Warum ich den Brüdern Braun applaudiere

Gestern hatte ich über eine persönliche Erfahrung mit unsichtbaren Männern gebloggt. Von diesen unsichtbaren Menschen gibt es aber noch viel mehr. Sie sind von der Politik ausgeblendet und von den Massenmedien schlicht vergessen worden. Im gesellschaftlichen Diskurs kommen sie nicht vor. Gehör finden einige von ihnen dann wieder, wenn sie bereits sind, auch radikale Konsequenzen daraus zu ziehen.

In dieses Bild fügt sich ein Fundstück, über das ich – mal wieder – via Fefe gestolpert bin. Dass ich nochmal im ehemaligen Nachrichtenmagazin echte Nachrichten lesen würde, hätte ich nicht erwartet! Immerhin muss ich anerkennend zugeben, dass Spiegel Online hier ausnahmsweise aus der üblichen Berichterstattung ausschert.

Was war geschehen? Das Miniatur-Wunderland in Hamburg hatte im Januar all diejenigen Leute gratis hereingelassen, die sich den Eintritt nicht leisten konnten. Entgegen den Unkenrufen, dann würden sich viele Leute auch einfach so das Geld sparen, kamen genausoviele zahlende Besucher wie im Vorjahr. (Korrekt mitgedacht: Gemäß dem Fall, dass die Besucherzahlen ansonsten steigen, hätten natürlich dennoch einige das Angebot ausgenutzt. Aber ich möchte nicht knauserig sein und erwähne das nur, damit kein Statistik-Fehler in den Kommentaren aufgeführt wird.)

Und – wer hätte das gedacht? – natürlich waren unter den 18.000 Profitierenden auch Flüchtlinge. Den Leuten mal etwas anderes zu zeigen als ihren Alltag, das war ja ein Anspruch von Kunst und Kultur, Wissenschaft und Technik. Deswegen begrüße ich solche Angebote, egal wen sie treffen. Sie bieten immer die Chance, einen Menschen zu erbauen und zu erhellen, und diese Chance sollten so viele wie möglich haben.

Anlass für die Berichterstattung – hier wird es dann wieder ganz gewöhnlich – war ein Brief an die Betreiber, die Brüder Gerrit und Frederik Braun, in dem sich jemand darüber echauffierte, dass auch Flüchtlinge gekommen waren. Weitere Stichworte: Merkel, Wirtschaftsflüchtlinge, Bomben.

Die Brüder haben in mehrfacher Hinsicht sehr souverän reagiert: Da der Brief nicht anonym war, haben sie tatsächlich den Absender angerufen. Im Artikel laden sie ihn ausdrücklich ein, ins Miniatur-Wunderland zu kommen und mit ihnen zu reden. Einen schauerlichen Brief mit einer besonnenen Einladung zu kontern – Hut ab!

Sie haben eben nicht den Namen des Absenders bekannt gegeben und ihn damit sozial geächtet, oder gar „von der Debatte ausgeschlossen“. Gut möglich, dass jemand, der so einen wütenden Brief schreibt, mit solchen Maßnahmen nicht mehr erreichbar ist. Aber gleichzeitig lesen eben viele andere, irgendwie frustrierte, aber noch unentschlossene Menschen solche Artikel. Für die kann das ein Signal sein: „Die Brüder Braun halten sich nicht nur für gute Menschen; sie wollen auch keinen Graben aufmachen zu denen, die sie nicht für gut halten, sondern lieber mit diesen Leuten reden.“

Die rührselige Geschichte hat aber noch ein ganz trauriges Element:

Frederik Braun: (…) Wir verzeichnen Pro-Kopf-Umsätze. Das heißt, wir wissen, wie viel jeder Kunde im Durchschnitt im Bistro ausgegeben und Merchandising gekauft hat. Und rechnet man diese 18.000 raus…,

Gerrit Braun: …kommt man auf ein ganz trauriges Ergebnis.

Frederik Braun: Es ist nämlich die gleiche Zahl wie sonst. Was heißt, obwohl diese 18.000 Menschen keinen Eintritt zahlen mussten, hatten die meisten nicht mal das Geld, ihren Kindern eine Cola zu kaufen.

Frederik Braun: [W]ir haben Märchen da unten erlebt. Weinende Kinder, weinende Eltern. Ein Sohn hatte sich zu Weihnachten als einziges gewünscht, ins Miniatur-Wunderland zu gehen – und die Eltern konnten es sich nicht leisten, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Und jetzt standen sie da und beide Eltern haben geheult. Mir stiegen auch die Tränen in die Augen. Für solche Momente hätten wir eigentlich bezahlen müssen.

Am gesellschaftlichen Leben mangels Geld nicht teilnehmen zu können: So sieht Armut in Deutschland aus. Mit solchen Aktionen und der entsprechenden Berichterstattung macht man sie sichtbar. In einem „Deutschland geht es gut“-Weltbild kommen sie nicht mehr vor, weil sie ihm widersprechen.

Ein hässlicher Zweifel, der seit Tagen an mir nagt: Ob dieser Artikel auch erschienen wäre ohne den feindseligen Brief gegen Flüchtlinge? Das und die starke emotionale Reaktion darauf waren schließlich der Aufhänger. Die Erwähnung der allgemeinen Armut wurde sozusagen Huckepack in den Artikel getragen.

Flüchtlinge gegen arme Deutsche auszuspielen, egal in welche Richtung, hieße allerdings, eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) durch eine andere zu ersetzen. Dabei verhält es sich in Wirklichkeit so, dass wer eine GMF ok findet, auch eher einer anderen zustimmt. Es hat also keinen Sinn, da irgendwelche Prioritäten zu verhalten: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist immer abzulehnen!

Die Brüder Braun haben auch in dieser Hinsicht richtig reagiert: Sie haben nicht unterschieden zwischen „wichtig“ und „weniger wichtig“, „bringt Aufmerksamkeit“ und „bringt keine“. Sie haben das getan, was eigentlich Aufgabe von Politik und Medien wäre: Den Armen Aufmerksamkeit gegeben.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Zwei Brüder, die eine positive Nachricht verbreiten… da fällt mir als erstes auch ein Lied mit „Brothers“ im Titel ein.

Coldplay: Brothers and Sisters

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Kurznachrichten vom 18.02.2016

1: Nadia Shehadeh, die tatsächlich einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, der im wesentlichen aus „hat gebloggt“ und „hat getwittert“ besteht, hat in der linken Zeitschrift „analyse & kritik“ eine durchaus amüsante Typifizierung von männlichen Feministen verfasst, und (unfreiwillig?) klargemacht, dass es für Männer im Feminismus absolut nichts zu gewinnen gibt. Den Beitrag sollte man vielleicht den Herren Herr und Speer unter die Nase reiben.

tl;dr: Männer, haltet einfach die Schnauze, wir Frauen wissen es sowieso besser als Ihr!

Sie sind ein Mann und Ihnen sind unliebsame Parallelen zu sich aufgefallen, als Sie diesen Text gelesen haben? Prima, das ist der erste Schritt in Richtung Besserung. Üben Sie sich zukünftig in Zurückhaltung und halten Sie öfter mal die Klappe, dann sind alle anderen schneller fertig. Sie können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen.

Unsichtbarmachung? Der Terminus kommt mir bekannt vor. Ist das nicht normalerweise was ganz böses?

Bei solchen Aussichten kommt bei den Herren der Schöpfung wohl so richtig Freude auf. Wie nennt man das nochmal, wenn das eine Geschlecht sich ums Putzen und die Kinder kümmern und ansonsten die Fresse halten soll, damit das wichtige Geschlecht Zeit zum Schwadronieren hat?

2: Das Interview mit Shereen El Feki über Sexualität und Islam „Mohammed war in gewisser Weise Feminist“ auf Spiegel Online finde ich etwas zwiespältig. Sie sagt zwar einige richtige Dinge. Aber das hier finde ich dann doch ziemlich schräg:

Tatsächlich hat der Islam aber auch Potenzial für gleichberechtigtes Leben. Islamische Feministinnen weisen seit Jahren immer wieder darauf hin. […] Das geht zurück bis zum Propheten Mohammed, der von starken Frauen umgeben war. Er äußerte sich auch sehr klar zu Sex, sagte etwa, dass auch die Frau den Geschlechtsverkehr genießen solle. In gewisser Weise war er Feminist.

Solange sie Sex genießen darf – also den Sex, den ihr die Religion und ihre Familie erlaubt bzw. vorschreibt -, macht es ja auch nichts aus, wenn sie in einem Zelt herumlaufen muss.

Wobei – Islam und Feminismus haben doch wirklich viele Dinge gemeinsam: Irrationalität, Totalitarismus, Obskurantismus, wildes Daherbehaupten von Dingen, die es nicht gibt, Humorlosigkeit und ständiges Beleidigtsein wegen jeder Kleinigkeit, ein Männerbild vom Mann als triebgesteuertes Monster. Hab ich was vergessen? Ihr dürft die Liste gerne verlängern…

3: Das Magazin Spiked Online berichtet über einen eher weniger beachteten Pay Gap, nämlich den „Sexuality Pay Gap“. Demnach verdienen lesbische Frauen im Schnitt ca. 9% mehr als Hetero-Frauen. Erklärt wird das damit, dass lesbische Frauen weniger Kinder bekommen und dass sie aufgrund der Erwartung, auch keine Familie in der Zukunft zu haben, von vorneherein besser bezahlte Jobs suchen. Ums mit fefe zu sagen: Das hätte jetzt auch wirklich niemand vorausahnen können!

4: Apropos fefe: Der weist gerade auf eine Aussage von Hillary Clinton hin:

If we broke up the big banks tomorrow….would that end racism? Would that end sexism?

Und ich dachte immer, die Zerschlagung des Kapitalismus sei die Voraussetzung für die Zerschlagung des Patriarchats. Allerdings, wenn ich es mir recht überlege, hat sie auch wieder recht. Rassismus und Sexismus werden nie enden. Dafür gibt es zuviele Leute, die an deren Bekämpfung verdienen.

5: Dr. Stevie Meriel Schmiedel, Vorkämpferin von Pinkstinks, klärt uns in einem Gastkommentar für die HAZ mit dem Titel „Macht rosa Spielzeug krank?“ darüber auf, wie böse die Farbe rosa ist. Wer nach dem Intro…

Prinzessin Lillifee und Lego Friends sind nur vordergründig harmloses Mädchenspielzeug. Sie sind eine bedenkliche Antwort auf die Emanzipation der Frauen und können Einstiegsdrogen zu weiblichen Suchtkrankheiten sein. Was tun also, wenn kleine Mädchen pinkfarbene Püppchen lieben?

…nicht schon ermüdet abwinkt, darf gern weiterlesen.

6: Wo wir gerade bei Kinderspielzeug sind: Die Rettung naht aus Australien und wird gerade auf Facebook gehypt: Sonia Singh stellt ungeschminkte Puppen her. Ist der Trend jetzt neu oder gabs das nicht schon alles einmal?

7: Lucas Schoppe hat den schönen Brauch seines Monatsrückblicks wieder aufgenommen.

8: In Bremen untersuchte eine Studie, warum in dem Bundesland die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungsverfahren mit 5,5% signifikant unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Das Ergebnis: Eine Verschärfung des Strafrechts würde nichts ändern, denn die Fehler liegen schon im Ermittlungsverfahren. Man will deshalb die Vernehmungen der Opfer von besser geschultem Personal durchführen lassen und sie aufzeichnen. Außerdem:

Ein weiterer Punkt, der künftig anders gehandhabt werden soll, sind Ermittlungen im Umfeld des Tatverdächtigen. Sie sollen intensiviert werden, wo es sinnvoll und mit der Unschuldsvermutung vereinbar erscheint.

9: Bei einem gemeinsamen Vortrag von Milo Yiannopoulos und Christina Hoff Sommers an der University of Minnesota haben Feministen und SJWs mal wieder gezeigt, was sie von Free Speech halten: