Kurznachrichten vom 05.01.2016

1: Der Spiegel berichtet über eine neue Verhütungsmethode für den Mann. Es besteht aus einem mechanischen Ventil für die Samenleiter. Das spannende daran: Im Gegensatz zu den bisherigen Meldungen über neue Verhütungsmethoden für den Mann ist es keine Zukunftsmusik für irgendwann vielleicht in ein paar Jahren, wenn denn Finanzierungen gesichert und klinische Tests durch sind. Es ist tatsächlich bereits im Einsatz, zumindest beim Erfinder selbst. Und noch besser: Durch einfaches Umlegen des Schalters an dem Samenleiterventil kann der Mann jederzeit selbst festlegen, ob er gerade fruchtbar oder unfruchtbar sein will. Es ist kein weiterer Eingriff eines Arztes mehr erforderlich. /Aranxo

2: Ebenfalls im Spiegel wird die Benachteiligung von Jungen in der Schule zum Mythos erklärt. Dass Jungs schlechter in der Schule sind, sei erstens eh schon immer so und zweitens liege es – gender-konform erklärt – selbstverständlich an den „veralteten“ Rollenbildern, denen Jungs nachhängen.

Als wichtigster Grund für die schlechteren Noten der Jungen gelten Rollenbilder, die das Verhalten prägen: Sich für die Schule anzustrengen, ist unter Mädchen akzeptiert, unter Jungen dagegen oft verpönt.

Zitiert wird selbstverständlich der berüchtigte Bildungsforscher Marcel Helbig, der immer wieder gerne herausfindet, dass Jungs einfach selber schuld sind, wenn sie in der Schule versagen. Man beachte hier die schwammigen Formulierungen wie

Als wichtigster Grund [..] gelten Rollenbilder

und

Sich für die Schule anzustrengen, vermuten die Forscher, gilt in Jungen-Cliquen häufiger als uncool. […]  Erfolg in der Schule […] passt offenbar nicht zum häufig vorherrschenden Männlichkeitsideal.

Mit anderen Worten: Das ist nichts weiter als ideologiekonforme Interpretation, Spekulation und Stochern im Nebel.

Wenn Schule für Jungs nicht so funktioniert, liegt es demnach nicht an den erwachsenen Lehrern und Lehrerinnen oder an den Bildungsplanern, sondern an den minderjährigen Jungs. Ist klar.

Mehr männliche Lehrer hält Helbig selbstverständlich für keine Lösung, denn die gäben Jungs genauso schlechte Zensuren. Und andere Gründe für mehr männliche Lehrer kann man sich schließlich nicht vorstellen. /Aranxo

3: Auf fisch+fleisch hat die Bloggerin „Lesespass“ ein hübsches Rührstück über Massentierhaltung verfasst, dabei die klare Rollenverteilung reproduziert und auch gleich ein wenig Männerbashing untergebracht. Das Opfer ist selbstverständlich weiblich (die Kuh) und die Täter sind männlich (Schlachthausmitarbeiter).

Ich finde auch, dass es ein Skandal ist, dass Frauen in Schlachthäusern völlig unterrepräsentiert sind. Wir sollten da eine Quote fordern, mindestens bis zu dem Prozentsatz, in dem Frauen Fleisch konsumieren!!!11!elf

Im Ernst: Es wird wohl nie aufhören, dass Frauen Männern gerne gewisse Drecksarbeiten überlassen, nicht nur in den Schlachthäusern, auch in den Armeen oder der Energieversorgung, davon genauso profitieren wie die Männer, dass diese Arbeiten erledigt werden, die Privilegien des Sich-Heraushaltens genießen, nur um die Männer hinterher als Brutalos an den Menschen und der Umwelt zu diffamieren und sich selbst als die empfindsameren Seelen zu stilisieren. Ich würde mich noch nicht mal wundern, wenn die Bloggerin „Lesespass“ ihr Männerbashing völlig unabsichtlich gemacht hat. Es gehört eben so zum Mainstream, dass es kaum noch auffällt. /Aranxo

4: Der OffTopic-Hinweis des Tages geht heute an die „Achse des Guten„, wo kleine Hinweise darauf gibt, woran es liegen könnte, dass das Vertrauen in die Mainstreammedien so gesunken ist. Wenn z.B. ein Massaker als Schießerei bezeichnet wird, obwohl nur eine Partei bewaffnet war. Wenn z.B. „schwere Krawalle nach einem rechten Aufmarsch“ (Merke: Rechte marschieren immer, auch wenn sie ganz normal gehen) stattgefunden haben, die Rechten an den Krawallen aber gar nicht beteiligt waren, sondern nur die linken Gegendemonstranten und die Polizei. Wenn dadurch verwischt wird, wer Täter und wer Opfer ist. Und vor allem, in welchen Fällen diese Verschleierung passiert und in welchen nicht. Denn die Verschleierung findet meist in den Fällen statt, in denen man die Täter aus ideologischen Gründen nicht so genau benennen will, weil es nicht ins Weltbild passt, z.B. um nur ja keinen Rassenhass oder „Islamophobie“ zu fördern. Ich für meinen Teil bevorzuge da lieber klare Meldungen, auch wenn sie mir nicht ins liebgewonnene Weltbild passen. /Aranxo

5: Das bemerkenswerte Ausbleiben eines #aufschreies aus dem feministischen Spektrum, wenn die Täter die falschen sind, also keine weißen heterosexuellen Männer, hat Birgit Kelle sehr schön kommentiert. /Aranxo

Werbeanzeigen

Warum ich geschlechtsspezifische Werbung durchaus positiv sehen kann

In dem Blog „Ich mach mir die Welt“, das das Blogstöckchen #Was wäre wenn („ich das andere Geschlecht hätte“) ins Leben gerufen hat, ist man gegen geschlechtsspezifische Werbung (für Jungen und Mädchen). Der Punkt, in dem wir offensichtlich grundverschiedene Ansichten haben, ist folgender: So, wie ich das Blog verstanden habe, steuern Medien/Werbung/Konzerne das Bild und damit auch die Präferenzen der Geschlechter, das heißt die Nachfrage wird erst durch das Angebot (so) erzeugt.

Völlig von der Hand zu weisen ist das nicht. Das Körnchen Wahrheit, das ich dabei erkenne, ist: Natürlich kann man mit millionenschwerer Werbung das Konsumverhalten beeinflussen. Klar kann ich den Leuten irgendwelchen Blödsinn als den letzten Schrei verkaufen und sie heiß darauf machen.

Alles in der Hand haben aber selbst Konzerne nicht. Das zeigen gigantische Flops, die völlig am Markt / Zielpublikum vorbeientwickelt wurden und sich einfach nicht verkaufen wollen.

Zwei Argumente sprechen aus meiner Sicht gegen die These eines von Herstellern erzeugten Rollenbildes: Zu verbreiten, dass ein bestimmtes Produkt nicht für mich ist, bringt der Industrie gar nichts. Im Gegenteil, für sie ist es vorteilhaft, wenn jeder alles kaufen kann (und denkt, dass er es braucht). Außerdem würde es eine Menge Geld sparen, wenn ich mit derselben Werbung alle gleichermaßen ansprechen könnte. Aus kapitalistischer Sicht wäre es also ideal, wenn ich jedem das gleiche Produkt auf dieselbe Art und Weise andrehen könnte. Das bringt Profit und nur das zählt. Irgendwelche politischen oder sozialen Rollenbilder halten mich da nur auf, wenn ihre Kenntnis und Beachtung mir nichts nützen.

Alles Evolution hatte vor einigen Wochen auf ein Video aufmerksam gemacht, in dem der Professor Gad Saad gegen die These von den „gesellschaftlich gesteuerten Spielzeugpräferenzen“ argumentiert und dabei zahlreiche Studien erwähnt. Das lohnt es sich durchaus anzusehen:

Kurz gesagt, es spricht sehr viel dafür, dass im Durchschnitt, tendenziell gewisse Präferenzen vorhanden sind und dies auch nicht durch soziale Prägung erklärt werden kann. Dies heißt natürlich nicht, dass man diese allgemeine Regel in jedem einzelnen Individuum finden kann (so funktioniert Statistik nicht), dass alle ihr Leben streng nach Geschlecht aufgeteilt gleich leben müssen oder dass man jede Werbung akzeptieren muss, die einem vorgesetzt wird.

Es bedeutet auch nicht, dass Werbung nicht erschreckend dumm sein kann. Kurzfristig kann alles mögliche vorkommen. Ein Großkonzern mag weniger Gewinn machen mit einer verfehlten Kampagne – er wird aber dafür nicht vom Markt gefegt. Und umgekehrt kommt es wohl nur im Idealbild der Marktwirtschaft vor, dass ein kleiner Tante-Emma-Laden mit einem neuen, besseren Produkt plötzlich (soweit er die Nachfrage befriedigen kann) gegen den bisherigen Marktführer antreten kann. Den „freien“ Markt, wie er im Modell der Marktwirtschaft beschrieben wird, gibt es in der Realität nur sehr selten. Wer den Markt einigermaßen beherrscht (z.B. als Oligopolist, also einer von wenigen Anbietern), der kommt vielleicht mit einem mittelmäßigen Massenprodukt durch, dass viele so naja finden, aber am Ende kaufen, weil es nichts besseres gibt (etwa weil es dafür eine breitere Angebotspalette bräuchte, die sich mangels Konkurrenz jedoch nicht entwickeln kann). Stark geschlechtsspezifische Produkte wären dann das Ergebnis von „die meisten wollen schon einen Unterschied haben, wenn auch nicht alle gleich stark“.

Gegen das völlige Aufpropfen von oben spricht zumindest meine schon vorher geäußerte Frage:

Zu der These der allmächtigen Medienbilder (oder wahlweise dem Patriarchat) habe ich immer die Frage der Initialbefreiung: Wenn ihre Macht so groß ist, dass sie uns in unserem Männer- und Frauenbild effektiv steuern, wie konnte es dann überhaupt jemals jemandem gelingen, daraus auszubrechen?

Mir ist bei der schnellen Suche zum Stichwort „Gendermarketing“ noch ein Artikel in die Hände gefallen, in dem sogar genau andersherum argumentiert wird: Ein Spiegel der Gesellschaft

Grundtenor ist dabei: Produkte sind heute seltener Mann oder Frau zugeordnet, es verkauft sich jedoch leichter mit einer Werbung, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Geschlechter zugeschnitten ist. Das Marketing reagiert auf Rollenbilder und ist letzten Endes das Ergebnis einer größeren Konsumfreiheit.

Ich finde das spannend, weil es mich an drei andere Erkenntnisse erinnert, in denen stärkere Ungleichheit ebenfalls Ausdruck von Freiheit ist. (Leider finde ich die Quellen nicht mehr wieder, es läuft also unter „meine vage Erinnerung“.)

  1. Je freier eine Gesellschaft, desto unterschiedlicher die Berufswahl zwischen den Geschlechtern.
  2. Menschen, die eine klar ausgeprägte eigene Geschlechterrolle haben und damit gut zurechtkommen, können eher mit Abweichungen von den Rollen umgehen.
  3. Gerade durch die Freiheit von alten Zwängen sind bei Jugendlichen / jungen Erwachsenen die Geschlechterrollen stärker ausgeprägt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? In den 1980ern gab es mal ein Lied, in dem sich ein Mann Sorgen machte über den Einfluss des Fernsehens auf seinen Sohn.

Karel Fialka: Hey Matthew

Warum ich Norah Vincent sympathisch finde

Die Frage #Was wäre wenn („ich das andere Geschlecht hätte“) zog vor einem Monat ziemlich weite Kreise. Ich habe im ursprünglichen Artikel die Liste auf andere Beiträge ergänzt und es sind wirklich angenehm viele!

Eine lesbische Frau wollte es mal genauer wissen und ist dafür mehr als nur einen Schritt weiter gegangen: Norah Vincent hatte sich 18 Monate lang als Mann ausgegeben und sich dabei nicht nur gut verkleidet, sondern auch Stimme, Gestik und Mimik denen der Männer angepasst. Als Ergebnis veröffentlichte sie 2006 das Buch „Self-made Man„. Ein Schmankerl war etwa, wie überrascht sie von den hohen Erwartungen von Frauen an Männer war.

Vor einigen Tagen stieß ich auf diese Dokumentation. Sicherlich kann die nicht das Buch ersetzen, aber sie bietet doch einige nette Einblicke.

2006 Self Made Man: Norah Vincent chooses Female Privilege over Male Privilege

Insbesondere spannend, dass sie nach diesem Rollentausch viel wohler in ihrer Rolle als Frau fühlt. (So einseitig fällt ihr Bericht allerdings nicht aus. Es lohnt sich schon, auf die Details zu achten.) Soviel Empathie gegenüber Männern habe ich selten erlebt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ist mir spontan das Lied „Smalltown Boy“ eingefallen. Vielleicht liegt es daran, dass es so melancholisch ist.

Bronski Beat: Smalltown Boy

Geschlechterstereotype in Abgrenzung zu Vermutungen aufgrund von Wahrscheinlichkeiten

Es folgt ein Gastartikel, der unter dem Pseudonym Rotterdam eingereicht worden ist. Ursprünglich war es ein Kommentar zum Artikel „It’s just marketing, stupid!„.

Unter Feministen neuerer Schule – auch unter denen moderater Ausprägung – scheint es Konsens zu sein, dass die vornehmste Aufgabe der Bewegung derzeit darin besteht, Geschlechterklischees und Rollenstereotype aufzubrechen und somit allen Menschen zu einem freieren, weniger beengten, selbstbestimmteren Leben zu verhelfen.

Das ist ein hehres Ziel. Zumindest wäre es das, beschränkten sich die Bemühungen darauf, das Angebot an validen Rollenbildern zu erweitern und dem Individuum so mehr Auswahlmöglichkeiten bereit zu stellen.

Nun scheint sich innerhalb feministischer Zirkel aber darüber hinaus eine Ansicht durchgesetzt zu haben, die tradierte Rollenbilder als defizitär betrachtet und die damit einhergehenden Perspektiven auf Mann und Frau als schädlich betrachtet – und zwar sowohl für die Entwicklung der Gesellschaft insgesamt, als auch für die persönliche Entwicklung ihrer Mitglieder. Folgerichtig müssten diese Stereotype nun also geächtet und soweit wie möglich aus dem öffentlichen Raum gedrängt werden, auf dass der neue Mensche von ihnen befreit werden möge.

Eine freie Entscheidung wird den Menschen dabei nicht mehr zugebilligt. Wer klassische Rollenmodelle für seinen Lebensentwurf präferiert, der ist dieser Ansicht nach entweder gehirngewaschen (das Stockholm-Syndrom des Hausmütterchens) oder Teil der Unterdrückungsstruktur (der ewiggestrige Macho, der seine Privilegien nicht aufgeben will). Eine freie Entscheidung ist nur dann eine solche, wenn für diejenige Entscheidungsmöglichkeit optiert wird, die der Feminist präferiert.

Damit werden alte Zwänge aber schlicht durch neue ersetzt. Den alten Geschlechterstereotypen werden neue Rollenzwänge entgegengesetzt, die mitunter aber gar nicht mit den Präferenzen vieler Menschen vereinbar sind. Denn wie es der Autor dieses Artikels so schön ausgedrückt hat, existieren viele (nicht alle!) Geschlechterstereotype, weil sie der “gegenwärtigen überwiegenden Realität [entsprechen]“.

Damit aber ist klar, dass das moralisch fragwürdige Projekt der Umerziehung der Menschen hin zu einem genehmeren Rollenverständnis von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Da geschlechterstereotypes Verhalten zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil seinen Ursprung in biologischen Dispositionen hat, wird sich dieses innerhalb unserer Lebenszeit schlicht nicht ausmerzen lassen, selbst wenn man es wollte.

Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Gendertheoretiker insofern recht haben, als dass der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht essentialistisch gelesen werden darf und die Unterschiede in vielerlei Hinsicht fließend sind. Die Verschiedenheit von Mann und Frau äußert sich oft lediglich in statistischen Häufungen, die Rückschlüsse auf das jeweilige Individuum in vielen Fällen unzulässig machen. Dass es mehr Mädchen gibt als Jungen, die gern mit Puppen spielen, bedeutet nicht, dass es keine Mädchen gäbe, die ungern mit Puppen spielen oder dass es keine Jungen mit Vorliebe für Puppen gäbe. Menschen, deren Verhalten derart vom Gängigen und Üblichen abweicht, sind deswegen keineswegs defizitär, unnatürlich oder weniger werthaft als Menschen, deren Verhalten eher der Norm entspricht. Das klar zu machen ist durchaus wichtig.

In einer freien Gesellschaft sollte ein Rollenmodell stets nur ein Angebot sein und Konformitätszwang weitgehend ausbleiben. Umso schlimmer ist es, wenn nun vorgeblich tolerante Menschen ein Verhalten gegenüber Menschen mit klassischen Rollenpräferenzen an den Tag legen, wie sie es gegenüber Menschen mit unüblichen Präferenzen kritisieren.

Bleiben die Geschlechterstereotype. Wenn sich also das Wesen des Menschen nicht ohne weiteres ändern lässt, und sich eine Mehrheit der Menschen stets eher “rollentypisch” verhalten wird, sollten wir dann nicht wenigstens versuchen, den Leidensdruck der Menschen zu mindern, die dieser Norm nicht entsprechen?

Meiner Meinung nach lautet die Antwort: Ja, aber. Denn Menschen, die in irgendeiner Hinsicht aus der Norm fallen, werden sich auch in der tolerantesten aller Gesellschaften immer zu Anpassungsleistungen gezwungen sehen. Und zwar deshalb, weil Menschen mit vergleichsweise seltenen Eigenschaften stets aus dem Erwartungsrahmen fallen werden, den ein jeder Mensch benutzt um seine Umwelt möglichst effizient zu ordnen.

Reiche ich einem Menschen ein Messer, werde ich ihm den Griff auf eine solche Art hinhalten, dass er mit der Rechten leicht zugreifen kann – und dass, obwohl er unter Umständen Linkshänder ist.

Berichtet mir ein Mann von seiner Beziehung, werde ich zunächst einmal davon ausgehen, dass es sich dabei um eine Frau handelt.

Bekomme ich Besuch, werde ich diesem Alkohol anbieten – obwohl ich es mit einem Abstinenzler zu tun haben könnte.

Das tue ich nicht, weil ich Linkshändern, Homosexuellen oder Abstinenzlern Böses will. Und es bedeutet nicht, dass ich diese Eigenschaften abwerte oder Normalität (im Sinne von Häufigkeit) mit Werthaftigkeit verwechsle. Ich tue es, weil ich in der Mehrzahl der Fälle damit richtig liege.

Gehe ich mit einer solchen Annahme einmal fehl, entschuldige ich mich natürlich und korrigiere meinen Fehler. Von dieser Erwartung aber ganz abzulassen, würde mir ein sehr wirkungsvolles Instrument der Alltagsbewältigung rauben, von dem ich ungern ablassen würde.

Menschen, so denke ich, werden sich nur unter extremen Bedingungen dazu bringen lassen, von der Benutzung dieser höchst sinnvollen Heuristiken abzusehen.

Warum also versuchen, sie dazu zu bringen? Hier könnte man sich nun der alten Binsenweisheit bedienen, dass obsolet gewordene soziale Bewegungen stets nach neuen Betätigungsfeldern suchen, um sich ihrer Existenzberechtigung zu versichern. Das gilt insbesondere dann, wenn diese Bewegungen bereits soweit geronnen sind, dass sie sich in der bürokratischen Infrastruktur eines Gemeinwesens festgesetzt haben.

Ein Problem, das sich schlicht nich lösen lässt, ist dabei der Hauptgewinn eines jeden Kämpfers für die vermeintliche Gerechtigkeit, dessen Ansehen oder dessen Existenz auf dem fortwährenden Kampf gegen das Böse beruht.

Denn wenn der Patient partout nicht genesen will, dann braucht es eben immer mehr von der immer gleichen Medizin. Und das bedeutet vor allem eines: Mehr Geld, mehr Posten, mehr Aufmerksamkeit, mehr Prestige.

Es gibt in dieser ganzen Geschichte also durchaus jemanden, der nicht von seinen Privilegien lassen will. Es sind nicht die Anhänger des klassischen Rollenbildes