Warum mir so ein Aufruf keine zwei Cent wert ist

Emma Watson wollte mit „HeForShe“ die Männer darauf einschwören, ihre Kraft für die Anliegen der Frauen einzusetzen. Jetzt kam eine noch direktere, unverblümte Aufforderung: „Gib Dein Geld an Frauen“. Zunächst zwei Artikel zu dem Thema:

Prinzipiell läßt sich ganz einfach darauf antworten: Tun wir doch schon! Während Männer insgesamt mehr verdienen, treffen Frauen einen Großteil der Entscheidungen über Konsumausgaben. In einer typischen amerikanischen Mall gibt es etwa ein Vielfaches mehr an Läden für Frauen als für Männer (gefunden via Dummerjan).

Unter dem Titel „Männer finanzieren, Frauen profitieren“ (PDF) veröffentlichte MANNDat „eine Analyse der Geldströme in öffentlichen Haushalten mittels Gender Budgeting“. Das sind doch recht beachtliche Summen, die da fließen.

Natürlich kann man jetzt einwenden: Es ist doch völliger Blödsinn, alle Männer und alle Frauen jeweils in einen Topf zu werfen und dann seltsame Vergleiche aufzustellen! Das ist absolut richtig, und genau deswegen halte ich schon die ursprüngliche Forderung (ebenso wie den Mythos vom Gender Pay Gap) für Schwachsinn. Also, lassen wir doch einfach diesen verallgemeinernden Mist und widmen wir uns lieber vernünftigen Themen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Das war das erste, was mir auf den Hashtag einfiel: „Gimme Some Money“ von Spinal Tap.

Spinal Tap: Gimme Some Money

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Warum ich auf die bedingte Wahrscheinlichkeit eingehe

Es ist im Sinne einer besseren Auseinandersetzung, Fehler in Argumentationen zu entlarven, die auf fehlenden Statistikkenntnissen basieren. Ein Aufklären über solche Irrtümer ist weltanschaulich neutral. Selbst wenn konkrete Beispiele als Aufhänger dienen, kann die zugrundeliegende Logik von jedem verwendet werden. Nachdem es bereits um die Mythen „Gender Pay Gap“ sowie „Jede dritte Frau in der EU von Gewalt betroffen“ ging, möchte ich heute etwas trockener beginnen, nur um danach aufzuzeigen, an welchen Stellen der Denkfehler auftaucht.

Nehmen wir an, wir haben eine Menge („Grundgesamtheit“) von Menschen, sagen wir 20 Millionen. Diese sind hinsichtlich eines Merkmals, das zwei Ausprägungen („0“ und „1“) hat, genau in zwei Hälften aufteilbar.

Hin und wieder verüben einige Mitglieder dieser Grundgesamtheit schreckliche Verbrechen. In einem bestimmten Zeitraum gibt es 100 Täter. Der Einfachheit halber gehe ich in diesem fiktiven Beispiel davon aus, dass jeder Täter identifiziert wird und es keine Justizirrtümer gibt. Eine demographische Untersuchung zeigt, dass 99 der Täter bezüglich des erwähnten Merkmals die Ausprägung „0“ haben und nur einer „1“.

Die absolute Wahrscheinlichkeit sieht also so aus:
20.000.000 Menschen, davon 100 Verbrecher – also 0,0005% Verbrecher
Die meisten Leute sind also – hinsichtlich dieses Verbrechens – unschuldig.

Nun gibt es auch die bedingte Wahrscheinlichkeit: Wenn ich weiß, dass eine Person in eine bestimmte Gruppe gehört ( = ein bestimmtes Merkmal aufweist), wie wahrscheinlich ist dann, dass sie bezüglich eines anderen Merkmals eine bestimmte Ausprägung hat?

Zunächst einmal ausgehend des Merkmals mit den Ausprägungen „0“ und „1“:
10.000.000 „0“-Menschen, davon 99 Verbrecher – also 0,00099% Verbrecher
10.000.000 „1“-Menschen, davon 1 Verbrecher – also 0,00001% Verbrecher
Die Verbrecher sind in beiden Untergruppen eine verschwindend kleine Minderheit.

Jetzt umgekehrt gedacht, ausgehend von den Verbrechern:
99%, dass er zur „0“-Gruppe gehört
1%, dass er zur „1“-Gruppe gehört

Eine so ungleiche Verteilung läßt einen natürlich aufmerken. Das kann doch kein Zufall sein!

Wenn sie sich nur die letzten beiden Wahrscheinlichkeiten ansehen, ohne die absoluten Zahlen zu kennen, erliegen manche Leute dem Trugschluss, dass aus der Merkmalsausprägung „0“ folgt, dass jemand zum Verbrechen neigt, und/oder dass mit Leuten aus der Gruppe „0“ ja wohl etwas grundsätzlich nicht in Ordnung sein muss, wenn sie so oft in der Liste der Verbrecher auftauchen.

Dabei können sie letzteres, ohne insgesamt besonders verbrecherisch zu sein und die Idee, mit einer kleinen Minderheit von Verbrechern das Wesen einer größeren Menschenmenge zu erklären, aus der sie kommen, führt in die Irre. Das hält Leute dennoch nicht davon ab, genauso zu argumentieren (siehe die bereits zitierte Anleitung für ein Hassblog).

Mit ein wenig Nachdenken läßt sich erkennen, wie unwichtig die bedingte Wahrscheinlichkeit ist, mit der ich ausgehend vom Verbrecher „0“ oder „1“ erwarten kann. Denn im normalen Leben werde ich meistens nicht von Verbrechern umgeben sein und mir dann Sorgen machen, ob es ein „0“-Mensch oder ein „1“-Mensch ist. Der Alltag sieht eher so aus, dass ich irgendwelchen Leuten der Grundgesamtheit über den Weg laufe und ich mich dann frage, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand von ihnen ein Verbrecher ist.

Nach diesem allgemein gehaltenen Modell nun einige Beispiele:

1. „(Fast) alle Amokläufer waren Männer. Es muss daher an toxischer Männlichkeit liegen, d.h. Männlichkeit ist definitiv schlecht bzw. mit unseren Männern stimmt etwas nicht.“

Zu den „Klassikern“ bei Fehlerklärungen von Amokläufen zählen außerdem bestimmte Musikrichtungen, Bands oder Computerspiele, die der Täter bevorzugt konsumiert hat. Ferner gehört auch „unfreiwilliger Mangel an sexueller Erfahrung“ dazu, was dazu führt, dass sich Menschen ohne Beziehungserfahrung Sorgen machen, sie würden als potentielle Amokläufer verdächtigt. Als absolut seriöser Küchenpsychologe kann ich natürlich solide einschätzen, dass die hektischen Bemühungen, nach solchen Verbrechen die Täter als „fremdartig“ darzustellen, offenbar dem Bedürfnis entspringen, sich von ihm abzugrenzen, also zu zeigen „der war keiner von uns“.

2. „Ein Großteil der Menschen, die mit dem Darwin Award prämiert wurden, waren Männern. Daraus läßt sich offensichtlich ableiten, dass Männer Idioten sind.“

(Viel einleuchtender fällt mir als Erklärung die Theorie ein, dass Intelligenz bei Männern breiter gestreut ist. Wenn das stimmt, gibt es neben mehr Ausreißern nach oben natürlich auch mehr absolute Vollidioten.)

3. „Nicht jeder Moslem ist Terrorist, aber fast alle Terroristen waren Moslems.“ (Im Sinne von „Das sagt etwas über den Islam oder Moslems allgemein aus“.)

Nachwort à la „Ich musste es mal loswerden“

Eigentlich sollte es Vorgeplänkel werden. Da jedoch die ersten Sätze eines Artikels als Ausriss benutzt werden und das hier nicht der wesentliche Teil ist, habe ich es lieber hintenangestellt.

Nachdem ich im Dezember richtig losgelegt und einen Artikel nach dem anderen geschrieben hatte (so Christian Schmidt von Alles Evolution), war ich zuletzt doch etwas müde geworden. So sehr ich mich über ein großes Lob freue und es als Erfolg werte, einen ungewöhnlichen und bewegenden Gastartikel von Emannzer bekommen zu haben: Ich musste mich in den etwas ruhigeren Momenten fragen, was ich eigentlich bewirke mit meinem Geschreibsel.

Vielleicht lag es daran, dass ich viele Dinge, die mir noch unter den Nägeln brannten, abgearbeitet hatte. Therapeutisches Schreiben sozusagen. Andererseits bin ich längst nicht durch. Themen habe ich noch, aber das alles mühsam zusammenzuschreiben wird Zeit kosten.

Ich war versucht, mal wieder eines der „Medial hofierte radikale Feministinnen sind ziemlich bescheuert“-Videos als Fundstück zu verwenden. Von denen gibt es einen konstanten Nachschub, wenn man nur eine Handvoll Quellen kennt, und viele bieten mir angemessene Unterhaltung. Aber irgendwie erscheint es mir abgelutscht und Zeitverschwendung, das jetzt und hier zu verbreiten. Ich denke, in dieser Blogblase kommt man schon auf anderem Wege daran.

Dann meldete sich vor einigen Tagen die Realität und ich hatte mein Thema. Ursprünglich wollte ich daraus einen Artikel machen, jetzt werden es mehrere. Der Teil, den ich heute veröffentliche, passt zu den aktuellen Debatten.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal rappen die Beastie Boys über eine Welt, die anscheinend verrückt geworden ist. (Es gibt von dem Lied auch eine neuere Version, die schön funkig ist.)

Beastie Boys: In A World Gone Mad

Fundstück: Anleitung für ein Hassblog

Mit Statistikkenntnissen Aufklärung leisten gegen Mythen wie „Jede dritte Frau in der EU von Gewalt betroffen“ oder das „Gender Pay Gap“ – das halte ich für ein generell lohnenswertes Ziel, welches noch einigen Stoff für dieses Blog abwerfen wird. Tatsächlich hatte ich einen weiteren Beitrag dazu in Vorbereitung, aber der wurde immer länger, so dass ich ihn jetzt aufteile und in kleineren Häppchen serviere.

Fangen wir an mit der Anleitung für ein Hassblog. Den Text habe ich vor Jahren auf politicallyimpotent.narod.ru gefunden.

Auszug: (Zum Hassblog braucht man…)

  1. eine Faktenbasis – findet sich leicht, denn jede größere und langlebige Menschengruppe hat oder hatte irgendwelche Verbrecher in ihren Reihen.
  2. eine Pseudotheorie, die erklärt, warum diese verbrecherische Minderheit das Wesen der Gruppe punktgenau repräsentiert, obwohl sich die Mehrheit der Gruppe nicht verbrecherisch verhält.
  3. einen inneren Feind, der als Erklärung dafür herhält, warum es außerhalb eurer Hasscommunity keiner merkt, dass die Hassgruppe die ganze Menschheit terrorisiert und kurz vor der Weltherrschaft steht.

Ehrlich gesagt habe ich diesen Text im Kopf, seit ich ihn das erste Mal gelesen habe. Das hilft mir oft, um über stumpfe Propaganda schmunzeln zu können.

Zum Gegenlesen sei noch ein Artikel zum selben Thema von Erzählmirnix erwähnt (in einem Kommentar erwähne ich natürlich die Anleitung für ein Hassblog):
Menschen hassen, leicht gemacht!

Auch bei der Analyse der Ansichten von Mördern wie Elliot Rodger kann man die Anleitung wieder hervorholen. Als es etwa um die Einstellung “Ich habe eine Frau verdient, sie steht mir zu” (Entitlement) ging, schrieb ich auch da wieder einen Kommentar. Allerdings ging es mir da weniger um den Verbrecher als um die Deutung seiner Weltanschauung als „typisch“ für alle Männer. Oder wie ich damals schrieb:

Interessant finde ich bei dem Entitlement-Vorwurf, dass aus dem falschen Verhalten einer Minderheit eine repräsentative Qualität der Grundgesamtheit gefolgert wird.

Siehe auch Regel 2 der Anleitung für ein Hassblog. Ich denke, man kann damit noch eine Menge Spaß haben!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal mit einem alten, etwas kitschigen Lied.

Jackie Deshannon: What the World Needs Now is Love

Mythos: Jede dritte Frau in der EU von Gewalt betroffen

Dies ist ein Gastartikel von „Denselbst

Ich hatte als Fundstück zum Mythos Gender Pay Gap die „Unstatistik des Monats“ des Rheinisch-Westfälischen Institus für Wirtschaftsforschung erwähnt. Mit Statistikkenntnissen kann man tatsächlich eine Menge Unsinn als solchen erkennen, weswegen es sich meiner Meinung nach sehr lohnt, sie zu haben. Vor allem ist solches Wissen weltanschaulich neutral; es kann von jedem vernünftig eingesetzt werden.

In der genannten Serie sind noch weitere lesenswerte Beiträge erschienen, etwa im März diesen Jahres „Gewalt gegen Frauen in Zahlen“ (PDF). Dabei geht um die Meldung „Jede dritte Frau in Europa von Gewalt betroffen“, die die Runde machte. In dieser Blogblase gab es schon eine Menge Kritik. Die Statistiker weisen noch auf einige weitere Punkte hin: So etwa wurden die Daten unterschiedlich erhoben, was sie bereits nicht vergleichbar macht. (Wenn ich Leute telefonisch befrage, bekomme ich andere Antworten, als wenn sie mir gegenübersitzen.) Zusammenrechnen ist dann natürlich ebenfalls unseriös. Das ist nicht der einzige Kritikpunkt, der genannt wird, aber der für mich bereits offensichtlichste.

Wie der Zufall es so will, reichte jemand vor einigen Tagen noch einen Artikel zum selben Thema ein. Es folgt ein Gastartikel, der unter dem Pseudonym Denkselbst! eingereicht worden ist.

„Jede dritte Frau in Europa ist Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt“

Im März 2014 veröffentlichte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte eine Studie über Gewalt gegenüber Frauen, die in der Schlagzeile mündete: „Jede dritte Frau in Europa ist Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt“. Willfährig wurde diese Schlagzeile von sämtlichen Medien übernommen und dominierte für ein paar Tage die Informationslandschaft. Eine differenzierte Betrachtungsweise oder gar eine tiefere Beschäftigung mit der Studie fanden nicht statt. So schnell wie die Pressemitteilung der EU-Agentur sich in Schlagzeilen niederschlug, konnte das auch gar nicht passiert sein. Es ärgerte mich schon damals. Der Journalismus ergötzte sich an einer Sensationsmeldung („nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“) und kam seinen Aufgaben des Hinterfragens und des differenzierten Betrachtens nicht nach. Wie in so vielen Dingen heutzutage.

Jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe, ist Mitte Dezember 2014 und den Zuschauern von ARD und ZDF wurde die Schlagzeile innerhalb von vier Tagen erneut zweimal um die Ohren gehauen. Am 11. Dezember im „Heute Journal“, als eine Feministin sie zum Thema der Frauenquote in Aufsichtsräten nannte. Mit dem Nachsatz, dass daher „noch Einiges im Argen läge“ (was nun Gewalt gegen Frauen mit der besagten Frauenquote zu tun hat, wurde nicht gesagt – Hauptsache, es wurde mal wieder erwähnt). Ein zweites Mal fand der Satz am 14. Dezember Eingang in „Titel, Thesen, Tempramente“ der ARD. Dort ging es im Thema tatsächlich um Gewalt gegen Frauen.

Diese Schlagzeile bzw. Aussage wird uns wohl noch länger begleiten, so dass ich mich veranlasst sehe, doch ein paar Punkte dazu zu schreiben. Was in diesen 33% enthalten ist und was man zur Beurteilung dieser Zahl berücksichtigen sollte. Dazu habe ich mir die Studie selbst und auch einen Report zur Studie vorgenommen, der ebenfalls von der EU-Agentur veröffentlicht wurde.

Doch eines vorweg: Ich bestreite nicht im Mindesten, dass es Gewalt gegen Frauen gibt und bezweifle auch nicht, dass die Taten, die dort in der Studie zusammengetragen wurden, dem entsprechen, was die interviewten Frauen zum Ausdruck gebracht haben.

Die Studie wurde 2010 in Auftrag gegeben, die Interviews mit 42.000 Frauen in 28 EU-Ländern überwiegend im ersten Halbjahr 2012 durchgeführt. Pro Land um die 1.500 Frauen, lediglich in Luxemburg waren es 900. Befragt wurden Frauen zwischen 18 und 74 Jahren.
Der ersten Punkt, den ich bezüglich der „33%“ anbringen möchte, gilt der Vermischung von qualitativ unterschiedlichsten Taten. Diese reichen von „Schubsen und Stoßen“ und gehen bis zur vollzogenen Vergewaltigung. Die Studie gibt etwas differenzierter an, dass 31% aller befragten Frauen seit ihrem 15. Lebensjahr eine der nicht-sexuellen Gewaltformen erlebt haben, die die Studie in Kategorien vorgab, und 11% sexuelle Gewalt. Von der mathematischen Logik her müssen dann 2% der Frauen ausschließlich sexuelle Gewalt erlebt haben (31+2=33), 9% sowohl sexuelle als auch nicht-sexuelle Gewalt (11-2=9) und 22% ausschließlich nicht-sexuelle Gewalt (31-9=22).
Die Kategorien nicht-sexuellen Gewaltakte sind:

  • Schubsen und Stoßen
  • Mit der flachen Hand geschlagen
  • Mit einem harten Gegenstand beworfen
  • Gepackt oder in den Haaren gezogen
  • Mit der Faust oder einem harten Gegenstand geschlagen
  • Verbrennungen zugefügt
  • Versucht, zu ersticken oder strangulieren
  • Mit Messer verletzt oder mit Schusswaffen beschossen
  • Den Kopf gegen etwas geschlagen.

Bei sexueller Gewalt:

  • Versuchte Vergewaltigung / versuchter erzwungener Oralverkehr
  • Vollzogene Vergewaltigung / vollzogener erzwungener Oralverkehr
  • Andere erzwungene sexuelle Handlungen
  • Zustimmung zu sexuellen Handlungen, aus Angst vor Repressalien bei Verweigerung

Den Erstellern ist wohl selbst aufgefallen, dass es ein eklatanter Unterschied ist, ob „Geschubst / Gestoßen“ wird oder eine andere schwerwiegendere Gewalt vorliegt. Infolgedessen wird angegeben, dass es noch 25% Frauen ab ihrem 15. Lebensjahr waren, die nicht-sexuelle Gewalt erfahren haben, jedoch ohne die Kategorie „Schubsen und Stoßen“ zu berücksichtigen. Leider kann man nun nicht so einfach errechnen, wie die Gesamt-Schlagzeile hätte lauten müssen, ließe man diese Bagatellen weg, aufgrund der möglichen Mehrfachnennungen bzw. Überschneidungen zwischen erfahrener nicht-sexueller und sexueller Gewalt (Frauen könnten „nur“ geschubst worden sein, andererseits zu einem anderen Zeitpunkt zu sexuellen Handlungen gezwungen worden sein).

Nicht nur bei den Bagatellen kann man den Kontext der Gewaltakte, die in den „33%“ stecken, nicht erkennen. Insbesondere (aber nicht nur) bei den leichteren Gewaltformen kann man durchaus auch rein weibliche Gefechte vermuten (z.B. auf dem Schulhof oder vor einer Disko), denn dass bei nicht-sexueller Gewalt die Täterschaft zu 26% weiblich, zu 7% gemischt und zu 67% männlich ist, kann man an der Schlagzeile nicht ablesen. Auch nicht, dass es sich beim Täter nicht zwangsläufig um den aktuellen oder einen früheren Partner handelt. Bezüglich nicht-sexueller Gewalttaten gaben die Befragten an, sie hätten zu 7% Gewalt vom aktuellen Partner erfahren, zu 24% von einem früheren Partner und zu 20% von anderen Personen (zusammenrechnen darf man wegen möglicher Mehrfachnennungen nicht, zusammen sind es die besagten 31% nicht-sexuelle Gewalt).

Natürlich, da beißt die Maus keinen Faden ab, sind die rein von männlicher Seite verübten Gewalttaten mit 2/3 immer noch deutlich in der Mehrheit, aber die Schlagzeile lässt die Gesellschaft nur allzu leicht im Glauben eines Bildes vom prügelnden Mann. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass bezüglich der 11% der Frauen, die sexuelle Gewaltakte erlebt haben, es sich zu 97% um männliche Täter handelte.

Fazit aus dem Vorgenannten: Mit dem Schlagsatz wird ein sehr grobes Bild gemalt, wichtige, zur Einordnung notwendige Informationen fallen bei lediglicher Nennung des „Gesamtergebnisses“ unter den Tisch.
Schwerwiegender ist jedoch der nachfolgende Punkt. Die Studie kennt zwei extreme Zeithorizonte bezüglich der stattgefundenen Taten: Innerhalb von 12 Monaten vor der Befragung oder einfach nur ab dem 15. Lebensjahr der jeweilig Befragten bis zum Befragungszeitpunkt.

Für die Schlagzeile „33%“ wurde letzterer Zeithorizont herangezogen. Dazu mal ein paar Informationen über die Alterszusammensetzung der befragten 42.000 Frauen:

26% waren im Jahr 2012 zwischen 60 und 74 Jahren alt
Knapp jeweils 20% zwischen 50-59 und 40-49
18% zwischen 30-39
16% zwischen 18-29.
(Die Daten stehen auf Seite 29 des zusätzlichen Reports zur Studie).

Zur Erinnerung: Gefragt wurden die Frauen, was sich in ihrem Leben ab dem 15. Lebensjahr ereignet hat. Ich definiere dies als Zeitraum nach dem vollzogenen 14. Geburtstag, denn dann beginnt das 15. Lebensjahr. Für die älteste Teilnehmergruppe bedeutet dies, dass es um einen Zeitraum beginnend zwischen 1952 und 1966 bis zum Jahr 2012 handelt(!). Mithin um fünf bis sechs Jahrzehnte, in denen die Zeit nicht stehen geblieben ist. Bei den jüngeren Semestern kann man Schritt für Schritt jeweils ein Jahrzehnt Zeitspanne abziehen, dennoch wird in weit in die Vergangenheit geschaut.

Man kann anhand der Studie nicht wissen, ob eine bestimmte Tat, die einer Frau angetan wurde, 1965 passiert ist, 1978 oder 2009. Aber man darf die Frage stellen, was es noch mit unserer heutigen Gesellschaft zu tun, wenn es um weit zurückliegende Dinge geht. Denn Gesellschaften verändern sich aufgrund der Personen in den Gesellschaften.

Insbesondere haben wir mehrere Jahrzehnte Frauenbewegung hinter uns, in denen die Gesellschaft für die Benachteiligung von Frauen sensibilisiert wurde, was es für Gewalttäter deutlich schwerer gemacht haben sollte, ihre Taten vor sich und der Gesellschaft zu rechtfertigen.

Oder anders ausgedrückt: Bei der Studie handelt es sich um eine Verbrechensstatistik. Welcher Statistiker würde heute fragen, ob jemand seit seinem Erwachsenenalter einen Wohnungseinbruch oder einen Betrugsfall zu verzeichnen hatte? Wohl niemand, außer dem, der eine Entwicklung über die Jahrzehnte darstellen will. Seltsamerweise wurde mit der vorliegenden Studie ein immenser Aufwand betrieben, aber dies gleich damit zu verbinden, zu ermitteln, wie sich das Gewaltpotential in den letzten Jahrzehnten entwickelte, unterblieb (oder wurde zumindest nicht veröffentlicht).

Stattdessen wurde nur untersucht, wie es um Gewalt in den letzten 12 Monaten bestellt war. Dort waren es 7% bei den nicht-sexuellen Gewalttaten und 2% bei sexueller Gewalt, bzw. 8% beides zusammengezählt. Damit diese Zahlen nicht so „mickrig“ aussehen, wurden auffälligerweise die absoluten Zahlen beigestellt: 13 bzw. 3,7 Mio. Frauen (S. 17 der Studie).

Hätte man eine Studie machen wollen, die die gegenwärtigen Verhältnisse darstellt, hätte man meines Erachtens Taten erfassen sollen, die in den letzten 10-15 Jahren passiert sind. Das wäre gegenwartsnah gewesen. Das Ergebnis hätte dann irgendwo zwischen 8% und 33% gelegen.

Letzter wesentlicher Kritikpunkt. Eine vollständige Interpretation des Ergebnisses wäre nur möglich, wenn nicht nur einseitig nach Gewalterfahrungen der Frauen, sondern auch der der Männer gefragt worden wäre. Jede Gewalt, die einem widerfährt, ist schlimm, da spielt das eigene Geschlecht keine Rolle. Es fehlt die für Studien wichtige Referenz, an dem sich diese Studie würde messen können. Es ist nicht begreiflich, warum seitens der EU, die ja angeblich so viel von Gleichbehandlung hält, nicht parallel eine entsprechende Abfrage für Männer durchgeführt hat. Sind denn nur das Anprangern und die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen wichtig? Gewalt an und zwischen Männern „sollen die Jungs unter sich ausmachen, das ist deren Bier“?

Die Studie beschränkte sich mitnichten nur auf körperliche/sexuelle Gewalt. Auch psychische Gewalt und z.B. (Cyber-)Stalking gegenüber Frauen wurde untersucht. Es wäre doch interessant gewesen, wie die Verhältnisse in diesem Bereich für Männer ausgesehen hätten, in einem Bereich, wo es nicht auf Muskelkraft ankommt.

Unerwähnt gelassen habe ich die tendenziöse Formulierungsweise, die in der Studie wiederholt vorkommt. Oder auch unbekümmert gemutmaßt wird. So wird auf Seite 16 wegen der Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Staaten angenommen, dass es an den kulturellen Unterschieden läge, ob eine Frau über Gewalt berichten würde und gefolgert, dass auch in den Interviews nicht alles gesagt worden sein könnte. Man sollte die Studienmacher darauf hinweisen, dass sie damit die Ergebnisse ihrer eigenen Studie in Zweifel ziehen. Denn was „kulturell bedingt“ in einem Land in die eine Richtung geht, kann in einem freizügigen Land auch in die andere Richtung gehen. Aber das ist natürlich reine Spekulation. Merke: Wenn „zu wenig“ Gewalt in einem Land herrscht, dann hat man sich nicht getraut, in vertrauter Atmosphäre des Interviews darüber zu sprechen. Gibt es mehr Gewalt, dann liegt es daran, dass die freiheitlichen Umstände des Landes dazu ermuntern, darüber zu sprechen.

Als Resümee bleibt mir ein: „Traue keiner Studie, deren Ergebnisse du nicht selbst interpretiert hast“ (frei nach Winston Churchill).

P.S. (von Graublau): Das Zitat stammt übrigens nicht von Winston Churchill, sondern wurde ihm von Joseph Goebbels in den Mund gelegt. Ein gutes Beispiel dafür, dass man auch Zitate hinterfragen sollte.

Fundstück: Mythos Gender Pay Gap

Es wird natürlich niemanden mehr wundern, der in dieser Blogblase regelmäßig mitliest: Die Behauptung, Frauen erhielten für gleiche Arbeit 23% weniger Lohn als Männer, gehört ins Reich der Märchen. Es lohnt sich dennoch, solchen scheinbar unausrottbaren Mythen mit Argumenten zu begegnen, etwa mit der Unstatistik des Monats des Rheinisch-Westfälischen Institus für Wirtschaftsforschung. Hinter dieser Serie steckt unter anderem der Statistik-Experte Prof. Dr. Walter Krämer, der Bücher darüber geschrieben hat, wie mit Statistik gelogen wird, an welchen Stellen Menschen immer wieder Trugschlüssen im Zusammenhang mit Statistik aufliegen und zuletzt auch, wie man es stattdessen richtig macht.

Krämer ist ein zweifellos streitbarer Geselle und man muss nicht jede seiner Ansichten teilen. In Sachen Statistik ist er aber eine unbestreitbare Autorität und vor allem strahlt aus seinen Büchern auch der Wunsch, die Leute schlauer zu machen und Wissen zu verbreiten. Deswegen halte ich diesen Beitrag für besonders wichtig, weil er von einem Statistiker selbst stammt, der schon viel Schund und Schmuh gesehen und auseinandergenommen hat.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal wollte mir zum Thema „Frauen, Arbeit, Fairness“ nichts Besseres einfallen…

Donna Summer: She Works Hard For The Money