Gastartikel: Leszek über Intersektionalität

Es ist mal wieder passiert: Bei „Alles Evolution“ schrieb Leszek einen Kommentar, der sich 1:1 als lesenswerter Artikel übernehmen läßt. Solche Hinweise sollten leichter wiederzufinden sein!

Letzten Endes erklärt Leszek, wie sich das Feindbild weißer Mann und die Rangliste der Privilegien entwickeln konnten. Arne Hoffmann kann sich hingegen auf die Schulter klopfen, denn in seinem Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ hat er genau die nach allen Seiten offene Intersektionalität beschrieben, die Leszek hier als noch ausstehenden Fortschritt beschreibt – und die auch einleuchtend ist.

Ab jetzt O-Ton Leszek:

Man muss die Durchsetzung der heutigen Intersektionalitätsmodelle m.E. ideengeschichtlich betrachten. Diese Modelle erscheinen uns heute mit guten Gründen als unterkomplex und schädlich, aber sie haben sich ideengeschichtlich in Folge einer linken Kritik an theoretischen Modellen herausgebildet, die noch unterkomplexer waren.

Die Idee der Intersektionalität entstand ideengeschichtlich in Folge einer – in meiner Augen berechtigten und notwendigen – linken Kritik an in den 70er Jahren bekannten theoretischen Modellen, die als ungerecht angesehene Ungleichheitsverhältnisse im Kontext von Hauptwiderspruchs/Nebenwiderspruchsmodellen zu fassen versuchten.

Diesbezüglich gab es zwei bekannte Modelle:

– Ein klassisch-marxistisches Hauptwiderspruchs/Nebenwiderspruchsmodell, welches ökonomische Klassenkonflikte als Hauptwiderspruch deutete und alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung als Nebenwidersprüche verstand, die sich mehr oder weniger automatisch mitauflösen würden, wenn der Hauptwiderspruch Klassenherrschaft beseitigt wäre.

– Mit diesem klassisch-marxistischen Modell konkurrierte insbesondere ein im Radikalfeminismus der 70er Jahre verbreitetes alternatives Haupt/Nebenwiderspruchsmodell, welches gerade nicht Klassenverhältnisse, sondern stattdessen als patriarchalisch interpretierte Geschlechterverhältnisse als Hauptwiderspruch deutete und wiederum alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung, einschließlich der ökonomischen Klassenbeziehungen, zu Nebenwidersprüchen reduzierte, die sich mehr oder weniger automatisch mitauflösen würden, wenn erstmal das Patriarchat beseitigt würde.

Dieses radikalfeministische Haupt/Nebenwiderspruchsmodell fand außerhalb des Feminismus aber keinerlei Unterstützung und Anerkennung, ja es führte sogar zu einer zunehmenden Isolierung des Radikalfeminismus von der politischen Linken, denn keine linke Strömung zeigte irgendeine Bereitschaft ihre eigenen theoretischen Grundlagen oder jeweiligen Arbeitsschwerpunkte dem klassischen Radikalfeminismus unterzuordnen. (Diese Isolierung war eine wichtige Vorausetzung dafür, warum sich radikale Feministinnen ursprünglich überhaupt auf die Idee der Intersektionalität eingelassen haben, der radikale Feminismus wäre bei Beharren auf einem feministischen Haupt/Nebenwiderspruchsmodell nämlich in immer stärkere Isolierung von der Linken geraten.)

Nun gerieten solche Haupt/Nebenwiderspruchsmodelle in den 70er und 80er Jahren zunehmend in die Kritik, ihnen wurde – m.E. berechtigt – vorgeworfen

– auf schlecht belegten historischen Theorien zu beruhen, nach denen sich alle vorhandenen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung historisch aus nur einer einzigen ursprünglichen Unterdrückungs-/Diskriminierungsform (z.B. Klassenherrschaft oder Patriarchat) entwickelt hätten

– dass sie die Relevanz der Analyse, Kritik und Bekämpfung anderer Unterdrückungs-/Diskriminierungsformen als derjenigen, die jeweils als Hauptwiderspruch gedeutet wurde, verschleiern würden, indem diese alle zu zweitrangigen Nebenwidersprüchen reduziert würden, dass die Anliegen anderer unterdrückter oder diskriminierter Gruppen dadurch abgewertet würden und die Beseitigung entsprechender Mißstände erschwert würde

– dass die Annahme, dass mit der Beseitigung des jeweiligen Hauptwiderspruchs sich alle anderen Formen von Unterdrückung/Diskriminierung automatisch wie von Zauberhand mitauflösen würden, wohl kaum eine realistische und begründete Auffassung darstellt.

Als Alternative zu Haupt/Nebenwiderspruchsmodellen wurde die Entwicklung von theoretischen Modellen zur Konzeptualisierung von Herrschafts- und Diskriminierungsformen gefordert, in denen diese sowohl in ihrer jeweiligen relativen Eigenständigkeit als auch in ihrer spezifischen Verwobenheit mit anderen Herrschafts- und Diskriminierungsformen erfasst würden, ohne dabei einen Hauptwiderspruch vorauszusetzen und ohne, dass bestimmte Unterdrückungs-/Diskriminierungsformen in letzter Instanz auf andere reduziert und dadurch in ihrer Relevanz abgewertet würden.
Da Haupt/Nebenwiderspruchsmodelle m.E. in der Tat unrealistisch und dysfunktional sind, war dies erstmal auch ein sinnvoller theoretischer Fortschritt.

Dies war die Basis für die Entwicklung von Intersektionalitätsmodellen. Hierbei setzte sich nun leider eine DOGMATISCHE SCHLIEßUNG nach einer Seite hin bei der Konzeptualisierung von Diskriminierungen durch und diese wurde durch poststrukturalistische Theorien unterfüttert.
Wie ich schon mehrfach erklärte, („Was ist Political Correctness?“ und „Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?„) wurden Diskriminierungen so konzeptualisiert, dass einer Seite stets der Status der Norm und der anderen Seite der Status der Abweichung oder Ableitung von der Norm zugewiesen wurde, die eine Seite wurde als allgemein privilegiert konstruiert, die andere Seite hingegen als allgemein diskriminiert.
So kam es zur Entstehung von spezifischen Norm-Feindbildern (männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich) und denjenigen Gruppen, denen der Status der Norm zugeordnet wurde, wurde abgesprochen, dass sie Bezugspunkte von Diskriminierung sein könnten.

Anstatt also ergebnisoffen zu forschen, welche Privilegien und Diskriminierungen es jeweils auf allen Seiten gibt und zu versuchen alle realen Diskriminierungen auf allen Seiten zu beseitigen, wurde aufgrund der dogmatischen Schließung nach einer Seite hin einfach vorausgesetzt, Diskriminierung gebe es immer nur auf einer Seite.

Dies führt dazu, dass viele reale Diskriminierungen, Benachteiligungen und soziale Problemlagen in diesen einseitigen Modellen aus dem Blickfeld gerieten, z.B.:

– die zahlreichen Diskriminierungen und sozialen Problemlagen, von denen Jungen und Männer betroffen sind:

www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

– die sozialen Problemlagen der weißen Unterschicht in den USA:

www.jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

– Diskriminierungen und Menschenrechtsverletzungen gegenüber Christen in mehreren nicht-westlichen Ländern (auch, aber nicht nur in islamischen Ländern).

Nicht, dass Intersektionalitätsmodelle die Überschneidungen von Diskriminierungen untersuchen, ist das Problem, sondern die dogmatische Schließung der zeitgenössischen Intersektionalitätsmodelle nach einer Seite hin, die eine realistische und kontextspezifisch angemessene Erfassung von Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen auf allen Seiten unmöglich macht und damit eine tatsächliche empirische Diskriminierungsforschung und Ungleichheitsforschung wesentlich verhindert.

Die heutigen Intersektionalitätsmodelle haben sich also ideengeschichtlich als Resultat einer berechtigten Kritik an den unterkomplexen Haupt/Nebenwiderspruchsmodellen der 70er Jahre entwickelt, sind aber leider selbst zu unterkomplex.

Der nächste notwendige theoretische Schritt muss also darin bestehenden die dogmatische Schließung nach einer Seite hin zu beseitigen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bevor die Diskussion in den Kommentaren auf Marx gelenkt wird, bringe ich den lieber gleich in der Popkultur.

Richard Marx: Right Here Waiting

Advertisements

8 Kommentare zu „Gastartikel: Leszek über Intersektionalität“

  1. Ich halte das Intersektionalitäts-Paradigma langsam aber sicher für einen Flop bzw. für ein intellektuelles Beschäftigungsprogramm.
    Seine sogenannte Stärke (Differenzierung) wird zugleich seine Schwäche: Unschärfe – schlussendlich kann quasi alles Ungleichheit sein.
    Nur schon die Begrifflichkeiten, die mit diesem Modell verbunden sind: Einmal wird von Macht oder Herrschaft gesprochen, dann von Ungleichheit, dann von Unterdrückung, dann von Diskriminierung. Alles Begriffe, die miteinander zusammenhängen können, aber nicht müssen und unterschiedliche Dinge bedeuten.
    Dann: wie will man die Kategorie Klasse z.B. bestimmen. Nimmt man das Klassenkonzept oder doch lieber Schicht oder doch lieber Milieu?
    Und wenn man Klasse nimmt, was konstituiert eine Klasse? Besitz oder Nicht-Besitz über die Produktionsmittel? Oder Art und Umfang von ökonomischem, kulturellem, sozialem, symbolischem, politischem u.a. Kapital?
    Was soll unter „Rasse“ verstanden werden? Hautfarbe? Wie steht es mit Ethnie, Nationalität, Migrationshintergrund, Flüchtling, Sprache?
    Weshalb nur die Kategorien Rasse, Klasse, Geschlecht?
    Nina Degele nimmt z.B. noch als 4. Kategorie „Körper“.
    Darunter subsumiert sie: Alter, körperliche Verfasstheit, Gesundheit und Attraktivität.
    Was für Alterskategorien sollen denn nun gebildet werden? Junge Menschen (hohe Jugendarbeitslosigkeit) wie ältere Menschen ab 50 haben es schwieriger, eine Erwerbsarbeit zu kriegen. Was heisst körperliche Verfasstheit? Sind vollschlanke Menschen häufiger arbeitslos? Was heisst Attraktivität? Wer ist attraktiv und wer nicht? Was ist mit jemandem, der sich modebewusst kleiden kann, quasi ein Flair hat, sich mit Kleidern schön zu machen?
    Dies vier Kategorien (Klasse, „Rasse“, Geschlecht und Körper) sollen nach Degele die vier Hauptkategorien sein und zwar in Bezug Produktion (Arbeitsmarkt) und Reproduktion (Care-Arbeit). Weshalb nur Arbeit und Reproduktion? Weshalb nicht auch Wohnungsmarkt, Mitgliedschaften in Vereinen, Verbänden, Organisationen, Netzwerken, Parteien, politische Ämter etc., usw., usf.
    Weshalb nur die vier Kategorien? Weshalb nicht auch Wohnort (Stadt, Land, Süden, Norden, Osten, Westen), dann ausgeweitet quasi auf den weltpolitischen Kontext wie Erste Welt-Länder, Zweite Welt-Länder, Dritte Welt-Länder etc.?
    Konfession etc.
    Aber das ist ja erst der Anfang: also welche Kategorien nimmt man und wie werden diese konstituiert oder definiert und wie werden diese nun operationalisiert und dann müsste man ja dann mit dieser unendlichen Vielfalt von Kategorien und Subkategorien und Indikatoren empirische Forschung betreiben und schauen, ob die theoretischen Annahmen überhaupt richtig sind und ob das Ganze überhaupt empirisch erfassbar ist (Gütekriterien insbesondere Validität, Objektivität, Reliabilität).
    Ich bin der Auffassung, dass, wenn es um die empirische Forschung geht, vieles überhaupt nicht zuverlässig erfasst werden kann. Wie will man z.B. erfassen, ob eher attraktive Menschen arbeitslos sind oder nicht oder eher lukrative Stellen erhalten etc. Also m.E. ein Witzprogramm. 🙂

    1. Die Frage nach den empirischen Ergebnissen, die sich wie ein roter Faden durch Deine Artikel zieht, finde ich sehr gut. Das ist der beste Einwand gegen eine Aneinanderreihung von bloßen Behauptungen, die als wahr vorausgesetzt werden.

      Völlig gegenstandlos ist die Theorie einer Mehrfachbenachteiligung übrigens nicht: crumar wies darauf hin, woher Intersektionalismus ursprünglich kam (siehe „alte Hüte, die uns als neu verkauft werden„). Das hatte auch tatsächlich mit empirischer Forschung zu tun.

    2. @ Mark E. Smith

      Erstmal danke für die interessanten Artikel von dir hier und auf anderen Blogs in den letzten Monaten.

      Ich bin, was die Möglichkeit der Entwicklung von tatsächlich wissenschaftlichen Alternativen zur heute dominierenden ideologischen Intersektionalitätsforschung optimistischer als du.

      Erstmal denke ich, dass es für eine wirklich empirische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung unvermeidbar ist, sich auch mit Überschneidungen von Diskriminierungsformen und deren Auswirkungen zu beschäftigen, denn solche sozialen Phänomene existieren ja nunmal und es fällt daher zwangsläufig auch in den Aufgabenbereich einer empirischen Ungleichheitsforschung solche Dinge zu berücksichtigen.

      Man kann ja nicht einfach sagen: Weil die heutigen postmodernen Intersektionalitäts“forscher“ überwiegend unwissenschaftlich zu diesem Thema arbeiten, sollten als Reaktion darauf reale soziale Phänomene in der Forschung einfach ignoriert werden. 🙂
      Die Alternative zu schlechter Forschung ist nicht keine Forschung, sondern bessere Forschung, denke ich.

      Ich gebe mal ein Beispiel, das männerrechtlich relevant ist:
      Es liegen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen vor, die belegen, dass Jungen in heutigen deutschen Schulen bei gleichen Leistungen im Schnitt schlechtere Noten erhalten als Mädchen. Hierbei haben wir es also gemäß der Befunde mit Diskriminierung zu tun.

      Es gibt des Weiteren auch Forschungsbefunde, die zu dem Ergebnis kommen, dass Schüler beiderlei Geschlechts aus der Unterschicht bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als Schüler aus höheren sozialen Schichten. Auch dies ist gemäß der Befunde ein kritikwürdiges Diskriminierungsphänomen.

      Wenn wir feststellen wollen, welche Gruppen von Schülern von Bildungsdiskriminierung besonders stark betroffen sind, werden wir nicht darum herumkommen, diese beiden Forschungsbefunde nicht nur isoliert zu betrachten, sondern auch zueinander in Beziehung zu setzen – und damit gelangen wir automatisch zur Intersektionalität.
      Setzen wir beide Befunde zueinander in Beziehung wird deutlich, dass Jungen aus der Unterschicht im Schnitt besonders stark von Bildungsbenachteiligung betroffen sind, weil bei ihnen beide genannten Aspekte zusammenkommen.

      Immer vorausgesetzt, dass die entsprechenden Forschungsbefunde fundiert sind, kann eine wissenschaftlich ausgerichtete Ungleichheitsforschung ein solches Überschneidungsphänomen nicht ignorieren, sie hat die Realität so wirklichkeitsgetreu abzubilden wie möglich, einschließlich der Überschneidungen von Diskriminierungen, wo es solche gibt.

      Und auch die Männerrechtsbewegung als Anti-Diskriminierungsbewegung, die sich mit Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, befasst, kann ein solches Phänomen m.E. nicht ignorieren.

      Die meisten Kritikpunkte, die du benennst, betreffen ja Dinge wie klare Definitionen von Begriffen, begründete Auswahl von Strukturkategorien und Begründung der Auswahl von Forschungskontexten. Das sind alles wichtige Dinge, aber ich kann nicht erkennen, dass eine empirisch ausgerichtete Ungleichheitsforschung dies grundsätzlich nicht leisten könnte. Recht hast du natürlich damit, dass empirische Intersektionalitätsforschung umso schwieriger wird, je mehr Strukturkategorien man einbezieht.

      Das Intersektionalitätsmodell von Nina Degele und Gabriele Winker, auf dass du ansprichst, beurteile ich übrigens auch etwas positiver als du. Zwar ist dieses Modell noch weit von dem entfernt, was mir vorschwebt, aber ich halte es für ausbaufähig und einen Schritt in die richtige Richtung.
      Winker und Degele vertreten übrigens im Gegensatz zum Mainstream der Gender/Queer-Szene formal nicht das oben von mir kritisierte Prinzip der dogmatischen Schließung, d.h. sie sagen nicht, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben. Allerdings bleibt dies bei ihnen leider ein Lippenbekenntnis, in der Praxis werden keine ernsthaften Konsequenzen aus dieser Sichtweise bei ihnen gezogen, so dass sie letztendlich dann leider doch im politisch korrekten Paradigma verbleiben.

      Trotzdem ist ein Teil der Ideen, die Degele und Winker in ihrem Buch „Intersektionalität – Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ für die Forschungspraxis formulieren m.E. interessant und anregend, daher würden ich ihren in dem Buch dargestellten Ansatz – bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an ihrer Befangenheit hinsichtlich einigem typischen gender/queer-feministischem PC-Nonsens – nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Ich halte ihren Intersektionalitäts-Ansatz also, wie gesagt, für das, was mir vorschwebt, keinesfalls für ausreichend, aber z.T. für potentiell ausbaufähig.

      Auch dass Winker und Degele überhaupt auch die Strukturkategorie „Klasse“ berücksichtigen, ist für Gender/Queer-Kreise nicht selbstverständlich. Meistens spielt für deren Sichtweisen die Kategorie „Klasse“ keine Rolle mehr, diese Kategorie ist im Mainstream der politisch korrekten postmodernen Linken quasi „rausgefallen“.

      Ich denke, dass eine tatsächlich wissenschaftliche Intersektionalitätsforschung in ihrer Forschungspraxis und Theoriebildung vor allem sehr viel kontextspezifischer agieren muss.
      Es darf, wie oben dargestellt, nicht mehr darum gehen, bestimmte Gruppen einseitig als diskriminiert und andere einseitig als privilegiert zu labeln, sondern es sollte m.E. darum gehen, ergebnisoffen zu forschen, ob und inwieweit IN BESTIMMTEN SOZIALEN KONTEXTEN Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen vorhanden sind – ohne diese dann undifferenziert auf andere Kontexte zu generalisieren.

      So könnte man z.B. bei einer Intersektionalitätsforschung nach meinen Vorstellungen ein Forschungsprojekt in der gender/queer-feministischen Subkultur machen, um herauszufinden, welche Einstellungen zu weißen, heterosexuellen Männern dort verbreitet sind und wie sich diese manifestieren. Ich würde vermuten, dass das Zusammentreffen der drei Strukturkategorien Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung im Sinne von weiß, männlich und heterosexuell in der gender/queer-feministischen Subkultur Bezugspunkt einer signifikanten und sich intersektional verstärkenden Diskriminierung ist, d.h. also: ich vermute, dass die gender/queer-feministische Subkultur ein sozialer Kontext ist, in dem sich eine Diskriminierung weißer, heterosexueller Männer wahrscheinlich ganz konkret wissenschaftlich nachweisen ließe.

      Zweitens sollte m.E. auch die zeitliche Dimension bei Diskriminierungen stärker beachtet werden, es müsste also in gewissen zeitlichen Abständen immer wieder geprüft werden, ob bestimmte festgestellte Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen immer noch existieren bzw. immer noch in gleichem Ausmaß existieren. Einmal empirisch festgestellte Diskriminierungen könnten ja z.B. 20 Jahre später potentiell behoben oder zumindest signifikant verbessert sein und dies müsste dann auch berücksichtigt werden.

      Drittens sollte m.E. stärker berücksichtigt werden, dass nicht alle sozialen Ungleichheiten zwangsläufig auf Diskriminierung beruhen.
      Unterschiedliche durchschnittliche geschlechtsspezifische gesellschaftliche Verteilungen können z.B. auch auf unterschiedliche durchschnittliche Präferenzen von Frauen und Männern zurückgehen.
      Oder wenn bestimmte Migrantengruppen im Schnitt häufiger in den unteren sozialen Schichten zu finden sind, so kann auch eine für moderne Gesellschaften dysfunktionale prämodern-autoritäre Sozialisation, die wenig Wert auf Bildung legt, potentiell einen signifikanten Beitrag hierzu leisten.

      Solche alternativen Erklärungsansätze dürfen m.E. nicht mehr von vornherein ausgeblendet werden, weil sie dem PC-Paradigma widersprechen, sondern müssen ebenso in eine ergebnisoffene Forschung einbezogen werden.

      1. @Leszek

        Danke für die Blumen!
        Mein Eindruck bei der Soziologie und insbesondere bei der Sozialphilosophie (Adorno, Horkheimer, Habermas u.a.) ist, dass sich viele Theorien überhaupt nicht mehr empirisch überprüfen lassen (z.B. ein grosser Teil der Luhmannschen Systemtheorie) oder dass die empirischen Befunde sehr, sehr widersprüchlich sind (z.B. die extrem wirkmächtige Individualisierungsthese von Ulrich Beck).
        Bei Adorno würde ich quasi nur die Studien zum autoritären Charakter als empirisch einigermassen plausibel betrachten, der Rest ist Sozialphilosophie, ohne empirische Überprüfung bzw. Absicherung. Das Gleiche gilt für Foucault, dessen Begriffe und Konzepte so schwammig sind, dass sie für eine stringente empirische Wissenschaft quasi unbrauchbar sind und man damit alles und nichts behaupten kann. Ich habe in meiner Ausbildung immer wieder versucht, theoretische Konzepte von Soziologen (z.B. Bourdieu) mit Sekundäranalysen zu testen: vielfach haben sie sich als nicht wahnsinnig stimmig erwiesen.
        Degele/Winkler schreiben z.B. folgendes:

        „ Um Verunsicherungen zu bewältigen, grenzen sich Individuen mit Hilfe von Differenzierungskategorien ab und schaffen Zugehörigkeiten (Wohlrab-Sahr 1992). Das schlägt sich in „Verortungsarbeit“ nieder, die wir auf der Identitätsebene empirisch rekonstruieren können.“
        http://portal-intersektionalitaet.de/theoriebildung/ueberblickstexte/degelewinker/

        Bewältigung von Unsicherheit (relative Deprivation) ist eben gerade nicht an objektive Struktureigentümlichkeiten gebunden, deshalb nennt man es ja auch gerade relativ und nicht objektive Deprivation. Mit „Rasse“, Klasse und Geschlecht sind jedoch objektive Strukturkategorien gemeint, die quasi deterministisch zu einer Verunsicherung führen sollen, was empirisch eben vielfach unzutreffend ist.
        Degele/Winkler sollen mir nun sagen, wie „Attraktivität“ eines Menschen empirisch valide und reliabel gemessen werden kann. Das geht schlussendlich nur über eine Selbst- und Fremdeinschätzung der Person, weil objektive Kriterien für Attraktivität willkürlich wären. Und nun versuch einmal empirisch zu bestimmen, ob attraktive Menschen (attraktiv durch Selbst- und Fremdeinschätzung) auf dem Arbeitsmarkt quasi Privilegien haben (sind weniger arbeitslos, finden schneller wieder eine Stelle, bekommen mehr Gehalt für die gleiche Arbeit, haben lukrativere Stellen, werden netter behandelt in den Interaktionen, weniger gemobbt, werden mehr gelobt etc.). Das ist ein ungeheuer grosser empirischer Aufwand und wenn die Ergebnisse sich dann auch noch widersprechen, weil man mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Definitionen, Operationalisierungen, Indikatoren, Erhebungs- und Auswertungsmethoden gearbeitet hat, dann ist man nicht viel weiter.
        Deshalb sage ich: „Weniger ist mehr“ bei der Erhebung von sozialer Ungleichheit.
        Zu Deinen zwei Beispielen der Jungenbenachteiligung: Das sind aber zwei isoliert erfasste Phänomene und wohl noch relativ leicht empirisch erfassbar. Aber das Konzept der Intersektionalität besteht ja nicht aus isolierten Diskriminierungen, sondern es will ja offenbar auch die Interdependenzen (Wechselwirkungen) verschiedener Strukturkategorien empirisch erfassen. Zudem ist es eben richtig, wie Du sagst, dass nicht jede Ungleichheit eine Diskriminierung sein muss, ausser man geht davon aus, dass der Mensch keinen eigenen Willen hat und quasi alles sozial oder biologisch determiniert ist. Nur ist eben die Frage, wie findest Du heraus, ob eine soziale Ungleichheit auf einem freien Willen beruht oder z.B. eine strukturelle Diskriminierung darstellt. Die Gewerkschaften und Frauenlobbys sagen ja beim unbereinigten und bereinigten Gender Pay Gap, das sei alles strukturell bedingt. Sozialwissenschaftler, die theoretisch an soziologischen Akteur-Theorien orientiert sind, kommen zu anderen Schlussfolgerungen als Soziologen, die Akteur-Netzwerk-Theorien oder strukturalistisch bzw. poststrukturalistische Theorien etc. favorisieren.

  2. „also welche Kategorien nimmt man und wie werden diese konstituiert oder definiert und wie werden diese nun operationalisiert …“

    Auf diese Frage kommt man, wenn man die Intersektionalität als rein philosophisch / ideologisches Phänomen betrachtet. Nach meinem Eindruck war und ist es aber auch ein Machtkampf innerhalb der Frauenbewegung, also ein soziologisches Phänomen, in dessen Rahmen gegen die Dominanz weißer Mittelschichtfrauen bei der Themensetzung und Repräsentation opponiert wurde, und zwar vor allem von Schwarzen und/oder Unterschicht-Frauen. Ziel war natürlich ein Logenplatz in der Opferstatushierarchie.

    Die Antwort auf die obige Frage ist dann ganz einfach: die Protestlerinnen arbeiten argumentativ mit den Kategorien, in die sie selber fallen, mehr braucht man nicht.

    Das eigentlich Originelle an der Intersektionalität besteht aus meiner Sicht aber darin, daß eine zentrale Annahme der real existierenden feministischen Politik / Ideologie (die wenig mit Intersektionalität zu tun hat, und tw. auch der Gender Studies) zertrümmert wird: nämlich daß Frauen und Männer zwei hierarchisch angeordnete soziale Klassen sind. Die These, daß „die Frauen“ eine homogene Klasse sind, wird durch die Machtkämpfe und die Intersektionalitätstheorien nachdrücklich widerlegt. Wenn man sich nicht völlig dumm stellt, kommt man für „die Männer“ zur gleichen Beurteilung und zur Erkenntnis, daß Geschlechtsauspägungen kein Hauptwiderspruch sein können (zumal der Begriff „Geschlecht“ keine klare Definition hat).

    1. @mitm

      „Nach meinem Eindruck war und ist es aber auch ein Machtkampf innerhalb der Frauenbewegung, also ein soziologisches Phänomen, in dessen Rahmen gegen die Dominanz weißer Mittelschichtfrauen bei der Themensetzung und Repräsentation opponiert wurde, und zwar vor allem von Schwarzen und/oder Unterschicht-Frauen. Ziel war natürlich ein Logenplatz in der Opferstatushierarchie.“

      Das würde ich auf der einen Seite ebenfalls so einschätzen und in den Kontext der Theorie der „triple oppression“ einordnen.
      Hier ist m.E. sehr wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass das zu Grunde liegende Manifest bereits 1977 und zwar in den USA verfasst worden ist.
      Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus wurden dabei als interdependent angesehen, was für eine bestimmte Epoche der Geschichte durchaus als Erklärungsmodell sinnvoll, ohne den konkreten historischen Kontext der USA jedoch mehr oder weniger sinnlos ist.
      Sinnvoll ist es, weil es eine Zeit beschreibt, in der auf der *Erscheinungsebene* alle drei in eins fielen; nämlich in der Person der „schwarzen Proletarierin“.
      Da auf der Erscheinungsebene „Rasse“=Klasse *ist* und diese tatsächlich (mehr oder weniger) einheitliche Erfahrungen und Lebensbedingungen aufwies, macht das für diese Zeit Sinn. „Sinn“ heißt jedoch nicht, dass die zu Grunde liegende Theorie richtig und schon gar nicht allgemeingültig ist.

      Dein nächster Satz ist sehr, sehr gehaltvoll:

      „Die Antwort auf die obige Frage ist dann ganz einfach: die Protestlerinnen arbeiten argumentativ mit den Kategorien, in die sie selber fallen, mehr braucht man nicht.“

      Ich habe auch bei Christian schon den „Progressive Stack“ von Sargon eingestellt, um aufzuzeigen, was sich seitdem geändert hat (popkulturell hat das übrigens die „Cosby Show“ gut auf den Punkt gebracht):

      Darf ich mit dem Zeigefinger auf die Position Nummer 6 (!!!) zeigen, denn dort befindet sich inzwischen „Klasse“.
      Quasi weit abgeschlagen und noch nicht einmal unter den Top 5 vertreten.
      *Soziologisch* gesagt: Wenn sich – auf der anderen Seite – schwarze und weiße Feministinnen über dieses ranking einig wurden, dann deshalb, weil schwarze Feministinnen in der *gleichen sozialen Schicht angekommen sind* wie weiße Feministinnen.
      Das Problem und die Priorität schwarzer Feministinnen ist demzufolge nicht mehr, dass sie aus der Arbeiterklasse stammen, sondern sie haben Sorgen bezüglich möglicher Diskriminierung ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe.
      Das bemerkenswerte an: „die Protestlerinnen arbeiten argumentativ mit den Kategorien, in die sie selber fallen“ ist im Umkehrschluss, wie vielsagend es ist, dass sie mit den Kategorien NICHT mehr arbeiten, in die sie selber NICHT mehr fallen.
      Und radikal subjektivistisch umdeuten: Weil sie die Diskriminierung auf dieser Basis nicht mehr als drückend EMPFINDEN, IST sie nicht mehr drückend.

      Wenn du hier schreibst:

      „Die These, daß „die Frauen“ eine homogene Klasse sind, wird durch die Machtkämpfe und die Intersektionalitätstheorien nachdrücklich widerlegt.“

      Dann ist das nur die halbe Wahrheit.
      Sondern die „Intersektionalitätstheorien“ selbst sind AUSDRUCK der sozialen Differenzierungsprozesse in der Gruppe der Frauen, die NIE eine sozial homogene „Klasse“, geschweige denn überhaupt eine „Klasse“ waren.
      „Intersektionalitätstheorien“ in ihrer *derzeitigen Gestalt* sind ein beredtes Beispiel der sozialen Herkunft derer, die sie formuliert haben.

      Übrigens ist „Hauptwiderspruch“ und auch „Nebenwiderspruch“ keine marxistischen Begriffe, sondern ein maoistische.
      Eingang in den (unseligen) Sprachgebrauch haben sie gefunden durch den zeitweiligen Einfluss der maoistischen Sekte (K-Gruppe) „KBW“ = Kommunistischer Bund Westdeutschland auf die westdeutsche Linke.
      Überflüssig fast zu erwähnen, dass diese Klappskallis bei den „Grünen“ in Deutschland Einzug hielten (Ralf Fücks z.B. bei der Heinrich-Böll-Stiftung).

      Dieses undialektische, schwarz-weiß (sozusagen) Denken hat eine Geschichte.

      Gruß crumar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s