Feministische Theoriewoche: Soziale Konstruktion der Geschlechter

Ich nehme in dem folgenden Blogpost eine Anregung von Christian auf, der die KW 17 zu einer »feministischen Theoriewoche« machen möchte, indem ich das von ihm für den 20. April vorgesehene Thema »Soziale Konstruktion der Geschlechter« aufgreife. Meiner Meinung eignet sich für dieses Thema die Diskussion von drei theoretischen Ausrichtungen, die miteinander in Zusammenhang stehen: die klassische Rollentheorie, die poststrukturalistische Theorie von Judith Butler und psychoanalytisch ausgerichtete Theorien. Ich möchte diese drei Ansätze in unterschiedlicher Ausführlichkeit unter einer bestimmten Leitfrage erörtern, nämlich, auf welche Weise in ihnen Geschlecht als »soziale Konstruktion« verstanden wird und jeweils das Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Biologie beschaffen ist.

A: Rollentheorie

Die Rollentheorie ist bei Chris erst kürzlich diskutiert worden, deshalb beschränke ich mich hier auf eine kurze Anmerkung.

Dass Rollen »sozial konstruiert« sind, steckt bereits in der Definition des Begriffs. Hier liegt das Problem in der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit: einerseits wird Männern von feministischer Seite vorgeworfen, sie würden bei veralteten Rollenmustern stehenbleiben, andererseits lösen Männer, die ihr Rollenverhalten tatsächlich überschreiten, erhebliche Ängste und Widerstände aus. Denn in der Praxis hat der feministische Vorwurf eine sehr spezifische Zwecksetzung: nicht, Männer zu »ändern«, sondern Männer unter moralischen Druck zu setzen, sich feministischen Forderungen zu unterwerfen. Denn der Feminismus beansprucht, allein definieren zu können, wie eine Änderung männlicher Rollen aussehen soll. Männer, die ihr Rollenverhalten nach ihren eigenen Kriterien und Bedürfnissen überschreiten, sind im Feminismus nicht erwünscht, denn sie durchbrechen die dort beanspruchte Definitionsmacht über Geschlechtsrollen. Insbesondere ist dort nicht erwünscht, dass Männer eine eigene historische Bilanzierung männlicher Rollen vornehmen, weil dies die einseitige feministische Opferbilanz zerstören würde. Ebensowenig ist erwünscht, dass feministische Ideologie auf die eigenen Widersprüche hingewiesen wird, die daraus entstehen, dass je nach Bedarf zwischen konstruktivistischen und essentialistischen Weiblichkeitsdefinitionen hin- und her geschaltet wird. Die Aussage, dass Geschlechtsrollen »sozial konstruiert« sind, ist daher unproblematisch.

B: Poststrukturalismus

Anders in der poststrukturalistischen Theorie insbesondere Judith Butlers – hier wird die Konstruktionsbehauptung tatsächlich auf das biologische Geschlecht ausgedehnt. Butlers zuerst 1990 in »Gender Trouble« (dt. 1991: »Das Unbehagen der Geschlechter«) entwickelte Ausgangsthese beginnt mit der homosexuellen Erfahrung, dass sich männliche und weibliche Verhaltensweisen nicht eindeutig auf männliche und weibliche Körper zuordnen lassen: »Setzen wir für einen Augenblick die Stabilität der sexuellen Binarität (binary sex) voraus, so folgt daraus weder, dass das Konstrukt ›Männer‹ ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch daß die Kategorie ›Frauen‹ nur weibliche Körper meint. (…) Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich.« (Butler 1991: 23)

Diese Aussage kann man noch auf einem rollentheoretischen Hintergrund lesen, insofern beispielsweise »tuntige« Verhaltensweisen als betont weibliche Verhaltensweisen eines biologischen Mannes bestimmt sind. Die Person ist biologisch ein Mann, ist aber von weiblichen Empfindungsweisen und Verhaltensdispositionen geprägt. Allerdings setzt diese Lesart voraus, dass sich ein Maßstab dessen, was als weibliche oder männliche Verhaltensdisposition und Empfindungsweise gilt, hinreichend klar bestimmen lässt. Eine Möglichkeit bestünde nun darin, sich hier auf eine Biologie der Geschlechter zu berufen, aber genau dieser Konsequenz möchte Butler aus dem Weg gehen: »Wenn man den unveränderlichen Charakter des Geschlechts bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens ›Geschlecht‹ vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität. Ja, möglicherweise ist das Geschlecht (sex) immer schon Geschlechtsidentität (gender) gewesen, so daß sich herausstellt, daß die Unterscheidung zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität letztlich gar keine Unterscheidung ist. Wenn also das ›Geschlecht‹ (sex) selbst eine kulturell generierte Geschlechter-Kategorie (gendered category) ist, wäre es sinnlos, die Geschlechtsidentität (gender) als kulturelle Interpretation des Geschlechts zu bestimmen.« (Butler 1991: 24)

Um diesen Gedanken plausibel zu machen, bezeichnet Butler das, was sich einfach als biologischer Tatbestand behaupten ließe, als »vordiskursive Gegebenheit«, und gemäß ihres durch Foucault und Lacan geprägten theoretischen Hintergrundes steht diese Gegebenheit im Verdacht, durch einen Diskurs »produziert« worden zu sein. »Die Geschlechtsidentität umfaßt auch jene diskursiven/kulturellen Mittel, durch die eine ›geschlechtliche Natur‹ oder ein ›natürliches Geschlecht‹ als ›vordiskursiv‹, d.h. als der Kultur vorgelagert …, hergestellt und etabliert wird. (…) Diese Produktion des Geschlechts als vordiskursive Gegebenheit muß umgekehrt als Effekt jenes kulturellen Konstruktionsapparats verstanden werden, den der Begriff ›Geschlechtsidentität‹ (gender) bezeichnet.« (Butler 1991: 24) Butler greift nun auf jenes Argument aus dem Kernbestand des Strukturalismus zurück, das zwischen intrinsischen und relationalen Eigenschaften unterscheidet: intrinsische Eigenschaften kommen einem Erkenntnisgegenstand unabhängig von seinen Beziehungen zu anderen Gegenständen zu, relationale Eigenschaften werden durch diese Beziehungen konstituiert. Diese Idee stammt ursprünglich aus der Linguistik eines der Väter des Strukturalismus, Ferdinand de Saussure, und beschreibt den Umstand, dass die Bedeutung von Zeichen durch die Abgrenzung von der Bedeutung anderer Zeichen zustandekommt. Wie sich an der Bedeutungsverschiebung von Vokabeln im Verlauf sprachlicher Entwicklung ablesen lässt, gibt es keine »intrinsischen« Eigenschaften eines Worts, die es auf ein bestimmtes Signifikat und eine bestimmte Bedeutung fixieren würden. Die einfachste Form einer relationalen Eigenschaft ist die binäre Opposition von Bedeutungen, die aus der wechselseitigen Ausschließung zweier Begriffe entsteht, wie zum Beispiel »männlich« und »weiblich«.

Dass Personen überhaupt nach Geschlecht kategorisiert werden, verweist Butler zufolge »auf die Grenzen einer diskursiv bedingten Erfahrung«, (Butler 1991: 27) die einer sprachlichen Ausschließungslogik folgen, welche aber wiederum durch soziale Macht abgesichert ist: »Diese Grenzen wurden stets nach Maßgabe eines hegemonialen kulturellen Diskurses festgelegt, der auf binäre Strukturen gegründet ist, die als Sprache der universellen, allgemeingültigen Vernunft erscheinen.« (Butler 1991: 27) Was Butler zufolge nun die sprachliche Struktur des Geschlechterdualismus mit der konkreten Erfahrung verbindet, ist die Struktur des »Begehrens«, die sie konsequenterweise aus einer »queeren« Position betrachtet: »Die heterosexuelle Fixierung des Begehrens erfordert und instituiert die Produktion von diskreten, asymmetrischen Gegensätzen zwischen ›weiblich‹ und ›männlich‹, die als expressive Attribute des biologischen ›Männchen‹ (male) und ›Weibchen‹ (female) verstanden werden.« (Butler 1991: 38) Mit anderen Worten: die Vorstellung eines biologischen Geschlechts entsteht aus der Regulierung des Begehrens durch ein System der »Zwangsheterosexualität«: »Die Instituierung einer naturalisierten Zwangsheterosexualität erfordert und reguliert die Geschlechtsidentität als binäre Beziehung, in der sich der männliche Term vom weiblichen unterscheidet. (…) Die taktische Produktion der diskreten binären Kategorisierung des Sexus verschleiert gerade die strategischen Ziele dieses Produktionsapparates, indem sie den ›Sexus‹ (sex) als ›Ursache‹ der sexuellen Erfahrung, Verhaltensweisen und des Begehrens darstellt.« (Butler 1991: 46 f.)

Auf diese Weise hebt Butler zwar nicht den anatomischen Geschlechtsunterschied auf, schlägt aber den gesamten Bereich der geschlechtsspezifischen Erfahrung einer diskursiven und damit kulturellen Prägung zu. Nicht natürliche Dispositionen, sondern ein institutionalisierter »Produktionsapparat« ist für den Inhalt der geschlechtsspezifischen Erfahrung zuständig. In »Bodies that Matter« (1993) bestätigt Butler diese Sichtweise noch einmal ausdrücklich: »Das ›soziale Geschlecht‹ [gender] läßt sich danach keineswegs weiterhin als kulturelles Konstrukt verstehen, das der Oberfläche der Materie, und zwar aufgefaßt als ›der Körper‹ oder als dessen gegebenes biologisches Geschlecht, auferlegt wird. Vielmehr läßt sich, sobald das ›biologische Geschlecht‹ selbst in seiner Normativität verstanden wird, die Materialität des Körpers nicht länger unabhängig von der Materialisierung jener regulierenden Norm denken. Das ›biologische Geschlecht‹ ist demnach nicht einfach etwas, was man hat, oder eine statische Beschreibung dessen, was man ist: Es wird eine derjenigen Normen sein, durch die ›man‹ überhaupt erst lebensfähig wird, dasjenige, was einen Körper für ein Leben im Bereich kultureller Intelligibilität qualifiziert.« (Butler 1997: 22) Butler vertritt also eine sehr weitreichende Theorie kultureller Prägung: »Die Materie der Körper wird neu gefaßt als die Wirkung einer Machtdynamik, so daß die Materie der Körper nicht zu trennen sein wird von den regulierenden Normen, die ihre Materialisierung beherrschen, und von der Signifikation dieser materiellen Wirkungen.« (Butler 1997: 22) Lars Distelhorst hat diese These in seiner Einführung in Butlers Werk mit Kants Unterscheidung von den »Dingen an sich« und den »Erscheinungen« analogisiert: »Das biologische Geschlecht ist vielmehr das, was sich in seinem An-Sich-Sein immer entzieht, da es nur über einen stets kulturell geprägten Diskurs verstanden werden kann und sich dadurch im Augenblick der Auseinandersetzung immer schon in gender verwandelt hat. Es ist möglich, zwischen sex und gender zu unterscheiden, jedoch nur, wenn eingeräumt wird, dass die wesentliche Eigenschaft der Kategorie sex darin besteht, sich jedem Zugriff zu entziehen. (…) Es geht nicht mehr darum, zu klären, wie sich sex und gender zu einander verhalten, sondern darum, in welcher Weise sex lesbar gemacht wird«. (Distelhorst 2009: 27)

Diese Textexegese ließe sich noch länger fortsetzen, ohne Butler schwerwiegende Inkonsistenzen ihres Modells nachzuweisen, und zumindest der geneigte soziologische Leser kann dem eloquenten Fortgang der Argumentation mit einiger Faszination folgen. Aber gerade darum stellt sich, je länger man dies tut, immer drängender die Frage, wo in diesen Texten eigentlich der Konstruktionsfehler versteckt ist. Denn dass Butler unsere Alltagsintuitionen vor den Kopf stößt, dürfte außer Frage stehen, aber dies allein kann kein Kriterium sein, um ihr Modell zu verwerfen. Tatsächlich steckt der Fehler nicht in dem, was der Text aussagt, sondern darin, wovon er schweigt. Denn zum Verblüffendsten an Butlers Kritik zählt m. E. das vollständige und durchgängige Ausblenden naturwissenschaftlichen Wissens, sowohl in Bezug auf Wissenschaftsmethodiken als auch auf empirische Befunde. Während auf die »philosophische() Tradition, die mit Platon beginnt und sich mit Descartes, Husserl und Sartre fortsetzt« (Butler 1991: 31) zumindest noch Bezug genommen wird, scheint eine Naturwissenschaft wie die Biologie schlicht inexistent zu sein. Angesichts der Relevanz und Mit-Zuständigkeit der Biologie für eine Anthropologie der Geschlechter fällt es schwer, in dieser Ignoranz nur eine Nachlässigkeit zu sehen. Es spricht mehr dafür, sie für einen Akt der Verdrängung zu halten. Wann immer Butler von »Natur« spricht, erfolgt dies in einem Kontext, in dem von einer Naturalisierung des Kulturellen oder einer künstlichen Unterscheidung von Natur und Kultur die Rede ist. »Daß Materie immer etwas zu Materie Gewordenes ist, muß meiner Meinung nach mit Bezug auf die produktiven und eben auch materialisierenden Effekte von regulierender Macht im Foucaultschen Sinne gedacht werden. (…) Durch welche regulierenden Normen wird das biologische Geschlecht selbst materialisiert? (…) Als die sedimentierte Wirkung einer andauernd wiederholenden oder rituellen Praxis erlangt das biologische Geschlecht seinen Effekt des Naturalisierten«. (Butler 1997: 32) Alle »Natur« erscheint als ein Produkt von Diskursen, aber der eigentliche, wissenschaftliche Diskurs der Biologie scheint sich nicht in der erlauchten Gesellschaft dieser Diskurse zu befinden. Er ist nicht einfach unsichtbar, sondern wird durch lautstarkes Beschweigen unsichtbar gemacht. Es gibt im Poststrukturalismus eine feministische Matrix diskursiver Macht, in der die empirische Naturwissenschaft ausgegrenzt und negiert wird.

Hier zeigt sich nun, dass der feministische Diskurs Butlers selbst die Eigenschaften hat, Diskursmacht auszuüben, Ausschlüsse zu produzieren und Normativität zu generieren: der Diskurs der wissenschaftlichen Biologie ist »anathematisch« abwesend, er ist mit einem Tabu belegt und ins Reich des Vergessens gebannt. Seine Exklusion ist eine implizite Voraussetzung der Butlerschen Kritik – sie ist aber insofern folgerichtig, als die Frage nach dem Status des naturwissenschaftlichen Wissens ins Zentrum der männlichen Identifikation mit dem Objektiven führt. Simone de Beauvoir hatte eine Identifizierung des Männlichen mit dem Universellen kritisiert – in den Worten Butlers: »In der existenzialistischen Analyse der Mysogynie (sic!) von Beauvoir ist das Subjekt immer schon als männliches bestimmt, das mit dem Universellen verschmilzt und sich selbst von einem weiblichen Anderen abhebt, das seinerseits außerhalb der universalistischen Normen der Persönlichkeit steht … . Beauvoirs Analyse wirft also implizit die Frage auf, durch welchen Akt der Negation und Verleugnung sich die Männlichkeit als entleiblichte Universalität darstellt und die Weiblichkeit als verleugnete Körperlichkeit konstituiert wird.« (Butler 1991: 30 f.) Die feministische Kritik auch Butlers entsorgt nun aber mit dem männlichen Anspruch auf Verkörperung des Objektiven die Idee des Objektiven gleich mit: der Poststrukturalismus kennt nur noch kämpfende Diskurse.

Und dieser Umstand bietet einen Schlüssel zum Verständnis der feministischen Verkennung, wie sie beispielsweise in den Texten Butlers vorliegt: auch Judith Butler bewegt sich, wenn sie ein Telefon benutzt oder in einem Flugzeug nach Europa fliegt, in einer Welt, die sich mit naturwissenschaftlichen Mitteln der hinreichenden Objektivität der für Flug und Datenübertragung grundlegenden Sachverhalte vergewissert hat. Die ingenieurtechnische Formel, die eine Boeing in der Luft hält, ist etwas anderes als bloß Teil eines »machtgeprägten Diskurses«, und sie wird immer noch in der überwiegend männlich geprägten Welt der Ingenieure entwickelt. Diese Aussage mag wie ein billiges Auftrumpfen erscheinen, verweist aber tatsächlich auf Voraussetzungen poststrukturalistischer Diskurse, die diesen verloren gegangen sind. »Männlicher« Universalismus und »männliche« Objektivität repräsentieren einen Realitätsindex, der von feministischen Diskursen uneingestandenermaßen als regenerierbare Ressource konsumiert wird. Diese Tatsache scheint vernachlässigbar, solange es sich nur um Telefone und Flugzeuge handelt – tatsächlich aber sind alle Wissensgehalte davon betroffen, die mit den methodischen Mitteln der Naturwissenschaften »produziert« werden – darunter auch das Wissen vom biologischen, geschlechtlichen menschlichen Körper. Wenn Flugzeuge gemäß objektiver Gesetze fliegen und Telefone gemäß objektiver Gesetze Daten übertragen, dann kann auch nicht a priori ausgeschlossen werden, dass geschlechtliche Körper gemäß objektiver Gesetze funktionieren und geschlechtlich sind. Der Diskurs, der dies konstatiert, ist daher nicht einer unter vielen, sondern hat einen besonderen Status, der sich nur um den Preis eines performativen Selbstwiderspruchs in Abrede stellen lässt. Was das konkret bedeutet, sehen wir, wenn wir uns am Beispiel psychoanalytischer Geschlechtertheorien mit einer dritten Ebene der »sozialen Konstruktion des Geschlechts« befassen.

C: Psychoanalyse

Die psychoanalytischen Theorien haben den Vorteil, dass man an ihnen die Entwicklung des Verhältnisses zu den Naturwissenschaften sowohl »genealogisch« als auch systematisch studieren kann. Dies ist der Fall, weil die Psychoanalyse einerseits eine Kulturtheorie enthält, zugleich aber die Frage ihres Status als Naturwissenschaft im Zentrum des Selbstverständnisses der Disziplin niemals gänzlich untergegangen ist. Man kann dies am Beispiel des Freudschen Drei-Instanzen-Modells von »Ich«, »Es« und »Über-Ich« erläutern: das »Ich« ist diejenige Instanz der Person, die zwischen den Anforderungen der Gesellschaft an das Individuum, welche als »kulturelle Repräsentanzen« im Über-Ich vorliegen, und den spontanen Triebregungen des »Es«, in welchen die menschliche Natur zum Ausdruck kommt, eine Vermittlung herstellen muss. Insoweit sich die Psychoanalyse mit dem Einfluss dieser »kulturellen Repräsentanzen« auf das Ich befasst, ist sie Kulturtheorie, insoweit sie den Apparat der Antriebe zu modellieren sucht, ist sie Naturwissenschaft. Dieses Verhältnis prägt die Psychoanalyse von Anfang an – in den Worten Paul Ricœurs: »Die Schriften von Freud präsentieren sich von Anfang an als eine gemischte, sogar zwiespältige Rede, die bald Aussagen über – einer Energetik unterworfene – Kräftekonflikte macht, bald Aussagen über – einer Hermeneutik unterworfene – Sinnbeziehungen.« (Ricœur 1974: 79) Tatsächlich hat Freud die von ihm angestrebte »dynamische Psychologie« ursprünglich als Neurophysiologie entwerfen wollen. Ein entsprechendes Manuskript aus dem Jahre 1895 wurde zu Freuds Lebzeiten jedoch nicht publiziert, da die experimentellen Möglichkeiten der Neurowissenschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts völlig unzureichend waren, weshalb Freud sein Konzept nicht weiter verfolgte. Er hatte auch keine Möglichkeit zu erkennen, dass das von ihm angestrebte »Energieverteilungsmodell« durch ein Informationsverarbeitungsmodell abgelöst werden musste.

Statt dessen rückte – spätestens legitimiert durch Freuds »Traumdeutung« von 1905 – eine Rezeption der Psychoanalyse als Hermeneutik ins Zentrum. Für die klinische Praxis war die Positionierung in dieser Frage zwar nicht entscheidend, aber faktisch gewannen gesprächszentrierte Therapieformen nicht nur bei der Behandlung von »leichten« neurotischen Störungen an Terrain, sondern bis in die 60er Jahre hinein auch innerhalb der klinischen Psychiatrie für die Behandlung psychotischer Störungen, wobei unter anderem ein Modell prominent wurde, das schizophrene Erkrankungen als Resultat systematisch verzerrter Kommunikationsprozesse auffasste. Erst seit den 60er Jahren geriet die Psychoanalyse mit der Weiterentwicklung der Psychopharmaka und der allmählich Fahrt aufnehmenden neueren Hirnforschung wieder ins Hintertreffen. Für unsere Zwecke ist aber die wissenschaftstheoretische Deutung der Psychoanalyse als Hermeneutik zentral, und hier wurde ein Abschnitt aus Jürgen Habermas‚ »Erkenntnis und Interesse« international einflussreich, in dem dieser beanspruchte, die Psychoanalyse eindeutig und endgültig für die hermeneutische Sichtweise zu vereinnahmen, indem er Freud ein »szientistisches Selbstmißverständnis« nachzuweisen versuchte. Diese Habermassche Lesart stellt eine wichtige Weichenstellung dar: sie war einerseits überaus erfolgreich und kategorisierte für alle sich im engeren oder weiteren Sinne als »Kritische Theorie« verstehenden Richtungen jedes naturwissenschaftliche Verständnis der menschlichen Psyche als »Positivismus«. Zugleich war sie aber, wie Adolf Grünbaum 1988 in »Die Grundlagen der Psychoanalyse« nachgewiesen hat, eklatant falsch und in erster Linie ein Zeugnis für Habermas‘ völlig unzureichendes Naturwissenschaftsverständnis. Habermas ist schließlich von Freud zu Piaget weitergezogen und hat seine Version der Kritischen Theorie damit auf ein sehr viel solideres Fundament gestellt, aber seine strikt hermeneutische Lesart von Freud ist ebenso wie sein Positivismusvorwurf zurückgeblieben wie das Grinsen der Grinsekatz.

Wo sich feministische Theorien psychoanalytischer Modelle bedienen, wie bei Nancy Chodorow (»The Reproduction of Mothering«/»Das Erbe der Mütter«) oder Christa Rohde-Dachser (»Expedition in den dunklen Kontinent«), tun sie dies mit einem kulturalistischen Vorverständnis, wobei sich Rohde-Dachser ausdrücklich auf Alfred Lorenzer bezieht, der in den 70er Jahren eine neue Synthese von Psychoanalyse und Marxismus zu formulieren suchte und Habermas‘ wichtigster Gewährsmann für Freud gewesen ist. Feministische psychoanalytische Modelle können sich zudem auf die mit den großen weiblichen Psychoanalytikern Melanie Klein, Karen Horney und Frieda Fromm-Reichmann bereits früh zu Prominenz gelangte Objektbeziehungstheorie berufen, die die besondere Rolle von Müttern für die Entwicklung des kindlichen Selbst herausstellen. Diese feministischen Adaptionen der Psychoanalyse gehen ihrerseits von einer sehr tiefgehenden Prägung des Menschen durch Sozialisationsprozesse aus, in denen natürliche Prädispositionen kaum vorkommen. Vereinfacht gesagt bestehen geschlechtstypische Prägungen hier in tiefenpsychologischen Umsetzungen, Verankerungen und »Naturalisierungen« von Rollenmustern, es handelt sich sozusagen um Rollentheorie mit psychologischer Tiefendimension.

Diese Modelle haben sich damit freilich auch das Problem eingehandelt, dass sie sich nicht von dem Mitte der sechziger Jahre einsetzenden Bedeutungsverfall der Psychoanalyse und der sich zusehends verschärfenden Kritik an ihr abkoppeln können. Dies betrifft auch den Status der Psychoanalyse als Kulturtheorie und damit das Übergangsfeld von »innerer Natur« und Kultur im Menschen. Und hier kommt als vorläufig letzter zu nennender Kritiker Eric Kandel ins Spiel (vgl. »Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes«): Kandel hat die Psychoanalyse systematisch aus einer modernen neurophysiologischen Perspektive kritisiert, ohne sie dabei völlig zu verwerfen – im Gegenteil: er sieht heute die Chance gegeben, dass die Psychoanalyse zumindest ihre empirisch bewährten Befunde in den Rahmen einer erneuten, naturwissenschaftlich fundierten Neurophysiologie einfügt und damit die ursprüngliche Idee Freuds aus den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wieder zur Geltung bringt.

Mit dieser stark komprimierten Bestandsaufnahme zur psychoanalytischen Theorie und ihrer Version einer »Konstruktion des Geschlechts« möchte ich vor allem eines deutlich machen: anders als das feministische Selbstverständnis vorsieht, steht eine strikt kulturalistische Theorie der menschlichen Geschlechtsidentität noch vor jeder Bezugnahme auf neuere evolutionspsychologische und evolutionsbiologische Modelle auf tönernen Füßen. Die feministische Kaiserin ist ideengeschichtlich bereits nackt, bevor diese Theorien an die Tür klopfen, weil die für sicher gehaltene ideologische Abgrenzung gegen naturwissenschaftliche, biologische Erklärungsansätze niemals, zu keiner Zeit, auf soliden Fundamenten stand. Dies bedeutet auf der anderen Seite nicht, dass kulturelle und hermeneutische Modelle der Neurophysiologie und Evolutionspsychologie gänzlich das Feld zu räumen hätte, es bedeutet aber, dass Theorien menschlicher Geschlechtsidentität aller Voraussicht nach in Zukunft nach einem Grundschema von »interpretierter innerer Natur« gebildet werden müssen. Da sich insbesondere eine konsequent poststrukturalistische Geschlechtertheorie auf diese Weise nicht mehr halten lässt, ist eine kritische Geschlechtertheorie wieder auf das verwiesen, was die Soziologie seit Jahrzehnten zuverlässig anbieten kann: die klassische Rollentheorie.

LITERATUR:

–    Butler, Judith (1991), Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

–    Butler, Judith (1997), Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

–    Chodorow, Nancy J. (1978, 1999), The Reproduction of Mothering. Psychoanalysis and the Sociology of Gender. Berkeley – Los Angeles – London: University of California Press

–    Distelhorst, Lars (2009), Judith Butler. Paderborn: Wilhelm Fink (UTB)

–    Grünbaum, Adolf (1988), Die Grundlagen der Psychoanalyse. Eine philosophische Kritik. Stuttgart: Reclam

–    Habermas, Jürgen (1973), Erkenntnis und Interesse. Mit einem neuen Nachwort. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

–    Kandel, Eric R. (2008), Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes. Mit einem Vorwort von Gerhard Roth. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

–    Ricœur, Paul (1974), Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

–    Rohde-Dachser, Christa (2003, 22011), Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial-Verlag

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16 Kommentare zu „Feministische Theoriewoche: Soziale Konstruktion der Geschlechter“

  1. Vll sollte man klar machen:

    „Diese Habermassche Lesart stellt eine wichtige Weichenstellung dar: sie war einerseits überaus erfolgreich und kategorisierte für alle sich im engeren oder weiteren Sinne als »Kritische Theorie« verstehenden Richtungen jedes naturwissenschaftliche Verständnis der menschlichen Psyche als »Positivismus«“

    Das gilt ausdrücklich nicht für die kritische Theorie im engeren Sinne nach Adorno und Horkheimer. Ich erwähne das nur, weil hier sicher viele mitlesen, die mit Habermas Rolle innerhalb der kritischen Theorie nicht vertraut sind. Die von Adorno vertretene Position deckt sich ziemlich genau mit dem zuvor ausgeführten:

    „Dies ist der Fall, weil die Psychoanalyse einerseits eine Kulturtheorie enthält, zugleich aber die Frage ihres Status als Naturwissenschaft im Zentrum des Selbstverständnisses der Disziplin niemals gänzlich untergegangen ist. Man kann dies am Beispiel des Freudschen Drei-Instanzen-Modells von »Ich«, »Es« und »Über-Ich« erläutern: das »Ich« ist diejenige Instanz der Person, die zwischen den Anforderungen der Gesellschaft an das Individuum, welche als »kulturelle Repräsentanzen« im Über-Ich vorliegen, und den spontanen Triebregungen des »Es«, in welchen die menschliche Natur zum Ausdruck kommt, eine Vermittlung herstellen muss. “

    (vgl. http://de.scribd.com/doc/80494303/Adorno-Revidierte-Psychoanalyse-GS-8#scribd)

  2. Erst mal vorweg ein Hinweis zu Kant – möglicherweise könnt ihr das nicht wissen:

    „Lars Distelhorst hat diese These in seiner Einführung in Butlers Werk mit Kants Unterscheidung von den »Dingen an sich« und den »Erscheinungen« analogisiert.“

    Das ist außergewöhnlch falsch und wirft kein gutes Licht auf Disttelhorst.

    Kant hat sich damit beschäftigt, welche Eigenschaften des Bewußtseins eine Rolle spielen für die Entstehung einer Erfahrung. „Erfahrung“ wird nicht im Sinne von „Wahrnehmung“ gebraucht, sondern sie ist ein Resultat der Funktionsweise des Bewußtsein, das von Wahrnehmungen angeregt wird. Kant formiuliert das so, daß die Mannigfaltigkeit der Apprehension (Wahrnehmungen) gemäß der reinen Apperzeption angeordnet (in Raum und Zeit) und gemäß den tranzendentalen Kategorien in Urteilen dem Bewußtsein präsentiert wird (was zur Folge hat, daß wir Eigenschaften von Gegenständen prädizieren, was wir dann als Erfahrung im Alltag vorfinden). So ist z.B. der Kausalsatz eine Zutat des Bewußtseins zur Erfahrung, nicht eine Eigenschaft der Natur. Letzteres hat zur Folge, daß der Mensch nicht determiniert und daher moralisch veantwortlich ist. Ok? Kant denkt über Erkenntnis in Form von Vorstellungen nach. Statt „Vorstellung“ sagen wir heute mentale Repräsentation,“Vorstellung“ war DER Grundbegriff der neuzeitlichen Philosophie. Kant verfügte in keiner Weise über die Art von Reflexion über den Gebrauch der Worte, die Butler haben konnte, weil sie ich auf Foucault stütze, der irrigerweise glaubte, als erster die Rolle de Sprache für die Erzeugung des Wissen entdeckt zu haben – tatsächlich war er 80 Jahre zu spät.

    Butler kümmert sich nicht um die metaphysischen Eigenschaften des Bewußtseins, was immer Inhalt des Bewußtseins ist, wird ihrer Ansicht nach durch die Verwendung der Sprache vorgegeben, für Kant wäre es genau umgekehrt. Damit ist Butler Antirealistin, Kant war Aufklärer und Transzendentalphilosoph, er versuchte, den Rationalismus Descartes und den Empirismus Humes zu verbinden. Sprache war für ihn Belanglos.

    „Dinge an sich“ ist übrigens keine kantische Formulierung, es heißt „Dinge an sich selbst betrachtet“. Sie sind für Kant von jeder möglichen Erfahrung getrennt, wir können kein Wissen von ihnen haben. Bei Butler ist das anders. Ihre These ist, daß Körper uns durch eine von falschen Machbeziehungen gereinigten Sprache sehr wohl anders zugänglich sind, wir anders über die denken und andere Aussagen von ihnen machen werden – solche, die irgendwie besser sind. Das würde Kant niemals sagen, es käme ihm absurd vor.

  3. Nach wie vor halte ich weniger die Biologievergessenheit des Konstruktivismus für das Problem, sondern die Unterscheidung zwischen offensichtlichen Fällen, in denen der Konstruktivismus richtig liegt – wie z.B. im Fall von Geld oder dem Aktienkurs – und Fällen, wo er falsch liegt wie z.B. der Konstruktion von Geschlechtern oder von Lebensformen infolge von sexuellen Neigungen.

    So wie es aussieht, wird die Diskussion auf AllesEvolution zur dieser Grenze ebenfalls nichts Erhellendes bringen, obwohl El_Mocho deutlich darauf hingewiesen hat.

    Diesee Grenze zu finden, wird in der Geschlechterdebatte eine Rolle spielen. Biologismus ist dort ungefähr so pupulär wie Nationalsozialismus.

    1. @Elmar:

      Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass Distelhorst verzweifelt versucht, Butlers nur sehr umständlich vermittelbare Position auf eine einigermaßen bekannte Idee abzubilden. Dass Kants Transzendentalphilosophie mit Butlers strukturalistischer Sprachphilosophie eigentlich keine Übereinstimmungen hat, sehe ich auch so.

      Eine »Biologievergessenheit« würde ich konstruktivistischen Positionen nicht pauschal vorwerfen – das würde ich tatsächlich primär der poststrukturalistischen Variante anlasten.

      Den Unterschied zwischen »offensichtlich richtigen« und falsch plazierten konstruktivistischen Ansprüchen habe ich der Intention nach zwischen Rollentheorie und Poststrukturalismus ansetzen wollen. An der Psychoanalyse arbeite ich mich noch ein Weilchen ab, weil diese Theorie im 20. Jahrhundert äußerst einflussreich geworden ist und zugleich einen Gegenstandsbereich beschreibt, der Terrain auf beiden Seiten der Scheidelinie von »Natur« und »Kultur« umfasst: in gewissem Sinne finden wir auch hier die Unterscheidung zwischen zutreffenden und verfehlten konstruktivistischen Erklärungsansprüchen.

  4. Ist ja echt nett, dass du Butler dem interessierten Leser (wie mir) näher gebracht hast!

    Mein Urteil (über Butler!) fällt aber vernichtend aus:
    die Schreibe Butlers ist eine unglaublich aufgeblasene pseudointellektuelle Wichtigtuerei, die auf höchst unsympathische, unlogische und sophistischste Weise versucht, dem Leser das Offensichtliche auszureden, nämlich die eigentlich offensichtliche (!) Existenz der beiden Geschlechter.

    Butler versucht ihren Leser intellektuell zu betrügen, wie hier:

    Butler (aus dem Text oben zitiert):
    »Die Geschlechtsidentität umfaßt auch jene diskursiven/kulturellen Mittel, durch die eine ›geschlechtliche Natur‹ oder ein ›natürliches Geschlecht‹ als ›vordiskursiv‹, d.h. als der Kultur vorgelagert …, hergestellt und etabliert wird. (…) Diese Produktion des Geschlechts als vordiskursive Gegebenheit muß umgekehrt als Effekt jenes kulturellen Konstruktionsapparats verstanden werden, den der Begriff ›Geschlechtsidentität‹ (gender) bezeichnet.« (Butler 1991: 24)

    Sie behauptet hier, dass zum Begriff „Geschlechtsidentität“ auch das „Geschlecht“ gehören würde.
    Und zwar deshalb, weil vor ihrer bahnbrechenden Neuerfindung ihrer Denk-Kultur (die sie arrogant als „kulturellen Konstruktionsapparat“ bezeichnet) alle Begriffe und alles Wissen als „vordiskursive Gegebenheit“ abgetan („Produktion“) werden muss, kann oder darf.

    Für mich eine besonders üble „Erschleichung des Beweisgrundes“ (wie Schopenhauer das genannt hätte – man stellt eine Behauptung auf, in der das zu beweisende Element schon enthalten ist), bzw. ein tautologisches Betrugsmanöver, das wahrscheinlich den Begriff „Geschlecht“ aus der biologischen Wissenschaft beiseite räumen soll.

    Weiterhin kommt es mir so vor, als sei Butlers Argumentationsart der Versuch einer brutalen Gehirnwäsche des Lesers! Wohl das passende Handwerkszeug für die geistigen Gralshüter einer totalitären Ideologie.

    Im übrigen bin ich der Meinung, die (biologischen) Geschlechtsunterschiede beim Menschen sind lächerlich gering (verglichen mit anderen Arten), dafür aber kulturell stark mit Bedeutung aufgeladen worden.
    Die völlige Verleugnung des faktischen Geschlechtsunterschieds, die dann absurderweise weiter gesponnen werden darf, dahingehend es gäbe beliebig viele Geschlechter, ist natürlich eine besonders extreme Form dieser kulturellen Aufladung, aber dem Irrationalismus sind halt keine Grenzen gesetzt….

    1. @EasyAl:

      »… eine unglaublich aufgeblasene pseudointellektuelle Wichtigtuerei, die auf höchst unsympathische, unlogische und sophistischste Weise versucht, dem Leser das Offensichtliche auszureden …«

      Ja, Deinen Ärger kann ich gut nachvollziehen! 🙂 Der Witz ist bloß: wer mal im Sud des französischen Strukturalismus auf kleiner Flamme gargekocht wurde, dem fällt so etwas überhaupt nicht mehr auf – die merken nicht mehr, dass das arrogant ist. Ich kann Foucault inhaltlich noch etwas abgewinnen, weil er sich immerhin ausführlich an historischem Material abarbeitet, aber bei Leuten wie Baudrillard, Deleuze und Derrida habe ich noch nie verstanden, was die eigentlich wollen. Im Vegleich zu denen finde ich Butler fast noch gemäßigt.

      Ich bin sogar der Meinung, dass die akademische Philosophie solche Denk- und Sprachexperimente durchführen dürfen soll – nur muss man, wie bei jedem Experiment, irgendwann in Betracht ziehen, ob man es nicht besser für gescheitert erklärt. Und das können wir heute offenbar nur noch auf politischem Wege tun.

      1. zum Glück wohl habe ich mir den Strukturalismus nicht reingetan 😉 Ich glaube aber gerne, daß auch dort etwas zu gewinnen wäre, wie du ja schreibst. Auch hätte ich wirklich Verständnis für im Ergebnis vielleicht „sinnlose“ Sprachexperimente oder Spekulationen. Aber was mich bei dieser Butler wirklich nervt, ist, daß sie gar nichts beweist oder ergründet, sondern einfach „Geschlecht“ als Teil von „Geschlechtsidentität“ definiert und dann mit ihrem neuen Begriff in Bezug auf „Geschlecht“ natürlich machen kann was sie will. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dies die übliche Vorgehensweise im Strukturalismus ist?!?
        „…ob man es nicht besser für gescheitert erklärt. Und das können wir heute offenbar nur noch auf politischem Wege tun.“
        Kann eigentlich nicht sein, denn eine Überwindung geistiger Elaborate kann nur intellektuell, nicht politisch erfolgen. Du meintest wahrscheinlich die ganz praktischen Konsequenzen aus dieser Lehre…. Hoffentlich erledigt sich das von alleine 🙂

    2. „ein tautologisches Betrugsmanöver“

      Dieser Gedanke kam mir auch in den Sinn: Indem Butler kurzerhand alle biologischen Einflüsse auf menschliches Verhalten totschweigt bzw. damit äquivalent wissenschaftstheoretisch die biologischen Einflüsse auf das Sozialverhalten für irrelevant erklärt, kommt am Ende ihrer Theorie heraus, daß die Biologie bei der Konstruktion von Geschlechtern und deren Verhalten keine Rolle spielt. Wie überraschend! Die Voraussetzung ihrer Theorie wird nachträglich zum Korollar umetikettiert.

      Damit das niemandem auffällt, ist eine hinreichend komplizierte und unverständliche Darbietung zwingend erforderlich. Am besten geht das durch Benutzung mehrdeutiger oder unscharfer Begriffe, die am Ende ausgeweitet werden auf Bereiche, die vorher ausgeblendet wurden.

      1. Man sollte natürlich prüfen, ob das Butler-Zitat oben tatsächlich die entscheidene Erklärung ist, wie sie mit dem Begriff „Geschlecht“ umgeht.

        Dann allerdings sollte logisch gelten: „Volltreffer, versenkt“.

        In lockerem Bezug auf @elmardietrichs fühle ich mich zu einem ganz tiefen Kotau vor Kant hingerissen!
        Wie er im Eingang der „Kritischen Vernunft“ herausstellt, ist die Logik (A=A und A ungleich B) unsere einzige, unbestreitbare Erkenntnis a priori, also unverhandelbar.

    3. @djadmoros

      Reflektierter, informativer Artikel zum Thema. Hab ihn gern gelesen. Danke für die Arbeit, die dahinter steckt!

      @EasyAl

      „die Schreibe Butlers ist eine unglaublich aufgeblasene pseudointellektuelle Wichtigtuerei, die auf höchst unsympathische, unlogische und sophistischste Weise versucht, dem Leser das Offensichtliche auszureden, nämlich die eigentlich offensichtliche (!) Existenz der beiden Geschlechter.“

      Und auch

      „Für mich eine besonders üble “Erschleichung des Beweisgrundes” (wie Schopenhauer das genannt hätte – man stellt eine Behauptung auf, in der das zu beweisende Element schon enthalten ist), bzw. ein tautologisches Betrugsmanöver, das wahrscheinlich den Begriff “Geschlecht” aus der biologischen Wissenschaft beiseite räumen soll.“

      Yup.

      Danke für diese Zeilen.

  5. @djad: zur „Psychoanalyse“ bemerkst du:

    „… die Frage ihres Status als Naturwissenschaft im Zentrum des Selbstverständnisses der Disziplin niemals gänzlich untergegangen ist. “

    Nun, daß die Vertreter der Psychologie ihr System gern als „Wissenschaft“ bzw „Naturwissenschaft“ etablieren würden, ist natürlich nachvollziehbar. Doch hier scheint es lediglich zahlreiche Systeme, die miteinander konkurrieren, zu geben… Ist da eine „zentrale Hypothese“, die die Psychologie (die Psychoanalyse würde ich als eine Methode derselben ansehen) zu bieten hat – das notwendige Merkmal einer Naturwissenschaft? (Wie die Evolution, die die Biologie zur Wissenschaft macht)

    zur Methode der Psychoanalyse:
    „….insoweit sie den Apparat der Antriebe zu modellieren sucht, ist sie Naturwissenschaft.“

    Bestenfalls gibt die Psychoanalyse sich hier naturwissenschaftlich. Das macht sie aber längst nicht zur Naturwissenschaft (die nur durch eine zentrale Hypothese begründet wird) und enthebt sie übrigens auch nicht des Verdachts der Pseudowissenschaftlichkeit.

    „…. steht eine strikt kulturalistische Theorie der menschlichen Geschlechtsidentität noch vor jeder Bezugnahme auf neuere evolutionspsychologische und evolutionsbiologische Modelle auf tönernen Füßen.“
    Modelle kannst du vergessen. Es geht in der Wissenschaft (und nur die muss man erstnehmen, wenn es um das Funktionieren des Menschen und seines Kopfinhalts) nur um Theorien, die mit eindeutigen Fakten begründet sind. Da wir ja nicht einmal verstehen, wie Gedächnis funktioniert (und ich meine hier auf molekularer Ebene), dürfte das noch ewig lange dauern, bis soetwas wie eine biologische Psychologie oder gar die Ergründung der Geschlechtsidentität überhaupt denkbar ist. Warum sollten dann „kulturalistische Theorie der menschlichen Geschlechtsidentität“ keine Chance haben? Vor allen weil ja keinesfalls klar ist, daß eine (echte) biologische Begründung der Geschlechtsidentität je möglich sein wird.

    „….was die Soziologie seit Jahrzehnten zuverlässig anbieten kann: die klassische Rollentheorie.“
    Wie die Theorie vom Gynozentrismus, wie er von Wright entworfen wird, der seit dem Mittelalter bestehen soll? (http://gynocentrism.com/), finde ich sehr spannend.

    1. @EasyAl:

      »Naturwissenschaftlich« ist Psychologie (und Psychoanalyse) dann, wenn sie auf Beobachtungen beruhende Modelle über regelmäßige oder gesetzmäßige Kausalzusammenhänge der menschlichen Psyche zu erstellen versucht. Insofern Freud versucht hat, einen »psychischen Apparat« in diesem Sinne zu modellieren, ist er Naturwissenschaftler und hat sich selbst auch als ein solcher verstanden. Diese Vorgehensweise muss Deutungsverfahren nicht ausschließen, sollte die Resultate von Deutungen aber mit den klinischen Beobachtungen abgleichen.

      In die Kritik ist die Psychoanalyse, soweit sich sehe, aus zwei Gründen geraten: zum einen gab/gibt es Psychoanalytiker, die sich auf reine Deutungsarbeit zurückziehen und den naturwissenschaftlichen Anspruch gar nicht erst erheben – hier stellt sich die Frage, nach welchen Gütekriterien sich psychoanalytische Therapie dann überhaupt absichern lässt.

      Zum anderen trifft die Frage nach der systematischen Überprüfbarkeit auch eine Psychoanalyse mit naturwissenschaftlichem Anspruch: aus Mangel an Experimenten und Kontrolltechniken zur Bewertung der Verfahren. Das Kriterium einer »zentralen Hypothese« scheint mir aber nicht grundsätzlich unerfüllbar – sofern sich die Psychoanalyse, wie Kandel das fordert, auf die moderne Neurophysiologie einlässt. Dann wäre die zentrale Hypothese, dass sich für jeden psychologischen Mechanismus ein neurophysiologisches Korrelat im Gehirn angeben lässt – nicht für jeden einzelnen Gedankeninhalt, sondern für die Funktionen des psychischen Apparats.

      »Modelle kannst du vergessen. Es geht in der Wissenschaft (und nur die muss man erstnehmen, wenn es um das Funktionieren des Menschen und seines Kopfinhalts) nur um Theorien, die mit eindeutigen Fakten begründet sind«

      Ich sehe zwischen den Begriffen »Modell« und »Theorie« keinen gravierenden Unterschied – bereits die Dreiteilung in Es, Ich und Über-Ich ist ein Modell. Ich bin aber auch nicht der Meinung, dass die Kulturwissenschaften stillstehen sollten, bis die Naturwissenschaften Erkenntnisfortschritte gemacht haben. Was ich kritisieren möchte, sind *strikt* kulturalistische Theorien, also in meinem Verständnis solche, die der Ansicht sind, Befunde aus der Biologie und biologischen Verhaltenswissenschaft gar nicht erst einbeziehen zu müssen.

      Dass es dennoch *auch* tiefenpsychologisch verankerte kulturelle Einflüsse gibt, kann man an der Ethnopsychoanalyse ablesen, die darauf aufmerksam gemacht hat, dass man nicht ein psychoanalytisches Einheitsmodell Europäern, Japanern, Indern und Indios gleichermaßen überstülpen kann.

      Danke für den Hinweis auf die Gynozentrismus-Theorie – ich kenne zwar Nathanson und Young, wusste aber nicht, dass sie hierzu etwas geschrieben haben. Ich finde das auch spannend und werde mir das noch eingehender zu Gemüte führen.

      1. Sehr interessant, ich muss unbedingt was dazu schreiben 🙂

        „Ich sehe zwischen den Begriffen »Modell« und »Theorie« keinen gravierenden Unterschied…“

        Doch, da gibt es mE einen entscheidenen, wesentlichen: Ein Modell ist ein abgeschlossenes, eine Theorie jedoch ein offenes System (abgeschlossen/offen benutze ich als Analogie gerne, entstammt der Thermodynamik).

        Eine Theorie ist sofort erledigt, wenn sie zu irgendwelchen Fakten in ernsthaften Widerspruch kommt. Dann muss eine neue Theorie gesucht werden, die alte wird ungültig und ist höchstens geschichtlich von Interesse. Eine Theorie ist also ein offenes System insoweit als sie alle weiterhin bekannten Fakten integrieren muss! Das ist ihre Aufgabe, eben das zu leisten!

        Ein Modell hingegen ist abgeschlossen und kann, ja muss sogar!, jeden Input neuer Fakten vollständig ignorieren. Der Sinn eines Modells liegt in dem Spielen und Ausprobieren von verschiedenen Einflussgrößen zueinander, deren Wechselwirkung, etc. Zwar werden auch Modelle verfeinert und weiterentwickelt (was an die Theoriebildung erinnert) – aber man kann nie behaupten, dass Modelle wie Theorien ungültig werden, sie erweisen sich höchstens als unzureichend. Aber Modelle haben ja schliesslich auch nicht den Anspruch perfekt zu sein! Ein Modell leistet also lediglich die Erklärung bekannter Fakten/Einflussgrößen.

        Ich versuche das nochmal auf den Punkt zu bringen:
        Ein Modell ist also angewandte Wissenschaft, eine Theorie ist Wissenschaft schlechthin!

        Sogesehen, wird klar, warum ich deine Ansicht zu Freud nicht so teilen kann: „Insofern Freud versucht hat, einen »psychischen Apparat« in diesem Sinne zu modellieren, ist er Naturwissenschaftler…“ und würde dazu meinen – dass er wissenschaftlich orientiert arbeitete, das macht ihn längst noch nicht zu einem Naturwissenschaftler!

        Wo also ist Freuds Theorie, die „alles“ erklärt? Würde sich dafür die „Dreiteilung in Es, Ich und Über-Ich“ in Frage? Ist es die Konzeption eines „Unterbewussten“?
        Komisch nur, dass andere „Größen“ der Psychowissenschaft ganz andere Modellvorstellungen (oder Theorien?) entwerfen konnten, Maslow, Jung zB, die mit Freud nicht kompatibel scheinen. Mich erinnert das an Religionen, aber nicht an Wissenschaft. Und wenn ich dann noch Freud *lese* (also seine Texte, nicht über ihn), dann beschleicht mich diese Gefühl noch mehr. zB der legendäre „Penisneid“. Wenn Freud wirklich der menschlichen Psyche wissenschaftlich auf der Spur war, frage ich mich, warum konnte er solche hanebüchenen Stuss-Ideen entwickeln, die wenigstens mir als lächerliche historische Karikaturen vorkommen. OK, es ist bekannt, daß auch „große Geister“ immer ihre Grillen hatten, doch kann ich bei Freud keinen Ansatz zu Wissenschaftlichkeit erkennen, sondern nur Mythologisierungen, meintwegen Modellbildungen, etc.

        „Ich bin aber auch nicht der Meinung, dass die Kulturwissenschaften stillstehen sollten, bis die Naturwissenschaften Erkenntnisfortschritte gemacht haben.“
        Auf gar keinen Fall!

        „…Hinweis auf die Gynozentrismus-Theorie…“
        Deren Besonderheit scheint mir eine strikte, kritische historiographische Vorgehensweise zu sein. Insofern erinnert sie auch stark an die Evolutionstheorie, die vor allem einen historischen Vorgang beschreiben muss (nämlich die Entstehung und Entwicklung der Lebewesen).
        In der Anthropologie wird ein vergleichbarer historischer Ansatz von Jared Diamond verfolgt, auch das sieht nach belastbarem, weiterführendem Material aus („Arm & Reich“, „guns germs & steel“. (Kaum zu fassen, daß diese Bücher sogar sowas wie Bestseller-Qualitäten entwickeln, völlig zu recht)

      2. „Ich sehe zwischen den Begriffen »Modell« und »Theorie« keinen gravierenden Unterschied“

        Auf die Gefahr, daß ich jetzt Eulen nach Athen trage (mansplaining unter Männern 😉 ): Die Begriffe »Modell« und »Theorie« hängen vom Wissenschaftsgebiet ab und sind tw. inkompatibel. Der WP-Text Modelle in verschiedenen Disziplinen ist gar nicht mal so übel, um die Varianz des Begriffs zu zeigen. D.h. der Versuch, einen einheitlichen Modellbegriff über alle Disziplinen hinweg zu definieren, ist zum Scheitern verurteilt, genau wie der Versuch einer einheitlichen Wissenschaftstheorie. Wenn ich Zeit finde, schreibe ich heute abend mal ein paar Thesen dazu auf.

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