Warum ich dieser Dolchstoßlegende keine Chance einräume

Auch zwei Wochen nach der US-Präsidentschaftswahl finde ich immer noch spannende Beiträge. Den heutigen Artikel rahme ich bewusst in zwei davon ein.

Via Fefe stieß ich auf eine großartige Analyse von Scott Alexander beim Slate Star Codex. Die lohnt es sich im Detail nachzulesen. Drei wesentliche Punkte:

  1. Donald Trump hat bei den Schwarzen, Hispanics und Asiaten gewonnen… am wenigsten jedoch bei den Weißen.
  2. Rassisten sind keine relevante Wählergruppe.
  3. Angst und Panik sind keine Lösung.

Die ersten beiden Punkte werden mit Fakten unterlegt und es ist wichtig, sich das klarzumachen, um nicht auf ein hektisch zusammengezimmertes neues Narrativ hereinzufallen („Rassisten haben die Macht übernommen! Wir werden alle sterben!“), das einem zwar einen Teil des (negativen) alten Weltbildes bewahrt, letzten Endes aber nicht weiterhilft. Damit kommen wir zum Thema der Legendenbildung im Fahrwasser der Wahlen. Ich hatte ja schon geschrieben:

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Darauf kam folgender Hinweis von Lucas Schoppe:

Die Dolchstoßlegende gibt es übrigens schon, aber es sind natürlich nicht die weißen MÄNNER, die der wacker kämpfenden und im Felde unbesiegten Hillary den Dolch in den Rücken gestoßen haben – sondern die weißen Frauen.

Er verweist auf Hengameh Yagoobifarah in der taz. Die These dort lautet: „Weiße Frauen haben den Feminismus verraten“ (schöne Erwiderung von elitemedium!). Diese Dolchstoßlegende passt jedoch nicht gut.

Rufen wir uns in Erinnerung: In den USA leben etwa 70% Weiße, 12% Schwarze, 11% Hispanics, Rest Asiaten/sonstige. Wenn ich dabei 50% Männer annehme (in Wahrheit sind es weniger), dann erklärt das Feindbild weißer Mann 35% der Einwohner zu den Bösen. Dabei kann das sogar ein Abschwächung sein, wenn man mit „Männer sind böse!“ gestartet ist. Letzteres ist seit ca. 200 Jahren ein beliebtes Narrativ, es hat sich eingebürgert. Man riskiert entsprechend wenig, dieses Klischee zu bemühen.

Nun die weißen Frauen der Gruppe der Gesellschaftsfeinde und Modernitätsverhinderer zuzuschlagen, bedeutet aber, in den USA schlagartig 35% der Menschen, die bisher den „Opfern“ zugerechnet wurden, zu „Tätern“ zu machen. Das ist eine zu große Gruppe, zumal Frauen mehr Empathie genießen und ein Angriff auf Frauen Schutz- und Versorgungsinstinkte auslösen kann.

Übertragen auf Deutschland passt das natürlich noch weniger – der Anteil der Nicht-Weißen ist viel geringer. So kommt etwa auf 270 Weiße ein Schwarzer (Marius Jung, ab 10:46).

Natürlich ist das auch den hiesigen Feministinnen klar und sie handeln entsprechend nicht „intersektionell korrekt“, denn sonst würden sie sich größtenteils selbst aus dem Rampenlicht kicken. Wie Christian Schmidt bei Alles Evolution treffend feststellt:

Auch Anne Wizorek geht lieber selbst in Talkshows statt darauf zu bestehen, dass eine schwarze Feministin an ihrer Stelle (oder wenigstens zusätzlich) eingeladen wird.

Doch immer, wenn man denkt, es geht nicht durchgeknallter, hilft einem Twitter: Alex verweist auf einen Tweet, wo jemand allen Ernstes vorschlägt, in den USA allen Weißen (inklusive sich selbst) das Wahlrecht zu entziehen. Das ist natürlich eine „geile“ Idee, einfach mal 70% in den Status vor dem allgemeinen Wahlrecht zurückzuversetzen. Es komme mir niemand mehr mit Emanzipation und Suffragetten!

Aber abschließend zurück zur Vernunft. Via Aufwachen-Podcast stieß ich auf einen anderen Podcast, in dem der advocatus diaboli (ein Sozialkundelehrer!) über „Nach Trump“ spricht. Er fängt etwas verhalten mit der Wahl an, steigert sich dann aber beträchtlich (die Leute merken doch, wie es läuft; man soll mit Leuten reden usw.). Ja, wer sagt denn, die Bevölkerung sei dumm? Hier erklärt ein ganz normaler Bürger, was man machen kann, und das ohne rosarote Brille, sondern klar die Probleme benennend.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eine weitere Gruppe, deren Einfluss mit dem Ausgang der Wahl gebrochen wurde, wären die „Spin Doctors“.

Spin Doctors: Two Princes

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Fundstück: Achdomina und die gesittete Auseinandersetzung

Nach zehn Monaten Pause kehrte der Blogger „Achdomina“ zurück – und seitdem ist wieder viel los in seinem Blog. Lesenswert ist praktisch alles, was er in letzter Zeit veröffentlicht hat, aber es gibt einen Beitrag, der ein wenig mehr Zeit benötigt und in seiner Grundaussage auch zeitlos ist, so dass es sich lohnt, diesen besonders hervorzuheben: Rationalität, Liberalität und Zivilisation.

Der entscheidende Aspekt in diesem Artikel: Wenn mich ich entschlossen für etwas einsetze, muss ich sicher sein, Recht zu haben. Das kann ich aber nur, indem ich immer wieder überprüfe, dass dem so ist. Je sicherer ich mir bin, desto mehr sollte ich an mir zweifeln. Aber ersteres schließt ja für gewöhnlich letzteres aus und ist auch die Ursache des Problems, dass Leute für ein hehres Ziel über die Stränge schlagen. Nicht mit allen verfügbaren Mitteln auf den Gegner einzudreschen (ob verbal oder im wörtlichen Sinne), ist eine wichtige Basis der Zivilgesellschaft. Und genau die ist in Gefahr, wenn ich Ziele definiere, die so hoch und heilig sind, dass für ihre Erreichung alles erlaubt ist. Kurioserweise spüle ich also, wenn ich ohne Rücksicht auf Verluste für eine bessere Gesellschaft eintrete, eben diese gute Gesellschaft über Bord.

Das heißt, kurios ist es nur auf den ersten Blick. Denn diese Gefahr ist seit langem bekannt. Ausgehebelt wird dieser zentrale Einwand üblicherweise damit, dass der Gegner das pure Böse ist, zu allem entschlossen und so mächtig, dass er einen selbst vernichten wird, wenn man nicht sofort mit aller Härte zuschlägt. Das ist der Stoff, aus dem die Kriege sind – auch der „Krieg gegen den Terror“, in dem plötzlich Folter und Gefängnisse außerhalb der Rechtsstaatlichkeit erlaubt sind im Namen von Demokratie und Freiheit.

Achdomina verweist auf einen längeren Artikel von Scott Alexander namens „In favor of niceness, community, and civilization„. Das ganze Stück ist überraschend einfach konsumierbar und doch ein wichtiges Plädoyer für einen zivilen Umgang miteinander. Die Zeit zum Durchlesen sollte man sich wirklich nehmen! Wie schon die Artikel über Genderfeminismus 101 halte ich diese Quellen (die beiden genannten Beiträge von Achdomina, Scott Alexander) für Grundlagenartikel in der Geschlechterdebatte.

Eine Bewegung für was auch immer, die jegliches Maß verloren hat, driftet schnell in Richtung Unfreiheit. Das kam am Rande eines Artikels beim nachdenklichen Mann vor und wäre einen eigenen, längeren Beitrag wert.

Ich vermeine mich an folgende Argumentation zu erinnern, um solche Warnsignale zu übergehen: Jegliche Einschränkung in der Wahl der Mittel eines Aktivisten für eine gute Sache ist Teil der reaktionären Agitation für das herrschende System. Außerdem sind die Leute außerhalb der Gruppe der „Guten“ so gehirngewaschen / unwissend, dass sie überhaupt nicht in der Lage sind, qualifizierte Kritik zu leisten.

Wohin Kritikresistenz und Maßlosigkeit führen, das kann man derzeit wunderbar an einem laufenden Experiment beobachten: Vor etwa einem Monat wurden Jaclyn Friedman und ihre Organisation WAM! von Twitter authorisiert, gegen Belästigung vorzugehen. Christian Schmidt erläuterte in seinem Blog Alles Evolution die Hintergründe, unter anderem, dass Friedman eine Bilderbuch-Radikalfeministin ist, laut deren Weltbild praktisch alles, was Männer tun, böse und Belästigung ist. Nur um sicherzugehen, dass wir uns richtig verstehen, was das „radikal“ angeht: Dass soviel Beethoven gespielt wird, ist in ihren Augen etwa ein Zeichen für Sexismus („Beethoven hören unterdrückt Frauen!„, wie der nachdenkliche Mann irritiert die Position von WAM! wiedergab).

Der Blogger emannzer erinnerte daran, dass es schon einmal eine radikalfeministische Aktion bei Twitter gegeben hat, die unter dem Namen „Blockempfehlung“ unliebsame Leute zum Verstummen bringen wollte und nach hinten losging, weil das Einschränken der Meinungsfreiheit dann doch irgendwie nicht generell vermittelbar war. Christian Schmidt gab sich denn zuversichtlich, dass diese neue Aktion schnell aus dem Ruder laufen würde und mehr Leute gegen die Radikalfeministen aufbringen würde:

Man sehen, wie frei Twitter sie walten lässt. Eigentlich muss man hoffen, dass sie alles umsetzen, was Friedman und Co so als Diskriminierungsabwehr ansehen.

Da hätte man gleich einen netten Shitstorm verärgerter Twitterer.

Und was soll ich sagen? Es haben sich bereits jetzt ein paar tolle Beispiele gefunden. Via Genderama stieß ich auf einen Artikel von Janet Bloomfield, in dem sie fünf prominente Beispiele dafür nennt, wie Leute von Radikalfeministen zum Schweigen gebracht werden sollten. Alle stammen aus der letzten Zeit, drei haben mit Twitter zu tun, zwei mit der Huffington Post UK (letzteres übrigens ein schöner Diskussionsbeitrag zur These „Alternative Medien brechen das Meinungskartell, weil sie freier berichten“). (Vorsicht in eigener Sache: Ob diese Beispiele mit Jaclyn Friedman und WAM! zu tun haben, kann ich nicht sagen.)

Diese fünf Beispiele sind deswegen so wichtig, weil sie konkrete Namen nennen und den Hintergrund dieser Menschen erläutern. Eine anonyme Masse kann man leicht als „Tiere“ oder „Monster“ verunglimpfen (Danke an Lucas Schoppe für die entlarvende Bebilderung!), die schier unaufhaltbar auf die armen Feministinnen einstürmen und jetzt gestoppt werden müssen, bevor es zu spät ist. So als ob die Orks vor Minas Tirith stehen. Sobald man einzelne Personen aus der Masse heraushebt, und dabei günstigenfalls Beispiele wählt, die sowohl eloquent als auch vernünftig genug auftreten, löst sich das Narrativ in Wohlgefallen auf: Plötzlich fragt man sich, warum man denn diese Leute so fürchtet. Selbst wenn sie deutliche Worte benutzen (im Internet nichts Besonderes) oder einen klaren Standpunkt vertreten (dito), ist das doch kein Grund, sie auszugrenzen?

Radikalfeministinnen missbrauchen ihre Macht bei Twitter, um Leute zum Schweigen zu bringen, deren Meinung ihnen nicht passt. Um den bereits bei Achdomina erwähnten Blogger fefe zu zu zitieren, der diesen ironischen Spruch standardmäßig bei solchen Gelegenheiten verwendet: „Also damit konnte ja wohl niemand rechnen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal kann ich sogar einen Klassiker von den Beatles bemühen. Veränderung ja, sogar radikale, aber nicht um jeden Preis.

The Beatles: Revolution