Kurznachrichten vom 07.07.2017

Die letzten zwei Tage waren wieder sehr ergiebig, da ich aber gestern nicht mehr zum Schreiben gekommen bin, wirds heute wieder mehr.

1: In Schweden gab es auf dem größten Popkonzert des Landes in Bråvalla nun im zweiten Jahr in Folge mehrere Vergewaltigungen (4) und sexuelle Belästigungen (23). Das geplante Festival im nächsten Jahr wurde daraufhin schon jetzt abgesagt. Stattdessen plant die schwedische Komikerin und Radiomoderatorin Emma Knyckare jetzt als Reaktion ein Event nur für Frauen. Sie will dieses männerlose Festival so lange fortführen, »bis Männer gelernt haben, sich zu benehmen«.

Etliche Zeitungen berichten, allerdings lohnt sich der Vergleich kaum, denn anscheinend haben fast alle dieselbe Agenturmeldung kaum verändert veröffentlicht. Beim britischen Guardian wird ein Organisator wie folgt zitiert:

“Certain men … apparently cannot behave. It’s a shame. We have therefore decided to cancel Bråvalla 2018,” the festival’s organisers said.

Wer diese „certain men“ sind, bleibt in fast allen Berichten im Dunkeln. Meistens heißt es wie z.B. beim STERN:

Nach Erkenntnissen der Polizei handelte es sich um Einzeltäter und nicht um organisierte Übergriffe.

Nur zwei eher dem (in aller Vorsicht) rechten Spektrum zuzuordnenden Plattformen tanzen aus der Reihe und stellen die Verbindung zu muslimischen Einwanderern her: Jouwatch und David Bergers Philosophia Perennis. Jouwatch behauptet:

Frei nach dem Motto “mitgefangen, mitgehangen” will sie nun auch schwedischen Männern den Zugang zu Musikkonzerten verwehren, obwohl die Grapscher und Vergewaltiger meist als „Männer mit ausländischen Wurzeln“ beschrieben werden.

Inwiefern das tatsächlich stimmt, kann ich leider nicht beurteilen. Wenn man allerdings ein wenig weiter gräbt, findet man sogar beim normalerweise politisch sehr korrekten SPON einen älteren Bericht, der entsprechende Verbindungen zieht. Die Koinzidenz mit dem Beginn der großen Zuwanderungswelle vor allem in Schweden und Deutschland ist natürlich schon auffällig. Für mich riecht das allzusehr nach einem Fall wie die #ausnahmslos-Kampagne nach der Kölner Silvesternacht: Um jeden Anschein von Rassismus zu vermeiden, ist man lieber sexistisch – gegen alle Männer.

2: Nachdem vor zwei Tagen bei Edition F ja ein männerfreundlicher Text einer Frau erschien, ist es jetzt einem Mann vorbehalten, wieder auf die platteste Art auf Männer einzudreschen. „Was wir Männer tun können, um endlich zu verstehen, was Frauen im Alltag erleben“ heißt das Stück und beginnt mit dem Anreißer:

Die Lebensrealitäten von Frauen und Männern sind grundlegend verschieden. Während die von Frauen oft von Diskriminierung und Gewalt geprägt ist, genießen Männer im Vergleich viele Vorteile.

Danach könnte man ja schon wieder aufhören zu lesen, weil einem klar ist, dass da wieder platteste feministische Klischees wiedergekäut werden. Dann verpasst man allerdings noch weitere Perlen wie diese:

Frauen leben in einer substantiell anderen Lebenswirklichkeit als Männer. Fast nie werden sie so respektvoll behandelt wie wir es gewohnt sind.

Und noch besser:

Es ist jedoch wichtig, Strukturen und Tendenzen zu benennen; denn wie Rebecca Solnit in ihrem Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ schreibt: „Gewalt hat keine Rasse und keine Klasse, keine Religion und keine Nationalität. Aber Gewalt hat ein Geschlecht.“

Oder auch diese:

Weiterhin gilt: Obwohl Gewalt von Männern gegen Frauen alltäglich ist, wird dieses Muster kaum herausgestellt. Es existiert die Tendenz, Erklärungen auf einer Fall-zu-Fall Basis à la „Beziehungstat“ zu bemühen, ohne das große Ganze in Betracht zu ziehen. Oft sogar wird dem Opfer (Mit-)Schuld zugeschrieben – sie hätte sich ja nun wirklich nicht so aufreizend kleiden oder diese dunkle Straße entlang gehen müssen. Mit den Worten Solnits: „Die Pandemie der Gewalt gegen Frauen wird mit allem Möglichen erklärt außer dem Geschlecht.“

Kein Wort davon, dass die Gewalt in Partnerschaften fast 50:50 gleichverteilt ist, kein Wort davon, dass Männer bei allen Gewaltdelikten außerhalb von sexueller Gewalt den weitaus größeren Anteil an den Opfern haben. Es lohnt eigentlich nicht, darauf weiter einzugehen. Nur der Hinweis noch, dass Bloggerin „breakpoint AKA Anne Nühm“ schon eine kleine Erwiderung geschrieben hat.

3: Wenn allerdings z.B. die Polizei von New South Wales (Australien) sich erlaubt, mit einer Kampagne darauf hinzuweisen, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden, führt das zu Protesten, die Kampagne passe gerade nicht in die Zeit, weil es eben einen Mord gab, bei dem eine Lelia Alavi in Sydney von ihrem Mann Mokthar Hosseiniamrae getötet wurde. Außerdem habe es unter dem Facebook-Beitrag der Polizei einige beleidigende und unangemessene Kommentare gegen Frauen gegeben, die nicht gelöscht wurden, wie z.B.

If a girl can throw a punch, she can take one

Oh mein Gott, ein Mann, der tatsächlich glaubt, er dürfe zurück schlagen, wenn eine Frau ihn schlägt. Was für ein Monster!

4: Wo wir gerade bei Doppelmoral sind: Von Jouwatch gibt es ein schönes Beispiel zum Unterschied zwischen gutem und schlechtem Sexismus.

5: Mal etwas spaßiges zwischendurch: Wieder bröselt ein feministisches Vorurteil, nämlich die Behauptung, diese widerlichen Männer würden so massiv auf Gewalt-Pornos stehen. Tatsächlich stellen Frauen die weit größere Gruppe derer, die im Netz nach Pornos mit Gewaltdarstellungen (gegen Frauen!) oder zumindest hartem, ruppigen Sex suchen. Und das wohlgemerkt in allen Ländern der Welt gleichermaßen, ganz egal, wie dort der Status der Frauen und ihre Rechte sind. Und die Quelle? Man glaubt es kaum: Google und deren Auswertung nach Suchbegriffen. Der Daily Caller berichtet.

Der Artikel enthält noch ein paar andere Erkenntnisse über merkwürdige Sex-Vorlieben. In Indien stehen viele Männer darauf, mit Muttermilch gesäugt zu werden. Und in Japan gehört für viele Kitzeln zum Liebesspiel dazu. Allerdings sagt der Autor, der das herausgefunden hat:

The author says calling these preferences “weird” isn’t the correct response. “The data from porn tells us that everybody is weird,” he said. “Thus, nobody is weird.”

6: Und hier eine der Blüten, die Gendern inzwischen treibt:

Inzwischen werden Männer anscheinend eher so „mitgemeint“.

7: Ein Hinweis auf zwei Artikel, die leider hinter einer Zahlgrenze versteckt sind: In der Welt gibt es ein Interview mit Walter Hollstein mit dem Titel „Das vernachlässigte Geschlecht ist – der Mann“ und in der Weltwoche schreibt Harald Martenstein über Sexismus mit dem Titel „Der Mann, das Triebwesen“. Martensteins Beitrag habe ich in der Printausgabe gelesen. Lesenswert. Letztlich geht es darum, dass unter den notorischen Sexismus-Anklagen heutiger Tage die alte Prüderie wiederkehrt und damit die sexuelle Befreiung rückabgewickelt wird. Was auch zu den alten Doppelmoralitäten führt, denn unter der offiziellen Oberfläche der Wohlanständigkeit wird es getrieben wie eh und je. Und Martenstein plädiert für die Rehabilitierung des Begehrens als eine legitime Motivation, auch in seiner unerwiderten Variante.

Update: Genderama meldet, dass der WELT-Artikel mit dem Hollstein-Interview unter anderem Titel inzwischen frei verfügbar ist.

8: Zwei Beiträge, die sich kritisch mit der „Ehe für alle“ auseinandersetzen. Bei Novo Argumente sieht Thilo Spahl die Entscheidung des Bundestags nicht als Antidiskriminierungserfolg, sondern als Sieg des Konsumismus. Sein Kernpunkt:

Die traditionelle Ehe ist in einer Zeit, in der die freie Wahl von Lebensformen und -stilen und Identitäten dominierendes Ideologem geworden ist, ein Fremdkörper. Sie ist eine Lebensform, die nicht allen offensteht, die nicht käuflich ist. Mit dieser prinzipiellen Exklusivität verweigert sich die traditionelle Ehe dem Warencharakter. In der Konsumgesellschaft ist jedoch etwas, das man haben will, aber nicht haben kann, ein Sakrileg, das nicht geduldet werden kann.

Und sein Fazit:

Der Hype um die Ehe für Alle zeigt vor allem eins: dass die Institution der Ehe an Bedeutung verloren hat. Die Ehe hat an Kraft verloren. Sie ist weniger eine Lebensform als ein beim Staat zu beantragender Status. Das mag man beklagen oder gutheißen. Es heißt aber, dass das, was viele als Kampf um Gleichberechtigung interpretieren, nur ein Statusgerangel ist.

Der zweite ist ein Interview mit Prof. Ulrich Kutschera, der sich aus evolutionsbiologischer Sicht über die „Ehe für alle“ auslässt, und das auch noch bei kath.net. Und er lässt auch wieder ein paar garantiert politisch unkorrekte Hämmer vom Stapel. Zu sagen, dass Schwule und Lesben mehr zu Pädophilie neigen als Heteros, und dass deswegen eine Volladoption eine Horrorvorstellung ist, dürfte eines der größten Tabus derzeit sein. Da geht sogar jede, selbst abseitige Islamkritik noch eher. Nur: Kutschera ist habilitierter Biologe und hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt. Soweit ich ihn bisher erlebt habe, stellt er solche Behauptungen nicht auf, ohne entsprechende Studien und Zahlen dafür vorweisen zu können.

Bevor jetzt wieder wer was unterstellt: Ich bin eher Befürworter der Homo-Ehe. Bis auf die Möglichkeit der Fremdadoption, die ich eher kritisch sehe, spricht für mich eigentlich nichts dagegen. So ganz habe ich mir noch keine Meinung gebildet, bis auf die, dass die Diskussion darüber unsäglich flach ist.

9: Auf der Seite Gender-Diskurs rezensiert Dr. Alexander Ulfig Axel Meyers Buch „Adams Apfel und Evas Erbe“, der genauso wie Ulrich Kutschera die Gender Studies aus biologischer Sicht kritisiert.

10: Zum Schluss ein Ausflug ins Boulevard. Für Boris Becker kommt es derzeit ja richtig knüppeldick. Erst erklärte ihn ein Gericht in London für zahlungsunfähig, dann forderte ein ehemaliger Geschäftspartner aus der Schweiz 40 Millionen Franken von ihm zurück. Und jetzt deutet auch noch seine Frau eine Ehekrise an. Und was hat das ausgelöst?

In der Folge vom Donnerstag, die um 20.15 Uhr auf ProSieben ausgestrahlt wird, spricht sie sogar von Scheidung. Denn Boris Becker hatte sich geweigert, seiner Frau einen Videogruß in die Show zu schicken.

„Alle haben eine Nachricht bekommen, nur ich nicht. Und alles war im Fernsehen. Alle haben gesehen, wie enttäuscht ich war“, klagt Lilly Becker ihrer Kollegin Nadine Angerer das Leid. Und als diese sie fragt, ob sie sich jemals von ihm scheiden lassen würde, antwortet Lilly: „Ich weiß nicht. Sag niemals nie.“

Eine verpasste Videobotschaft! Na wenn das mal kein veritabler Scheidungsgrund ist. Immerhin war sie jetzt lange genug mit ihm verheiratet, um entsprechenden Unterhalt einzufordern. Doch halt, Lilly, ist er nicht eh gerade pleite und da ist gar nichts zu holen? Oder ist das vielleicht der eigentliche Scheidungsgrund? Wir wissen es nicht. Mal abwarten…

Fundstück: Ungarische Videos geben Frauen die Schuld an Vergewaltigungen

Es sind vier verstörende Videos, selbst wenn man ihren genauen Kontext nicht kennt und nicht alle Aussagen versteht. Weil ich in den deutschsprachigen Nachrichten und Blogs nichts dazu gefunden habe, braucht es etwas Anlauf, um alles zu erklären.

Kontext dieses Artikels

Ich habe ja bereits mehrfach über den Mythos Gender Pay Gap gebloggt. Das hält mich nicht davon ab, Fälle zu nennen, in denen diese allgemein falsche Behauptung („Frauen bekommen – unter exakt denselben Umständen – weniger Lohn als Männer“, evtl. ergänzt durch „das ist Absicht vom Patriarchat / den Männern“) tatsächlich einmal zutrifft, wie bei Birkenstock oder dem Politiker Janusz Korwin-Mikke. Das ist nicht nur redlich. Es ist wichtig, gegen den Automatismus anzukämpfen, solche Fakten, die nicht ins Weltbild passen, kleinzureden oder zu ignorieren. Gerade die empörenden Reaktionen auf die beiden Fälle passen wieder sehr gut in mein Weltbild, das dadurch insgesamt nicht ins Wanken gerät, sondern facettenreicher wird.

Exkurs: die Rape Culture

Neben der allgemeinen Verschwörungstheorie des Patriarchats („alle Männer haben sich gegen alle Frauen verbündet“) und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit für einen „Geschlechterkrieg“ sowie dem erwähnten Gender Pay Gap ist einer der beliebtesten Mythen der einer „rape culture“. Die Idee einer „Vergewaltigungskultur“ klingt für mich absurd – wie können Vergewaltigungen mit Kultur verbunden werden?

Tatsächlich sind es bei näherem Hinsehen sogar drei verschiedene Theorien, die einzig gemeinsam haben, dass Frauen allgemein unterdrückt werden:

„Vergewaltigungen werden akzeptiert.“ Das werden die meisten Menschen im Großteil der Welt abstreiten. In der westlichen Hemisphäre wird dann der argumentative Hebel angesetzt, dass die Definition, was eine Vergewaltigung sei, zu eng angesetzt sei und dadurch Vergewaltigungen offiziell akzeptabel gemacht würden. Dagegen helfe nur eine „consent culture„. Diese schlägt in der Praxis aber ins Gegenteil um und zeichnet sich dadurch aus, dass praktisch kein Geschlechtsverkehr vom Verdacht der Vergewaltigung frei ist und es auch keine praktikable Möglichkeit des Zustimmung gibt, um diesen Universalverdacht zu vermeiden.

„Vergewaltigungen werden nicht strafrechtlich verfolgt.“ In diesem Szenario sind Vergewaltigungen zwar offiziell geächtet, jedoch werden die Täter geschützt. Die Vergewaltigungszahlen werden heruntergespielt. Hierbei wird vom einzig sichtbaren, aber falschen Ende her argumentiert, nämlich wie viele Verdächtigte tatsächlich verurteilt werden. Das sagt aber nichts über die Qualität von Polizei und Justiz aus (deren Statistiken zudem auch untereinander nicht miteinander vergleichbar sind). Das Außerkraftsetzen eines der wichtigsten rechtsstaatlichen Grundsätze, die Unschuldsvermutung, hat hierbei in radikalfeministischer Propaganda eine unheilige Tradition.

„Es wird eine Vergewaltigungsangst erzeugt, damit die Frauen nicht aufbegehren.“ Hier sind Vergewaltigungen ebenfalls ein Verbrechen, aber die Wahrscheinlichkeit, Opfer dieses Verbrechens zu werden, wird künstlich aufgebauscht. Mit diesem Szenario läßt sich leicht erklären, warum sich nicht mehr Frauen wehren – sie sind ja vor lauter Angst nicht dazu in der Lage. Durch die stets drohende Gefahr werden Frauen davon abgehalten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Für den Fall, dass jemand an die offiziell niedrigen Fallzahlen erinnert, gibt es die Ausweichmöglichkeit auf zahlreiche andere Handlungen, die zwar nicht vor dem Gesetz eine Vergewaltigung sind, aber eben Teil „dieser Kultur“. Durch den rhetorischen Kniff von „Mikroaggressionen“ kann alles zur Vergewaltigungskultur beitragen. Ein einzelner Regentropfen ist auch eine Mikroüberschwemmung.

Die drei Definitonen widersprechen sich untereinander. Das macht aber bei Verschwörungstheorien nichts aus.

Die gängigen Fragen, um dem entgegenzutreten: Wer würde von einer „rape culture“ profitieren? Hat die Mehrheit der Männer etwas davon? Ist der „Nutzen“, Verbrechen begehen zu können, allgemein höher als der Nutzen, dass man selbst und der eigene Bekanntenkreis voraussichtlich nicht Opfer eines Verbrechens werden? Ist der Nutzen, angstfrei leben zu können, nicht höher als der Nutzen, andere zu beherrschen? Einen Sinn hat das nur unter dem Gesichtspunkt, dass tatsächlich ein Geschlechterkrieg herrscht, also alle Männer gegen alle Frauen sind.

Eine allgemein falsche Theorie kann trotzdem unter sehr eingeschränkten Bedingungen zutreffen. Es gibt Fälle, in denen Vergewaltigungen verharmlost oder verdeckt werden: Sport, Gefängnisse und Militär. Diese Szenazien haben folgende Gemeinsamkeiten, die auf die menschliche Gesellschaft insgesamt nicht zutreffen:

  1. strenge Hierarchien und Befehlsstrukturen
  2. starke Betonung von Stärke und Härte mit dem Ziel, „Dinge auszuhalten“
  3. Unterdrückung von Empathie für Menschen außerhalb der eigenen Gruppe
  4. hohes Stressniveau, wenig Empathie = die Basis vieler Verbrechen

Allgemein gilt eine Vergewaltigung als eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt. Bereits die Anschuldigung ist so schwerwiegend, dass selbst im Falle einer Falschbeschuldigung, die später herauskommt, der angebliche Täter sozial vernichtet ist. Skrupellose Menschen benutzen dies, um sich unliebsame Personen vom Hals zu schaffen oder sich an ihnen zu rächen.

der Kern der Sache: die ungarischen Videos

Ich wollte schon darüber bloggen, seit ich sie Ende 2014 zum ersten Mal gesehen habe, aber es hat sich nie der rechte Anlass gefunden und sie benötigen (wie man hier sieht) aus meiner Sicht doch einiges an Vorgeplänkel.

Zunächst einmal die Videos selbst. Ich finde nur noch eines bei Youtube, erinnere mich aber daran, dass ich mindestens zwei damals bei einem Kanal namens „Police Hungary“ gefunden haben. Dass es der offizielle Kanal der ungarischen Polizei war, kann ich jetzt allerdings weder beweisen noch widerlegen, da die Videos unter den ursprünglichen URLs inzwischen privat sind.

Der lange Clip (bei einem anderen Konto):

Eine Quelle für alle drei kurzen Videos:
http://indavideo.hu/video/Selfie_Spot_1
http://indavideo.hu/video/Selfie_Spot_2
http://indavideo.hu/video/Selfie_Spot_3

Artikel dazu:

  1. The Guardian: Hungarian police accused of victim-blaming in safety video
  2. Tudod mit üzen neked a rendőrség, ha egy buli után megerőszakolnak? „Tehetsz róla“
  3. Itt vannak a rendőrség új, buliellenes spotjai

Dem Guardian traue ich generell nicht so einfach über den Weg, wenn es um solche Themen geht. Die dort geschilderten Informationen nehme ich daher nicht ohne weiteres für bare Münze (verweise aber gerne darauf – es soll sich jeder selbst eine Meinung bilden).

Nun werden die wenigsten Ungarisch verstehen. Der verwendete Slogan „Tehetsz róla, tehetsz ellene!“ bedeutet in etwa soviel wie „Deine Schuld, mach etwas dagegen!“. Bei dem Spruch alleine wird einem schon unwohl. Er klingt so, als würde hier den Opfern von Straftaten selbst die Schuld in die Schuhe geschoben. Doch schauen wir uns einmal die Spots genauer an:

Nr. 1 (0:54 Minuten):
Drei junge Frauen werfen sich in Schale und scheinen bereits vorzuglühen. Irritierend sind die Seifenblasen – stellen sich die Filmemacher so „die Jugend von heute“ vor? Oder soll das andeuten, dass sie doch „so jung“ und „beinahe noch Kinder“ sind?

Dann kommen Posen, in denen die drei flirtende Blicke und Gesten in die Kamera machen. Ich fühlte mich jedenfalls angesprochen, wenn mir so eine Dame in der realen Welt begegnen würde. Aber was hat das mit der beabsichtigten Botschaft zu tun?

Jetzt zeigt man erneut, wie die Freundinnen zu Hause Selfies machen und dann – schon sichtlich angetrunken – erst losgehen (bzw. -wanken). Eine dreht sich an der Tür noch ein letztes Mal um und sieht eine weitere Freundin mit zerrissenen Klamotten und verwischter Schminke.

Am Ende kommt noch eine kurze Ansprache, die mit dem erwähnten Slogan endet. Immerhin wird hier für Gehörlose noch Gebärdensprache verwendet. Dass es sich bei der Übersetzerin Fanni Weisz um eine „Aktivistin für Chancengleichheit“ handeln soll, irritiert mich erneut. Sie muss doch wissen, was sie da mitteilt.

Nr. 2 (0:46 Minuten):
Die drei Freundinnen kommen sichtlich angeheitert im Club an, bestellen aber direkt noch einmal sechs Kurze. Es werden aber drei Runden, wie man an den leeren Gläsern sieht. Dann schmeißt man sich ins Getümmel auf der Tanzfläche. Seltsam hierbei, dass erst jetzt die Jacken abgelegt werden – die gibt man doch normalerweise an der Garderobe ab. Ein wenig Disco-Gezappel, dann erscheint mitten unter den Feiernden wieder die vierte Freundin wie gehabt. Erneut eine Ansprache (mit Gebärdensprache) und der Slogan.

Nr. 3 (0:48 Minuten):
Weiter auf der Tanzfläche, es wird geflirtet, man zieht den Männern schon einmal das Hemd aus, küsst und begrabbelt sich gegenseitig. Am Tisch zeigen leere Flaschen und Gläser, dass man noch ordentlich nachgetankt hat.

Dann verlassen alle gleichzeitig den Laden, der allerdings von außen überhaupt nicht wie eine Disco aussieht. Einer der Typen fällt direkt auf den Boden. Normalerweise disqualifiziert ihn das als Partner für einen heißen Flirt bzw. eine Fortsetzung zu zweit. Nun bleibt eine der Frauen alleine zurück, was mir unverständlich bleibt, da es doch vorher auch drei Männer waren. Wieso gehen außerdem die Freundinnen zu zweit in eine Richtung, einer der Männer alleine und der andere in eine andere Richtung davon? Was ist denn aus dem Flirten geworden?

Und was ist das überhaupt für ein Laden, der keinen Türsteher hat? Die sind nach eigener Erfahrung auch in Ungarn üblich!

Jetzt sieht man einen Mann an einer Mauer stehen. Schon an der hochgezogenen Kapuze vom Pulli und der Zigarette erkennt man: Das muss ein Böser sein! Auch die zittrige Hand, der unruhige Fuß und die unheimliche Musik lassen keinen Zweifel zu. Er eilt fort.

Die alleingelassene Frau reißt die Augen Richtung Kamera auf. In der nächsten Einstellungen sieht man die vierte Freundin aus den ersten zwei Spots auf der Erde sitzen, offenbar vergewaltigt. Auch hier wie gehabt eine Ansprache (mit Gebärdensprache) und der Slogan.

Der lange Clip (3:41):
Das ist quasi die Langfassung mit einigen weiteren Szenen.

Die drei Freundinnen rennen zuerst noch mit Straßenklamotten in die Wohnung, dabei laut kichernd. Hier frage ich mich allen Ernstes, in welchem Jahrhundert die Filmemacher zuletzt eine junge Frau gesehen haben.

Dann wird Musik angemacht, der Alkohol ausgepackt und das Aufbrezeln beginnt (es folgt wie gehabt die Handlung von Clip 1). Die lasziven, einladenden Gesten Richtung Kamera haben hier noch weniger Sinn. Tests vor dem Spiegel, wie man wirkt, können es nicht sein – denn welche Frau übt schon „Flirten mit dönerähnlichem Gegenstand in der Hand“? In der Realität machen die Freundinnen danach ein Selfie.

Bevor der Teil von Clip 2 einsetzt, sieht man den Club etwas besser: Es sieht weniger nach einer professionellen Disco als nach einem Jugendheim oder einem privaten, wenn auch ziemlich großen Partykeller aus. Auch jetzt gibt es weitere Szenen: Die drei Freundinnen machen sich gleich unbeliebt, indem sie Leute von der Bar wegschubsen. Beim Saufen ernten sie einen abfälligen Blick einer Frau von der Seite. Bereits an der Theke checken sie die ersten Typen ab, die sind aber alle doof. Nun kommt der Inhalt von Clip 3, ebenfalls ergänzt. Am Tisch wird scheinbar sogar noch der Restalkohol vom Tisch abgewischt. Also wenn jemand allen Ernstes so breit ist, klappt auch mit dem anderen Geschlecht nichts mehr! Der entsetzte Blick der Frau ist deutlich länger. Wie es sich in einem professionellen Horrorfilm gehören würde, läuft sie nicht weg – schreit allerdings auch nicht, was einer Karriere als Horrorfilmnebendarstellerin deutliche Grenzen setzen würde. Das Vergewaltigungsopfer wird ebenfalls länger gezeigt.

Am Ende wird offenbar noch den Geldgebern gedankt, wobei es tatsächlich nach der ungarischen Polizei aussieht. Der Abspann des Films unterstreicht jedenfalls, dass dieser Film professionell produziert wurde und ernst gemeint ist.

Bewertung

Ich muss gestehen, dass ich diese Videos auch beim erneuten Betrachten nicht anders ertragen konnte, als sie launisch zu beschreiben und zu kommentieren. Es sind einfach so viele Klischees über junge Leute, insbesondere Frauen versammelt, dass es schon weh tut. Der Film könnte auch von Verfechtern der Prohibition stammen, da der starke Alkoholkonsum besonders negativ dargestellt wird.

Wie es zur Vergewaltigung kommt, ist völlig unrealistisch, da direkt vor einem Club üblicherweise Security steht. Außerdem ist der im Dunkeln lauernde Täter ja gerade nicht der Normalfall – hier wurde also besonders tief in die Klischeeschublade gegriffen. Realistischer – so traurig es auch ist – wäre gewesen, wenn einer der Flirtpartner mehr von der Dame gewollt hätte, als diese bereit gewesen wäre mitzumachen. Wie man jedoch – auch nach intensivem Feiern – Freunde direkt vor der Tür verlieren kann, bleibt mir völlig schleierhaft. Im Zweifelsfall ruft man ein Taxi, wenn jemand partout nicht mehr kann.

Das Erscheinen der vierten Freundin mit den Opfermalen, die quasi wie ein Geist die anderen warnen soll, während diese sich noch „sündhaft“ dem Alkohol und den Männern hingeben, erinnert mich eher an religiöse Fanatiker. Neben den realitätsfremden Szenen (Kichern, Seifenblasen, Jacke nicht sofort ausziehen usw.) könnte man als nordwesteuropäischer Zuschauer große Teile des Feierns als „normalen Partyspaß von jungen Erwachsenen“ einordnen, ohne dass einem irgendetwas besonders negativ auffällt. „Klar, ein wenig heftig, aber so muss ein Wochenende eben sein“ wäre auch eine Zusammenfassung der reinen Feierszenen, die ich mir vorstellen könnte.

Der Slogan, welcher Vergewaltigungsopfern die Schuld gibt an dem, was ihnen passiert ist, wird durch das Gezeigte unterstrichen. Die jungen Frauen werden als verantwortungslos dargestellt, wie sie sich kleiden und aufführen, das Verbrechen als „fast schon absehbar“. Hier wird suggeriert, wenn Frauen sich so anziehen würden, seien sie selbst Schuld, wenn ihnen etwas zustoße.

die Reaktionen

Eine solche Videoserie, von der Polizei produziert, halte ich in West- und Nordeuropa nicht für möglich. Selbst in Ungarn, wo es politisch so aussieht, dass man sich freuen muss, wenn die Rechtspopulisten gewinnen, weil dann nicht die Neonazipartei an die Macht kommt, ließen die Proteste nicht auf sich warten.

Berichterstattung bei 7/24 (hu): „A nőket hibáztatja a rendőrség az erőszak miatt“
(„Die Polizei gibt den Frauen die Schuld an (sexueller) Gewalt“)

Judit Wirth, Nők a Nőkért Együtt az Erőszak Ellen (in etwa: Verein „Frauen für Frauen, gemeinsam gegen Gewalt“): Die Videos zeichneten ein schlechtes Bild sowohl von Frauen als auch von Männern. Als ob sich Männer beim Anblick von Frauen nicht mehr beherrschen könnten.

Berichterstattung bei Euronews (hu) über den Slutwalk in Budapest
Slutwalk: „a szexuális erőszakról nem az áldozat tehet“
(„An sexueller Gewalt sind nicht die Opfer Schuld“)

Berichterstattung über die Demonstration bei der HVG (liberales Wochenblatt)
„Nem a rendőrségi videó a fő probléma“
(„Nicht die Polizei-Videos sind das Hauptproblem“)

Dennoch zeigt sich hier das Gefälle zwischen Nord/Süd und West/Ost in Europa. Ich hatte bereits über konservative Geschlechterverhältnisse in Süd- und Osteuropa geschrieben:

Gerade die Süd- und Osteuropäerinnen loben Nord- und Westeuropa dafür, insgesamt einen fortschrittlicheren Umgang mit Frauen zu haben.
(…)
Das bedeutet nicht, dass hier und jetzt alles perfekt wäre.
(…)
Die positiven Urteile etwa über Deutschland von Frauen aus Süd/Osteuropa passen aber überhaupt nicht ins Weltbild von Anne Wizorek.
(…)
Die Welt als „überall ist es gleich schrecklich“ oder „es ist so schlimm wie immer“ zu beschreiben, verdeckt den Blick auf die Unterschiede und das Erreichte. Vor allem ist es deswegen demotivierend, weil man offensichtlich durch eigenes Verhalten nichts erreichen kann.

Das entspricht auch hier meiner Deutung: Solche ungeheuerlichen Videos kann man nur in bestimmten Teilen Europas drehen, sie sorgen jedoch auch im jeweiligen Land für Proteste. Es würde die Gleichberechtigung in Europa zumindest voranbringen, die Unterscheide zwischen den verschiedenen Ländern aufzuzeigen und auf das bereits anderswo Erreichte zu verweisen (das einen ja noch lange nicht zufriedenstellen muss).

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Nach diesen schauerlichen Videos wenigstens ein wenig Reggae aus Ungarn…

Ladánybene 27: Emelj fel

Antworten, die Anne Wizorek nicht findet

Die allseits bekannte und beliebte Feministin Anne Wizorek hat auf Broadly einen Kommentar zum Prozessausgang beim Falschbeschuldigungsverfahren gegen Gina-Lisa Lohfink verfasst. Im wesentlichen beharkt sie natürlich auch das feministische Hauptnarrativ, Lohfink sei nur aufgrund ihres Vorlebens als unglaubwürdig gebrandmarkt worden. Dabei stellt sie einige Fragen, die ihrer Ansicht nach noch offen wären. Meiner Ansicht nach sind diese längst geklärt, deswegen kann ich ihr hier auch antworten:

Warum ist es nicht relevant, dass einer der Männer in der Vergangenheit durch ähnliche Taten aufgefallen sein soll?

Wenn man zwei Absätze vorher postuliert, dass die Vergangenheit der Angeklagten Lohfink nicht relevant sein sollte, ist das eine äußerst merkwürdige Frage. Aber was bei Frauen auf gar keinen Fall sein darf, nämlich das Herumrühren im Vorleben, denn das ist ja „slut-shaming“, das geht bei Männern natürlich problemlos.

Warum wollte die Staatsanwältin diese Zeuginnen (heutige Ex-Freundinnen) erst nicht mal zu Wort kommen lassen?

Weil das, wie gesagt, nicht relevant ist. Es ging in der Verhandlung nicht darum, ob die beiden Männer Vergewaltiger sind, das wurde bereits geklärt. Es ging darum, ob Lohfink nachzuweisen ist, dass sie die Männer falschbeschuldigt hat. In dem Zusammenhang ist das Vorleben der beiden völlig uninteressant.

Warum wird insgesamt drei Frauen schlicht nicht geglaubt?

Es geht nicht darum, ob den Zeuginnen geglaubt wird oder nicht. Wenn deren mögliche Aussage irrelevant ist, ist auch die Frage nach deren Glaubwürdigkeit irrelevant. Was Lohfink selbst angeht: Weil die Fakten dagegen sprechen. Die Ungereimtheiten, die Wizorek in dem Fall beklagt, hat vor allem die Angeklagte selbst verursacht.

Wieso muss Lohfink stolze 20.000 Euro zahlen, während das unerlaubte Verbreiten des Videomaterials mit lediglich 1.350 Euro veranschlagt wurde und wie wird diese Unverhältnismäßigkeit von Strafbeträgen gerechtfertigt?

Weil sie einen ganz anderen Tagessatz zu bezahlen hat, weil sie eben deutlich mehr verdient als Pardis F., den sie durch ihre Anschuldigung arbeitslos gemacht hat. 80 Tagessätze á 250 Euro ergibt nunmal mehr als 90 Tagessätze á 15 Euro. Insofern hat der Angeklagte Pardis F. de jure sogar eine höhere Strafe hinnehmen müssen. Aber wenn man halt keine Ahnung von Strafrecht hat, vergleicht man eben nur die Endsummen. Oder man hat Ahnung, schiebt sie aber beiseite, weil sie der beabsichtigten Polemik im Weg steht.

Wieso wurde bislang nur einer der Männer für die unerlaubte Verbreitung des Videos belangt?

Weil der andere bisher ohne festen Wohnsitz war und deswegen der Strafbefehl nicht zugestellt werden konnte. Dies soll aber jetzt nachgeholt werden. Sebastian C. will sich aber im Gegensatz zu Pardis F. gegen den Strafbefehl wehren. Wenn man die Sache ein wenig verfolgt hat, hätte man das längst mitkriegen können, weil das in quasi jedem zweiten Artikel zum Fall stand.

Warum wurde nur der Einfluss durch K.O.-Tropfen in Betracht gezogen, wenn unterschiedliche Date-Rape-Substanzen auch zu unterschiedlichen Symptomen führen?

Es könnte vielleicht daran liegen, dass Lohfink exakt das behauptet hat, nämlich unter dem Einfluss von KO-Tropfen gewesen, vollkommen weggetreten und zunächst erinnerungslos gewesen zu sein. Warum sollte man etwas untersuchen, was sie den Männern gar nicht vorgeworfen hat?

Weshalb ist nicht bereits als problematisch thematisiert worden, dass hier jemand sehr offensichtlich stark betrunken war und trotzdem in eine sexuelle Situation gebracht wurde?

Wie die meisten meiner Antworten: Es ist nicht relevant, denn bei uns darf man zum Glück noch immer auch in betrunkenem Zustand seine Zustimmung zu Sex geben.

Wieso wird das Motiv, Lohfink wollte einfach nur mal wieder in die Medien, nicht hinterfragt, wenn sie noch nicht mal wollte, dass das Video der vermeintlichen Tatnacht verbreitet wird—etwas, dem immerhin schon durchs Gericht stattgegeben wurde?

Ach Anne, Logik ist nicht so Deine Stärke, oder? Dass man nicht will, mit einem negativen Image (als „Schlampe“ in einem halbseidenen Porno-Dreh) in die Öffentlichkeit zu kommen, schließt natürlich vollkommen mit aus, dass man mit einem positiven Image in die Öffentlichkeit will, z.B. Mitleid erheischendes Opfer einer Vergewaltigung, und wenn das halt nicht klappt, dann eben immer noch als Opfer der Justiz. Gut, dass sie das wirklich mit Absicht inszeniert hat, glaube ich jetzt auch nicht unbedingt. Aber unplausibel ist es deswegen noch lange nicht.

[Der Richterin] Fazit lautete daher: Gina-Lisa Lohfink habe lediglich PR in eigener Sache betreiben wollen. Aber was für eine PR soll das bitte sein?

Wie gesagt, als armes Opfer hat man derzeit extrem viel Anspruch auf Mitleid und Empathie, um den ausgelutschen Begriff mal zu verwenden. Darum kämpft Ihr doch unermüdlich. Auch wenn man es anfangs vielleicht nicht darauf abgesehen hat, warum sollte man es denn verpassen, wenn man sich unter die Reihen der Opfer mischen kann, wenn sich die Gelegenheit bietet, und es einem eine Menge Leute anbieten?

Wie grotesk ist es außerdem, dass nun gerade Medienmenschen Gina-Lisa Lohfink auch noch einen daraus Vorwurf machen, weil diese mit Medien geredet hat?

Grotesk ist an der Sache nur, dass Lohfink sich zwar mit allen Medien offenherzig über ihren Fall und dessen angebliche Geschehnisse austauscht, aber ausgerechnet im Gerichtssaal, da wo es darauf an käme, sich extrem zugeknöpft gibt. Nur das werfen ihr Medienvertreter vor. Wer sonst bitte sollte das tun, wenn nicht Journalisten?

Weiter wird behauptet, die Debatte wäre durchaus richtig, nur der Fall von Gina-Lisa Lohfink als Aufhänger nicht. Dabei wollen diejenigen, die solche Thesen aufstellen, die Debatte rund um Sexismus und sexualisierte Gewalt sonst oft gar nicht erst führen. Geschweige denn, dass sie diejenigen wären, die unermüdlich sexualisierte Gewalt als gesellschaftliches Problem auf die Agenda setzten.

Nun, doch, wir wollen diese Debatte durchaus führen. Allerdings nicht nach den Regeln, wie sie uns Feministinnen vorschreiben wollen, also unter Ausblendung von männlichen Opfern und weiblichen Täterinnen, mit von Vorurteilen behafteten Studien, die noch dazu grotesk missinterpretiert werden, mit aus der Luft gegriffenen Dunkelziffern und mit Denkverboten. Wenn man der Ansicht ist, dass die sogenannte Debatte eh schon mit extremer Hysterie und Alarmismus geführt wird, und dass es nötig ist, diese abzukühlen, dann kann es schon mal so aussehen, als ob man sie nicht führen wollte. Das stimmt nicht, wir wollen sie nur anders führen. Sachlicher.

Der Rest von Wizoreks Traktat ist, nun ja, allenfalls querlesenswert.

Fazit:

  1. Wizorek hat anscheinend keine Ahnung von Strafrecht
  2. Mit Logik hat sie es auch nicht so
  3. Sie tut so, als ob die Frage, ob da eine Vergewaltigung stattgefunden habe, weiter offen sei
  4. Mit dem Gedanken, dass es tatsächlich eine Falschbeschuldigung gegeben haben könnte und ob diese nun strafwürdig ist, will sie sich erst gar nicht befassen

 

Warum ich heute einmal „erzählmirnix für Arme“ mache

Mit ein wenig Übung bekommt man das sicher in ein paar Minuten in einem Zeichenprogramm hin, aber mir fiel kein passender Text für Rechtsi und Linksi ein. Stellt Euch also einfach als phantasiebegabte Menschen die üblichen roten Kreuze und grünen Haken über einem Bild vor, wie man es ansonsten von erzählmirnix kennt:

Wie man am besten mit Vergewaltigungsvorwürfen umgeht

falsch:

  • Polizei und Justiz einschalten
  • sich mit einem eigenen Urteil weitgehend bedeckt halten
  • andere Beteiligte als Menschen mit Eigeninteresse betrachten

richtig:

  • anonymen Beschuldigungen im Internet glauben
  • den Beschuldigten bereits vorsorglich zum sozialen Tod verurteilen
  • bekannte Beschuldiger mit Geld oder Posten (z.B. dem des Beschuldigten!) ausstatten

Als Inspiration dienten zwei Artikel in der Zeit über Jacob Appelbaum:

  1. Starke Zweifel an Vergewaltigungsvorwurf (kurz, leichter verdaulich)
  2. Was hat dieser Mann getan? (seltsamer Schreibstil, viele Details)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Auf die Geschichte bin ich erst aufmerksam geworden, als sie (nicht-öffentlich) als Aufhänger dafür verwendet wurde, der Grundsatz „unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist“ befördere „rape culture“.

Billy Joel: An Innocent Man

Kurznachrichten vom 17.05.2016

1: Die TAZ sorgt sich um Männer, die durch Sexualstraftatsbeschuldigungen voreilig verurteilt werden könnten. Allerdings nur um nicht-weiße Männer, bei weißen hat sie kein Problem damit. Schrägerweise trägt der Kommentar auch noch den Titel „Selbstbestimmung ja, Rassismus nein“.

2: Volker Beck is back und deckt schon wieder haarsträubende Skandale über homophobe Behördenformulare auf. Migrantengewalt gegen Schwule interessiert ihn dagegen nicht so sehr, wie der ebenfalls schwule Publizist Dr. David Berger meint.

3: Schauspielerin Emma Watson („Harry Potter“) und Botschafterin der UN-Kampagne #HeForShe, taucht in den Panama Papers mit einer eigenen Briefkastenfirma auf. Selbstverständlich hat sie das nach eigener Aussage, wie alle anderen auch, die dort Briefkastenfirmen haben, niemals zur Steuerhinterziehung benutzt.

4: Sexspezialistin Erika Berger ist tot. Die älteren unter uns werden sich noch an ihre Sexratgebersendung auf RTL in den 80ern in den Anfangszeiten des Privatfernsehens erinnern.

5: Gunnar Kunz fasst auf seinem Blog „Das Alternativlos-Aquarium“ die alltägliche Verzerrung von Nachrichten zusammen, mit der männliches Leid, aber auch männliche Erfolge kleingeredet und das weibliche Leiden an der Welt überhöht wird.

6: Gestern gab es ziemlichen Zoff innerhalb der Antifa. Da fühlt sich eine Genoss_in von einem Genoss_en irgendwie dumm angemacht und gemobbt (was genau der Herr sich hat zu Schulden kommen lassen, bleibt im Unklaren) und outet ihn in einem Wutanfall mit Klarnamen und Wohnbezirk. Woraufhin sie von anderen Genoss_en zusammengefaltet wird, denn Veröffentlichung von Klarnamen und Adresse eines Mitkämpfers geht nun mal gar nicht, die könnten ja persönlichen Gefahren ausgesetzt sein. Sowas macht man schließlich nur mit Besuchern von AfD-Parteitagen, also dem politischen Gegner. Die Genoss_in muss sich schließlich entschuldigen, nicht ohne noch einen Seitenhieb auf die „Macker-Fa“ loszulassen.

Dass eine Macker-Antifa gezielt mit Masku-Taktiken Marginalisierte angreift hat sich allerdings in diesem Fall zu ganz neuen Sphären hochgeschaukelt. […] My Antifa will be feminist or it will be Bullshit. Ihr seid also auch nicht meine Genossen und hiermit von allen Mariokart-Abenden in meiner Wohnung ausgeschlossen, ätsch.

Ein wirklich bezaubernder Einblick in eine fremde Welt. Meine Fresse, was bin ich froh, dass ich nicht in so einer selbstzerfleischenden Szene bin, wo jeder falsche Satz zum Ausschluss führen kann. Ähm, wait… Na gut, so schlimm wie die sind wir nicht.

7: OT-Thema des Tages: Die SPD hat offensichtlich die nächsten Bundestagswahlen schon verloren gegeben. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Parteichef Gabriel schlägt „generös“ vor, den Kanzlerkandidaten per Mitgliederentscheid wählen lassen, obwohl er selbst ja den ersten Zugriff darauf hätte. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hat da aber keine Lust drauf und schubst ihn nach vorne in die erste Reihe. Da hat wohl keiner Lust, der Loser zu sein, der das historische Tief von irgendwas um die 20% einfahren will. Wobei fraglich ist, wozu man angesichts dieser Aussichten überhaupt einen Kanzlerkandidaten braucht, denn offensichtlich würde es nicht mal mehr für Rot-Rot-Grün reichen, selbst wenn man sich auf die Linken einlassen wollte. Auf der anderen Seite wäre es erst recht ein Eingeständnis von vorheriger Aufgabe, keinen Kanzlerkandidaten zu küren bzw. ihn verschämt Spitzenkandidaten zu nennen. Aber wenn schon der Parteichef zum Jagen getragen werden muss, verdeutlicht das mehr als klar das Elend der Partei.

8: Mal wieder ein hübscher Comic zum Schluss:

manspreading

 

Kurznachrichten vom 18.02.2016

1: Nadia Shehadeh, die tatsächlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, der im wesentlichen aus „hat gebloggt“ und „hat getwittert“ besteht, hat in der linken Zeitschrift „analyse & kritik“ eine durchaus amüsante Typifizierung von männlichen Feministen verfasst, und (unfreiwillig?) klargemacht, dass es für Männer im Feminismus absolut nichts zu gewinnen gibt. Den Beitrag sollte man vielleicht den Herren Herr und Speer unter die Nase reiben.

tl;dr: Männer, haltet einfach die Schnauze, wir Frauen wissen es sowieso besser als Ihr!

Sie sind ein Mann und Ihnen sind unliebsame Parallelen zu sich aufgefallen, als Sie diesen Text gelesen haben? Prima, das ist der erste Schritt in Richtung Besserung. Üben Sie sich zukünftig in Zurückhaltung und halten Sie öfter mal die Klappe, dann sind alle anderen schneller fertig. Sie können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen.

Unsichtbarmachung? Der Terminus kommt mir bekannt vor. Ist das nicht normalerweise was ganz böses?

Bei solchen Aussichten kommt bei den Herren der Schöpfung wohl so richtig Freude auf. Wie nennt man das nochmal, wenn das eine Geschlecht sich ums Putzen und die Kinder kümmern und ansonsten die Fresse halten soll, damit das wichtige Geschlecht Zeit zum Schwadronieren hat?

2: Das Interview mit Shereen El Feki über Sexualität und Islam „Mohammed war in gewisser Weise Feminist“ auf Spiegel Online finde ich etwas zwiespältig. Sie sagt zwar einige richtige Dinge. Aber das hier finde ich dann doch ziemlich schräg:

Tatsächlich hat der Islam aber auch Potenzial für gleichberechtigtes Leben. Islamische Feministinnen weisen seit Jahren immer wieder darauf hin. […] Das geht zurück bis zum Propheten Mohammed, der von starken Frauen umgeben war. Er äußerte sich auch sehr klar zu Sex, sagte etwa, dass auch die Frau den Geschlechtsverkehr genießen solle. In gewisser Weise war er Feminist.

Solange sie Sex genießen darf – also den Sex, den ihr die Religion und ihre Familie erlaubt bzw. vorschreibt -, macht es ja auch nichts aus, wenn sie in einem Zelt herumlaufen muss.

Wobei – Islam und Feminismus haben doch wirklich viele Dinge gemeinsam: Irrationalität, Totalitarismus, Obskurantismus, wildes Daherbehaupten von Dingen, die es nicht gibt, Humorlosigkeit und ständiges Beleidigtsein wegen jeder Kleinigkeit, ein Männerbild vom Mann als triebgesteuertes Monster. Hab ich was vergessen? Ihr dürft die Liste gerne verlängern…

3: Das Magazin Spiked Online berichtet über einen eher weniger beachteten Pay Gap, nämlich den „Sexuality Pay Gap“. Demnach verdienen lesbische Frauen im Schnitt ca. 9% mehr als Hetero-Frauen. Erklärt wird das damit, dass lesbische Frauen weniger Kinder bekommen und dass sie aufgrund der Erwartung, auch keine Familie in der Zukunft zu haben, von vorneherein besser bezahlte Jobs suchen. Ums mit fefe zu sagen: Das hätte jetzt auch wirklich niemand vorausahnen können!

4: Apropos fefe: Der weist gerade auf eine Aussage von Hillary Clinton hin:

If we broke up the big banks tomorrow….would that end racism? Would that end sexism?

Und ich dachte immer, die Zerschlagung des Kapitalismus sei die Voraussetzung für die Zerschlagung des Patriarchats. Allerdings, wenn ich es mir recht überlege, hat sie auch wieder recht. Rassismus und Sexismus werden nie enden. Dafür gibt es zuviele Leute, die an deren Bekämpfung verdienen.

5: Dr. Stevie Meriel Schmiedel, Vorkämpferin von Pinkstinks, klärt uns in einem Gastkommentar für die HAZ mit dem Titel „Macht rosa Spielzeug krank?“ darüber auf, wie böse die Farbe rosa ist. Wer nach dem Intro…

Prinzessin Lillifee und Lego Friends sind nur vordergründig harmloses Mädchenspielzeug. Sie sind eine bedenkliche Antwort auf die Emanzipation der Frauen und können Einstiegsdrogen zu weiblichen Suchtkrankheiten sein. Was tun also, wenn kleine Mädchen pinkfarbene Püppchen lieben?

…nicht schon ermüdet abwinkt, darf gern weiterlesen.

6: Wo wir gerade bei Kinderspielzeug sind: Die Rettung naht aus Australien und wird gerade auf Facebook gehypt: Sonia Singh stellt ungeschminkte Puppen her. Ist der Trend jetzt neu oder gabs das nicht schon alles einmal?

7: Lucas Schoppe hat den schönen Brauch seines Monatsrückblicks wieder aufgenommen.

8: In Bremen untersuchte eine Studie, warum in dem Bundesland die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungsverfahren mit 5,5% signifikant unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Das Ergebnis: Eine Verschärfung des Strafrechts würde nichts ändern, denn die Fehler liegen schon im Ermittlungsverfahren. Man will deshalb die Vernehmungen der Opfer von besser geschultem Personal durchführen lassen und sie aufzeichnen. Außerdem:

Ein weiterer Punkt, der künftig anders gehandhabt werden soll, sind Ermittlungen im Umfeld des Tatverdächtigen. Sie sollen intensiviert werden, wo es sinnvoll und mit der Unschuldsvermutung vereinbar erscheint.

9: Bei einem gemeinsamen Vortrag von Milo Yiannopoulos und Christina Hoff Sommers an der University of Minnesota haben Feministen und SJWs mal wieder gezeigt, was sie von Free Speech halten:

Fundstück: Malte Welding gegen Vergewaltigungsverwässerung

Für einige Leute gibt es nur Rape Culture und Consent Culture. Alles, was zwischen zwei Menschen abläuft und nicht klar auf Zustimmung beruht, unterstützt die „Vergewaltigungskultur“. Dabei kommen dann durchaus schwachsinnige Vergleiche mit Tee oder Alltagssituationen. Für einige Leute (ich hoffe immer noch, dass es sich um eine Satire handelt) gilt sogar: Gedanken sind Vergewaltigung. Das klingt nach einem Wolkenkuckucksheim, wenn nicht in der Realität eine Kampagne laufen würde, um den Vergewaltigungsparagraphen zu verschärfen. Wenn solche – letzten Endes nie eindeutig erfüllbaren – Konzepte wie das der „Zustimmungskultur“ dort einfließen, dann gute Nacht.

Aber es gibt noch Hoffnung, und zwar dadurch, dass sich bereits Leute an dieser Idee stören, die gerade nicht als Engagierte gegen Radikalfeminismus aufgefallen sind. Laut Lucas Schoppe hat Malte Welding ihm in seinem Buch „Seid fruchtbar und beschwert euch!“ eine Aussage untergeschoben, die er so nicht getätigt hat. Und als „Propagandist im Geschlechterkrieg“ bezeichnet zu werden, ist auch nicht gerade eine schöne Etikettierung. Bis hierhin klingt es noch so, als seien für Malte Welding die Fronten klar verteilt.

Allerdings hat er sich im April dann gefragt: Bin ich vergewaltigt worden? Er schildert zwei Situationen aus seinem Leben, die nach der geforderten strengen Beurteilung Vergewaltigungen gewesen wären. Das wäre dann doch falsch. Interessanterweise ist Malte Welding durchaus Befürworter des „enthusiastischen Jas“. Trotzdem sieht er die Gefahr, dass plötzlich alles eine Vergewaltigung sein kann:

Ich bin absolut dafür, dass vom anderen ein enthusiastisches Ja kommen muss, damit man Sex hat.
Das Strafrecht ist bei aller Ausgefeiltheit ein zu grobes Instrument, als dass man mit ihm alle Abirrungen des Lebens geraderücken könnte. (…)
Die sexuelle Selbstbestimmung ist ein hohes Gut. Ich bezweifele, dass sie besser geschützt wird, wenn man den Begriff der Vergewaltigung verwässert.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das Lied stammt etwa aus der Zeit von Malte Weldings erstem ungewollten Sex: Ein Mann hat von seiner Freundin eigentlich die Schnauze voll, aber sie wickelt ihn doch immer wieder um den Finger. Mit vertauschten Geschlechtern wäre der Text eine ganz klassische Geschichte.

The Offspring: Self Esteem