Warum ich mehr als eine Art von Friendzone sehe

Es war eine Anregung von DMJ, noch einmal über die Friendzone zu schreiben. Er sah einen ganz bestimmten Gesichtspunkt, auf den ich weiter hinten im Artikel noch einmal zurückkomme. Da DMJ sich auf einen Kommentar von mir bezog, fühle ich mich natürlich geschmeichelt und komme dem Wunsch gerne nach.

Kurz und schmerzlos: Was ist die Friendzone?

Sarkastische Antwort: Na, eben nicht kurz und schmerzlos, sondern langsam und qualvoll!

Ich meine natürlich etwas anderes. Das antworten übrigens viele Leute, wenn man über die Friendzone spricht. Jeder hat eine etwas andere Vorstellung davon. Dadurch kommt jeder zu einer anderen Bewertung und am Ende wundern sich alle, warum die Meinungen so auseinander gehen.

Kommen wir zunächst zum Basismodell. (Ob es auch mit anderen Geschlechterverteilungen passiert und funktioniert, interessiert uns erst einmal nicht. Ich könnte es mit „Mensch A“ und „Mensch B“ aufstellen, aber dann könnte ich bei den weiteren Ausführungen keine eindeutigen Fürwörter verwenden und das macht die Erklärungen sprachlich unnötig kompliziert.)

Ein Mann fühlt sich zu einer Frau hingezogen. Sie pflegen freundschaftlichen Kontakt. Mehr passiert aber nicht.

Das ist die einfachste Definition, die mir einfällt. Natürlich beschreibt das die Situation nicht vollständig. Aber gerade das ist doch der Witz! Es gibt Tausend Nebenbedingungen, anhand derer die Friendzone beurteilt wird, die aber nicht immer eintreten und die sich auch zum Teil gegenseitig ausschließen.

Ein etwas genauerer Blick: Was ist da passiert?

Um das zu klären, gilt es einige Fragen zu beantworten. Ich bin wie viele Menschen versucht, da gleich meine Wertung abzugeben, probiere es aber so weit wie möglich beschreibend.

1. Hat der Mann die Frau über sein Begehren unmissverständlich verständigt? Zwischen „ich sage direkt, dass ich mehr will“ und „ich sage und mache überhaupt nichts“ liegt natürlich ein weites Feld aus romantischen Gesten, Verhaltensweisen und Andeutungen.

2. Hat die Frau gemerkt, dass der Mann sie begehrt? Auch hier gibt es zahlreiche Abstufungen zwischen „Mir ist absolut klar, dass er mehr will“ und „Mir ist überhaupt nicht aufgefallen“. (Hier haben wir übrigens gleich ein Beispiel für sich ausschließende Bedingungen. Wenn der Mann tatsächlich im Extremfall sagt „Ich will mehr“, ist es nicht möglich, dass sie sein Verlangen nicht wahrnimmt.)

3. Hat die Frau dem Mann klargemacht, dass sie nichts weiter von ihm will als Freundschaft? Jetzt wird es schon richtig kompliziert.

Zum einen mag die Frau keine Verpflichtung sehen, reinen Tisch zu machen, etwa wenn er selbst mit seinem Begehren nicht aus den Puschen kommt (siehe Frage 1). Vielleicht möchte sie ihn nicht durch eine direkte Absage verletzen – oder die aus ihrer Sicht bisher gute Beziehung gefährden. Oder die Frau ist unentschlossen und sich nicht sicher, ob sie sich auf eine Liebesbeziehung einlassen soll (mit dem Risiko, dass bei einem Scheitern dann auch die Freundschaft futsch ist). Es kann aber auch sein, dass sie das Umworben werden ein Stück weit genießt – warum das so schnell abbrechen?

Zum anderen kann der Mann die Situation falsch verstehen – so wie bei vielen anderen menschlichen Interaktionen. Er interpretiert die Absage der Frau dahingehend, dass es zu schnell für sie geht, dass sie nicht als „leicht zu haben“ angesehen werden will und deswegen erst einmal nein sagt oder dass sie einfach noch ein wenig länger umworben werden möchte.

(Mit umgekehrter Verteilung der Rollen würden die wahrscheinlichsten Motive etwas anders ausfallen. Wenn ich das jetzt in jedem Fall in aller Bandbreite ausführe, habe ich genug Stoff, um täglich einen Artikel zu schreiben, und das kann doch niemand ernsthaft wollen… aber als Beispiel:

Zum einen mag der Mann keine Verpflichtung sehen, reinen Tisch zu machen, etwa wenn sie selbst mit ihrem Begehren nicht aus den Puschen kommt (siehe Frage 1). Vielleicht möchte er sie nicht durch eine direkte Absage verletzen. Der Mann findet die Frau nicht attraktiv genug oder sie ist einfach nicht sein Typ. Das ist nicht böse, aber es kann trotzdem weh tun, so etwas direkt zu sagen – glaubt er zumindest gegenüber Frauen. Es kann aber auch sein, dass er das Umworben werden ein Stück weit genießt – warum das so schnell abbrechen?

Zum anderen kann die Frau die Situation falsch verstehen – so wie bei vielen anderen menschlichen Interaktionen. Sie interpretiert die Absage des Mannes dahingehend, dass er es nicht gewohnt ist, wenn eine Frau den ersten Schritt macht oder dass er nicht als „leicht beherrschbar“ angesehen werden will und deswegen erst einmal nein sagt oder dass er einfach noch ein wenig länger umworben werden möchte.)

Ab jetzt kommen zahlreiche weitere Fragen hinzu, die man beliebig weit auffächern kann und die ich im Gegensatz zu den ersten dreien nicht als Ja/Nein-Fragen formulieren möchte: Etwa über welchen Zeitraum sich der Zustand des interessiert seins / Werbens erstreckt, ob die beiden schon lange Zeit befreundet sind oder sich erst kennengelernt haben, ob sie öfters Zeit zu zweit hatten und dabei in Ruhe reden konnten. Alter, Attraktivität und finanzielle Situation (alles drei sowohl absolut als auch relativ zum anderen Menschen) spielen ebenfalls eine Rolle – zumindest bei der Beurteilung, ob die Chancen des Mannes von Anfang an unrealistisch waren oder nicht.

Und noch ein Punkt, den zumindest ich sehr wichtig finde, muss erwähnt werden: Die leidige Frage, ob bei dem Mann „Friendzone – die Serie“ läuft. Es macht doch einen großen Unterschied, ob es mal nichts wird mit der Angebeteten, oder ob es immer so ist.

Und jetzt mit Wertung

So, und ab hier noch ein paar Beispiele, in denen auf jede Fall eine Wertung vorkommt. Natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität.

Karen Straughan (über die bereits im vorherigen Beitrag geschrieben wurde) hat ein Video veröffentlicht über „nette Kerle“ und die Friendzone. Sie erwähnt ein Beispiel aus ihrem Umfeld (ab 08:22). Ein Mann hatte sich in eine Arbeitskollegin verliebt. Anstatt irgendwann aufzugeben (sie war in einer Langzeitbeziehung), war er besonders nett zu ihr, übernahm sogar einen Teil ihrer Arbeit und hörte ihr zu, wenn sie sich über ihren Freund beklagte. Sie wusste genau, was Sache war, hatte aber keinerlei Interesse, diese Konstellation zu beenden – es war ja so bequem für sie! Als sie dies unvorsichtigerweise in einer nicht gerade netten Bemerkung zum Ausdruck brachte, die er hörte, war er erstaunlicherweise nicht erfreut darüber. Hier haben wir also die Kombination, dass die Frau Bescheid weiß und es eiskalt ausnutzt.

Karen Straughan (Girl Writes What!?): Look out! It’s a Nice Guy! DESTROY HIM!!11!

Eine andere Variante ist, dass die Frau einfach eine gewisse Anzahl an Verehrern für ihr Selbstwertgefühl braucht. Die Männer nennt man dann „Orbiter“.

Es kann auch sein, dass die Frau nichts merkt, aber gerne die praktischen Angebote annimmt, die die Männer ihr machen. Miria schrieb darüber in ihrem Artikel „Ich und die Orbiter„.

In der Diskussion zu ihrem Pickup-Artikel kam ein sehr interessanter Hinweis: Natürlich kann eine Frau auf einen miesen Typen hereinfallen. Wenn ihr das jedoch in Serie passiert, sollte sie sich irgendwann fragen, warum. Das läßt sich auf die Friendzone ummünzen: Natürlich kann ein Mann in der Friendzone landen. Wenn ihm das jedoch in Serie passiert, sollte er sich irgendwann fragen, warum.

Es gibt noch zwei extreme Interpretationen der Friendzone. Ich halte sie insofern für interessant, weil sie das alte Sprichwort demonstrieren, dass für jemanden mit einem Hammer in der Hand alles wie ein Nagel aussieht.

Zum ersten ist da die feministische Interpretation, die von Karen Straughan zitiert wird (ab 02:28 und 06:44). Laut dieser (radikal)feministischen Sichtweise ist bereits die Annahme einer Friendzone bösartig und drückt „male entitlement“ aus. Sie suggeriere, Frauen „müssten“ romantische Gefühle von Männern erwidern. Wer von einer Friendzone spreche, für den habe Freundschaft zu einer Frau keine oder nur geringe Bedeutung. Ein Mann, der sich unglücklich verliebe, sei selbst schuld, und habe kein Mitleid verdient. Auffällig ist auch die Reduktion des Begehrens auf Sex (im Gegensatz zu einer romantischen Beziehung). Es wird also angenommen, dass Männer nur das eine wollen. Es macht natürlich einen großen Unterschied in der Bewertung, ob Friendzone „unglücklich verliebt sein“ bedeutet oder „der Flirt, bei dem man nur auf Sex aus war, hat nicht geklappt“.

Zum anderen ist da die MGTOW-Sichtweise von Sandman in dem Video namens Friendzone Revenge. (Ich hatte mich bereits früher mit einem Video von ihm intensiv befasst.) Frauen packen Männer laut ihm bewusst in die Friendzone, um sie ausnutzen. Eventuell parken die Frauen die Männer auch nur in der Friendzone, um sie für späteren Bedarf aufzuheben. Wenn sie ihre männlichen Freunde verkuppeln wollen, dann grundsätzlich nur mit Frauen, die weniger attraktiv sind als sie selbst bzw. den unattraktivsten Frauen aus ihrem Freundeskreis. Als Gegenmaßnahme schlägt Sandman vor, ähnlich berechnend zu kontern. Auffällig ist hier, dass „in die Friendzone stecken“ eine aktive, bösartige Handlung ist, für die man sich rächen sollte.

Eine andere Sichtweise

Kommen wir nun nach diesem längeren Vorlauf, mit dem ich hoffe, das Thema einigermaßen umfassend erklärt zu haben, damit klar ist, was ich unter diesem Begriff verstehe, auf den Aspekt zurück, den DMJ interessant fand und weswegen ich diesen Artikel geschrieben habe. Auch wenn es, wie erwähnt, genauso Frauen passieren kann, dass sie in der Friendzone landen, so scheint das Phänomen häufiger in der Kombination „Mann begehrt Frau“ vorzukommen. Zumindest das Beklagen darüber wie auch das Verächtlichmachen der Begehrenden betrifft nach meiner Wahrnehmung meistens Männer. Das ist kein eindeutiger Beweis dafür, dass es so herum tatsächlich häufiger vorkommt, aber zumindest als Diskussionsthema scheint es in dieser Ausprägung relevanter zu sein.

Es scheint bei einigen Frauen etwas Verständnisschwierigkeiten zu geben. Aus ihrer Sicht scheinen Männer Freundschaft nicht oder nicht genug zu schätzen. Beispielhaft ein Zitat aus einem Kommentar von Robin Urban: „Das wird ja auch immer gerne reproduziert, als wäre es was schlechtes, Freunde zu haben.“ (Der Kommentar und die Diskussion sind insgesamt lesenswert.)

Noch krasser drückte es Miria in ihrem Artikel „Nur Freundschaft – zwischen Mann und Frau“ aus: Warum sei es für viele nicht möglich, dass Männer und Frauen „einfach nur Freunde“ seien?

Jetzt kommen wir zu DMJs Punkt. Endlich kann ich zitieren, war ich bei Miria kommentierte:

Steile These: In zweierlei Hinsicht ist Freundschaft für einen Mann das, was Sex für eine Frau ist. Das kann man recht einfach bekommen. Und es nervt, wenn das andere Geschlecht „immer nur das eine will“.

Selbst Männer, die völlig erfolglos bei Frauen sind, haben einige sehr gute Freunde. Es ist für sie auch kein Aufwand, weibliche Freunde zu haben. Freundschaft ist wichtig, aber kein Ziel, das man mühsam erreichen muss. Das schafft man auch so. Daher konzentriert man sich auf das, was weniger leicht zu bekommen ist.

Es ist für einen Mann verletzend und erniedrigend, wenn er grundsätzlich „nur als Freund“ wahrgenommen wird, was gleichbedeutend ist mit „sexuell unattraktiv“. Eine gewisse Menge an weiblichen Freunden ist kein Problem; zum Problem wird es erst, wenn nur noch das stattfindet.

Es ist spiegelbildlich wie bei einer Frau, die eine Beziehung sucht, aber anscheinend „nur für Sex“ gut ist. Darum sind viele Männer enttäuscht, wenn die Frau „nur Freundschaft“ anbietet, weil sie auf das knappere Gut „Sex (und Partnerschaft)“ gehofft haben und Freundschaft in dem Sinne nichts Besonderes ist, in deren Erlangung man viel Aufwand stecken muss.

Das war der Hauptanlass für diesen Artikel: Das umgekehrte Bild aufzeigen. Ähnlich bzw. ergänzend der Teil eines Kommentars bei Alles Evolution:

Ich habe mehrere Fälle im Bekanntenkreis erlebt, in denen Frauen “schnell” mit Männern ins Bett gegangen sind und dann enttäuscht waren, wenn daraus keine Beziehung wurde. Quasi das Pendant zur Friendzone, nur für Frauen. (Dass es auch für Frauen eine echte Friendzone gibt und es eher selten vorkommt, dass sich ein Mann beklagt, er werde nur für Sex genommen, zeigt mal wieder, dass es kaum einseitige Ungerechtigkeiten gibt.)

Natürlich hat dieser Vergleich Grenzen: So ist es gesellschaftlich völlig normal, mehrere gute Freunde zu haben. Bei mehreren Partnern sieht es hingegen anders aus.

Wie mit der Friendzone umgehen?

Hier noch einmal Karen Straughan aus ihrer eigenen Erfahrung (ab 04:07): In der Friendzone zu landen im Sinne von „unglücklich verliebt sein“ tut einfach weh. Interessanterweise ist es, wenn es einer Frau passiert, ein beliebtes Thema für Popkultur (mit ihr als Heldin) und im realen Leben kann eine Frau mit Verständnis rechnen (ab 05:18 und 12:00). Dass es sich bei einem Mann nicht so verhält, ist ein gutes Beispiel für „mit zweierlei Maß messen“.

Wenn sich ein Mensch aufgrund von nicht erwiderter Liebe eine Weile zurückzieht, bedeutet das nicht, dass ihr Freundschaft nichts wert ist. Wie es denen ergeht, die den Kontakt nicht meiden, kennt man ja… oder, um mich noch einmal aus einem Kommentar bei Alles Evolution zu zitieren:

[E]s ist doch genau der richtige Schritt, über ein unglückliches Verliebtsein hinwegzukommen, den anderen nicht ständig zu sehen (wenn es sich vermeiden läßt). Wenn der geliebten Person wirklich etwas an der liebenden liegt, sollte sie das verstehen und nicht ihren eigenen Wunsch nach “freundschaftlicher Beziehung” mit entsprechender Kontakthäufigkeit als wichtiger bewerten. Es wird auch keine gute Freundschaft, wenn die andere Person ständig mehr will. Manchmal braucht man etwas Abstand, um (wieder) die Basis für eine gute Beziehung zu schaffen.

Das finde ich sogar besonders wichtig am Ende einer Liebesbeziehung. Wer kennt nicht das Klischee, dass die Frau sagt: „Lass uns doch Freunde bleiben“? Hier haben wir tatsächlich einen Fall, bei dem der Mann aktiv und bewusst in die Friendzone gesteckt wird – denn wenn sich nicht beide einig sind, hat er nach wie vor romantische Gefühle für die Frau. So etwas kann funktionieren, aber gerade dafür ist es wichtig, zumindest einige Zeit auf Tauchstation zu gehen.

Das letzte Wort möchte ich aber jemand anderem überlassen. Zitat aus einem Kommentar von DMJ:

Manchmal hat man halt Pech, dass man von jemanden etwas wünscht, was der nicht im Angebot hat, aber so ist das eben im Umgang mit anderen Menschen.
Der Punkt, wo dann die Moral weiterhin ins Spiel kommt (und meines Erachtens auch kommen sollte) ist eben erst die Ehrlichkeit: Niemand sollte dem Anderen vortäuschen, dass das Gewünschte doch noch zu erlangen wäre, wenn er ihm erstmal gibt, was er selbst will.

Weitere Quellen zum gleichen Thema:

  1. Wie vermeidet man die Friendzone?
  2. Wie kommt man als Frau aus der Friendzone?
  3. “Fuckzone”: Einfach nur Sex, aber keine Beziehung/Freundschaft (Gegenstück zur Friendzone)
  4. Wenn die „Friendzone“ reden könnte

Popkultur:

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Nun gäbe es sicher 1000 traurige Lieder übers unglücklich verliebt sein und zig sentimentale über den Wert von Freundschaft, aber am Ende habe ich mich für zwei etwas fetzigere entschieden (letztes Mal gab’s keine Popkultur, das war Teil des Inhalts). Wie es sich gehört einmal mit Sängerin, einmal mit Sänger. Lieber etwas abtanzen zu Soul und die ganzen Gefühle herausschreien als die ganze Zeit trübsinnig herumsitzen und sich über die Ungerechtigkeit des Lebens zu beklagen!

The Supremes: You Keep Me Hangin‘ On

The Solution: I Have To Quit You

Warum ich noch immer keinen Männerstreik am Horizont sehe

Vorab: Der Autor des Blogs Männerstreik hat eine andere Vorstellung von einem Streik der Männer als ich. Daher empfehle ich ausdrücklich, dessen Blog zu lesen, um zu erfahren, was andere unter diesem Stichwort verstehen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich eine Mehrheitenmeinung vertrete, sondern erläutere nur meinen eigenen Standpunkt.

Ich spiele heute eine Runde „Wir hinterfragen Genderama-Meldungen“. Christian von „Alles Evolution“ hat es bereits vorgemacht, bei ihm ging es um die angeblich fast 50% jungen Männer, die über ungewollten Sex berichten. Mir war Ende März eine andere Meldung aufgefallen, die ich zunächst als Fundstück erwähnen wollte; dann habe ich mich jedoch dagegen entschieden und lieber abgewartet, bis ich wieder an der Reihe mit einem Artikel war.

Quellen

Zunächst erwähne ich die Quellen. Das ist ein Gebot der Redlichkeit. Es war mir überhaupt nur möglich, ansatzweise zu recherchieren, weil jeder Autor korrekt seine Quellen genannt hat. Egal, ob ich den Meinungen dieser Quellen zustimme oder nicht, es ist sehr wichtig, sie anzugeben.

1. Genderama: Kein Schwein ruft sie an

Dort erwähnt:
2. Stadtmensch-Chronicles: »Danke, Feminismus!«

Dort werden sowohl ein Youtube-Video als auch ein Artikel erwähnt, wobei in der Beschreibung des Videos auf den Artikel verwiesen wird:

3. Sandman: Canadian Beavers – MGTOW

4. Rejecting Modern Women: The Marriage Strike Hitting Women Hard, Why Men Arent Dating Women

Die Ausgangslage

Ich hatte mich in einem meiner ersten Artikel in diesem Blog kritisch mit dem Begriff „Männerstreik“ auseinandergesetzt: „Warum ich keinen Männerstreik brauche – aber mehr als nur ein Jahr des Mannes“.

In dem Abschnitt „Warum ein Männerstreik nicht funktionieren könnte“ habe ich ausgeführt, dass ein bewusstes Ablehnen von Ehe und Partnerschaft nicht funktionieren kann, weil es zu viele Männer gibt, die sich diese Dinge wünschen. Für diese Männer würde es sich lohnen, dem Streikaufruf nicht zu folgen.

Bei Genderama erschien hingegen mit dem Hinweis auf „die aktuellen Verschiebungen im Verhältnis der Geschlechter“ ein Text, der das Gegenteil andeutete. Anscheinend würden wirklich die bindungs- und heiratswilligen Männer knapp. Bei einer Singleparty sei das Verhältnis Frauen:Männer 150:3; eine konkrete sehr attraktive Frau gehe leer aus, nachdem sie zehn Männern ihre Telefonnummer gegeben habe.

Klar, mein erster Impuls war: Wo gibt es diese Probleme? Da ziehe ich hin! 🙂

Aber natürlich musste ich mich mit diesem Beitrag näher befassen, denn er widersprach mir fundamental. Sollte ich mich geirrt haben? Dann wäre Abbitte fällig! Und ich hätte etwas sehr wichtiges gelernt, das mein Weltbild veändert hätte… allein es blieh der persönliche Eindruck, dass in meiner eigenen Umgebung nichts von dieser angeblichen Veränderung zu spüren ist.

Was wirklich passiert ist

Genderama zitierte die Stadtmensch-Chronicles, wo wiederum einzelne Stücke aus einem Youtube-Video, einem Blogartikel und Kommentaren zum Artikel erwähnt werden. Es geht in dem Stadtmensch-Chronicles-Artikel jedoch nicht darum, den Männerstreik bezüglich Bindungsverweigerung zu belegen. Das ist wichtig, denn sonst könnte fälschlicherweise der Eindruck entstehen, ich würde Stadtmensch-Chronicles vorwerfen, Tatsachen zu verdrehen. Was zitiert wurde, findet sich auch so in den Quellen und ist in der Form der Verarbeitung nicht zu beanstanden. Gefährlich ist es jedoch, den Stadtmensch-Chronicles-Artikel wiederum weiterzuverwenden unter dem Motto „guckt mal, wie sich der Partnermarkt generell verändert“, denn das gibt er nicht her. Es wirkt auf mich wie das Stille-Post-Prinzip, bei dem über mehrere Stationen nur ein Teil der Nachricht weitergegeben wird und am Ende etwas herauskommt, was so im Original nie gesendet wurde.

Der ursprüngliche Artikel im Blog „Rejecting Modern Women“ ist schon ziemlich starker Tobak. Man findet dort völlig verquere Grundannahmen wie etwa, dass die meisten Frauen ihre Männer betrügen würden und dass Männer „die modernen Frauen“ ablehnen würden (siehe auch der Blogtitel).

Das alleine muss noch nichts bedeuten. Schließlich weiß ich, seit Serdar Somuncu aus „Mein Kampf“ vorgelesen hat, dass auch ein Werk von Adolf Hitler als Basis für einen lustigen Abend taugt.

Konkrete Beispiele fehlen jedoch in dem Artikel. Die beiden auf Genderama zitierten Fälle stammen denn auch ursprünglich aus dem Youtube-Video.

Der Autor „Sandman“ (ein Pseudonym! Dürfen dessen Beiträge überhaupt als Belege gegen mich verwendet werden? Schließlich bin ich angeblich unter Pseudonym doch ebenfalls nicht glaubwürdig genug! 😉 ) läßt sich seine Videos bezahlen. Insofern könnte ich „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ vermuten. Aber gehen wir genauer darauf ein, was er erzählt, und wie das mit dem Bild eines Männerstreiks zusammenpasst.

Beispiel 1: 150 Frauen kommen auf 3 Männer bei einer Singleveranstaltung. Das wird so tatsächlich im Original erwähnt. Allerdings sollte man auch die vielleicht nicht ganz nebensächliche Rahmenbedingung nennen: Es ging um Männer mit hohen 6-stelligen bis niedrigen 7-stelligen Einkommen in Kanadischen Dollars (CAD). Nehmen wir mal 1.000.000 CAD an, das wären aktuell ca. 657.000 EUR. (Natürlich war der Umrechnungskurs zum Zeitpunkt der E-Mail, aus der das Beispiel stammt, ein anderer, aber ich weiß von keinen stärkeren Währungsschwankungen und es geht nur um ein Näherungsbeispiel.)

Launisch formuliert: Kennen Sie das nicht auch? Sie verdienen als Mann über 600.000 Euro im Jahr und wollen nichts mit Frauen zu tun haben, was Richtung Ehe geht? Ein Massenphänomen! 😉

Ok, ernsthaft: Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass diese Ausgangsbedingung nicht auf die breite Masse der Männer (in Deutschland) zutrifft. Ansonsten frage ich mich, warum so oft auf das Risiko, nach der Scheidung an der Armutsgrenze zu leben, hingewiesen wird (und warum ich dieses Szenario durchaus für realistisch halte).

Das Beispiel kann nicht als genereller Beleg für einen Männerstreik herhalten, weil es sich nur „weit oben“ abspielt. (Wenn so eine eingeschränkte Betrachtungsweise gegen Männer verwendet wird, wird das zurecht kritisiert. Stichwort Apex Fallacy / Gipfel-Trugschluss. Also sollte auch bei anderen Standpunkten darauf geachtet werden, diesen Fehler nicht zu begehen.)

Beispiel 2: Die sehr attraktive Frau, bei der sich von zehn Männern keiner meldet. Auch dieses Beispiel wird in der Tat so im Original erwähnt. Auch hier gibt es ein klitzekleines Detail, das man eventuell doch erwähnen sollte. Die Frau ist 38 Jahre alt.

Wir erinnern uns: Aus einem Artikel bei Alles Evolution: „Wie man sieht, geht es ab 38 steil bergab für die Fruchtbarkeit und steil nach oben mit der Unfruchtbarkeit.“

Das heißt, als Partnerin, um eine Familie zu gründen, ist die Frau einfach schon sehr alt, zumal wenn man noch einen gewissen Ehe-Anbahnungszeitraum ansetzt. Der Mann in dem Beispiel ist bereits 48, hätte aber – ungerechte Biologie! – immer noch die Chance auf eine Familie, wenn er denn wollte.

Wenn die Frau ernsthaft, so wie ausdrücklich erwähnt, heiraten und ein Kind haben will, dann ist das etwas spät. Die Antwort, dass sie vielleicht „die falschen Männer jagt“, halte ich für einen guten Hinweis. Männer, die in ihrem Alter oder älter sind und gleiche Absichten haben, werden sich nach jüngeren Frauen umsehen. Das ist nicht gemein, sondern realistisch. Wenn sie mit 38 „megaheiß“ aussieht, stellt sich auch die Frage: Was hat sie gemacht, als sie 25 war? (Zu ihrer Verteidigung: Es gibt eine Zwickmühle, auf die ich nachher noch eingehen werde.)

Leider kommt bei diesem Beispiel das übliche Vokabular („Feminazis“) vor. Es folgt eine Verallgemeinerung: „Diese Frauen bekommen genau das, was sie verdient haben. Sie dürfen niemanden beschuldigen außer sich selbst.“ – Hat diese konkrete Frau die Gesetze gemacht oder eingefordert? Ist sie ein Feminazi?

Beispiel 3: Noch eine erfolglose Singleveranstaltung. Sie konnte erst beim zweiten Versuch stattfinden, weil sich beim ersten Mal zu wenige Männer anmeldeten. Der Veranstalter rief für den zweiten Versuch Freunde an, unter anderem einen, der in Afghanistan ein Bein verloren hatte (die Frauen waren nicht beeindruckt; sein Wert war gesunken) und einen Blinden.

Wenn es – durch einen Streik der Männer – einen echten Männermangel geben würde, hätten die beiden Behinderten gute Chancen gehabt, eine Frau abzubekommen. Denn wenn ansonsten niemand zu haben ist, muss man sich mit dem begnügen, was geht. Offensichtlich geschieht das aber nicht, so dass es keinen ernsthaften Männermangel geben kann.

Dann wird noch erwähnt, dass Männer angeblich nicht bereit sind, bei Singleportalen zu bezahlen, um Frauen zu kontaktieren. Ist das tatsächlich so? Wird denn nicht sonst geschrieben, dass es Frauen dort soviel leichter hätten und in einer Flut von Nachrichten untergingen? Was ist denn nun richtig?

Beispiel 4: Ein Mann Mitte 40 hat Probleme, Frauen Anfang 30 zu treffen, die (finanziell) irgendetwas mit in die Ehe bringen würden. Er arbeitet im Finanzsektor (aha!) und musste für das Geld, das er hat, viele Opfer bringen (etwa z.B. Freizeit, um Frauen kennenzulernen?).

Als Ausweg wird vorgeschlagen, dass Frauen 500.000 CAD auf dem Konto haben und versprechen, nach der Geburt der Kinder wieder zu arbeiten und/oder dass der Unterhalt per Gesetz auf 50:50 festgelegt wird.

Und hier kommt die in Beispiel 2 angekündigte Zwickmühle: Gehen wir einmal davon aus, dass die Frauen fair spielen wollen und für die gutbezahlten Jobs genauso geeignet sind wie Männer. Also machen sie dasselbe und sind, wenn sie die 500.000 CAD zusammen haben, Anfang 40. Sie haben das Opfer gebracht, darauf zu verzichten, vorher so etwas wie ein Privatleben zu haben, und sind nun weit jenseits ihrer (biologisch) fruchtbarsten Jahre. Es hilft ihnen auch nichts, einen Mann Anfang 30 kennenzulernen. Also entweder auf gleicher Höhe spielen wie die hier erwähnten Männer oder Kinder haben – beides geht nicht! Daher hat es auch keinen Sinn, zum Beenden eines „Ehestreiks“ zu fordern, dass Frauen sich so verhalten wie Karrieremänner, damit die Männer keine finanziellen Einbußen befürchten müssen – außer, man schließt bei einer Ehe Kinder von Anfang an aus.

Damit ist das gesamte Bild, das in diesem Video entworfen wird, nicht haltbar. Solche Männer können keine Frauen finden, die durch eigene Hände Arbeit das gleiche Einkommen haben und noch jung und knackig sind. Der einzige Ausweg, der mir einfällt, wenn es um „gleiche Finanzen“ geht, wären reiche Erbinnen.

Beispiel 5: Der arme Frauenversteher (oder doch nicht?). Es geht schon gut los mit „Man kann Frauen entweder verstehen oder lieben“ – Super Spruch, damit macht man sich bestimmt viele Freunde! Es geht um einen Mann, der „die rote Pille nicht nehmen möchte“ und nach wie vor mit Frauen ausgeht. Und Hoffnung hat, dass es eine gute Frau für ihn gibt. (Dieser naive Narr! Offensichtlich in der Matrix gefangen!)

Er ist 35 Jahre alt, hat 400.000 CAD Ersparnisse, keine Schulden und führt einen bescheidenen Lebenswandel. (Kurze Gegenfrage: Wie viele Männer in Deutschland haben in diesem Alter etwa 263.000 EUR Ersparnisse? Klingt für mich nach einem Problem breiter Bevölkerungsschichten!) In Toronto fehlen Frauen mit ähnlichem Hintergrund; sie haben etwa 10-20.000 CAD an Ersparnissen, aber zigtausend CAD Schulden durch Kreditkarte und Studiengebühren nach 10 Jahren Berufserfahrung; also etwa 10-30.000 CAD insgesamt (Schulden? Guthaben?).

Frauen sind nicht an ihm interessiert. Allerdings möchte er „für sein Aussehen und seine Persönlichkeit geliebt“ werden… Vielleicht strahlt er nicht genügend finanzielle Sicherheit aus? Es wird nicht erwähnt, ob er sich zum Beispiel gut kleidet. Ein Flirtexperte würde ihm vielleicht dabei zustimmen, mit seinem Wohlstand nicht zu protzen, allerdings durchaus einwenden, dass er geordnete Finanzen und nicht etwa zu starke Sparsamkeit signalisieren sollte.

Geld soll für ihn eine oberflächliche Sache sein… warum hat er dann soviel davon? Er foltert Frauen, indem er ihnen (später) zeigt, wieviel Geld er hat und zerstört ihr Selbstbewusstsein, indem er ihnen zeigt, dass sie nicht gut genug für ihn sind… ist er jetzt doch Täter und nicht armer Narr, der die Realität nicht erkennen will? Vor allem ist es doch überflüssig, sich mit solchen Frauen abzugeben, die offensichtlich kein Interesse an einem haben.

Er beschämt sie dafür, dass sie wenig Geld haben, unter anderem weil sie durch die Welt gereist sind, gut essen gewesen und ein neues Auto gekauft haben. Sachen machen, die einem Spaß machen, klingt jedoch verdächtig nach dem Programm von „Men Going Their Own Way“ (MGTOW), das Sandman vertritt (siehe etwa den Titel des Videos). Ist es etwa plötzlich falsch, wenn Frauen dasselbe machen? Bzw. eigentlich wäre es dann doch ein Fehler der Männer, das nicht ebenso in frühen Jahren zu tun und dann finanziell auf demselben Niveau zu landen, anstatt dass am Ende der Mann „zu reich“ und die Frau „zu arm“ ist. Es wäre auch kein Horrorszenario, so wie es in dem Video angedeutet wird, dass sich die Frauen „mit einem armen Typen abgeben“ müssen. Vielleicht wäre das ja jemand, der einen ähnlichen Lebensstil hat und zu ihnen passt?

Als letztes wird die kanadische Immobilienblase ins Feld geführt. Ein ordentliches Haus sei nicht mehr zu bezahlen. 2003 habe eines 250.000 CAD gekostet, zehn Jahre später 750.000 CAD. Das sei von einem Mann mit einem Jahreseinkommen von 50-100.000 CAD nicht zu bezahlen. (Allerdings verdienen die Männer aus Beispiel 1 das Zehnfache… da würde die Argumentation also nicht mehr passen.) Ein Haus wäre also nur drin, wenn auch die Frau arbeiten ginge. Nun ist die Rede von einem Immobilienkartell, welches angeblich möchte, dass Leute heiraten und große Häuser kaufen. Ist das nicht unlogisch? Wäre es nicht praktischer, auf die Single-Männer abzuzielen, die die Kohle haben? Jetzt kauft ja angeblich niemand… was überhaupt nicht zur Blase passt.

Fazit

Nichts aus dem Video und den Artikeln deutet auf einen Männerstreik hin, der dazu führt, dass Frauen massenweise alleine bleiben, obwohl sie attraktiv als Ehefrau und Mutter wären. Für mich war es dennoch wichtig, diese Geschichte einmal genauer zu untersuchen.

Es lohnt sich, auch ein großes Blog wie Genderama, das viele interessante Meldungen bringt, ab und zu zu hinterfragen. Das mindert keineswegs die Qualität des Blogs.

Frei nach LoMi: Ich möchte lieber mit der gesunden Portion Restzweifel leben, dass ich mich irre, um Erfahrungen machen zu können, die meinem bisherigen Weltbild widersprechen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da es hier so oft ums Geld ging, ein passendes Lied dazu.

Depeche Mode: Everything Counts