja schon ein paar Links geliefert. Ansonsten ist z.B. der Lebensstil vieler großstädtischer, gebildeter Türken z.B. in Istanbul von dem Geschilderten fast so weit entfernt wie der eines schwulen evangelischen Berliner Ehepaars von dem strenger Katholiken in Süditalien.

  3. @ El_Mocho

    „Was ist denn ein liberaler Islam?“

    Liberale Bewegungen im Islam ist eine Sammelbezeichnung, die manchmal für Strömungen, Gruppen und Personen muslimischen Gaubens verwendet wird, die eine Islam-Interpretation vertreten, die mit Menschenrechten, Demokratie und der Bejahung von Vernunft und Wissenschaft im Einklang ist:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Liberale_Bewegungen_im_Islam

    Zur Zeit ist diese Richtung noch eine Minderheit, es wäre wünschenswert, dass sie an Einfluss gewinnen und dazu beitragen würde den Islam in die kulturelle Moderne zu bringen, was aber natürlich nur in einem längerfristigen Prozess möglich ist.

    3 Bücher, in denen muslimische Denker vorgestellt werden, die diesem Spektrum angehören, sind:

    http://www.bol.de/shop/home/suchartikel/islam_und_moderne_die_neuen_denker/rachid_benzine/EAN9783458710387/ID30625594.html?jumpId=1818254&suchId=5c1dd9e2-6e67-4632-b4c6-25c388ed7f38

    http://www.amazon.de/Islam-Wendepunkt-Liberale-konservative-Weltreligion/dp/3451056658/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1452847983&sr=1-1&keywords=islam+am+wendepunkt

    http://www.amazon.de/Die-Republikanischen-Br%C3%BCder-Sudan-Reformbewegung/dp/3631454538/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1452848759&sr=1-1&keywords=republikanischen+br%C3%BCder+sudan

      1. @ krams

        „Vielen Dank für die Links! Kannst Du eines der beiden ersten speziell empfehlen?“

        Ich würde da eher das erstgenannte Buch empfehlen: „Islam und Moderne. Die neuen Denker“ von Rachid Benzine. Dieses stellt zwar nur eine kleine Auswahl von acht liberalen islamischen Denkern dar, aber diese werden m.E. in angemessener Ausführlichkeit dargestellt, so dass man einen gewissen Überblick über ihre jeweiligen Hintergründe, hermeneutischen Verfahren der Koran-Interpretation sowie wissenschaftlichen, ethischen und theologischen/religionsphilosophischen Argumentationen erhält. Der Begriff „liberale Denker“ ist dabei übrigens nicht in einem streng ideologischen Sinne, sondern im weitesten Sinne zu verstehen, darunter fallen also sowohl liberale wie politisch linke islamische Denker, insofern sie eine Islam-Interpretation vertreten, die versucht den Islam mit Menschenrechten, Demokratie und Wissenschaft in Einklang zu bringen.

        Das zweitgenannte Buch „Der Islam am Wendepunkt“ enthält im Vergleich dazu zwar mehr Darstellungen von reformorientierten islamischen Denkern, die Kapitel sind aber deutlich kürzer, so dass in dieser Hinsicht der Informationsgehalt jeweils geringer ausfällt, des Weiteren sind die Artikel von verschiedenen Autoren geschrieben und variieren in der Qualität. Dafür ist das Spektrum in diesem Buch allerdings breiter, neben linken und liberalen islamischen Denkern werden dort auch „gemäßigt-konservative“ Denker sowie islamische Frauenrechtlerinnen dargestellt.

        Einige liberale islamische Denker werden übrigens in beiden Büchern behandelt, dafür fehlen andere in beiden Büchern.

        Das dritte verlinkte Buch befasst sich mit dem sudanesischen islamischen Theologen Mahmud Muhammad Taha, der eine freiheitlich-sozialistische, menschenrechtliche Islam-Interpretation vertrat, also in politischer Hinsicht meinen Ansichten tendenziell nahestand, leider wird er in den beiden erstgenannten Büchern nicht behandelt.

        Ebenfalls erwähnenswert ist des Weiteren der liberale muslimische Intellektuelle Mohammed Talbi, der leider ebenfalls in beiden Büchern fehlt. Zwei interessante Interviews mit ihm finden sich hier:

        http://www.nzz.ch/article93AL9-1.303563

        http://kunst-und-kultur.al-maqam.de/2015/09/freiheit-und-sex-im-islam/

    1. Ähmmm….unser heutiger demokratischer Standard in Europa ist bekanntlich nicht dadurch zustande gekommen, dass das Chrsitentum „liberaler“ geworden ist, sondern dadurch, dass sich seit der Aufklärung immer mehr Menschen vom Christentum abgewendet haben. Genau das wäre auch von Nöten für eine Verbesserunmg der Verhältnisse in den muslimischen Ländern.

      „Liberaler Islam“ ist Augenwischerei; wir brauchen weniger Islam. Wenn die Muslime mal so religiös sind wie durchschnittliche deutsche Christen, dann wäre etwas erreicht.

      1. @ El_Mocho

        Für eine Modernisierung und Humanisierung prämodern-islamischer kultureller Kontexte ist m.E. beides notwendig: sowohl eine säkular-humanistische Islam-Kritik aus aufklärerisch-menschenrechtlicher Perspektive als auch liberale und moderne religiöse Interpretationen des Islams.

        Du glaubst ja wohl nicht ernsthaft, dass sich die Mehrheit der religiösen Muslime in nächster Zeit einer atheistischen oder agnostischen Sichtweise zuwenden werden. Für diejenigen, die religiös sind und bleiben wollen, braucht es eben auch Angebote um zu einer menschenrechtlichen und demokratischen Perspektive zu gelangen und sich der kulturellen Moderne zu öffnen.

      2. unser heutiger demokratischer Standard in Europa ist bekanntlich nicht dadurch zustande gekommen, dass das Chrsitentum “liberaler” geworden ist, sondern dadurch, dass sich seit der Aufklärung immer mehr Menschen vom Christentum abgewendet haben.

        Das ist so nicht richtig. Etwa 70% der Bevölkerung (alte Bundesländer) sind Mitglieder verschiedener christlicher Kirchen. Das ist ein sehr klares Bekenntnis, gerade weil das teilweise (Kirchensteuer) mit erheblichen finanziellen Kosten verbunden ist. Eine große Mehrheit der Bevölkerung hat sich eben nicht vom Christentum abgewendet, zumindest nicht nach außen. Der Erfolg der hiesigen vergleichbar großen religiösen Liberalität basiert auch darauf, dass es eben den Christen möglich war, Religion und Akzeptanz des Staates zu verbinden. Die Aufklärung hat weit in die christliche Religion (vor allem die evangelische) hineingewirkt, das wäre mit einer radikalen Verdammung aller Religion wohl nicht möglich gewesen.
        Der gleiche Weg muss auch Muslimen als möglich erscheinen. Wenn Du einen liberalen Islam pauschal als „Augenwischerei“ bezeichnest, versperrst Du eben diesen Weg.

        Versteh‘ mich nicht falsch, ich bin selbst eher am atheistischen Ende des Agnostizismus, und teile die Auffassung, das weniger Religion für unsere Gesellschaft förderlich wäre. Aber der Weg dahin führt nicht über eine erzwungene Distanzierung von einem Teil der eigenen Identität. Das wird nicht funktionieren. Wenn jemand sagen kann „ich bin Muslim/Muslima“, ohne von den einen als fundamentalistisch verdächtigt zu werden und von den anderen angegriffen zu werden, weil die Person nicht regelmäßig betet oder Sex vor der Ehe hat, wären wir ein großen Schritt weiter.

      3. @krams
        „Der gleiche Weg muss auch Muslimen als möglich erscheinen. Wenn Du einen liberalen Islam pauschal als “Augenwischerei” bezeichnest, versperrst Du eben diesen Weg.“

        Das ist völliger Unsinn. Es ist die religiöse Praxis und Auslegung der Muftis & Imame aller islamlischen Länder, die sich allesamt auf die Orthodoxie berufen und einem „liberalen Islam“, der vor allem in den Köpfen der westlichen Islam-Apologen existiert.

        Ausserdem ist anzumerken, dass das Christentum von vorneherein ein ganz anderes Selbstverständnis hat. Wenn man das nicht erkennt, dann will man es wohl auch nicht….

        Der Islam ist mit unser westlichen Gesellschaftsordnung prinzipiell nicht vereinbar. Sklavenhaltung Ungläubiger, die unsägliche Zurückstellung der Frau, die Sharia Gesetze, all dies ist genauso wenig damit kompatibel wie die ganz vergleichbaren Totalitarismen westlicher Prägung.

        „Versteh’ mich nicht falsch, ich bin selbst eher am atheistischen Ende des Agnostizismus, und teile die Auffassung, das weniger Religion für unsere Gesellschaft förderlich wäre.“

        Und dann setzt du dich für die extremste und offensivste Religion auf diesem Planeten ein? Das ist doch völlig absurd…
        Die einzigen im Westen befindlichen wirklichen Sympathisanten können nur Extremisten sein, die die derzeitige Ordnung so sehr hassen, dass sie den Islam als Bündnispartner gebrauchen können.
        Wer schon das Christentum nicht mag und als Einschränkung von Freiheit versteht, der kann den Islam nur noch *viel* weniger mögen…

      4. @alex

        Das ist völliger Unsinn. Es ist die religiöse Praxis und Auslegung der Muftis & Imame aller islamlischen Länder, die sich allesamt auf die Orthodoxie berufen und einem “liberalen Islam”, der vor allem in den Köpfen der westlichen Islam-Apologen existiert.

        Denn Unsinn gebe ich mal mit herzlichem Dank zurück… einen liberalen Islam gibt es, in signifikantem Ausmaß z.B. in den westlichen Ländern, als gelebte Praxis. Das ist für Dich kein „echter“ Islam? Dann Glückwunsch, die Fundis teilen Deine Meinung. Übrigens für Dich ist Seehofer sicherlich auch kein „echter“ Katholik, weil er zweimal verheiratet ist?

        Und Du hast scheinbar nicht verstanden, um was es mir geht. Leszek hat das oben sehr schön prägnant formuliert, ich wiederhole es noch mal:

        Du glaubst ja wohl nicht ernsthaft, dass sich die Mehrheit der religiösen Muslime in nächster Zeit einer atheistischen oder agnostischen Sichtweise zuwenden werden. Für diejenigen, die religiös sind und bleiben wollen, braucht es eben auch Angebote um zu einer menschenrechtlichen und demokratischen Perspektive zu gelangen und sich der kulturellen Moderne zu öffnen.

        Das ist der Knackpunkt. Hätten beispielsweise Katholiken nicht die Möglichkeit, liberalen Lebensstil – der sehr häufig zentralen Glaubensinhalten der Kirche widerspricht, siehe Sex vor der Ehe oder Wiederverheiratung – mit dem Bekenntnis zu ihrem Glauben zu verbinden, sondern wären zur Entscheidung für eine Seite gezwungen, wäre eine Radikalisierung die Folge. Und genau das bewirkt auch eine generelle Ablehnung alles islamischen wie die Deine. Da gehen Fundi-Islamisten und Fundi-Antiislamisten wirklich Hand in Hand.

        Ich habe übrigens durchaus auch spezifische Probleme mit den Grundlagen des Islam (z.B. Apostasie*), Deiner Einschätzung folge ich aber nicht. Deutlich wichtiger als die formale Grundlage einer Religion ist die gelebte Auslegung. Die ist im Koran im Moment insgesamt betrachtet sicherlich problematischer als z.B. im Christentum, das war historisch aber auch schon mal andersrum.

        *die allerdings im Koran direkt nicht strafbewehrt ist (dafür in den Hadithen), allerdings in vielen Ländern mit dem Tod bestraft wird, im Gegensatz zum Judentum, in dem die Thora zwar den Tod fordert (Deuteronomium 13:6–10), dies aber nicht praktiziert wird. Du siehst, die Beurteilung einer Religion aufgrund ihrer Quellen ist nicht so trivial…

  4. Wieviele der deutschen Kirchnemitglieder sin denn praktizierende Christen? Vielleicht 10%? Warum klagen die Kirchen über Priestermangel?

    Ist es nicht vielmehr so, dass den meisten Deutschen Religion ebven völlig gleichgültig ist, eben als Konsequenz von mehr als 200 Jahren Religionskritik? Diese Religionskritik ist auch den Muslimen zuzumuten, dann würden sich diese auch massiv von ihrem Kult abwenden, aber mit dem lauwarmen Gerede von reformierbaren Islam wird man das nicht erreichen.

  5. @ El_Mocho

    „Ist es nicht vielmehr so, dass den meisten Deutschen Religion ebven völlig gleichgültig ist, eben als Konsequenz von mehr als 200 Jahren Religionskritik?“

    Ich habe jetzt nicht genauer nachrecherchiert, wie der aktuelle Forschungsstand zur Verbreitung von Religiosität in Deutschland aussieht, aber meiner persönlicher Erfahrung nach sind in Deutschland mehr Menschen religiös als Atheisten oder Agnostiker. Sie sind nur meist auf eher persönliche Weise religiös, bestimmen selbst darüber, was sie in religiöser Hinsicht glauben und verwenden die vorhandenen Religionen, am häufigsten natürlich das Christentum, eher als vagen Bezugspunkt für ihre eigenen Gedanken und Interpretationen. Sie sind also nicht in konfessionell-dogmatischer Hinsicht religiös und interpretieren ihre Religiosität nicht im Widerspruch zum Leben in einer Gesellschaft, die von Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechten als wesentlicher kultureller Grundlage geprägt ist. Solcherart Religiosität ist für den Fortbestand der kulturellen Moderne unproblematisch.
    Dass aber die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung jeden Bezug zur Religion völlig verloren hätte, sehe ich nicht.

    „Diese Religionskritik ist auch den Muslimen zuzumuten, dann würden sich diese auch massiv von ihrem Kult abwenden, aber mit dem lauwarmen Gerede von reformierbaren Islam wird man das nicht erreichen.“

    Ich denke hier unterschätzt du einerseits die Auswirkungen religiöser Sozialisation in orthodox-konservativ-islamischen kulturellen Kontexten, andererseits vereinfachst du den Ablauf von kulturellen Modernisierungsprozessen m.E. zu stark.

    Ich schrieb ja oben, dass ich der Ansicht bin, dass zur Modernisierung und Humanisierung prämodern-religiöser kultureller Kontexte BEIDES notwendig ist: einerseits Religionskritik aus aufklärerisch-menschenrechtlicher Perspektive, andererseits Neu-Interpretationen des religiösen Gedankenguts um dieses mit der kulturellen Moderne in Einklang zu bringen. Du scheinst nur das erstere gelten lassen zu wollen.

    Auch während der Phase der europäischen Aufklärung hat es aber beides gegeben, die Aufklärungsforschung unterscheidet ja die sogenannte Radikalaufklärung und die moderate Aufklärung. Ich halte wie gesagt beide für Modernisierungsprozesse für notwendig, aber es war in Europa die moderate Aufklärung, die direkten und unmittelbaren öffentlichen Einfluss ausübte, die Radikalaufklärung wirkte mehr hintergründig und untergründig. Die meisten Philosophen der Aufklärung, die heute bekannter sind, sind daher der moderaten Aufklärung zuzurechnen und diese versuchten oft Aufklärung und Religiosität miteinander zu verbinden, viele der moderaten Aufklärer waren auch Christen, es gab sogar solche, die politisch konservativ waren und versuchten Aufklärung und Tradition zu verbinden.

    Viele der moderaten Aufklärer hatten in ethischer und politischer Hinsicht auch z.T. Einstellungen, die von modernen Vorstellungen von Menschenrechten und Demokratie noch erheblich entfernt waren (vgl. hierzu: Andreas Pecar, Damien Tricoire – Falsche Freunde: War die Aufklärung wirklich die Geburtsstunde der Moderne?, Campus, 2015. Und speziell für die politische Philosophie des Liberalismus siehe: Domenico Losurdo – Freiheit als Privileg: Eine Gegengeschichte des Liberalismus, PapyRossa, 2011)

    Die Radikalaufklärung war hingegen oft deutlich religionskritischer und stand außerdem unseren heutigen Vorstellungen von Menschenrechten und Demokratie im Schnitt deutlich näher. Gerade deshalb war ihr aber im Zeitalter der Aufklärung leider keine öffentliche Breitenwirkung vergönnt. Und erst in den letzten Jahren werden die Errungenschaften der Radikalaufklärung zunehmend in der Forschung gewürdigt.

    Ich zitiere mal aus einer Einführung zur Radikalaufklärung:

    „Ganz allgemein kann man die Radikalaufklärung als eine Bewegung von Denkern, Schriftstellern, Pamphletisten und Reformern begreifen, die im späten 17. Jahrhundert aufkam und das ganze 18. Jahrhundert hindurch fortbestand. Sie war im Großen und Ganzen denselben Idealen verpflichtet wie die moderate Aufklärung, die die Hauptströmung der Aufklärung bildete, nämlich der Verehrung der Vernunft, der gesellschaftlichen, religiösen und persönlichen Freiheit, das aber in sehr viel energischerem Maße. (…) Oft verfolgt und unterdrückt, gehörten dieser radikalen Strömung eine beachtliche Anzahl von Menschen an – darunter Adriaan Koerbagh, Franciscus van den Enden, Pietro Giannone, Alberto Radicati, La Mettrie, Theodor Ludwig Lau, Johann Lorenz Schmidt, Johann Friedrich Struensee und Tom Paine. Sie wurden von Regierungen und Rechtssystemen, die zu ihrer Zeit keineswegs als besonders reaktionär galten oder sogar für sich selbst in Anspruch nahmen „aufgeklärt“ zu sein, ins Gefängnis geworfen, ins Exil geschickt, mit dem Bann belegt (…).“

    (aus: Jonathan I. Israel & und Martin Mulsow – Was ist Radikalaufklärung?. Eine aktuelle Debatte, in: Jonathan I. Israel & und Martin Mulsow (Hrsg.) – Radikalaufklärung, Suhrkamp, 2014, S. 7)

    Auch im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts, das im Schnitt nicht so stark religiös-konservativ geprägt war, wie die meisten heutigen islamischen Länder, war es also schwerpunktmäßig die moderate Aufklärung, die in größerem Maße öffentlich wirksam werden konnte, die Radikalaufklärung hatte leider mit Sanktionen und Repressionen zu rechnen, ihre Schriften kursierten im Untergrund.

    Zum Verhältnis der beiden Strömungen der Aufklärung zur Religiosität schreiben die beiden Autoren:

    „Der vielleicht deutlichste und wichtigste Unterschied zwischen dem Denken der Radikalaufklärung und der Philosophie von Locke, Newton, Leibnitz, Voltaire, und Hume besteht darin, dass ersteres für die Zukunft der Menschheit allein auf die „Vernunft“ setzt, die als einziger Weg zur Wahrheit gesehen wird, während in letzterer eine Art von Kompromiss oder Balance zwischen Vernunft und Glauben (inklusive der Autorität der Kirche) hergestellt werden muss. Die beiden müssen zufriedenstellend verknüpft werden und Raum für grundlegende theologische Konzepte lassen, wie die Schöpfung, die göttliche Vorsehung und die Unsterblichkeit der Seele, Konzepte die Leibnitz und Voltaire als „natürliche Religion“ bezeichnen. Hume, der dieser Art von Theologie und der Religiosität selbst skeptischer gegenüberstand als Locke, Newton und sogar Voltaire, geht deutlich weiter als diese, wenn er versucht den Einfluss der Vernunft zu begrenzen und gesellschaftliche Normen, Moral und Politik in Tradition und Brauchtum zu verankern. Er stellt so de facto das historische Primat der Autorität Kirche weitgehend wieder her, zumindest im Hinblick auf Gesellschaft, Moral und Alltag. (…)
    Für die wichtigsten philosophischen Architekten der Radikalaufklärung dagegen, für Spinoza, Bayle und Diderot ist die Vernunft das einzige Kriterium für das, was kollektiv als Wahrheit akzeptiert werden kann, mit der Konsequenz, dass Gesellschaft, Moral und Politik auf einer rein rationalen Bewertung des Gemeinwohls basieren müssen – ohne die Mitwirkung von Offenbarung und „natürlicher Theologie“ und sicherlich auch ohne den Wirkungsbereich der Vernunft in der Weise einzuschränken, wie Locke und Hume das vorschlagen.“

    (aus: Jonathan I. Israel & und Martin Mulsow – Was ist Radikalaufklärung?. Eine aktuelle Debatte, in: Jonathan I. Israel & und Martin Mulsow (Hrsg.) – Radikalaufklärung, Suhrkamp, 2014, S. 10 f.)

    In gewisser Hinsicht entsprechen jene islamischen Denker, die eine Islaminterpretation entwickeln, die mit Menschenrechten, Demokratie und der Bejahung von Vernunft und Wissenschaft im Einklang ist also der moderaten Strömung der Aufklärung im Europa des 17. und 18. Jahrhunderts – mit u.a. zwei wesentlichen Unterschieden: Die heutigen islamischen Gesellschaften sind im Schnitt noch religiös-konservativer geprägt als die damaligen europäischen Gesellschaften, trotzdem betonen die islamischen liberalen Reformer den Wert von Menschenrechten und Demokratie im Schnitt stärker als es die moderaten Aufklärer Europas taten.

    Dein Vorschlag ist nun quasi bezüglich des orthodoxen Islams auf die moderate Aufklärung komplett zu verzichten und die islamische Welt allein durch Radikalaufklärung zu modernisieren – obwohl die Modernisierung Europas empirisch betrachtet nicht so abgelaufen ist.

    Ich bin hier der Ansicht: Was bereits im damaligen Europa so nicht funktionierte, wird wahrscheinlich auch in heutigen islamischen Gesellschaften so nicht funktionieren. Nicht weil die Radikalaufklärung nicht wichtig wäre, ich halte sie wie gesagt für Modernisierungsprozesse für genauso wichtig wie die moderate Aufklärung. Aber die Wirkungsweise der Radikalaufklärung bei Modernisierungsprozessen ist anders: untergründiger und hintergründiger. Die Radikalaufklärung setzt bestimmte menschenrechtliche und wissenschaftliche Standards und übt einen Druck auf die moderate Aufklärung aus, nicht hinter solche zurückzufallen. Dort wo die moderate Aufklärung noch in prämodernen Mustern gefangen bleibt, setzt die Radikalaufklärung dem rationale Argumente entgegen, die sich zwar oft nicht unmittelbar, aber langfristig durchsetzen.

    Eine direkte und unmittelbare öffentliche Wirkung kann Radikalaufklärung in prämodern-religiösen kulturellen Kontexten aber oft nicht entfalten, 1. weil sie stärker sanktioniert wird und 2. weil bei gegebenen Sozialisationsbedingungen nur ein kleinerer Prozentsatz von Personen für sie empfänglich ist.

    In Gesellschaften, in denen Menschen von klein auf religiös indoktriniert werden (ich bin entschiedener Gegner religiöser und jeder anderen Art ideologischen Erziehung) können viele Menschen als Erwachsene diesen Sozialisationseinfluss nicht vollständig abschütteln.
    Und davon abgesehen gibt es in jeder Gesellschaft einen gewissen Prozentsatz von Personen mit religiösen Bedürfnissen, die grundsätzlich nicht zu atheistischen oder agnostischen Sichtweisen abwandern werden.
    Viele dieser Menschen können durch Radikalaufklärung allein nicht erreicht werden.

    Aus diesen Gründen ist das Vorhandensein auch der moderaten Aufklärung für Modernisierungsprozesse m.E. pragmatisch unvermeidbar. Erst die Wechselwirkung zwischen moderater und Radikalaufklärung einerseits und die Wechselwirkung zwischen der philosophischen Aufklärung (ein Elitenprojekt) und Alphabetisierungs- und Bildungsprozessen in der breiten Masse der Bevölkerung andererseits, bietet m.E. die Basis für erfolgreiche Modernisierungs- und Humanisierungsprozesse in prämodernen kulturellen Kontexten.

    „aber mit dem lauwarmen Gerede von reformierbaren Islam wird man das nicht erreichen.“

    Realistisch betrachtet wird man es ohne das Vorhandensein auch einer moderaten Strömung der Aufklärung m.E. nicht erreichen, denn prämodern-religiös sozialisierte Menschen springen nicht massenhaft in die Moderne, ohne dass man sie dort abholt, wo sie stehen und ihnen eine Brücke baut.

    Des Weiteren habe ich das Gerede vom „nicht-reformierbaren Islam“, das unter Islam-Kritikern – selbst unter manchen seriösen Islam-Kritikern – nicht selten ist, nie verstanden. Man muss sich mal klar machen, was damit eigentlich implizit ausgesagt wird: Alle anderen Menschen in der Welt sind dazu in der Lage ein ausreichend aufgeklärtes Bewusstsein hervorzubringen um ihre jeweilige traditionelle, prämoderne, mythologische Religion im Geiste dieses Bewusstseins zu reformieren und zu modernisieren, nur die Muslime können das nicht.

    Ja, warum sollen ausgerechnet Muslime das nicht können? Mir ist bewusst, dass es einige Leute gibt, die so argumentieren, ohne rassistisch motiviert zu sein, aber mich wundert stets, dass es nicht auffällt, wie nahe dran, eine solche Sichtweise an den kultur-essentialistischen Ansichten der Neuen Rechten ist, nach denen Kulturen eine „Essenz“ innewohnt, die nicht verändert werden kann oder soll.

    Ich lehne das völlig ab.

    Voraufklärerische, mythologische, traditionelle Formen von Religiosität bringen erfahrungsgemäß niemals eine Wertesystem hervor, dass mit Aufklärung, Menschenrechten und Demokratie vereinbar ist – das ist nichts, was nur und spezifisch den orthodoxen Islam auszeichnet.

    Und Aufklärungsprozesse bewirken in allen Religionen langfristig auch eine Angleichung dieser Religionen an die kulturelle Moderne, weil nun religiöse Texte durch ein aufgeklärtes Bewusstsein und Wertesystem gedeutet und interpretiert werden können. Es gibt m.E. keinen Grund im Islam hier die Ausnahme zu sehen und Muslimen dogmatisch das Potential an Fähigkeiten abzusprechen, das Mitglieder aller anderen Religionen auch besitzen.

  6. Korrektur:

    „Die Radikalaufklärung war hingegen oft deutlich religionskritischer und stand außerdem unseren heutigen Vorstellungen von Menschenrechten und Demokratie im Schnitt deutlich näher. Gerade deshalb war ihr aber im Zeitalter der Aufklärung leider keine öffentliche Breitenwirkung vergönnt.“

    Gerade deshalb war ihr aber im Zeitalter der Aufklärung während der ersten Phase der Aufklärung leider keine öffentliche Breitenwirkung vergönnt.

    hätte es eigentlich heißen müssen.
    Ca. ab 1770 gewann die Radikalaufklärung dann an Einfluss.

    Der Aufklärungsforscher Jonathan I. Isreal, von dem die umfassendsten Bücher zur Radikalaufklärung stammen, bemerkt hierzu:

    „Immer wieder betone ich, dass die moderate Aufklärung bis zur französischen Revolution die vorherrschende und von den meisten Menschen mit Zugang zu Büchern am meisten akzeptierte und geachtete Strömung war. (…) Ich sage nur, dass diese etwa ab 1770 politisch und philosophisch in die Defensive gedrängt wurde, während das radikale Erbe immer wichtiger wurde (…)“

    (aus: Jonathan I. Israel – Radikalaufklärung: Entstehung und Bedeutung einer fundamentalen Idee, in: Jonathan I. Israel & und Martin Mulsow (Hrsg.) – Radikalaufklärung, Suhrkamp, 2014, S. 260)

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