»Maskulistische Theoriewoche«: Biologische und soziale Faktoren der Geschlechterrollen

Nachdem ich in meinem vorletzten Blogpost die Grenzen bestimmter kulturwissenschaftlicher Auffassungen im Hinblick auf die Biologie zu skizzieren versucht habe, gehe ich nun einen Schritt in die andere Richtung und versuche – leider erneut in Form einer gedrängten Skizze, die eigentlich mehr Zeit verlangte – zu erläutern, wo die Grenzen bestimmter biologischer und evolutionspsychologischer Auffassungen im Hinblick auf die Kulturwissenschaften liegen. Ich versuche zu skizzieren, dass sich eine Eingrenzung der Reichweite solcher Erklärungen mit denselben Grundunterscheidungen durchführen lässt, mit denen in der modernen Philosophie der so genannte »Psychologismus« kritisiert worden ist. Dabei handelt es sich um den Versuch, Erkenntnistheorie auf die Psychologie als empirische Wissenschaft zu stützen, wie er wesentlich von John Stuart Mill und Wilhelm Dilthey unternommen und von Gottlob Frege und Edmund Husserl kritisiert wurde. Insbesondere Husserls erstes Hauptwerk, die »Logischen Untersuchungen« aus dem Jahre 1900, waren hierfür maßgeblich: »Der Effekt der Kritik der ›Logischen Untersuchungen‹ ist dem von Kants Vernunftkritik vergleichbar. Wie Kant für die Schulmetaphysik zum Alleszermalmer wurde, so Husserl für den Psychologismus.« (Marquard 1987: 13)

Meine Grundthese lautet, dass sich Evolutionsbiologie und Evolutionspsychologie vor derselben Überziehung ihrer Erklärungsansprüche in Acht nehmen müssen, wie der Versuch einer psychologischen Begründung der Logik am Ende des 19.Jahrhunderts.

Kritik am Psychologismus

Husserls Kritik des Psychologismus beruht wesentlich auf der Zurückweisung des Behauptung, der empirisch-psychologische Vorhang einer logischen Denkoperation sei mit ihrer notwendigen Geltung identisch, bzw. letztere könne aus ersterer durch Vwerallgemeinerung abgeleitet werden: »(D)er ausgedrückte Satz, der im logischen Denken als Ergebnis gewonnene, enthält als Sinngebilde, in seinem Sinn selbst, nicht vom Denken, sowenig wie die im zählenden Erleben gezählte Zahl in ihrem Sinngehalt etwas vom psychischen Tun des Zählens enthält.« (Husserl 2003: 21) Mathematik und Logik können nicht psychologisch fundiert werden: »Alle arithmetischen Operationsgebilde weisen auf gewisse psychische Akte arithmetischen Operierens zurück, nur in Reflexion auf sie kann, was Anzahl, Summe, Produkt u. dgl. ist, ›aufgewiesen‹ werden. (…) Mit dem Zählen und dem arithmetischen Operieren als Tatsachen, als zeitlich verlaufenden psychischen Akten, hat es natürlich die Psychologie zu tun. (…) Ganz anders die Arithmetik. (…) Von individuellen Tatsachen, von zeitlicher Bestimmtheit ist in dieser Sphäre gar keine Rede. Zahlen, Summen und Produkte von Zahlen … sind nicht die zufällig hier und dort vor sich gehenden Akte des Zählens, des Summierens und Multiplizierens usw.« (Husserl 2009: 173) Auch die jeweils mit den psychischen Akten und den logischen Beziehungen befassten Kunstlehren unterscheiden sich prinzipiell voneinander: »Sache der Psychologie, als Naturwissenschaft von den psychischen Erlebnissen, ist es, die Naturbedingtheit dieser Erlebnisse zu erforschen. In ihr Gebiet gehören also speziell die empirisch-realen Verhältnisse der mathematischen und logischen Betätigungen. Ihre idealen Verhältnisse und Gesetze bilden aber ein Reich für sich. Dieses konstituiert sich in rein generellen Sätzen, aufgebaut aus ›Begriffen‹, welche nicht etwa Klassenbegriffe von psychischen Akten sind, sondern Idealbegriffe (Wesensbegriffe), die in solchen Akten ihre konkrete Grundlage haben.« (Husserl 2009: 189)

Evolutionäre Erkenntnistheorie

Unter den heute aktuellen Theorien ist für unsere Argumentation insbesondere die Evolutionäre Erkenntnistheorie relevant, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Existenz logischer Kategorien als ein Produkt der Evolution zu beschreiben. Sie kann insofern als Fortsetzung des Psychologismus mit anderen Mitteln betrachtet werden, als sie die Kantsche (und Husserlsche) Idee einer strengen Notwendigkeit von Kategorien a priori zurückweist:

»Weder die synthetischen Urteile a priori noch die Kategorien haben Notwendigkeitscharakter. Notwendige Wahrheiten über die Welt gibt es nicht. Für den hypothetischen Realismus haben vielmehr alle Aussagen über die Welt Hypothesecharakter. (…) Die Anschauungsformen und Kategorien passen auch als subjektive, uns eingepflanzte Anlagen auf die Welt …, einfach deshalb, weil sie sich in Anpassung an diese Welt und an diese Gesetze evolutiv entwickelt haben. (…) Daß die Anschauungsformen und Kategorien uns ›eingepflanzt‹ sind und Erfahrung erst möglich machen, erklärt, warum wir uns auch keine anderen Erfahrungen vorstellen können, macht sie also psychologisch notwendig. Und diese psychologische Notwendigkeit erklärt schließlich auch, warum Kant glaubte, ihnen absolute Notwendigkeit zuschreiben zu müssen. Sie sind aber weder aus logischen Gründen noch aufgrund von Naturgesetzen notwendig«. (Vollmer 2002: 129 f.) Vollmer unterscheidet dabei wissenschaftliches und vorwissenschaftliches Wissen: vor allem letzteres sei durch Anpassungsprozesse entstanden: »Das wissenschaftliche Denken beruht zwar zum Teil auf den biologisch bedingten Eigenschaften des menschlichen Gehirns, war aber umgekehrt selbst kein bestimmender Faktor für die Evolution. Dagegen gehörten vorwissenschaftliche Erfahrung und Alltagsverstand gerade zu den wirksamsten Komponenten der evolutiven Anpassung. Wir dürfen deshalb annehmen, daß die subjektiven Strukturen der vorwissenschaftlichen Erfahrungserkenntnis, zu denen auch die Wahrnehmungsstrukturen gehören, der Umwelt angepaßt sind, an der sie sich entwickelt haben. Es ist jedoch nicht zu erwarten, daß diese Strukturen auf alle realen Strukturen passen oder auch nur zum richtigen Erfassen aller dieser Strukturen geeignet seien.« (Vollmer 2002: 162)

Diesem Argument ist Gerhard Roth mit dem Einwand entgegengetreten, dass die Evolutionäre Erkenntnistheorie auf einer überholten, übervereinfachten Vorstellung von evolutionärer Anpassung beruht. Roths Kritik am »neodarwinistischen Adaptionsbegriff« stützt sich auf die Beobachtungen,

»(a) daß viele Organismen innerhalb vieler Millionen Jahre oder sogar Hunderten von Millionen Jahren sich nicht wesentlich verändert haben, obwohl ihre Umwelt sich änderte (dies bezeichnet man als Stasis);
(b) daß umgekehrt Organismen sich zum Teil stark änderten, obwohl ihre Umwelt sich nicht änderte;
(c) daß viele Organismen offenbar deshalb überlebten, weil sie sich nicht eng an ihre Umwelt anpaßten, weil sie nämlich (relativ) unspezialisiert waren; und umgekehrt: daß viele Organismen deshalb ausstarben, weil sie (retrospektiv) zu eng an ihre Umwelt angepaßt waren;
(d) daß Organismen gleicher Herkunft in gleicher Umwelt sich verschieden entwickeln können, und zwar aus Gründen, die in ihren strukturellen und funktionalen Systemeigenschaften liegen.
Ganz offenbar übt die Umwelt auf die Evolution der Organismen nicht die determinierende Kraft aus, die ihr der Neodarwinismus zuschreibt.« (Roth 1997: 346 f.)

Roth zufolge bieten evolutionäre Anpassungsrestriktionen sehr viel mehr Spielräume für organismusinterne Variationsprozesse, als die Evolutionäre Erkenntnistheorie annimmt: »Für das Überleben genügt es, gewisse Minimalbedingungen z. B. hinsichtlich Nahrungserwerb, Flucht, Reproduktion, Stoffwechsel zu erfüllen, die zur erfolgreichen Erhaltung des Individuums und der Art führen. Die Umwelt definiert diese Minimalbedingungen, sie setzt eine untere Grenze, sie wählt aber in aller Regel nicht den ›Bestangepaßten‹ aus. (…) Was hier für den Organismus allgemein gesagt wurde, gilt auch für das Gehirn und seine kognitiven Funktionen. Die meisten Merkmale der funktionalen Organisation des Gehirns sind nur unspezifisch genetisch festgelegt, sie gehorchen überwiegend epigenetischen, selbstorganisierenden und erfahrungsabhängigen Prozessen. Die vergleichende Hirnforschung hat in den letzten Jahren viele Beweise dafür geliefert, daß die Hirnevolution stark eigengesetzlich verlaufen ist. Die Rolle der Umweltselektion, so stark man an sie auch glauben mag, ist für das Gehirn nirgendwo eindeutig nachgewiesen.« (Roth 1997: 347 f.)

Roth verwirft die Evolutionäre Erkenntnistheorie nicht vollständig, insofern er Kognition ebenfalls als ein biologisches Phänomen versteht. Er bestreitet aber, dass sich die Objektivität unserer Erkenntnis aus evolutionärer Anpassung erklären lässt. Sein Einwand gestattet es uns auch, für die Entwicklung des menschlichen Gehirns einen Gedanken von Wolfgang Welsch aufzunehmen, der eine Rückkoppelung der Gehirnevolution mit vom Menschen selbstgeschaffenen Bedingungen vorschlägt – also keinen Selektionsdruck der Umwelt voraussetzt, sondern eine »davonlaufende« Selbstverstärkung annimmt, die nicht auf die Selektion von Individuen einer Population angewiesen ist. Zuvor müssen wir aber mit Hinsicht auf die eingangs angerissene Psychologismuskritik einen entsprechenden Kulturbegriff formulieren.

Ein der Psychologismuskritik adäquater Kulturbegriff

Objektivität und Notwendigkeit, die den kognitiven Operationen der Logik und Mathematik zukommt, sind an ihre symbolische Externalisierung gekoppelt. Die Fixierung einer Bedeutung in einem externalisierten Zeichen – ursprünglich das sprachliche Lautzeichen – löst diese Bedeutung von der empirischen Geistestätigkeit, die sie hervorgebracht hat. Es findet im Zeitverlauf eine Wiederbegegnung der geistigen Tätigkeit mit dem Symbol und dem von ihm bezeichneten Bedeutungsgehalt statt. »Durch das Zeichen, das mit einem Inhalt verknüpft wird, gewinnt dieser in sich selbst einen neuen Bestand und eine neue Dauer. Denn dem Zeichen kommt, im Gegensatz zu dem realen Wechsel der Einzelinhalte des Bewußtseins, eine bestimmte ideelle Bedeutung zu, die als solche beharrt.« (Cassirer 1994: I, 22) Der Sinngehalt eines konkreten Zeichens oder sprachlichen Ausdrucks ist also das, was zwei oder mehr empirischen Bewusstseinsakten desselben oder mehrerer Individuen, die diesen Sinngehalt erfassen, gemeinsam ist. Dementsprechend ist die durch das Zeichen benannte Idee dasjenige, was mehreren empirischen (psychischen, neuronalen) Repräsentationen des bezeichneten Sinngehalts gemeinsam ist. Ideen sind daher nicht mit empirischen Bewusstseinsvorgängen identisch, sondern sie sind dasjenige, was einer Mehrzahl von empirisch unterschiedenen Bewusstseinsakten die Identität verleiht, sich auf dasselbe zu beziehen. Symbolisch fixierte Ideen sind also etwas, wodurch Bewusstseinsströme extern strukturiert und stabilisiert werden. Dass ich eine komplexe Rechenaufgabe heute mit Leichtigkeit, morgen aber nur mit Mühe löse, ist meinem empirischen Bewusstseinsprozess (und seiner »Tagesform«) geschuldet, aber dieser Prozess ändert nichts an der Identität der Rechenaufgabe über den Tag hinaus. Durch ihre Zeichenbindung sind Ideen aber nicht ihrerseits bloß  »ideell«, sondern besitzen eine eigene Materialität und Gegenständlichkeit, die sie ihrerseits zu einem empirischen Tatbestand und zum Gegenstand einer selbständigen Klasse von Wissenschaften macht: den Kulturwissenschaften.

Dennoch kann Ideen (und auch bei logischen Gesetzen handelt es sich um solche) eine biologische Funktion beigelegt werden: sie dienen dazu, in einem a priori unbestimmten Raum möglicher Erfahrung zur Anwendung zu kommen. Denn indem sie nicht, wie instinktiv fixiertes Verhalten, auf eine bestimmte Erfahrung festgelegt und an eine fixe Reaktion gekoppelt sind, müssen sie, einen hinreichend hohen Allgemeinheitsgrad vorausgesetzt, auf jede mögliche Erfahrung anwendbar sein. Die Anwendbarkeit auf jede mögliche Erfahrung ist aber dasjenige, was die menschliche Verhaltensflexibilität und hochgradige Anpassungsfähigkeit an variable Umwelten ermöglicht. Der Gebrauch extern fixierter Sinngehalte zur Strukturierung von Bewusstseinsströmen und zur Adaption von Verhalten über Wissen an variable Kontexte ist der Kern dessen, was wir als »Kultur« bezeichnen. Kultur garantiert die für den Menschen spezifische Flexibilität von Anpassungsleistungen und ist somit konstitutiv für die Spezies homo sapiens. Hier ist nun freilich einem Missverständnis vorzubeugen: »Konstitutiv« bedeutet nicht, dass es sich bei »Kultur« um den einzigen Bestimmungsfaktor des Homo Sapiens handelt und die »Biologie« der Spezies nicht relevant wäre. Sondern man kann den Zusammenhang so fassen, dass es die menschliche Spezies konstituiert, dass ihre Biologie mit einer kulturellen Extension ausgestattet ist. Die Ebenen sind nicht zu trennen: ohne die biologisch konstruierte Offenheit des menschlichen Bewusstseins gäbe es keine Kultur, und ohne Kultur wäre die in dieser Weise »offen« konstruierte Biologie nicht operations- und damit lebensfähig.

Diese für den Menschen spezifische anthropologische Verschränkung von Biologie und Kultur entstammt einem Zwischenglied der Evolution zum Menschen, das zeitlich zwischen die rein biologische und die rein kulturelle Evolution geschaltet ist – die so genannte »protokulturelle Evolution«: »Die protokulturellen Fortschritte sowohl der Werkzeugtechnik als auch der sozialen Komplexität verlangten hochgradige interne Leistungen des Gehirns. Dadurch hat sich in der protokulturellen Periode in einem fortlaufenden Rückkopplungsprozess zwischen Tätigkeitsinnnovation und Gehirnoptimierung das für den Menschen typische extrem leistungsfähige und reflexionsfähige Gehirn herausgebildet. Die Besonderheit des menschlichen Gehirns – die überwältigende Dominanz interner, reflexiver Funktionen gegenüber externen, stimulativen Funktionen – ist ein Ergebnis der protokulturellen Entwicklung.« (Welsch 2012: 722) In diese protokulturelle Evolution wird auch der sexuelle Dimorphismus einbezogen und führt über die Familialisierung des Mannes zur einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die nicht mehr nur Natur, sondern Institution ist. (vgl. Dux 1994)

Dass geschlechtstypische Dispositionen für menschliches Verhalten überhaupt eine Rolle spielen, dürfte daran liegen, dass die Entwicklung des sexuellen Dimorphismus wesentlich älter ist als die Entwicklung des spezifisch menschlichen Gehirns. Menschliche geschlechtstypische Dispositionen sind gewissermaßen das, was der Prozess der Hominisierung vom Dimorphismus der Säugetiere und Primaten übriggelassen und in das entstehende System menschlicher Arbeitsteilung einbezogen hat, und zwar mit dem Effekt einer Aufweichung der Bestimmungskraft geschlechtstypischer Dispositionen. Erhalten bleibt eine dimorphe emotionale Konfiguration, die sich als biologisches Moment in die entstehende kulturelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern integriert, die aber ebenso wie die generelle menschliche Instinktkonfiguration durch kulturelle, und das heißt: durch Reflexionsprozesse mediatisiert wird. »Mediatisierung« soll dabei im Sinne der obigen Psychologismuskritik zum einen bedeuten, dass die Kapazität zu höheren Bewusstseinsleistungen beiden Geschlechtern gemeinsam ist, da die empirisch-psychologischen Prozesse von ihnen transzendiert werden, und zum anderen, dass Kultur jenen Mechanismus des »Triebaufschubs« bereitstellt, der eine rationale Selbststeuerung des eigenen impulsiven Verhaltens bei beiden Geschlechtern gestattet.

Geschlechtstypisches Verhalten wird also nicht durch Kompetenz, sondern durch Performanz umrissen, nicht durch Können, sondern durch Wollen: Männer und Frauen können (abgesehen von einem zahlenmäßig geringfügigen Bereich von Extremleistungen) dasselbe, allein besagte dimorphe emotionale Konfiguration wird durchschnittliche Abweichungen im tatsächlich gewollten Verhalten bewirken, und zwar paradoxerweise um so mehr, je weniger diese biologisch fundierte Konfiguration durch kulturelle Restriktionen gehemmt wird. Damit gelangen wir zum modernen Geschlechterparadox, das gerade durch die kulturelle Norm einer Schleifung gesellschaftlicher Restriktionen des geschlechtsspezifischen Verhaltens den Boden der biologischen Konfiguration freilegt.

Literatur:

Cassirer, Ernst (1923, 1994), Philosophie der symbolischen Formen. Erster Teil: Die Sprache. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Dux, Günter (1994), Geschlecht und Gesellschaft. Warum wir lieben. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Husserl, Edmund (2003), Phänomenologische Psychologie. Hamburg: Meiner

Husserl, Edmund (2009), Logische Untersuchungen. Hamburg: Meiner

Marquard, Odo (1987), Transzendentaler Idealismus – Romantische Naturphilosophie – Psychoanalyse. (= Schriftenreihe zur Philosophischen Praxis, Band 3) Köln: Dinter

Roth, Gerhard (1997), Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp

Vollmer, Gerhard (1975, 82002), Evolutionäre Erkenntnistheorie. Angeborene Erkenntnisstrukturen im Kontext von Biologie, Psychologie, Linguistik, Philosophie und Wissenschaftstheorie. Stuttgart – Leipzig: S. Hirzel

Welsch, Wolfgang (2012), Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. Weilerswist: Velbrück

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14 Antworten zu »Maskulistische Theoriewoche«: Biologische und soziale Faktoren der Geschlechterrollen

  1. Schön, dass du die Theoriewoche aufgreifst. Ich rege noch einen link zu dem passenden Beitrag dort an.

    In der Sache scheinst du mir aber Scheinprobleme zu behandeln. Das es eine Spanne gibt innerhalb der Ausprägungen von Wesen spricht ja nicht gegen evolutionäre Betrachtungen. Im Gegenteil: genau das ist eine Stärke eines Genpools bei sexueller Fortpflanzung. Aber dennoch gibt es einen Selektionsdruck, der eine langsame Verschiebung erzeugt

    Ein teil der Vorhalte scheinen mir auch schlicht auf dem Umstand zu beruhen, dass du nur natürliche Selektion und nicht sexuelle Selektion betrachtet und zudem nur auf die Umwelt an sich, aber nicht auf Wechselwirkungen aus dem „Wettrüsten“ verschiedener Arten untereinander (vgl auch die red Queen theory) abstellst.

    Insgesamt wirkt der Text leider so als hättest du dich mit den evolutionären Theorien nur sehr oberflächlich beschäftigt.

    „Männer und Frauen können (abgesehen von einem zahlenmäßig geringfügigen Bereich von Extremleistungen) dasselbe“

    Dass picke ich mal raus. Ich würde enger sagen, dass Fähigkeiten häufig im schnitt verschieden stark ausgeprägt sind. Sie entsprechen auf die Gruppe betrachtet Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern aber verschobenen Mittelwerten.
    Eine gutes Beispiel ist räumliches Denken. Die Zusammenhänge mit Testosteron sind dort gut erforscht und es ist ein sehr deutlicher unterschied im schnitt zwischen den Geschlechtern.

    https://allesevolution.wordpress.com/2012/03/17/geschlechtsunterschiede-beim-raumliche-denken/

    https://allesevolution.wordpress.com/2012/07/24/technisches-verstandnis-berufwahl-und-testosteron/

    https://allesevolution.wordpress.com/2013/09/02/frauen-in-der-wissenschaft-und-die-biologischen-faktoren/
    https://allesevolution.wordpress.com/2012/08/27/fahigkeiten-in-verbindung-mit-den-hormonen-ostrogen-testosteron/

    Das wollen und das können unterliegen damit biologischen Faktoren. Unsere Biologie ist nicht ein unbedeutender Rest, von dem wir uns fast befreit haben, die ist ein wesentlicher Faktor, der und nach wie vor entscheidend prägt. Die Kultur ist häufig eine Ausformung dieser biologischen Grundlagen

    • elmardiederichs schreibt:

      Na ja, da wiederholt sich ja das übliche Spiel von EvoChris gegenüber Andersdenkenden:

      i) Allen Abweichlern – inklusice Roth – wird pauschal und ohne Begründung vorgeworfen, sie seien oberflächlich.

      ii) Es gibt keine detaillierte Auseinandersetzung mit den Punkten des postes.

      iii) Es wird behauptet, daß alle Fragen gelöst seien und die Lösung auf den Seiten des postest steht. Diese Lösung selbst wird aber nicht angedeutet oder referiert. Es wird auch nicht gesagt, was man auf den referenzierten Seiten finden kann, sondern man wird einfach nur abgekanzelt a la „Bist du doof, ließ doch selbst.“.

      Kein Wunder, wenn solche Vertreter des Maskulismus ihn in den Dreck ziehen.

      • Ich bin eben ein schlimmer Hetzer. Hier war die Kürze allerdings auch dem smartphone geschuldet.

        Wobei ich behaupten würde, dass meine Kritik an deinen Thesen bisher konkret war. Hätte mich gefreut, wenn du darauf ebenso konkret eingegangen warst

      • elmardiederichs schreibt:

        „Ich bin eben ein schlimmer Hetzer. “

        Ja. Und noch viel Schlimmeres. Und das wird sich in absehbarer Zeit wohl auch nicht ändern.

      • Ja, hast du ja auch schon häufig thematisiert. Ändert aber auch nichts daran, dass eben in diesem konkreten Fall sexuelle Selektion und red Queen Theorie nicht berücksichtigt sind. Das sind auch konkrete Vorhalte, denen man direkt nachgehen kann.

        Und auch bezüglich gleicher Eigenschaften war ich durchaus konkret, ich habe meinen vorhalt auch an einem Beispiel erläutert, auf das man konkret eingehen kann. Die verweise auf die Artikel waren insofern nur unterstützende belege.

        Findest du Roth im ubrigen so schwer kritisierbar? Er vertritt ja einen recht harten biologischen Determinismus

    • crumar schreibt:

      @Christian

      Es gibt bei dir immer den Hinweis auf eine bestimmte Theorie bzw. Hypothese, die man berücksichtigen müsste – wobei du jede Hypothese (siehe Rote Königin HYPOTHESE schon als Theorie handhabst, obwohl sie als wissenschaftliche Theorie gar nicht anerkannt ist und in einem zweiten Schritt muss dies nach genau *deiner* Lesart erfolgen. Kritik an deinen Hypothesen und Theorien sind vorhanden, nur weigerst du dich bisher sehr hartnäckig diese zur Kenntnis zu nehmen, was es auch anstrengend macht mit dir zu diskutieren.

      Es m.E. so, dass du in deiner Argumentation Etappen der Menschheitsgeschichte und Brüche bewusst aussparst – oder anders formuliert: Die Menschheitsgeschichte passt nicht zu deiner Theorie.
      Pi mal Daumen 90% der Menschheitsgeschichte des Homo Sapiens verbrachte unserer Spezies als Wildbeuter bzw. Nomaden und genau diese spezifischen Bedingungen – sowohl der Selektion durch die Umwelt und der sexuellen – müssen ihren genetischen Niederschlag gefunden haben. Hingegen sind es 10% der Menschheitsgeschichte – beginnend mit dem Ackerbau und Viehzucht – die die tatsächlichen Grundlagen unserer Zivilisation bilden. So weit so gut.

      Nun ist die geschlechterbezogene Arbeitsteilung aber kein Produkt der Biologie per se:

      „Unter jüngeren Wildbeutern besteht eine geschlechts- und altersbezogene Arbeitsteilung. Diese trat jedoch erst ab 40.000 v. Chr. zu Beginn des Jungpaläolithikums auf. Die umfangreichen archäologischen Funde aus dem Zeitraum des Mittelpaläolithikums (300.000 bis 40.000 v. Chr.) zeigen, dass Männer und Frauen vorher relativ ähnliche Aufgaben übernahmen.“ Wikipedia

      Hatte der Selektionsdruck vorher einen Winterschlaf eingelegt?

      Und warum sind die Menschen vor ca. 15.- 20.000 Jahren auf den Ackerbau gekommen, wenn 180.-185.000 Jahre lang vorher die biologische und sexuelle Selektion zu *keiner* historischen Entwicklung geführt hat?

      Der *Fortschritt* in der Geschichte der Menschheit beruhte offensichtlich darauf, bereits damals die ursprünglichen (männlichen, nomadischen) Jagdinstinkte zu überwinden. D.h. vom Fortschritt der Menschheit aus betrachtet wurden diese Instinkte offensichtlich preisgegeben – sie wurden dysfunktional für die weitere Entwicklung.
      Eine kulturelle Errungenschaft und ein Sieg über die Biologie der vorhergehenden Etappe der Menschheitsgeschichte.

      „Ganz offenbar übt die Umwelt auf die Evolution der Organismen nicht die determinierende Kraft aus, die ihr der Neodarwinismus zuschreibt.« (Roth 1997: 346 f.)

      Ist auch ein *geschichtliches* Resümee, denn die Menschheit fing mit Ackerbau und Viehzucht an, sich die eigenen Umweltbedingungen qua eigener Tätigkeit selbst zu erschaffen. Mit der bewussten Ausnutzung ihrer Gesetzmäßigkeiten der Natur durch deren immer besseres Verständnis fiel peu a peu die Naturschranke.
      Man war eben nicht mehr auf das *zufällige* vorhanden sein einer Nahrungsquelle angewiesen, sondern produzierte sie geplant und gemeinschaftlich.

      „Die Kultur ist häufig eine Ausformung dieser biologischen Grundlagen.“

      „Kultur“ begann damit, dass die Menschheit aus der Natur gleichsam heraustrat und sich damit von den (eigenen) biologischen Imperativen befreien konnte.
      Der Epochenbruch ist die damit eintretende Wandlung des Menschen vom „Naturwesen“ zum „Kulturwesen“.

      Schönen Gruß, crumar

    • djadmoros schreibt:

      Ich sollte vielleicht noch einmal klarstellen, worauf meine Argumentation abzielt: primäres Ziel ist es, herauszustellen, dass welchen biologischen Einflussgrößen auch immer das empirische psychische Verhalten von Männern und Frauen unterliegt, die Dimension des Kulturellen davon kategorial und ontologisch verschieden ist. Biologische und psychische Kausalität findet auf der ontogenetischen Ebene per definitionem innerhalb einzelner Organismen statt, kulturelle Kausalität dagegen zwischen einzelnen Organismen. Kulturelle Kausalität vermittelt die psychischen Zustände mehrerer individueller Organismen durch ein Drittes, nämlich das externalisierte Symbol, und damit ist der Sinn, die Bedeutung, des Symbols nicht auf psychische Prozesse reduzibel, welcher konventionell, durch die kommunikative Abstimmung mehrerer Organismen zustandekommt. In demselben Sinne sind daher auch kommunikative, also symbolerzeugende und -verarbeitende Prozesse nicht auf psychische Prozesse reduzibel. Und ist der Sinn eines externalisierten Symbols (oder eines komplexen Zusammenhangs von Symbolen) zudem deontisch, vermittelt er also ein Sollen, dann ist in ihm Normativität extern symbolisiert, und ebenfalls nicht auf psychische Prozesse reduzibel.

      Der ursprüngliche externe Speicher kultureller Bedeutung ist dabei nicht die Schrift, sondern das Gedächtnis ausgewählter Individuen (z. B. Alte, »Sänger«, Rhapsoden), das aber einer kollektiven Kontrolle unterliegt, so kommt es bei bestimmten memorierten Texten auf die exakte Wiedergabe durch den Rhapsoden an, die somit nicht zu seiner privaten Disposition stehen.

      Gegenüber dem Zustandsraum der psychischen Dispositionen enthält der Zustandsraum des Kulturellen daher ein Potenzial von Freiheitsgraden, die dem Wollen offenstehen, die aber über Lernprozesse entfaltet und entwickelt werden müssen. Auf diese Weise kann sich Kultur grundsätzlich auch gegen den Raum der psychischen Dispositionen stellen, was dann allerdings oftmals mit psychischen Kosten und Reibungsverlusten verbunden ist. Dispositionen können sich kulturellen Systemen daher in Form einer Ökonomik mitteilen – kulturelle Systeme werden sich also nur dann gegen den Apparat der Dispositionen stellen, wenn in der Lebensumwelt Zwänge entstehen, deren Missachtung größere Kosten nach sich ziehen würde als eine kulturelle Restriktion von Dispositionen nach sich ziehen wird. Genau in dieser Möglichkeit, Verhaltensweisen gegebenenfalls auch um den Preis psychischer Folgekosten zu erzwingen, liegt ein Teil der Flexibilität kultureller Anpassung. Zu den frühesten und wichtigsten Kulturleistungen dieser Art gehört die »Domestizierung« und Repression aggressiver Impulse, um ein Zusammenleben von Menschen auf engem Raum zu ermöglichen – eine Situation, auf die der Mensch evolutionär nicht vorbereitet war.

      Die Frage, in welchem Ausmaß sich die psychischen Dispositionen und Kompetenzen von Männern und Frauen unterscheiden, ist daher zweitrangig gegenüber der Frage, welche Verbindungen diese mit Normen und Institutionen eingehen – oder welche emotionalen Verwerfungen gegebenenfalls in Bezug auf diese entstehen. Kultur kann eine »Ausformung biologischer Grundlagen« sein (die ursprüngliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist voraussichtlich genau dieses gewesen) – sie kann aber auch das genaue Gegenteil davon sein und diese biologischen Grundlagen einer Repression unterwerfen. Eine typische Funktion der Kultur in Bezug auf den biologischen und psychischen Dispositionsapparat besteht ja gerade darin, ihm »Triebaufschub« oder »Triebverzicht« aufzuerlegen. Und seit den religiösen Revolutionen der sogenannten »Achsenzeit«, also seit der Entstehung der klassischen Hochreligionen, hat eine solche Domestizierung der inneren psychischen Welt und ihre Unterwerfung unter kulturelle Regeln und Normen (man mag davon heute halten, was man möchte) in systematischer und programmatischer Weise stattgefunden.

  2. El_Mocho schreibt:

    „Biologische und psychische Kausalität findet auf der ontogenetischen Ebene per definitionem innerhalb einzelner Organismen statt, kulturelle Kausalität dagegen zwischen einzelnen Organismen. Kulturelle Kausalität vermittelt die psychischen Zustände mehrerer individueller Organismen durch ein Drittes, nämlich das externalisierte Symbol, und damit ist der Sinn, die Bedeutung, des Symbols nicht auf psychische Prozesse reduzibel, welcher konventionell, durch die kommunikative Abstimmung mehrerer Organismen zustandekommt.“

    Klingt für mich verdammt nach idealistischer Philosophie. Die Organismen leben doch alle in der gleichen (materiellen) Welt. Voraussetzung für Kultur ist Kommunikation zwischen den Organismen, und die findet nur über Sinnesorgane statt; auch die Symbole befinden sich letzten Endes nur in den Gehirnen der Organismen. Macht es wirklich Sinn, einen ontologischen Sonderbereich des Sozialen zu postulieren?

    • djadmoros schreibt:

      Husserl ist nach seiner »transzendentalen Wende« sicherlich dem Idealismus zuzurechnen, und der von mir ebenfalls zitierte Cassirer verkörpert den Marburger Neukantianismus. Man sollte aber keinen Gegensatz von »falschem« Idealismus und »richtigem« Materialismus konstruieren: auch wenn man selbst eine materialistische Perspektive verfolgt, muss man sich immer noch mit den *Einwänden* des Idealismus gegen eine solche Position auseinandersetzen – das gilt bis hin zur heutigen Kontroverse um die Neurowissenschaften.

      Konkret: der Grundgedanke, den ich hier vertrete, läuft darauf hinaus, dass symbolische (sprachliche) Vermittlung von Bedeutung in die kognitiven Zustände von Organismen eine (in Maturanas Worten) »strukturelle Kopplung« einführt, die es ohne Sprache nicht (zumindest nicht in dem für Menschen charakteristischen Ausmaß) gäbe. Es ist keine *hinreichende* Beschreibung zu sagen, dass Sinn und Bedeutung »bloß« im Gehirn von Organismen existieren. Denn der *Koppelungszustand* ist etwas, dass durch biologische/psychologische Kausalität nicht hinreichend erklärt wird. Neuronale Aktivität und das »korrekte« Arbeiten der Sinnesorgane sind bloß *notwendige* Bedingungen hierfür.

      Koppelung entsteht auf dem Umweg über bedeutungstragende Zeichen, denen ihrerseits eine eigene Materialität zukommt – ihr Zustandekommen ist gebunden an die Vermittlung eines nicht selbst psychisch oder biologisch kausalen Vorgangs. Das ist ebensowenig »Idealismus« oder Metaphysik, wie die Abgrenzung einer Ebene des Biologischen von chemischen Vorgängen Metaphysik ist. Wir sagen auch nicht, dass biologische Prozesse »eigentlich bloß« chemische Prozesse sind, denn das würde die charakteristische Art, in der biologische Systeme Information verarbeiten, nicht hinreichend beschreiben.

      In demselben Sinne kann man »Kultur« als eine »emergente« Ebene von Systemprozessen »oberhalb« der Biologie verstehen. Dadurch wird die biologische Ebene ebensowenig ausgeschaltet oder »abgeschafft«, wie die Enstehung biologischer Prozesse die chemischen Prozesse abgeschafft hat. Es entsteht eine neue Ebene von Kausalität und Informationsverarbeitung, und zudem ein *zeitlicher Symmetriebruch*, der die Kausalität der zugrundeliegenden Ebene zwar nicht aufhebt, aber ihr gewissermaßen »davonläuft«.

      Und das wäre jetzt mein Hauptkritikpunkt an Christian: dass er mir zwar vorwirft, ich würde evolutionäre Prozesse und Mechanismen nur unzureichend verstehen, aber seinerseits keinerlei Gespür dafür entwickelt, welche konkreten, *historisch-empirischen* Erklärungsprobleme sich mit dem Beginn der menschlichen Zivilisationsgeschichte stellen und welche Herausforderungen für soziobiologische und evolutionspsychologische Erklärungen dadurch gestellt werden.

  3. EasyAl schreibt:

    hallo@djad, das alles um den Kulturbegriff von dir ist recht schön formuliert und die Idee der relativen Eigenständigkeit der menschlichen Kulturentwicklung gegenüber der menschlichen biologischen Evolution ist keinesfalls von der Hand zu weisen, sondern drängt sich als Problem geradezu auf.

    Doch leider gibt es seitens der Biologie vermutlich keine tragfähigen Bezugspunkte, die einen soliden Kontakt zu den „Humanwissenschaften“, wie sie immer so schön genannt werden, gestatten würden.

    Deine ausgesuchten Bezugspunkte zur Biologie halte ich für vollkommen unbrauchbar, wie ich versuche darzulegen, in der Hoffnung auf Inspiration:

    …zur „Evolutionären Erkenntnistheorie“ nach Vollmer

    „Die Anschauungsformen und Kategorien passen auch als subjektive, uns eingepflanzte Anlagen auf die Welt …, einfach deshalb, weil sie sich in Anpassung an diese Welt und an diese Gesetze evolutiv entwickelt haben.“

    Das ist eine fade Deduktion, bei der die Evolutionstheorie ausgesponnen wird, ohne jeden wirklichen Erkenntnisgewinn. Nicht dass diese Spekulation unsinnig wäre, aber an dieser Stelle sollte eigentlich schon Schluss sein. Aber wie häufig bei den theoretisierenden Spekulierenden, ist dies nur der Einstieg….

    „Das wissenschaftliche Denken beruht zwar zum Teil auf den biologisch bedingten Eigenschaften des menschlichen Gehirns, war aber umgekehrt selbst kein bestimmender Faktor für die Evolution.“

    Aha??
    Es wäre an dieser Stelle allzu naheliegend zu behaupten, „das Gehirn“ hätte, über die biologische Wissenschaft, einmalig gute und neuartige Möglichkeiten für die Menschen geschaffen, ihr Überleben zu sichern, insbesondere durch Antibiotika und die Methode des Impfens…. Was vorher als göttliche Heimsuchung erschien, wurde zum Problem der Medizin und Hygiene.
    Man fragt sich, warum Vollmer die von ihm gewählte Logik der Argumentation hier nicht in der oben angeführten Weise fortsetzt. Nach Vollmer wären also die medizinischen Fortschritte nicht als „Faktor für die Evolution“ anzusehen und das Gehirn dann als intellektuelle Spielwiese?!

    „Dagegen gehörten vorwissenschaftliche Erfahrung und Alltagsverstand gerade zu den wirksamsten Komponenten der evolutiven Anpassung.“

    Noch mehr Deduktion.
    Wie kommt der Mann aber dazu, objektive Fortschritte im menschlichen Überleben unter „vorwissenschaftliche Erfahrung“ und „Alltagsverstand“ unterzuordnen?

    „Wir dürfen deshalb annehmen, daß die subjektiven Strukturen der vorwissenschaftlichen Erfahrungserkenntnis, zu denen auch die Wahrnehmungsstrukturen gehören, der Umwelt angepaßt sind, an der sie sich entwickelt haben. “

    Deshalb? Die Argumentation dreht sich im Kreis, die vermeintliche Schlussfolgerung ist nicht Weise von der ursprünglichen These verschieden.

    Dieser Text von Vollmer ist bemerkenswert unredlich! Mit einer sauberen Argumentation, die sich ernsthaft auf die Evolutionstheorie beziehen will, hat das nichts zu tun. Wenn der Text repräsentativ für „Evolutionärer Erkenntnistheorie“ sein soll, dann ist sie offensichtlich anti-wissenschaftlich.

    Übrigens ist die Unmöglichkeit „synthetischer Urteile a priori“ schon von Kant selbst nachgewiesen worden, von irgendeinem „Notwendigkeitscharakter“ oder einer „Notwendigkeit“ hat Kant niemals gesprochen, ganz am Rande.

    Du (@Djad) kommst nun mit dem „Gehirnforscher“ G. Roth:

    „Diesem Argument ist Gerhard Roth mit dem Einwand entgegengetreten, dass die Evolutionäre Erkenntnistheorie auf einer überholten, übervereinfachten Vorstellung von evolutionärer Anpassung beruht. Roths Kritik am »neodarwinistischen Adaptionsbegriff«“

    Das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein. Vorstellungen „evolutionärer Adaption“ sind bei Vollmer keinesfalls „vereinfacht“, sondern verkompliziert und vor allem ohne Notwendigkeit. Verkompliziert um eine angebliche Freiheit des Gehirns, welches Vollmer derart von der Unterworfenheit unter die Selektion freispricht.
    Seltsam ist der Begriff „neodarwinistischer Adaptionsbegriff“ und die angebliche Enge oder Unbrauchbarkeit dieses selben. Erinnert an das typische Strohmann-Argument, mit dem Kreationisten die Evolutionstheorie versuchen auszuhebeln. In diesem Sinne ist auch das Zitat Roths ….

    Ganz offenbar übt die Umwelt auf die Evolution der Organismen nicht die determinierende Kraft aus, die ihr der Neodarwinismus zuschreibt.

    … zu verstehen. Kein Evolutionsbiologe geht davon aus, dass die „Umwelt“ eine „determinierende Kraft“ ausüben würde. Die Überlebensfähigkeit ist nach Darwin (und unangefochten) eine Folge der Anpassung an irgendwelche spezifischen Umweltbedingungen, erfolgt also eigentlich passiv, der „Bestangepasste“ überlebt (was Roth ja später sogar ausdrücklich bestreitet, womit er sich gegen die Evolutionstheorie stellt).

    Eine „determinierende Kraft“ wird immer nur von Kreationisten und dergleichen gefordert, die die Evolutionstheorie umgehen wollen. Dabei wird gerne angenommen, die „Umwelt“ in all ihren Facetten sei ihnen klar.
    Bei den konkreten Beispiele und deren Deutung verfährt Roth nach jenem Schema und will damit zeigen, dass Evolution unabhängig von Umwelt ist. Dazu brennt er allerhand Nebelkerzen ab, indem er irgendwelche „strukturellen und funktionalen Systemeigenschaften“ bemüht, den „Lebenden Fossilien“ eine „nicht-wesentliche“ Veränderung unterstellt und so tut, als ob er über alle hinreichenden Umweltbedingungen für irgendwelche Organismen zu irgendeiner Zeit ausreichend Bescheid wüsste, um den Einfluss auf seine Beispielorganismen zu bewerten.

    Aber Roth hat ja was Besseres zu tun als Wissenschaft zu betreiben und agitiert lieber als politischer Reformator des rechtsstaatlichen Justizsystems. — Ob es wohl diesem Umstand zu verdanken ist, dass die eigentlich antiwissenschaftliche Genderologie sich ausgerechnet und spezifisch für die „Gehirnforschung“ erwärmen kann?

    Aber zum Thema: zur Entwicklung eines Kulturbegriffs lässt dir die Biologie recht freie Hand, da sie eigentlich kein Thema der Biologie ist. Es ist aber alles andere als hilfreich, sich auf fragwürdige biologische sich gebende Theoriegebilde zu stützen, ganz wie auf den von dir so genannten „Psychologismus“. (Was natürlich nicht heissen soll, dass Psychologisches auszuschliessen wäre).
    Dass die Produkte der Kultur, insbesondere der gegenwärtigen, nicht rein biologisch verstanden werden können, liegt meines Erachtens vor allem an einer noch ausstehenden Bewährung kulturell hervorgebrachter Phänomene. Der Erfolg des „Besten“ oder „Bestangepassten“ ist nämlich immer erst im Nachhinein feststellbar. Eine Freiheit der Kultur abseits der Evolution kann man von dieser Perspektive dann als mögliche Illusion begreifen. Ohne diese Illusion aber kein Ausprobieren, vielleicht keine Entwicklung mehr. Denn die Varianten (ob kulturell oder biologisch bedingt sollte keinen Unterschied machen) müssen schon vorhanden sein, um der Selektion, der Auslese durch den Evolutionsprozess, anheim fallen zu können.
    Ein Beispiel: Menschen, auch ganze Gruppen, können sich in Bezug auf ihre Überlebensfähigkeit lange völlig konträr verhalten, was natürlich kein Beweis für die grenzenlose Freiheit von aller Biologie ist. An Ende winkt immerhin der „Darwin Award“, eine eigentlich zweifelhafte Auszeichnung und nicht als Erfolg anzusehen.

    „… man kann den Zusammenhang so fassen, dass es die menschliche Spezies konstituiert, dass ihre Biologie mit einer kulturellen Extension ausgestattet ist. Die Ebenen sind nicht zu trennen: ohne die biologisch konstruierte Offenheit des menschlichen Bewusstseins gäbe es keine Kultur, und ohne Kultur wäre die in dieser Weise »offen« konstruierte Biologie nicht operations- und damit lebensfähig.“

    Die Biologie, jedenfalls, was die Wissenschaft betrifft, ist in deinem Sinne natürlich schon „offen“, denn sie kann gar keine Vorhersage über das Erscheinen jeglicher Variante, die sich immer erst als „bestangepasst“ beweisen muss, machen. Zu „konstruieren“ ist bei der Biologie da nichts.

    Weiterhin ist die Vorstellung einer „protokulturellen Entwicklung“ als „Zwischenglied der Evolution zum Menschen“ völlig überflüssig und willkürlich. Ein Produkt einer falsch verstandenen biologischen Deduktion, welche dann noch ohne Notwendigkeit auf irgendwelche ungenügenden Historiographien der Vergangenheit spekulativ angewendet werden.

    Das daran anschließende….

    In diese protokulturelle Evolution wird auch der sexuelle Dimorphismus einbezogen und führt über die Familialisierung des Mannes zur einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, die nicht mehr nur Natur, sondern Institution ist.

    ist ebenso spekulativ.
    Der menschliche sexuelle Dimorphismus ist ohnehin schwach ausgeprägt, so dass eine „Familiarisierung des Mannes“ oder „geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen“ an irgendeinem besonderen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte mit besonders guten Beweisen belegbar sein müssten. Sehr unwahrscheinlich, dass dies überzeugend gelingen wird. Auch weil es gar nicht so gewesen sein muss. Auch die nähere Verwandtschaft des Menschen ist nur bedingt hilfreich, da die Evolution seit der Abspaltung mit dem Menschen nicht stehen geblieben ist.
    Eine „Bestimmungskraft geschlechtstypischer Dispositionen“ gar bleibt Spekulation und könnte durch die Annahme eines Instinktes ersetzt werden. Dementsprechend wäre, dass „menschliche Instinktkonfiguration durch kulturelle, …. durch Reflexionsprozesse mediatisiert wird“ eine notwendige Annahme, wenn die Eigenständigkeit der Kultur gegenüber der Biologie gesucht wird. „ .. Dass die Kapazität zu höheren Bewusstseinsleistungen beiden Geschlechtern gemeinsam ist“ verwundert wegen des unauffälligen Geschlechtsdimorphismus nicht. Selbst wenn es eine Arbeitsteilung der Geschlechter gab, wäre zu fragen, ob diese nicht eher flexibel war und damit opportunistisch- praktischen Umständen folgte. Festgelegt, „institutionalisiert“ muss das gar nicht sein oder gewesen sein, was dein „ modernes Geschlechterparadox“ somit auch unmittelbar auflöst (ich habe diesen Begriff so verstanden, dass dieses darin bestehen würde, dass die geschlechtlichen Rollenbilder sich im Wesentlichen als kulturell bedingt gezeigt hätten).

    Aber „dass Kultur jenen Mechanismus des »Triebaufschubs« bereitstellt, der eine rationale Selbststeuerung des eigenen impulsiven Verhaltens bei beiden Geschlechtern gestattet“ ist extrem spekulativ und mE hoffnngslos vorurteilsbeladen und wirkt in dem Text auch sehr deplaziert. Eine Verbeugung vor Freud?

    Ein Gedanke noch von mir, zur Inspiration:
    Bei der Objektivität könnte es sich tatsächlich um ein Kulturprodukt handeln, welches besonders erfolgreich war und ist und durch Selektion begünstigt wird und damit auch die Biologie berührt. Kein Wunder, handelt es sich bei der Objektivität doch um „Erkennen der Dinge wie sie sind“, was natürlich die beste Anpassungsmöglichkeit überhaupt liefern sollte. Denn beim Anpassen an eine Umwelt sollte der größte Erfolg mit einer möglichst genauen und umfassenden Erkennung der Umwelt einhergehen. Die Biologie braucht die Idee einer Objektivität eigentlich gar nicht, um die Lebewesen zu verstehen, die üblicherweise mit eingeschränkter Wahrnehmung erfolgreich sind. Das macht die Objektivität zu einem echten Problem der Kultur (und des Menschen gleichermassen).

    Im Nachtragspost, der sehr schön anfängt, endest du wiederholt mit einem platten Stereotyp, ähnlich wie „Familiarisierung“ uä:

    „Zu den frühesten und wichtigsten Kulturleistungen dieser Art gehört die »Domestizierung« und Repression aggressiver Impulse, um ein Zusammenleben von Menschen auf engem Raum zu ermöglichen – eine Situation, auf die der Mensch evolutionär nicht vorbereitet war.“

    Das Stereotyp des primitiven, tumben Urmenschen, der erst zivilisiert werden musste. Conan, der Barbar. Und der darauf nicht einmal „vorbereitet“ gewesen wäre. Die Natur macht aber keine Sprünge. Ich glaube kaum, dass die Urmenschen natürlicherweise von einer höheren Aggressivität gewesen sind als wir es heute sind.

    „ ….seit der Entstehung der klassischen Hochreligionen, hat eine solche Domestizierung der inneren psychischen Welt und ihre Unterwerfung unter kulturelle Regeln und Normen … in systematischer und programmatischer Weise stattgefunden.“

    Da entstand viel Kultur, seitdem. Aber was spricht dafür, dass irgendetwas „Primitives“ dadurch domestiziert oder unterworfen worden wäre? Auch das erscheint mir völlig abwegig. Das Entstehen des Bewusstseins, vielleicht eine entscheidende Größe in der Evolution, wird vielleicht für immer rätselhaft bleiben, vor allem, weil dieses nicht mit dem Menschen entstanden sein mag.

    3. post, @djad
    „Wir sagen auch nicht, dass biologische Prozesse »eigentlich bloß« chemische Prozesse sind, denn das würde die charakteristische Art, in der biologische Systeme Information verarbeiten, nicht hinreichend beschreiben.“

    Eigentlich sollte das prinzipiell möglich sein, aber praktisch sicherlich nicht. Deshalb ist es auch sinnvoll, Chemie und Biologie als getrennte Wissenschaften zu behandeln. Wobei man aber gerne fremd geht (gilt auch für die Physik).

    „ In demselben Sinne kann man »Kultur« als eine »emergente« Ebene von Systemprozessen »oberhalb« der Biologie verstehen.“

    Sicherlich.

    „ … ich würde evolutionäre Prozesse und Mechanismen nur unzureichend verstehen …“

    Das ist eigentlich weniger wichtig, was Details betrifft. In der Biologie gibt es leider viele Details, was sie allerdings auch kurzweilig macht. Meine detaillierte Kritik an dem Biologischen war für mich weniger der Grund fürs posten, sondern vor allem mein Interesse an der Kultur.
    Btw: es mag seltsam erscheinen, aber der Darwin ist immer noch das Werk, das man vor allem gelesen haben muss.

    grüsse

    • djadmoros schreibt:

      @EasyAl:

      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Bitte gib mir ein paar Tage Zeit, um darauf zu antworten!

      Beste Grüße!

  4. El_Mocho schreibt:

    Ich sehe in der Zurückführung von Biologie auf Chemie (und dann weiter auf Physik) eigentlich kein gravierendes Problem. Edward O. Wilson hat das Prinzip der „Einheit des Wissens“ propagiert, nachdem alle Phänomene der Welt von den Elementarteilchen bis zu den höchsten Leistungen des menschlichen Geistes wissenschaftlich erforschbar sind:

    „Dazu ist es nötig, meint Wilson, daß die Wissenschaften sich wieder aufeinander zubewegen. Erst ihre Synthese mache es möglich, die Erkenntnisse zu gewinnen, die Ideen zu finden und die Ethik zu schaffen, die die Welt braucht, um ihre Probleme zu lösen. Das geht, behauptet Wilson, weil alle Wissenschaften einen gemeinsamen Ursprung haben: Die Evolution brachte das Gehirn hervor, das Gehirn die Wissenschaften. Deshalb müsse es möglich sein, alle Phänomene der Natur, des Geistes und der Kultur wieder auf einige alles verbindende Prinzipien zurückzuführen.“

    http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1601930/Wir-ertrinken-in-Wissen:-%E2%80%9EDie-Einheit-des-Wissens%22-von-Edward-O.-Wilson/

    • djadmoros schreibt:

      Der Aussage Wilsons kann ich in dieser Allgemeinheit vorbehaltlos zustimmen – ich verstehe mich selbst als »naturalistischen Monist«, der von der Idee einer einheitlichen Natur ausgeht. Die Aussage ist nur leider nicht geeignet, um den wissenschaftlichen Methodenstreit zu beenden, denn ein solcher Monismus erzwingt als solcher keine Entscheidung darüber, ob wir methodologisch etwa einem materialistischen Reduktionismus oder besser einem anderen Ansatz den Vorzug geben sollten.

    • EasyAl schreibt:

      Den Wilson mag ich schon. Aber dem kann ich nicht zustimmen, hier wird von ihm die Grenze üebrschritten, die den Wissenschaftten aus sich selbst heraus gesetzt ist:

      „die Wissenschaften … ihre Synthese mache es möglich, die Erkenntnisse zu gewinnen, die Ideen zu finden und die *Ethik zu schaffen, die die Welt braucht*…..“

      Zur Ethik mag die Wissenschaft in punkto Wahrheit und Wahrhaftigkeit ihren Beitrag leisten können. Ich wage aber zu behaupten, daß sie den Wert der Gerechtigkeit und Freiheit wird nie ermessen können, die beiden wichtigsten Werte einer generellen, universalistischen Ethik (und nur diese scheint es mir wert, überhaupt als „Ethik“ bezeichnet zu werden). Diese sind ein rein intellektuelles Problem, hier hat die Wissenschaft gar nichts verloren.

      Ebenso in der Frage der Religion, die keine wissenschaftliche sein kann. Am angemessensten ist daher auch der Agnostizismus, keinesfalls aber der Atheismus (der ein Glaubensinhalt ist).

      Das haben auch exzellente Wissenschaftler alles schon viel besser angeschnitten und dargestellt, als ich das könnte, zB Max Planck.

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