Kurznachrichten vom 07.11.2017

1: Peter Pilz hat Vorwürfe der sexuellen Belästigung am Hals. Pilz ist der ehemalige österreichische Grüne, der von den Grünen aus der Partei gemobbt wurde, eine eigene Liste gründete und mit ihr auf Anhieb bei der Nationalratswahl ins österreichische Parlament einzog, während die Grünen an der 4-Prozent-Hürde scheiterten, indem sie mehr als 2/3 ihrer Wählerstimmen verloren haben.

Pilz will wegen der Vorwürfe sein Mandat im Parlament (möglicherweise nur vorläufig) nicht antreten. Die Vorwürfe kommen von einer ehemaligen Assistentin, die sich aus seiner in einer Pressekonferenz dargelegten Sicht offensichtlich eine schnellere Karriere in seinem Umfeld erwartet hat.

Anfang Dezember meldet sich die Assistentin von Pilz krank. Eine Woche später passt ihn am Ausgang des Weißen Salons im Grünen Klub [die Grünen-Chefin] Eva Glawischnig ab. […] Glawischnig konfrontiert ihn mit der Beschwerde wegen sexueller Belästigung. Pilz fragt nach, will die konkreten Vorwürfe erfahren, aber das wird ihm verweigert.

Was dann folgt, ist für die Grünen fast ein absurdes Vorgehen. Die grüne Parteichefin will ein Urteil ohne Öffentlichkeit, schildert Pilz in seinem Tagebuch. Es soll vermieden werden, dass sich die Assistentin an die Gleichbehandlungsstelle wendet.

Der Vorschlag von der Parteispitze lautet so: Die Grünen wollen mehrere Juristen bestellen. Diese sollen die Vorwürfe von der Betroffenen prüfen, mit Pilz und der Assistentin Gespräche führen und dann ein Urteil fällen. „Das hätte ich akzeptieren sollen“, so Pilz. Also quasi eine Art Schiedsgericht. Etwas, was gerade die Grünen bei TTIP vehement bekämpfen. […]

Alle Vorwürfe kennt er bis heute nicht. „Zuerst meinte Glawischnig, es seien nur verbale Vorwürfe. Dann kamen plötzlich Berührungen dazu. Und aus zehn wurden vierzig.“ Geklärt wurde die Causa nie, weil die Betroffene jedes Verfahren ablehnte.

Für mich ist die Sache oberfaul. Erst Vorwürfe erheben, dann aber weder genau sagen, was eigentlich passiert sein soll, noch sich einem vernünftigen Verfahren zur Klärung stellen, das ist nur allzu verdächtig. Entweder ist das eine Racheaktion, um sich für die subjektiv mangelnde Unterstützung bei der Karriere zu rächen, oder ein Vorwand, den die Grünen benutzen, um Pilz aus welchen Gründen auch immer loszuwerden.

In einem anderen Artikel vom Standard (schon vom Samstag) wird gemutmaßt, dass diese Geschichte überhaupt erst der Anlass gewesen sei für die schlechte Behandlung von Pilz bei den Grünen und damit sein Entschluss, eine eigene Liste zu gründen.

2: In Pfaffenhofen hat ein Mann eine Sachbearbeiterin des Jugendamtes als Geisel genommen, weil seine Tochter gegen seinen Willen in eine Pflegefamilie überstellt wurde. Den Eltern wurde offensichtlich das Sorgerecht aberkannt.

Update: Ich wollte ja eigentlich (Frau Schwarzer zu Ehren) schreiben: „Einer hat es getan. Jetzt könnte es jeder tun. Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für entsorgte Väter kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden.“ Aber nein – <auf-die-finger-klopf-aua> – wir wollen hier ja ein seriöser Blog sein.

3: In der Schweiz wird jetzt ebenfalls eine 30%-Frauenquote in den Führungsetagen von Unternehmen eingeführt.

4: Ebenfalls in der Schweiz gibts laut watson.ch Ärger wegen Werbespots der Uhren-Firma Breitling, die „Experten“ als sexistisch ansehen. Die einzige Expertin, die der Artikel allerdings auffährt, ist Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich. Ansonsten strotzt der Artikel wieder mal nur so vor den üblichen Buzzwords „stereotype Rollenbilder“, „Geschlechterklischees“, der „männliche heteronormative Blick“, usw.

Ihr könnt es Euch ja selbst anschauen. Beim ersten Spot könnte ich es ja noch halbwegs verstehen.

Aber beim zweiten wirklich nicht mehr.

5: Auch wenn Genderama schon berichtet hat: Wer Michelle Obama für eine tolle zukünftige US-Präsidentin hält, der sollte sich anhören, was sie über Jungs zu sagen hat. Die werden nämlich ihrer Ansicht nach gehätschelt und besser behandelt als Mädchen, so dass sie zu einer Anspruchshaltung erzogen werden. Wie sich das verträgt mit der fast flächendeckend schlechteren Schulbildung der Jungs in der westlichen Welt, seitdem die Erziehung auch an den Schulen weitgehend in weiblicher Hand ist, bleibt ihr Geheimnis.

Or are we protecting our men too much so that they feel a little entitled and a little, you know, self-righteous sometimes?

Oh ja, wir beschützen Männer viel zu sehr. Deswegen müssen ja auch vorwiegend Frauen den Arsch hinhalten bei der Polizei und der Feuerwehr. Und in den Krieg ziehen müssen sie ja auch noch, wenns mal wieder soweit ist. Was haben wir Männer doch für ein tolles Leben auf Kosten der Frauen.

Gastartikel: Feministin beschimpft Bräute

Es folgt ein Gastartikel von kardamom.

Aus der Reihe „Feministische Journalistinnen beschimpfen Frauen“: Andrea Fopp in der Schweizer Tageswoche: Männer, warum nehmt ihr euren Frauen den Nachnamen weg? (zur Sicherheit: archivierte Version des Artikels)

Frau Fopp entdeckt anlässlich ihrer Heirat, dass im Kanton Basel (CH) bei 96 % der Eheschliessungen der Nachname des Mannes als zukünftiger Familienname gewählt wurde.

Und unterstellt den Bräuten des Jahres 2016, dass diese keine Durchsetzungskraft gehabt hätten, auf den Nachnamen der Braut als Familiennamen zu bestehen.

Nein, Andrea Fopp spricht diesen Frauen schlichtweg ab, eine eigene Verantwortung für die Wahl des gemeinsamen Familiennamens gehabt zu haben…

Als evidenzbasierte Anekdote führt sie an, „gleich zwei Männer zu kennen“, die „ihren Frauen Szenen [machten], nächtelang, bis diese sich geschlagen gaben und zur Trennung vom eigenen Namen bereit zeigten.“

Nein, für Frau Fopp sind Frauen, die nicht im feministischen Sinn handeln, kraftlose Wesen ohne eigene Entscheidungsfähigkeit…

Mit einem rhetorischen Trick stellt sie diese Frauen gar in die Sklaven-Ecke, den sie dann aber sofort mit „Nein, ich will hier auf keinen Fall Ehe und Slaverei vergleichen.“ wieder zurücknimmt.

Das kurioseste an Fopps persönlichen Beitrag zum feministischen Aufbruch in die Moderne:

Sie hat den Familiennamen ihrer männlichen (!) Vorfahren in die Ehe eingebracht…

Fundstücke: Alle Artikel von Mark E. Smith 2016

Mark E. Smith hat 2016 auf verschiedenen Blogs eine ganze Reihe von Artikeln veröffentlicht. Aber vielleicht hat nicht jeder alles gelesen, man verliert ja schnell den Überblick. Deswegen habe ich einmal gesammelt, was ich weiß.

Christian Schmidt hatte im vergangenen Jahr festgestellt, dass aus dem deutschsprachigen Raum unterdurchschnittlich viele Leser aus Österreich und der Schweiz kommen. Mit Mark E. Smith haben wir eine Schweizer Perspektive.

bei man-tau

Nikolaus Zogg von männer.ch: „#AuchIch – für eine aufrichtige Auseinandersetzung von Männern mit Sexismus“

Lara Fritzsche über Geschlechter- stereotypien in der Politik

Franziska Schutzbach über angebliches Intellektuellen-Bashing – oder wie man vollständig an einer Sache vorbeireden kann

für die Zukunft: Filter nach Autor Mark E. Smith bei man.tau

bei Alles Evolution

Strategien zur besseren Wahrnehmung von Problemen von Jungen und Männern

beim Geschlechterallerlei

Peter Nowak über das Urteil in der Causa Gina-Lisa Lohfink und sein eigentümliches Verständnis von Rechtsstaatlichkeit

Franziska Schutzbach zum Ersten: „Ich will Arsch schauen“

#SchweizerAufschrei: Michèle Binswanger über die antifeministischen Memmen, die gefälligst aufhören sollen zu flennen!

Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE: Keine Mutter für die Nation

Soll man die Sorgen und Ängste und Ressentiments der Bevölkerung ernst nehmen?

Linke Identitätspolitik: soziale Klassen und Verteilungsgerechtigkeit kein Thema mehr für die liberalen Linken?!

Warum Cédric Wermuth an keine öffentliche Diskussion mehr geht, wenn nur Männer an der Diskussion teilnehmen

für die Zukunft: Filter nach Autor Mark E. Smith beim Geschlechterallerlei

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Zu Popkultur aus der Schweiz fällt mir zuerst folgende Band ein…

Eluveitie: Of Fire, Wind & Wisdom

Warum Cédric Wermuth an keine öffentliche Diskussion mehr geht, wenn nur Männer an der Diskussion teilnehmen

Der Schweizer Parlamentarier Cédric Wermuth (Partei der Sozialdemokraten) will ein politisches Zeichen setzen bzw. Symbolpolitik betreiben und hat erst kürzlich auf seinem Blog verlauten lassen: “Ich werde ab sofort zu keinen öffentlichen Diskussionen mit mehr als zwei Gästen mehr zusagen, wenn sie nur aus Männern zusammengesetzt sind“. Da stellt sich doch gleich die Frage, weshalb sind nur die Frauen Adressaten seiner Symbolpolitik?

Cédric Wermuth schreibt: 

„Spätestens seit dem #SchweizerAufschrei darf man offenbar hierzulande wieder über Feminismus und Geschlechterdiskriminierung sprechen, ohne gleich als vorgestrig abgestempelt zu werden (die rechten Sektenblätter jetzt mal ausgenommen).“

Habe ich da etwas verpasst? Mir ist in den letzten Monaten und Jahren in den linksliberalen Medien, aber auch in den öffentlich-rechtlichen Medien, kein Feminismus-Bashing oder Geschlechterdiskriminierung-Bashing aufgefallen. Im Gegenteil: Entweder wird sehr neutral darüber berichtet oder sie protegieren den Feminismus richtiggehend. Und vor allem: Wurden im #SchweizerAufschrei auch Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer thematisiert? Weiss eigentlich Cédric Wermuth etwas von Männern als Opfer von Gewalt und wie viele Hilfsangebote es für diese Zielgruppe gibt?

Ungleichheit der Geschlechter beruht auf struktureller Diskriminierung

 Cédric Wermuth schreibt:

„Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beruht selbstverständlich zu einem großen Teil auf strukturellen Diskriminierungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.“

Woher weiß Cédric Wermuth, dass die Ungleichheit der Geschlechter in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf Diskriminierung beruht?

Und weshalb auf einer strukturellen Diskriminierung. Was genau ist eigentlich eine „strukturelle Diskriminierung“? Wenn Frauen und Männer anzahlmässig nicht paritätisch in der Legislative vertreten sind, ist das eine Diskriminierung bzw. ist das eine strukturelle Diskriminierung? Jeder Wählende hat ja die Auswahl, ob er alle Männer auf einer Liste streichen will und nur eine Liste abgibt, die nur mit Frauen besetzt ist. Wenn jede Frau die wählen geht, nur Frauen wählt und die Linken mithin das selbe tun, dann gibt es innert kürzester Zeit eine satte Mehrheit von Frauen in der Legislative. Und diese Frauenmehrheit in der Legislative kann dann desgleichen nur noch Frauen in die Exekutive und Judikative wählen und folglich haben wir im politischen System innert kurzer Zeit eine klare Frauenmehrheit. Ich sehe somit keine Diskriminierung und insbesondere auch keine strukturelle Diskriminierung, weil die Veränderungen können mithilfe individuellem Verhalten erreicht werden, ohne dass quasi über Gesetze (Quoten) eingegriffen werden muss, falls dies die Bevölkerung auch will. Abgesehen davon, dass bei einer Legislative, die demokratisch gewählt wurde, keine Ergebnisgleichheit zwischen verschiedenen Populationen vorherrschen muss und dies somit auch keine Diskriminierung darstellen kann, wenn der Männer- bzw. Frauenanteil z.B. bei 70% liegt.

Weiße Männer mit Privilegien

Cédric Wermuth schreibt:

„Das lösen wir nicht mit etwas ‚Willen’ und wenn wir etwas netter sind zueinander. Trotzdem gibt es natürlich enormen Spielraum in unserem individuellen Verhalten – gerade auf der Seite der Privilegierten (das wären dann Männer, vor allem weiße).“

Was für Privilegien haben eigentlich weiße Männer, die kaum ökonomisches, kulturelles und politisches Kapital haben? Diese Männer haben vermutlich vielfach auch noch sehr wenig symbolisches und soziales Kapital, sind also eher auch noch symbolisch und sozial in der Gesellschaft marginalisiert. Wäre es somit nicht viel adäquater, wenn man von weißen Frauen und Männern spricht, die viel kulturelles, ökonomisches oder politisches Kapital besitzen und infolgedessen vielfach privilegiert sind, die dann ebenfalls Veränderungen anstossen könnten? Auch nichtweiße Männer und Frauen, die viel ökonomisches und kulturelles Kapital aufweisen, sind häufig sehr privilegiert.

Sprache und Bilder prägen die Vorstellungen

Cédric Wermuth schreibt:

„Sprache und Bilder prägen unsere Vorstellungen von Gesellschaft und Zusammenleben. Und wenn Politik von Männern „gemacht wird“, bleibt das Bild einer Gesellschaft in der Männer das Sagen haben der Normalfall in unseren Köpfen. Das ist eine selbstverstärkende Spirale, die zu durchbrechen unsere gemeinsame Aufgabe ist. „

Möglicherweise sollte man die Sprache und Bilder, die unsere Vorstellungen prägen, auch nicht zu fest überschätzen. Woran erkennt man beispielsweise bei einer Fernsehdiskussion, dass diejenigen Leute, die besonders viel ökonomisches und kulturelles Kapital besitzen, über vertreten sind im Vergleich zur Gesamtpopulation? Das kann man ja in der Regel nicht unmittelbar feststellen, weil man ja vielfach nicht weiss, wie viel Vermögen und Einkommen sie besitzen bzw. erhalten und welche Bildungsabschlüsse sie vorzuweisen haben. Sprache und Bilder können somit eine Übervertretung bei diesen Populationen nicht erklären, es müssen somit andere Mechanismen verantwortlich sein, die dafür sorgen, dass eine Übervertretung dieser Populationen zustande kommt.

Cédric Wermuth fällt einen Grundsatzentscheid

Cédric Wermuth schreibt:

„Ich habe deshalb heute einen für mich selber gültigen Grundsatzentscheid gefällt: Ich werde ab sofort zu keinen öffentlichen Diskussionen mit mehr als zwei Gästen mehr zusagen, wenn sie nur aus Männern zusammengesetzt sind.“

Also, das heißt: Bei mehr als zwei Gästen in öffentlichen Diskussionen muss, falls man den Cédric Wermuth ebenfalls dabei haben will, mindestens auch eine Frau als Diskussionsteilnehmerin dabei sein. Jetzt kann man sich natürlich gleich fragen, weshalb Cédric Wermuth eine ausgeglichenere Repräsentation der unterschiedlichen Populationen bei öffentlichen Diskussionen nur beim Faktor Geschlecht haben möchte? Weshalb nicht auch beim Alter (Alterskohorten), beim kulturellen Kapital (Bildung), ökonomisches Kapital (Einkommen und Vermögen), Nationalität (Schweizer vs. Ausländer), Migrationshintergrund, Ethnie bzw. Hautfarbe, sexuelle Orientierung (Schwule, Lesben), Konfession, Wohnort (Stadt, Agglomeration, Land) Behinderung, etc., usw., usf.

Weshalb soll also, wenn es um Diversity geht, nur das Geschlecht eine Rolle spielen und alle anderen Unterschiede sollen obsolet sein? Ist das gerecht? Könnte das nicht auch ein falsches Signal aussenden, dass nur gewisse Gruppe angemessen repräsentiert werden sollen und andere sind es nicht wert? Und wenn wir die Sache noch aus der Perspektive der Privilegien anschauen: von denjenigen Populationen, die am wenigsten ökonomisches, kulturelles, symbolisches, soziales und politisches Kapital besitzen ist sicherlich nicht die Population der Frauen diejenige, die in der Schweiz hinsichtlich der vorgenannten Faktoren am wenigsten privilegiert ist, sondern die unteren Klassen/Schichten/Milieus und die Ausländer/Migranten/Flüchtlinge.

Weshalb also nur die Frauen? Cédric Wermuth würde vermutlich wie folgt argumentieren: Frauen würden 50% der Population ausmachen und wären somit eine der größten Gruppe, die ev. in öffentlichen Diskussionen unsichtbar gemacht bzw. nicht repräsentativ vertreten würden und mit einer Population müsse man ja schlussendlich einmal beginnen. Diese Argumentation mag nachvollziehbar sein, aber es zeigt eben doch auf, dass andere Populationen, die unterrepräsentiert sein können, für Cédric Wermuth nicht den selben Stellenwert haben wie die Population der Frauen. Insbesondere eben die zwei weiter oben genannten Populationen nicht, die sicherlich schlechter gestellt sind als die Frauen, weil sie im Durchschnitt weniger ökonomisches, politisches und kulturelles Kapital besitzen als die Frauen. Der soziale Blick von Cédric Wermuth ist infolgedessen sehr selektiv und partikularistisch: Diversity ist jedoch mehr als nur partikularistische Frauenpolitik.

Linke Identitätspolitik: soziale Klassen und Verteilungsgerechtigkeit kein Thema mehr für die liberalen Linken?!

Die Schweizerische Wochenzeitung (WoZ)  interviewt in ihrer neusten Ausgabe Silja Häusermann (Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Zürich) im Zusammenhang von Abstiegsängsten sogenannter Modernisierungsverlierer. Dabei wird deutlich, dass bei der liberalen Linke Identitätspolitik Vorrang vor allem anderen hat.

Wer ist eigentlich die Elite, gegen den sich der Rechtspopulismus wendet?

Silja Häusermann fragt sich im Interview, wen denn die Rechtspopulisten eigentlich mit der Elite meinen. Der erst kürzlich verstorbenen Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski unterscheidet ja folgende Eliten:

−      Geldelite
−      Finanzelite
−      Politische Elite und
−      Funktions- & Wissenselite.

Silja Häusermann würde als Professorin an einer Universität zur Funktions- & Wissenselite gehören. Nach dem Soziologen Pierre Bourdieu würde sie zu den „Herrschenden in beherrschter Stellung“ gehören. Herrschende deshalb, weil bei Bourdieu das kulturelle Kapital, von dem Frau Häusermann eine ganze Menge besitzt, auch ein Faktor für die Bestimmung einer sozialen Klasse ist. In beherrschter Stellung ist sie deshalb, weil bei Bourdieu das ökonomische Kapital quasi das alles dominierende Kapital ist.

Die SVP-WählerInnen oder die RechtspopulistInnen haben somit eine große Auswahl von Eliten zur Verfügung, die sie nicht so gut mögen; Frau Häusermann könnte ev. auch darunter fallen.

Nicht die Armen und die Prekarisierten wählen die Rechtspopulisten, sondern der untere Mittelstand

Silja Häusermann ist der Auffassung, dass nicht die Armen und die Prekarisierten die Rechtspopulisten wählen, sondern der untere Mittelstand. Wenn wir die Wahl 2015 in der Schweiz anschaue, dann hat

die Einkommensklasse von

– Fr. 0-4000 zu 32% die Rechtspopulisten gewählt; bei der SP sind es nur 22%.
– Fr. 4001-6000 zu 36% die Rechtspopulisten gewählt; bei der SP sind es nur 17%.

Die Aussage von Silja Häusermann dürfte somit falsch sein: Gerade die Armen und Prekarisierten sowie der untere Mittelstand haben überdurchschnittlich die SVP bzw. die Rechtspopulisten gewählt.

Noch krasser sieht es beim kulturellen Kapital aus:

Personen ohne Berufsausbildung haben zu

33% die Rechtspopulisten gewählt, aber nur 14% die SP.

Das heißt, diejenigen Populationen, die am wenigsten ökonomisches und kulturelles Kapital besitzen, wählen eindeutig am häufigsten und zwar überdurchschnittlich häufig die Rechtspopulisten! Die Rechtspopulisten ziehen also nicht nur überdurchschnittlich Leute an, die an einer relativen bzw. subjektiven Deprivation leiden, wie uns dies Silja Häusermann offenbar weismachen möchte, sondern bei denen auch tatsächlich eine objektive Deprivation vorhanden ist.

Hilft vermehrte Sozialpolitik gegen Rechtspopulismus?

Silja Häusermann ist außerdem der Auffassung, dass ein bisschen mehr Geld vom Sozialamt der Rechtspopulismus durch eine linke Partei nicht aufgehalten werden kann.

Es ist sicherlich richtig, dass mit ein wenig mehr Geld vom Sozialamt der Rechtspopulismus nicht aufgehalten werden kann. Die Ursache des Problems des Rechtspopulismus ist m.E. jedoch auch nicht einfach nur ein ökonomisches, das dann in ein kulturelles bzw. identitäres Problem transformiert wird, wie Silja Häusermann behauptet, sondern hat mindestens drei Ursachen:

  1. ökonomisch: Verteilungskrise
  2. kulturell: Identitäts- und Sinnkrise
  3. politisch: Repräsentationskrise und fehlende politische Partizipation

(vgl. Decker, Franz 2006, S. 22)

Und das Problem dieser „Modernisierungsverlierer“ ist somit auch nicht einfach und in erster Linie ein Identitäres, wie dies Silja Häusermann behauptet, sondern durch ökonomische, kulturelle und politische Krisen verursachte objektive und subjektive Deprivation, die durch den Rechtspopulismus mit identitätspolitischen Angeboten (Abgrenzung und Ausgrenzung von anderen Menschen sowie Nationalismus etc.) „bewirtschaftet“ wird.

Da die Problematik mehrdimensional ist, reicht ein starker Sozialstaat in der Regel nicht aus. Es braucht dementsprechend Maßnahmen, die u.a. die politische, die kulturelle und die ökonomische Krise und die daraus resultierenden Deprivationen in den Fokus rückt.

Die Wählerschaft der Linken hat sich in den letzten Jahrzehnten komplett verändert.

Die folgende Aussage von Silja Häusermann finde ich dann schon sehr bemerkenswert:

„Anfang der achtziger Jahre gehörten in Europa zwei Drittel der linken Wähler zur Arbeiterschaft, ein Drittel war Mittelklasse. Heute ist es umgekehrt. Aber nur dank der kulturellen Öffnung konnte die Linke überhaupt ihren Wähleranteil halten, auch in der Schweiz. Die Wählerschaft hat sich komplett verändert. Aber das ist keine schlechte Nachricht.“

Ich habe gedacht, bei den Linken geht es neben der Bekämpfung von Sexismus und Rassismus etc. auch um Einkommens- und Vermögensverteilung, politische Partizipation, Bildungsmobilität, Klassenmobilität, Lebenserwartung, Krankheit, Gesundheit, Armut etc.?!

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ich kenne keine Evidenz dafür, dass sie diese Wähler mit sozialpolitischen Themen zurückgewinnen könnte. Das hat nirgendwo funktioniert.“

Was ist denn eigentlich mit Syriza oder mit Podemos? In Deutschland dürfte die AfD um einiges stärker sein, wenn es DIE LINKE nicht geben würde. Warum gibt es eigentlich in Portugal, Spanien oder Irland keinen Rechtspopulismus mit nennenswertem Erfolg? Aber wie bereits weiter oben gesagt, sozialpolitische Maßnahmen alleine dürften vielfach nicht ausreichen.

Das Problem des Rechtspopulismus ist kein ökonomisches, sondern ein kulturelles bzw. Identitäres

Silja Häusermann sagt weiter:

„Sie muss weiter für einen starken Sozialstaat einstehen. Aber sie muss sich darüber im Klaren sein, dass sie damit keine Stimmen zurückholt. Das gibt keinen Wählerzuwachs. Denn das Problem ist: Die Ablehnung der rechtsnationalen Wähler richtet sich nicht in erster Linie gegen das ökonomische Kapital, sondern gegen den kulturellen Wandel. Die Linke müsste also ihre universalistische Politik ablegen. Und was will sie dann anbieten? National gefärbten Klassenkampf?“

Nun, ein starker Sozialstaat reicht alleine vielleicht nicht aus, aber wenn noch zusätzliche Elemente dazu kommen würden, dann könnte man vermutlich dem Rechtspopulismus schon vermehrt das Wasser abgraben. Z.B. vermehrte Bildungsmobilität, Klassenmobilität, Wirtschaftsdemokratie, eine Verminderung der habituellen Entfremdung zwischen Sozialdemokratie, Bildungselite, Wissenselite und den „kleinen Leuten“ und nicht eine andauernde Delegitimierung von Sorgen, Emotionen und Wahrnehmungen dieser Menschen (da könnte ich der Silja Häusermann das Buch von Pierre Bourdieu „Die Feinen Unterschiede“ empfehlen, in dem es gerade um Distinktionsstrategien unterschiedlicher sozialer Klassen geht). Also z.B. eine Politik der Anerkennung nach Axel Honneth für diese „kleinen Leute“. Und wenn man die „kleinen Leute“ nicht mehr in den Blick bekommt, dann ist dies sicherlich keine universalistische Politik mehr, sondern eine reine partikulare Identitätspolitik, die eben partikularistisch vorgeht und den Universalismus abgelegt hat.

Ich verweise mal auf einen Vortrag von Eric Hobsbawm  (Identitätspolitik und die Linke):

Will die Linke wieder zurück zum Nationalstaat?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ja, fürchterlich. In gewissen Ländern in Europa könnte das eine linke Minderheitsposition werden. Bloss: Das ist sicher keine taugliche Politik für eine Sozialdemokratie. Wenn sie beginnt, ihre kulturelle Basis infrage zu stellen, die Stellung der Frau, die internationale Solidarität, die Rechte von Migranten, dann verliert sie jene Wähler, die sie in den letzten dreissig Jahren gewinnen konnte und die heute die Mehrheit ihrer Basis ausmachen: die kosmopolitische, urbane und gebildete Mittelschicht. Menschen, die in den wachsenden Branchen arbeiten.“

Weshalb fragt Silja Häusermann nicht danach, weshalb es einen Brexit gab, und weshalb gewisse Linke ihr Heil wieder in der Nation suchen?

Ich verweise diesbezüglich mal auf Heiner Flassbeck und auf Mario Candeias:

Heiner Flassbeck

Mario Candeias

Verkürzt würde dies heißen: Wenn die Sozialdemokratie weiterhin eine autoritäre Austeritätspolitik fährt und Deutschland weiterhin Lohndumping im eigenen Land betreibt und die eigene Arbeitslosigkeit exportiert, was in einer Währungsunion nicht gut gehen kann, dann werden ev. noch ganz andere Leute an die Macht kommen als Trump et al.

Die kosmopolitische, urbane und gebildete Mittelschicht könnte eben gerade mitverantwortlich sein für einen autoritären Neoliberalismus, der dann ev. zu Nationalismus und antidemokratischem Autoritarismus führt.

Haben wir einen neuen Kulturkampf: Linke Liberale und rechte Nationalisten?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ja, weil es sowohl den heutigen linken Wählern wie auch den ehemaligen Anhängern, die heute rechtsnational wählen, primär um identitäre, um kulturelle Fragen geht. Egal was die Linke macht, sie verliert am einen oder anderen Ende. Es findet ein neuer Kulturkampf statt.“

Das ist richtig: der heutigen Linke geht es primär einmal um Identitätspolitik und kulturelle Fragen und primär nicht mehr um soziale Gerechtigkeit bzw. Verteilungsfragen etc. Ich zitiere Wolfgang Merkel in diesem Zusammenhang:

„Die junge, intellektuelle Linke hat den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren. Da gibt es vonseiten der Gebildeten weder eine Sensibilität noch eine Aufmerksamkeit und schon gar keine Verbindungen mehr. Die Linke hat sich eben kosmopolitisiert und, wie gesagt, ihren politischen Schwerpunkt auf eine kulturelle Ebene verlagert, und eben auf dieser Ebene unterscheiden sich die Milieus der hoch und weniger Gebildeten deutlich voneinander. Dieser Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen, wenn ich diesen Begriff einmal verwenden darf, ist massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit.“

Ist linke Identitätspolitik universalistisch oder doch eine neue Klassengesellschaft?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Ja, nur dass sich heute nicht mehr Reformierte und Katholische gegenüberstehen wie im 19. Jahrhundert, sondern Linksliberale und Rechtsnationale. Wenn Sie die Reaktionen auf Trump verfolgen: Die grosse Besorgnis ist die um eine liberale Gesellschaftsordnung und um Minderheitenrechte, also um universalistische Rechte.“

Wenn man die soziale Verteilungsfrage und viele andere Fragen, die eben nicht primär Identitätspolitik oder kulturelle Fragen sind, aus den Augen verloren hat, wie kann man dann behaupten, dass man quasi universalistisch denkt?

Silja Häusermann sagt weiter:

„Vieles, was wir heute als selbstverständlich erachten, sind erkämpfte Erfolge einer kulturell liberalen Identitätspolitik. Die gute Nachricht für die Linke ist: Sie kann Einfluss nehmen mit den Stimmen, die sie in den letzten Jahrzehnten dazugewonnen hat. Aber es gibt einen Backlash. Es mag unbefriedigend sein, aber die Diagnose bleibt: Die Linke steckt in einem Dilemma.“

Es würde sich dann mal die Frage stellen, ob die erkämpften Erfolge rein auf eine kulturell liberale Identitätspolitik zurückzuführen sind?  Hier wird m.E. u.a. die ökonomische Dimension vollständig außen vor gelassen, die gerade für die Gleichstellung der Geschlechter auch ziemlich wesentlich war. Nur fragt sich eben, ob eine linke Identitätspolitik wirklich universalistisch ist und nicht eben nur partikularistisch, wenn die Gesellschaft wieder vermehrt zu einer Klassengesellschaft wird. Dazu abschliessend Wolfgang Merkel:

„Im Schatten der wachsenden kulturellen Sensibilität der Linken ist also eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft ist bislang zumindest nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses.“

Soll man die Sorgen und Ängste und Ressentiments der Bevölkerung ernst nehmen?

Im Zusammenhang der US-Präsidentenwahl 2016 schreibt ein Arzt (Psychiater) und Philosoph auf einem Blog unter dem Titel „’Make America great again“’. Zur politischen Psychologie des Ressentiments“ folgendes:

„Die übliche Reaktion der Wohlmeinenden auf das Ressentiment lautet: „Man muss die Ängste ernst nehmen.“ Diese ebenso verlogene wie herablassende Haltung nähert sich bis zur Unkenntlichkeit dem Ressentiment an: Auch sie erklärt das Gefühl zur höchsten Instanz. In Tat und Wahrheit ist das Ressentiment eine Verleugnung der Angst.“

Dazu ein paar ein Gedanken meinerseits dazu:

Weshalb soll das eine verlogene Haltung sein, wenn man die Ängste der Leute ernst nimmt? Und was soll daran herablassend sein?

Ob das jemand als herablassend empfindet, dürfte wohl jede Person immer wieder anders empfinden und ist vermutlich keine anthropologische Grundkonstante aller Menschen; dies ist m.E. eine unzulässige Verallgemeinerung.

Wenn man sich empathisch der Angst oder dem Ressentiment eines Menschen nähert, heißt dies selbstverständlich nicht, dass nun das Gefühl zur höchsten (moralischen) Instanz erklärt bzw. erhoben wird? Wenn ein Mensch Mordabsichten hegt, die auf gewissen Gefühlen basieren, dann kann man zwar die dahinter stehenden Gefühle ernst nehmen, aber das heißt noch lange nicht, dass man die Mordabsichten gutheißt. Der Mensch kann zwar seine Gefühle explorieren, aber man kann dann die möglichen, daraus entstehenden Handlungen (Ressentiments, Mordabsichten) selbstverständlich für vollständig unangebracht halten. Jedoch: Sorgen, Ängste und Ressentiments nicht ernst nehmen, lässt diese sicherlich nicht einfach verschwinden, wenn man einfach sagt, das sei alles Schwachsinn. Ich vermute, das Gegenteil dürfte vielfach zutreffen. Sorgen, Ängste und Ressentiments ernst nehmen, heisst für mich, dass ein Mensch diese quasi explorieren darf und man dann schaut, was steckt eigentlich dahinter: wieso, weshalb, warum hat ein Mensch solche Sorgen, Ängste und Ressentiments. Und wie können solche Sorgen, Ängste und Ressentiments in konstruktive Bahnen gelenkt werden, sodass eben Rassismus, Fremdenfeindlichkeit etc. abgebaut wird.

Und ob nun das Ressentiment eine Verleugnung der Angst ist, scheint mir auch nicht so gewiss zu sein. Da kann Angst dahinterstecken, da können aber auch viele andere Gefühle dahinterstecken (Groll, Ärger, Schmerz, Verletzungen etc.). Übrigens: Wenn die Linke die Ängste der Leute nicht ernst nimmt, dann werden sie sicherlich die Rechtspopulisten ernst nehmen; mit den entsprechenden Konsequenzen.

HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE: Keine Mutter für die Nation

So titelte die Schweizer Wochenzeitung WoZ die Niederlage Clintons gegenüber Donald Trump. Sehen sich weiße Frauen tatsächlich der Versuchung ausgesetzt, sich dem Unterdrücker anzuschließen, weil er ihnen die Teilhabe an der Macht vortäuscht und sich bis heute wenig daran geändert hat? Dieses Narrativ mag bei genauerem Hinsehen nicht richtig zu überzeugen.

Würde die WoZ identisch argumentieren, wenn Frauen wie Sarah Palin, Marine Le Pen oder Frauke Petry zur Wahl gestanden hätten?

Interessant wäre ja die Frage, ob dieses Narrativ (Frauen sind immer noch diskriminiert, Frauen solidarisieren sich lieber mit dem Unterdrücker, weil es ihnen Vorteile verschafft etc.), das die WoZ bzw. Anna Jikhareva erzählt, auch so geschrieben worden wäre, wenn ein Mann bei den Demokraten gegen eine Frau bei den Republikanern angetreten wäre: z.B. eine Frau wie Sarah Palin oder Marine Le Pen oder Frauke Petry? Vermutlich nicht! Da hätte die WoZ vermutlich die Frauen gelobt, die nicht Palin, Le Pen oder Petry gewählt haben, weil sie sich sonst „ideologisch“ in unlösbare Widersprüche begeben hätte. Das identitätspolitische Narrativ (Frauen sollten gefälligst Frauen wählen: alles andere ist unsolidarisch oder eben Komplizenschaft) funktioniert also nur unter ganz bestimmten Prämissen und ist deshalb nicht wahnsinnig stichhaltig bzw. valide.

Clinton hat sicherlich nicht einfach verloren, weil sie eine Frau war, sondern weil sie im Gegensatz zur Obama-Wahl 2012

  • bei allen Altersgruppen bis 64 Jahren prozentual weniger Stimmen als Obama holte;
  • bei allen Ethnien (Weiße, Afroamerikaner, Hispanics, Asiaten und Sonstige) prozentual weniger Stimmen holte als Obama:
  • und auch insgesamt bei den Frauen prozentual weniger Stimmen holte als Obama!

vgl. FAZ

Haben weiße Frauen die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt?

Auch die nachträgliche Begründung von  Jikhareva ist nicht sehr stichhaltig bzw. vollständige Spekulation, die besagt, dass die weißen Frauen lieber die Privilegien ihrer Hautfarbe gewählt haben. Die weißen Frauen, die insbesondere über überdurchschnittlich viel kulturelles Kapital besaßen, haben in hohem Masse für Clinton gestimmt. Diejenigen Frauen, die eben gerade hinsichtlich des kulturellen Kapitals nicht privilegiert waren, haben zu 62% für Trump gestimmt. Viel naheliegender dürfte die Interpretation sein, dass gerade weiße Frauen, die zur Unterschicht gehören und zu den Globalisierungsverlierern gehören, für Trump gestimmt haben.

vgl. SPIEGEL

Und was für Privilegien haben wohl diese weißen Frauen, die wenig kulturelles Kapital besitzen? Im Vergleich zu Männern, die wenig kulturelles Kapital besitzen, dürften sie auch noch weniger ökonomisches Kapital besitzen. Clinton konnte diese Frauen offenbar nicht wahnsinnig überzeugen, dass es ihnen mit ihrer Wahl besser geht.

Schließen sich Frauen lieber ihrem Unterdrücker an, weil er ihnen ein Teilhabe an der Macht vortäuscht?

Und dass sich weisse Frauen ausgesetzt sehen, sich dem Unterdrücker anzuschließen, ist auch nichts weiter als Spekulation. Was genau hätte den Clinton für diese weiße Frauen mit wenig ökonomischem und kulturellem Kapital zu bieten gehabt? Wollte Clinton die Lohnquote für die Arbeitenden erhöhen? Oder ganz allgemein den Gini-Index der USA verbessern, folglich die Kluft der Einkommens- und Vermögensverteilung verringern? Oder wollte sie dafür sorgen, dass die USA weniger eine Plutokratie bzw. Oligarchie ist und ganz allgemein die politische Partizipation der unteren Klassen stärken? Hat Obama irgend etwas diesbezüglich erreicht? Außer der Entspannung zu Kuba und dem Iran sowie Obamacare findet man bei Obama keine nachhaltigen Verbesserungen.

Auch die Aussage, dass die Wahl von Trump für die Frauen ökonomisch negative Folgen haben wird, ist reinste Spekulation und es fehlt jegliche Begründung dafür.

Eine Mehrheit der Menschen wollte einen „Change“ und nicht den Status Quo

Der restliche Text von Jikhareva, der die schwache Repräsentation der Frauen in Exekutive und Legislative in den USA beklagt, mag zwar grundsätzlich richtig sein, ist jedoch für die Analyse der US-Präsidentschaftswahl 2016 mehrheitlich irrelevant. Seit 1945 gab es in den USA nur einmal eine Phase, in der die gleiche Partei ununterbrochen 12 Jahre bzw. drei Amtszeiten hintereinander den Präsidenten stellen konnte. In allen übrigen Phasen konnte die gleiche Partei höchstens 8 Jahre den Präsidenten stellen. Ein großer Teil der Menschen in den USA wollte einen Wechsel (Change) und den erhält man nicht, wenn man noch einmal einen Präsidenten wählt, der aus der selben Partei stammt wie der Vorgänger und schon gar nicht, mit einer Präsidentschaftskandidatin, die innenpolitisch den Status quo weiterführt.

Entscheidend waren die Staaten des Mittleren Westens: Globalisierungsverlierer

Entscheidend bei dieser Wahl waren nun mal die Staaten Ohio, Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Also Staaten, mit überdurchschnittlich hohem Anteil von weißen, wenig gebildeten Menschen, die man unter die Globalisierungsverlierer subsumieren kann. Clinton hatte hier Mühe zu punkten, weil die protektionistischen Sprüche von Trump nun mal glaubwürdiger waren als analoges von Clinton.

Fazit

Das mehrheitlich identitätspolitische Narrativ von Anna Jikhareva ist m.E. überwiegend falsch. Es ist vornehmlich ein ideologisches Narrativ, das nur dann funktioniert, wenn eine Frau bestimmte Voraussetzungen mitbringt wie dies bei Hillary Clinton der Fall war (Mitglied der demokratischen Partei, identitätspolitische, postmodernistische und intersektionale Programmatik), jedoch bei anderen Frauen, die z.B. eher konservativ, rechtspopulistisch oder protektionistisch politisieren, nicht angewendet werden kann/darf, weil sich sonst die Autorin ideologisch in unlösbare Widersprüche verstrickt. Es ist somit ein ideologisches Narrativ, das eben gerade die komplexe empirische Realität aussen vor lassen muss, damit die Ideologie durchgehalten werden kann. Die Realität ist also komplexer, als es Ideologen gerne hätten.

Quellen:

WoZ-Artikel: HILLARY CLINTONS NIEDERLAGE Keine Mutter für die Nation

Franziska Schutzbach und der #SchweizerAufschrei: Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach mokiert sich in einem Blog-Artikel über die Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschrei. Leider bleibt sie bei ihrer Analyse bzw. Kritik in einem dualistisch manichäischen Weltbild verfangen.

Die Überschrift des Blog-Artikels hat es bereits in sich

Die Überschrift des Blog-Artikels von Franziska Schutzbach, in dem sie sich mit den Reaktionen der Männer im Zusammenhang des #SchweizerAufschreis auseinandersetzt, hat es bereits in sich, er lautet nämlich:

Wie können die Tussen es wagen?

Offenbar hat eine Person (oder waren es mehrere?) die Initiatoren des #SchweizerAufschreis in den Social Media als Tussen bezeichnet, die es wagen würden, sich gegen Sexismus, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt zu wehren bzw. dies öffentlich zu thematisieren. Solche Aussagen wie „Tussen“ sind selbstverständlich zu unterlassen, aber man kann sich ebenfalls fragen, wie repräsentativ diese Aussagen für alle Kommentatoren bzw. für alle Männer sind? Vermutlich nicht sehr repräsentativ. Franziska Schutzbach baut somit m.E. bereits im Titel einen Popanz auf, der besagt: Männer beschimpfen Frauen als Tussen und wollen ihnen offenbar den Mund verbieten, wenn diese gewisse Problematiken thematisieren. Vereinfacht könnte man auch formulieren: Männer sind Unterdrücker und Frauen die armen Opfer.

Dualistisch manichäisches Weltbild und Rundumschlag

 Franziska Schutzbach schreibt:

Spätestens seit #SchweizerAufschrei wissen wir, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen. Die Zeit der breitbeinigen Männlichkeit, der Polter-Eidgenossen, Welterklärer, Maskulisten, Mansplainer, Werte-Verkünder, Pussygrabscher und Bescheidwisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

In einem ersten Rundumschlag gegen alles Böse wird bereits am Anfang fleissig sortiert: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Wie viele Personen haben wohl in den Kommentarspalten der Online-Medien geschrieben, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen würden? War das 1 Person von 100 bzw. 1 Person von 1’000 Personen? Hat Franziska Schutzbach eine repräsentativ empirische Studie durchgeführt und ausgerechnet, wie hoch der prozentuale Anteil ist? Oder könnte es vielleicht so sein, dass dies z.B. nur eine Person gesagt hat und Franziska Schutzbach wiederum einen Popanz aufbaut, quasi als rhetorische Strategie, um einen Beweis zu liefern, dass Männer quasi einem Hirngespinst nachjagen?

Und sind diese „breitbeinige Männlichkeit“, diese „Polter-Eidgenossen“, „Welterklärer“, „Maskulisten“, „Mansplainer“, „Werte-Verkünder“, „Pussygrabscher“ und „Bescheidwisser“ eine homogene Gruppe? Also alle samt und sonders böse Männer, die allen Frauen und insbesondere der Franziska Schutzbach nur böses wollen oder sonst nur böses auf der Welt tun? Könnte es ev. sein, dass hier Franziska Schutzbach schon mal zahlreiche Feindbilder aufbaut, um ihrem dualistisch manichäischen Weltbild Genüge zu tun?

Wer ist eigentlich Täter und wer ist eigentlich Opfer?

Franziska Schutzbach schreibt:

Vorhersehbar wie der Sonnenuntergang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer inszenieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigentlichen Opfer sind! Und wo doch die eigentlichen Täter diejenigen sind, die die Frechheit haben, sie an ihre Täterrolle zu erinnern! Ein grosser Entlastungsdrang entlud sich, es wurde geschimpft: Feminazis, Gesinnungspolizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsächlich, dass Männer ihr Verhalten reflektieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmucken: Sie werden öffentlich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumindest vorgepredigt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern.

Jetzt muss man die Franziska Schutzbach einmal fragen, ob sie es gerne hätte, wenn sie quasi, nur weil sie ein Mann oder eine Frau ist und somit einer dieser zwei Populationen angehört (Männer bzw. Frauen),  quasi mit einem Generalverdacht belangt würde, der heisst: „Männer sind potenzielle Vergewaltiger oder sexuelle Belästiger oder Sexisten?“ Was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn man sagen würde: „Frauen sind potenzielle Kindsmörderinnen“? Oder „Ausländer sind potenziell kriminell“? Franziska Schutzbach würde bestimmt laut aufschreien und sagen: „das ist Rassismus, wenn man sagt, dass Ausländer potenziell kriminell sind“.  Oder was würde Franziska Schutzbach sagen, wenn die SVP (eine rechtskonservative neoliberale populistische Partei in der Schweiz) eine Aufschrei-Kampagne starten würde, bei der alle Bürger dazu eingeladen sind, ihre Erfahrungen mit Ausländerkriminalität emotionalisierend, moralisierend und skandalisierend zum Besten zu geben?  Auch hier würde sie wohl lauthals Rassismus, Populismus und Fremdenfeindlichkeit schreien. Aber wenn sich Männer beschweren, dass sie den Eindruck haben, quasi alle Männer würden als potenzielle Täter stigmatisiert und gebrandmarkt, dann ist das vermutlich für Franziska Schutzbach vollständig etwas anderes.

Weshalb spricht eigentlich Franziska Schutzbach nicht ebenfalls von männlichen Opfern und weiblichen Tätern? Vermutlich passt dies nicht in ihre feministische Agenda und wird tunlichst ausgeklammert und vermieden und würde das Bild zerstören von: hier die guten Frauen als Opfer und dort die bösen Männer als Täter.

Bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz kommt eine Studie aus dem Jahre 2013, was die potenziell belästigenden Situationen anbelangt, zum Ergebnis, dass kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszumachen sind. Bei sexueller Gewalt im europäischen Vergleich sind, was die Opfer betrifft,  Unterschiede zwischen Männern und Frauen kaum vorhanden:

Wir haben also bei der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz und bei sexueller Gewalt bei neusten Studien kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Opfer betrifft., wenn neuere Studien berücksichtigt werden. Wenn nun gewisse Männer den Eindruck bekommen, sie würden pauschal als potenzielle Täter gebrandmarkt, ist es sicherlich nachvollziehbar, wenn sie sich dagegen wehren.

Und selbstverständlich treten diese Kommentarschreiber nach Franziska Schutzbach nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern. Woher weiss Franziska Schutzbach, dass diese Kommentarschreiber oben sind? Oder weshalb sollten sie oben sein? Was genau heisst eigentlich oben? Kennt Franziska Schutzbach diese Kommentarschreiber persönlich? Weiss sie überhaupt irgend etwas von ihren Lebenslagen – ausser, dass sie vielleicht Männer sind, was auch nicht zu 100% sicher ist, sondern nur vermutet werden kann. Und woher weiss sie, dass sich diese Kommentarschreiber ihrer Allmacht versichern wollen? Könnte es nicht auch sein, dass sich Franziska Schutzbach hier wiederum als „armes Opfer“ inszenieren möchte, das unten wie ein Mäuschen steht (machtlos, hilflos, ausgeliefert) und ein Bild vom bösen Unterdrücker und Machtmenschen zelebriert, der selbstverständlich ein Mann ist?

Frauen werden nach Schutzbach also immer, wenn sie mit dem Mund aufmucken, zur Schnecke gemacht? Gibt es diesbezüglich empirische Untersuchungen, die genau das bestätigen, was Franziska Schutzbach hier behauptet oder ist das einfach ihr gefühlter Eindruck und/oder ev. eine rhetorische Strategie, um Frauen wiederum als allgegenwärtiges und ubiquitäres Opfer zu inszenieren? Ist es nicht viel mehr so, dass die wichtigen Medien in der Schweiz (Radio, TV, Print, Online) sehr ausführlich und wohlwollend über den #SchweizerAufschrei informiert haben? Man könnte sogar sagen: In den wichtigen Medien ist der #SchweizerAufschrei quasi hegemonial geworden.

Bauchstalinismus und Empörungsbewirtschaftung

 

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Franziska Schutzbach schreibt:

Was den Kommentatoren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Feminismus und letztlich auch Political Correctness sind. Denn es muss eine Art zivilisierter Selbstzensur geben, die unsere Gesellschaft zusammenhält. So zu tun, als wäre es fortschrittlich, Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit oder letztlich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewaltfrei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspucken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, menschliches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzuerziehen‘, bei der Sexualität oder im Geschlechterverhältnis plötzlich aufhören?

Kulturelle Gepflogenheiten und Vorstellungen sind keine Naturtatsachen, sondern verändern sich.

Das hört sich zwar alles auf den ersten Blick sehr vernünftig an, wenn wir jedoch diesen #SchweizerAufschrei, der u.a. von Franziska Schutzbach lanciert wurde, genauer betrachten und ihn mit den Augen des erst kürzlich verstorbenen Mediensoziologen Kurt Imhof prüfen, der u.a. das „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgegeben hat, sieht die Sache doch ganz anders aus. Im Hinblick auf die Flutung der Öffentlichkeit mit Emotionalisierung, Moralisierung und Skandalisierung, wie dies z.B. mit dem #SchweizerAufschrei geschehen ist, kommt er in einem Interview mit der Überschrift „Schluss mit dem Bauchstalinismus“ zu folgender Einschätzung:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne oder die in ihrer heissen Phase ausgeprägt auf die Empörungsbewirtschaftung einer Einzelperson fixierte Abzockerauseinandersetzung beobachten, sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Das heisst: Kurt Imhof würde vermutlich den #SchweizerAufschrei unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumieren. Kurt Imhof sagt im Interview weiter:

Die sanfte Gewalt des besseren Arguments hat keine Chance gegen die moralgetränkte Empörung und unsere privaten Leidenschaften geraten unter die Fuchtel einer ebenso moralgetränkten Political Correctness.

(…)

Affekte und Empörungsgefühle sind die billigste Währung, die wir haben. Wenn unsere Unterschichtenmassenmedien zur öffentlichen Hinrichtung eines bekannten Grossbankers auf dem Paradeplatz aufrufen würden, dann kämen Zigtausende. Eine Einsicht des Aufklärungsliberalismus war: Öffentliche Hinrichtungen, die Human-Interest-Ereignisse der Vormoderne, sind pädagogisch nicht wertvoll. Sie befriedigen Affekte und tragen nichts zum Fortschritt von Mensch, Moral und Gesellschaft bei. Also musste dieser Zivilisationsprozess über die Bildungsinstitutionen und das öffentliche Räsonnement zunächst das ganze Volk durchdringen, damit es möglich wurde, den Rechtsstaat aufrechtzuerhalten und die Gewaltenteilung durchzuziehen. Dahinter wollen wir doch nicht zurück?

Die #SchweizerAufschreikampagne nimmt es zumindest billigend in Kauf, dass quasi eine Debatte über Sexismus, Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung mittels Empörungsbewirtschaftung und moralischer Diskreditierung abgehandelt wird und die „sanfte Gewalt des besseren Arguments“ auf der Strecke bleibt.

Franziska Schutzbach schreibt:

Kulturelle Praxen zu überdenken und zu hinterfragen ist ein normaler, ja wichtiger Vorgang moderner demokratischer Gesellschaften.

Weshalb dies nun Franziska Schutzbach explizit in diesem Kontext aufführen muss, ist m.E. nicht nachvollziehbar. Dies dürfte vermutlich für die Mehrheit der Frauen und Männer eine Binsenwahrheit sein.

Political Correctness versus Noam Chomsky

Franziska Schutzbach schreibt:

Bei genauer Betrachtung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, den Status quo zu erhalten.

Bei Franziska Schutzbach geht quasi alles immer nur um ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung. Es kommt ihr offenbar nicht in den Sinn, dass hinter der Kritik an PC auch ganz andere Motive stecken könnten. Wenn sich beispielsweise Noam Chomsky  für die Redefreiheit eines Holocaustleugners einsetzte, dann ging es ihm ganz sicherlich nicht darum, eine asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, sondern, es ging ihm darum, die Meinungsäusserungsfreiheit auch und gerade in Fällen von abscheulichen Gedanken zu verteidigen. Man kann Chomskys Haltung für richtig oder falsch finden, aber der Impetus für die Meinungsäusserungsfreiheit ist in diesem Fall sicherlich anders, als Franziska Schutzbach dies verallgemeinernd insinuiert.

Franziska Schutzbach schreibt:

Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Unterstellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen minorisierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unterstellung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeblich totalitäre Vorgehen der Frauen diskutiert wird, statt über das Problem ungleicher Macht- oder Ressourcenverteilung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich rechtfertigen über die richtige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwieweit ihre Anliegen nicht totalitär oder Männerfeindlich seien.

Interessant ist hier, dass Franziska Schutzbach die Frauen als Minorität (numerische Minderheit) sieht, obwohl z.B. in der Schweiz gerade das Gegenteil der Fall ist: Die Population der Frauen ist numerisch eine Majorität. Aber es zeigt gut auf: Sie möchte vermutlich die Frauen unbedingt als Randgruppe inszenieren, die eben unterdrückt sind und einen Opferstatus zugewiesen bekommen sollen. Über Empörungsbewirtschaftung, moralische Diskreditierung von Personengruppen, Emotionalisierung und Skandalisierung in der Öffentlichkeit soll also nicht diskutiert werden, das würde ja vom eigentlich Problem ablenken. Das die Art und Weise, wie die Problematik in der Öffentlichkeit thematisiert wird, selbst zum Problem werden kann, kommt selbstredend nicht auf den Radar, bzw. ist selbstverständlich nur eine Nebensache und tut nichts zur Sache: Kollateralschäden (der Zweck heiligt die Mittel) werden einkalkuliert und sind nicht der Rede wert.

Die ewig unterdrückte Frau

Franziska Schutzbach schreibt:

Ich habe unter #SchweizerAufschrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine rechtliche Zurückstufung oder Schlechterstellung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzuhören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten.

Wenn Männer quasi als Tätergruppe hingestellt werden, unabhängig davon, ob dies nun bewusst oder unbewusst, explizit oder implizit geschieht und Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht ins Blickfeld geraten, muss sich Franziska Schutzbach nicht wundern, wenn sich Männer gegen eine kollektive Dämonisierung zur Wehr setzen, auch wenn gewisse Formen der Verteidigung selbstverständlich unangebracht sind. Wie bereits weiter oben dargelegt: Wenn Ausländer oder Flüchtlinge pauschal als Tätergruppe in der Öffentlichkeit diffamiert würden, dann wäre der Aufschrei von Franziska Schutzbach gewiss; aber bei Männern darf das selbstverständlich gemacht werden.

Franziska Schutzbach schreibt:

Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Weltherrschaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Das dürfte für viele Männer kein Problem sein, wenn in Geschlechterbeziehungen Machtgefälle angesprochen werden, wenn die Männer jedoch den Eindruck haben, dass Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer nicht thematisiert und Männer quasi kollektiv in der Öffentlichkeit dämonisiert werden, dann ist es nachvollziehbar, wenn Männer sich hier zur Wehr setzen.

Geschlechtergerechtigkeit und wer wie viel weiss

Franziska Schutzbach schreibt:

(…) Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexobjekte? Oder dümmliche Prinzessinnen? Warum sitzen in vielen Talkshows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute überwiegend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexualisierte Gewalt fast ausschliesslich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.

Wie wäre es, wenn sich Franziska Schutzbach im Gegenzug ein bisschen mehr Wissen über Geschlechtergerechtigkeit aneignen würde? Beispielsweise in dem Frauen als Täterinnen und Männer als Opfer endlich auch einmal von ihr thematisiert werden? Und wie wäre es, wenn Franziska Schutzbach sich einmal die Frage stellen würde, weshalb Männer 1,5 mal häufiger als Frauen Opfer von schweren Gewalttaten werden (Mord, Totschlag, Raub, schwere Körperverletzung); Männer fast 3mal häufiger Selbstmord begehen als Frauen, Männer immer noch 5 Jahre früher sterben als Frauen, Männer viel häufiger obdachlos sind als Frauen usw., usf., etc.!

Fazit

Das Narrativ, das uns Franziska Schutzbach in ihrem Blog-Artikel erzählt, ist sehr einseitig und auf einem dualistischen manichäischen Weltbild aufgebaut, das insbesondere Dämonisierung und Feindbilder erzeugt; Differenzierungen und Grautöne sind kaum vorhanden. Es lautet vereinfacht wie folgt:

  • Männer beschimpfen Frauen und werten diese ab;
  • Männer sind Unterdrücker und sonnen sich in ihrer Allmacht;
  • Männer wollen den Frauen den Mund verbieten und sie unterdrücken;
  • Frauen sind nur Opfer und keine Täterinnen.
  • Männer sind nur Täter und keine Opfer.
  • Frauen sind machtlos und eine Minorität. Männer sind die Majorität und haben Macht.

Quellen:

„Wie können die Tussen es wagen“

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz in der Schweiz

Sexuelle Gewalt: Neue Studien belegen geringe Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Opfern

Schluss mit dem Bauchstalinismus!

 

#SchweizerAufschrei: Michèle Binswanger über die antifeministischen Memmen, die gefälligst aufhören sollen zu flennen!

von Mark E. Smith

Ein „#SchweizerAufschrei“ gab in den letzten Tagen in der Schweiz viel zu reden, und es gab insbesondere auch von vielen Männern grosse Kritik an dieser Aufschrei-Kampagne. Die Journalistin Michèle Binswanger erklärt in einem meinungsbetonten Artikel den Kritikern, weshalb dieser Aufschrei sinnvoll ist. Ob ihr das gelingt …..?

In der Schweiz gab es in den letzten Tagen einen sogenannten „#SchweizerAufschrei“, der, ähnlich wie der „Hashtag Aufschrei“ in Deutschland aus dem Jahre 2013, Sexismus, sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung zum Thema hatte. Auslöser dafür war neben den Aussagen von Donald Trump (Pussygate) eine Aussage einer nationalen schweizerischen Parlamentarierin (SVP-Nationalrätin) namens Andrea Geissbühler, die sich in einem Interview mit einem Regional-Sender wie folgt äusserte:

„Naive Frauen, die fremde Männer nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen und dann ein bisschen mitmachen, aber plötzlich dennoch nicht wollen, tragen ja auch ein wenig eine Mitschuld. Da sind die bedingten Strafen vielleicht gerechtfertigt.“

Es geht an dieser Stelle nicht darum, diese Aussage von Andrea Geissbühler zu diskutieren und zu qualifizieren, sondern aufzuzeigen, was der Auslöser für den „Hashtag SchweizerAufschrei“ war. Wie in Deutschland, mit dem „Hashtag Aufschrei“, wurde dieser in der Schweiz von vielen Medien (Print, Online, Radio, TV) aufgegriffen und somit in der Öffentlichkeit breit thematisiert.

In diesem Beitrag möchte ich mich ausschliesslich mit einem Artikel von der Journalistin und Feministin Michèle Binswanger auseinandersetzen, der am 18. Oktober 2016 auf dem Online-Portal des Tagesanzeiger erschienen ist.

Der Titel und der Vorspann des Artikels lauten dabei wie folgt:

„Hört auf zu flennen, ihr Memmen!“
„Antifeministen wollen wissen, was der #SchweizerAufschrei bringen soll. Eine gute Frage, doch die Antwort wird ihnen nicht gefallen.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob es nett, höflich und konstruktiv etc. ist, wenn man die „fremdernannten“ Antifeministen bereits im Titel mit „Memmen“ tituliert, die aufhören sollen zu flennen. Michèle Binswanger weiss offenbar, dass man die „fremdernannten“ Antifeministen ohne grosse berufliche bzw. gesellschaftliche Konsequenzen beleidigen, diffamieren oder diskreditieren darf, weil solche Beschimpfungen zumindest im gesellschaftspolitischen Mitte-links-Milieu im Sinne von Antonio Gramsci hegemonial sind. Interessant ist natürlich auch die Frage, weshalb Michèle Binswanger so treffsicher wissen kann, dass die Kritiker des „#SchweizerAufschrei“ alle samt und sonders Antifeministen sind? Ich glaube kaum, dass sie die Kritiker danach gefragt hat und ebenfalls ist unwahrscheinlich, dass sich diese selbst so etikettiert haben. Aber: Warum sollte Kritik am „#SchweizerAufschrei“ gleichbedeutend mit Antifeminismus sein? Ev. sind es einfach Menschen, die Humanisten, Menschenrechtler, kritische Geister etc. sind und das kritisieren, was für sie nicht einleuchtend bzw. stimmig ist, ohne irgendwelche politische Ideologien zu präferieren. M.E. gibt es jedoch dafür zwei plausible Gründe, weshalb Michèle Binswanger die Kritiker allesamt unter die Antifeministen subsumiert: 1) Sie kann sich offenbar nicht vorstellen, dass überhaupt jemand berechtigte Kritik an diesem „#SchweizerAufschrei“ haben kann, ohne quasi ablehnend gegenüber dem Feminismus eingestellt zu sein, und/oder, 2) sie will vor allem ein Feindbild kreieren, so im Sinne von: „Die Menschen, die für Gleichberechtigung von Mann und Frau sind, haben selbstverständlich nichts gegen den Feminismus und somit auch nichts gegen den „#SchweizerAufschrei“ und wer diesen trotzdem kritisiert, ist eben ein Antifeminist, der jenseits von Gut und Böse ist“. Durch diese Reduktion in zwei Parteien (hier die Feministinnen und dort die Antifeministen) wird bereits der erste Schritt getan, um die Debatte in einen Feindbild-Modus zu lenken.

Beschimpfung der mutmasslichen Antifeministen im Kontext der Qualität der Medien

Aber ich möchte noch kurz etwas Grundsätzliches zu dieser Beschimpfung der „fremdernannten“ Antifeministen durch Michèle Binswanger sagen und zwar aus medienwissenschaftlicher Sicht und hier insbesondere, wenn es um die Qualität von Medien und Öffentlichkeit geht:

Der erst kürzlich verstorbene Mediensoziologe Kurt Imhof, der zuletzt Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich war und u.a. das alljährlich erscheinende „Jahrbuch Qualität der Medien“ herausgab, sagte einmal in einem Interview:

„Der Aufklärungsliberalismus hat auch aus den Erfahrungen der Religionskriege ein Bewusstsein dafür behalten, dass der unzivilisierte, affektgetriebene Mensch des Menschen Wolf ist. Deshalb setzten die Aufklärungssozietäten auf Affektkontrolle als zivilisatorisches Programm. Ihre Forderung nach ‚Ausgewogenheit’ bedeutete, dass Argumente niemals gegen Personen, sondern nur gegen Argumente antreten. Für die Affekte, das Triebhafte und ‚Naturgemässe’ des Menschen hat die Aufklärung strikt den Raum des Privaten reserviert. Im Öffentlichen gilt dagegen der Respekt vor der – begründeten – Meinung anderer. Man nimmt politische Gegner ernst. Man gibt nicht einfach ein Charakterurteil über andere ab, weil einem ihre Meinung nicht passt. Wer dies in den Aufklärungsgesellschaften tat, verstiess gegen grundsätzliche Regeln und wurde vom Diskurs ausgeschlossen. Aus gutem Grund, denn die persönliche Diskreditierung anderer ist nichts als bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt.“

Insofern wäre die Beschimpfung im Titel (Memmen, die aufhören sollen zu flennen) von Michèle Binswanger gegenüber den mutmasslichen Antifeministen alles andere als ein Zeichen von Qualitätsjournalismus, sondern „bauchstalinistische Gegenaufklärung, die auf die schlechten Instinkte des Menschen setzt“.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, weshalb Michèle Binswanger überhaupt auf diese abwertenden Wörter wie „Memmen“ und „flennen“ kommt. M.E. leitet sie dies aus den nachfolgenden Erörterungen ab – sie schreibt nämlich:

„Auch durch die sozialen Medien schwirrten sofort die antifeministischen Verteidigungsschwadronen und verkündeten ihre Weisheiten zum Thema Sexismus in der Schweiz. Der #SchweizerAufschrei, hiess es da, sei a) ein Profilierungstrick linker Politikerinnen, b) sei Sexismus in der Schweiz kein Problem, weil sie selber c) noch nie eine angemacht oder angegrabscht hätten. Sie seien aber d) selber schon begrabscht worden und hätten das nicht schlimm gefunden. Daraus schliessen sie schliesslich e), dass Frauen mit der Aktion nur Opferstatus beanspruchen wollen.“

Die „fremdernannten“ Antifeministen drehen quasi den Spiess des „#SchweizerAufschreis“ um und sagen: sie selbst würden nie Frauen sexistisch behandeln bzw. sexuell belästigen, aber wenn jemand sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt würde, dann wären sie es; sie würden dies jedoch nicht schlimm finden; zumal sie eben gerade nicht flennen und sich wie Memmen benehmen. Für sie ist also die sexuelle Belästigung bzw. der Sexismus der Frauen gegenüber ihnen kein Grund zur Klage. Die „fremdernannten“ Antifeministen machen jedoch den Frauen des „#SchweizerAufschrei“ den Vorwurf, dass diese quasi mimosenhaft reagieren würden. Indem diese nämlich bereits Komplimente wie „sie sei nett angezogen“ oder „sie würde schöne Stiefel tragen“ als sexistisch taxieren würden, zumal derartige Komplimente Frauen auf ihr Aussehen reduzieren würden.
Die „fremdernannten“ Antifeministen sind nach Michèle Binswanger also primär deshalb Memmen, die flennen, weil sie nicht so mimosenhaft wie gewisse Frauen auf Komplimente reagieren und dies als Sexismus wahrnehmen.

Eine frohe Botschaft: Nicht alle Männer sind Sexisten, aber alle Frauen sind Opfer

Michèle Binswanger schreibt:

„Die Verteidigungsschwadronen beklagen sich, hier würde allen Männern der Prozess gemacht, was vollkommener Blödsinn ist. Nur weil alle Frauen das erleben, heisst das nicht, dass alle Männer so sind.“

Michèle Binswanger gibt sich empört. Wie können gewisse Männer nur auf die absurde Idee kommen, der „#SchweizerAufschrei“ würde behaupten, alle Männer wären potenzielle Sexisten und sexuelle Belästiger? Diese Auffassung scheint mir jedoch überhaupt nicht abwegig zu sein: Wenn bei Michèle Binswanger alle Frauen Opfer sind und keine männlichen Opfer weit und breit thematisiert werden und die Täter primär männlich sind, dann werden einmal die Männer als Opfer vollständig eskamotiert und auch Frauen als Täterinnen sind quasi inexistent. Wie kommt eigentlich Michèle Binswanger auf die Gewissheit, dass 100% der Frauen Opfer sexueller Belästigung und Sexismus sind? Hat sie repräsentative wissenschaftliche Studien darüber konsultiert? Natürlich nicht! Das ist ihre „gefühlte“ Wahrheit bzw. Gewissheit!

Michèle Binswanger als Spezies des postfaktischen Zeitalters

Man könnte also polemisch formulieren: Michèle Binswanger ist eine typische Spezies des postfaktischen Zeitalters bzw. der postfaktischen Politik bzw. des postfaktischen Journalismus; es interessiert sie nicht, was repräsentative wissenschaftliche Studien über Sexismus und Sexuelle Belästigung hinsichtlich Männer und Frauen bisher herausgefunden haben, sondern ihre Betroffenheit und ihr subjektive „Gefühltheit“ sind primär der Massstab, um das gesellschaftliche Ausmass festzustellen und einzuordnen.
Bei Wikipedia können wir unter dem Begriff postfaktische Politik u.a. folgendes lesen:

„Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem evidenzbasierte Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.“

Michèle Binswanger im Empörungs- und Betroffenheitsmodus

Nachdem sie de „fremdernannten“ Antifeministen die Leviten gelesen hat, nähert sie sich nun mit eiligen Schritten dem Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus.

Michèle Binswanger schreibt:

„Was sexuelle Übergriffe anging, hatte ich in meinem Leben ein paarmal Glück. Oder konnte mich wehren. Als ich einmal allein im Ausgang war und mir von hinten jemand an den Hintern fasste, drehte ich mich um und stellte ihn: ‚Du hast mir jetzt aber nicht gerade an den Hintern gefasst?’, fragte ich laut. Er tat ertappt und murmelte in sein Bier: ‚Ja, aber das ist doch nicht so schlimm!’ Nein, ich fand die Berührung nicht schlimm. Schlimm fand ich, dass er dachte, er könne das einfach so tun. Ohne irgendwas, nicht einmal Blickkontakt, den er missverstehen könnte. Man wird zum Objekt gemacht, nicht ernst genommen. Schlimm ist, wenn die 15-jährige Tochter am Sonntag vom Lernen im Park heimkommt und sagt: ‚Da war so ein Typ, der hat uns aufdringlich zugezwinkert und uns verfolgt. Sehr gruselig.’ Das ist es, was wir jeden Tag erleben: Nicht ernst genommen, als Fickstück und Schlampe betitelt werden, in unserer sexuellen Integrität bedroht, vom väterlichen Stadtpräsident mit einer Hand auf dem Bein angefasst werden. Es ist eine verdammte Realität in diesem Land, nicht bei allen, nicht jeden Tag. Aber es passiert.“

Jetzt kann man sich natürlich fragen, was dieser Empörungs- und Betroffenheitsjournalismus erreichen will und was er schlussendlich bewirkt? Und ob er überhaupt ein realistisches und repräsentatives Bild über Sexismus und sexuelle Belästigung in der Schweiz abgibt und zwar was sämtliche Täter und Opfer betrifft und dies bei Männern wie bei Frauen.

Der bereits weiter oben zitierte Mediensoziologe Kurt Imhof sagt im Zusammenhang von Empörungsjournalismus:

„Keine Frage: die Indifferenz hat zugenommen. Sie hat allerdings aus meiner Sicht mehr mit der grassierenden Boulevardisierung zu tun. Human Interest, Personalisierung, Skandalisierung und Moralisierung fluten die Öffentlichkeit mit Belanglosem. Ursprünglich beruhte der Journalismus auf der Darstellung von Sachverhalten, die erst die Basis für normative Schlüsse bildet. Wenn wir nun aber die Debatten betrachten, über die alle etwas wissen, Strauss-Kahns Liebesleben, das antiquierte Balzverhalten von Brüderle mitsamt den 100 000 Tweets der #aufschrei-Kampagne (…) sehen wir hingegen eine moralisch-emotionale Überfrachtung des Öffentlichen. Diese dient nicht mehr der sanften Gewalt des besseren Arguments, sondern erzeugt möglichst viel Empörung und betreibt systematisch moralische Diskreditierung. Nun ist aber Moral keineswegs weltanschauungsfrei. Sie tut nur so und kann sich erst noch um Argumente drücken.“

Die #SchweizerAufschrei-Kampagne und der hier besprochene Artikel von Michèle Binswanger kann somit nach Kurt Imhof unter Empörungsbewirtschaftung und Bauchstalinismus subsumiert werden, denen es nicht mehr darum geht, mit „der sanften Gewalt des besseren Arguments“ zu überzeugen, sondern möglichst mittels Emotionalisierung, Skandalisierung und Moralisierung Aufmerksamkeit zu erheischen und moralische Diskreditierung zu betreiben (alle Kritiker der #SchweizerAufschrei-Kampagne als Antifeministen brandmarken und sie als Memmen, die flennen, beschimpfen).

Politik und Medien zeichnen vielfach ein schiefes Bild

Dass die Politik und die Medien vielfach ein schiefes Bild zeichnen, wenn es um die Opfer und Täter von Gewalt, Sexismus und sexueller Gewalt geht, darauf hat erst kürzlich wieder Stephan Schleim hingewiesen, wenn er schreibt:

„Medien und Politik zeichnen ein einseitiges wie eindeutiges Bild: Opfer sexueller Gewalt sind vor allem Frauen. Männer werden in der Regel als Täter dargestellt. Neue Studien widerlegen dieses Bild deutlich. Bei Untersuchungen in Chile und der Türkei gab es kaum Unterschiede bei den Opfererfahrungen zwischen den Geschlechtern. Im europäischen Vergleich zeigten sich 32% der Frauen und 27% der Männer betroffen von sexueller Gewalt. Es ist höchste Zeit, dass Medien und Politik ihr falsches Bild korrigieren.“

Was soll der „#SchweizerAufschrei“ bezwecken?

Für Michèle Binswanger soll der Aufschrei und ihr Artikel den Männern bewusst machen, in welcher Welt die Frauen leben und sie dazu ermuntern, selbst einzuschreiten, wenn wieder eine Frau von einem Mann sexistisch behandelt bzw. sexuell belästigt wird. Hier zeigt sich sehr gut, dass dieser Aufschrei, zumindest wenn wir Michèle Binswanger folgen, ausschliesslich für Frauen gedacht ist, die Opfer werden und zwar Opfer ausschliesslich durch Männer als Täter. Das schiefe Bild, auf das bereits Stefan Schleim hingewiesen hat, wird somit weiterhin zementiert bzw. reproduziert.

Quellen:
(http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Hoert-auf-zu-flennen-ihr-Memmen/story/31808295)
https://www.schweizermonat.ch/artikel/schluss-mit-dem-bauchstalinismus
http://www.heise.de/tp/artikel/49/49666/1.html
http://www.telebaern.tv/118-show-news/12639-episode-sonntag-9-oktober-2016/29540-segment-vergewaltigungen-in-der-schweiz