Fundstücke: Opfergeschichten verkaufen sich immer gut

Es war mir schon mehrmals aufgefallen, aber spätestens mit der Behauptung von Björk, „Frauen dürfen nicht über Atome singen“, war die Zeit reif für einen Artikel. Wie wird uns Popkultur verkauft? Indem neue Geschichten und Genres präsentiert werden, die so noch nie dagewesen sind? Manchmal – sie sind aber ein hohes Risiko für die jeweilige Industrie, weil man nicht weiß, wie sie einschlagen werden, und ein Großteil der Verwertungsmaschinerie auch darauf ansetzt, die Produkte in bestimmte Schubladen stecken zu können – selbst wenn diese Schubladen sehr weit gefasst sind und nur eine ungefähre Richtung angeben, was man zu erwarten hat.

In einem Großteil der Fälle schwimmt man also mit dem Strom, springt auf den fahrenden Zug auf, bietet „mehr von demselben“ an in der Hoffnung, das Publikum werde auch das konsumieren. Es ist geradezu kurios, dass dabei etwa die Erzählung von der „rebellischen“ Musik und den „alternativen“ Künstlern auch nach Jahrzehnten noch aufrechterhalten werden kann, auch wenn sich diese längst im Einklang mit den Gesetzen des Marktes befinden.

Im Beispiel von Björk wurde die neuerliche Marketing-Geschichte schon in den Kommentaren bei Alles Evolution auseinandergenommen. Es stimmt bis ins Detail nichts daran: Sie gewinnt seit Jahrzehnten alle möglichen Preise ( = „die Medien nehmen sie nicht ernst“) und die Alben landeten in den Charts ( = „über solche Themen darf sie nicht singen“).

Ja, warum dann diese Aussage? Beim Berichten über Musik ergibt sich immer das Problem, die Leute für etwas zu interessieren, über das sie erst durch den eigentlichen Konsum entscheiden können. Also müssen irgendwelche Ersatzmittel her: Fotos, Persönliches, Details zur Entstehung… am Ende muss das Thema „Dieses Album ist etwas ganz Besonderes, weil…“ bedient werden. Das allein schin deswegen, weil ja auch Leute abseits der unbedingten Fans angesprochen werden sollen, inklusive denjenigen, die mit den früheren Werken des Künstlers wenig oder nichts anfangen konnten. „Björk hat mal wieder ein Album draußen“ klingt eben weniger spektakulär als „Auf dem neuen Album kann sie zum ersten Mal…“.

Kommen wir nun zu der risikoaversen Industrie zurück. Opfergeschichten verkaufen sich derzeit einfach gut, deswegen bekommen wir soviele von ihnen aufgetischt. Und Leute, die länger im Geschäft sind, ändern ihre Geschichte rückblickend entsprechend. Wie crumar in der Diskussion anlässlich des Todes von Carrie Fisher bemerkte:

Du solltest in Betracht ziehen, dass auch Carrie Fisher ihre Erinnerungen ein wenig „frisiert“ haben könnte, um für ein aktuelles Publikum attraktiv zu sein.
Sie nimmt ein bestehendes, feministisches Narrativ für ihre Aussage, um ihre Erinnerung „sozial erwünscht“ darzustellen.

Aber auch Madonna (ein Beispiel wird in den Kommentaren zum Björk-Artikel erwähnt): Früher war sie eine Frau, die selbstbewusst mit ihrer Sexualität umging und „ihr Ding durchzog“. Heute ist auch für sie alles ganz schrecklich und sie, nach Jahrzehnten des Erfolgs, das arme Opfer. Vom Vorreiter zum Mitheuler.

Oder Lady Gaga (Beispiel von Gerhard gefunden), die sich über die harte Musikindustrie beklagt, in der sie wegen ihrer Intelligenz, nicht wegen ihres Körpers wahrgenommen werden wolle. Während man ihren Liedern Ähnlichkeiten zu denen anderer Künstler nachsagte – sooo neu waren die Ideen dann auch nicht – ist sie vor allem für ihre Outfits bekannt geworden (ein Kleid aus Fleisch etwa); übrigens wie seinzerzeit vor ihr Madonna. Sie hat den Startbonus als Frau voll ausgespielt und sich gut über ihr Äußeres vermarktet.

Die Platte „Ich werde nicht ernst genommen / auf mein Äußeres reduziert / nicht ernst genommen, weil mein Äußeres nicht konform genug ist / muss immer gut aussehen“ läuft einfach sehr gut. Ich erinnere mich an Portraits von Caro Emerald und Lily allen in verschiedenen Ausgaben eines Bordmagazins. Bei Lily Allen war es diese bescheuerte Mischung aus „wir zählen noch einmal auf, was sie alles mit ihrem Äußeren gemacht hat – sooo mutig!“ und „viele Leute sind blöd und gucken aufs Äußere“, bei Caro Emerald „sie ist ja nicht absolut schlank; schrecklich, dass Leute das so wichtig nehmen und darauf herumreiten!“. (Bei Männern gibt es aber auch haarsträubende Erzählungen… Xavier Naidoo, der nette Millionär von nebenan, der so erfolgreich ist und trotzdem ganz normal geblieben etc.)

Bei den Frauen, die ihre Karriere mit vollem Körper- und Klamotteneinsatz vorangebracht haben, spielt vielleicht ein Aspekt eine Rolle: Sie dürfen (in den Augen anderer Frauen!) „nicht billig wirken“; es muss so rüberkommen, dass sie nicht zu sehr „nach den Regeln gespielt“ haben, denn das raubt das Rebellenhafte. Also entweder die populäre Erzählung aus den 1990ern, sie würden selbstbewusst mit ihrem Körper umgehen, oder die neuerdings beliebtere Variante, sie hätten das ja tun müssen.

Unter dem Björk-Artikel kommentierte crumar noch:

Ich habe diesen Vorgang für mich „feministischer Ausredenkalender“ getauft.
Jeden Tag eine neue Ausrede, warum man partout *nicht* durch *eigenes* handeln oder nicht handeln sich in der Situation befindet, in der man sich eben befindet.

Wobei der Feminismus nur eine weibliche *Nachfrage* bedient, die wesentlich früher da war und bspw. durch Religion bedient worden ist.
Es ist auffällig, dass abstrakte Wesenheiten, wie z.B. „*der* Sexismus in der Musikindustrie“ nahtlos in das Wirken „Satans in der Musikindustrie“ übersetzt werden können.

Und später:

Der wichtigste Nachteil an dieser Haltung ist nach meiner Meinung, es handelt sich um die selbst verschuldete Blockade eines normalen Lernprozesses, in dem man den objektiven Ursachen für seine individuellen Fehler, die zum scheitern geführt haben auf die Spur kommt und daran arbeitet, diese abzustellen und nicht zu wiederholen.

(Beide Kommentare sind in Gänze lesenswert.)

Christian Schmidt schlägt vor, die Elemente dieses Auredenkalenders mal zu sammeln. Eine gute Idee, findet crumar, und auch mir gefällt der Vorschlag.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Frauen haben schon längst über Moleküle gesunden… (Danke, Mycroft!)

MIA.: Tanz der Moleküle

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Fundstück: Eine Frage des Blickwinkels

Ein kleines Experiment: Man lese sich den folgenden zitierten Kommentar durch und den Textabschnitt dahinter:

Es gehört zu einem der größten Vorteilen als Mann, immer im Moment des Scheiterns die Schuld bei Frauen suchen zu können. Keine Karriere gemacht? Frauenquote war es schuld. Keine Frau/Familie abbekommen? Frauen haben zu hohe Ansprüche. Im Job kaputt malocht? Frauen fordern das so von Männern.

Ist auch völlig egal, ob diese Einschätzung von allen geteilt wird, Mann selbst glaubt das und bewältigt so nie wirklich zu 100 Prozent eigenes Scheitern. Wie bequem ist’s doch, andere dafür verantwortlich zu machen.

Bei Frauen ist’s vollkommen illusorisch. Jede Frau scheitert als Frau und nicht, weil sie Frau ist. Dieser Splitter ist so riesig im Maskulismus. Das ist unfassbar. Jede Kritik an Männern ist männerfeindlich. Jedes Scheitern von Männern ist männerfeindlich. Jede kritische Darstellung von Männern ist männerfeindlich.

Maskulismus ist Ausdruck hyperfragiler Maskulinität, die eben außer ihrer Geschlechtlichkeit, welche sie immer überbetont, nichts Identitätsstiftendes anbieten kann. Nichtmaskulistische Männer sind gefestigter. Die beziehen ihre Identität z.B. aus sinnlicher Beziehung zu Frauen oder z.B. durch Kinder. Maskulisten zeichnen sich durch die Abwesenheit dieser beiden Merkmale überwiegend aus.

Ihnen bleibt nichts als ihr Mannsein. Und daher nimmt ihr Mannsein auch so einen hohen Stellenwert ein. Es muss die die innere Leere füllen. Eigentlich traurig.

Ich finde, dass die Autorin am Anfang des Kommentars unzulässig verallgemeinert. Was dort steht, gilt nur für die kleine Minderheit von Männern, die an den allmächtigen Staatsfeminismus glauben. Wenn man mit dieser bewussten Einschränkung im Kopf den Kommentar noch einmal liest, ist er jedoch sehr treffend.

(Ende des zu lesenden Textes)

Und jetzt die Fragen: Ist der Text gesamt, also der zitierte Kommentar in Kombination mit dem Abschnitt darunter, männerfeindlich? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?

Bonusfrage: Wie ist der zitierte Kommentar dahingehend zu werten, ob es sich um zutreffende, koheränte Aussagen handelt?

Ich habe natürlich meine Meinung, bin aber sehr neugierig auf die Reaktionen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da ich im Originalartikel ein Lied von Mike Wagner brachte (und der ursprüngliche Kommentar auch im Nachklapp der US-Präsidentschafswahl entstanden war):

Mike Wagner: Eve of Election

Fundstück: Glaube an Verschwörungstheorie steht Erfolg im Wege

Klingt nach einer Selbstverständlichkeit, oder? Fügen wir doch ein wenig Kontext hinzu. Teardown schrieb bei Alles Evolution (Rechtschreibung angepasst):

Es gehört zu einem der größten Vorteile als Frau, immer im Moment des Scheiterns die Schuld bei Männern suchen zu können. Keine Karriere gemacht? Männer haben blockiert. Nicht Präsidentin geworden? Männer haben nicht gewählt.

Ist auch völlig egal, ob diese Einschätzung von allen geteilt wird, Frau selbst glaubt das und bewältigt so nie wirklich zu 100 Prozent eigenes Scheitern. Wie bequem ist’s doch, andere dafür verantwortlich zu machen.

Bei Männern ist’s vollkommen illusorisch. Jeder Mann scheitert als Mann und nicht, weil er Mann ist. Dieser Splitter ist so riesig im Feminismus. Das ist unfassbar. Jede Kritik an Frauen ist frauenfeindlich. Jedes Scheitern von Frauen ist frauenfeindlich. Jede kritische Darstellung von Frauen ist frauenfeindlich.

Feminismus ist Ausdruck hyperfragiler Feminität, die eben außer ihrer Geschlechtlichkeit, welche sie immer überbetont, nichts Identitätsstiftendes anbieten kann. Nichtfeministische Frauen sind gefestigter. Die beziehen ihre Identität z.B. aus sinnlicher Beziehung zu Männern oder z.B. durch Kinder. Feministinnen zeichnen sich durch die Abwesenheit dieser beiden Merkmale überwiegend aus.

Ihnen bleibt nichts als ihr Frausein. Und daher nimmt ihr Frausein auch so einen hohen Stellenwert ein. Es muss die die innere Leere füllen. Eigentlich traurig.

Ich finde, dass Teardown am Anfang des Kommentars unzulässig verallgemeinert. Was dort steht, gilt nur für die kleine Minderheit von Frauen, die an das Patriarchat glauben. Wenn man mit dieser bewussten Einschränkung im Kopf den Kommentar noch einmal liest, ist er jedoch sehr treffend.

Der „große Vorteil“ ist natürlich in Wirklichkeit ein riesiger Nachteil, um im Leben klarzukommen. Mit dem Glauben an Verschwörungstheorien wie das Patriarchat und dem Konstruieren von Dolchstoßlegenden ist man allgemein schlecht vorbereitet, um sich der Realität zu stellen, etwa um eigene Fehler zu analysieren. Das ist das Gegenteil von geistig starken Menschen, die die Verantwortung für Probleme nicht auf die Vergangenheit, andere Leute oder einfach abstrakt die ganze Welt schieben.

Es braucht daher auch keine mächtige, im geheimen operierende Gruppe, die gegen einen arbeitet: Wenn man davon ausgeht, dass man die Faktoren, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden, nicht beeinflussen kann, wird man sich unbewusst selbst ausbremsen. Die schlechte Stimmung färbt außerdem negativ aufs Umfeld ab. Wer möchte mit jemandem arbeiten oder jemanden unterstützen, der ständig klagt, dass sich alle gegen ihn verschworen haben? Am Ende führt man den Misserfolg, den man sich selbst prophezeiht hat, selbst herbei, und wiederholt ihn immer wieder.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es um Lieder zum Thema Verschwörungstheorien geht: Von Fefe empfohlen!

Mike Wagner: Chemtrails At Night

Gastartikel: Leszek über Kulturmarxismus

Bei man tau kam in der Diskussion mal wieder das Stichwort „Kulturmarxismus“ auf. Um zu diesem leidigen Thema hier im Blog einen zentralen Referenzartikel zu schaffen, greife ich tatsächlich den Vorschlag von djadmoros auf und fasse zwei Kommentare von Leszek zu einem Gastartikel zusammen. Sie standen ursprünglich unter dem Kulturmarxismus-Artikel bei Alles Evolution.

1. Kommentar

„Kulturmarxismus“ ist ein Schlagwort der US-amerikanischen Rechten, dessen eigentlicher wesentlicher Bezugspunkt gar keine Marxisten/Neo-Marxisten sind, sondern die in den USA entstandenen Varianten des Poststrukturalismus wie Gender/Queer/Critical Whiteness/postmoderner Multikulturalismus.

Der Begriff „Kulturmarxismus“ hat lediglich eine diskursstrategische Funktion, indem die US-amerikanische postmoderne/poststrukturalistische Linke als marxistisch geframed werden soll, um leichter gegen sie in Kreisen antikommunistisch sozialisierter Konservativer agitieren und mobilisieren zu können. Marxistische Verschwörungen zu erfinden, um die eigenen Anhänger zu mobilisieren, hat in den USA unter Konservativen/Rechten Tradition und in diesem Zusammenhang ist dieser Begriff zu verstehen.

Dazu wurde eine falsche ideengeschichtliche Herleitung des US-amerikanischen Poststrukturalismus und der Political Correctness aus dem Neo-Marxismus in der Tradition des Freudomarxismus konstruiert (Frankfurter Schule, Wilhelm Reich).
Das ist ideengeschichtlich allerdings Unsinn, denn die US-amerikanischen Varianten des Poststrukturalismus sind in Wahrheit aus einer einseitigen und rigiden US-amerikanischen Rezeption und Interpretation des französischen Poststrukturalismus hervorgegangen, (die sich aber vom ursprünglichen französischen Poststrukturalismus deutlich unterscheidet) und haben mit der Frankfurter Schule oder Wilhelm Reich nichts zu tun.

Alan Riding: Correcting Her Idea of Politically Correct

„Wer das Gegenteil darlegen will, der muss einen Beweis dafür bringen, dass die anderen Theorien nur Mittel zum Zweck sind.“

Er müsste überhaupt erst einmal belegen, dass Neo-Marxisten in der Tradition der Kritischen Theorie oder Wilhelm Reichs (die heutzutage im Sinne einer großen und geschlossenen linken Strömung ohnehin nicht mehr existieren), die behaupteten Positionen vertreten. Das ist ja in der Regel nicht der Fall, denn hier wird ja so vorgegangen, dass zwei ganz unterschiedliche und miteinander konkurrierende linke Traditionen zusammengeworfen werden, die sich in ihren theoretischen Grundlagen und Strategien gravierend unterscheiden.

Neo-Marxisten in der Tradition der Kritischen Theorie oder Wilhelm Reichs sind in der Regel keine Poststrukturalisten. Anhänger des Poststrukturalismus sind in der Regel keine Neo-Marxisten/Freudo-Marxisten. Natürlich kann es im Einzelfall auch mal Personen geben, die sich für beides interessieren und an beides anknüpfen, aber grundsätzlich sind das verschiedene philosophische und politische Strömungen.

Weil Anhänger der US-amerikanischen Varianten des Poststrukturalismus nun als marxistisch geframed werden soll, kommt es zu unsinnigen Aussagen wie: „Kulturmarxisten“ haben ein Feindbild „weißer, heterosexueller Mann“ oder „Kulturmarxisten“ sind Kulturrelativisten/Multikulturalisten und ähnliches.

In Wahrheit vertreten Anhänger des Neo-Marxismus in der Tradition des Freudo-Marxismus kein Feindbild „weißer, heterosexueller Mann“ und sind im Allgemeinen auch keine Multikulturalisten. Das PC-Feindbild „weißer, heterosexueller Mann“ wird – nicht von allen, aber von den radikaleren – Anhängern der in den USA entstandenen Varianten des Poststrukturalismus vertreten und auch der US-amerikanische kulturrelativistische Multikulturalismus ist in diesem US-amerikanischen poststrukturalistischen ideengeschichtlichen und theoretischen Kontext entstanden.

Das ständige Zusammenwerfen zweier unterschiedlicher linker Theorietraditionen, bei der man nun der einen ständig Dinge unterstellt, die diese gar nicht vertritt, macht für Anhänger dieser konservativen/rechten Verschwörungstheorie nun natürlich jede ersthafte wissenschaftliche Diskussion unmöglich, denn die ganzen falschen Aussagen können ja nicht wissenschaftlich belegt werden.

Das ist aber auch nicht Sinn der Sache, es handelt sich wie gesagt um konservative/rechte Propagandalügen, Selbstaufwertungs- und Gegnerdämonisierungsstrategien – was ich als Political Correctness von rechts bezeichne.

Manche anderen Dinge, die da behauptet und unterstellt werden, sind sogar frei erfunden und werden weder von Neo-Marxisten in der Tradition des Freudo-Marxismus, noch von Anhängern des US-amerikanischen Poststrukturalismus vertreten.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Anhänger dieser konservativen/rechten Verschwörungstheorie keine überzeugenden Argumente oder wissenschaftlichen Belege für ihre Behauptungen angeben können, sondern es stets beim Behaupten bleibt.

Der Begriff „Kulturmarxist“ erfüllt in diesem konservativen/rechten Diskurs eine ähnliche Funktion wie die Begriffe „Faschist“, „rechts“ etc. bei extremen linken PC-Fanatikern. Es wird einfach inflationär und undifferenziert alles und jeder damit bezeichnet, der von den eigenen Auffassungen zu stark abweicht.

Die konservative/rechte Anti-Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie ist also m.E. als ein Beispiel für eine Form von Political Correctness aus dem konservativen/rechten Spektrum zu interpretieren und sollte m.E. in diesem Sinne analysiert werden: als konservative/rechte Diskursstrategie der Selbstaufwertung/Gegnerdämonisierung/Propagandalügen.

2. Kommentar

Ich poste, weil es in diesem Zusammnenhang gut passt an dieser Stelle auch nochmal meinen kürzlichen längeren Beitrag, in dem ich erlärte, warum das PC-Feindbild des „weißen, heterosexuellen Mannes“ seinen Ursprung im US-amerikanischen Poststrukturalismus und nicht im Marxismus/Neo-Marxismus hat:

“Kulturmarxismus” ist ein von der US-amerikanischen Rechten erfundener Unsinnsbegriff, dessen eigentlich intendierter Bezugspunkt keine Marxisten/Neo-Marxisten sind, sondern die spezifisch US-amerikanischen Strömungen der postmodernen/poststrukturalistischen Linken wie Gender Studies/Queer Studies/Critical Whiteness/Multikulturalismus.

Diese haben mit der Frankfurter Schule oder Wilhelm Reich faktisch nichts zu tun, sondern sind aus einer Rezeption des französischen Poststrukturalismus hervorgegangen.

Sie werden von der US-amerikanischen Rechten aber nicht als “Postmoderne Linke” oder “Poststrukturalistische Linke” bezeichnet, sondern als “Kulturmarxisten” und es wird kontrafaktisch ein neo-marxistischer Ursprung konstruiert, einfach weil man sich von dem Begriff “Marxismus” bei stark antikommunistisch sozialisierten Konservativen in den USA eine größere Agitations- und Mobilisierungswirkung verspricht.

Da ein größerer Teil der konservativen Basis in den USA zudem geistes- und sozialwissenschaftlich wenig gebildet ist, kann man ihnen jeden Scheiß erzählen, also werden US-amerikanische postmoderne/poststrukturalistische Linke auf einmal als Neo-Marxisten gelabelt, obwohl sie das weder objektiv, noch subjektiv sind und es wird eine marxistische Verschwörung behauptet, die nicht existiert.

Triviale konservative/rechte Propagandalügen!

Das PC-Feindbild des “weißen, heterosexuellen Mannes” ist – wie bereits mehrfach erwähnt – aus einer US-amerikanischen einseitigen, dogmatischen und radikalisierten Rezeption und Interpretation des französischen Poststrukturalismus hervorgegangen.

Es gibt keine marxistische oder neo-marxistische Strömung/Richtung/Schule, die das PC-Feindbild des “weißen, heterosexuellen Mannes” vertritt und auch mit Herbert Marcuse hat es nichts zu tun.

Im ursprünglichen französischen Poststrukturalismus gab es das PC-Feindbild des “weißen, heterosexuellen Mannes” übrigens auch nicht, erst die extreme Identitätspolitik von in den USA entstandenen Poststrukturalismus-Varianten führte zur Herausbildung dieses PC-Feindbildes.

Das PC-Feindbild des “weißen, heterosexuellen Mannes” wird also vertreten – nicht von allen – aber von den radikaleren Vertretern der in den USA entstandenen Sub-Strömungen des Poststrukturalismus wie Gender/Queer/Critical Whiteness Studies/postmoderner Multikulturalismus.

Diese US-amerikanischen Sub-Strömungen des Poststrukturalismus sind entstanden, als es nach dem Zusammenbruch des sogenannten real existierenden Sozialismus (von mir als Staatskapitalismus bezeichnet) zu einer Krise und einem massiven Rückgang sozialistischen, marxistischen und neo-marxistischen Einflusses in der US-amerikanischen akademischen Linken kam.

Sie sind also keinesfalls aus dem Neo-Marxismus heraus entstanden, sondern sind ganz im Gegenteil ein Resultat des Einflussverlusts sozialistischer, marxistischer und neo-marxistischer Strömungen und Theorien in der akademischen Linken in den USA.

Die Lücke, die der Einflussverlust des Sozialismus/Marxismus/Neo-Marxismus in der US-amerikanischen akademischen Linken hinterlassen hatte, wurde nun durch den Poststrukturalismus gefüllt und dieser wurde zum wichtigsten neuen theoretischen Paradigma der US-amerikanischen akademischen Linken.

Die Behauptung, die US-amerikanischen Unterströmungen des Poststrukturalismus seien Anhänger von Herbert Marcuse ist ebenfalls eine konservative/rechte Propagandalüge. Im Allgemeinen ist das Werk von Herbert Marcuse für Anhänger von Gender/Queer/Critical Whiteness Studies/Multikulturalismus irrelevant und sie knüpfen theoretisch nicht daran an.

Dies sei im Folgenden mal wieder belegt.

Zieht man bekannte Einführungswerke zu Gender/Queer/Critical Whiteness etc. heran, Werke, in denen die wirklichen theoretischen und ideengeschichtlichen Grundlagen der entsprechenden Strömungen dargestellt werden, dann lässt sich die tatsächliche Relevanz von Marcuse für die Theoriebildung in diesen Strömungen ziemlich eindeutig ermitteln.

Ich führe daher mal wieder ein paar Einführungswerke zu Critical Whiteness, Gender, Queer etc. auf, die ich besitze und deren Literaturverzeichnis oder Personenregister ich (soweit vorhanden) nach Marcuse durchsucht habe:

Katharina Röggla: Critical Whiteness Studies – enthält ein Literaturverzeichnis, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Annamarie Jagose: Queer Theory – enthält ein Literaturverzeichnis, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Nina Degele: Gender/Queer Studies – enthält ein Literaturverzeichnis, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Andreas Kraß: Queer Denken – enthält ein Personenregister, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Gabriele Winker, Nina Degele: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten – enthält ein Literaturregister, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Therese Frey Steffen: Gender – enthält eine kommentierte Bibliographie, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Hadumond Bußmann & Renate Hof : Genus- Geschlecherforschung/Gender Studies in den Kultur- und Sozialwissenschaften – enthält ein Personenregister, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Heinz-Jürgen Voss/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus – enthält ein Literaturverzeichnis, Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

Renate Kroll (Hrsg.): Metzler Lexikon Gender Studies – kein Eintrag zu Herbert Marcuse. Unter dem Eintrag “Kritische Theorie” wird lediglich erwähnt, dass es mal Feministinnen gab, die sich auf Adornos und Horkheimers “Dialektik der Aufklärung” bezogen haben. Da es sich hierbei um das bekannteste Werk der Frankfurter Schule handelt, wäre es schon rein statistisch unwahrscheinlich, dass es nie eine Feministin gegeben hätte, die sich mal irgendwie darauf bezogen hätte. Von einem nennenswerten Einfluss der Frankfurter Schule auf die Gender Studies ist in dem Eintrag natürlich nicht die Rede, von einem Einfluss von Herbert Marcuse auf die Gender Studies erst Recht nicht.

Luca Di Blasi – Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest – enthält ein Literaturverzeichnis: Herbert Marcuse kommt darin nicht vor.

In den genannten Büchern wird Herbert Marcuse also noch nicht mal am Rande erwähnt, sein Werk ist im Allgemeinen für die Theoriebildung des US-amerikanischen Poststrukturalismus irrelevant.

Herbert Marcuses Werk ist mit dem PC-Feindbild des “weißen, heterosexuellen Mannes” darüber hinaus auch nicht in Einklang zu bringen. Zwar war der SPÄTE Marcuse leider ein Vulgär-Feminist, aber ein Feindbild des “weißen, heterosexuellen Mannes” gab es bei ihm nicht. Im Gegenteil spielten weiße, heterosexuelle Männer in Marcuses Revolutionstheorie durchaus eine Rolle.

Marcuse hatte gehofft, dass die in den 60er und 70er Jahren entstandenen neuen sozialen Bewegungen sowie das US-amerikanische “Lumpenproletariat” die Rolle einer “revolutionären Vorhut” gegen das kapitalistische System übernehmen würden und dann die Arbeiterklasse mitreißen würden.

Zu dieser “revolutionären Vorhut” gehörte für Marcuse auch die Studentenbewegung (an der auch viele weiße, heterosexuelle Männer teilnahmen) sowie, nicht nur das schwarze, sondern auch das weiße US-amerikanische “Lumpenproletariat” zu dem auch viele weiße, heterosexuelle Männer gehörten.

Die ideengeschichtlichen Ursprünge des PC-Feindbildes des “weißen, heterosexuellen Mannes” liegen woandes, wie ich bereits kürzlich in einem Kommentar erklärte, den ich nun einfach nochmal zitiere.

Das PC-Feindbild des „weißen, heterosexuellen Mannes“ hat ideengeschichtlich wie gesagt seinen Ursprung in einer in den USA entstandenen dogmatischen und radikalisierten Übertragung von Konzepten des französischen Poststrukturalismus auf die in den 60er und 70er Jahren entstandenen neuen sozialen Bewegungen, die sich inzwischen längst akademisch institutionaliert hatten.

Eines der Hauptthemen des französischen Poststrukturalismus ist die Analyse und Kritik der Ausschlussfunktion bestimmter Normen. Dieser analytische Ansatz wurde von US-amerikanischen Vertretern des Poststrukturalismus in radikalisierter Form auf die Antidiskriminierungs-Diskurse bzgl. Frauen, Nicht-Weiße und Homosexuelle in den USA übertragen.

Weil Diskriminierungen im Rahmen poststrukturalistischer Theorien oft in einem „Paradigma von Norm und Abweichung“ analysiert werden, führte eine radikalisierte Version dieses Ansatzes zu einer Herausbildung von „Norm-Feindbildern“: männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich.

Hierbei spielte auch noch eine undifferenzierte Übertragung von Jacques Derridas Versuch einer „Dekonstruktion der Metaphysik“ eine Rolle.
Der französische Poststrukturalist Jacques Derrida vertrat die Ansicht, dass die westliche Metaphysik von der Vorstellung hierarchisch gegliederter Dualismen durchzogen sei. Unter „Dekonstruktion der Metaphysik“ verstand Derrida den philosophischen Versuch die hierarchische Gliederung von Dualismen aufzulösen und sie auf eine Ebene von Gleichwertigkeit zu überführen. Dazu entwickelte er eine bestimmte Methode.

Was auf Ebene der Philosophie ein interessantes Projekt sein kann – insbesondere da Derridas Dekonstruktion einen eher spielerischen Charakter hat, frei von dem rigiden Dogmatismus politisch korrekter Fanatiker – das kann problematisch werden, wenn es in einseitiger, undifferenzierter und radikalisierter Weise auf Anti-Diskriminierungsdiskurse übertragen wird, wie es in der US-amerikanischen Poststrukturalismus-Rezeption geschah.

Entsprechend dem poststrukturalistischen „Paradigma von Norm und Abweichung“ als analytischem Ansatz und dem Versuch der Dekonstruktion hierarchisch gegliederter Dualismen, die von Derrida übernommen wurde, führte die Übertragung dieses Ansatzes auf Anti-Diskriminierungsdiskurse in radikalisierter Form dazu, dass eine Reihe von Dualismen zu bedeutsamen analytischen Kategorien wurden:

Norm: weiß, Abweichung: nicht-weiß, insbesondere schwarz
Norm: männlich, Abweichung: weiblich
Norm: heterosexuell, Abweichung: homosexuell
Norm: cissexuell, Abweichung: transsexuell
Norm: westlich, Abweichung: nicht-westlich

Das Verhältnis der beiden jeweiligen Aspekte zueinander wurde also als streng hierarchisch interpretiert. Die „Dekonstruktion“ angewandt auf diese Sichtweise meint nun die Schwächung der jeweiligen Norm-Kategorie und die Stärkung der jeweiligen Abweichungs-Kategorie, so dass eine Gleichwertigkeit der beiden Aspekte entsteht.

Resultat dieser radikalisierten Übertragung von poststrukturalistischen Konzepten auf US-amerikanische Anti-Diskriminierungsdiskurse sind also „Norm-Feindbilder“ (männlich, weiß, heterosexuell, cissexuell, westlich) und im Zusammentreffen dieser Attribute entsteht dann das PC-Feindbild des „weißen, heterosexuellen, cissexuellen, westlichen Mannes“, in dem sich alle diese vermeintlichen Normen treffen.

Das ist der tatsächliche ideengeschichtliche Ursprung des PC-Feindbildes des „weißen, heterosexuellen Mannes“, welches mit marxistischen und neo-marxistischen Theorien und Strömungen nichts zu tun hat und von diesen auch nicht vertreten wird.

Anhänger dieser Perspektive des US-amerikanischen Poststrukturalismus vertreten NICHT die Ansicht, dass eine Schwächung des „weißen, heterosexuellen Mannes“ zu einer Überwindung des Kapitalismus führen könne. Das PC-Feindbild des „weißen, heterosexuellen Mannes“ ist KEINE Strategie zur Überwindung des Kapitalismus, es ist ein Resultat der extremen Identitätspolitik US-amerikanischer Anti-Diskriminierungsdiskurse auf radikalisiert poststrukturalistischer Grundlage – und nur aus diesem Kontext heraus zu verstehen.

Wer es genauer nachlesen will, sei noch einmal verwiesen auf das Buch des Politikwissenschaftlers Mathias Hildebrandt “Multikulturalismus und Political Correctness in den USA”, in dem die ideengeschichtlichen Grundlagen der Political Correctness bei Einhaltung von Standards wissenschaftlichen Arbeitens und mit Belegquellen dargestellt werden.

Mathias Hildebrandt – Multikulturalismus und Political Correctness in den USA

(Die einzige neo-marxistische/sozialistische Strömung, die Hildebrandt in seinem Buch im Zusammenhang mit der Herausbildung des neuen poststrukturalistischen Paradigmas der US-amerikanischen akademischen Linken erwähnt, ist übrigens der strukturalistische Marxismus, gemeint ist offenbar der strukturalistische/poststrukturalistische Marxismus in der Tradition von Althusser, also eine Marxismus-Variante, die selbst schon stark postmodern geprägt ist. Aber selbst dieser postmodernen Marxismus-Variante wird in dem Buch kein großer Einfluss eingeräumt.)

Abschließend…

Wie ich schon drüben bei Lucas Schoppe schrieb:

Man kann es immer noch schöner, wissenschaftlicher, besser belegter machen, aber wer das will, schreibt in der Regel auch keine Blogbeiträge. (Ich bin selbst Perfektionist und kenne das Problem…)

Ich bin auch großer Fan davon, die besten Kommentare noch einmal als eigene Blogeinträge zu veröffentlichen. 1. findet man sie so deutlich leichter selbst wieder, 2. sind sie für neue Leser leicht auffindbar und die Leseschwelle ist geringer (Wer wühlt sich durch Tausende von Kommentaren, um die am besten formulierten 1-2% zu finden? Warum sollte jemand umgekehrt gezielt nach bestimmten Kommentatoren suchen, wenn er noch niemanden von den Diskutaten einschätzen kann?), 3. zeigt es auch, was die Betreiber eines Blogs selbst als gut und lesenswert einschätzen.

Nachtrag 11.08.:
Luisman ist mit diesem Artikel nicht einverstanden und hat in seinem Blog unter „Immunisierungsstrategie“ eine Kritik geschrieben. Ich empfehle ausdrücklich, auch diese zu lesen! Es soll sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Aktualisierung:

Der Artikel hat es am 23.04.2017 in ein Video der Weltraumaffen namens „Pausenclowns der Frankfurter Schule“ geschafft! Er wird zwar nur kurz angesprochen (2:18:25-2:20:27), ebenso wie Luismans Kritik, wird aber sauber und ordentlich in der Quellenliste aufgeführt. Das lob ich mir!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit Marx und dem Gefühl, das ich es vielleicht besser hätte wissen müssen, als dieses Thema wieder aufzugreifen…

Richard Marx: Should’ve Known Better