Warum ich das Ignorieren von Gesundheitsproblem weißer Männer für einen Fehler halte

Es gibt Artikel, deren Dummheit mehr weh tut als ein Tritt zwischen die Beine. Die Überschrift des Telepolis-Artikels „Samenzahl hat sich bei westlichen Männern in 40 Jahren halbiert“ ist dabei sogar sehr interessant. Auch wird, selten genug, auf eine Studie verwiesen: „Temporal trends in sperm count: a systematic review and meta-regression analysis“ von Hagai Levine, Niels Jørgensen, Anderson Martino-Andrade, Jaime Mendiola, Dan Weksler-Derri, Irina Mindlis, Rachel Pinotti, Shanna H. Swan. Doch bereits in der Einleitung zeigt Florian Rötzer, dass von ihm keine großen geistigen Ergüsse zu erwarten sind:

Die Reproduktionsforschung müsse dringend verstärkt werden, so ein Appell im British Medical Journal. Aber warum eigentlich?

Dafür fallen einem als Laien gleich mehrere gewichtige Gründe ein:

  1. Unfruchtbarkeit ist eine schlimme Sache für die Betroffenen.
  2. Ein Zwang zur Kinderlosigkeit widerspricht einem Grundsatz der westlichen Gesellschaft, nämlich der individuellen Freiheit, wesentliche Entscheidungen seines Lebens selbst zu treffen und zu verantworten.
  3. Eine sich allgemein verschlechternde Gesundheit sollte die Gesellschaft alarmieren.

So wie im letztgenannten Grund beurteilt es auch Niels E Skakkebaek im erwähnten Artikel „Sperm counts, testicular cancers, and the environment„: „Verstörende Entwicklungen in der reproduktiven Gesundheit von Männern verlangen dringende Aufmerksamkeit“ – das bringt es gut auf den Punkt („Disturbing trends in men’s reproductive health demand urgent attention“ – meine Übersetzung).

Rötzer erlaubt sich hingegen die hodenlose Frechheit, in Richtung „macht ja nichts, wenn wir zwangsweise weniger werden“ und „sind ja nur die weißen Männer“ zu argumentieren. Er bezweifelt die Wichtigkeit der Angelegenheit – freilich ohne selbst irgendetwas fruchtbares zur Debatte beizutragen:

Die Reduktion der Reproduktion ließe sich als natürliches Gegenmittel verstehen, das gerade das Überleben der Menschen wahren könnte.

Das ergibt keinen Sinn, wie man es auch wendet. Zum einen verfügt die Natur über keinen weltweiten Radar, der sie darüber informiert, dass es jetzt mal genug Menschen gibt. Ansonsten gäbe es ja erst gar keine Überbevölkerung in einigen Ländern.

Dafür müsste man die Menschheit auch als einen großen monolithischen Block verstehen – der sie nie gewesen ist. Aber dann müsste das Phänomen auch überall gleichermaßen auftreten, und das tut es ja gerade nicht.

Zum anderen liegt bei der Annahme einer „natürlichen“ Entwicklung sofort die Frage auf der Hand, warum es denn ausgerechnet die Bevölkerungen der Welt trifft, denen es insgesamt am besten geht und die sich mehr Kinder leisten könnten, als sie bekommen. Eine Natur, die Überbevölkerung „regelt“, müsste doch diejenigen besonders dezimieren, die eben nicht ausreichend (oder gerecht verteilt) Nahrung und sonstige Ressourcen haben.

Man landet hier leicht bei den Ansichten eines Thomas Robert Malthus. Die Menschen vermehrten sich grundsätzlich schneller als der Vorrat an Nahrungsmitteln zunehmen würde, daher sei es unausweichlich, dass viele dieser Menschen von der Natur aussortiert würden.

Wer möchte dem allen Ernstes heute noch zustimmen? Nein, das Biologismus.

Die Natur kommt als Erklärung also nicht infrage, weil einerseits die Folgen nicht „sinnvoll“ auftreten, während andererseits die (nur theoretisch) „logisch einleuchtenden“ Mechanismen einer „selbstregulierenden“ Natur zurecht verpönt sind – und inzwischen auch widerlegt.

Rötzer gelingt jedoch noch eine zweite geistige Fehlleistung, indem er persönliche Schicksale zugunsten von Gruppen ausblendet. Dabei unterstellt er sogar den Gruppen ohne zwingenden Grund ein Konkurrenzdenken.

Aber was ist daran so schlimm? Dass die Männer im Westen weniger zeugungsfähig werden und daher womöglich die Menschen aus anderen Regionen mehr Nachkommen erzeugen können?

Dass es schlimm ist, wenn in irgendeiner Region der Welt die Unfruchtbarkeit zunimmt und dass es wert ist, das zu untersuchen, darauf sollte man sich doch noch einigen können. Von dem Wissen, warum das geschieht und wie man es verhindern kann, könnte die ganze Menschheit profitieren – ohne irgendein Ausspielen der Hemisphären gegeneinander. Was hätte ein kaum fruchtbarer Mann im Westen auch davon, wenn die Männer woanders ebenfalls nicht mehr Kinder zeugen könnten? Das Problem ist absolut und nicht in Relation zu anderen zu sehen!

Florian Rötzer hat wohl nicht die Eier in der Hose, um frei von „virtue signalling“ zu argumentieren. („Guckt mal, das Schicksal der weißen Männer ist mir egal – ich bin sowas von gut!“) Dass ein Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen wie Hodenkrebs besteht, von dem zunehmend jüngere Männer betroffen sind – wen interessiert das schon?

Er tappt dabei aber leicht in die nächste Falle: Denn Nachwuchs zeugen Männer nicht alleine. Die Frauen, die bei abnehmender männlicher Fruchtbarkeit zunehmend von unfreiwilliger Kinderlosigkeit betroffen werden, hat er anscheinend völlig ausgeblendet. Hier scheint der alte Irrtum des Geschlechterkampfes hervor, so als ob sich Frauen und Männer „gegeneinander“ fortpflanzen und entwickeln würden. Das scheinbare „weiße Männer interessieren mich nicht“ läßt sich leicht zu einem „an die Frauen im Westen hat er wohl gar nicht gedacht“ umbiegen.

Sarkastisch ausgedrückt: Man könnte schnell Geld für die Forschung zustandebringen, indem man die abnehmende Samenanzahl bei Männern als Problem darstellt, das Frauen in ihrer Lebensplanung besonders oder zunehmend betrifft.

Von so etwas wie individueller Freiheit ganz zu schweigen. Bei Kinderlosigkeit im Westen ist freiwillig die entscheidende Qualität.

Aktualisierung: crumar schön in den Kommentaren bei Telepolis: Warum ich glaube, es ist an der Zeit, dass Florian Rötzer abtritt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei dummen Artikeln über ernste Themen bin ich immer geneigt, als Blitzableiter einige Kalauer zu reißen. „I am the eggman“ war dann auch das entscheidende Zitat, um dieses Beatles-Lied (mit passend unverständlichem Text) herauszusuchen.

The Beatles‘ Magical Orchestra: „I Am the Walrus“

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Fundstück: Sinkende Einkommen bei Männern führen zu weniger, bei Frauen zu mehr Ehen

Das Blog „MGTOW Deutsch“ erwähnt gleich zweimal einen Artikel von Florian Rötzer bei Heise namens „Sinkende Einkommensunterschiede setzen Männer unter Druck„. Was in diesem Artikel steht, fügt sich wie ein Puzzleteil in die im Blog schon besprochene Studie „Trade Liberalization and Mortality: Evidence from U.S. Counties“ von Justin R. Pierce und Peter K. Schott (Entwurf vom Dezember 2015 als PDF).

Am Anfang wird zwar das Feindbild weißer Mann bemüht und verschwiegen, wie viele Frauen für Donald Trump gestimmt haben, aber immerhin werden auch tatsächliche wirtschaftliche Sorgen als Hintergrund erwähnt. Bereits bekannt ist: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt die Suizidrate bei Männern in Osteuropa und – schon oben im Rahmen der Studie von Pierce und Scott erwähnt – in den USA.

Basis für den Heise-Artikel ist eine neue Studie von David Autor, Gordon Hanson und David Dorn namens „When Work Disappears: Manufacturing Decline and the Falling Marriage-Market Value of Men“ (PDF).

Für die „Schicht der Männer ohne Hochschulabschluss zu tun hat, die in der verarbeitenden Industrie tätig sind, um ihre Jobs fürchten oder diese bereits verloren haben“ ergibt sich folgendes traurige Bild:

Weil ihre Karriere- und Einkommensaussichten sinken oder wegbrechen, sinkt auch ihre Attraktivität auf dem Heiratsmarkt und damit wohl auch bei der Partnerwahl. Das macht wütend und verzweifelt.

Und bei diesen Männern hört es nicht auf:

Allerdings sind die Ergebnisse wohl über diese Schicht hinaus gültig. In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der jungen Menschen, die verheiratet sind, stark zurückgegangen. Zwischen 1979 und 2008 fiel der Anteil der Frauen im Alter von 25-39 Jahren, die verheiratet sind, bei den Hochschulabgängerinnen um 10 Prozent und um 20 Prozent bei denjenigen, die einen Highschool-Abschluss oder weniger haben. Parallel dazu steigt die Zahl der der Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten, so hat sich in etwa derselben Zeit die Zahl der Kinder von unverheirateten Müttern fast verdoppelt.

Hier sieht man, wie Probleme miteinander verbunden sind. Der sehr deutlich betitelte Artikel „How Not to Be Poor“ listet als einen Tipp gegen Armut „keine außerehelichen Kinder haben“ auf und zeigt in einer Grafik, dass Armut in der Gruppe der Alleinerziehenden mit Abstand am häufigsten vorkommt.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde in den USA deutlich, dass mehr Männer als Frauen von deren Folgen betroffen waren und dass die Gehälter der Männer stärker darunter leiden.

Hier stellt sich dann spätestens der AH-Effekt ein („Das habe ich doch schon bei Arne Hoffmann gelesen…“), gefolgt vom „PfelM-Reflex“ („Ich gucke mal nach, was in dem Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik darüber steht…“). Und siehe da, es findet sich selbst bei schneller Suche folgendes:

Kapitel „Der Mann als ökonomischer Verlierer“, S. 144, 146, bezogen auf Deutschland. Für das Phänomen, dass Männer stärker von der Wirtschaftskrise betroffen sind, habe ich irgendwo den Terminus „hecession“ aufgeschnappt.

Bei Wirtschaftskrisen oder bei steigenden Importen aus dem Ausland sollen sich die Mechanismen auf dem Heiratsmarkt besonders nachhaltig auf dem unteren Ende der Einkommensschichten auswirken. Die Zahl der Männer, die arbeitslos sind oder weniger verdienen, auch weniger als die Frauen, steigt, während ihre Attraktivität für die Frauen sinkt. Dazu kann ein Anstieg im Drogen- und Alkoholkonsum, der Kriminalität und auch der Mortalität kommen.

Die Autoren gehen in der Studie vor allem den Auswirkungen einer erhöhten Einführung von chinesischen Waren auf dem US-Arbeitsmarkt nach.

Genau wie die oben erwähnte Studie von Pierce und Schott, nur dass hier noch der Heiratsmarkt dazukommt.

Steigt jedoch die Arbeitslosenquote bei den jungen Frauen mit geringer Qualifizierung relativ an, erhöht sich Heiratsbereitschaft.

Nichts Neues: Frauen haben im Notfall die Möglichkeit, in eine Partnerschaft „zu fliehen“ und aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen. (Ja, nicht jede und unter allen Umständen, aber tendenziell.)

Nach den Berechnungen der Wissenschaftler würde ein „Schock“ von einem Punkt Anstieg chinesischer Importe auf hauptsächlich männliche Beschäftigung zwischen 1990 und 2007 den Anteil der 18-25-jährigen Frauen, die keine Heirat eingehen, um 3,9 Prozentpunkte ansteigen lassen, während ein solcher „Schock“ auf überwiegend weibliche Beschäftigung den Anteil der jungen Frauen, die niemals verheiratet waren, um 3,1 Prozentpunkte senkt.

Mit anderen Worten: Sich alleine auf die Frauen und ihre Unabhängigkeit zu konzentrieren wäre das falscheste, was man machen könnte! Geht es nämlich den Männern schlecht, gibt es mehr Armut für alle, auch bei den Kindern. Wie Lucas Schoppe gerne ausführt: Die meisten Menschen haben überhaupt kein Interesse an einen Geschlechterkrieg, weil sie viel zu sehr auf Kooperation angewiesen und daher an ihr interessiert sind. Es kann daher auch nicht sinnvoll sein, Interessen von Männern und Frauen in Konkurrenz zueinander zu sehen, ohne den Gesamtzusammenhang zu betrachten. Hier würde sich tatsächlich ergeben: Im Zweifelsfall auf den Mann achten – eine sehr unangenehme, unkorrekte Botschaft.

Sollten die Analysen für die „Handelsschocks“ auf den Arbeits- und Heiratsmärkten für die Regionen, in denen das verarbeitende Gewerbe wegbricht, das Mitte des 20. Jahrhunderts den Wohlstand breiter Schichten garantiert hat, aber seit Jahrzehnten schrumpft, zutreffen, dann dürfte auch die kommende Automatisierungswelle ähnliche Folgen haben. Dann wären aber nicht nur die Arbeitsplätze von Arbeitern betroffen, sondern auch die von Höherqualifizierten und Akademikern, was nach der Studie den Heirats- und Partnermarkt noch maßgeblicher beeinflusst.

Und da können wir direkt den nächsten Bekannten erwähnen: Schließlich hat der Stadtmensch als Dauerthema, dass aufgrund der zunehmenden Automatisierung immer mehr Stellen wegfallen – und dass die Politik keinerlei Lösungsansätze anbietet, geschweige denn das Problem erst einmal anspricht, falls sie es überhaupt erkannt hat. Stattdessen werden wir mit irgendwelche sinnlosen Symbolkampagnen und -gesetzen beschäftigt.
So lassen sich in einem großen Bogen eine Palette von Themen miteinander verknüpfen: Wirtschaftslage, Gesundheit von Männern, Heiratsmarkt, Geschlechterunterschiede, Armut in der Gesellschaft.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Schien mir ganz angemessen für den heutigen Tag…

Jan Garbarek and The Hilliard Ensemble: Parce Mihi Domine

Fundstück: Der wütende weiße Mann war mal ein Schwarzer

Im letzten Monat kochte das Feindbild weißer Mann in all seinen Ausprägungen noch einmal so richtig hoch. Dabei sollte nicht vergessen werden, welche Wurzeln der „wütende weiße Mann“ hat. Genderama zitierte zur Sache bereits crumar aus einem Kommentar bei man-tau:

Hier finde ich das rassistische Plagiat des Labels „angry black man“ aus den 1960ern in den USA interessant und naheliegend. Im Label „angry“, nämlich der emotionalen Reaktion auf ihre eigene rassistische Diskriminierung, verschwindet der Anlass für ihren Zorn.
Womit „Zorn“ völlig voraussetzungslos scheint und der Eindruck vermittelt werden soll, wären sie weniger angry (ein „tone argument“ der „zivilisierten Weißen“), würde man sich inhaltlich mit ihm auseinandersetzen.
Aber so ist der schwarze Mann.
Immer nur hatespeech (die „aber auch in körperlicher Gewalt münden“ kann)! /sarcasm off

Die Bilder des angry white man / angry black man weisen also folgende Gemeinsamkeit auf: Die Wut scheint ohne Grund. Damit ist die so etikettierte Person irrational, mit ihr zu reden hat keinen Sinn. Sogar im Gegenteil, durch diese Wut ist die Person potentiell gefährlich. Sich auf sie in irgendeiner Form einzulassen, stellt ein inakzeptables Risiko dar. Ausgrenzung ist die einzige vernünftige Option! Tja, und um zu erkennen, dass sie grundlos wütend ist, muss sie eben selbst tätig werden und erkennen, dass sie falsch liegt.

Ich benutze im Deutschen übrigens bewusst „Wut“ als Übersetzung, denn die ist deutlich negativer konnotiert als Zorn. Man vergleiche „blinde Wut“ gegenüber „gerechter Zorn“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das Feindbild „weiß“ bekommt auch in der Popkultur einen Sprung, wenn man genau hinguckt…

The Whitest Boy Alive: Burning

Gastartikel: Laurie Pennys Artikel ist keinen Penny wert

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen hat einige erfreuliche Reaktionen losgetreten. Woanders hält man sich jedoch an Dingen wie dem Feindbild weißer Mann nach wie vor fest.

So wies Mark E. Smith in einem Kommentar auf folgenden Artikel von hin, in dem Laurie Penny (stammt laut Sargon of Akkad aus recht wohlhabendem Hause und hält sich für unterdrückt, da Frau) Dampf abläst: «Es ist nicht elitär, dem Faschismus ins Auge zu blicken und ihn zurückzuweisen». Dankenswerterweise hat djadmoros gleich die Kommentierung übernommen:

Ich greife mal nur ein Argument aus Pennys Rant heraus:

»Ihr hört nicht auf die ‹gewöhnlichen Leute›.» Tatsächlich sind damit weisse Leute gemeint. Wenn sie uns sagten, wir würden den «echten AmerikanerInnen» keine Aufmerksamkeit schenken, meinten sie damit weisse AmerikanerInnen. Und wenn sie uns vorwarfen, wir würden deren Sorgen nicht ernst nehmen, meinten sie damit, dass wir ihnen nicht zustimmen. Genau wie schon vor dem Brexit in Britannien erhielten die WählerInnen aus der «weissen Arbeiterklasse» auch vor den US-Wahlen jede Menge Aufmerksamkeit – unter anderem auch von der Mainstreampresse, die sie zu verabscheuen vorgeben. (…) Es wurden alle möglichen Bemühungen unternommen, Verständnis für ihre Sorgen aufzubringen; Sorgen über den gefühlten Verlust von Privilegien, den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden.«

Da steckt implizit und explizit einiges drin:

(1) Weiße »gewöhnliche Leute« sind keine gewöhnlichen gewöhnliche Leute, sondern solche, die man als problematisch hervorheben muss.

(2) Wenn die »weiße Arbeiterklasse« Aufmerksamkeit erhält, dann ist das eigentlich bereits ein ungebührliches Zugeständnis. Sie kann daher nicht erwarten, dass man sich obendrein auch noch mit der Lösung ihrer spezifischen Probleme befasst.

(3) Die Mainstreampresse gibt bloß vor, die weiße Arbeiterklasse zu verabscheuen. Tatsächlich hat die weiße Arbeiterklasse echten und aufrichtigen Abscheu verdient.

(4) Die »Sorgen« der weißen Arbeiterklasse sind völlig ungerechtfertigt, weil sie nur im »gefühlten Verlust von Privilegien« bestehen, »den sie fälschlicherweise als ungerecht empfinden«.

Das ist das übliche »Weiter-so«-Denken. Wir tun witerhin, was wir auch bislang immer schon getan haben: wir sprechen der »weißen Arbeiterklasse« jegliche Legitimität ihrer Interessen und der Artikulation dieser Interessen ab. Indem wir ihre Selbstwahrnehmung zur Halluzination erklären.

»Wie kamen wir zum feigen Konsens, dass die «weisse Arbeiterklasse» eine homogene Masse tobender FanatikerInnen sei, denen man nachgeben muss wie einem Kleinkind, das am Rand eines Abgrunds einen Trotzanfall hat?«

Wie kommt Laurie Penny auf das schmale Brett, ein Rant, der Formulierungen wie »Dieser Unsinn muss sofort aufhören.« und »Ich habe keinen Bock mehr, auf ihre Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen.« sei etwas anderes als genau dieses: ein Trotzanfall?

Denn wann hätte jemand, der die Sorgen von Menschen mit der falschen Hautfarbe für bloß »gefühlte« Probleme eines »weissen Patriarchats« hält, überhaupt jemals auf deren Befindlichkeiten Rücksicht genommen? Da hatte eine Frau Penny doch noch nie »Bock drauf«!

Und was ist ihr Fazit? »Es ist der Moment gekommen, ernst zu machen.« Ach. Hat sie bisher nur Spaß gemacht? Wenn man sich immer schon an der oberen Kante der Tugendhaftigkeit verortet hat, wie will man diese Tugendhaftigkeit denn jetzt noch steigern? »Nun müssen wir noch härter arbeiten« heißt dann wohl: »jetzt müssen wir uns noch tiefer in unserem Weltbild einbetonieren«. Die intersektionale Opferhierarchie ist sakrosankt und wird sich von Trumps weißen Wählern nicht erschüttern lassen.

Fazit: »Rassismus ist Scheiße, außer gegen Weiße!«

Der Artikel ist keinen Penny wert.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Damit „Penny“ wenigstens in einem positiven Zusammenhang hier fällt…

The Beatles: Penny Lane

Warum ich auch Cicero applaudiere

Die Nachdenkseiten zitieren in ihren heutigen Hinweisen des Tages einen Cicero-Artikel von Alexander Grau, „Die Bankrotterklärung eines ganzen Milieus„, in dem dieser aus dem Vollen schöpft:

Die Reaktionen auf den Wahlsieg Donald Trumps sind so bezeichnend wie erschütternd. In Redaktionen, Parteien und akademischen Einrichtungen hat sich offenbar ein Milieu gebildet, das den Kontakt zu großen Teilen der Bevölkerung verloren hat

Genau diese Einschätzung gab es unlängst von Jens Berger. Schön, sie noch einmal und erneut so deutlich zu lesen! Grau schreibt weiter:

[D]ie Ursache für das Wahlergebnis waren [sic!] sofort zur Hand: der Aufstand der Verlierer, der alten weißen Männer, der Arbeitslosen, Ungebildeten und sozial Prekären.

Abgesehen davon, dass Trumps 60.051.402 Wähler (Stand 10.11., 10.00 Uhr) unmöglich ausschließlich weiße, ungebildete und arbeitslose Männer sein können, verblüfft die Empathielosigkeit, ja die kaum verhohlene Verachtung, die aus so vielen Kommentaren trieft.

Es ist schön zu sehen, dass diese Erkenntnis auch außerhalb dieser Blogblase bekannter wird. Das Feinbild „weißer Mann“ wird seit Jahren verwendet und herumgereicht – selbst wenn, wie Grau völlig treffend feststellt, es rein statistisch nicht taugt.

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Ebenso entlarvend wie charakteristisch war am Mittwoch eine kleine Randbemerkung im Deutschlandfunk. Da fand es der Sprecher mit deutlich verfinsterter Stimme schockierend, wie radikal die Wähler ihre Stimme aus ihrer persönlichen Situation heraus abgegeben hätten. Ja, aus was denn bitte sonst, war man spontan geneigt zurückzufragen.

„Der Sprecher“ läßt sich sogar präzisieren: Es war Norbert Röttgen, ehemaliger Bundesumweltminister und derzeit Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Fefe, 09.11.2016:

Man habe die Radikalität unterschätzt, mit der Wähler bereit seien, aus ihrer persönlichen Situation die Konsequenzen zu ziehen, sagte Röttgen im Deutschlandfunk.

Der Beitrag, in dem das so stand („US-Wahl – Röttgen: Trump-Erfolg ist Warnung für Europa“), ist inzwischen nicht mehr zu finden. Kein Grund zu Verschwörungstheorien, der Deutschlandfunk depubliziert anscheinend recht schnell.

Aber wenn die Sachen so schnell aus dem Netz verschwinden, dann zitiere ich lieber, was das Zeug hält. Ein früherer Beitrag hatte sowohl eine etwas andere Zusammenfassung als auch den O-Ton:

„Wenn die Stimme der Wut der mächtigste Mann der Welt wird“

Röttgen warnte davor, die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der Wähler bereit seien, zu unterschätzen.

Und was wir, glaube ich, unterschätzen ist die Dramatik persönlicher Situationen und die Radikalität, zu der dann auch Wähler bereit sind, darin Konsequenzen zu ziehen.

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Da sagt jemand vom politischen Establishment:

  1. Uns ist gar nicht bewusst, dass es den Leuten so mies geht.
  2. Wir rechnen nicht damit, dass solche Leute konsequent genug sind, um wählen zu gehen und entsprechend zu wählen.

Das schreit ja geradezu nach „Denen werde ich’s zeigen!“. Besser kann man Leute, denen es schlecht geht, gar nicht ermutigen, zur Wahl zu gehen und gegen die etablierten Parteien zu stimmen.

Das ist von meiner Seite keine Werbung für radikale Parteien. Diese kommen ja dadurch erst hoch, dass unter den nichtradikalen bestimmte Themen und Positionen, für die eine Nachfrage existiert, kein Angebot gibt. Ganz in der Logik des Marktes: Wenn nichts anderes da ist und der Leidensdruck zu groß wird, geht man sogar zu einem unseriösen Anbieter mit zweifelhaftem Produkt.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, bekam jedoch im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl wieder mehr Aufmerksamkeit. Das Vertrauen, dass die Leute schon schön brav bleiben werden, hat erste Risse bekommen. Damit ist einiges möglich.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein wenig Hoffnung muss man schon haben, dass es besser wird. Aber ganz ohne Hoffnung ist auch alles Mist.

Randy Newman: Mr President (Have Pity On The Working Man)

Fundstück: Das Feindbild weißer Mann

Ein Thema, das ich im Artikel zu den US-Präsidentschaftswahlen nicht mehr angeschnitten habe, war das Narrativ vom weißen Mann, der automatisch böse ist. Es gibt dieses Feindbild in mehreren spezialisierten Varianten – „der weiße heterosexuelle man“ (Abkürzung „WHM“, sehr verbreitet), als Verfeinerung davon „der weiße heterosexuelle cis-Mann“, „weiße junge Männer„, „alte weiße Männer“, „wütende weiße Männer“, „weiße Männer mit niedrigem Bildungsstand“ usw. Wichtig ist dabei, dass sie grundsätzlich gegen den jeweiligen Rest der Welt sind, welcher fortschrittlich ist.

In der Analyse des Wahlergebnisses war entsprechend die Rede vom „weißen Mann mit niedriger Bildung“, der Donald Trump den Wahlsieg ermöglicht habe. Das erinnerte mich doch gleich an die Kommentierung der österreichischen Präsidentschaftswahl:

Genderama vom 26. April

Bei den Wahlen in Österreich haben vor allem Frauen mit Hochschulreife den Kandidaten der Grünen gewählt und Männer ohne Hochschulreife den Kandidaten der FPÖ.

Genderama vom 28. April – ein Leser mit einer interessanten These:

Es soll über verschiedene Ebenen (Geschlecht, Politik, Bildungsstand) hinweg eine negative Analogie geschaffen werden, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Es wird gleichzeitig ein Geschlecht und eine Wählerschaft diskreditiert. Die Analogie lautet Rechtpopulistenwähler = Mann = dumm (geringer Bildungsstand). Während es umgekehrt lautet: Grünenwähler = Frau = intelligent (mit Hochschulabschluß). Da gibt man in einem Atemzug die korrekte politische Richtung und das bessere Geschlecht vor.
(…)
Wozu also den Bildungsstand der Wähler bemühen, wenn sich das Wahlverhalten von Frauen und Männern in weiten Teilen gar nicht so sehr unterscheidet und dort, wo es die größten Differenzen gab, der „Geschlechter-Bonus“ eine nicht ungewichtige Rolle gespielt haben dürfte? Richtig: Der einzige Grund liegt darin, im Doppelpack zu diskredtieren.

Seitdem ich das gelesen habe, achte ich darauf. Man schaue etwa auf die Statistiken der Tagesschau (auf „Analysen zur Wahl“ klicken):

  Clinton Trump
Weiße 37 58
Schwarze 88 08
Hispanics 65 29
  Clinton Trump
Männer 41 53
Frauen 54 42
  Clinton Trump
kein College-Abschluss 44 51
College-Abschluss 52 42

(Quelle: Exit poll Edison)

Natürlich gibt es Unterschiede, aber für einen schwarzweiß gezeichneten Krieg entlang der Linien Geschlecht, Hautfarbe, Bildungsstand gibt es keinen Anhaltpunkt. Im Gegenteil, soweit sind die Zahlen gar nicht auseinander! Oder wie es anderswo formuliert wurde:

Fefe, 13.11.2016:

Hier hat keine Übernahme des wütenden weißen Mannes stattgefunden. Die anderen haben auch millionenfach für Trump gestimmt. Insbesondere übrigens die weißen Frauen.

Der Aufwachen-Podcast zeigte das auch in Folge 155 „Blasenplatzen“ (schöner Name!):

Das für einige Unvorstellbare: Frauen wählen Trump! Latinas wählen Trump! Das mit dem Sexismus ist denen nicht so wichtig!

Der Podcast ist in Gänze hörenswert. Ich habe zum Teil laut gelacht.

Lucas Schoppe schreibt ebenfalls eine höchst lesenswerte Analyse. Er pickt dabei noch den Punkt heraus, dass Hillary Clinton im Gegenzug nicht massenweise Schwarze, Hispanics usw. überzeugen konnte, wählen zu gehen.

Man muss dabei bedenken, dass es eine reine Mehrheitswahl war und die Wahlbeteiligung entsprechend niedrig (50%). Es geht also auch darum, wer überhaupt als Wählergruppe mobilisiert werden konnte.

Der eigentlich schon abgeschrieben Mann als relevante Wählergruppe… da läßt sich eine Einschätzung, die aus anderem Anlass gegeben wurde, jetzt wieder hervorkramen:

Genderama vom 12. März:

Vor einigen Jahren hatte die Grüne Renate Künast einen geschlechterpolitisch lichten Moment, den man mit dem kurzzeitigen geistigen Aufflackern von Demenzkranken vergleichen kann. Sie stellte beim Aufkommen der Piratenpartei fest: „Wir hätten mehr machen müssen, um die Wähler zu erreichen, die sich für die Piraten entschieden haben. Und das sind vor allem Männer unter 25 Jahren.“

zum Mythos „Frauen gleich behandeln“

Ein während der Wahl benutzter Kniff („Geschlechterkrieg“, „Männer gegen Frauen“, „Krieg gegen die Frauen“, „Frau = besserer Kandidat“) wird jetzt einfach weitergesponnen: Eine demokratische Wahl zu verlieren wird als Zeichen für die „gläserne Decke“ angesehen. Zum Vergleich: Jemand, der den später siegreichen männlichen Kandidaten während des Wahlkampfes versuchte anzugreifen, durfte entspannt Fernsehinterviews geben. Normalerweise wäre das ein mutmaßlicher Attentäter.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Es war viel die Rede vom „Rust Belt“, den ehemaligen Industriestaaten der USA, die die Wahl entschieden hätten.

Billy Joel: Allentown

Fundstück: Ahoi Polloi zu Modernität bei Arbeit, Gesellschaft und Moby Dick

Ahoi Polloi kann zur festen monatlichen Quelle für dieses Blog werden. In den meisten Fällen erwähne ich das Stichwort nicht, um die Pointe nicht zu verraten!

  1. modernisierte Fassung von Moby Dick (da bin ich beim Lesen wirklich in schallendes Gelächter ausgebrochen)
  2. moderne Arbeit (dasselbe Thema bei Alles Evolution besprochen und von Lucas Schoppe kommentiert)
  3. Vorbereitung auf die neue Gesellschaft (passend dazu Alles Evolution über „zu männliche“ Wissenschaft)

bisherige Erwähnungen von Ahoi Polloi:

  1. über kulturelle Aneignung, rape culture und sexistische Werbung
  2. gegen mansplaining und Mikroaggressionen und für die Wahrheit
  3. zum neuen Sexualstrafrecht und der Unschuldsvermutung
  4. dreimal zu „hate speech“
  5. eine ganze Sammlung
  6. zu Sprache

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei Moby Dick muss ich immer an folgenden Künstler denken (und ja, bitte keine unerwünschten Moby Dick pics zuschicken!)…

Moby: We Are All Made Of Stars