Das ganze Patriarchat in fünf Minuten

Ich nehme hier Bezug auf einen Kommentar von Findelfuchs, der sich auf Roy Baumeister bezieht:

»Baumeister sagt, dass weder Männer noch Frauen in Kulturen unterdrückt werden, sondern Kulturen sozusagen sowohl Frauen als auch Männer unterdrücken, jedoch auf unterschiedliche (und deshalb effiziente) Weise: Durch die evolutionären Grundlagen (Frauen als Flaschenhals der Reproduktion) ist es für Kulturen nützlich für alle gefährlichen, schweren oder mit der Gefahr des Scheiterns verbundene Aufgaben Männern zu übertragen, weil sie in Bezug auf die Reproduktion ersetzbar sind und sie stärker motivierbar sein werden, wenn ihre Funktionalität an den Erwerb von Status und Ressourcen gekoppelt wird, da ihnen dies das finden einer Partnerin und die Reproduktion ermöglicht. Frauen sind dagegen nicht ersetzbar und müssen geschützt werden und sind weniger stark für diese Aufgaben zu motivieren, da sie auch Sex bekommen und sich Reproduzieren können, ohne einem Mann Beschützer- und Versorgerqualitäten signalisieren zu müssen.

Es sind also die Effizienzbedingungen für das Überleben von Kulturen die Frauen Zuhause einsperren und Männer auf dem Schlachtfeld verbluten lassen«

Ich denke, dass Baumeisters Argument in die richtige Richtung geht: Männer sind (in Farrells Worten) »the disposable sex«, was ich mal mit »das verbrauchbare Geschlecht« frei übersetzen möchte. Da aber diese Grundkonstellation anthropologisch fixiert ist, aber »patriarchale Verhältnisse« dennoch nicht der Normalfall unter primitiven Gesellschaften sind, muss man spezifische historische Bedingungen hinzuaddieren.

Diese – so kann man m. E. plausibel argumentieren – liegen in Gestalt der neolithischen Bevölkerungsvermehrung und -verdichtung vor, eine durch den klimatischen Wandel (Ende der Eiszeit) eingeleitete Kombination von Bevölkerungswachstum und Reduzierung der Lebensräume.

Zur ursprünglichen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung gehört die Zuweisung des sozialen Binnenraums zu den Frauen und des Außenbereichs und der Außenkontaktzone zu den Männern. Unter Bedingungen der Bevölkerungsverdichtung findet der größte, wichtigste, dynamischste und am stärksten Lernprozesse anregende (oder erzwingende) Teil der sozialen Interaktion in der den Männern zugeordneten Außensphäre statt.

Hinzu kommt, dass der Mensch evolutionär nur auf ein Leben in Kleingruppen hin geprägt wurde, woraus folgt, dass jeglicher Fortschritt zu Kooperationsbeziehungen und Konfliktbewältigungsstrategien in größeren Zusammenhängen nur als Ergebnis von kulturellem Lernen möglich ist. Die Hauptlast des kulturellen Entwicklungsdrucks liegt somit auf der Sphäre der Männer, die auf diese Weise ebenso »privilegiert« herausgefordert wie systematisch überfordert sind.

Zusätzlich zu den ökonomischen Theorien, die das Wachstum der Produktion und des gesellschaftlich verfügbaren Surplus als notwendige Bedingungen für das Entstehen komplexer Gesellschaften erklären, haben wir damit ein kulturtheoretisch beschriebenen Zusammenhang als hinreichende Bedingung dafür, dass komplexe Gesellschaften sich über männliche Herrschaft organisieren.

Aphoristisch zugespitzt: Männer entzünden gleichermaßen das Licht der Zivilisation wie das Feuer des Krieges, und in beiden Feuern sind sie selbst das primäre Brennholz.

Dass sich die nun entstehenden Sozialordnungen aus der Perspektive der Frauen als »Patriarchat« darstellen, ist zwar folgerichtig, aber dennoch nur die halbe Wahrheit. Denn der Patriacrhatsbegriff reduziert auf Interaktionsverhältnisse zwischen Männern und Frauen, was eigentlich eine externe, ökologisch induzierte Gewichtungsverschiebung, ein Systemprozess zwischen weiblicher und männlicher Tätigkeitssphäre im Verhältnis zu deren beider gemeinsamer Umwelt ist. Und keines der beiden Geschlechter verfügt über das nötige Wissen, um diesen Prozess (den man durchaus als ein historisches Verhängnis betrachten kann) zu durchschauen und reflektierend zu überwinden.

Zudem sind psychologische und soziobiologische Erklärungen gleichermaßen unzureichend, die den Gang der zivilisatorischen Entwicklung aus den personalen Eigenschaften (Körperkraft, Aggressionspotenzial, »Hegemonialität«, you-name-it) von Männern ableiten wollen. Solche Dispositionen sind zwar notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen für die ablaufenden sozialen Prozesse. Erst die Berücksichtigung der extern (»ökologisch«) induzierten Gewichtungsverschiebung zwischen den Sphären der ursprünglichen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung liefert hinreichende Bedingungen.

Und darum ist auch das Ende bzw. die Überwindung der betreffenden Gesellschaftsordnungen nicht über eine psychologische und/oder moralische Reform des Mannes zu erreichen, sondern nur über die Etablierung eines pazifizierten und nach Prinzipien der Fairness organisierten globalen Interaktionsraums – gewissermaßen als Schlusspunkt einer Evolution der männlichen »Exosphäre«.

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27 Kommentare zu „Das ganze Patriarchat in fünf Minuten“

  1. Der letzte Absatz mag theoretisch zutreffen. Praktisch scheitert aber jede zivilisierte Gesellschaft unter anderem an ihrer zunehmenden Komplexität (siehe http://www.freizahn.de/2014/11/kollaps-komplexer-gesellschaften-interview-joesph-tainter/ und http://www.freizahn.de/2014/10/dem-energiedilemma-auf-den-grund-gegangen/ ). Im Moment des Kollapses einer Gesellschaft ist es mit der Zivilisation und dem „pazifizierten und nach Prinzipien der Fairness organisierten … Interaktionsraum“ vorbei.
    Speziell unsere heutige Gesellschaft hat zudem ein gigantisches, globales ökologisches Problem. Siehe z.B. http://www.freizahn.de/2015/03/ueberschwingen-interview-mit-william-catton/ und http://www.freizahn.de/2015/04/unsichtbare-nutzflaechen/ .
    Die Weltbevölkerung ist höchst wahrscheinlich, im Bezug auf die nachhaltig verfügbaren Ressourcen dieser Erde, um ein Vielfaches zu groß. Der Falschenhals sind derzeit die Ressourcen und nicht die Reproduktionsfähigkeit der Frauen. Es ist aktuell sogar besser einen Teil der Frauen von der Reproduktion abzuhalten. Aber das wird sich wieder ändern. Die Idee vom „pazifizierten und nach Prinzipien der Fairness organisierten globalen Interaktionsraum“ ist nur eine Fiktion schwacher Weißer Europäer, die nicht mehr zum Krieg bereit und fähig sind. Fairness und Pazifismus taugen nur in einer Welt in der einerseits genug Ressourcen für alle da sind und in der alle ähnlich wehrhaft sind, so dass Krieg zu einem sinnlosen Gemetzel wird. Sobald die Ressourcen als begrenzt und limitierend wahrgenommen werden und sobald der Preis eines Krieges erträglich und ein Sieg möglich erscheint, ist es mit dem Frieden und der Fairness vorbei.
    Insbesondere wegen der extremen Verwundbarkeit der westlichen Industriestaaten für Angriffe auf ihre Infrastruktur einerseits und wegen der immer mehr wahrgenommenen Begrenztheit der Ressourcen, wird Krieg zunehmend zu einer denkbaren Option. Siehe auch http://www.freizahn.de/category/emp/ und http://www.freizahn.de/2015/03/neues-vom-nahen-und-fernen-osten/

    Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft – unsere Zivilisation inbegriffen – ist vor diesem ganzen Hintergrund, über längere Zeiträume betrachtet, eben nicht linear „aufwärts“ sondern zyklisch. Das heißt, nach dem „Aufstieg“ und „Fortschritt“ der letzten Jahrhunderte wird – dass ist heute sehr klar zu sehen – ein jäher Absturz folgen. Der Artikel „Das ganze Patriarchat in 5 Minuten“ erklärt daher auch das wie und warum der künftigen Beziehung der Geschlechter.
    Das Patriarchat wird jedenfalls höchstens lokal und nur temporär überwunden. Dabei werden es voraussichtlich vor allem die Frauen sein, die das Patriarchat zurück haben wollen und befürworten werden, wenn die Ressourcen spürbar knapp und die Welt wieder gewalttätig und kriegerisch wird.

    1. „Die Idee vom “pazifizierten und nach Prinzipien der Fairness organisierten globalen Interaktionsraum” ist nur eine Fiktion schwacher Weißer Europäer, die nicht mehr zum Krieg bereit und fähig sind. “

      Da hat wohl jemand seinen Spengler gelesen…
      Ist Weltfriede möglich? (1936)
      „Die Frage, ob der Weltfriede je möglich sein wird, kann nur ein Kenner der Weltgeschichte beantworten. Kenner der Weltgeschichte sein heißt aber, die Menschen kennen, wie sie waren und immer sein werden. Es ist ein gewaltiger Unterschied, den die meisten Menschen nie begreifen werden, ob man die Geschichte der Zukunft betrachtet, wie sie sein wird oder wie man sie gern haben möchte. Der Friede ist ein Wunsch, der Krieg eine Tatsache und die Menschengeschichte hat sich nie um menschliche Wünsche und Ideale gekümmert. Das Leben ist Kampf unter Pflanzen, Tieren und Menschen, ein Kampf zwischen einzelnen, Klassen der Gesellschaft, Völkern und Staaten, ob er sich nun in wirtschaftlichen, sozialen, politischen oder militärischen Formen abspielt. Es ist ein Kampf um die Macht, seinen Willen, Vorteil oder seine Meinung vom Nützlichen oder Gerechten durchzusetzen, und wenn andre Mittel versagen, wird man immer wieder zum letzten greifen, der Gewalt. Man kann den einzelnen, der Gewalt anwendet, einen Verbrecher nennen, eine Klasse revolutionär oder Landesverräter, ein Volk blutdürstig, aber das ändert nichts an der Tatsache. Der heutige Weltkommunismus bezeichnet seine Kriege als Aufstände, Kolonialreiche als Befriedung fremder Völker, und wenn die Welt ein Einheitsstaat wäre, würde man die Kriege Aufstände nennen. Das sind alles nur Unterschiede in Worten. Es ist eine gefährliche Tatsache, daß heute nur die weißen Völker vom Weltfrieden reden, nicht die viel zahlreicheren farbigen. Solange einzelne Denker und Idealisten das tun – sie haben es zu allen Zeiten getan –, ist es wirkungslos. Wenn aber ganze Völker pazifistisch werden, ist es ein Symptom von Altersschwäche. Starke und unverbrauchte Rassen sind es nicht. Es ist ein Verzicht auf die Zukunft, denn das pazifistische Ideal bedeutet einen Endzustand, welcher der[292] Tatsache des Lebens widerspricht. So lange es menschliche Entwicklung gibt, wird es Kriege geben. Wenn aber die weißen Völker des Krieges so müde werden sollten, daß die Regierungen sie unter keinen Umständen mehr dazu bringen könnten, dann würde die Welt das Opfer der Farbigen sein, wie das römische Reich den Germanen zufiel. Pazifismus heißt, den geborenen Nichtpazifisten die Herrschaft überlassen, unter denen immer auch Weiße sein werden, Abenteurer, Eroberer, Herrenmenschen, die Zulauf finden, sobald sie Erfolg haben. Wenn heute in Asien eine große Erhebung gegen die Weißen stattfände, würden sich unzählige Weiße ihr anschließen, weil sie des friedlichen Lebens müde sind. Der Pazifismus wird ein Ideal bleiben, der Krieg eine Tatsache, und wenn die weißen Völker entschlossen sind, keinen mehr zu führen, werden die farbigen es tun und die Herrscher der Welt sein.“
      Ist Welfriede möglich? (1936)

      „Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft – unsere Zivilisation inbegriffen – ist vor diesem ganzen Hintergrund, über längere Zeiträume betrachtet, eben nicht linear “aufwärts” sondern zyklisch. Das heißt, nach dem “Aufstieg” und “Fortschritt” der letzten Jahrhunderte wird – dass ist heute sehr klar zu sehen – ein jäher Absturz folgen.“

      Dieses Phänomen wird von Gerhard Meisenberg in seinem Buch „In God´s Image?“ als Jojo-Evolution bezeichnet. Ich denke, dass es aber durchaus möglich ist, mit Hilfe von revolutionären Technologien aus deisen Zyklen auszubrechen. Fragt sich nur, ob und wann wir diese entwickeln. Und ob wir uns mit diesen nicht selbst vernichten.

    2. @Christoph Becker:

      Nun, das ist eine klassische Dekadenztheorie, und Spengler wohl ihr wichtigstes Vorbild. Allerdings möchte ich folgender pessimistischer These widersprechen:

      »Die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft – unsere Zivilisation inbegriffen – ist vor diesem ganzen Hintergrund, über längere Zeiträume betrachtet, eben nicht linear “aufwärts” sondern zyklisch.«

      Dass zivilisatorische Entwicklung nicht »linear aufwärts« erfolgt, bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht aufwärts erfolgt, denn das Attribut »zyklisch« kann man in dieser Weise missverstehen. Gerade »über längere Zeiträume betrachtet« kann man anhand von Indikatoren der technischen Entwicklung und sozialer Komplexität einen Aufwärtstrend belegen. Denn in den wenigsten Zusammenbrüchen geht das jeweils erworbene Wissen vollständig verloren, und in unserer Gegenwart sind die Möglichkeiten zur sicheren Aufbewahrung von Wissen noch einmal potenziert.

      Ich möchte meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass unsere heutige Gesellschaft keinen Kollaps mehr zu befürchten hat, aber den stelle ich mir eher als extreme Spaltung in Arm und Reich vor, als Dystopie von Inseln der Hochzivilisation inmitten flächendeckender Armut. Im schrumpfenden Zugang zum Wissen, nicht im Verschwinden desselben, sehe ich die größere Gefahr.

      1. @ djadmorors

        „Nun, das ist eine klassische Dekadenztheorie, und Spengler wohl ihr wichtigstes Vorbild.“

        Christoph Becker bezieht sich in seinem Kommentar auf Joseph Tainter („The Collapse of Complex Societies“) und das Verschwinden der Ressourcenbasis (speziell der energetischen) unserer Hochzivilisation. Das ist schon was anderes als eine Dekadenztheorie a la Spengler.

        „Ich möchte meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass unsere heutige Gesellschaft keinen Kollaps mehr zu befürchten hat, aber den stelle ich mir eher als extreme Spaltung in Arm und Reich vor, als Dystopie von Inseln der Hochzivilisation inmitten flächendeckender Armut.“

        Das ist ein mögliches Szenario unter vielen. Die Zukunft ist ziemlich offen: Sowohl Pessimisten als auch Optimisten können berechtige Gründe für ihren Standpunkt nennen. Ich jedenfalls denke, das 21. Jahrhundert wird das bisher spannendste der Menschheitsgeschichte sein. Und wir sind live dabei. 🙂

      2. @JC Denton:

        »Christoph Becker bezieht sich in seinem Kommentar auf Joseph Tainter (“The Collapse of Complex Societies”) und das Verschwinden der Ressourcenbasis (speziell der energetischen) unserer Hochzivilisation.«

        Ich merke mir den mal zur Durchsicht vor – scheint doch ein wichtiger Text zu sein.

        »Und wir sind live dabei.«

        Ja. Mögen wir in interessanten Zeiten leben! 🙂

  2. Ich freue mich, dass mein Kommentar aufgegriffen wurde. Ich befasse mich erst seit kurzem (allerdings intensiv) mit der Thematik und finde deinen Text deshalb sehr interessant, weil er für mich viel neues enthält. Die Erläuterung, dass die erst Entstehung von Ressourcenknappheit („neolithischen Bevölkerungsvermehrung und -verdichtung“) die gemeingültige Herausbildung von patriarchal organisierten Gesellschaften bedingt hat, kann ich gut nachvollziehen. Ich denke, solange Kulturen relativ unabhängig voneinander existieren können, sind ja sämtliche gesellschaftliche Organisationsformen vorstellbar, die im allgemeinen Kampf mit der Natur überlebensfähig sind. Erst die Knappheit von Ressourcen zwingt Kulturen nicht nur soviel Wertschöpfung zu generieren, wie die Natur an sie stellt, sondern mehr Wertschöpfung zu generieren als alle umliegenden Kulturen, um in der Konkurrenz mit ihnen zu überleben. Und hier, wäre mein Gedanke, sind patriarchale Kulturen in relevanten Faktoren dieser Konkurrenz (militärischer Schutz, technische Innovation, Versorgung, Reproduktion) besser in der Lage ihre Mitglieder zur Wertschöpfung zu motivieren zur Wertschöpfung beizutragen.
    Ich frage mich allerdings immer warum die mit der Entwicklung von Patriarchaten verbundene Gewichtungsverschiebung zwischen weiblicher und männlicher Tätigkeitssphäre negativ bewertet wird, denn schließlich hat dies ja anscheinend das Überleben von Kulturen bedingt. Es gab ja immer wieder Kulturen in der Frauen ein hohes Maß an Unabhängigkeit und Integration in gesellschaftliche Funktionsbereiche besaßen, aber offensichtlich waren diese dadurch in der kulturellen Konkurrenz nicht über- sondern unterlegen, so dass diese Kulturen von patriarchalen Kulturen verdrängt wurden. Wie kann etwas negativ sein, dass bis zur Entwicklung einer individualisierten und funktional differenzierten Moderne eine Bedingung des Überlebens war?
    Ich kann verstehen, wenn man die rechtliche Benachteiligung von Frauen in der Moderne kritisiert, aber die feministisch weit verbreitete Semantik der Unterdrückung der Frau seit Anbeginn der Kultur erscheint mir mehr als Mittel zum Zweck die eigene soziale Bewegung zu stimulieren. Das ist nicht unproblematisch, da mit dieser Interpretation weiterhin quasi historizistische Bilder einer von allen Problemen befreiten weiblichen Gesellschaft transportiert werden.
    Ich frage nochmal nach Literaturtipps: Ich habe mich bislang nur mit der Entwicklungspsychologie auseinandergesetzt, die aber natürlich kulturelle Einflüsse auf die Entwicklungsbedingungen der Geschlechterrollen nur am Rande umfasst. Können Sie mir vielleicht Autoren oder Wissenschaftsfelder nennen die diesen Bereich bearbeiten?
    Einen schönen Abend, Findelfuchs!

    1. @Findelfuchs:

      Ich fand Ihren Kommentar durchdacht und aufs wesentliche komprimiert – das ist in Internetforen keine Selbstverständlichkeit.

      »Ich frage mich allerdings immer warum die mit der Entwicklung von Patriarchaten verbundene Gewichtungsverschiebung zwischen weiblicher und männlicher Tätigkeitssphäre negativ bewertet wird, denn schließlich hat dies ja anscheinend das Überleben von Kulturen bedingt.«

      Zum einen würde ich – soviel »Universalist« bin ich dann schon – doch eine langfristige Messlatte der »Zivilisation« anlegen und ein gewisses Maß von Fortschritt identifizieren, welches unsere Gegenwart positiv von früheren Zeitaltern unterscheidet.

      Davon abgesehen wird m. E. aber genau dieser Aspekt des Beitrags zum Überleben in der heute kursierenden Ideologie unter den Teppich gekehrt. Das dürfte damit zu tun haben, dass die westliche Zivilisation noch vor hundert Jahren heroische Mythen über sich selbst erzählt hat, bis diese Idealisierungen in den beiden Weltkriegen zu Staub zerfallen sind. Danach ist das Pendel in die Gegenrichtung ausgeschlagen, und die Zivilisationskritik wollte außer Krieg und Unterdrückung überhaupt nichts mehr in der Geschichte sehen.

      Zumal funktionalistische Erklärungen, die solche Überlegungen angestellt haben, im Verdacht standen, die Entwicklung der Gesellschaft auf einen gegebenen Stand einfrieren zu wollen. Heute ist von der einstmals sinnvollen Kritik nur noch freischwebende Hypermoral übrig geblieben, und wir müssen uns dagegen wehren, dass sie in einen flächendeckenden totalitären Terror umkippt.

      Was die Literatur betrifft, so ist diese nicht eben üppig vorhanden – Baumeister ist schon einer der wichtigsten Autoren, und gerade unter systematischem Aspekt gibt es an einer Kritik des Patriarchatsbegriffs noch viel zu arbeiten. Für mich war ein Werk des deutschen Ethnologen Klaus E. Müller sehr wichtig: »Die bessere und die schlechtere Hälfte. Ethnologie des Geschlechterkonflikts«, insofern er das Modell einer weiblichen »Endosphäre« und einer männlichen »Exosphäre« entwickelt hat, das in meiner Argumentation implizit im Hintergrund steht. Müller sieht die »patriarchalen Zustände« in primitiven Gesellschaften m. E. zu negativ, insofern er Beispiele für »geschlechtsegalitäre« Gesellschaften wie die der Irokesen übergeht, dennoch kann man auf seinem Modell systematisch aufbauen.

      Darüber hinaus fällt mir nur noch ein Literaturhinweis ein, der auf den ersten Blick etwas entlegen erscheint: David W. Anthony (2007), The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Darin gibt er eine moderne Bestandsaufnahme der indoeuropäischen Gesellschaften, die nicht nur in der »Matriarchatsforschung« den Ruf blutrünstiger, patriarchaler Zivilisationsvernichter haben, und zeichnet statt dessen ein viel nüchterneres Bild, das die Entstehungsbedingungen dieser Kultur genau in den Blick nimmt. Wer sich aber von Klischeevorstellungen über die menschliche Frühgeschichte lösen will, dem kann ich das Buch wärmstens empfehlen.

  3. Die Dichotomie Matriarchat/Patriarchat ist ein Mythos, den der immer kreative Irrationalismus der politischen Rechten ersonnen hat und vermutlich auf ihrem Antisemitismus beruht.

    Das wäre „das Patriarchat“ in zwei Zeilen.

    1. Wobei ich sowieso dafür bin „Das Patriachat“ in „Die testosteron Illuminaten“ umzubenennen.

  4. Es wird ja gerne spekuliert, das „Patriarchat“ wäre mit der Sesshaftigkeit des Menschen („Ackerbau und Viehzucht“) aufgekommen.
    Wie feministische Ideologie diesen Übergang vom Menschen als „Jäger und Sammler“ (wo gerne das „Goldene Zeitalter“ des Matrichats verortet wird) zum Landwirt darstellt, hat „Sargon von Akkad“ hier absolut genial auseinander genommen:

    High infant mortality rates are „perfectly acceptable“ according to Academia

    (Auch den 2. Teil beachten!)

    Enjoy!!

    1. @EasyAl:

      Ich habe jetzt beide Teile angehört, aber so ganz überzeugt mich »Sargons« Kritik nicht: ob es daran liegt, dass Castors Vortrag unvollständig bleibt oder daran, dass »Sargon« nicht den ganzen Vortrag bespricht – wir erfahren nichts darüber, wie es Castor zufolge zum Übergang zu Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht gekommen ist. Darüber wird nichts ausgesagt. Der Verdacht allein, dass Castor die Situation von Jägern und Sammlern beschönigt, reicht m. E. noch nicht hin, um das mit einer Ideologie von Matriarchat und Patriarchat in Verbindung zu bringen.

      Und wenn »Sargon« uns demonstrieren will, dass Ackerbau im Vergleich zu Castors Jägern und Sammlern *mehr* Zeit spart, in dem er darauf hinweist, dass Julius Cäsar über die Ressourcen verfügte, um auch im Winter Krieg zu führen, dann finde ich das nicht ganz redlich: Cäsar spart ja nicht die Zeit des Bauern, der ihm diesen agrarischen Surplus erwirtschaftet hat (und wenn ich jetzt nicht völlig falsch liege, dann waren seine Legionen im Winter im Winterlager und nicht im Krieg).

      Wer also gerne einmal eine feministische Geisterbahn zum Thema Matriarchat und Patriarchat besuchen möchte, bekommt bei Heide Göttner-Abendroth oder Claudia von Werlhof deutlich mehr fürs Geld! 🙂

      1. Ja, natürlich hast du vollkommen recht; die genaue Beschreibung des Übergangs Jagen/Ackerbau ist weniger Thema, da habe ich mich ungenau ausgedrückt.

        Dass es der Castor im Grunde um die (indirekte) Vermittlung der feministischen Ideologie mit dem Gegensatz Matriachat/Patriarchat geht, ist meine eigene Interpretation, mit der sich der Sargon selbst vermutlich nur british-vornehm zurückgehalten hat.

        Das Argument der Effektivität und Überlegenheit des Ackerbaus gegenüber der Jagd fand ich vollkommen hinreichend. Nicht nur Krieg, sondern auch Kulturleistungen (Astronomie!, war ja auch ganz praktisch für den Ackerbau) waren so möglich geworden, Arbeitsteilung.

        Ganz nebenbei gesagt, erschien mir dein Hinweis auf die Bronzezeit-Reiter oben für mich sehr interessant. Ob auch so wie die Indus-Kultur und das „baktische Gold“ aus Afghanistan?

        Den Göttner-Dämmerungs-Kreis habe ich nur ausschnittsweise „genossen“. Ich halte den für durchgeknallt rechtsextrem (s.o.).

      2. Schön, daß dein link zu „David W. Anthony (2007), The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World“ auch die Einleitung als pdf spendet.
        Mein Eindruck:
        Das scheint nur eine Fortsetzung der romantizistischen Suche nach einer „arischen Muttersprache“ zu sein. Mit rein linguistischer Kaffeesatzleserei will uns der Autor offenbar mit den gesellschaftlichen Verhältnissen vor vielen tausenden Jahren beglücken.
        Statt dessen wäre eine rein kritische Studie über die „indogermanische Sprache“ imho angebracht (Anthony bemüht sich hier kritisch zu erscheinen, indem er die Exzesse auf diesem Gebiet streift), die wohl auch sein Buch zum Gegenstand haben müsste…
        Kein Wort von der Indus-Kultur in der Einleitung, seltsam. Hätte das seine Idee vom Ursprung der arischen Sprache in der ukrainisch-russischen Steppe nicht auch zu sehr fragwürdig gemacht?

      3. @EasyAl:

        Also ich fand seine Argumentation überzeugend, und ich habe bislang auch noch keine Kritik gefunden, die ihm grundsätzliche Fehler nachweist (es gibt nur einen unbedeutenden »Matriarchatsforscher«, der ihm wutschnaubend »Apologetik« vorwirft). Das Proto-Indoeuropäische ist sicher mehr als bloß eine romantische Grille, und Anthonys Leistung besteht darin, dass er seine sprachgeschichtlichen Überlegungen konsequent auf archäologische Befunde bezieht (er identifiziert die Andronovo-Kultur als indoeuropäischen Urpsrung). Nur die erste Hälfte des Buches ist Linguistik, dann kommt die Archäologie, und er hat gezielt Russisch gelernt, um die umfangreiche Fachliteratur zur osteuropäischen Archäologie im Original lesen zu können, die im Westen aus Gründen der Sprachbarriere kaum rezipiert wird.

        Ich bin also schon der Meinung, dass er sehr gründlich und solide vorgegangen ist.

        Die Induskultur kommt meines Erachtens darum nicht vor, weil sie keine indoeuropäische Kultur ist – anders als die sogenannten Oasenkultur (»Archäologischer Komplex Baktrien-Merw«), mit der er sich ausführlich befasst, und die, wie es scheint, zumindest teilweise indoeuropäisch beeinflusst ist, vor allem aber auch zu einer kulturellen Veränderung der »Arier« geführt hat.

  5. @djad, ich muss mal seitlich verschoben weiter machen.

    Es ist so, daß ich leider nicht besonders tief in der Altertumsforschung drin bin, obwohl sie mich an sich interessiert.
    Ein anderes Interesse an der Altertumsforschung entwickelte ich von der jüngsten Geschichte der Neuzeit her, wo ich immerfort den Eindruck gewann, die Geschichtsschreibung des Altertums sei wenig mehr als Mythologisierungsbeigabe gewisser politischer Ideen, insbesondere des Rassismus und Nationalismus, gewesen. Schon damals argumentierte man vor allem „sprachwissenschaftlich“ und daher bin ich bei Leuten wie Anthony erstmal sehr skeptisch, wenn sie diesen Ansatz weiter verfolgen und allzusehr populärwissenschaftlich ausdeuten wollen (die ersten Sätze des Buches verheissen schon nichts Gutes). In der Einleitung gesteht er ja ein, daß die archäologischen Funde keinesfalls ausreichen, um seine Deutungen zu stützen (was mich enttäuscht).

    Dass die Sprachen von Asien/Europa (und Indien) zusammenhängen, ist eigentlich gar nicht verwunderlich, dies sollte man wegen der zusammenhängenden Landmasse erwarten dürfen. Die Vehemenz, mit der an heiligen Texten und irgendwelchen Protagonisten (Veden/Arier) festgehalten wird, um unsere Kultur zu erklären, finde ich allerdings sehr verwunderlich. Das kommt mir fast so vor wie die Bibelforscher, die auf dem Ararat nach der Arche von Noah suchen 😉

    Diese Indus-Kultur kann man, wenn man das Kulturengeflecht Indien/Eurasien untersuchen will, doch eigentlich gar nicht übergehen…. Sie liegt direkt an Mesopotamien und auch Baktrien. In der Nähe entstanden die Veden. Wenn das indo- in „indo-europäischer Kultur“ (komisch, dass asiatisch fehlt) irgendeinen Sinn machen soll, wie kann man die Induskultur vergessen?

    Viele Grüße!

    1. @EasyAl:

      Ich bin zwar gelernter Soziologe, aber auch kein Orientalist oder Althistoriker, allerdings interessiert mich die Frühgeschichte schon sehr lange Zeit.

      Dass die neuzeitliche Wahrnehmung der Antike sehr viel Projektion, Ideologie und Wunschdenken enthält, denke ich auch. Die Aufklärungsepoche beispielsweise – die noch keine Hieroglyphen lesen konnte – hat in die altägyptische Religion munter einen glückseligen Urzustand der Religion hineininterpretiert, ohne die geringsten empirischen Anhaltspunkte dafür zu haben. Als die Hieroglyphen dann entziffert wurden, wurde das vermeintlich vertraute Ägypten plötzlich sehr fremd.

      Aber das Thema der Indoeuropäer ist trotz seines früheren ideologischen Missbrauchs auch einfach ein empirischer Gegenstand von Archäologie und Sprachwissenschaft, und ich würde Anthony kaum als Populärwissenschaftler sehen. Im Übrigen benennt er klar die Schwierigkeiten eines Versuchs, Sprachwissenschaft und Archöologie zu verbinden, aber einen Satz des Inhalts, die Archäologie könne seine Deutungen nicht stützen, finde ich nicht in der Einleitung.

      Der Witz an der indoeuropäischen Sprachfamilie ist ja, dass sie *nicht* kontinuierlich zusammenhing – die britischen Kolonialbeamten, denen das im 18. Jahrhundert erstmal auffiel, hatten nicht damit gerechnet, in Indien auf eine Sprache zu treffen, die viele Merkmale mit den klassischen Sprachen Griechisch und Latein teilte. Jenseits des Bosporus und der russischen Steppengrenze hatte man das nicht mehr erwartet. Und die vedischen Texte werden ja von den Fachwissenschaftlern als normale historische Quellen ausgewertet – nur Hindu-Nationalisten behandeln sie so, wie die anderen uns bekannten Fundamentalisten Tora, Bibel und Koran.

      Das »Indo-« in Indoeuropäisch bezieht sich auf den östlichen Zweig der Sprachfamilie (die Satem-Gruppe). Die Induskultur gehört in die *vor*indoeuropäische Epoche Indiens und gehört insofern nicht zum Gegenstandsbereich – die Geschichte der Indoeuropäer und die Geschichte Indiens ist nicht dasselbe.

      Beste Grüße!

  6. „…einen Satz des Inhalts, die Archäologie könne seine Deutungen nicht stützen, finde ich nicht in der Einleitung.“

    Hier ist der Text dazu, wird zweimal gesagt, besonders mit „simply unrecoverable through archaeology“: S.15, 2. Absatz

    Aus „Proto-Indo-Europäischen“ Sprachwurzeln will Anthony ableiten können, dass Rechte und Pflichten nur über die väterliche Linie vererbt wurden, die väterliche Familie wahrscheinlich der Ort der Partner nach der Heirat war …. und etc (wenig überraschende Dinge, die man sich auch so gedacht hätte)
    Dann schränkt er ein: „viele dieser Praktiken und Glaubensinhalte sind durch Archäologie einfach gar nicht aufzudecken (simply unrecoverable through archaeology). Die Kenntnis der Sprachwurzeln eröffnet aber die Hoffnung, ein paar Details der üblichen Rituale und Sitten nachzuvollziehen, die durch archäologische Beweise allein üblicherweise nicht erbracht werden können. Das macht die Lösung des Indo-Europäischen (Sprach) Problems wichtig für die Archäologen und auch für uns alle, die wir unsere Vorfahren besser kennenlernen möchten.“

    Das Buch ist also in erster Linie an den Laien gerichtet, wie der letzte Satz klar macht. Insofern kann ich Anthony, nur von diesem Buch aus betrachtet, schon „als Populärwissenschaftler sehen“, vor allem wenn ich die ersten Sätze des Buches lese, die wohl offenbar den Ton setzten.
    Dass das Buch im Verlag der Uni Princeton erschien, wird dem Laien vermutlich mehr Wissenschaftlichkeit signalisieren als wenn’s bei Random House erschienen wäre. Da kommt schon ein wenig der Verdacht auf, dass Anthony am peer review Prozess vorbei Geschichtserklärung betreiben möchte.

    „Die Induskultur gehört in die *vor*indoeuropäische Epoche Indiens und gehört insofern nicht zum Gegenstandsbereich – die Geschichte der Indoeuropäer und die Geschichte Indiens ist nicht dasselbe.“

    Ok, reise ich mal durch die Zeit. Das „Proto-Indo-European“ soll sich zwischen 3000-3400 vChr aufgespalten haben
    http://de.wikipedia.org/wiki/Indogermanische_Ursprache
    die Indus-Kultur soll zwischen 2800-1800 vChr existiert haben
    http://de.wikipedia.org/wiki/Indus-Kultur
    Damit sollte die Indus-Kultur durchaus ein Problem der „proto-indo-europäischen“ Sprache sein. Anthony schreibt noch (S.16), dass manche Archäologen diese Ur-Sprache schon für um 8000 vChr (!) ansetzen, andere aber für 2000 vChr (und andere sie für eine Erfindung der Sprachwissenschaftler halten würden.

    Natürlich können nicht alle Ansichten im Recht sein, aber das Ausmaß der Uneinigkeit, welches in der Archäologie zu herrschen scheint, lässt mich ehrlich gesagt an Anthonys Behauptungen, er könne über die Sprache Geschichtsforschung betreiben zweifeln. Was aber nicht heissen soll, dass diese Arbeiten wertlos sein müssten. Die Heiligkeit irgendwelcher Schriften steht natürlich auch nicht prinzipiell gegen deren Verwendung als Geschichtsquelle.
    Ich finde es geradezu bestürzend, wie wenig über die Kulturgeschichte der Menschheit bisher gesichert bekannt zu sein scheint.

    Sieh mal: bestürzend schön ist dieser Glasbecher aus Baktrien, angeblich 2000 Jahre alt:

    Die künstlerische Freiheit und Abstraktion erinnert an unser voriges Jahrhundert. Auf dem Bild ist eine Frau zu erkennen, die zu arbeiten scheint. Umgeben ist sie von zwei Männern (nicht auf dem Bild erkennbar) die Früchte oder Ähnliches tragen und auskippen. Auf der Rückseite eine zweite Frau, die eine leitende, überwachende Funktion einzunehmen scheint. Die Bilder im Ausstellungskatalog „Gerettete Schätze Afghanistan“, Sammlung Kabul, 2010, in viel, viel besserer Qualität gibt’s die dort freilich. Herrlich.

    Irgendwie sieht das für mich nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter aus und nach einer kultivierten Gesellschaft, wenn ich mal mutig interpretieren wollte ☺

    Beste Grüße nochmals

    1. @EasyAl:

      »Aus „Proto-Indo-Europäischen“ Sprachwurzeln will Anthony ableiten können …«

      Dieser Absatz gehört aber noch zum allgemeinen Problemaufriß. Wie Anthony die Archäologie mit der Linguistik verbinden will, schreibt er ab Seite 15: erstens verteidigt er die Suche nach einer proto-indoeuropäischen Ursprache als mit wissenschaftlichen Mitteln lösbar, zweitens benutzt er die Archäologie, um Zeitraum und Region der Sprecher einer solchen Ursprache einzugrenzen. Dann korreliert er *langdauernde* archäologisch identifizierbare Kulturgrenzen mit Sprachgrenzen, verweist auf das Rezeptionsdefizit osteuropäischer archäologischer Literatur und bringt die Ausbreitung indoeuropäischer Sprachen mit der Beweglichkeit einer Streitwagenkultur in Verbindung. Ich denke, aus dieser Exposition geht zumindest sein *Anspruch*, dass sich die Archäologie zur Problemlösung nutzbar machen lässt, klar hervor.

      Davon abgesehen: die Ableitung von Institutionen aus den Sprachwurzeln ist nicht Anthonys Erfindung, sondern fester Bestandteil der indoeuropäischen Linguistik – ein Standardwerk ist hier Emile Benvenistes »Indoeuropäische Institutionen«.

      Wie Du außerdem auf den Verdacht kommst, Anthony wolle »am peer review Prozess vorbei Geschichtserklärung betreiben«, erschließt sich mir überhaupt nicht – erstens ist für einen *primär* populärwissenschaftlichen Titel die Argumentation des Buches viel zu detailliert und spezialistisch, zweitens macht allein schon die Liste der Danksagungen ein »Umgehen des Peer Reviews« unplausibel. Da müsstest Du schon sehr handfeste Belege liefern, um einen solchen Verdacht zu begründen.

      Ich kann Dich natürlich nicht zwingen, das alles (zumal auf der Grundlage nur des Einleitungskapitels) für glaubwürdig zu halten – ich kann nur sagen, dass ich seine Argumentation nach Lektüre des ganzen Buches ziemlich überzeugend fand.

      Zur Induskultur geht aus Anthonys Argumentation (vor allem Kapitel 16) hervor, dass die östlichen Indoeuropäer ungefähr zeitgleich mit der Induskultur (bei Anthony »Harappan Civilization«) auf die Oasenkultur (BMAC) gestoßen sind und erst deutlich später den Hindukusch nach Süden überschritten haben. Außerdem verweisen die Inhalte der rigvedischen Religion auf eine ursprüngliche Viehzüchterkultur, die mit der agrarischen Induskultur nicht vereinbar sind. Allenfalls lässt sich plausibel machen, dass die »Arier« (Arya) bei ihrem Zug in die Indusebene auf die zu diesem Zeitpunkt bereits niedergehende Induskultur als Gegner getroffen sind.

      Das Motiv des baktrischen Bechers dürfte weniger denen des 19. Jahrhunderts ähneln als der griechischen Vasenmalerei, denn nach Alexanders Eroberungen war Baktrien für längere Zeit der östliche Rand der hellenistischen Welt – wahrscheinlich spricht uns hier die »klassische« Darstellung an.

      1. „Wie Du außerdem auf den Verdacht kommst, Anthony wolle »am peer review Prozess vorbei Geschichtserklärung betreiben«, erschließt sich mir überhaupt nicht – erstens ist für einen *primär* populärwissenschaftlichen Titel die Argumentation des Buches viel zu detailliert und spezialistisch, zweitens macht allein schon die Liste der Danksagungen ein »Umgehen des Peer Reviews« unplausibel. Da müsstest Du schon sehr handfeste Belege liefern, um einen solchen Verdacht zu begründen.“

        Ich sehe keine linguistischen Fachpublikationen bei Anthony:
        http://www.hartwick.edu/academics/majors-and-minors/social-sciences/anthropology-home/anthropology-faculty/david-anthony
        Er sieht sich auch gar nicht als Lingist, sondern als Archäologe, wie er im ersten Satz bekennt:
        „I specialize in the archaeology of both North American prehistoric Native Americans in the northeastern woodlands; and the prehistoric cultures of the Eurasian steppes and eastern Europe.“
        In seiner wiss. Laufbahn taucht auch nix mit Linguistik auf….

        Danksagungen haben mit peer-review gar nichts zu tun und natürlich sind populärwissenschaftliche Erörterungen gar nicht so selten extrem „detailliert und spezialistisch“, so daß diese Merkmale nicht per se eine besondere Wissenschaftlichkeit begründen können.

        „…. die Ableitung von Institutionen aus den Sprachwurzeln ist nicht Anthonys Erfindung, sondern fester Bestandteil der indoeuropäischen Linguistik – ein Standardwerk ist hier Emile Benvenistes »Indoeuropäische Institutionen«.“
        Den Anspruch gesellschaftliche Realitäten aus der Sprache (zumal einer „toten“ oder idealisierten) rekonstituieren zu können, kommt mir vor wie reine Esoterik. Aber das könnte auch nur meine Ignoranz als Naturwissenschaftler sein, zugegeben 😉

        Was die baktische Kultur („Oasenkultur“) angeht, so war es doch ein Grieche, der hier maßgeblich geforscht hat und vielleicht an die ganze Geschichte seine kulturellen Vorurteile herangetragen hat. Ich habe viel griechische antike Kunst gesehen und kann nur sagen, daß diese mir vom Ausdruck her, mit dem Becher oben verglichen, geradezu primitiv, holzschnitthaft und einfältig erscheint. Als wenn man Expressionisten mit kappadokischer oder byzantinischer Christenkunst vergleicht…. Aber das ist nur meine Ansicht dazu.

        beste Grüße

      2. @EasyAl:

        »Ich sehe keine linguistischen Fachpublikationen bei Anthony«

        Natürlich sind Danksagungen kein direkter Beleg für ein peer review – aber schon ein Indiz dafür, dass das Argument im üblichen Kontext der wissenschaftlichen Gemeinschaft entwickelt wurde. Davon abgesehen muss ich aber auch auf einer Beweislastumkehr bestehen: solange die wissenschaftliche Rezeption von Anthonys Buch ihm keine gravierenden Fehler nachweist, dürfen wir ein Peer Review als bestanden voraussetzen.

        In der Tat ist Anthony in erster Linie Archäologe – das spricht aber nicht dagegen, dass er sich als Wissenschaftler in ein inhaltlich verwandtes Thema einliest. Würde man dies für unmöglich erklären, würde man zugleich ausschließen, dass es überhaupt so etwas wie einen interdisziplinären Austausch gibt. Sein Hauptbeitrag besteht ja (neben der experimentellen Archäologie zur Wirkung von Zügeln auf Pferdegebisse) dennoch in der Rezeption der osteuropäischen Literatur zur Archäologie der pontisch-kaspischen Steppenregion und dem Hinweis, dass sich die zeitlichen und räumlichen Eingrenzungsprobleme der indoeuropäischen Linguistik auf diese Weise plausibel lösen lassen.

        »Den Anspruch gesellschaftliche Realitäten aus der Sprache (zumal einer “toten” oder idealisierten) rekonstituieren zu können, kommt mir vor wie reine Esoterik.«

        Ich denke nicht, dass das »esoterisch« ist. 🙂 Denn Sprache dient nun mal dazu, Realität zu bezeichnen, und darum kann man aus dem Vokabular einer Sprache auch Rückschlüsse auf die Lebensumwelt der Sprecher einer Sprache ziehen. Insbesondere kann man durch das Hinzutreten von Lehnwörtern aus anderen Sprachen auch Rückschlüsse auf die Veränderung von Lebensumwelten ziehen, etwa wenn zu einem reinen Viehzüchtervokabular in bestimmten abgeleiteten Sprachen Agrarvokabular hinzukommt.

        Die Regeln sprachlicher Lautverschiebungen, mit denen das hypothetische Proto-Indoeuropäisch rekonstruiert wird, scheinen übrigens nicht der kulturellen Willkür zu unterliegen, sondern an den anthropologisch fixierten Lautvorrat des Menschen gebunden zu sein.

        Mein Verweis auf die griechischen Vasen war übrigens irreführend – ich hatte eigentlich nicht die Vasen gemeint, sondern Beispiele, wie sie uns in der Wandmalerei begegnen:

        Menander
        Pompeianischer Maler
        Küstenlandschaft
        Frau vor Bacchus-Skulptur

        Ich bin jetzt kein Kunstgeschichtler, aber einem Eindruck nach ist die Malerei auf dem baktrischen Becher diesen (klassisch-antiken) Beispielen ähnlich.

        Im übrigen ist die »griechisch-baktrische« (und ihr Nachfolger, die »indo-baktrische«) Kultur mit der Oasenkultur *nicht* identisch – letztere ist zwischen 2000 und 1500 Jahren älter.

        Beste Grüße!

    2. @djad, erst jetzt, aber immerhin doch..
      „solange die wissenschaftliche Rezeption von Anthonys Buch ihm keine gravierenden Fehler nachweist, dürfen wir ein Peer Review als bestanden voraussetzen.“

      Vielleicht gibt es ja auch einfach keine „peers“ oder eine dementsprechende Zeitschrift. Die Gründe für das Fehlen der fachspezifischen linguistischen Arbeiten Anthonys können vielfältig sein. Deine Beweisumkehr ist jedenfalls schon sehr kreativ 😉

      „Die Regeln sprachlicher Lautverschiebungen, mit denen das hypothetische Proto-Indoeuropäisch rekonstruiert wird, scheinen übrigens nicht der kulturellen Willkür zu unterliegen, sondern an den anthropologisch fixierten Lautvorrat des Menschen gebunden zu sein.“

      Ich kenn mich zwar nicht wirklich mit allen möglichen Sprachen der Welt aus, habe aber den Eindruck, dass menschliche Sprache extrem schnell evolviert und ungeheuer plastisch ist. Die afrikanischen Sprachen zB bringen eine erschreckende Vielfalt in den „Lautvorrat“. Das schon macht mich grundsätzlich skeptisch, dass eine Abstammung der Sprachen rekonstituierbar ist. Dann kommt noch hinzu, daß die tatsächliche Aussprache verflossenener Sprachen gar nicht bekannt sein kann (das müsste man ja hören).

      „Mein Verweis auf die griechischen Vasen war übrigens irreführend – ich hatte eigentlich nicht die Vasen gemeint, sondern Beispiele, wie sie uns in der Wandmalerei begegnen:“

      Die sind aber römisch, nicht griechisch….. Lustig übrigens, dass (selbst gesehen) in Griechenland römische Ruinen regelmäßig als altgriechisch ausgegeben werden.
      Diese Kunst ist schon nicht so schlecht, aber immer noch sehr formalistisch-konkret, steif, leblos…
      Was ich an diesem baktischen Glas so überaus interessant finde, ist diese abstrakte, frei geführte, gekritzelte Linienführung (auf dem Umhang auf den Knien zB), die ich in der antiken Kunst nie sah, aber typisch für moderne Kunst ist.
      Tu dir aber den Gefallen den besagten Katalog zu holen, der ist zwar selten, aber sein Geld wert.
      Das mit der Oasenkultur habe ich vergeigt, klar. Die besagten Ausgrabungen des Griechen betrafen diese nicht, aber im og Katalog sind auch diese Grabungen und deren Artefakte aufgeführt.

      Beste Grüsse!

  7. Noch ein wenig feministische „ontologische Küchenkunst“ zu dem Matriarchat, den sogenannten „Kurgan-Nomaden“ (die eigentlich auch das Thema Anthonys sind)…..

    …. eine Geisterbahnfahrt a la Göttner-Abendroth, die übrigens auch zu diesem Kreis der Küchenkünstler zugehörig ist (via Joan Marler, s.u.).

    http://mysticbourgeoisie.blogspot.de/2009/03/ontological-cuisinart_12.html

    Ein paar highlights:

    „However, witches, druids, goddess-worshippers, and other pagans — whether in America or elsewhere — are no longer saying nice things about me. Not if they’ve ever read this blog. But let’s get back to Starhawk and her latest documentary, which is about the archeologist Marija Gimbutas …
    In 1974 she published a celebrated analysis of the figurines which had long been recognized as one of the most remarkable features of neolithic and Copper Age sites in south-eastern Europe. Following the collapse of general scholarly belief in a Great Goddess, she treated these as representations of individual deities and interpreted their symbolism — elaborately and boldly — according to a system which had been developed in its essentials by the Jungian psychologist Erich Neumann, whom she acknowledged and praised. ….. It was only in the late 1970s that feminist theory replaced Jungian psychology as her major conceptual tool, and this may not be unrelated to the fact that she taught in the University of California, Los Angeles. The Triumph of the Moon: A History of Modern Pagan Witchcraft (p. 357), Ronald Hutton“

    „Joan Marler: „When Marija (Gimbutas) began to publish her work on the symbolism of Old Europe it just happened to coincide with the second wave of feminism and the development of eco-feminism and sense of rediscovering the fact that we are connected with this Earth.“

    Der MysticB-Autor dazu:
    „But first note the interesting logic on display above: What many (including myself) believe to be a crackpot theory just happened to intersect with „second wave feminism“ (there have been more waves than two, but we’ll let that ride) and was accepted, adopted and championed by a whole herd of crackpots who were eagerly awaiting a crackpot with a Ph.D. in Archeology and a bunch of cracked pottery, who, and which, supported their own crackpot theories. …… So what have we got here so far? Archeology, Feminism, Indo-European languages, Hindu Tantra, The Goddess, The Four Noble Truths, Hour-Long Orgasms, Perfect Great Enlightenment, Total Utter Bullshit…

    I found this interesting note on p. 293 of Aryan Idols (- Indo-European Mythology as Ideology and Science by Stefan Arvidsson The University of Chicago Press):
    „Marler (1997) stresses Gimbutas’s strong Lithuanian identity and the traumatic consequences that the Polish and later the Russian Bolshevik occupation of Lithuania had for her and her educated family, who seem to have held liberal and romantic-nationalist values. As for many Lithuanians during the interwar period, the German army instead seemed like defenders of the Lithuanian culture.“

    Ah, die „Litauische Kultur“, die im Rest des posts versucht wird zu deuten…. second wave feminism, my ass.

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