Fundstück: Wie wird man laut Popkultur zur / zum Angebeteten?

„TV Tropes“, ein Wiki über Erzählmuster in der Popkultur (Vorsicht, nicht anfangen zu lesen, wenn man nicht einige Stunden Zeit hat!), habe ich ja schon zweimal in passendem Kontext erwähnt. Diesmal ist es das eigentliche Thema des Artikels. Ich hatte seit Jahren einen (nicht ernst gemeinten) Artikel im Gedächtnis, der auflistet, welche Kniffe laut Popkultur helfen, damit man für die Dame oder den Mann seines Herzens interessant wird:

Just For Fun / How to Become a Love Interest

Für mich ist es in erster Linie lustig, was das zum Teil für Klischees sind. Bei den Frauen: werde Cheerleader, färbe Dir die Haare rot, lass Dein Haar offen und hol Dir Kontaktlinsen, aber auch: hole Dir eine Brille; bei den Männern: Zieh Dein T-Shirt aus, schwöre der Liebe ab, hole Dir eine Lederjacke, rette sie aus höchster Not.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass man mit Sachen, die in Filmen funktionieren, in der Realität im Gefängnis landet oder sich zumindest einen Schlag in die Fresse holt, etwa bei so „romantischen Gesten“ wie laute Musik in der Öffentlichkeit (egal, ob selbst gesungen oder abgespielt).

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Heath Ledger singt es in „10 Dinge, die ich an Dir hasse“ – und es ist eine Standardnummer für „überkandidelte Liebeslieder, um in unpassenden Situationen Peinlichkeit zu erzeugen“.

Frankie Valli and The 4 Seasons: Can’t Take My Eyes Off of You

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Warum mich romantische Filme durchaus ansprechen

Im Westen nichts Neues: Feministinnen geben vor, Männer zu fragen, aber, wie Lucas Schoppe feststellt:

Es sind Aussagen und Zuschreibungen in Frageform. (…) Interessanter war es nun für mich, die Fragen einfach in die Zuschreibungen zurückzuverwandeln, die sie eigentlich sind. Dabei kommt ein durchaus beeindruckendes Bild von Männern heraus. (…) Hier also ein Eindruck davon, wie sich junge feministische Frauen von heute Männer vorstellen: (…) „Männer mögen keine romantischen Komödien, oder denken, sie dürften sie nicht mögen.“

Gut, wer das als allgemeingültiges Männerbild hat, dem kann ich auch nicht helfen. Allen anderen sei gesagt: Es gibt Männer, die etwas für Romantik in Filmen übrig haben.

Die interessantere Frage lautet also: Unter welchen Bedingungen? Das kann ich natürlich nur für mich beantworten – wenn es anderen ebenso geht, freut es mich, das zu hören (aber auch die Unterschiede würden mich interessieren).

Zunächst könnte es um die Definition gehen: Was ist eine romantische Komödie? Da wird es schon schwierig, denn während ich Romantik noch ganz gut zu erkennen glaube, fällt es mir mit dem komödiantischen Anteil meistens sehr schwer. Das geht mir aber allgemein so. Für Leute wie mich enthalten deutsche Filmtitel „total lustig“ – mir würde sonst nicht auffallen, dass die Filme lustig sind.

Gleichzeitig erinnere ich mich an die Kritik von Frauen, dass bei der „Ladies‘ Night“ im Kino so viele romantische Komödien kommen und „nichts ordentliches“. Befassen wir uns also lieber mit romantischen Filmen allgemein – egal, ob sie nun heiter/fröhlich/unbeschwert oder als Drama/Tragödie daherkommen.

die Abgründe

Zugegeben, die typische Romantic Comedy fürs Fernsehen ist gruselig. Schema F, echte Probleme gibt es nicht bzw. sie lösen sich plötzlich einfach auf und Partnerschaft und Traumberuf bekommt man spielend unter einen Hut. Die Botschaft: Jeder beruflich frustrierte Single kann seine Sehnsüchte eigentlich in eineinhalb bis zwei Stunden locker lösen! Na, wenn das nicht deprimiert…

Es gibt leider viele Kinofilme, die mit größerem Budget, aber ohne mehr Tiefgang gedreht wurden, wie ich mich in zahlreiche „Sneak Preview“-Besuchen versichern konnte. Für mich sehe ich noch mehrere Gründe, warum ich mich nicht gut in die Figuren in solchen Filmen hineinversetzen kann. Manches würde mit vertauschten Geschlechtern nicht funktionieren; andererseits geben die Männer oft wenig Anknüpfungspunkte:

  • die Phantasie des sozialen Aufstiegs durch Heirat (für Männer nicht drin)
  • der „reiche Mann“ (spricht evtl. Frauen an, eignet sich aber nicht als Identifikationsfigur)
  • zwischen mehreren werbenden Partnern hin- und hergerissen sein (Gibt es das bei Männern?)
  • langes Schmachten (verläuft für Männer meist unglücklich und macht sie unattraktiv)
  • Traumprinz interessiert sich für die „nette Frau von nebenan“ (moralischer Unterton: Männer sollen sich gefälligst für – auf den ersten Blick – weniger attraktive Frauen interessieren)
  • hässliches Entlein wird zum Schwan (nur Aussehen verändern hilft wenig bei einem Mann)
  • „nur“ Gefühle ohne eigenes Handeln (für Männer meistens nicht drin)
  • Rettung „aus dem Nichts“, unerwartete Entwicklung (steht eigener Aktivität entgegen)

Aber Vorsicht, gerade der Schwachsinn mit dem „extrem attraktive Person steht auf die Außenseiter-Hauptfigur“ wurde umgekehrt ja ebenfalls schon bis zum Gehtnichtmehr serviert. Vergleiche hierzu einen Kommentar von shark999 bei Alles Evolution:

“Böse, männergerechte” Filme? Wie wär’s mit jedem X-beliebigen 80-er Teeniestreifen, in dem die schöne Cheerleaderqueen den Quarterback abschießt, um mit dem kleinen, schmächtigen Supernerd (in die abgelegten Klamotten seines großen Bruders oder, noch schlimmer, Vaters gekleidet) zusammen zu sein?

Romantik in allerlei Form

Aber kommen wir doch lieber zu den guten Filmen, denn davon fallen mir genügend ein – und ganz verschieden sind sie: Die Shakespeare-Verfilmung „Romeo and Juliet“ von 1968, ein klassisches Drama, mit jungen Schauspielern gedreht; Cruel Intentions, eine moderne Adaption von „Gefährliche Liebschaften“, mit tollem 1990er-Jahre-Soundtrack; The Princess Bride, eher zum Schmunzeln und doch sehr schön; Playing by Heart, ein Ensemblefilm mit vielen ernsten Hintergrundgeschichten; Amy’s Orgasm, bei dem der Sex schon im Titel vorkommt; und schließlich High Fidelity, bei dem der Film recht gut ans Buch herankommt, jede Menge Musik im Spiel ist und von vielen Geschichten beide Seiten beleuchtet werden.

Völlig abseits davon erinnere ich mich an einen Film, den ich leider nie wiedergefunden habe: Späte 1980er / Anfang 1990er, männlicher Protagonist, aus der Provinz (Ohio) in eine große Stadt an der Küste gezogen (muss Westküste sein, wegen Lockerheit, Strand usw.), versucht über eine Agentur / Singlebörse (ja, damals noch mit richtigem Büro) eine Frau kennenzulernen. Nebenbei spricht er auch Frauen einfach so an und es geht wunderbar schief (eine kommt etwa ebenfalls aus seiner Heimat, will aber mit Typen aus der Ecke nichts zu tun haben; oder er sieht eine Frau ein Buch lesen, das ihm ebenfalls gefallen hat, und verrät beim Schwärmen darüber mal eben das Ende). Diese „guter Kerl, aber etwas tolpatschig“-Chose läßt sich allem Anschein nach besser mit einem Mann durchziehen, denn männliche Charaktere haben eine größere Bandbreite zur Verfügung, wenn es darum geht, was ihnen alles passieren darf.

Jane Austen: zeitlos

Ich hatte schon beim Blogstöckchen „Was wäre anders…?“ erwähnt, dass ich in meiner Jugend viel Freude mit Jane-Austen-Verfilmungen hatte. Das waren Pride and Prejudice (1995, u.a. mit Colin Firth) und Sense and Sensibility (1995, u.a. mit Alan Rickman).

Erst vor kurzem habe ich zum ersten Mal die neuere Verfilmung von Pride and Prejudice (2005, mit Keira Knightley) gesehen. Allen Befürchtungen zum Trotz, das könne ja gar nicht so gut wie die alten Erinnerungen sein, hat mir der Film großartig gefallen.

Kurz zusammengefasst: Die Protagonistin ist eine von fünf Schwestern, dabei selbst etwas eigensinnig („undamenhaft“), aber hell im Kopf, liebenswert und durchaus hübsch. Ihre Familie gehört zum verarmtern Landadel (vieles müssen sie selbst machen – nicht etwa Bedienstete!), dem zudem noch droht, aus dem Haus geworfen zu werden. Zur Rettung sowohl der Familie als ganzes als der Schwestern müssen gut begüterte Ehemänner her, zum einen, um den sozialen Absturz zu verhindern, zum anderen, um den Damen eine akzeptable Zukunftsaussicht zu geben. Doch so oft lassen die sich auf dem Land nicht blicken, und so ist die Ankunft von reichen Erben als auch schneidigen Offizieren eine höchst erfreuliche Neuigkeit. Leider stehen dem noch enge Konventionen und aussichtsreiche Rivalinnen im Wege, und zunächst muss auf Bällen der Gang auf dem gesellschaftlichen Parkett gemeistert werden.

Die Geschichte spielt sich vor einem historischen Hintergrund ab, der so wenig mit der heutigen Zeit gemeinsam hat, dass viele Szenen und Charaktere völlig skurril anmuten. Kein Wunder, dass es für Fans inzwischen das Kartenspiel zum Buch namens „Marrying Mr. Darcy“ gibt (sogar mit Untoten-Erweiterung): Es macht einfach Spaß, sich auf so etwas einzulassen und in eine Welt einzutauchen, in denen strenge gesellschaftliche Regeln bestimmen, welches Verhalten sittsam ist und wer wen heiraten kann – wohlwissend, dass es in der westlichen Welt eben heute nicht mehr so ist.

Wer den Film bierernst nimmt, hat schon verloren: Frauen, die in erster Linie heiraten wollen und müssen, jedem halbwegs passablen Mann entgegenjauchzen, bevor sie ihn gesehen haben (die wichtigste Eigenschaft ist Geld), dabei das Militär verehren – man könnte Bullshit-Bingo spielen. Die gezeigten Verhältnisse werden zwar bedauert, aber nicht in Frage gestellt.

Interessant ist dabei, was angesichts des engen sozialen Spielraums für unterschiedliche Frauen und Männer dabei gezeigt werden. Die Person vom höchsten Stand, die man im Film zu sehen bekommt, ist eine Lady. Auf der anderen Seite heiratet eine Freundin der Protagonistin den durchaus gutmeinenden, aber etwas verkrampften Kerl, durch den sie allerdings abgesichert ist und der sie allem Anschein nach gut behandelt. Der Vater der fünf Schwestern ist gutmütig und hört auf seine Tochter. Und selbst der „gute Fang“ bekommt einige sehr gute Szenen, in denen er zeigt, dass er sich selbst mit seinem Gefühlsleben schwer tut. Für die damalige Zeit doch beachtlich.

universal erzählbar

Eine Sache ist mir bei dem Film aber noch aufgefallen, und das ist letzten Endes das Geheimnis, warum mich die Geschichte der Elizabeth Bennett so in ihren Bann zieht, obwohl mich von einer jungen Landadeligen im England zu Beginn des 18. Jahrhunderts doch Welten trennen müssten: Es ist eine universelle Erzählung, wie jemand, der als hinreichend klug und liebenswert präsentiert wird, innerhalb der engen Begrenzungen seiner Welt nach seinem persönlichen Glück strebt. Das ist so tief in mir als Mensch verankert, dass es mich immer anspricht.

Es könnte genauso gut ein junger Mann aus Asien sein, der mühsam seine ersten beruflichen Schritte geht und dabei immer aufpassen muss, seine Eltern stolz zu machen. Es könnte die Geschichte eines schwulen Paares sein, das in der Anonymität der Großstadt versucht, aus den spießigen Verhältnissen zu entkommen. Ja, es müssen noch nicht einmal Menschen dabei vorkommen: Es ließe sich auch die Geschichte eines Tieres erzählen (zugegeben, entweder vermenschlicht als Zeichentrickfilm oder mit geschickt zusammengeschnittenen Aufnahmen aus einem Dokumentarfilm), das irgendwo im Urwald aufwächst und dabei all die Fährnisse überstehen muss, die die Natur so mit sich bringt. Oder Außerirdische oder Fabelwesen, bei denen zumindest menschliche Werte in irgendeiner Form vorkommen, die aber ansonsten in einer fernen Welt leben und dort allerlei Hindernisse überwinden müssen. Ja, es ginge sogar mit abstrakten Formen, bei denen man etwa mit einem Dreieck mitfiebert, das sich durch eine künstliche Landschaft durchschlägt.

(Ich erinnere mich vage an eine Studie, in denen sehr kleine Kinder solche Konzepte wie „soziales Verhalten“ erkannten, wenn sie verschiedene Formen sahen, die sich gegenseitig halfen oder behinderten. Finde leider keine Quelle mehr, sehr schade!)

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal komme ich um den „High Fidelity“-Soundtrack kaum herum.

Stevie Wonder: I Believe (When I Fall In Love)

Kurznachrichten vom 19.12.2015

1: US-Feministin Camille Paglia attackiert Taylor Swift als „widerliche Nazi-Barbie“.

Paglia hält Swift für eine mittlere Katastrophe für das moderne Frauenbild. Nicht zuletzt weil die Sängerin gerne weibliche Co-Stars einlädt und dabei ein arg niedliches Image präsentiere. Swift lege ein „widerliches Nazi-Barbie“-Gebahren an den Tag, ätzt Paglia: „In unserer weit geöffneten, modernen Ära unabhänginger Karrieren können Mädels-Gruppen Frauen helfen, wenn sie es vermeiden, ein dümmliches, rückschrittliches Image zu zeigen – so, wie es im kichernden, zungerausstreckenden Überfall von Swifts Knuddel-Clique passiert.“

Wie war das nochmal? Feminismus kämpft für die Selbstbestimmung der Frau? Natürlich nur, solange die Frau nicht völlig selbstbestimmt Hausfrau und Mutter, Porno-Queen, Prostituierte oder eben süßes Schlagersternchen sein will. /Aranxo

2: Auf Scientific American (etwas älter) beklagt sich die Psychologin Cindi May, dass sich das Bild von Frauen in Comics zwar von der damsel in distress zur machtvollen Superheldin gewandelt habe, diese aber immer noch hypersexualisiert dargestellt würden.

As a consequence, the superheroines, like their victim counterparts, are undermining rather than improving women’s perceptions of their own bodies and physical competence.  And they are doing nothing to improve beliefs about women’s roles in society.

Sie werden nicht eher ruhen, als bis es auch übergewichtige, hässliche Superheldinnen gibt. Wer das kaufen soll? Egal. Das unternehmerische Risiko dafür sollen gefälligst die Comic-Labels tragen. Ach nein, das geht ja auch nicht, Frauen darf man ja nicht negativ zeichnen. Also müssen es „normale“ Frauen sein, was auch immer in wessen Augen als normal gilt. Wahrscheinlich mit kleinen Brüsten und ein wenig Speck auf den Hüften, aber auf gar keinen Fall zu viel.

Nur, wer will eigentlich Normalos als Superhelden sehen? James Bond will ich auch nicht in Badelatschen sehen. Ok, an einem Karibik-Pool oder im Grand Hotel auf dem Weg zur Sauna vielleicht.

Abgesehen davon: Realistische Superhelden? What? Ist das nicht irgendwie ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich? Aber selbst wenn man sich auf die Argumentation einlassen wollte: Was ist denn tatsächlich realistischer, ein sportlich durchtrainierter Superheld oder ein moppeliger Superheld?

Und warum zum Henker sind Comic-Figuren dafür zuständig, die Vorstellungen über Frauenrollen in der Gesellschaft zu verändern? /Aranxo

3: Ich verweise mal auf meinen Blogeintrag zum Blinden Fleck der Gesellschaft bezüglich Männerfeindlichkeit. Darin überlege ich, warum in unserer Gesellschaft der Mythos von der Frauenbenachteiligung so verbreitet ist, während die tatsächlich existente Männerfeindlichkeit weitgehend unbeachtet bleibt.

Dieser Beitrag ist aus dem Frust heraus entstanden, am Girls‘ Day 2016 eine äquivalente Veranstaltung auch für Jungen organisieren zu wollen, und dabei auf ungeahnte Hindernisse zu stoßen. /Breakpoint

4: Der „Sexismusbeauftragte“ Lutz Bierend schreibt, weswegen das gar nicht so schlecht ist, eine Frau zu sein. Das ganze ist eine durchaus unterhaltsame Aufzählung an Beispielen, wo Frauen im Vorteil liegen, Soziolog*_%&$ix würden das wohl Privilegien nennen. /Aranxo

5: Der Verlag von Prof. Ulrich Kutschera hat dessen neues Buch „Das Gender-Paradox – Mann und Frau als evolvierte Menschentypen“ offiziell angekündigt. Das Buch, das im Februar erscheinen soll, wurde von Kutschera ja als Frontalangriff auf die Gender-Ideologie angekündigt. Man darf also gespannt sein. Prof. Dr. Günter Buchholz veröffentlicht auf seiner Seite „Frankfurter Erklärung“ schon einmal das Vorwort und das Inhaltsverzeichnis. /Aranxo

Warum ich regulierte Popkultur für eine verlorene Sache halte

Zugegeben, ich habe es doppelt vermasselt: Zum einen schreibe ich diesen Text in letzter Minute, obwohl ich doch Themen genug gesammelt hatte, zum anderen will ich das Fundstück einfach nicht wiederfinden, auf dem er basiert. Vielleicht kann mir ja jemand in den Kommentaren helfen…

Vorgestern kam bei Genderama die Meldung, dass Comics mit gaaanz tollen Frauen (meine Formulierung) am Ende total langweilig sind. Ein Leser wies gestern noch darauf hin, dass Charaktere mit nur guten Eigenschaften auch als Mary Sue bezeichnet werden und verpönt sind. Das ist natürlich erst einmal nichts neues. Schon vor fast zwei Jahren schrieb eine Autorin, sie hasse starke weibliche Charaktere („I hate Strong Female Characters„).

Klar, wenn Frauen in der Popkultur nicht mehr schwach, böse, mittelmäßig oder Randfiguren sein dürfen, bleibt ja bald nur noch die Rolle der eindimensionalen Strahlefrau übrig, die keine Schwächen hat (und zu der man deswegen auch kaum eine emotionale Beziehung aufbauen kann – sie ist ja übermenschlich) und die in jedem Fall eine politische Botschaft zu verkünden hat, die über die Dimension der Geschichte hinausgeht (und dabei hervorragend jegliche Immersion zerstört). Da ist kein Platz mehr für Zwischentöne oder komplexe Charakterzeichnungen, also genau die Dinge, für die der Leser von heute doch angeblich bereit ist und die er so schätzt. Kurioserweise werden solche weiblichen Charaktere dann genau zu dem, was sie ja eigentlich nicht sein sollten: Zur Klischeerolle „die Frau“, bei der das Geschlecht schon die wesentliche Charakterisierung darstellt.

Und damit sind wir bei dem verlorenen Fundstück. Ich meine, es im Fahrwasser der Gamergate-Diskussion in dieser Blogblase als Kommentar gesehen zu haben. Es war ein Schwarzweiß-Comic, drei Teile. Der Kommentator meinte, er verfolge diese Endlosschleife seit ca. 20 Jahren in der Spieleindustrie. Sie geht in etwa so:

Phase 1: Ein Spiel nur mit männlichen Charakteren (Geschlecht auch unwichtig für Spielablauf), Kritik: keine Frauen!
Phase 2: Ein Spiel mit weiblichen Charakteren, Frauen sind nicht spielbar oder geschützt, Kritik: Frauen werden nicht ernst genommen – bevormundend!
Phase 3: Ein Spiel mit 100% gleichberechtigten Charakteren, Kritik: weiblichen Charakteren kann extreme Gewalt zustoßen – frauenfeindlich!
…Rückkehr zu Phase 1

Anhand dieser Abfolge kann man erkennen, dass man immer irgendetwas kritisieren und brandmarken kann, weil es keine perfekte Lösung gibt. Leider gehört es zur radikalfeministischen Theorie, dass es niemals ein abwägendes „So schlimm ist das doch nicht“ geben darf, wenn sich jemand wegen etwas nicht wohlfühlt. So dreht man sich entweder endlos im Kreis, oder am Ende kommt ein labbriger Einheitsbrei heraus, der zwar niemandem so richtig dolle schmeckt, aber dafür die Macher von dem Risiko befreit, dass er irgendjemandem auf den Magen schlagen könnte. Scheu davor, „mal etwas anders machen“, ist ja selbst nicht gerade ein völlig neuer Vorwurf gegenüber großen Produktionen der Popkultur…

Es wirkt hanebüchen, in was für ein enges Korsett sich die Verantwortlichen begeben, weil sie jeglichem Anecken aus dem Weg gehen. Was es für die anderen Beteiligten bedeuten kann, das musste der afrodeutsche Schauspieler und Comedian Marius Jung erleben (ab 13:54):

Endlich einmal hatte er eine große, interessante Rolle in Aussicht, nämlich einen fiesen Koksdealer, da wurde sie ihm verwehrt mit dem Hinweis, man habe Angst vor Rassismus-Vorwürfen. Marius Jung, das ist der Mann, der letztes Jahr allen Ernstes einen Negativ-Preis wegen Rassismus einheimste (Genderama berichtete mehrfach), was seinem damals frisch erschienen Buch „Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde“ aber gerechterweise die größere Aufmerksamkeit einbrachte, die es verdient hatte.

Kulturelle Erzeugnisse, die sich nur im Rahmen dessen bewegen, was gewohnt oder gerade in Mode ist, können weder Tabus brechen noch erfrischend anders sein. Sie können gerade nicht neue Themen ins allgemeine Bewusstsein bringen oder die Welt ein Stück moderner machen.

Mir ist der Aspekt „Man kann es nicht allen recht machen – manchen sogar nie“ sehr wichtig. Auf der anderen Seite ist es natürlich richtig, eingefahrene Muster in der Popkultur zu kritisieren, insbesondere wenn sie ihrerseits Erzählweisen verhindern. Dirk M. Jürgens vom Buddelfisch hat sich in seinem letzten Beitrag zu den ganzen Popkultur-Aufregern der letzten Zeit abwägend geäußert und sich nicht auf eine bestimmte Seite geschlagen. Ein schöner Ansatz, den ich gerne lese!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Diesmal ein Lied, das schon „Game“ im Titel trägt und das auf einem Album namens „Gran Turismo“ erschienen ist.

The Cardigans: My Favourite Game