Gastartikel: LoMi zur Debatte angesichts der Übergriffe in Köln

LoMi ist wieder da – und da er nach eigenem Bekunden derzeit nur kommentiert und nicht selbst bloggt, erlaube ich es mir, seinen Kommentar zu den Kurznachrichten vom 19.01.2016 zu einem Gastartikel zu befördern, denn er ist aus meiner Sicht so lesenswert. Also, ab jetzt (bis zur Popkultur) O-Ton LoMi:

Ich halte diesen Kommentar für ziemlich falsch. Meiner Meinung nach ist die Debatte längst noch nicht zum Kern vorgestoßen. Die Behauptung, dass der Feminismus widersprüchlich ist, ist nicht neu und nicht originell und erklärt nichts. Es ist auch zu sehr Agenda seiner Kritiker, dem Feminismus Bigotterie nachzuweisen. Man erkennt es daran, dass Feminismus und “links” schnell gleichgesetzt werden. Das ist nicht immer eine echte Verbindung. Feminismus ist oft genug pseudopolitisch oder gar reaktionär.

Es ist Tatsache, dass der Feminismus angesichts der Vorfälle von Köln versagt und hier versucht, vom Flüchtlingsthema abzulenken. Aber ich glaube nicht, dass man damit bereits alles gesagt hat. Der Kommentar greift zu kurz.

Man kann der Sache nur Herr werden, wenn man alle Seiten betrachtet. Es ist nun einmal so, dass das Thema Köln einen zeitgeschichtlichen Kontext hat, der auch AfD und Pegida beinhaltet. Das Spannungsfeld zwischen Ablehnung und Befürwortung der Flüchtlingsaufnahme bildet den Hintergrund. Insofern kann das Verhalten einer politischen Interessengruppe nicht isoliert betrachtet werden. Es ist immer auch Reaktion auf etwas.

Im gegenwärtigen Klima in Deutschland ist es schwer, so etwas wie Köln sachlich zu diskutieren. Die Silvesternacht wird von links wie rechts genutzt, um eigene politische Agenden nach vorne zu treiben. Zur politischen Strategie gehört es allzumal, den politischen Gegner möglichst zu diskreditieren und so die öffentliche Meinung auf die eigene Seite zu ziehen. Der Vorwurf der Lüge und der Heuchelei sind dabei Standardwerkzeuge. Schon immer haben sich Parteien aller Couleur gegenseitig Lüge, Egoismus, Korruption, ideologische Verblendung und Dummheit vorgeworfen. Diese Art Vorwürfe sind selber das Phänomen, das man reflektieren muss. Sie sind hier immer Teil des politischen Kampfes.

Die Feminismuskritiker übersehen, dass sie allzu schnell falsche Freunde gewinnen und somit sich vor den Karren einer ausländerfeindlichen Politik spannen lassen. Und genau das ist das Problem an Köln für “Gutmenschen”. Ich nehme das mal als Etikett für jene, die versuchen, eine hohe humanistische Moral zu verwirklichen. Dazu muss man kein Feminist sein, will sagen: nicht jeder “Gutmensch” ist Feminist oder links. Die Schwierigkeit besteht nach Köln nun darin, das Thema Flüchtlinge so zu diskutieren, dass man weder einem positiven Rassismus anhängt (“alle Fremden sind per se gut”), noch dass man beim Besprechen von Problemen ins Gegenteil verfällt (“der Islam ist per se frauenfeindlich”).

Die Abwehr von Ausländerfeindlichkeit sorgt oft dafür, dass man sehr grob argumentiert und dazu neigt, demonstrativ sich auf die Seite der Migranten zu stellen. Das mündet dann schnell auch in peinlicher Folklore, wie das eben bei Solidaritätsbekundungen oft der Fall ist. Schließlich ist da immer Pathos im Spiel und Pathos kippt schnell ins Lächerliche. Dahinter steckt auch die Angst, dass man ungewollt irgendwas “rassistisches” äußert und damit Probleme anfacht. Aus dieser Angst heraus wird die Folklore dann zwanghaft. Damit reagiert man dann aggressiv auf alles, was aus der Folklore rausfällt und geißelt es als “rassistisch”. Alles in allem ist das aber der Versuch, es richtig zu machen angesichts ja auch realer Gefahren. Nazis sind keine Erfindung, sie existieren und nicht nur der NSU war gewalttätig.

Es ist nun ungemein schwierig, in dieser Gemengelage den eigentlich wesentlichen Punkt stark zu machen: Menschenrechte und die Priorität des Individuellen. “Gutmenschlich” gedacht ist der Mensch kein Söldner im Dienste unverrückbarer kultureller Prägungen, sondern jeweils ein Individuum. Menschen sollten deshalb nicht vor-verurteilt werden, sondern je nach ihrem individuellen Handeln. Und Flucht aus Krieg, Not und Elend gebührt menschenrechtlich gesehen eben nicht nur den moralisch Guten, sondern jedem Menschen. Die Pflicht zu helfen resultiert nicht daraus, dass die Hilfebedürftigen tolle, sympathische Menschen sind, sondern daraus, dass sie in großer Not sind. In diesem Sinne kann man sogar “Gutmensch” sein, ohne je links gedacht zu haben: Die Bibel zum Beispiel nennt das “Nächstenliebe”.

Es ist den “Gutmenschen” aber nicht gelungen, daraus einen markanten Diskurs zu schmieden. Vereinfachungen a la #aufschrei, Multikulti, aber auch a la Pegida und AfD sind viel wirkmächtiger und schlagzeilenträchtiger. Menschenrechte und Individualität haben etwas medienunfreundlich intellektualistisches an sich. Aber letzten Endes geht es genau darum wie auch um die Tragik des Scheiterns solcher Positionen in einem aufgeheizten Kampf um die Deutungshoheit.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal U2 mit einem Lied, das aufgrund seines Titels vordergründig als Bezug auf die Vorgänge in der Silvesternacht gedeutet werden könnte, jedoch in diesem Blog noch eine Bedeutung hat. „Nichts ändert sich am Neujahrstag“ heißt es im Refrain. Und mir ist erst beim Einstielen des Artikels aufgefallen, dass die Kurznachrichten vom Januar 2016 (bis auf die vom 06.01.) noch alle auf 2015 datiert sind… 😉

U2: New Year’s Day

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