Arbeit, Gender und die Konvergenz der Utopien. Eine Kritik von Michael Hirschs Politischer Philosophie der Arbeit

1       Einleitung

Der folgende Text ist eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Ende vergangenen Jahres bei Springer VS erschienenen Buch »Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft« von Michael Hirsch, das den Untertitel »Eine politische Philosophie der Arbeit« trägt und auf das ich durch einen Telepolis-Artikel (Teil 2, Teil 3) aufmerksam geworden bin. Ich finde das Buch positiv bemerkenswert sowohl im Hinblick auf seine in meinen Augen zustimmungsfähige Grundthese, der zufolge die technologisch bedingten Fortschritte der generellen Arbeitsproduktivität heute zu einer nicht mehr grundsätzlich behebbaren Verknappung des Angebots an Erwerbsarbeit führen, der in konsequenter Weise nur noch durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens beizukommen ist, als auch negativ bemerkenswert im Hinblick auf einige kapitale Fehlimplikationen, zu denen er meines Erachtens insbesondere bei seiner Beurteilung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung kommt. Diese Fehlimplikationen freilich halte ich aus einer explizit männerrechtlichen Perspektive heraus für grundsätzlich behebbar, was seinen Ansatz in meinen Augen für eine Männerrechtsbewegung, die auf der Suche nach ihrem »gesellschaftlichen Ort« ist, attraktiv machen könnte. Dass der Autor sich mit einigen seiner Thesen weit aus dem Fenster lehnt, halte ich dabei für einen Vorzug, denn unangreifbar macht sich nur, wer sich entschlossen hat, erst gar nichts mehr zu riskieren.

Der Duden Wirtschaft der Bundeszentrale für politische Bildung definiert den Begriff der »Vollbeschäftigung« als »wirtschaftliche Situation, in der das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft ausreichend genutzt wird. Für den Arbeitsmarkt bedeutet dies z.B., dass der Beschäftigungsgrad hoch ist. Die Zahl der offenen Stellen in der Volkswirtschaft stimmt mit der Zahl der Arbeitssuchenden überein, d.h., alle arbeitswilligen Arbeitnehmer können einen zumutbaren Arbeitsplatz finden. (…) Vollbeschäftigung zählt zu den wichtigsten wirtschaftspolitischen Zielen.« Die Bundeszentrale verwahrt sich jedoch an anderer Stelle gegen die Schlussfolgerung, dies würde unter heutigen Bedingungen bedeuten, »dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht«. Vielmehr sei »die Zahl der jährlich gegen Bezahlung verrichteten Arbeitsstunden in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger konstant geblieben, ganz abgesehen davon, dass immer noch erhebliche Mengen unbezahlter Arbeit in Haushalt oder ehrenamtlicher Tätigkeit verrichtet werden. Vielmehr teilen sich zumindest in den letzten Dekaden immer mehr Erwerbspersonen das vorhandene Arbeitsvolumen.« Es ist im Kern diese These, zu der Hirschs Buch kritisch Stellung bezieht. Genau genommen befasst er sich mit dem Preis, den unsere Gesellschaften dafür bezahlen, das Ziel der Vollbeschäftigung auch weiterhin dadurch anzustreben, dass unter anderem das »vorhandene Arbeitsvolumen« auf »immer mehr Erwerbspersonen« aufgeteilt wird. Ein kritischer Artikel in der ZEIT vom März 2015 weist darauf hin, dass viele der seit 1993 geschaffenen Arbeitsplätze von geringer Qualität sind, Festanstellungen immer seltener werden, der Flexibilitätsdruck stetig zunimmt und insbesondere ein verlässliches Familienleben in der Mittelschicht dabei auf der Strecke bleibt. »Vieles erinnert an die Situation in den USA. Die Gutverdiener mit einem Einkommen ab 150.000 Dollar können sich ihre Jobs aussuchen. Die Mittelschicht dagegen rutscht zunehmend ab und verdrängt mit schlecht bezahlten Jobs die Unterschicht.« In den USA gab es in den 90er Jahren dazu einen Witz: »Die Regierung Clinton hat zwei Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen!« – »Ja – und ich habe vier davon!« Anders gesagt: eine Erwerbsarbeit zu haben, kann unter heutigen Bedingungen dennoch bedeuten, als »working poor« am oder unter dem Existenzminimum zu leben – immerhin ist auch dieser Begriff bei der Bundeszentrale für Politische Bildung bekannt.

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