Fundstück: asemann mit drei Erklärungen für Ungleichverteilungen

Beim vorherigen Artikel über den Mythos Gender Pay Gap ging es in der Diskussion u.a. darum, wie man den Sachverhalt erklärt.

Vor einiger Zeit nannte asemann die drei Erklärungen für Ungleichverteilungen (zwischen Männern und Frauen), die ich hier in eigenen Worten wiedergeben möchte:

  1. systematische Diskriminierung
  2. Ergebnis von Entscheidungen, die auf durchschnittlich unterschiedlichen Präferenzen basieren
  3. Zufall (statistisches Rauschen)

So kurz und knackig kann man es ausdrücken!

„Zufall“ ist gerade dann möglich, wenn die Unterschiede sehr klein sind und man nur sehr wenige Messungen hat. Das hat natürlich noch niemanden davon abgehalten, so etwas trotzdem als seriöse Statistik auszugeben! Man denke daran, wie etwa Wahlprognosen oder der Sonntagsfrage immer wieder Schwankungen von wenigen Prozentwerten als wichtige Ergebnisse verkauft werden, obwohl sie schlicht auf Ungenauigkeit basieren können.

Ansonsten bleiben noch zwei Möglichkeiten: Dass die Menschen davon abgehalten werden, gleich zu handeln, oder dass sie einfach andere Sachen wichtiger bewerten. Die Idee, dass Gruppen von Menschen im Schnitt verschieden sein können und deswegen unterschiedliche Entscheidungen treffen, scheint mit dem Weltbild einiger Leute nicht vereinbar zu sein. Schade, wenn die Welt nur heile sein kann, wenn alle Menschen gleich sind und nicht nur gleichwertig…

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Irgendwie scheint es auch nicht so schön zu sein, wenn die Leute überall gleich sind…

Morrissey: People Are The Same Everywhere

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Fundstück: Maddox zum Mythos Gender Pay Gap

Der Mythos Gender Pay Gap, also der Fehlschluss, unterschiedliche durchschnittliche Einkommen aller Frauen im Vergleich zu allen Männern bedeute, dass eine Frau für exakt dieselbe Arbeit weniger bekomme als ein Mann, scheint unausrottbar. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mischt selbst fleißig daran mit, diesen Irrtum weiter zu verbreiten, worauf unlängst sowohl in den Kommentaren als auch in den Kurznachrichten hingewiesen wurde. Umso wichtiger ist es, Gegenbeiträge zu bringen.

Klar, verbohrte Ideologen wird man damit nicht überzeugen können. Aber es gibt immer genügend Leute mit gesundem Restzweifel, denen man damit vielleicht eine Initialzündung geben kann. In diesem Sinne:

Maddox: How every company in America can save 23% on wages

Schon die Überschrift nennt das wichtigste Gegenargument: Warum stellen Unternehmen nicht ausschließlich Frauen ein, wenn sie ihnen tatsächlich 23% weniger Gehalt zahlen können?

Es wäre doch völlig absurd, bei – wie ja stets angenommen – völlig gleichwertigen Bewerbern einen Mann zu nehmen, wenn sich die Lohnkosten um 23% nach unten drücken ließen! Welche Motivation gäbe es in einem Unternehmen, gegen das Gesetz des Marktes zu handeln? Da müsste schon eine gewaltige Verschwörung aller Unternehmen her, um den Druck des Kapitalismus außer Kraft zu setzen. Hier wird es dann endgültig absurd.

Beachtlich, dass selbst Barack Obama die richtigen Zahlen falsch benutzt. Aufklärung tut also dringend Not!

Es ergibt sich aber auch die Gelegenheit für einen Kalauer: Wenn wie behauptet Frauen für jeden Dollar, den ein Mann verdient, 77 Cent bekommen, sollen sie doch gut zufrieden sein! Wieviel bekommt schließlich ein Mann ab von dem Geld, das seine Frau verdient?

Maddox bricht das allgemeine Gebot von Unternehmen, möglichst geringe Kosten zu haben (natürlich mit dem Ziel der Gewinnmaximierung), auf seine persönliche Situation herunter: Er hätte gerne den Illustratorinnen seines Buches 23% weniger gezahlt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt. Das finde ich sehr nachvollziehbar!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die richtigen Zahlen zu haben reicht nicht, damit die Wahrheit dahinter zu den Leuten durchdringt. In diesem Lied haben die Leute zwar die richtige Nummer, kommen aber trotzdem nicht durch…

De la Soul: Ring ring ring (Sax mix)

Fundstück: Das Gesetz der großen Zahlen

Statistik wird leider immer wieder falsch verstanden – oder sogar absichtlich falsch gedeutet. Um anderen letzteres schwer zu machen, bringe ich heute ein Statistik-Fundstück.

Das „Gesetz der großen Zahlen“ lautet:

Das Gesetz der großen Zahlen besagt, dass sich die relative Häufigkeit eines Zufallsergebnisses immer weiter an die theoretische Wahrscheinlichkeit für dieses Ergebnis annähert, je häufiger das Zufallsexperiment durchgeführt wird.

Erläutert wird so etwas gerne mit einem einfachen Zufallsexperiment, etwa einem Münzwurf. Bei einer perfekt ausbalancierten Münze wäre die Wahrscheinlichkeit für jede Seite 50%. Die zitierte Mathepedia liefert ein Zahlenbeispiel. Das Interessante hierbei ist: Der absolute Abstand wächst, der relative schrumpft!

Absolute Zahlen können also ungleich sein – und trotzdem stimmt das große Ganze. Angenommen, in einer Welt ohne Diskriminierung gäbe es gleich viele Männer und Frauen, die sich auf Stellen bewerben; sie seien ansonsten auch gleich gut qualifiziert etc. Ich zähle nun, wie viele Frauen unter den Neueinstellungen waren. (Es muss schon eine große Menge an Neueinstellungen insgesamt sein, damit das Gesetz der großen Zahlen wirkt.) Mit einer wachsenden Anzahl von Fällen kann die Differenz zwischen der absoluten Anzahl an Männern und Frauen immer weiter wachsen – und dennoch bewegt sich der Frauenanteil auf 50% zu. Es gibt also selbst in diesem Szenario keinerlei Grund, früher erfolgte Mehreinstellungen von Männern bewusst „auszugleichen“. Der Frauenanteil bewegt sich schon automatisch auf die 50%-Marke zu.

Häufiger wird jedoch in die falsche Richtung gedacht und fälschlicherweise von den großen auf die kleinen Zahlen geschlossen. Dabei muss sich die Grundgesamtheit ja gerade nicht in jeder kleineren Zahl wiederfinden:

Der Spielerfehlschluss: Der Zufall hat kein Gedächtnis:

Der Spielerfehlschluss ist ein Ergebnis des „Gesetz der kleinen Zahlen“ – dem intuitiven Irrglauben, dass kleine Stichproben repräsentativ für das große Ganze sind. Der Fehler liegt letztlich in einer vorschnellen Verallgemeinerung begründet, also dem gleichen Mechanismus, der auch das Bilden von Vorurteilen begünstigt.

Drei typische Irrtümer bestehen darin,
a) hinter jeder kleinen „lokalen“ Ungleichheit ein Zeichen einer großen Verschwörung / Diskriminierung zu sehen
b) zu unterschätzen, wie groß eine Stichprobe sein muss, damit sie repräsentativ ist
c) von 50% auszugehen, wenn die Voraussetzungen gar nicht wie in obigem Beispiel mit einer ausgewogenen Anzahl Bewerbern, die auch noch alle gleichwertig sind, gegeben sind

Insbesondere politische Bewegungen, die jedes Alltagserlebnis in einen großen Zusammenhang einbetten, sind anfällig für solche Fehler. Die Mathematik selbst gibt das jedoch gar nicht her.

bisherige Beiträge über Statistik:

  1. Narrative und Statistik
  2. Lügen mit Statistik
  3. Studie falsch ausgewertet
  4. Frauen in DAX-Vorständen
  5. Die bedingte Wahrscheinlichkeit
  6. Mythos: jede dritte Frau in der EU von Gewalt betroffen
  7. Mythos Gender Pay Gap

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Zahlen lügen nicht“ – das weiß auch diese Indieband.

The Mynabirds: Numbers Don’t Lie

Fundstück: Stefanolix zu Narrativen und Statistiken

400% mehr Artikel über Statistik in diesem Blog! Absoluter Wahnsinn!

Dieser neueste Beitrag zum Thema „übergeigte Zahlen“ basiert auf einem Artikel von Stefanolix namens „Narrative und Statistik„. Da brauche ich gar nicht viel zu schreiben, den kann man einfach so lesen.

Hintergrund ist die Behauptung, Frauen würden 80-90% ihres Einkommens in die Familie investieren, Männer nur 30-40%. Und jetzt solle man sich überlegen, was das bei gleicher Bezahlung bedeuten würde…

Dazu seien zunächst die bisherigen Statistik-Artikel genannt. Gleich der erste nimmt die Behauptung von der „ungleichen Bezahlung“ (bei implizierter gleicher Arbeit) auseinander:

Die Motivation hinter diesen entweder falsch zitierten oder erfundenen Zahlen ist einfach zu erkennen: Es soll ein klares Bild gezeichnet werden. Frauen sind liebevoll und gemeinschaftsorientiert, Männer sind asoziale Ratten, die einen Großteil ihres Geldes für sich behalten.

Doch ist das so? Ich hatte bereits beim dämlichen Aufruf, sein Geld an Frauen zu geben (hier geht’s ja eigentlich um dasselbe Thema, nämlich mehr Geld an Frauen) auf die MANNDat-Analyse der Geldströme hingewiesen, nach denen Männer ganz klar netto mehr in die öffentlichen Kassen einzahlen und Frauen mehr bekommen. Das wäre ja schon das naheliegendste Argument gegen den implizit unterstellten Egoismus der Männer: Was ich in den Sozialstaat investiere, kann ich nicht mehr direkt der Familie geben.

Als zweites: Selbst wenn es stimmen würde, dass in westlichen Industrienationen Frauen einen Großteil ihres Gesamteinkommens an die Familie geben und Männer nicht (die Hinweise dagegen siehe bei stefanolix), wäre es ja noch wichtig zu wissen, wieviel es absolut ist. Wenn die Frau fast nichts oder deutlich weniger als der Mann verdient, ist es gut möglich, dass der Mann der Familie insgesamt mehr Geld gibt.

Ich hatte kürzlich bereits auf Lutz Bierend verwiesen, der ebenso wie ich auf einige glasklare Ergebnisse der Allensbach-Studie einging (und wie diese dennoch für eine Kampagne in eine ganz andere Richtung verwendet werden). Ein Punkt war, dass Männer schon vor dem ersten Kind mehr verdienen trotz ungefähr gleicher Ausbildung und dass sie ab dem Kind mehr Geld nach Hause bringen, weil die Mutter gerne beim Kind bleiben möchte und dieser Wunsch Priorität hat. Dieser Sachverhalt wird bemerkenswert deutlich in der Berichterstattung über die Studie anhand von Grafiken illustriert, die aus der Studie selbst stammen. Daran liegt es, wie Lutz Bierend erneut sehr treffend feststellt, warum Mütter weniger Vollzeit arbeiten als Frau Schwesig möchte.

(Grundlage der Sensationsmeldung am Anfang ist übrigens die Anzahl der Artikel mit dem Stichwort „Statistik“ in den letzten zwei Monaten im Vergleich zum Rest des bisherigen Jahres. Also ganz wichtig und überhaupt nicht willkürlich.)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei all dem drögen Zahlenkram muss auch mal Zeit für eine schöne Popnummer sein…

Steely Dan: Rikki Don’t Lose That Number

Fundstück: Stadtfuchsens Bau zum Lügen mit Statistik

Schindluder mit Statistik im Namen eines hehren Ziels – das war ja schon einige Male Thema hier im Blog:

Der Stadtfuchs hat sich kurz (!) eine Studie angeschaut, die als „Beleg“ für Diskriminierung rauf und runter zitiert wird: Feministische Methodik oder: mit Zahlen lügen.

Ergebnis, kurz zusammengefasst: Die Stichprobe war sehr klein und in keiner Weise repräsentativ. Dazu kam noch eine dramatisierende graphische Darstellung der Ergebnisse.

Damit kann ich natürlich aus nichts alles basteln. Man muss kein Zahlenfuchs sein, um den Schmu zu erkennen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Zugegeben, ein ganz billiger Verweis…

Absolute Beginner: Füchse

Warum ich die Eltern für vernünftiger halte als Manuela Schwesig und das Allensbach-Institut

Ein Bekannter von mir, der Naturwissenschaften studiert hat, sagte einmal folgendes über bezahlte Studien im Auftrag von Politik und Unternehmen: Auf dem Formular zum Ausfüllen sollte stets Platz sein, damit das gewünschte Ergebnis auch eingetragen wird.

Via Frankfurter Erklärung bin ich vor ein paar Tagen auf eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach aufmerksam geworden: „Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf“ (die Studie als PDF). Launisch kommentiert wurde die Berichterstattung darüber bereits von Klaus Kelle: N24 weiß, was Frauen wünschen. Kelle fasst die Ergebnisse der Studie völlig anders zusammen:

Eine neue Studie aus Allensbach bestätigt, was jeder weiß, der mit offenen Augen durch diese Gesellschaft geht.

Die traditionelle Familie aus Mann, Frau und Kindern lebt nicht nur, sie ist weiterhin ein wahres Erfolgsmodell. Und spätestens mit der Geburt des erstens Kindes nehmen die meisten Paare die tradierten Rollenmodelle an – ER, der Berufstätige und „Ernährer“, SIE, die Frau, die sich um ihre Kinder kümmert. Das Interessanteste dabei: die Paare entscheiden sich freiwillig und einvernehmlich für dieses Modell, weil nämlich insbesondere die Frauen die Zeit mit ihren kleinen Kindern nicht als Last, sondern als großes Glück empfinden.

N24 hingegen, so Kelle, spreche davon, dass Frauen vor allem mehr arbeiten wollen. Das ist für sich genommen gar nicht falsch, zumindest wenn sie bereits arbeiten. Neulich wies „der VÄTER Blog“ etwa auf den Mythos Fachkräftemangel hin: „Fachkräftemangel? – Unterbeschäftigte Erwerbstätige wollen mehr arbeiten.„. Klare Sache, 3 Millionen Beschäftigte wollen mehr arbeiten, hingegen eine Million weniger. Nur gilt das für Männer und Frauen gleichermaßen, ist also rein statistisch kein spezielles Frauenproblem.

Es blieb die Frage, ob Klaus Kelle richtig lag. Die Frankfurter Erklärung wies zusätzlich noch auf einen Artikel der Frankfurter Rundschau hin: Studie: Vater Vollzeit, Mutter Hausfrau.

Da wurde ich schon skeptischer. So lautete eine Bildunterschrift: „Das Konzept einer glücklichen Familie. Doch nach wie vor setzt sich schnell das Konzept der traditionellen Rollenverteilung durch.“ Darin steckt die Wertung, die traditionelle Rollenverteilung sei unvereinbar mit einer glücklichen Familie. Das sollten die Ehepartner doch noch wohl selbst entscheiden dürfen. Selbst wenn das nur 20% wollen (ausgedachtes Beispiel, solange ich die Quelle nicht wiederfinde. Ich hatte vage eine Statistik von Alles Evolution im Kopf, bei der 20% der Frauen Hausfrau sein wollten, 60% ein wenig arbeiten und Kinder haben und 20% nur Karriere, finde den Beitrag aber nicht mehr).

Manuela Schwesig wird damit zitiert, bei vielen Familien liefen Wunsch und Wirklichkeit auseinander – so als ob das allein schon dramatisch wäre, obwohl das im Leben doch oft passiert. Die Grafik in dem Artikel weckte dann vollends meine Skepsis, denn sie enthielt als Kriterium für die richtige, politisch gewollte Aufgabenteilung die Formulierung „So viele halten diese Form für ideal, wenn man auf nichts Rücksicht nehmen müsse“.

Auf zwei Zugfahrten nahm ich mir die Zeit und las mir tatsächlich die gesamte Studie durch. 67 Seiten ist ein schaffbares Pensum.

Die Kurzfassung: Eine Menge „was wir schon immer wussten“ bzw. gesunder Menschenverstand. (Dabei ist es durchaus nützlich, diese Sachverhalte noch einmal ausdrücklich bestätigt zu bekommen.)

S. 4: 43 Prozent der Elternpaare haben ein Kind in ihrem Haushalt, 40 Prozent haben zwei Kinder, 17 Prozent drei oder mehr Kinder.

Das sind ja extrem wenig Kinder, wenn man bedenkt, dass für demographische Stabilität 2,1 gebraucht werden. Hier wurden nur Paare befragt, die bereits Kinder hatten. Selbst wenn die meisten zwei Kinder hätten, müsste es immer noch einige mit mindestens drei Kindern geben. Das ist der erste interessante Sachverhalt, der nicht weiter untersucht wird.

S. 4: In 24 Prozent der Familien verfügen die Väter über einen höheren Schulabschluss als die Mütter, in 27 Prozent haben die Mütter den höheren Schulabschluss. In 49 Prozent der Familien haben beide Partner den gleichen Schulabschluss erreicht.

Also Gleichberechtigung – mit leichten prozentualen Vorteilen für die Frauen.

S. 4: In über drei Vierteln der Haushalte erzielen zwei Personen Einkommen – in etwa jedem fünften Haushalt erzielt nur eine Person Einkommen (einschließlich Elterngeld, Mieteinkommen etc.). In 82 Prozent der Familien ist der Mann der Hauptverdiener.

Also die klassische Aufteilung: Mann Hauptverdiener, Frau evtl. Teilzeit.

S. 5: Nach der Geburt des ersten Kindes und nach den teils kürzeren, teils längeren Elternzeiten, verändern sich die Erwerbskonstellationen der Elternpaare erheblich. In vielen Familien reduzieren die Mütter ihre Berufstätigkeit oder scheiden ganz aus dem Beruf aus, während die Väter Vollzeit berufstätig bleiben. Die vor der Geburt bestehende Dominanz der Vollzeit/Vollzeit-Konstellationen verliert sich und macht einer Vielzahl unterschiedlicher Modelle Platz. Vor allem bestimmen dann Konstellationen mit einer Vollzeitbeschäftigung des Vaters und einer Teilzeitbeschäftigung der Mutter das Bild, wobei aber der zeitliche Umfang dieser Teilzeitarbeit stark variiert.

Also auch hier: Normalität in Anbetracht der veränderten wirtschaftlichen Lage: Ein Gehalt reicht heutzutage meistens nicht mehr; vor dem ersten Kind arbeiten beide Partner voll. „Ein Kind verändert alles.“ und „Ein Kind erfordert Zeit.“

S. 6: Beachtlich: Vor der Geburt des ersten Kindes arbeiten Männer 43 Stunden, Frauen nur 37. Warum?

S. 8 ebenso, dazu: Vater nach dem letzten Kind wieder auf 43 statt 42 Stunden. Männer haben die Wahl zwischen Vollzeit und Vollzeit.

S. 9: 2005-2015: Der Anteil gar nicht oder kaum berufstätiger Frauen geht zurück, Wachstum bei Berufstätigen mit mehr als 15 Wochenstunden und Vollzeit.

S. 9: Durch diese Entwicklung wird das vorherrschende Muster aber noch nicht außer Kraft gesetzt. Nach wie vor wirkt das berufliche Zurückstecken der Mütter beim ersten Kind lange nach. Das lässt sich aus den Berufsverläufen von Frauen erkennen. Lediglich bis etwa zum 30. Lebensjahr ist die Mehrheit der Frauen Vollzeit berufstätig. Danach liegt der Anteil Vollzeit erwerbstätiger Frauen deutlich unter 50 Prozent. Die Weichenstellungen im Zusammenhang mit der Familiengründung betreffen Frauen nicht nur für eine kurze Phase, sondern erweisen sich für viele als berufs- und lebensprägend.

Wer hätte das gedacht? Ein Kind verändert das ganze Leben… nur der Vater darf vorher wie nachher ackern. Viel interessanter: Dass es inzwischen als normal gilt, das erste Kind nicht vor 30 zu bekommen.

S. 12: Das ist also das Ziel der Studie: die Idealvorstellungen von Eltern umsetzen. Was diese Idealvorstellungen sind, dazu kommen wir später noch.

S. 13 und 17: Lesenswerte Zitate.

S. 18: Die meisten Eltern hatten von vornherein feste Vorstellungen, wie eine solche Aufteilung aussehen könnte (58 Prozent).

S. 19: Dabei stimmten die grundsätzlichen Vorstellungen von Männern und Frauen meist überein. Die Aufgabenteilung verlief für 87 Prozent ohne Kontroversen

Die Leute wussten mehrheitlich vorher, was sie wollten, und fanden ohne größeren Streit gemeinsam eine Aufgabenteilung. Klingt doch gut und nach Menschen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen.

S. 19: Grundsätzlich erklären sich 90 Prozent der Mütter und Väter mit der Aufgabenteilung zufrieden (55 Prozent) oder sogar sehr zufrieden (35 Prozent). Das bedeutet aber nicht, dass die getroffene Aufteilung auch bereits der Wunschaufteilung entspräche. Viele Eltern fänden eine andere Aufteilung ideal und hätten sich unter anderen
Rahmenbedingungen auch für eine andere Aufteilung entschieden (vgl. Kapitel 5 sowie Schaubild 23). Bei diesen Eltern signalisiert die geäußerte Zufriedenheit eher die Überzeugung, aus den vorhandenen Möglichkeiten das Beste gemacht zu haben.

Noch einmal die Betonung, dass Zufriedenheit nicht das Ideal bedeutet. Beachtlich, dass die meisten entsprechend der Rahmenbedingungen das beste gemach haben.

S. 26: Hauptgründe dafür, dass Väter trotz ihres Wunsches nach einer Elternzeit ihre Berufstätigkeit nicht unterbrachen, waren die Furcht vor Einkommensverlusten bei 60 Prozent dieser Väter, vor Nachteilen im Beruf (38 Prozent) und vor Problemen bei der Organisation im Betrieb (35 Prozent, Mehrfachangaben).
(…)
Ähnliche Befürchtungen halten viele Väter, die in Elternzeit gehen, davon ab, mehr als jene zwei Monate Elternzeit zu beanspruchen, die vom Elterngeld als „Partnermonate“ abgedeckt werden. Dabei hätten sich 54 Prozent der Väter, die nach ihrer
Elternzeit bereits wieder in ihren Beruf zurückgekehrt sind, eine längere Elternzeit gewünscht.

Mit anderen Worten: verantwortungsvolle, moderne Männer.

S. 27: Duch den erkennbaren Wandel der Muster könnte es Vätern in Zukunft leichter fallen, ihre Wünsche nach einer Elternzeit zu realisieren. Ein konkretes Beispiel dafür liefert ein befragter Vater, der sich erst beim zweiten Kind zu einer Elternzeit entschloss, weil in seinem Betrieb inzwischen „jeder“ angehende Vater von der Elternzeit
Gebrauch mache.

Na also!

S. 28 Die Aufteilung der Berufsarbeit wird durch Leitbilder und Idealvorstellungen zur Berufstätigkeit und zur Kinderbetreuung beeinflusst. Zugleich machen sich persönliche Voraussetzungen wie etwa die Berufserfahrungen und die Einkommensverteilung vor der Geburt bemerkbar. (…) Mütter, die bereits vor der Geburt der Kinder im Beruf viel Verantwortung hatten oder gut verdienten, kehren nach der Elternzeit eher auf Vollzeitstellen oder in eine längere Teilzeit zurück als andere.
(…)
Allerdings wirken sich solche Faktoren vor allem auf die Erwerbsbeteiligung der Mütter aus. Die Beschäftigung der meist Vollzeit berufstätigen Väter variiert nach der Geburt der Kinder ungleich weniger.

Mit anderen Worten: Wer ist freier?

Zitate S. 29 (Motive der Aufteilung) zusammengefasst: Mann verdient mehr, Frau wollte für das Kind da sein.

S. 29 Bei ihren Beschreibungen der Aufteilungsprozesse weisen die Mütter und Väter drei Einflüssen besondere Bedeutung zu: Den Wünschen der Mutter, Zeit mit dem Kind zu verbringen, die 70 Prozent als besonders bedeutsam für ihre Aufteilung betrachten, den Wünschen der Mutter, das Kind in den ersten Jahren selbst zu betreuen (66 Prozent), sowie der Einkommensverteilung vor Geburt des Kindes (60 Prozent).

S. 30 die beiden wichtigsten Aspekte (92 und 87 %): Wünsche der Mutter!

S. 31: Etwa die Hälfte der Eltern verfolgt das Leitbild einer spezialisierenden Aufgabenteilung, bei der sich der Vater vor allem um die Berufsarbeit und die Mutter vorwiegend um die Betreuung und Erziehung der Kinder kümmert.
(…)
Von daher handelt es sich hier meist um das Ideal einer „partiellen“ Spezialisierung, in der die Mutter nach längerer Elternzeit in kürzerer Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung wieder berufstätig ist.

S. 31/32: Das Leitbild hat sich seit 1982 stark gewandelt; damals war Berufstätigkeit der Mutter noch wenig beliebt. Frage: Hat die Entwicklung der Löhne etwa etwas damit zu tun?

S. 33: So legen 32 Prozent der Mütter und Väter besonderen Wert auf Elternzeiten von Vätern und 25 Prozent erklären: „Ich finde es für eine Familie am besten, wenn beide Eltern gleich viel arbeiten und sich die Kinderbetreuung gleichermaßen aufteilen“.

Also eine Minderheit.

S. 37: Besonders deutlich unterscheiden sich die Leitbilder in Westdeutschland und Ostdeutschland (vgl. Schaubild 16). International vergleichende Studien zeigen, dass in Ostdeutschland ähnliche Leitbilder vorherrschen wie beispielsweise in Frankreich oder in Schweden. In Westdeutschland war dagegen über Jahrzehnte ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Fremdbetreuung kleiner Kinder prägend sowie auch das Leitbild der spezialisierten Aufgabenteilung zwischen den Partnern.

(Als Quelle dient eine Ministeriumsveröffentlichung!)

Ach, die bösen Westdeutschen! Wollen einfach nicht, was andere wollen. Vergleichsfrage: Wie ist das Einkommen in Ostdeutschland im Vergleich zu Frankreich und Schweden?

S. 39 Zitate: Wer mehr verdient… und das ist der Mann.

S. 39: Dabei wird die scheinbare Offenheit, wer nun die Berufs- und wer die Familienarbeit übernimmt, in der Praxis allerdings dadurch konterkariert, dass berufstätige Männer vor der Geburt des ersten Kindes weitaus häufiger das größere Einkommen erzielen. 46 Prozent der Väter berichten, vor der Geburt des Kindes deutlich mehr verdient zu haben als ihre Partnerinnen.

Wie kommt das, wo doch Frauen im Schnitt sogar leicht bessere Abschlüsse haben? Liegt es daran, dass sie weniger Stunden pro Woche arbeiten?

S. 40 Zitat: Frau hat vorher mehr verdient, wollte aber fürs Kind da sein

S. 40: Hier setzen sich die Betreuungswünsche der Mütter häufig gegenüber dem ökonomischen Kalkül durch.

Die bösen Frauen! Wollen einfach nicht in rein ökonomischen Kategorien denken, sondern ihre Wünsche durchsetzen.

S. 40/41: Dort, wo beide Elternteile vor der Geburt nach eigener Angabe „gut“ verdienten, entscheiden sich sogar 39 Prozent der Paare für eine stärker berufsorientierte Erwerbskonstellation mit dem Vater in Vollzeit und der Mutter ebenfalls in
Vollzeit oder in längerer Teilzeit (Schaubild 21). Insgesamt umfasst der Anteil der Mütter, die in diesen Familien in Vollzeit oder längerer Teilzeit in den Beruf zurückkehren, 44 Prozent.

Die Zahl kann man unterschiedlich interpretieren, nur ist deutlich, dass in diesen Familien offenbar mehr als eine Möglichkeit realistisch ist.

S. 41/42: Erkennbar wirken sich zudem die Chancen zur Erzielung eines höheren Einkommens aus. In den Familien, in denen die Mutter ein Studium abgeschlossen hat, sind nach der Elternzeit beim ersten Kind 37 Prozent in der Konstellation Vollzeit/Vollzeit oder Vollzeit/längere Teilzeit berufstätig (vgl. Schaubild 21). In vergleichsweise vielen der Familien mit akademisch gebildeter Mutter sind die Mütter nach der Elternzeit beim ersten Kind auch in Vollzeit oder längerer Teilzeit berufstätig, ohne dass der Vater Vollzeit berufstätig wäre (13 Prozent); insgesamt entscheiden sich 50
Prozent dieser Mütter für eine Tätigkeit in Vollzeit oder längerer Teilzeit.

Auch andere „Ressourcen“ mit Bedeutung für einen Beruf wie etwa Berufserfahrung und berufliche Anknüpfungsmöglichkeiten wirken in Richtung einer stärkeren Erwerbsbeteiligung von Müttern nach der Elternzeit. Gerade Mütter, die als Fachkräfte oder verantwortliche Mitarbeiterinnen ein besseres Einkommen erzielen können als andere, knüpfen nach der Elternzeit zu weit überdurchschnittlichem Anteil an ihre frühere Tätigkeit wieder an.

Mit anderen Worten: Akademikerinnen haben die größte Chance, eine andere als die klassische Konstellation auszuleben. Wichtig ist dabei, dass sie ein gutes Einkommen erzielen.

S. 42/43 Ein Teil der Eltern erlebt die unterschiedliche Verteilung der Einkommen von Mann und Frau vor Geburt der Kinder aber auch als Hindernis für die Verwirklichung der eigentlich gewünschten Aufteilung. 33 Prozent der Mütter und Väter erklären: „Wenn bei uns die Gehälter anders verteilt gewesen wären, hätten wir uns vermutlich für eine andere Aufteilung von Berufstätigkeit und Kinderbetreuung entschieden“

Wo ist da das Hindernis? Es bedeuter doch nur: Wären die Verhältnisse anders, würden wir anders handeln. Beachtlich auch, dass dem nur ein Drittel zugestimmt hat – eine überwiegende Mehrheit hätte nichts anders gemacht!

„Gut“, dass nicht die Anschlussfrage gestellt wurde, was die Partner jeweils gelernt / studiert haben und zu welchen Bedingungen sie arbeiteten. Wer weiß, was dann für Unterschiede herausgekommen wären, die natürlich eine bestimmte Aufteilung der Aufgaben naheliegend machten. (Das unterschiedliche Gehalt und die unterschiedliche Anzahl der gearbeiteten Stunden pro Woche hatten wir ja schon.)

S. 44 Beträchtlichen Einfluss auf die Aufgabenteilung nehmen zudem die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Man beachte: Es geht nicht um „Kind und Karriere“! Interessant bei den Zitaten, dass flexible Arbeitszeitregelungen angesprochen werden. Ich kann nur vermuten, dass diese sich immer mehr durchsetzen, weil sie der Lebensrealität immer mehr Paare entsprechen. Das wäre tatsächlich einmal ein an der Realität orientierter Untersuchungsgegenstand!

S. 50: Zitate: Ideal ist halb und halb, das geht aber aus finanziellen oder organisatorischen Gründen nicht. Wer hätte das gedacht, dass man sich z.B. koordinieren muss und deswegen nicht jeder bei der Arbeit erscheinen kann, wann er will?

S. 50: Wenn sie auf nichts Rücksicht nehmen müssten, würden insgesamt 47 Prozent der Eltern eine Konstellation wählen, in der beide Partner gleich oder annähernd gleich lange im Beruf arbeiten. Dabei würden sich die 8 Prozent der Eltern für eine Vollzeit/Vollzeit-Konstellation entscheiden bzw. 11 Prozent für eine Konstellation mit dem Vater in Vollzeit und der Mutter in längerer Teilzeit. Diese Konstellationen in denen zur Zeit 31 Prozent der Eltern beschäftigt sind, werden von 19 Prozent als ideal betrachtet. Attraktiver ist eine Konstellation, in der beide Elternteile in Teilzeit berufstätig sind. 28 Prozent der Mütter und Väter finden eine solche Konstellation für sich persönlich ideal.

Beachtlich: Mutter Vollzeit, Vater weniger als Vollzeit wird nicht aufgeführt. Nur 8 Prozent wollen beide Vollstoff arbeiten… und wer hätte das gedacht? Mit zwei halben Stellen kommt man in Zeiten, in denen ein volles Gehalt meist nicht mehr reicht, eventuell nicht über die Runden.

S. 51: Eltern mit höheren Familieneinkommen können sich eher als andere eine solche gleiche oder annähernd gleiche Aufteilung vorstellen (58 Prozent); bereits jetzt arbeiten rund 40 Prozent dieser Eltern in einer solchen Konstellation.

Mit anderen Worten: Eine Stelle, in der die Frau viel verdient, ist eine gute Voraussetzung für gleiche Aufgabenteilung.

S. 53 Zitate

Ich würde meine Frau gerne noch mehr entlasten, aber durch meinen Job gibt es da ja einige Einschränkungen. Gerade jetzt, wo wir wieder ein neues Baby haben, wäre ich gerne vor allem abends frei und früher zuhause, um die Kleinen immer gemeinsam ins Bett bringen zu können, aber wie heißt es manchmal so schön: Das Leben ist kein Wunschkonzert – also machen wir das Beste daraus für alle Beteiligten. (Vater, 42 Jahre, Mutter 24 Monate in Elternzeit, zugleich 20 Stunden Teilzeit berufstätig, West)

Mein Lieblingszitat aus der ganzen Studie!

S. 54: Für die Mütter entsteht aus der Erfahrung der meist dauerhaft ungleichen Verteilung häufig der Eindruck, keine guten Möglichkeiten für eine gleichgewichtige Aufteilung der Familienarbeit sowie für eine stärkere Erwerbsbeteiligung zu haben. Das trägt zum Gesamturteil vieler Mütter bei, dass eine wirkliche Gleichberechtigung der Frau noch lange nicht verwirklicht ist.

Sind Männer besser dran, weil sie nach wie vor aus finanziellen und organisatorischen Gründen kaum eine Alternative zur Vollzeitarbeit haben? Die Statistiken vorher zeigten, dass die Frauen deswegen öfter zu Hause bleiben, weil sie sich es wünschen. Da ist zumindest ein Wunsch verwirklicht.

Die Fragestellung ist allerdings auch Grütz:

S. 55: „Zum Thema Gleichberechtigung: Wie ist Ihr Eindruck: Ist die Gleichberechtigung der Frau weitgehend verwirklicht, oder muss da noch einiges getan werden, damit Mann und Frau bei uns gleichberechtigt sind?“

Das sind keine sich ausschließenden Alternativen. Ich finde, dass die Gleichberechtigung der Frau weitgehend verwirklich ist und gleichzeitig noch einiges getan werden muss, damit Mann und Frau bei uns gleichberechtigt sind.

S. 60: Voraussetzungen für eine gleiche oder annähernd gleiche Aufteilung sind also vor allem
• geeignete Betreuungsmöglichkeiten,
• gute betriebliche Möglichkeiten für Mütter und Väter, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, was geeignete Arbeitszeitmodelle mit einschließt,
• familienpolitische Maßnahmen, die Hürden für eine weniger ungleiche Aufteilung verringern,
• die Bereitschaft beider Elternteile, sich bei der Familienarbeit wie auch bei den beruflichen Plänen gegenseitig zu unterstützen.

Keine überraschend neuen Erkenntnisse, aber es schadet auch nicht, das noch einmal empirisch zu belegen. Vor allem sieht man, dass es mehrere, voneinander recht getrennte Faktoren sind, die alle zusammenkommen müssen, damit es klappt.

Das Blog Familienschutz wies noch auf einen Artikel der Zeit hin, der sich ebenfalls mit der Studie beschäftigt: „Wenn Väter täten, was sie wollen„.

Da finden sich dann Formulierungen wie:

Väter wollen zwar für ihre Kinder da sein, doch sie sind nicht bereit, die Nachteile, die Frauen dafür in Kauf nehmen, zu akzeptieren.

Den Nachteil, dass ihrem Wunsch Vorrang eingeräumt wird, Zeit mit dem Kind zu verbringen (wie es in der Studie steht)? Den Nachteil, zumindest eine gewisse Wahl zu haben, wieviel sie arbeiten wollen? (Mehrmals wird in der Studie als wichtiger Faktor dafür das Einkommen der Frau genannt – sprich: Frauen, die arbeiten wollen, sollten zusehen, dass sie ordentlich verdienen.)

Wenn ein Vater die Hauptlast des Geldverdienens auf sich nimmt, damit die Frau mehr Zeit für die Kinder hat, ist das doch gut! Es zeugt auch von einer vernünftigen Aufgabenverteilung und einem realistischen Blick auf die Welt, so wie er bei den Familien aus der Studie durch die Bank deutlich wird.

Höher als in anderen Ländern ist in Deutschland im Übrigen auch der Anteil der Frauen, der kinderlos bleibt. Dies habe damit zu tun, dass Frauen in Deutschland noch immer nahegelegt werde, man müsse sich zwischen Karriere und Kindern entscheiden, vermutet Schwesig.

Leider steht in der Studie zu beiden Sachverhalten nichts, aber auch gar nichts drin. Letzteres ist also reine Spekulation, die man einfach bei dieser Gelegenheit wieder auspackt.

Ich könnte genauso mutmaßen: Wird in Deutschland noch immer stärker als anderswo auf Männer und Väter eingedroschen mit dem Klischee, sie seien verantwortungslos? Wenn sie nicht arbeiten, sind sie Taugenichtse, wenn sie arbeiten, nehmen sie den Frauen die Karrieremöglichkeiten weg bzw. handeln nicht gleichberechtigt… welche zögerliche Mann möchte mit diesen Negativbildern in Deutschland Vater werden?

Bleibt die Frage, was Politik tun kann, um Eltern zu ermöglichen, eine Aufteilung zu finden, mit der beide zufrieden sind.

Eine Aussage, die so nicht durch die Studie gedeckt wird. Die meisten sind ja der Überzeugung, dass sie den Umständen entsprechend das beste gemacht haben.

Auch das von ihr geplante Entgeltgleichheitsgesetz gehe in diese Richtung. Schließlich sei ungleiche Bezahlung einer der Hauptgründe dafür, dass eher Frauen als Männer ihre Erwerbstätigkeit für Kinder reduzieren.

Auch das steht nicht in der Studie. Stattdessen reduzieren Frauen dann vermehrt, wenn sie deutlich weniger verdienen als ihr Mann. Das tritt erstaunlich häufig auf, obwohl Frauen durchschnittlich leichter besser gebildet sind. Allerdings arbeiten sie auch deutlich weniger Wochenstunden vor der Geburt des ersten Kindes.

Ich freue mich jedoch auf jedes Gesetz, das dann die Gehälter offenlegt und mit dem sich dann zeigen läßt, dass wir tatsächlich bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit angelangt sind. Der Mythos Gender Pay Gap könnte dann endlich als die radikalfeministische Dolchstoßlegende erkannt werden, die er eigentlich ist.

An manchen anderen Faktoren kann die Politik dagegen wenig ändern. Solange in Unternehmen Teilzeitkräfte keine Karrierechancen haben oder Frauen noch immer bevorzugt Berufe arbeiten, in denen man nun mal nicht besonders gut verdient, dürfte auch die partnerschaftliche Aufteilung der Familienarbeit schwierig bleiben.

Immerhin noch ein Fünkchen Wahrheit am Ende des Artikels: Die Politik kann nur begrenzt steuern; es ist auch generell fraglich, ob sie sich in die Lebensentwürfe von Menschen einmischen soll, die großen Teilen in Harmonie einen Weg finden. Wenn es sich finanziell lohnt, eben nicht alles 50/50 aufzuteilen, wäre es bescheuert, etwas anderes anzustreben, wenn man dafür keine starke Präferenz hat.

Frauen haben insofern eine große Steuerungsmöglichkeit, als sie selbst entscheiden können, was sie studieren bzw. zu was sie sich ausbilden lassen, wieviel sie dann arbeiten – und wen sie als Partner nehmen. Alle drei Faktoren bestimmen, ob es sich für die Familie lohnt, wenn sie wieder arbeiten geht (und der Mann dafür beruflich kürzer tritt), oder ob es ein harter Einschnitt wäre.

Aber auch Männer kommen in der Studie erstaunlich gut weg: Sie haben eine weitestgehend moderne Einstellung, legen auf Harmonie und Unterstützung der Frau wert.

Überhaupt zeichnet die Studie ein Bild von realistisch durchs Leben gehenden Menschen, die in Kooperation Entscheidungen treffen und damit leben, weil sie eine Familie gründen wollen. Nichts könnte weiter vom Geschlechterkrieg „Männer gegen Frauen“ entfernt sein, den uns einige radikale Aktivisten predigen. Ich muss Klaus Kelle also nach dem Lesen der Studie mit seiner Beurteilung zustimmen.

Einen Punkt möchte ich besonders hevorheben: Die Formulierung „Wenn sie auf nichts Rücksicht nehmen müssten“ (S. 50), mit der die „ideale“ Situation beschrieben wird. Hier ist die Allensbach-Studie erstaunlich dumm.

Wenn ich auf nichts Rücksicht nehmen müsste, würde ich erst gar nicht mehr arbeiten gehen! Das wäre für mich ideal.

Sich für etwas zu entscheiden bedeutet auch immer auf die anderen Möglichkeiten zu verzichten. Das Leben ist kein Schlaraffenland.

Oder wie es der Schwulemiker (alias Adrian) formulierte:

Es kann aber nicht jeder so leben wie er möchte, weil wir in einer Welt knapper Ressourcen leben und daher wirtschaften müssen. Weil wir in Gesellschaft leben und daher das eigene Interesse stets mit den Interessen aller anderen in Balance gebracht werden muss.

Das Leben ist kein Ponyhof!

Genau das haben die Befragten in der Studie verstanden – im Gegensatz zu den Leuten, die die Studienergebnisse formuliert haben. Oder wie der Vater in meinem Lieblingszitat auf S. 53 sagte: Das Leben ist kein Wunschkonzert – also machen wir das Beste daraus für alle Beteiligten.

Wenn das auch bei Manuela Schwesig ankommen würde und sie begreifen würde, dass die meisten Paare da weiter sind als sie selbst es ist, dann könnten wir uns über realitätsorientierte Familienpolitik unterhalten – ohne die stets implizierten Scheuklappen, dass die Frauen Opfer der Verhältnisse sind und die Männer rückschrittliche Egoisten.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Nach soviel Lesen etwas leichte Unterhaltung.

Sister Sledge: We Are Family

Warum ich keine Verschwörung gegen Frauen in DAX-Vorständen wittere

Bisherige Artikel zum Thema Statistik:

Im Februar wies Genderama auf einen Artikel hin, der die geringere Verweildauer von Frauen in DAX-Vorständen thematisierte. Bezeichnenderweise wurden diese Frauen bereits in der Überschrift als „gescheitert“ bezeichnet – und man hatte auch gleich eine Verschwörungstheorie parat: Wurden sie etwa in eine Falle gelockt? Ich habe mal die Regel gehört, dass wenn eine Zeitungsüberschrift aus einer Ja/Nein-Frage besteht, die Antwort „nein“ richtig ist.

Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand bei der Telekom, unterstützt jedoch diese These und wird mit den Worten wiedergegeben, „Frauen würden gezielt in die Falle gelockt“. Ein Catch-22 von dem Kaliber, wie ich es zuvor von Anne Wizorek kannte: Steigen Frauen nicht in höchste Positionen auf, ist das das Werk einer Männerverschwörung; tun sie es jedoch, ist es hingegen ein hinterhältiger Trick der Männerverschwörung. Alles und das Gegenteil davon zeigt, wie fies man zu Frauen ist. Der Erfolg ist nur eine Falle, damit Frauen keinen Erfolg haben!

Bereits einige Monate vorher, im November 2014, waren die Frauen, die aus den DAX-Vorständen scheiden, Thema der Unstatistik des Monats des Rheinisch-Westfälischen Institus für Wirtschaftsforschung. Diese Serie habe ich bereits einmal erwähnt – es lohnt sich, da am Ball zu bleiben.

Sie erwähnt einen Artikel vom August, in dem eben jener Thomas Sattelberger dieselbe These von der Verschwörung vorträgt. Als Zahlenbasis dienen dabei 8 von 17 Frauen und eine durchschnittliche Verweildauer von 3 Jahren (im Vergleich zu 8 bei Männern).

In dem Unstatistik-Artikel wird gleich das wichtigste Argument genannt: Eine so geringe Anzahl von Fällen läßt keine statistisch signifikante Analyse zu. Beweisen läßt sich damit also gar nichts.

Aber es folgt angenehmerweise sogar eine ganz schlüssige Erklärung: Zum einen sind die Frauen häufiger Quereinsteiger, zum anderen besetzen sie oft das Personalressort. Beides ist mit häufigeren Wechseln verbunden. Unter Berücksichtigung dieser Umstände ergebe sich auch kein Unterschied zwischen den 24 Frauen und 209 Männern, die seit 2007 in den Vorstand eines DAX-Unternehmens berufen worden seien.

Diese kurze, klar verständliche Erklärung war also bereits Ende 2014 verfügbar. Trotzdem wird Anfang diesen Jahres weiter die Mär von der Verschwörung gegen die Frauen verbreitet.

Jetzt mal ganz anders gefragt: Was hat Thomas Sattelberger davon, immer wieder mit derselben (falschen, aber offensichtlich populären) Behauptung in der Zeitung zu stehen? Hat er etwas zu verkaufen, das er damit bewerben möchte? Oh, der neuere Artikel erwähnt es gleich: Es geht um sein Buch „Ich halte nicht die Klappe. Mein Leben als Überzeugungstäter in der Chefetage„. Das soll wohl mutig klingen, könnte aber ebensogut auf einen Menschen hinweisen, der ideologisch motiviert vorgeht.

Beachtlich finde ich dabei zweierlei: Zum einen, dass das Ausscheiden der Frauen aus den DAX-Vorständen als „Scheitern“ angesehen wird, obwohl es laut Statistik nichts Ungewöhnliches ist. Zum anderen, dass offenbar keiner der Frauen zugetraut wird, sich auf dieser Stufe der Karriere durchzusetzen – im Zweifelsfall auch gegen Skeptiker oder erschwerte Bedingungen (Umstände übrigens, die Männern so weit oben vollkommen unbekannt sein müssen; da scheint es irgendwann ohne Aufwand von alleine zu laufen). Frauen werden also von denjenigen als unfähige Versager angesehen, die vorgeben, ihnen helfen zu wollen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es um Möglichkeiten und Kohle machen geht…

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