Fundstück: Leszek gegen die Theorie, dass die Leute nicht mehr heiraten

Öfters ist die These zu lesen, dass die junge Generation immer weniger heiratet. Dagegen argumentierte Leszek bei Alles Evolution und nannte entsprechende Veröffentlichungen als Quellen.

Die Kurzfassung:

Die Mehrheit der Männer und Frauen hat nicht nur ein Bedürfnis nach wechselnden Partnern, sondern auch ein Bedürfnis nach der Liebe, Geborgenheit und Unterstützung, die eine dauerhafte Beziehung gewährt. Auch dies ist ein bei beiden Geschlechtern vorhandenes Bedürfnis.
(…)
Die große Mehrheit der jungen Deutschen präferiert also dauerhafte Beziehungen bei gleichzeitiger Gewährung von Freiräumen. Dies – und nicht die Ablehnung dauerhafter Beziehungen – ist die Grundtendenz der meisten Deutschen der jüngeren Generationen bezüglich partnerschaftlicher Beziehungen.
(…)
Trotz aller vorhandenen gegenläufigen Tendenzen: Ehe und Familie sind in Deutschland kein Auslaufmodell.

Die Langfassung:

Die Interessen der Geschlechtern sind vielschichtig, enthalten widersprüchliche und gegenläufige Tendenzen und sind keinesfalls damit auf einen Nenner zu bringen, dass Frauen und Männer an sich einfach nicht zusammenpassen und es ohne Repression keinen Familien geben könne.

Die Mehrheit der Männer und Frauen hat nicht nur ein Bedürfnis nach wechselnden Partnern, sondern auch ein Bedürfnis nach der Liebe, Geborgenheit und Unterstützung, die eine dauerhafte Beziehung gewährt. Auch dies ist ein bei beiden Geschlechtern vorhandenes Bedürfnis.

Mal ein paar Zitate zum Forschungsstand der Beziehungs-, Ehe- und Familienforschung:

„Traut man aktuellen Umfrageergebnissen – amtliche Daten liegen nicht vor – , so liegt der Anteil der echten Partnerlosen im traditionellen Familienlebensalter (unter den 30 – 59-Jährigen) inzwischen bei ca. 20 Prozent mit leicht ansteigender Tendenz.“

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 24)

Trotz der leicht ansteigenden Tendenz also eine klare Minderheit.
„Ist Partnerlosigkeit eher gewollt oder ungewollt? (…) In der Studie von Gunter Schmid und seinem Forscherteam fällt (unter den Partnerlosen) in allen Generationen der hohe Prozentsatz – je nach Generation zwischen 35 und 45 Prozent – der Ambivalenten auf (Schmid u.a. 2006). Einerseits, so ergab die Befragung besteht der Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Rückhalt, andererseits genießt man die eigene Unabhängigkeit und will sich nur ungern einschränken.“

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 27)

„ Den Partner zu lieben und ihm Freiräume zu gewähren – das sind nach Ansicht junger Deutscher die Schlüsselkomponenten einer guten Beziehung. Eine Partnerschaft funktioniert gut, wenn man dem anderen Freiräume lässt, meinen 98 Prozent der der vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung Befragten 20 – 39-Jährigen“ (BiB , Grafik des Monats August 2014).

(aus: Rüdiger Peuckert – Das Leben der Geschlechter. Mythen und Fakten zu Ehe, Partnerschaft und Familie, Campus, 2015, S. 28)

Die große Mehrheit der jungen Deutschen präferiert also dauerhafte Beziehungen bei gleichzeitiger Gewährung von Freiräumen. Dies – und nicht die Ablehnung dauerhafter Beziehungen – ist die Grundtendenz der meisten Deutschen der jüngeren Generationen bezüglich partnerschaftlicher Beziehungen.

Wie sieht es konkret mit Familien mit Kindern aus?

„Wie hoch ist der Anteil von Menschen, die (noch) in Familien leben? Immer wieder kann man in Medienberichten lesen, die „Normalfamilie“ sei bereits in der Minderheit. (…) Aber häufig beruhen solche Aussagen auf einer Fehlinterpretation statistisch-demographischer Daten. Statistiken über Haushaltsformen zeigen, dass die Kategorie „ Ehepaare ohne Kinder“ inzwischen einen relativ hohen Anteil ausmacht, sogar höher als die Kategorie „Ehepaare mit Kindern“. 2003 stieg der Anteil der Ehepaare ohne Kinder im Haushalt erstmals auch in Westdeutschland über den von Ehepaaren mit Kindern (in Ostdeutschland schon 1999). Nur noch etwa ein Viertel aller deutschen Haushalte ist ein Familienhaushalt (im Sinne von: Paare mit Kindern unter 18 Jahren im Haushalt).
Das lässt auf den ersten Blick den Schluss zu, Familienhaushalte seien nur noch eine Minderheit, „Ehepaare ohne Kinder“ sei die relativ häufigste Lebensform – und meist implizit, aber durchaus auch explizit wird suggeriert, es handle sich dabei um kinderlose Elternpaare. Aber das ist natürlich falsch. In der Haushaltsstatistik sind als „Ehepaare ohne Kinder“ alle Ehepaare gezählt, bei denen aktuell keine Kinder im Haushalt wohnen. Und weil die Menschen immer länger leben, steigt der Anteil der älteren Ehepaare, deren Kinder längst den Haushalt verlassen und einen eigenen gegründet haben. In einer personenbezogenen Perspektive zeigt sich, dass die Mehrheit der Bevölkerung immer noch in Familienhaushalten mit Kindern leben. Ihr Anteil lag im Jahre 2005 – wenn auch bei rückläufiger Tendenz – bei 53 Prozent. Die Rückläufigkeit hat mehrere Gründe. Neben dem Geburtenrückgang gehört auch die gestiegene Lebenserwartung dazu. Dies senkt den Anteil der Familienhaushalte (…). Darüber hinaus zeigt die Haushaltsstatistik nur eine Momentaufnahme. Man müsste wissen, wie lange und in welchen Lebensphasen Menschen sich in dieser oder jener Lebensform befinden. Dafür gab es bis vor kurzem keine statistischen Daten, doch das Problem ist erkannt, und die Lebensverlaufsforschung beginnt, diese Lücken zu schließen.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 28 f.)

„Was wir immerhin aus der Statistik wissen, ist das erstaunliche Faktum, dass die Ehedauer zugenommen hat. Die durchschnittliche Ehedauer lag im Jahre 2004 bei mit 26,8 Jahren um 2, 9 Jahre höher als 1991. Das überrascht, wenn man an den Aufschub der Eheschließung und den Anstieg der Scheidungsquote denkt. Die Erklärung ist auch hier in der erhöhten Lebenserwartung zu suchen.
Immerhin könnte der Eindruck entstehen, Ehe und Familie seien zumindest bei den jungen Erwachsenen bereits zur Lebensform einer Minderheit geworden. Vergleicht man aber die Anteile von nichtehelichen Lebensgemeinschaften mit denen von verheirateten Paaren in verschiedenen Altersgruppen, dann findet man selbst unter den jungen Erwachsenen bereits mehr verheiratet zusammenlebende als nichteheliche Paare.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 35)

„Das Ausmaß der Ehescheidungen ist schwieriger zu belegen als man meinen könnte. Die Aussage, dass heute immer mehr Ehen nicht durch Verwitwung, sondern durch Scheidung aufgelöst werden, ist sicher richtig, obwohl sie sich strenggenommen mit den Maßzahlen der Demografie nicht belegen lässt, jedenfalls nicht für die letzten Jahre. Denn dafür müsste man zum Beispiel wissen, wie hoch die Anteile der Verwitwungen und der Scheidungen bei den 1980, 1990 oder 2000 geschlossenen Ehen sind. Das wissen wir jedoch für jene Ehen aus diesen Jahren noch nicht, die noch intakt sind, – und das ist die Mehrheit. Zumindest in langfristiger Perspektive ist aber klar, dass der Anteil der durch Scheidung aufgelösten Ehen steigt, was sich nicht nur mit einer erhöhten Scheidungsbereitschaft (…) erklären lässt, sondern zu einem nicht unerheblichen Ausmaß auch mit der gestiegenen Lebenserwartung , weil dadurch die Ehedauer ansteigt und damit auch das Scheidungsrisiko.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 59)

„In der Öffentlichkeit wird gern gesagt: „Jede dritte Ehe wird heute geschieden“, oder auch: „Zwei von fünf Ehen werden geschieden.“ Solche Aussagen beziehen sich auf die einfache Periodenmaßzahl, bei der die Zahl der Ehescheidungen im Laufe eines bestimmten Jahres auf die Zahl der Eheschließungen im gleichen Zeitraum bezogen wird. Die zitierten Äußerungen sind insofern Vereinfachungen. Erst wenn dieses Verhältnis über einen längeren Zeitraum hinweg konstant bliebe, ließe sich eine Aussage über die Entwicklung der Ehe machen. Demgegenüber zeigen Kohortendaten, dass das Ausmaß an Scheidungen bisher meist überschätzt wird.“

(aus: Günter Burkart – Familiensoziologie, UTB, 2008, S. 60)

Diese Aussagen aus der familiensoziologischen Forschung mal als Beispiele für die tatsächliche Komplexität, die man bei solchen Themen in wissenschaftlicher Perspektive zu berücksichtigen hat und die nicht einfach nur aus ein paar Phrasen aus Evolutionärer Psychologie oder gar PU abgeleitet werden kann.
Trotz aller vorhandenen gegenläufigen Tendenzen: Ehe und Familie sind in Deutschland kein Auslaufmodell.

Es stimmt natürlich, dass man Ehe und Familie durch starre traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Repression künstlich stabilisieren kann. Das funktioniert aber nur auf Kosten einer freiheitlichen und auf den Menschenrechten beruhenden Gesellschaft, also auf Kosten der kulturellen Moderne. Wer keinen Rückfall in die archaischen mythologischen Systeme der Prämoderne wünscht, wer die moderne Gesellschaft und ihre Errungenschaften erhalten will, der wird andere Lösungen finden müssen als starre traditionelle Geschlechterrollen und sexuelle Repression um Ehe- und Familienstabiltät zu fördern und dazu gehört mindestens Gerechtigkeit für beide Geschlechter im Ehe- und Familienrecht in Theorie und Praxis.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Darf als Lied beim Thema Familie natürlich nicht fehlen…

Sister Sledge: We Are Family

Gastartikel: crumar und die dicken Bretter, zweiter Teil

crumar hat sein Wort gehalten und tatsächlich Teil zwei geschrieben! Die Links habe ich ergänzt.

Ich möchte an meinem historischen Rückblick ansetzen, der im ersten Teil einen Bruchpunkt in *einem* Forum charakterisierte, nämlich den bei „telepolis“ zu einem feministischen Artikel von Birgit Gärtner im Jahr 2010.
Hier wurde die Autorin offensichtlich von der Redaktion wegen der Forenreaktionen gezwungen, den ursprünglichen Test um die gröbsten Falschaussagen zu bereinigen und erneut zu veröffentlichen.

D.h. die „Offensive in der Defensive“ – nämlich engagiert aus der Sicht des Lesers zu kritisieren – hatte Früchte getragen, auch weil „heise“ von seiner liberalen Moderationspraxis nicht abließ (ausdrücklich hervorgehoben).

Zwei Jahre später, also 2012 gab es zwei Ereignisse, die ich als Dammbruch charakterisieren würde und die fast zeitgleich erfolgten:

Am 12.4. erschien „Das verteufelte Geschlecht“ von Christoph Kucklick in der „Zeit“ und lenkte unsere Aufmerksamkeit auf die *eigentlichen* gesellschaftlichen und historischen Gründe für die Entstehung *gesellschaftlich akzeptierter* Männerfeindlichkeit:

Der Feminismus hat die Ideologie der bösen Männlichkeit nicht erfunden, er hat diese nur für eigene Zwecke genutzt und oft sogar richtige und politisch segensreiche Schlüsse daraus gezogen.
Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann ist weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle: zu Beginn der Moderne, um 1800. Die Geburt des maskulinen Zerrbildes ist also unmittelbar mit der Geburt der modernen Gesellschaft verbunden, seither schreiten beide, Moderne und verteufelte Männlichkeit, gemeinsam und untrennbar durch die Historie.
Das Unbehagen an der Moderne wurde zum Unbehagen am Mann.
Und umgekehrt.

http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner/seite-2

Der Lerneffekt: Wer den feministischen Begriff der „toxic masculinity“ bekämpfen will, indem er den Feminismus bekämpft, betreibt ein Art Schattenboxen.
Der Artikel ist in Gänze lesenswert! Sein Buch „Das unmoralische Geschlecht“ (quasi als Antwort auf „Das moralische Geschlecht“ von Lieselotte Steinbrügge geschrieben) wird bereits als Klassiker der Männerbewegung angesehen.
Da es sich um eine gekürzte Fassung seiner Promotion handelt, die nicht einfach zu lesen ist, empfehle ich eine Zusammenfassung in mehreren Teilen von Lucas Schoppe:

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht.
Teil 1: Warum Männerfeindschaft modern ist
Teil 2: Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit
Teil 3: Politik und Kinderfeindschaft
Teil 4: Zeit für neue Lieder

Am 18.4. erschien beim „Spiegelfechter“ die „Eckpfeiler einer linken Männerpolitik“ von Arne Hoffmann und hier sind die Eckpunkte weniger wichtig, als herauszustellen, dass nach satten 1234 Kommentaren in drei Wochen das Forum geschlossen werden musste.
Eine solche Resonanz auf einen Beitrag eines ausgewiesenen Männerrechtlers hatte es bisher nicht gegeben.
Ebenso wenig die Möglichkeit, auf einem Blog zu veröffentlichen, von dem bekannt ist, der Autor schreibt in und für die „Nachdenkseiten„, einem im linken sozialdemokratischen Spektrum verortbaren Blog.

Nachdem sich Arne Hoffmann mit „Genderama“ zudem als „Blog des linken Flügels der antisexistischen Männerbewegung (Maskulismus)“ positionierte, waren sämtliche Versuche, die Männerechtsbewegung als „rechts“ zu denunzieren und auszugrenzen lächerlich geworden.
Endgültig mit Erscheinen von „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ 2014, einem absoluten Klassiker des linken Flügels der Männerrechtsbewegung. Nichtsdestotrotz gibt sich das Wikipedia-Geschwader von Fälschern, namentlich Fiona und nico b., natürlich noch immer Mühe seinen Eintrag „korrekt“ zu redigieren (ihn also als „rechts“ anzuschmieren).

Nachdem ich diese beiden Männer vorgestellt habe, ist es wichtig, sich deren akademischen Werdegang anzusehen: Christoph Kucklick studierte Politikwissenschaften und Soziologie in Hamburg, Arne Hoffmann Medienwissenschaften in Mainz.
Damit kann übergeletet werden zur politischen Forderung, die Geisteswissenschaften abzuschaffen: Ich halte diese Forderung für falsch.
Sie ist nicht nur falsch, weil die besten Kritiker des Feminismus und Genderismus offensichtlich selber Geisteswissenschaftler sind und diese Forderung auf ihre Selbstabschaffung hinauslaufen würde.

Sondern weil sich in der hier gestellten Frage, ein grober politischer Fehler, nämlich aus einem Gefühl von OHNMACHT abgeleitete Politik verbirgt:

Wie viele Geisteswissenschaftler gibt es denn, die man von feminismuskritischen Positionen oder gar von männerrechtlichen Positionen überzeugen könnte? Nach meiner Einschätzung sind das nicht viele.

Zunächst eröffnet Siggi eine m.E. falsche Frontstellung, nämlich WIR gegen „die Geisteswissenschaften“, die nicht existiert – siehe eben Arne Hoffmann und Christoph Kucklick.
Aber weil ein Gefühl der Ohnmacht ihm sagt, dass Geisteswissenschaftler per se nicht von unseren Argumenten zu überzeugen sind, muss eben „die Geisteswissenschaft“ sterben.

Das klingt zunächst einmal radikal, im Kern steht jedoch entweder das Eingeständnis der Ohnmacht, andere mit Argumenten nicht überzeugen zu können, weil diese ideologisch verbohrt sind oder das Eingeständnis unserer Schwäche, weil wir argumentativ nicht gut genug sind.

Da ich selbstbewusst genug bin zu behaupten, letzteres trifft nicht zu, läuft seine Forderung darauf hinaus, allen Geisteswissenschaften pauschal zu unterstellen, es handle sich um männerfeindliche, feministische Ideologieproduzenten.
Den Beweis für eine solche Behauptung kann jedoch nicht erbracht werden.

Nur weil sich eine feministische Bürokratie aus den Geisteswissenschaften rekrutiert, kann man nicht alle Geisteswissenschaften in Sippenhaft nehmen und kollektiv bestrafen.
Darauf läuft der Vorschlag aber hinaus und allein deshalb finde ich ihn grenzwertig.
Wenn man „die Feministische Infrastruktur und den Staatsfeminismus“ in seiner Macht beschränken willst, dann sollte DAS ein Thema sein.
Mitm erklärt hier, was wir darunter verstehen: maninthmiddle.blogspot.de/p/staatsfeminismus.html

Anders verhält es sich bei den „gender studies“, aber aus anderen, guten Gründen anders.
Leszek (ein Sozialwissenschaftler, übrigens) schrieb auf „Alles Evolution“ im Rahmen einer Antwort auf die Vorschläge:

Innerhalb der Geschlechter-Soziologie dominieren heute leider die Gender Studies. Ich bin allgemein dafür die Gender Studies einer gründlichen Evaluation zu unterziehen und dann alle Personen rauszuwerfen, die nicht wissenschaftlich arbeiten – wobei ich vermute, dass dann wenig von den Gender Studies übrigbliebe.

D.h. Leszek kritisiert die Unwissenschaftlichkeit der „gender studies“, die also (sozial/geistes-) wissenschaftlichen Standards nicht genügen.
Eine Wissenschaft zu kritisieren, bloß weil sie eine andere, von uns nicht gewünschte Positionen vertreten ist nicht ausreichend.
Sie aus diesen Gründen abschaffen zu wollen, wäre haargenau das, was wir unseren politischen Gegnern vorwerfen: Zensur und Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft.

Ich werfe Siggi nicht vor, dass er solche Auffassungen selber hat, sondern für die „radikalen Forderungen“, die Siggi präsentiert sehe ich andere Ursachen, die Leszek ebenfalls (kritisch) anführt:

Es ist m.E. recht offensichtlich, was der wesentliche Grund dafür ist, dass die Männerrechtsbewegung nicht schneller vorankommt: weil sie vor allem eine Internetbewegung darstellt und außerhalb des Netzes kaum in Erscheinung tritt.

Die Männerrechtsbewegung tut bislang das nicht, was jede andere soziale Bewegung auch tun musste um erfolgreich zu sein, nämlich auch im öffentlichen Raum als konstruktive soziale Bewegung in Erscheinung treten und gewaltfreie Aktionen durchführen. (…)

Solange Männerrechtler keine gewaltfreien Aktionen durchführen, wird sich der Fortschritt für die Männerrechtsbewegung eben langsamer vollziehen als es eigentlich möglich wäre.

https://allesevolution.wordpress.com/2017/02/08/es-wird-zeit-fuer-plakative-forderungen-fuer-extrempositionen-die-nur-im-indirektem-zusammenhang-mit-jungen-und-maennerrechten-stehen/#comment-279970

Ich sehe die Forderungen vor dem Hintergrund, dass wir uns in einer politischen Internetbewegung befinden, die alle Kennzeichen einer gefährlichen Filterblase hat.
Vor allem, sich und uns selbst ins Nirwana zu radikalisieren.
Seit 2012 (länger sind die meisten nicht tätig) geht es rasant aufwärts mit männerrechtlichen/maskulistischen Blogs, mit Kommentaren mit youtube-Videos usw., aber der Internet-Aktivismus springt nicht auf das echte Leben über.
Der Fehler ist m.E. angesichts dieser Rasanz der Entwicklung im Internet ungeduldig zu werden, weil man die Internetbewegung mit einer wirklichen politischen Bewegung verwechselt.
Das sind wir aber (noch) nicht.
Es würde helfen, wenn wir uns das eingestehen, geduldig bleiben, weiter männerfeindliche Scheiße fressen und dicke Bretter bohren (am Ende werden wir natürlich sowieso siegen).
Und irgendwann mal den Arsch hoch bekommen – „Komm ins Offene, Freund!“ 😉

Ende Teil 2

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Dass mich crumar daran erinnern muss…

Peter Licht: Wir werden siegen

Fundstück: „The Gender Equality Paradox“ von Harald Eia

Mit der Serie „Brainwash“ lieferte der norwegische Soziologe Harald Eia ein Meisterstück ab: Ohne sich selbst dabei allzu ernst zu nehmen, zeigte er durch eine Reihe von Interviews, wie Erkenntnisse aus der Biologie von Wissenschaftskollegen in der eigenen Heimat ignoriert wurden. Gerade die Kenntnis des weltweiten Forschungsstandes hätte aber die Befürchtungen entkräftigt, eine Anerkennung biologischer Grundlagen würde Rassismus rechtfertigen (können) oder bedeute Determinismus („slippery slope“).

Die interessanteste Folge für den Einstieg ist die über das sogenannte „Gender Equality Paradox“. Gemeint ist damit, dass sich ausgerechnet in den Ländern mit der höchsten gesellschaftlichen Gleichberechtigung die größten Unterschiede in der Berufswahl zwischen Männern und Frauen finden. Müsste es denn nicht so sein, dass Menschen, die frei wählen können, unahängig vom Geschlecht im Schnitt dasselbe wollen?

Zurecht wird der Beitrag immer wieder erwähnt, so etwa im Grundsatzartikel von Erzählmirnix zum Mythos Gender Pay Gap und zuletzt in der Diskussion hier im Blog. Ich habe bei Youtube verschiedene Versionen gefunden, die ich alle aufführe, falls mal eine der Quellen gelöscht wird:

Original mit englischen Untertiteln

Alternativquelle OmEU:

Teile 1, 2, 3 als Original mit Untetiteln:

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Auch wenn die Serie nicht behauptet, die Leute seien einer Gehirnwäsche unterzogen worden, fiel mir zuerst dieser Titel ein…

New Radicals: Maybe You’ve Been Brainwashed Too

Fundstücke: Alte Hüte, die uns als neu verkauft werden

Faszinierend, wie oft sich „neue“ oder „revolutionäre“ Konzepte als alter Wein in neuen Schläuchen herausstellen. Drei Beispiele, die mir einfallen:

Intersektionalismus

Wie crumar bei Alles Evolution feststellt:

Was mich am meisten ärgert ist, dass die Intersektionalistinnen schamlos plagieren und so tun, als hätten sie etwas neues erfunden.

Dabei ist der echte Erfinder des Intersektionalismus mit folgendem griffigen Bild hervorgetreten:

Die „Katholische Arbeitertochter vom Land

Der Begriff geht auf Ralf Dahrendorf zurück im Zusammenhang mit Bildungsnachteilen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen (Arbeiter, Landbevölkerung, Mädchen, Katholiken). Er stammt aus dem Jahr 1966.

crumar weiter:

Was uns als neu verkauft wird, hat als Erkenntnis ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel.
(…)
Wenn sich in einer untersuchten Gruppe der Bevölkerung *zu einer bestimmten Zeit*, bestimmte Teilgruppen *nicht* befinden und dies an der Verkettung mehrerer Nachteile liegt, die empirisch nachweisbar sind – dann ist der Schluss von Dahrendorf richtig.
Er schloss von einer *empirischen Beobachtung* der Bevölkerung auf die Existenz von Nachteilen von Bevölkerungsgruppen.

Was die Intersektionalistinnen jedoch tun, ist eine ahistorische, (a-)kontextuelle UMKEHRUNG dieser Vorgehensweise.
Hier ist für immer und von vorne herein *gesetzt*, wer „diskriminiert“ ist.
(…)
Eine Wissenschaft, bei der von Beginn an die Resultate feststehen hat aufgehört Wissenschaft zu sein.

die gläserne Decke

LoMi in den Kommentaren zum selben Artikel:

Die „gläserne Decke“ ist übrigens schon vor gut 100 Jahren eingeführt worden als „ständische“ Dimension und zwar durch Max Weber. Dieser hatte sehr wohl erkannt, dass nicht alle Ungleichheit das Ergebnis von Besitzverhältnissen ist, sondern dass gewisse privilegierte Gruppen nach eigenen Kriterien von sich aus Menschen ausschließen.

Männer böse, Frauen gut

Lucas Schoppe: Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht.

  1. Warum Männerfeindschaft modern ist
  2. Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit
  3. Politik und Kinderfeindschaft
  4. Zeit für neue Lieder

Kernidee: Die Idee, dass Männer schlecht sind und Frauen gut, ist etwa 200 Jahre alt. Die Veränderungen, die die Gesellschaft durch die Moderne mitmacht, werden holzschnittartig auf die beiden Geschlechter heruntergebrochen: Der Mann, das schrecklich-entfremdete Wesen, die Frau, das natürlich-bewahrende Wesen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei dem Gedanken, dass unterschiedliche Zeiträume durcheinander geworfen werden, fiel mir ein entsprechender Liedertitel ein:

Udo Jürgens: 1000 Jahre sind ein Tag

Kurznachrichten vom 08.09.2016

1: Die Nazi-Hatz der Amadeo Antonio Stiftung treibt immer seltsamere Blüten. Kurze Durchsage an alle Eltern: Wenn Sie eine Tochter im Kindergartenalter haben, die auch noch blond ist: Flechten Sie ihr auf gar keinen Fall Zöpfe und schicken Sie sie nicht mit langen Röcken in die Kita! Sonst könnte es Ihnen passieren, dass eine übereifrige Betreuerin Sie zweifelsfrei als rechtsextrem, mindestens jedoch als strenggläubige Evangelikale identifiziert. Und ausgerechnet die ansonsten kreuzbrave Apotheker-Zeitung „Baby & Familie“ macht bei diesem Unfug auch noch mit. Alexander Wallasch hat sich das bei Tichys Einblick genauer angeschaut:

„Kinder rechter Eltern sind nicht unbedingt anders als Kinder anderer Eltern. Sie fallen manchmal erst nach längerer Zeit auf, zum Beispiel, weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind.“ Oh je, achten Sie also darauf, dass ihre Kinder möglichst ADHS haben und färben sie deren blonden Haare schwarz – dazu aber später noch. […]

Es ist furchtbar, wenn sie dann als Fachfrau weiter erklärt, „akkurat geflochtene Zöpfe und lange Röcke“ wären so ein Warnsignal und Hinweis auf rechte Eltern. Weiter: Kinder solcher Eltern würden keine amerikanischen Schriftzüge auf ihrer Kleidung tragen.

So geht es über Seiten weiter. Es braucht hier alle Geduld und Ruhe, Ihnen als Leser das weiter zu schildern, was einem hier den Mageninhalt so zielgenau nach oben befördern möchte. […]

Lieber schwadroniert man weiter, wie diese Adolfs und Evas ihre stillen gehorsamen Kindchen in die Kita schleusen, um dann selbst über ein Elternengagement für die nächsten tausend Jahre das Kita-Zepter zu übernehmen: „Die Eltern sind nett und engagiert. Sie bauen persönliche Beziehungen auf und übernehmen gerne Ämter im Elternbeirat.“ erzählt die Soziologin Köttig. Ja, das ist tatsächlich schlimm. […]

Der Artikel ist durchillustriert […] mit Frauen und Mädchen mit geflochtenen blonden Zöpfen. Also: blond, blöd, böse. Hier wird nun wirklich kein rassistisches Klischee mehr ausgelassen. So hochqualitativ die Illustration, so widerlich rassistisch die Intention dahinter.

Ein Kommentator unter dem Artikel fasst es so zusammen:

Die Amadeu-Antonio-Stiftung wird bekanntlich dafür bezahlt, dass sie Rassismus und Hetze findet. Irgendwie hat man aber offensichtlich versäumt, ihnen zu sagen dass sie dafür nicht außer Haus gehen brauchen.

2: Auf der Achse des Guten beschreibt der Biologie-Dozent Axel Robert Göhring, was er so in einem Gender-Seminar für Universitätsdozenten erlebt hat. Sehr amüsant zu lesen, allerdings schon etwas älter. Die Erstveröffentlichung war schon im Mai, auch bei Tichy.

3: Auch schon ein wenig älter, aber dennoch noch interessant: Ausgerechnet der Groß-Philosoph Peter Sloterdijk hat einen Roman geschrieben, der sich mit Erotik beschäftigt und speziell mit dem Orgasmus der Frau. So wirklich erotisch scheint das laut der Kritik auf der Website von N24 nicht geraten zu sein, aber zumindest hat sich Sloterdijk offensichtlich nicht um Political Correctness geschert.

4: Eine Studie der Michigan State University will herausgefunden haben, dass entgegen bisheriger Annahmen häufiger Sex nicht gesund ist, sondern dies nur für Frauen gilt. Bei Männern dagegen, die einmal die Woche Sex haben oder öfter, sei das Risiko für Herzinfarkte und andere Herz- und Kreislauferkrankungen ab dem 50. Lebensjahr signifikant erhöht.

“Strikingly, we find that having sex once a week or more puts older men at a risk for experiencing cardiovascular events that is almost two times greater than older men who are sexually inactive,” said Liu. “Moreover, older men who found sex with their partner extremely pleasurable or satisfying had higher risk of cardiovascular events than men who did not feel so.” […]

Ultimately, while moderate amounts of sex may promote health among older men, having sex too frequently or too enjoyably may be a risk factor for cardiovascular problems, Liu said. “Physicians should talk to older male patients about potential risks of high levels of sexual activity and perhaps screen those who frequently have sex for cardiovascular issues.”

Nicht nur je mehr man(n) Sex hat, sondern auch je mehr man(n) Spaß daran hat, desto gefährlicher lebt man(n). Ah ja. Und rausgefunden haben das nicht etwa Ärzte, sondern Hui Liu, eine Professorin für Soziologie.

Gehts noch? Ich glaub davon kein Wort. Haben die sich da ein Gender Studies U-Boot eingefangen, wo mal wieder vorher feststand, was rauskommen soll? Wollen die uns jetzt den Sex vermiesen? Ich denke, es kommt ja wohl immer noch darauf an, wie stressig das übrige Leben ist, speziell das Arbeitsleben, und natürlich auch, wie gut man im Training ist. Man könnte sich da diverse andere Erklärungsmöglichkeiten vorstellen. Z.B. dass Männer, die allgemein aktiver sind, einfach auch beim Sex aktiver sind und dementsprechend mehr haben. Oder dass Männer, die mehr arbeiten und einen stressigeren Job haben, Sex gerne als Ausgleich benutzen, und ihn deshalb auch mehr brauchen und suchen. Ich fürchte, da ist mal wieder aus einer Korrelation eine vermeintliche Kausalität gezogen worden.

Und selbst, wenn das alles wahr wäre: Hey, no risk, no fun! Wozu länger leben, wenn man dabei keinen Spaß hat?!

5: Intensiv diskutiert wird im Netz gerade ein Artikel der laut eigener Aussage mit Bestnote promovierten Geisteswissenschaftlerin Britta Ohm, die sich mit prekären befristeten Jobs an der Uni und schlecht oder gar nicht bezahltem Engagement in ihrem Fach herumschägt und nun ihre Erlebnisse auf dem Arbeitsamt (ähm, „Jobcenter“ natürlich) zum besten gibt. Erschienen zuerst bei den Blättern für deutsche und internationale Politik, dann auf Telepolis, bei letzterem nach zwei Tagen schon mit mehr als 1000 Kommentaren. Dabei beklagt sich die Autorin, dass ihr das Arbeitsamt beim besten Willen keinen Job anbieten kann, der ihrer Qualifikation gerecht wird. Stattdessen werden ihr nur Aushilfsjobs (Erdbeerpflücken) oder eine Umschulung zur kaufmännischen Fachkraft angeboten. Schuld an der Misere sind der Staat, der Neoliberalismus, die Exzellenzinitiative, der Umbau der Universitäten, die Hartz IV-Gesetze. Nicht schuld ist die eigene Studienfachwahl, wie Hadmut Danisch in, nun ja, gewohnt rustikaler Art kommentiert. Vom Ton her finde ich Danisch teilweise extrem pauschal, inhaltlich macht er aber einige Punkte. Und ich stimme mit ihm überein, dass die Autorin zumindest in Sachen Exzellenzinitiative absolut berechtigte Kritik anbringt.

Dennoch klingt mir der Beitrag von Ohm extrem nach dem Anspruch, einen Job im studierten Fach bekommen zu können. Da liegt sie aber falsch. Nur weil der Staat die freie Fachwahl erlaubt, heißt das noch lange nicht, dass man hinterher auch Anspruch auf einen Job an der Uni hätte. Die einzige Alternative, um die Schwemme an nicht benötigten Geisteswissenschaftlerinnen in den Griff zu bekommen, wäre die Einführung eines rigorosen Numerus Clausus. Aber will man das wirklich?

6: Das Bundesfamilienministerium macht weiter Propaganda mit dem angeblichen 21% Gender Pay Gap. Wer sichs anschauen mag:

Auch hier wieder wird nicht mehr von „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ geredet. Die offizielle Sprachregelung ist inzwischen „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“. Wer bestimmen soll, welche Jobs gleichwertig sein sollen, wird aber nicht gesagt.

Und ich dachte immer, der Wert einer Sache bemisst sich danach, was jemand anderes bereit ist, dafür zu zahlen. Mit anderen Worten, gleichwertige Jobs sind genau die, für die das gleiche bezahlt wird. Sprich: Der Satz „Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ ist eigentlich eine Tautologie. Problem gelöst! Aber wahrscheinlich ist das viel zu naiv gedacht von mir unwissendem Dummerchen.

Fundstück: Leszek zu der Frage, warum Soziologen so selten Gender Studies kritisieren

In der Diskussion des gestrigen Artikels kamen von LoMi zwei Empfehlungen:

– die herrschenden sozialwissenschaftlichen “Theorien” oder Theorien müssen auch sozialwissenschaftlich kritisiert werden ==> wissenschaftliche Hygiene
– die Geschlechterforschung muss deutlich interdisziplinärer werden ==> bessere Gegenstandsangemessenheit

Das ist eine Steilvorlage für zwei weitere Artikel, die ich ohnehin schon ganz oben auf meiner Liste hatte. Zur ersterem hatte sich Leszek bei Alles Evolution ausgiebig geäußert. (Ich empfehle auch den Original-Artikel, weil ich da stellenweise sehr lachen musste.) Weiter geht’s mit der „Wir zitieren Leszek-Aktion“!

Bezüglich der mangelnden Kritik der Soziologen an den Gender Studies wäre es wichtig die Gründe dafür zu analysieren und zwar aus einer realistischen Perspektive.
Folgende Gründe könnte es geben, warum ein Soziologe, der selbst keine Gender Studies betreibt, die Gender Studies nicht kritisiert:

– Er kann die Gender Studies ausreichend beurteilen und stimmt deren Positionen im Großen und Ganzen zu. (Das dürften wohl die Wenigsten sein, welcher Soziologe interessiert sich schon für Gender Studies und versucht sich da reinzuarbeiten?)

– Er kann die Gender Studies nicht auseichend beurteilen und assoziiert diese einfach irgendwie relativ vage mit Analyse und Kritik starrer traditioneller Geschlechterrollen, wogegen er nichts hat, kümmert sich ansonsten aber nicht um Gender Studies, sondern ist mit eigenen Projekten beschäftigt.

– Er kann die Gender Studies nicht ausreichend beurteilen und interessiert sich auch nicht dafür, hat dazu keine Meinung und ist mit eigenen Projekten beschäftigt.

– Er steht den Gender Studies kritisch gegenüber, hat aber keine Lust sich genauer in diese einzuarbeiten um eine fundierte Kritik zu formulieren, da er mit eigenen Projekten beschäftigt ist, die ihn mehr interessieren.

– Er steht den Gender Studies kritisch gegenüber, weiß aber, dass ihm Anfeindungen drohen (“Sexist”, “Antifeminist”, “rechts” etc.), wenn er sie öffentlich kritisiert, daher lässt er es lieber.

Man muss hier also im Hinterkopf haben:

Ein Soziologe, der die Gender Studies kritisieren will, muss sich erstens in das Thema einarbeiten, damit seine Kritik fundiert ist und nicht einfach aufgrund inhaltlicher Fehler abgeschmettert werden kann. Das kostet erstmal Zeit.

Und zweitens müsste ein soziologischer Gender-Kritiker nachdem er seine Kritik veröffentlicht hat mit öffentlichen Anfeindungen seitens der Genderisten rechnen, eventuell mit schweren Anfeindungen, bei der Gefahr besteht, dass sie seiner Karriere schaden könnten.

Soziologen sind im Durchschnitt nicht heldenhafter und egoismusfreier als der Rest der Menschheit und so ist es wenig verwunderlich, dass diese Situation nicht gerade motivierend wirkt.

Das ist bedauerlich, aber man muss es realistisch analysieren.
Hier müssten also erstmal ein paar Mutige den Anfang machen, die sowohl die Zeit und Motivation haben sich in den Gender Studies-Quatsch einzuarbeiten und die die psychischen Voraussetzungen hätten mit entsprechenden Anfeindungen klar zu kommen.

Spätestens hier musste ich erneut heftig schmunzeln bei der Vorstellung, wie Leute erst den Aufwand nicht scheuen, gewissenhaft die Gender Studies von innen durchleuchten und es dann aushalten, nach dem Motto „Undank ist der Welten Lohn“ öffentlich zur Unperson erklärt zu werden. Schön wär’s.

Ernsthaft überlegt: Dafür muss jemand genügend Geld haben, um nicht arbeiten zu müssen, und gleichzeitig so unabhängig von seinem öffentlichen Ruf, dass er sich das leisten kann. Das kann ich mir am ehesten bei jemandem von den „jungen Alten“ vorstellen. Als erste Motivation sähe ich das Ideal der „redlichen Wissenschaft“ und der „sauber geführten Debatte“. Also kein unmöglicher Fall, aber nicht das klassische Publikum, das hier in der Blogblase verkehrt. Aber man darf noch hoffen…

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Der Text fängt direkt damit an, dass jemand sich sagen läßt, er habe „den Glauben an Wissenschaft und Fortschritt“ verloren.

Sting: If I Ever Lose In You

Gastartikel: Leszek und die Soziologie

Leszek hat vor einigen Tagen mal wieder einen längeren Kommentar geschrieben, den ich für so lesenswert halte, dass ich aus ihm einen Gastartikel mache. Die „Wir zitieren Leszek-Aktion“ geht weiter! Also, ab jetzt Leszek im Original:

Mal abgesehen davon, dass zwei Mitdiskutanten hier (Djadmoros & Lomi) Soziologen sind und die beiden viele der besten Beiträge zur Männerrechtsbewegung im Netz verfasst haben:

– Der bedeutendste Vordenker der Männerrechtsbewegung Warren Farrell hat Sozialwissenschaften und Politikwissenschaft studiert.
– Die Soziologen Walter Hollstein, Gerhard Amendt, Christoph Kucklick und Anthony Synnott haben jeweils wichtige Standardwerke zur Männerrechtsbewegung geschrieben.
– Ein großer Teil der Forschungsbefunde zu Männern als Opfer häuslicher Gewalt geht direkt oder indirekt auf den Soziologen und Gewaltforscher Murray A. Strauss zurück. Dieser hat die Conflict Tactics Scales-Methode (CTS-Methode) entwickelt, eine der wichtigsten Forschungsmethoden in der zeitgenössischen Gewaltforschung.
– Der Partnerschaftssoziologe Bastian Schwithal schrieb ein Standardwerk zum Thema “Weibliche Gewalt in Partnerschaften”.
– Der norwegische Unterhaltungskünstler und Gender-Kritiker Harald Eia ist Soziologe.
– Dr. Alexander Ulfig, Mitbetreiber von Cuncti, hat Philosophie und Soziologie studiert.
– Esther Vilar hat u.a. Soziologie studiert.

Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse, die den Anliegen und Argumentationen der Männerrechtsbewegung zugrundeliegen, stammen zu großen Teilen aus soziologischen oder anderen sozialwissenschaftlichen Quellen, die Männerrechtsbewegung ist wesentlich eine sozialwissenschaftlich und soziologisch fundierte Bewegung. Der Beitrag der Sozialwissenschaften zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Männerrechtsbewegung ist viel größer als z.B. der Beitrag der Evolutionären Psychologie (die in den meisten Standardwerken der Männerrechtsbewegung höchstens eine Nebenrolle spielt).

Und gesamtgesellschaftlich betrachtet: Es ist nicht möglich – weder für Parteien und Politiker, noch für soziale Bewegungen, Gewerkschaften oder außerparlamentarische Organisationen und Gruppen oder irgendwen sonst informierte und fundierte Entscheidungen zu gesellschaftlichen Themen zu treffen ohne Forschungsbefunde der Soziologie oder anderer Sozialwissenschaften heranzuziehen, weil ohne diese schlicht keine Daten zu den verschiedensten gesellschaftlichen Themen verfügbar wären: Keine gute Familienpolitik ist möglich ohne Familiensoziologie (oder andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die das Phänomen Familie erforschen), keine gute Migrationspolitik ohne Migrationssoziologie (oder andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die das Phänomen Migration erforschen), keine gute Jugendpolitik ohne Jugendsoziologie (oder andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die das Phänomen Jugend erforschen), keine gute Kriminalpolitik ohne Kriminologie und Kriminalsoziologie usw.
Und Disziplinen wie politische Soziologie, Wirtschaftssoziologie, Rechtssoziologie und Religionssoziologie sind zum Beispiel absolut grundlegend um die jeweiligen gesellschaftlichen Teilsysteme in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang verstehen zu können (ebenso sind natürlich auch hier noch andere sozialwissenschaftliche Disziplinen, die sich mit den entsprechenden Themen befassen wichtig).

Ohne Soziologie und andere sozialwissenschaftliche Disziplinen kann eine moderne Gesellschaft also gar nicht in rationaler Weise organisiert werden, können gesellschaftliche Probleme nicht wissenschaftlich analysiert und angegangen werden, können wünschenswerte gesellschaftliche Ziele nicht wissenschaftlich fundiert bestimmt und angestrebt werden, da es eben Soziologie und andere sozialwissenschaftliche Disziplinen sind, die die hierfür notwendigen wissenschaftlichen Daten zusammentragen.

Damit will ich nicht sagen, dass Soziologen zwangsläufig genauso viel verdienen sollten wie Informatiker oder Ingenieurwissenschaftler, wohl aber, dass die Soziologie sehr wichtig ist – sowohl für die Männerrechtsbewegung als auch für die Gesellschaft (und Weltgesellschaft).

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Bei verschiedenen Wissenschaften muss ich immer an folgendes Lied denken…

Sam Cooke: What A Wonderful World