Peter Nowak über das Urteil in der Causa Gina-Lisa Lohfink und sein eigentümliches Verständnis von Rechtsstaatlichkeit

von Mark E. Smith

Der Journalist Peter Nowak hat sich in einem meinungsbetonten Artikel mit dem Titel „Das Urteil im Fall Lohfink ist ein Rollback für die Rechte der Frauen“ auf der Online-Plattform Telepolis auch zur Causa Lohfink verlauten lassen. Dabei offenbart er, wenn man es freundlich ausdrücken will, ein äusserst eigentümliches Verständnis von Rechtsstaatlichkeit und den Männern im Allgemeinen und den Männerrechtlern im Besonderen. Eine Kritik!

Wer ist Peter Nowak und muss man ihn kennen? Selbstverständlich nicht! Wer jedoch regelmässig auf der Online-Plattform Telepolis die Online-Artikel liest, dem wird vermutlich sein Name geläufig sein, zumal er dort regelmässig journalistisch tätig ist. Ich selbst lese die Artikel von Nowak kaum noch und zwar nicht deshalb, weil Nowak zu Gender-Themen viel Unsinn schreiben würde (er schreibt quasi nie über diese Themen), sondern weil ich seine politischen Schlussfolgerung auf unterschiedlichsten Politikfeldern nicht teile. Wenn ich ihn „schubladisieren“ müsste, dann am ehesten unter die Antideutschen. Ich habe eine Vielzahl von Artikeln über das ergangene Urteil im Fall Gina-Lisa Lohfink gelesen: Besonders aufgefallen ist mir dabei im negativen Sinne der Artikel von Peter Nowak und im positiven Sinne ein Artikel mit dem Titel „Team_Zivilisation vs Team_Gina_Lisa“ von Peter Tosch auf seinem Blog „Der Lindwurm“. Peter Tosch schreibt darin u.a. folgendes:

Ein Feminismus, der zu einer barbarischen Regung verkommen ist, ist keiner mehr. Und es ist nichts anderes als Barbarei wenn man fordert, das Recht Banden zu überantworten, rechtsstaatliche Grundprinzipien über Bord zu werfen und auch Unschuldige einzusperren, solange das nur die eigene gesellschaftspolitische Agenda voranzubringen verspricht. Da schimmert die alte Krankheit durch, die immer wieder alle möglichen politischen Bewegungen heimgesucht hat, tragischerweise gerade auch linke, nämlich die Bereitschaft zur Inhumanität im Namen der guten Sache. Dass der Zweck die Mittel heilige ist jener moralische Kurzschluss, der immer wieder Menschen, manchmal Millionen von ihnen, Freiheit und Leben gekostet hat. (…) Für eine nicht verübte Vergewaltigung nicht bestraft zu werden, ist aber kein Privileg, sondern ein Menschenrecht.

Das erinnert doch stark an einen Aphorismus von Karl Kraus, der Anfang des 20. Jahrhunderts (1909) geschrieben hat: „Das Übel gedeiht nie besser, als wenn ein Ideal davorsteht.“
M.E. sollte man den Artikel von Nowak über das Urteil im Fall Lohfink insbesondere auch unter dieser Perspektive betrachten; das Gleiche gilt natürlich auch für Texte, die auf dem „Zentralorgan des postmodernen Gefühlsfeminismus“ (Peter Tosch), also dem Blog „Mädchenmannschaft“, erscheinen.

Nowak und die Definitionsmacht der Frauen

Nowak schreibt:

Das Urteil ist ein Angriff auf die Definitionsmacht der Frauen.
Doch das gestrige Urteil hat eine andere Dimension. Es spricht einer Frau das Recht ab, selber zu definieren, wann ein Sexualakt eine Vergewaltigung ist. Das wird aus der Argumentation des Gerichts sehr deutlich.

Mit „es“ meint hier Nowak das Urteil bzw. im weiteren Sinne das Gericht oder in einem noch weiteren Sinne den Rechtsstaat.

Hier müsste man Novak gleich fragen: „Gibt es auf Verfassungs- (Grundgesetz), Gesetzes- oder Verordnungsebene irgendwo eine rechtliche Bestimmung, die den Frauen oder sonst irgendeiner partikularen Gruppe das Recht zuspricht, selbst zu definieren, wann ein Sexualakt eine Vergewaltigung ist?“ Natürlich nicht! Wie Peter Nowak auf diese wirklich absurde Idee kommt, bleibt wohl sein Geheimnis.

In einer repräsentativen Demokratie, verbunden mit einem Rechtstaat, hat die Definitionsmacht darüber, was erlaubt ist und was nicht die Legislative (gesetzgebende Gewalt), Exekutive (ausführende bzw. vollziehende Gewalt) und Judikative (rechtsprechende Gewalt) und die Judikative bzw. Rechtssprechung wird durch sogenannte „unabhängige Richter“ ausgeübt bzw. gewährleistet. Ob diese Richter immer und in jedem Fall „unabhängig“ sind, darf sicherlich bezweifelt werden, aber zumindest ist es ein anzustrebendes Ideal, das mal mehr oder weniger gut erreicht wird.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, weshalb sollte man einer partikularen Gruppe (z.B. den Frauen, den Männern, den Behinderten, den Grossaktionären, den Homosexuellen, den Juden, den Christen, den Moslems etc.) bei bestimmten Straftatbeständen quasi die Definitionsmacht darüber geben, wann eine Handlung eine Straftat ist und wann nicht? Gibt er hierzu irgendwelche gute Gründe dafür? Rechtsstaatlichkeit meint ja insbesondere, dass diejenige Institution (hier der Staat), die das Gewaltmonopol inne hat, in ihrem Handeln durch das Recht begrenzt wird. Hauptsächlich geht es um die Gewährleistung der grundlegenden Menschenrechte, der Gerechtigkeit, der Rechtssicherheit (Rechtsklarheit), der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Gerichte etc.

Wenn quasi jede Frau in einem einzelnen konkreten Fall bestimmen könnte, wann eine Handlung eine Vergewaltigung ist, dann wäre z.B. die Rechtsklarheit bzw. Bestimmungsgebot ad absurdum geführt. Ein Mann wüsste dann überhaupt nicht mehr, welches Verhalten überhaupt noch legal ist und welches nicht – es würde die reinste Willkür herrschen. Und auch gerade das Willkürverbot ist ein bedeutender Grundpfeiler jedes Rechtsstaates. Die Frage würde sich dann weiter stellen, warum sollte man nur beim Straftatbestand der Vergewaltigung diese Definitionsmacht einer partikularen Gruppe überantworten? Weshalb nicht auch bei Diebstahl, Verleumdung, Üble Nachrede, Mord, versuchter Totschlag etc? Kleines Beispiel hierzu: „Ein Mann schaut eine Frau ein bisschen böse an und diese behauptet dann, dieser hätte sie mit seinem Blick töten wollen – ergo würde es sich hier um einen Mordanschlag handeln!“ Nur dieses eine Beispiel zeigt bereits deutlich auf, wie absurd die Idee wäre, einer partikularen Gruppe die Definitionsmacht über einen Straftatbestand zu geben.

Dürfen Filmaufnahmen als Beweismittel verwendet werden?

Nowak schreibt weiter:

Die Frage ist aber, warum kann hier ein eindeutig auf illegale Weise erstelltes Video – Frau Lohfink war mit den Aufnahmen nicht einverstanden und wollte sie löschen – mit dem das Persönlichkeitsrecht der Frau verletzt wurde, überhaupt als Beweismittel gegen sie verwendet werden?

Schließlich sind genügend Fälle bekannt, wo illegal mitgeschnittene Gespräche nicht als Beweismittel verwendet werden durften, auch wenn Angeklagte freigesprochen werden mussten.

Nowak schreibt diese Sätze in seiner Funktion als Journalist auf einem Onlinemedien-Internetportal. Anstatt nun seiner journalistischen Pflicht nachzukommen, die verlangt, Recherche zu betreiben und herauszufinden (z.B. indem er Experten zu diesem Sachverhalt befragt), weshalb dieses Filmmaterial zu Beweiszwecken vom Gericht verwendet wurde, stochert er lieber ein bisschen im „dichten Nebel“ herum und belässt es bei impliziten Andeutungen und Vermutungen. Qualitativ hochwertiger Journalismus sieht m.E. anders aus!

Sind Sex und Filmaufnahme untrennbar als eine einzelne (sexuelle) Handlung zu verstehen?

Nowak schreibt weiter:

Wenn das Gericht selber einräumt, dass die Frau die Videoaufnahmen ablehnte und das auch artikulierte, dann ist schwer vorstellbar, wieso das Gericht dann zu der Überzeugung kommt, sie wollte mit ihren Ausrufen nicht den Geschlechtsakt beenden. Schließlich war das der Gegenstand des Filmens.

Sie hatte erlebt, dass sich die beiden Männer an diesen Punkt zweifelsfrei über ihren Willen hinwegsetzen. Dann ist es doch eigentlich sehr wahrscheinlich, dass sie mit diesen Männern eben keinen sexuellen Kontakt mehr wollte und genau das artikulieren wollte. Dann könnte selbst ein zunächst einvernehmlicher Sex zu einer Vergewaltigung werden, wenn Lohfink angesichts der Videokameras die weitere Zustimmung verweigerte.

Nehmen wir hier einmal ein anderes Beispiel, um dem Sachverhalt auf den Grund zu gehen. Wenn ein Mann mit einer Frau Sex hat und dieser beim Sex noch telefoniert und die Frau sagt „Hör auf“ und aus den nachfolgenden Interaktionen wird klar deutlich, dass sie mit dem „Hör auf“ das Telefonieren während des Sexes meinte, das sie störte und nicht wollte, dann hat diese Frau zwar nichts gegen die sexuelle Handlung an sich, aber sie hat was gegen das Telefonieren beim Sex, weil sie vermutlich der Auffassung ist, dass sich der Mann während des Sexes vollständig auf sie konzentrieren sollte und dies sonst für sie ziemlich unerotisch, unpersönlich und ev. despektierlich wäre. Nun ist Telefonieren keine sexuelle Handlung und ein „Hör auf“, das sich gegen das Telefonieren während des Sexes richtet, kann somit auch kein Straftatbestand gegen die sexuelle Integrität sein, Eine Straftatbestand gegen die sexuelle Integrität wäre es dann z.B., wenn die Frau zwar mit Oral- und Vaginalverkehr einverstanden ist, aber keinen Analverkehr will. Das unerlaubte filmen während des Sexes könnte dann ev. eine Persönlichkeitsverletzung, aber sicherlich kein Straftatbestand gegen die sexuelle Integrität sein.

Fehlende Kraft für die Berufung als Indiz für ein Rollback?

Nowak schreibt:

Lohfinks Anwalt Burkhard Beneken erklärte nach dem Urteil, er werde mit seiner Mandantin besprechen, ob sie die Kraft habe, in Berufung zu gehen. „Wir tendieren zu ‚Ja'“, wird der Anwalt vom Rundfunk Berlin-Brandenburg zitiert.

Es hört sich selbstverständlich besser an, wenn gesagt wird, man werde in Berufung gehen, wenn die Kraft der Mandantin dies erlauben werde. Damit wird signalisiert, dass man „schwach“ ist und somit wohl in erster Linie als Opfer gesehen werden möchte und sofern man dann nicht in Berufung geht, ist diese Begründung natürlich viel eleganter, anstatt zuzugeben, dass man die Chance für einen Freispruch eher gering einschätzt und deshalb auf eine Berufung verzichtete. Die Anwälte von Lohnfink hätten vermutlich nichts dagegen, wenn Lohfink auch bei Aussichtslosigkeit in Berufung ginge, weil Prozess- und Anwaltskosten muss ja Lohfink bei einer erneuten Niederlage selber tragen und nicht die Anwälte und für die Anwälte dürfte sich eine Berufung nicht nur finanziell positiv auswirken, insofern sie von einer Win-Win-Situation ausgehen können: kommen sic mit der Berufung nicht durch, können sie auch hier ein Skandalurteil reklamieren und von der Publicity (Marketing) her hat es sich erst recht für sie gelohnt.

Nowak schreibt weiter:

Mit dem Hinweis darauf, dass man sich jetzt beraten müsse, „ob Frau Lohfink die Kraft dazu hat“, wird der Rollback deutlich, der die Entscheidung für die Rechte der Frauen bedeutet. Sie brauchen wieder besondere Kraft, um sexuelle Gewalt  öffentlich zu machen. Dabei gehörte es mal zu einer feministischen Praxis, Frauen  die gesetzlichen Möglichkeiten in die Hand zu geben, sexuelle Gewalt auch im Alltag, im engsten Freundes- und Familienkreis öffentlich zu machen.

Nowak befördert Lohfink zum wiederholten Male in eine Opferposition – leider verkennt er hier vollständig die Situation. De iure ist Lohfink selbstverständlich kein Opfer im Bezug auf irgendwelche Form sexueller Gewalt, de iure war sie jedoch Angeklagte und erstinstanzlich verurteilte Täterin (Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig) im Bezug auf eine Falschverdächtigung; im Bezug auf die rechtliche Lage nimmt hier Nowak somit eine Täter-Opfer-Umkehr vor. Lohfink musste demzufolge in diesem Prozess überhaupt nichts öffentlich machen, sondern sie musste höchstens schauen, dass sie nicht wegen einer Falschverdächtigung verurteilt wird. Es fehlt Nowak offenbar jegliche Empathie dafür, sich überhaupt in die mutmasslichen Opfer einer Falschverdächtigung einzufühlen oder wenigstens einen Perspektivewechsel vorzunehmen. Wie Nowak überhaupt auf die Idee kommt, besser als das Gericht zu wissen, was de facto und de iure Sache ist, ist vollständig nicht nachvollziehbar. Hat Nowak die vollständig Akteneinsicht erhalten? War Nowak regelmässig bei den Gerichtsverhandlungen dabei? Hat er mit den unterschiedlichsten Parteien Interviews geführt? Wenn man seinen Artikel liest, bekommt man den Eindruck, dass er überhaupt nichts davon gemacht hat.

Urteil sichert die patriarchalen Privilegien der Männer

Nowak schreibt weiter:

Darin sahen viele Männer, die auf ihre patriarchalen Privilegien nicht verzichten wollten, eine große Gefahr. Mit dem Urteil scheint ihre Welt wieder  in Ordnung. Das wird in einem Kommentar von Christian Bommarius in der Berliner Zeitung deutlich, für den nach der – noch nicht rechtskräftigen – Gerichtsentscheidung klar ist, dass es nie eine Vergewaltigung gegeben hat. Ihre „Hört-auf-“ Rufe in den Video-Szenen seien nur „auf das Filmen, nicht auf den Sex“ bezogen.

Von welchen „patriarchalen Privilegien“ hier Nowak spricht, auf die viele Männer nicht verzichten wollten, wird leider nicht explizit erklärt und man kann nur mutmassen. Ich vermute, er meint ein imaginiertes Privileg, dass ein Mann eine Frau vergewaltigen kann, ohne rechtlich belangt zu werden. Nun, dass gewisse Männer so denken könnten, kann man sich durchaus vorstellen, aber wie Nowak darauf kommt, dass „viele Männer“ so denken würden, wird mit keiner wissenschaftlichen repräsentativen empirischen Studie belegt; das ist vermutlich wiederum reinste Spekulation von Nowak ohne jeden repräsentativen empirischen Nachweis. Jetzt kann man sich die Frage stellen: ist das seriöser Journalismus?

Nowak schreibt weiter:

Zugleich polemisiert Bommarius gegen alle, die sich mit Lohfink solidarisierten, Sie seien vom Amtsgericht Berlin indirekt mit verurteilt worden. Selbstverständlich hält Bommarius auch nichts von der Verschärfung der Vergewaltigungsgesetze. Denn schließlich müssen die Privilegien des Mannes, der seine Lust ausleben will, wann und wo es ihm passt, gewahrt bleiben.

Nowak kommt offenbar nicht auf die Idee, dass man auch rechtspragmatische, rechtsstaatliche und gegen eine populistische Kriminologie gerichtete Gründe geltend machen kann, um eine Verschärfung des Sexualstrafrechts abzulehnen, wie dies z.B. Thomas Fischer auf Zeit oder Monika Frommel auf Nova Argumente gemacht haben. Die – sagen wir mal böswillige – Unterstellung, dass quasi die gesamte Population der Männer Frauen vergewaltigen wollen, ohne dass sie rechtlich belangt werden, ist wiederum reinste Spekulation von Nowak ohne jegliche empirisch repräsentative Unterfütterung.

Männerrechtler als falsche Frauenfreunde

Zum Schluss schreibt Peter Nowak:

Die falschen Frauenfreunde nach Köln sind jetzt wieder Männerrechtler
Man stelle sich vor, nicht zwei semiprominente Deutsche, sondern Migranten wären von Lohfink der Vergewaltigung bezichtigt worden. Sie hätte sich von falschen Solidaritätsbekundungen all derer, die jetzt man wieder als strikte Männerrechtler auftreten, nicht retten können.

Die Reaktionen auf das Lohfink-Urteil scheint die zu bestätigen, die in der großen Aufregung nach der Silvesternacht von Köln nicht ein geschärftes Bewusstsein für Frauenrechte wahrnahmen, sondern nur das Fortleben der völkischen Fama von der „Schwarzen Schmach“ erkennen wollten.  
Deutsche Frauen sollen vor den „ausländischen Horden“ geschützt werden. In der Folge von Köln gab es in sozialen Netzwerken immer wieder Meldungen von angeblichen sexuellen Übergriffen von Männern mit Migrationshintergrund auf deutsche Frauen. In den meisten Fällen haben sich diese Meldungen als falsch erwiesen. Kaum jemand hat gefordert, dass hier der Unschuldsbeweis gilt.

Abschließend packt Nowak, neben der fortgesetzten Unterstellung, „Männer wollten vor allem Frauen vergewaltigen, ohne dass sie rechtlich belangt werden können“, noch die Rassismuskeule gegen die Männerrechtler aus. Nun mag es einzelne Männerrechtler geben, die so denken, wie Nowak vermutet, aber es ist nicht einzusehen, weshalb viele Männerrechtler gerade nicht so denken, wie Nowak vermutet; es ist offenbar wiederum reinste Spekulation und böswillige Unterstellung, was Nowak hier betreibt, ohne irgendwelche repräsentative empirische Fakten zu haben. Seriöser Journalismus sieht sicherlich anders aus! Diese extreme Spaltungsneigung in „Gut und Böse“ wie sie hier Nowak betreibt, scheint ein Markenzeichen der Antideutschen zu sein.

Warum ich nicht glaube, dass gute Argumente in einer emotionalisierten Debatte gewinnen

gerks wies in zwei Kommentaren zur Verschärfung des Sexualstrafrechtes auf zwei Folgevorhaben hin:

1. Stalking-Gesetz: Maas setzt Verschärfung zum besseren Opferschutz durch (Vorsicht, Link geht zum Focus!)

gerks dazu:

Ein ganz klein wenig Zeit ist hier noch klarzumachen, dass damit z:B entsorgte Väter endgültig gezwungen werden können, nicht mehr ihre Kinder sehen zu dürfen ohne das man ihnen direkt den Kontakt zu den Kindern verbietet.

2. Petition 66653: Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung – Ratifizierung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt vom 09.07.2016

aus der Petition selbst:

„Das Recht des getrennt lebenden Elternteils auf Umgang – der als Hintertür für die weitere Ausübung von Gewalt genutzt werden kann – darf also nicht mehr über dem Schutz von Frauen und Kindern stehen!“

gerks selbst beklagt sich, dass sich nach solchen Gesetzesverschärfungen viele Blogger empören würden, anstatt sinnvollerweise vorher ihre Stimme zu erheben.

Das sehe ich tatsächlich ein wenig anders. Wie ich schon direkt auf den Kommentar antwortend schrieb:

Hier in der Blogblase wurde seit Jahren genau darauf hingewiesen, mit den bekannten Argumenten – nur interessiert es eben keinen. Mit „denkt denn niemand an die armen Frauen“ kann man gefährliche Gesetze eben durchsetzen. Kritiker werden einfach gebrandmarkt als „Vergewaltigungsbefürworter“ oder „Täterschützer“.

Soviel zum Sexualstrafrecht. Genauso verhält es sich mit der Väterentsorgung – das Problem wird immer wieder in deutlicher Sprache und intelligenten Texten thematisiert. Als einfaches Beispiel diene ein Blogeintrag von Lucas Schoppe vom 26. September 2014: „Wozu ist Männerhass eigentlich gut? (Teil 1: Auslöschung der Rabenväter)

„Väter-Recht abschaffen, Kindererziehung steuerfinanzieren!“

fordert Antje Schrupp in einem Text, den Kai im Frontberichterstatter-Blog als „gefühlskalt“ beschreibt und zu dem er fragt: „Wie kann ein Mensch glauben, nur weil es der Vater ist, kann man ihn aus dem Leben der Kinder einfach entfernen, nur weil die Mutter es möchte?“

Klarer geht’s nicht. Es liegt also nicht daran, dass es niemand ausspricht, sondern eher, dass es niemand hören will – oder dass die Botschaft in den Massenmedien kaum vorkommt, weil sie nicht en vogue ist.

Das Rezept, mit dem die neuen Gesetze auf den Weg gebracht werden, ist einfach, funktioniert aber immer wieder:

  1. Man behauptet, es gäbe eine Schutzlücke, aufgrund derer Kriminelle nicht verfolgt, Verbrechen nicht bestraft werden. Dass es dieser Begriff zu einem Eintrag im Neusprech-Blog gebracht hat und dort inzwischen auch als eigenes Stichwort verwendet wird, spricht Bände. Es stellt auch niemand die Frage, warum bei einem gravierenden Mangel bisher kein Politiker eingegriffen hat, obwohl er sich doch als Retter von Frauen und Kindern inszenieren könnte.
  2. Damit sind wir beim nächsten Stichwort: Frauen und Kinder als Opfer besonders hervorheben! Ob es auch Männer trifft oder Frauen unter den Tätern sind, interessiert hier nicht die Bohne. Die Empathie ist klar verteilt!
  3. Falls jetzt jemand abstrakt, mit möglichen zukünftigen Szenarien, wie das Gesetz missbraucht werden oder was sonst schiefgehen könnte, dagegen argumentiert, also genau so, wie man es redlicherweise machen sollte, wenn es um das Recht geht, präsentiert man ein paar Opfer (oder deren Angehörige). Das schaltet jeden Verstand aus. Jetzt muss der Gegner des Gesetzes gegen Emotionen, gegen konkrete Menschen und ihre Leidensgeschichte argumentieren – das geht natürlich nicht. Das war schon bei den berüchtigten Internetsperren so. Merke: Auch mit wahren Bildern kann man manipulieren!
  4. Spätestens jetzt sind alle Gegenstimmen zum Verstummen gebracht, denn wer sich öffentlich gegen das Gesetz äußert, stellt sich in den Augen der anderen eine moralische Bankrotterklärung aus. Nur völlig verkommene Unmenschen faseln etwas von irgendwelchen Risiken, während hier und heute echte Täter entkommen! Und wer hier überhaupt noch auseinanderklamüsern will, wer „echter Täter“ und wer „unschuldig Beschuldigter“ ist, der bremst das Recht aus, das es doch so schon schwer genug hat, auf die Beine zu kommen, und stellt sich offensichtlich dagegen, dass es hier Fortschritt gibt, ja schützt am Ende die Bösen.

Gegen solch eingeschliffene Mechanismen kommt man mit Bloggen der Marke „das bessere Argument wird sich schon durchsetzen“ nicht weit. Wenn, dann muss man schon einen ordentlichen Schluck aus der Populismuspulle nehmen, um dagegenzuhalten.

  1. Väter sind Männer, Männer sind Menschen und Menschen haben Rechte. Aber da es um Männer geht, interessiert deren Rechte niemanden! Also stattdessen von Anfang an nur mit der Lage der Kinder argumentieren. Gerne am Anfang vernünftig mit „Rechten von Kindern“, dann aber ordentlich auf die Tränendrüse drücken à la „die kleine Susi würde so gerne ihren Vati sehen und wissen, ob er sie noch lieb hat“. Schlau, dabei ein Mädchen zu nehmen, denn mit Jungen hat man ebenfalls weniger Mitleid.
  2. Eine erwachsene Frau ausmachen, die als Kind ihren Vater nicht sehen durfte, darunter sehr gelitten hat und das noch heute ausdrücklich erzählt. Sie sollte bereit sein, durch Talkshows zu tingeln und überhaupt Medienaufmerksamkeit zu bekommen. Am besten eine Buchautorin, denn die hat etwas zu verkaufen – ihre Geschichte! – und ist im besten Fall Medienprofi, der weiß, wie man mit Journalisten, aber auch Gegnern in der Sache umgeht.
  3. Die Gegner haben es gleich doppelt schwerer: Zum einen müssen sie gegen eine Frau die Debatte führen, was leicht in die Richtung abrutschen kann, dass es so wirkt, als ob sie die Frau angreifen oder nicht ernst nehmen. Zum anderen reden sie jetzt das Opfer und seine Leidensgeschichte klein – wie herzlos!
  4. In jedem Fall wird das Narrativ “das neue Gesetz ist das, was Frauen wollen“ gebrochen und damit der eigentliche Bann. Ab jetzt klappt es nicht mehr mit dem einfachen Weltbild, der Widerspruch zwischen bisheriger Annahme und neuer Erfahrung der Öffentlichkeit muss mindestens überbrückt werden und das hinterläßt zumindest einige unangenehme Zweifel. Und die kann man dann weiter schüren durch leicht auffindbare Texte, die gute Argumente enthalten und deren Autoren dem Anschein nach freundlich, humorvoll und geduldig gegenüber Neulingen sind, die das Thema gerade erst entdeckt haben.

Man wird damit immer nur einen Teil der Leute abfischen, aber so kann es klappen! Für die Position der erwachsenen Frau käme z.B. Jeannette Hagen („Die verletzte Tochter“) in Frage. Sie wurde am 09. Dezember 2015 erstmals von Genderama erwähnt und fand bereits damals deutliche Worten gegen die Väterentsorgung, äußerte sich ähnlich klar gegen das neue Sexualstrafrecht, kam in Berichten der Massenmedien über Sorgerechtsstreit vor, ist inzwischen Fachbeirat bei Gleichmaß e.V. und hat auch noch ein knackiges Zitat zu bieten:

Wenn der leibliche Vater aus dem Leben eines Kindes verschwindet, oder herausgedrängt wird, hinterlässt er eine Wunde, die niemand schließen kann.

Persönlicher Hintergrund, klare Meinung, Buch geschrieben, vernetzt, Frau – das liest sich wie das passende Profil einer Galionsfigur.

Allerdings, so genial neu ist die Idee, Jeannette Hagen (oder eine ähnliche Frau) in den Vordergrund zu bringen, natürlich nicht: Beim Recherchieren für diesen Artikel stieß ich via Genderama auf eine Rezension von Jeannette Hagens Buch „Die verletzte Tochter“. Deren Autor: Gerhard Kaspar alias gerks. So schließt sich der Kreis.

Bleibt festzuhalten: Gegen Emotionalisierung kommt man nicht mit Rationalität alleine an. Ich würde immer auch die emotionale Schiene bedienen, weil ich dann beides auf meiner Seite anzubieten habe.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eigentlich ist es ein trauriger Text („goodbye, papa, it’s hard to die“), der aber so wunderbar in melancholische Popmusik umgesetzt wurde, dass man gerne hört. So macht man das!

Terry Jacks: Seasons in the Sun

Warum ich kein Hindernis dafür sehe, andere Leute anständig zu behandeln

Das Blogstöckchen #Was wäre wenn („ich das andere Geschlecht hätte“) zog weite Kreise. Das freut mich sehr, denn letzten Endes bekomme ich dadurch mal ganz andere Perspektiven zu lesen – auch solche, die mir völlig fremd sind und aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Natürlich bedeutet das auch, dass ich Sachen lese, denen ich am liebsten sofort heftig widersprechen möchte. Bislang habe ich mich jedoch zurückhalten können und es hat stets das Hirn gewonnen, welches mir sagte: Das ist erst einmal ein Gedankenexperiment. Ist doch klar, dass da jeder seine Sichtweise reinbringt, die nicht objektiv ist (und sogar bei Sachaussagen widerlegbar sein kann). Viel spannender als „recht zu haben“ ist doch erst einmal, überhaupt etwas anderes zu lesen.

Aus diesem Grund habe ich auch auf jeden mir bekannten Artikel zum Blogstöckchen verwiesen nicht nach „interessanten“, „lesenswerten“ oder gar „guten“ Antworten gefiltert. Wenn man damit anfängt, ist das meistens der Anfang vom Ende. Soll sich stattdessen jeder Leser selbst sein Urteil bilden.

Mit Kommentaren habe ich mich weitgehend zurückgehalten. In der Zwischenbilanz der ursprünglichen Initiatoren hatte ich allerdings kommentiert; der Kommentar wurde jedoch bis jetzt nicht freigeschaltet. Dann veröffentliche ich ihn einfach hier.

Christian und Matze wollen nicht unter Generalverdacht stehen, bloß weil sie Männer sind. Sie möchten nicht gleichgesetzt werden mit den Männern, die tatsächlich gefährlich, die gewalttätig sind gegenüber Frauen und Kindern, und damit den Ruf und das Ansehen aller Männer negativ beeinflussen. Sie wünschen sich, als Individuen, unvoreingenommen anerkannt zu werden, so, wie sie sich selbst sehen.

Ich denke, da ist nichts gegen einzuwenden, egal, wer hinter Christian und Matze steckt. Wer hat es schon verdient, unter Generalverdacht gestellt zu werden?

Problem: Diesem berechtigten, persönlichen Wunsch steht eine ganze Industrie entgegen, die tagtäglich ein Männerbild verbreitet, das nicht gerade vertrauenserweckend ist.

Und warum ist das so ein Riesenhindernis? Wenn in der Unterhaltungsindustrie Araber tendeziell vor allem als Terroristen gezeigt werden, kann doch niemand antiarabische Vorurteile damit rechtfertigen, dass er das aus der Popkultur hat. Oder wer würde sich für ein Frauenbild von vorgestern damit verteidigen können, dass er einfach nur so viele alte Filme guckt und alte Bücher liest? Ich finde die Bewertung medialer Wirkung überschätzt. Die Verantwortung liegt bei jedem einzelnen und wer eine halbwegs ordentliche Erziehung genossen hat, läßt sich auch nicht gehirnwaschen.

Nicht nur die Unterhaltungsindustrie mit ihren Krimi-Thrillern, Action-Filmen, Ego-Shootern, Gangsta-Rappern, auch die Nachrichten, Spielwarenabteilungen und nicht zuletzt die Werbung verbreiten das Bild vom echten Kerl, der sich nimmt, was ihm zusteht, der keine Kompromisse eingeht, rücksichtslos ist sich selbst und anderen gegenüber, dabei immer im Reinen mit sich: Selbstzweifel und Schwächen haben hier keinen Platz. (…) Unsere Kinder lernen so schon sehr früh, was den richtigen Mann ausmacht, wie er sich verhält, so im Allgemeinen…

Da haben wir eine komplett andere Wahrnehmung. Ich stimme eher Lucas Schoppe zu, wenn er schreibt:

Von der damals skandalösen Selbst-Inszenierung als männliches Sex-Objekt bei Elvis Presley, dem Versicherungsvertreter-Look Buddy Hollys oder der Mischung aus Virilität und Nervosität bei James Dean, der Boygroup-Struktur der Beatles, die den Typus des Intellektuellen, den des hübschen Romantikers, den des stillen Sensiblen und den des Komikers, aber eben nicht den des beständig starken Mannes besetzten, der bewussten Androgynität David Bowies, Mick Jaggers, Michael Jacksons oder von Prince, der von Boy George ganz zu schweigen, der Gebrochenheit der tragischen Figuren wie Jimi Hendrix oder Kurt Cobain bis zu gegenwärtigen Schauspielern wie Ryan Gosling, der beständig zwischen hartem Kerl und Loser changiert, oder dem auch von den Autorinnen erwähnten James Gandolfini, der Wucht und Verunsicherung in sich vereint (die Liste ist willkürlich und ließe sich beliebig fortsetzen):
Männliche Pop-Idole sind in aller Regel eben keine unerschütterlichen Herrscher, sondern zwiespältige, facettenreiche, starke, aber eben auch verletzbare Figuren. Dies sind sie schon traditionell, seit Jahrzehnten

Das war das Ende des Kommentars. Ehrlich gesagt habe ich inzwischen den Eindruck, dass ich bei Widerspruch 10-20% dümmer kommentiere als wenn ich ihn in einem Artikel verarbeite. Spricht umso mehr fürs selbst bloggen.

Letzten Endes dreht es sich darum: Warum sollen einseitige Bilder aus den Medien ein Problem sein, wenn Leute grundsätzliche Rechte für sich einfordern? Dagegen spräche doch nur, dass man es entweder nicht kann, weil man quasi durch die Medien ferngesteuert ist, oder es nicht will, weil man der Meinung ist, die Beseitigung des schlechten Bildes aus den Medien müsse zuerst geschehen und erst wenn dies zu 100% geschehen ist, könne man sich der ursprünglichen Forderung widmen.

Nichts auf der Welt kann verhindern, dass ich als aufgeklärter Bürger Leute anständig behandele und damit meinen Teil dazu beitrage, dass die Welt ein Stück besser wird. Dies gilt auch dann, wenn diese Leute zu einer Personengruppe gehören, die mir im allgemeinen suspekt oder unsympathisch ist. Eben das macht zu einem Teil die gesittete Auseinandersetzung aus.

Auf die Spitze getrieben: Selbst einem rechtskräftig verurteilten 200-fachen Mörder muss ich den 201. Mord, wegen dessen er auf der Anklagebank sitzt, penibel nachweisen. Er hat das Recht auf einen fairen Prozess und darf nicht bereits im Vorfeld für diesen Mord (im wahrsten Sinne des Wortes) verurteilt werden. In den Genuss des zivilen Umgangs kommen damit auch Leute, die selbst überhaupt keinen zivilen Umgang erkennen lassen.

Zu der These der allmächtigen Medienbilder (oder wahlweise dem Patriarchat) habe ich immer die Frage der Initialbefreiung: Wenn ihre Macht so groß ist, dass sie uns in unserem Männer- und Frauenbild effektiv steuern, wie konnte es dann überhaupt jemals jemandem gelingen, daraus auszubrechen?

Wende ich zum Schluss einmal meine eigenen Rezepte an… ich gehe von den besten Absichten der Blogbetreiber aus und hoffe, dass ich das angesprochene „Problem“ einfach nur fürchterlich falsch verstanden habe.

Ich selbst bin kein besonders edler oder guter Mensch. Daran ändern auch hochtrabende Worte nichts. Gleichzeitig denke ich, dass es sich lohnt, nach etwas besserem zu streben, selbst wenn ich dabei immer wieder Fehler mache.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Gegen das Schwarzweißdenken hatte Michael Jackson einen großen Hit. Um das aber nicht ganz so pathetisch klingen zu lassen, bringe ich lieber die Badesalz-Version.

Badesalz: Black or White