#unerwünscht: Schwänze, Fotzen, @anked: Ableismus, Intersektionalität, Derailing, gegendertes Recht, Sexism. +männl followerinnen, Katzenbilder

[Triggerwarnung: Feministische Sprache]

Der Titel, aus seinem 140-Zeichen-Korsett befreit geht übrigens so:

#unerwünscht: Schwänze und Fotzen, @anked und der Fail in Sachen Ableismus, Intersektionalität, Derailing, gegendertes Recht und sowieso Sexismus. Bonus: männliche followerinnen sowie Katzenbilder.

Was ich von Leuten erwarte, die vorgeblich Geschlechtergerechtigkeit propagieren ist, daß sie beim Thema Exhibitionismus zuallererst darauf hinweisen, daß dies ein gegenderter Tatbestand ist. Daß dieses Gesetz sexistisch ist. Daß Femen ExhibitionistInnen sind. Was wirklich kommt? Verlogenheit. Wie immer.

Aranxos Kurznachrichten vom 18.1. haben mich auf Stefanolix‘ Kommentar zu #unerwünscht aufmerksam gemacht. Ich schließe mich dem an. Und ich finde es beschämend wie weit der Niveaulimbo unserer Netzfeministinnen runtergeht. Das wäre dann wohl Ableismus in Radfemsprache. Oder auch Intersektionalität. Derailing sowieso.

Aber es geht noch weiter. Domscheit-Berg fragt im initialen Tweet explizit Frauen.

Erst auf Nachfrage räumt sie großzügig ein, daß auch Männer mitmachen dürfen.

Alles andere als selbstverständlich. Mantau hat #ausnahmslos, den ministeriellen Rohrkrepierer gewohnt exzellent komplett zerlegt und geht dabei auch auf #Aufkreisch ein:

Als bei der Aufschrei-Kampagne der Initiatorinnen vor einigen Jahren auch Männer von Erfahrungen sexueller Belästigung zu berichten versuchten, wurde ihnen dies als „Derailing“ ausgelegt, als Ablenkung vom Wesentlichen.

Wir bekommen also wunschgemäß erstmal hauptsächlich Wortmeldungen von Frauen. Naja, von Followerinnen. Nicht FollowerInnen. Genaugenommen sogar „weibl. followerinnen“, was sogar die männlichen followerinnen ausschließt. Sicher ist sicher. Eingesprenkelt einige wenige Männer. Erst denken, dann tweeten sollte prinzipiell auch für Radfems möglich sein. Domscheit-Berg hat es also schon beim Aufschlag verkackt. Oder steckt da Berechnung hinter? Wunschergebnis heimfahren wollen und dabei so tun als ob Opfer jedweden Geschlechts aufgerufen wurden?

Weiterhin kann man bei Domscheit-Berg eine gewisse Gliedfixiertheit beobachten. Penis/Vagina. Pillermann/Muschi. Pimmel/Möse. Schwanz/Fotze.

Ich habe letztens von Euch Kritik einstecken müssen, als ich das F-Wort benutzt habe. Wozu ich immer noch stehe. Könnte mal bitte jemand @anked auf Twitter fragen, ob sie schon mal ungefragt eine Fotze gezeigt bekommen hat? Aber Schwanz geht? Und das von den GralshüterInnen der sensiblen Sprache? Die, die die Wirklichkeit formt?

Ach ja. Domscheit-Berg wollte wissen, ob es Männer gibt, die ungefragt ihren Penis zeigen. Sicher. Ich schätze, das sind sogar zu 100% Männer. „Also habe ich gefragt“? Werden Fallzahlen jetzt auf Twitter ermittelt? Kann mal bitte jemand anzweifeln, daß es entsorgte Väter gibt? Männer als Opfer von Gewalt? Frauen, die in der Öffentlichkeit ihre Brüste zeigen? Kindsmörderinnen? Wißt Ihr was, zweifelt doch einfach die Existenz von Katzenbildern an. Ich frag dann mal auf Twitter.

Advertisements

Kurznachrichten vom 18.01.2016

1: Nachdem die Kampagne der Netzfeministinnen #ausnahmslos nicht so wirklich eingeschlagen hat, versuchte Anke Domscheit-Berg am Samstag gleich die nächste Nebelkerze zu zünden: #unerwünscht. Unter diesem Beitrag sollen Frauen Erfahrungen mit Exhibitionisten twittern.

Das hat jetzt zwar mit der aktuellen Diskussion über Köln noch viel weniger zu tun, denn Exhibitionismus kam da noch nicht in den Polizeiberichten vor, aber ein weiterer Ablenkungsversuch kann ja nicht schaden. Auch hier wird wieder mehr getrollt, als dass es tatsächlich Erlebnisberichte gibt. Die Blogs emmanzer und Stefanolix haben bereits kommentiert.

2: Die WELT brachte am Wochenende einige Beiträge rund um die Themen Köln, Flüchtlinge und wie die Feministinnen damit umgehen. Reinhard Mohr findet es „Erstaunlich, wie Feministen die Realität ausblenden„.

Dass man gegen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung ist, versteht sich von selbst – die Inkarnation jenes guten Gewissens, das nur ein schlechtes Gewissen sein kann. Sein Leitmotiv: Der Westen ist an allem schuld. Also „wir“. Wer sonst. So ist es nur logisch, dass das Bewusstsein dieses biedermeierlichen Weltbilds keine äußeren Feinde kennt. Das Böse hockt ja im eigenen Land. […]

Dass das Böse – Rassismus, Sexismus und pure Gewalt – auch von jenen ausgehen kann, die man eben noch mit dem Ruf „Refugees welcome!“ freudig empfangen hat, war nicht vorgesehen. Es hat nicht nur das Weltbild der „Willkommenskultur“ erschüttert. […]

Die gesamte Flüchtlingsdebatte hatte unter dem Zeichen einer buchstäblich grenzenlosen Moral stattgefunden, bei der jeder Zweifel in den Bereich des Amoralischen und Verwerflichen verwiesen wurde. Die Flüchtlinge wurden zur Projektionsfläche einer lutherisch-protestantischen und sehr deutschen Selbstprüfung, die keinen Raum ließ für Zwischentöne. Angela Merkels „Wir schaffen das“ wurde zum Mantra dieser Moral, zur vermeintlich alternativlosen Durchhalteparole.

Einer der m.E. besten Beiträge überhaupt zu dem Thema schrieb der Schriftsteller Peter Schneider, ein 68er-Urgestein, der mir schon immer durch gut durchdachte und gemäßigte Positionen aufgefallen ist.

Nicht erst seit dem Sommer letzten Jahres hatte sich eine Kultur des Wahrnehmens und des Sprechens hinter vorgehaltener Hand herausgebildet – und sie geht weiter. Unliebsame Tatsachen werden verdreht und einem rassistischen Weltbild zugeordnet, bevor sie erkannt und benannt sind. […]

Es sind selten die Tatsachen, die die von allen Seiten an die Hand genommenen Bürger in die Arme rechter Populisten treiben – es verhält sich umgekehrt: Wenn die Bürger Grund zu der Annahme haben, dass ihre Wahrnehmungen und Sorgen nur noch von rechten Populisten benannt werden, erst dann ist der Zulauf zu diesen Populisten garantiert. […]

Während die einen ihren „Nie wieder“-Lehren folgen, verschanzen sich die Brandstifter und Neonazis hinter der Leugnung der Nazi-Verbrechen. Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie auf die Vergangenheit fixiert sind und die Bewältigung der Gegenwart blockieren. […]

Nach den Kriegsflüchtlingen werden die Klimaflüchtlinge kommen; Afrikas Bevölkerung wird sich in wenigen Jahrzehnten verdoppeln. Die Deutschen müssen jetzt die Regeln und die Grenzen einer Flüchtlingspolitik festlegen und erfinden, die die unausweichliche Convivenza mit Millionen von Flüchtlingen zu einer Bereicherung machen.

Der wiederholte, auch von Angela Merkel zu hörende Hinweis: „Das sind wir unserer Vergangenheit schuldig“ hilft nicht weiter. Niemandem, auch den Flüchtlingen nicht, ist damit gedient, wenn die formidable Demokratie der Deutschen durch eine rasch wachsende Rechtsbewegung in den Ruin getrieben wird.

Und schließlich gibt es da einen recht ernüchternden bis hin zu erschütternden Bericht einer Hamburgerin, die in einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge arbeitet.

Ich habe begonnen, mich anders anzuziehen. Ich bin eigentlich jemand, der gern auch mal etwas engere Sachen trägt – aber jetzt nicht mehr. Ich ziehe ausschließlich weit geschnittene Hosen und hochgeschlossene Oberteile an. Schminke benutze ich sowieso immer schon sehr wenig, höchstens mal einen Abdeck-Stift. Und nicht nur äußerlich habe ich mich verändert, um mich etwas vor dieser Belästigung zu schützen. Ich verhalte mich auch anders. So vermeide ich es zum Beispiel, auf unserem Gelände an diejenigen Orte zu gehen, an denen sich die alleinstehenden Männer oft aufhalten. Und wenn ich es doch mal muss, dann versuche ich, sehr schnell da durchzukommen und lächele dabei niemanden an, damit man das nicht falsch verstehen kann.

3: Der Frankfurter Asta hat über einen nebenberuflichen Pick-Upper der Firma Casanova Coaching, der ebenfalls an der Frankfurter Uni studiert, in negativer Form berichtet und dabei seinen vollen Namen genannt und ihn in einem Foto abgebildet (in Justizjargon „identifizierend“ berichtet). Dieser hat sich gerichtlich gewehrt und in zweiter Instanz eine einstweilige Verfügung gegen den Asta erwirkt. Der Asta will sich nun gegen die „Zensur“ wehren.

Der Asta-Vorsitzende Valentin Fuchs (Grüne Hochschulgruppe) kritisierte das Urteil und kündigte an, dass der Asta die einstweilige Verfügung und die damit verbundene Zensur nicht akzeptieren werde. Er pocht auf das studentische Presserecht und beharrt darauf, dass der Asta die Interessen der Studierenden öffentlichkeitswirksam vertreten dürfe. Dazu gehöre ihrem Selbstverständnis nach, auch feministische Positionen zu vertreten.

„Gerade nach den Vorfällen in Köln kann ich die Entscheidung des Gerichts nicht nachvollziehen“, sagte Fuchs der Frankfurter Rundschau. Der Asta bemängelt, dass bei der Entscheidungsfindung im Gerichtsaal formale Fragen im Vordergrund standen. Dass es sich bei den Annäherungstechniken der Pick-Up-Artists um „gewalttätige Übergriffe“ handele, sei jedoch kein Thema bei der juristischen Auseinandersetzung gewesen, kritisieren die Studierendenvertreter.

Wie hohe Wellen sexistische Aufreißer-Seminare in den Medien, aber auch in der Gesellschaft schlagen, zeigte sich in Frankfurt bereits Ende 2014.[…]

Im aktuellen Rechtsstreit stellt Medienanwalt Lucas Brost von der Kölner Kanzlei Höcker auf FR-Anfrage die Persönlichkeitsrechte seines Mandanten in den Vordergrund und klagt den Asta an, seine Befugnisse zu überschreiten: „Anstatt die Regeln einer fairen Berichterstattung zu berücksichtigen, stellt der AStA einen Studenten in seiner Zeitung derart an den Pranger, dass er in der Folge bedroht wird. Zur Rechtfertigung beruft er sich auf Grundrechte, ohne zu erkennen, dass er dies als staatliche Stelle nicht darf.“[…]

Das Gericht stellt fest, dass es keinen Zusammenhang zwischen den Übergriffen auf dem Campus und den Aktivitäten des in der Asta-Zeitung namentlich genannten Casanova-Coach gibt. Daher müsse es der Kläger nicht hinnehmen, dass er durch die Berichterstattung „nachhaltig der Kritik ausgesetzt wird“. Zudem verletzte der Artikel das Recht am eigenen Bild, der Betroffene sei darauf für sein soziales Umfeld unschwer zu erkennen.

Wir lernen also:

  1. Es gibt ein spezielles studentisches Presserecht, das offensichtlich erlaubt, Personen an den Pranger zu stellen, auch wenn sie nicht Personen der Zeitgeschichte sind
  2. Feministische Positionen sind im Interesse von Studierenden
  3. Annäherungsversuche von Pick-Up-Artists sind „gewalttätige Übergriffe“
  4. Niemand darf Männern das Flirten lehren, denn das ist nach Ansicht der FR-Journalistin sexistisch.

4: Alice Schwarzer und Anne Wizorek, zwei Galionsfiguren des deutschen Feminismus, führen im Spiegel ein Streitgespräch, das leider in voller Länge wohl nur in der Printausgabe zu lesen ist. Nachdem die beiden Feministinnen in der Flüchtlingsfrage und demzufolge in der Bewertung der Vorgänge der Kölner Silvesternacht und anderen Städten ganz unterschiedlicher Meinung sind, würde ich das schon mal lesen wollen. Muss ich wohl nach etlichen Monaten wieder mal einen Spiegel kaufen…