Warum mir der Mann mit dem Metal-T-Shirt nicht aus dem Kopf geht

Die Begegnung ist schon eine Weile her. Ich erinnere mich aber immer wieder daran:

Ich bin im europäischen Ausland unterwegs. Es ist Wochenende, ich stehe am Rande einer Fußgängerzone, in der sich jede Menge Läden zum Einkaufen befinden. Die Geschäfte machen langsam zu, es wird bald dunkel, die Leute eilen mit Tüten und Taschen nach Hause. Es ist ein richtiger Strom an Menschen raus aus der Innenstadt.

Eine Gruppe Männer in orange hat jedoch die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie sind gekommen, um die Spuren des Konsums zu beseitigen. Ihre Arbeit hier beginnt gerade erst.

Während die Einkäufer und Spaziergänger miteinander reden, gehen sie an den Saubermachern vorbei, ohne sie weiter zu beachten – so als ob diese gar nicht existieren würden. Ich bin zutiefst erstaunt, als ich bemerke: Diese Männer sind unsichtbar!

Keiner grüßt sie, niemand schwatzt mit ihnen – so als ob sie zu einer Schicht der Unberührbaren gehören würde. Es scheint kein „reiche Einheimische, arme Ausländer“-Gegensatz zu sein, denn die Männer von der Straßenreinigung sehen nicht anders als die anderen aus.

Da fällt mir an dem, der mir am nächsten arbeitet, etwas auf: Seine orangefarbene Jacke ist auf, darunter trägt er ein Metal-T-Shirt. Na, das ist doch sympathisch, denke ich mir und lächele. Dann schaue ich genauer hin und erkenne sogar Band und Album wieder: „Valley of the Damned“, das Debüt von DragonForce.

Ich bin hin und weg und weise meine Begleitung auf das T-Shirt hin. Das bekommt auch der Mann mit, den ich daraufhin freundlich anspreche. Tolles T-Shirt, guter Musikgeschmack, auf die Band bin ich Ende 2000 gestoßen, als sie noch DragonHeart hieß und ihr erstes Demo-Album draußen hatte. Ein kurzer Plausch von 2-3 Minuten, dann wünsche ich ihm noch einen schönen Tag und gehe weiter.

Was ich bis heute nicht vergessen habe: Wie erfreut der Mann über die Aufmerksamkeit schien; dass er mit jemandem reden und den Arbeitsalltag vergessen konnte, dass ihm jemand etwas Nettes gesagt hat.

Es wird viel über unsichtbare Männer geschrieben. Ich habe an dem Tag tatsächlich einen getroffen. Und nach dieser Begegnung habe ich mir oft überlegt: Wie viele Unsichtbare es wohl noch gibt, an denen ich nach wie vor so einfach vorbeigehe?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die heute Liederauswahl liegt auf der Hand…

DragonForce: Valley of the Damned

Nostalgie-Fundstück: Abenteuer eines Junggesellen von Wilhelm Busch

In den letzten Tagen habe ich mir noch einmal den ersten Teil der Knopp-Trilogie von Wilhelm Busch zu Gemüte geführt. Sie ist zum Beispiel komplett im Projekt Gutenberg nachzulesen. Bei Youtube findet man verschiedene gesprochene Fassungen.

Der erste Teil heißt „Abenteuer eines Junggesellen“. Der Protagonist Tobias Knopp, ein Privatier ( = das bedeutete früher „braucht nicht arbeiten“, nicht wie heute „elegante Umschreibung für pleite“) ist wie schon im Titel erwähnt Junggeselle, wird um den Bauch rum deutlich breiter, auf dem Kopf allerdings ist mit Haaren nicht mehr viel los. Er wird des ruhigen Lebens zu Hause überdrüssig und bekommt auch ein wenig Torschlusspanik („Wer wird um mich weinen, wenn ich alleine sterbe?“). Also besucht er sowohl alte Freunde und Bekannte.

Die Klischeecharaktere, auf die er dabei trifft, sind erstaunlich zeitlos geblieben:
– Die ehemalige vergebens Angebetete, die inzwischen nicht mehr ganz so frisch ist und mit ihrem Hund zusammen lebt (die „crazy cat lady“ des 19. Jahrhunderts)
– Der Mann mit der untreuen Ehefrau
– Der Mann, der gegenüber seiner Ehefrau untreu ist
– Der Vater, der seinen Sohn zu lasch erzieht
– Der Vater, der seinen Sohn zu streng erzieht
– Der ehemaligs feierfreudige Kumpan, der inzwischen völlig unter der Fuchtel seiner frommen Frau steht
– Der Mann, dem die Kinder auf der Nase herumtanzen
– Der Mann, der die Ehe als Hölle empfindet und den Tod seiner Frau sogar feiert
– Der Vater mit heiratsfähiger Tochter, bei der sich der Protagonist durch Ungeschick um die mögliche Chance bringt
– Der Eremit, der angeblich den großen Durchblick hat und alles Weltliche verachtet, aber eine unerreichbare Frau verehrt und ansonsten ordentlich dem Alkohol zuspricht

Es gibt, wie erwähnt, noch zwei weitere Teile, bei deren Titel man schon weiß, wie der erste Teile am Ende ausgeht. Dennoch lesenswert! Wilhelm Busch ist übrigens Zeit seines Lebens Junggeselle geblieben.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hat rein thematisch nichts mit Busch zu tun, ich spreche den Bandnamen nur so aus…

Bush: Swallowed

Fundstück: Frauen in der Musikindustrie

Dummerjan schrieb bei Alles Evolution zwei interessante Kommentare, die ich hier (mit leicht korrigierter Rechtschreibung und Zeichensetzung) vollständig wiedergeben möchte:

Da ich ja am Bodensatz (wie so oft) der Musikindustrie unterwegs bin, dort wo die Anfänger, Wannabes, Loser und so weiter daheim sind, glaube ich hier mal aus dem Nähkästchen plaudern zu können.

Absolut zentrale Beobachtung: Junge hübsche Frau mit ausgeprägten Brüsten so um die 20, die am Klavier oder an der Gitarre etwas dahinhaucht, bekommt immer Bonusbeifall. Egal, wie scheiße sie ist.

Zweite zentrale Beobachtung: Wenn Frau im Schlabberlook und ohne Alarmmakeup daherkommt, ist Vorsicht geboten. Die sind meistens ziemlich gut. Egal, wie scheiße sie aussehen.

Zusammenfassung: Es gibt immer einen Tussenbonus. Der hängt sehr am Alter und der äußeren Erscheinung der Person. Hilft aber nicht weiter als bis zum dritten Lied.

Hier eine Liste der 15 erfolgreichsten YOutube Stars:
http://mashable.com/2011/01/23/found-fame-youtube/#1NKuybDz3Oq4

Aufgabe:
1. Wieviele Frauen (Mädchen), wieviele Männer (Jungs)?
2. Wieviele sind heute noch im Geschäft?

Errinert Euch, meine These war:
1. Frauen haben einen Startvorteil in der Industrie.
2. Der Startvorteil verpufft sehr schnell.

Einige Bestandteile kann man relativ leicht nachvollziehen: Natürlich haben es attraktive Menschen leichter und natürlich wirkt das Aussehen bei Frauen stärker. Der Rest ist eine weitere Überlegung wert.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hier ein Beispiel für eine Sängerin, die ich tatsächlich nicht besonders gutaussehend finde, die aber eine so gute Nummer abliefert, dass sie zum Teil gar nicht verstanden wird.

Giulia Becker: Verdammte Schei*e

Fundstück: Wenn berühmte romantische Filme feministisch wären

Durch Zufall bin ich auf folgendes Video gestoßen:

MTV Braless: If Famous Movie Romances were Feminist

Wenn man das Gesicht von Laci Green in den ersten Sekunden sieht, weiß man schon, wie der Hase läuft: Romantische Komödien sind im Grunde Propaganda, um Frauen einzutrichtern, wie sie zu leben hätten. Mit „vernünftigen“ Maßstäben würden die Geschichten gar nicht funktionieren.

Es ist schade, dass eine an sich lustige Idee – Filme auf die Schippe nehmen – politisch so verbrämt wird, dass das Ergebnis keinen Spaß mehr macht. Dabei könnte man es belassen, aber ich habe ja immer das Bedürfnis, das noch einmal zu kommentieren.

romantische Filme – eine Ausgeburt des Teufels, äh, der Männer?

Hatten wir nicht vor einem Jahr erst die Unterstellung, dass Männer grunsätzlich romantische Filme hassen? Wenn das so wäre, wer ist dann das ausschließliche Publikum für solche Filme? Wie gut ist ein Geschäftsmodell, das darauf basiert, Propagandafilme zu zeigen, in denen den Zuschauern etwas eingetrichtert wird, was sie gar nicht wollen? Sind Filme, die an den Interessen der Zielgruppe vorbeigehen, erfolgreich?

Wer steckt also hinter der Verschwörung? Steuern Männer, organisiert im Patriarchat, die Filmindustrie, und produzieren Filme, die sie selbst hassen, um die Frauen bei der Stange zu halten? Ist das nicht unpraktisch, weil die Frauen den Männern dann mit der Romantik den Männern in den Ohren liegen und sie versuchen, mit in diese Filme zu schleppen? Wäre es bei so einer universalen Steuerungsmöglichkeit nicht viel praktischer, die Botschaft so herüberzubringen, dass man als Verschwörer keine solchen Nachteile erleidet?

Hier wird ein typisch weibliches Konsumgut abgelehnt. Was Frauen mögen, ist nicht ok bzw. es kann gar nicht sein, dass Frauen das aus freien Stücken mögen.

Ist Realismus ein Erfolgsrezept?

In wie vielen Filmen geht es um die Überwindung von Grenzen (alleine diese Formulierung wird wahrscheinlich zahlreiche Leute re-traumatisieren), darüber, dass Leute über sich selbst, die Umstände, die Gesellschaft mit ihren Regeln hinauswachsen? Ist nicht das sogar gerade ein Teil der Romantik? Sind Romantik und Vernunft, „schön brav und realistisch sein“, nicht Gegensätze? War die romantische Ehe nicht ein Bruch mit der traditionell arrangierten Ehe?

Hier wird Kunst mit den Scheuklappen der Moral versehen: Es darf nur gezeigt werden, was auch mit den Werten der richtigen Lehre zu vereinbaren ist. Was waren es für Gesellschaften, die so vorgegangen sind, und wie sah ihre Kunst aus?

Was ist das „feministische“ Rechtsverständnis?

Es ist nur eine kurze Szene, aber sie spricht Bände: Wer sich zu einer 17-jährigen hingezogen fühlt, sei demnach ein Pädophiler.

Das ist Wasser auf den Mühlen derer, die behaupten, Feminismus wolle erwachsene Menschen infantilisieren. Sicher, mit 17 ist man weder in den USA noch in Deutschland volljährig. Aber die Welt ist auch nicht schwarzweiß: Man wird an eine 17-jährige andere Anforderungen bezüglich geistiger Reife und eigener Verantwortung stellen können als an ein präpubertäres Mädchen.

Aber fragen wir mal umgekehrt: In welchen Gesellschaften ist es denn in Ordnung und dasselbe, mit einem präpubertären Mädchen eine Beziehung zu haben wie mit einer 17-jährigen? Wie beurteilt poststruktureller Genderfeminismus die Werte und Moral dieser Gesellschaften?

Fazit

Laut dem Video
– basiert Feminismus auf einer Verschwörungstheorie gegen Frauen
– akzeptiert Feminismus nicht die Freiheit von Frauen, wenn sie sich anders entscheiden als gewünscht
– versteht Feminismus nicht, was Pädophilie ist und kriminalisiert Unschuldige

Alles in allem dieselbe Wirkung wie ein plumpes antifeministisches Propagandavideo. Danke für nichts, MTV und Laci Green!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Erinnert sich noch jemand an die Zeit, als MTV „rebellisch“ und „unkorrekt“ war?

Beavis and Butthead Music Video

Fundstück: Ahoi Polloi über Fake News, die „alternative Rechte“ und Martin Schulz

Immer wieder lesenswert: Ahoi Polloi schafft es, sogar der Fake-News-Hysterie noch einen neuen Aspekt abzugewinnen!

Fake News der besonderen Art
eine Alternative zur „alt-right“
Martin Schulz als Hans Dampf in allen Gassen

bisherige Erwähnungen von Ahoi Polloi:

  1. über Medienblockade, political correctness und Ballerspiele
  2. über Beschimpfungen, Hate Speech und den postheroischen Mann
  3. über Nazis, freie Meinungsäußerung und immer wieder Nazis
  4. Ausreden, Fake News und Rassismus
  5. prägnante Wahlanalyse
  6. Donald Trump, Politik und Medien
  7. Genderidentität, politisch korrekte Sprache und das Rederecht bei den Grünen
  8. Sexismus
  9. Modernität bei Arbeit, Gesellschaft und Moby Dick
  10. kulturelle Aneignung, rape culture und sexistische Werbung
  11. gegen mansplaining und Mikroaggressionen und für die Wahrheit
  12. das neue Sexualstrafrecht und die Unschuldsvermutung
  13. dreimal zu „hate speech“
  14. eine ganze Sammlung
  15. zu Sprache

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Also, damals gab es ja noch einen ganz anderen Martin, der unglaublich angesagt war…

Diether Krebs: Ich bin der Martin, ne…?!

Fundstück: Schneewittchen und „Der Mann das ist ein Lustobjekt“

Als Reaktion auf einen Artikel von crumar schlägt Leonie Popkultur „aus den wilden 70ern“ vor mit dem Hinweis:

Ja, so´war das damals, als die 2. Frauenbewegung entstand – und Ihr hättet auch rebelliert!

Die Popkultur – was wäre ein Blogeintrag ohne sie? – ist dabei folgende:

Gruppe Schneewittchen: Der Mann das ist ein Lustobjekt

Das Lied stammt aus dem Jahr 1978 und merke, wie sich die Zeiten geändert haben, denn mein erster Gedanke war: Das wäre heute abzufeiern!

Der Mann, das ist ein Lustobjekt
Und sonst nicht zu gebrauchen

Also, so eine positive Beurteilung von Männern allgemein bin ich ja gar nicht gewohnt! Männern wird hier zugestanden, als Lustobjekt zu taugen, also sexuelles Interesse zu erregen – von einer Frau, wohlgemerkt! Dies wirkt in der heutigen Zeit, in der Männer in erster Linie mit Gewalt, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht werden, wie ein überschwengliches Lob.

Er nennt mich seinen liebsten Schatz
Doch das, das sind nur Sprüche

Na, das ist doch gut, dass sie das durchschaut. Vor allem, weil sie bereit ist, auch die Konsequenzen daraus zu ziehen:

Und wenn der Neue streicheln kann
Und schöner als der Alte
Dann bleib‘ ich bei dem neuen Mann
Bevor ich ganz erkalte
Dann werd‘ ich von ihm heißgestreichelt
Bis die Matratzen rauchen

Mich erinnert das an das selbstbewusste Frauenbild, das ich in den 1990ern mitbekommen habe: Da gingen Frauen offensiv mit ihrer Sexualität und ihren Wünschen um. Nun mögen seinerzeit Anspruch und Wirklichkeit auseindergeklafft haben – aber es gab zumindest dieses positive Bild, das Frauen ihre Freiheit ließ – und Männern auch! Jeder Erwachsene war eben für seine Taten verantwortlich, aber eben nicht automatisch „schuldig für andere“.

Ab heute, müssen alle ran
Bis sie den Geist aushauchen

Das klingt schon ein wenig lebensbedrohlich. Allerdings immer noch besser als als Soldat zu sterben! Und ich bin mir sicher, viele „nette Kerle„, die ständig in der Friendzone landen, würden gerne mal „nur fürs Bett“ zu gebrauchen sein.

Wenn einer nicht mehr funktioniert
Und anfängt zu querelen
Dass er an seiner Lust krepiert
Ja dann, ja meiner Seelen
Geb‘ ich ihm ein paar Euroschecks
Dann kann er sich was kaufen

Das ist ja sogar zu modern für heute: Der Mann bekommt Geld für seine „emotionale Arbeit„.

Für diejenigen, für das alles zu albern war, hier der Kommentar von crumar als Antwort auf Leonie:

Aber Leonie, selbst heute würde z.B. Adrian den Refrain begeistert mitsingen!
Frag ihn ruhig! 😉

Die Zeiten haben sich geändert, Leonie.
Natürlich könnte ich ebenfalls einem Mann die Schuld dafür geben, wenn mein Haushalt nicht ordentlich geführt ist.
Denn ich lebe als Single – so wie über 50% der Haushalte hier in Berlin (weibliche Singles müssten dann allerdings einer Frau die Schuld geben, beinahe unvorstellbar).

Das Lied stammt noch aus der „guten alten Zeit“, in der es solide Paarbindungen in traditionellen Paarbeziehungen gab, die mit einer traditionellen Aufgabenteilung nach Geschlecht zusammen wohnten und einen traditionellen Haushalt bildeten und führten.
Diese Haushalte befinden sich inzwischen in mehreren (deutschen) Großstädten in der Minderheit.

Diese gesellschaftliche Entwicklung hat der Feminismus der zweiten Welle (und nachfolgende) nicht nur verkannt, sondern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, in der die gute alte „Hausarbeit“ ebenso wie die „care-Arbeit“ ausschließlich als weiblich verstanden worden ist, prägt auch die aktuelle feministische Debatte.
Wenn ungebrochen feministischerseits geklagt wird, die „unbezahlte“ care-Arbeit und Hausarbeit sei immer noch weiblich, dann wird m.E. diese „gute alte Zeit“ beschworen.
Man hat fast den Eindruck, die rituelle Klage muss sich der Existenz einer solchen, traditionellen, konservativen Gesellschaft versichern, um überhaupt wirksam zu sein.

Was evtl. daran liegt, dass sich zwar immer mehr Frauen sich an der Erwerbsarbeit beteiligen, das Verhältnis der durchschnittlichen Arbeitszeit nach Geschlecht sich hingegen nicht geändert hat. Durchschnittlich sind es 22 Stunden in der Woche für Frauen und 43 Wochenstunden für Männer und daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren nichts großartig geändert. D.h. die Entwicklung stagniert seit dieser Zeit.

Nun kann man durchaus die Existenz von sehr gut verdienenden Single-Frauen und Männern annehmen, die ihr individuelles Leben mit 22 Stunden Erwerbsarbeit in der Woche bestreiten.
Für die Mehrheit der Männer und Frauen wird dies jedoch nicht zutreffen.
Was allerdings die Frage aufwirft, von was der Durchschnitt der Frauen in Paarbeziehungen lebt, die durchschnittlich 22 Stunden in der Woche arbeiten…
Wenn es in dem Lied heißt, dann „geb ich ihm eine paar Euroschecks, dann kann er sich was kaufen“, ist das löblich.
Nur müsste man fragen: Verfügt der *reale Mann* über das Geld seiner Partnerin oder sind die Schecks nicht sehr wahrscheinlich durch *sein eigenes Geld* gedeckt?

Ich fand und finde an der feministischen Diskussion bezeichnend, dass solche Fragen erst gar nicht erst gestellt worden sind.
Die Einkünfte durch die männliche Erwerbsarbeit werden ebenso fraglos vorausgesetzt, wie auch, dass der Mann seine materiellen Ressourcen (fraglos) zu teilen habe.
Als sei es das selbstverständlichste der Welt, auf diese – durch Männer – erarbeitete Ressourcen einen – quasi biologischen – *Anspruch* zu haben.

Gerecht und emanzipiert wäre es, wenn beide Geschlechter 32,5 Wochenstunden arbeiten und sich Hausarbeit und „care-Arbeit“ 50:50 teilen – dafür stehe ich ein.
Vom Mann jedoch *die Hälfte* der beiden letztgenannten Tätigkeiten zu erwarten und selber nur ein *Drittel* zu den Paar-Einnahmen beizusteuern, hat weder etwas mit Gerechtigkeit, noch mit Emanzipation zu tun.
Sondern es ist die *Fortsetzung* einer traditionellen, konservativen Aufgabenteilung nach Geschlecht, in dem die modernen Ansprüche von Frauen an Männer diesen ZUSÄTZLICH aufgehalst werden.
Bei gleichzeitiger weiblicher Verhaltensstarre, den gleichen Beitrag zu den Paar-Einkünften beizusteuern – siehe Stagnation.

Was wir dem Feminismus – auch der zweiten Welle – vorwerfen ist, dass er nicht nur eine halbierte Form der Emanzipation anstrebt, sondern sich propagandistisch darin ergeht, traditionelle, konservative Verhältnisse, in denen Männer *verbleiben sollen* (irgendwer muss diese Gesellschaft finanzieren) als „modern“ zu *verkaufen*.
Ein Marketing von außen rot, innen traditionell und konservativ.

Ich glaube, die Männerbewegung wird diese versteinerten Verhältnisse sehr, sehr grundlegend zum tanzen zwingen.

Warum ich „Groundhog Day“ so toll finde

Heute ist der 2. Februar – Murmeltiertag! Wer damit nichts anfangen kann, der kennt wohl nicht den Film Groundhog Day („Und täglich grüßt das Murmeltier“) von 1993 – und sollte nicht weiterlesen, um sich nicht die Freude an diesem großartigen Werk der Filmgeschichte zu verderben.

Die Handlung: Phil Connors (Bill Murray) macht die Wettervorhersage für einen kleinen Fernsehsender in Philadelphia. Gemeinsam mit einem Kameramann und der neuen Produzentin Rita (Andie MacDowell) wird er in den kleinen Ort Punxsutawney in Pennsylvania geschickt, um von dort aus über den Murmeltiertag zu berichten. Dies ist eine (tatsächlich existierende!) Tradition, bei der jeden 2. Februar ein Waldmurmeltier nach dem Wetter „befragt“ wird. Sieht es einen Schatten, bedeutet es weitere sechs Wochen Winter. Ansonsten kann man auf einen frühen Frühling hoffen.

Phil fühlt sich zu Höherem berufen als ein weiteres Mal für eine kurze Reportage in die Provinz zu fahren, läßt das bei seinen Kollegen auch durchblicken und erledigt den Job ohne große Begeisterung. Die Rückkehr in die große Stadt verhindert jedoch ein Schneesturm, von dem Phil eigentlich vorhergesagt hatte, dass er an der Gegend vorbeiziehen würde. So müssen die drei gezwungenermaßen noch eine Nacht in Punxsutawney verbringen. Am Morgen wacht Phil auf und stellt mit wachsendem Erstaunen fest, dass sich alle und alles so verhalten wie einen Tag zuvor. Es ist wieder der 2. Februar! Und nach dem nächsten Aufwachen erneut! Er ist in einer Zeitschleife gefangen.

Harold Ramis, der als Regisseur, Autor und Schauspieler (in einer kleinen Rolle als Neurologe) fungierte, liefert hier einen im wahrsten Sinne des Wortes zeitlosen Film ab. Dieser behandelt einerseits ein Science-Fiction-Szenario, andererseits die Frage nach dem Sinn des Lebens und des eigenen Handelns und hat Platz für komische als auch tragische Szenen.

Der Ort ist dabei mehr als nur pittoreske Verzierung, sondern treibt den Verlauf der Geschichte an: Das kleine Nest weitab vom Schuss bietet nur begrenzte Möglichkeiten. In einer Großstadt oder zu Hause würde Phil wohl zig Sachen ausprobieren und wäre nicht so schnell gezwungen, auf die anderen Leute einzugehen.

Es wird dem Film nicht gerecht, ihn auf die Frage „Wie kriegt der Protagonist die Frau rum?“ zu reduzieren. Dabei hat auch dieser Teil des Films einiges Lehrreiches zu bieten. Eine ganze Weile und durch zahlreiche Iterationen immer besser werdend, gelingt es Phil, Rita durch bloßes Anbiedern und Imitieren von Interessen näher zu kommen, aber mit dem Verführen will es nicht klappen.

Nancy, die Frau vom Lande, die sich vom Reporter aus der großen Stadt beeindrucken läßt, ist kein Maßstab dafür, wie er aus seiner einmaligen Situation Vorteile ziehen kann. Selbst das wird Phil schnell langweilig, so dass er immer ausgefallenere Sachen ausprobieren muss.

Daraus resultieren einige ulkigen Situationen. Warum sich benehmen, wenn nichts eine Konsequenz hat? Dagegen stehen die ernsten Momente: Der alte obdachlose Mann, der am Ende des Tages unweigerlich stirbt und den Phil nicht retten kann, egal, was er auch versucht.

Auch die These „Zyniker, der einfach nur geläutert werden musste“ (wie etwa in „Scrooged“ / „Die Geister, die ich rief“, ebenfalls mit Bill Murray in der Hauptrolle) greift als mögliche Lehre des Filmes zu kurz. Es ist gerade kein Rührstück, bei dem andere dem verhärteten Hauptcharakter dessen Fehler aufzeigen, dieser sein Gewissen wiederentdeckt und sofort umschwenkt. Mehrfach begeht Phil Selbstmord, nur um immer wieder morgens in seinem Bett aufzuwachen. Es ist eine Situation, aus der er nicht entfliehen kann. Schließlich beschäftigt er sich mit den Lebensgeschichten der Leute, die er vorher noch als Hinterwäldler abgetan hat, und lernt ihre ganz konkreten Wünsche und Probleme kennen. In Rita findet er jemanden, der nicht nur intellektuell mithält und ihm Kontra gibt, sondern sich in seine Situation hereindenken kann.

Diese ist schließlich immer mehr von der Rolle, weil andere ihr sagen, was Phil für ein toller Kerl ist und wie er ihnen geholfen hat. Dieser hat seinen Verstand und seine Aufmerksamkeit dafür verwendet, um tatsächlich „das Beste aus einem Tag zu machen“, und sich einen immer besseren Ablauf antrainiert, in dessen Verlauf er mehrmals als Lebensretter auftritt und am Ende beim großen Tanz Klavier spielt. Fähigkeiten wie musizieren und Eisskulpturen herstellen hat er jahrelang von Null an gelernt.

Mit dieser triumphalen Version eines ursprünglich ganz normalen Tages, bei dem der Erfolg bei Rita zur Nebensache wird angesichts all der Menschen, die er glücklich gemacht hat und all der Dinge, die er für sich selbst gelernt hat, endet schließlich die Zeitschleife und er erwacht am nächsten Morgen. Auch wenn man an dessen Ende von Wiederholungen genug hat, schreibe ich es gerne noch einmal: Ein großartiges Werk der Filmgeschichte!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Then put your little hand in mine…“ wer damit jahrelang aufwacht und nicht durchdreht, muss etwas Besonderes sein!

Sonny and Cher: I Got You Babe

Warum ich das Klischee „Männer prügeln sich und werden dann Freunde“ nicht glaube

So macht Bloggen Spaß: Auf den gestrigen Beitrag schrieb Bombe 20 einen sehr treffenden Kommentar, der nicht nur zielsicher auf eine Schwachstelle in der besprochenen Popkultur hinweist, sondern ohnehin ein Thema anschneidet, das schon mehrmals vorkam und es verdient hat, besprochen zu werden:

Das hat jetzt nur tangential mit dem eigentlichen Thema zu tun, aber ich frage mich schon ewig:
(…)
Das ist ja mindestens in Film und Fernsehen ein relativ häufig anzutreffender Tropus: Zwei Männer haben irgendeinen Konflikt, der schwelt eine Weile, schließlich prügeln sich die beiden. Nachdem der Kampf beendet ist (filmisch meist durch einen Schnitt oder eine Blende), ist nicht nur der Konflikt aus der Welt, sondern sie sind sich auch emotional näher gekommen/Freunde geworden/ihr zerrüttetes Verhältnis ist wieder gekittet, was häufiger als nicht dadurch symbolisiert wird, daß sie gemeinsam ein Bier trinken.

Wenn ein komödiantischer Effekt erzielt werden soll, kühlen sich beide noch jeweils eine schmerzende Körperstelle, oft mit der Implikation, daß der Kampf keinen klaren Sieger hatte. Mögliche Steigerung ist noch, daß beide von ihren jeweiligen Frauen/Freundinnen verarztet werden, die sich natürlich die ganze Zeit wunderbar verstanden haben und mit denen zusammen wir als Zuschauer kopfschüttelnd auf das dumme, kindische, gewalttätige, eben typisch männliche Verhalten herabschauen.

Nun ist meine männliche Sozialisation ja vielleicht einfach mangelhaft, aber: Ist das wirklich typisch männliches Verhalten? Gibt es das in der Realität überhaupt wirklich? Ich meine, häufiger als Reittiere, die nahe einer Medikamentenverkaufsstelle ihren Mageninhalt hervorwürgen?
Oder schreiben da nur haufenweise Drehbuchautoren voneinander ab, die schlicht keine Ahnung haben, wie sie männliches Sozialverhalten zuschauer- und laufzeitkompatibel darstellen sollen?

Ich meine, das Hinterfragen dieses Klischees schon mehrfach in dieser Blogblase gelesen zu haben, etwa von LoMi in einem Kommentar (war es bei Alles Evolution?) – und es ist längst überfällig, das einmal in einem eigenen Artikel festzuhalten. In der Popkultur findet man das tatsächlich, etwa bei so unterschiedlichen Filmen wie Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle (1972) mit Bud Spencer und Terence Hill und They Live (1988) von John Carpenter. Mit der Realität hat das aber nichts tun, im Gegenteil. Neben der Ignoranz, wie Männer wirklich ticken, enthält dieses Klischee mindestens zwei gefährliche Botschaften:

1. Verharmlosung von Gewalt: Solche Szenen legen Deutungen nahe wie
„Es ist nicht so schlimm, sie sind ja offenbar Freunde.“
„Das hat ihnen mal ganz gut getan. Jetzt sind sie wieder friedlich.“

2. Verkennen, was Gewalt für Männer bedeutet: Deutungsmöglichkeiten hier
übliche harmlose Freizeitbeschäftigung, wenn sie untereinander ausgetragen wird
hat offenbar keine bleibenden Spuren, eher eine männliche Form von Sozialleben

Mich würde ebenfalls interessieren, ob irgendeiner der Leser ein solches Verhalten tatsächlich aus dem wirklichen Leben kennt. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ halte ich für keine treffende Beschreibung typischen männlichen Verhaltens.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da ich den Film schon erwähnt habe, darf das bekannte Lied auch nicht fehlen…

Oliver Onions: Flying Through The Air

Fundstück: Ahoi Polloi über Beschimpfungen, Hate Speech und den postheroischen Mann

Da waren doch noch ein paar schöne Beiträge aus dem Jahr 2016 von Ahoi Polloi. Ich hoffe, es geht 2017 in diesem Sinne weiter!

  1. Sexist vs. Lügnerin
  2. hate speech (vgl. diesen Klassiker von xkcd)
  3. der postheroische Mann

bisherige Erwähnungen von Ahoi Polloi:

  1. über Nazis, freie Meinungsäußerung und immer wieder Nazis
  2. Ausreden, Fake News und Rassismus
  3. prägnante Wahlanalyse
  4. Donald Trump, Politik und Medien
  5. Genderidentität, politisch korrekte Sprache und das Rederecht bei den Grünen
  6. Sexismus
  7. Modernität bei Arbeit, Gesellschaft und Moby Dick
  8. kulturelle Aneignung, rape culture und sexistische Werbung
  9. gegen mansplaining und Mikroaggressionen und für die Wahrheit
  10. das neue Sexualstrafrecht und die Unschuldsvermutung
  11. dreimal zu „hate speech“
  12. eine ganze Sammlung
  13. zu Sprache

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wenigstens gibt es zum Thema „Lügner“ auch ordentliche Lieder. Diesmal Meta-Popkultur inklusive – hatte sich Youtube nicht mit der GEMA geeinigt oder war das auch eine Lüge, was die Konsequenzen angeht?

Beyoncé, Shakira – Beautiful Liar

Fundstück: Gewalttätiges Game, gewalttätiger Graswurzelfeminismus

Spoiler: Artikel befasst sich mit „Rom“ und Game of Thrones, 6. Staffel

Christian fragt auf Alles Evolution, ob Markus Antonius in einer bestimmten Szene der Serie „Rom“ ein Alpha-Mann ist. Ehrlich gesagt kann ich das überhaupt nicht nachvollziehen. Die Szene ist eben so geschrieben, dass niemand Markus Antonius etwas entgegnen kann. Dass der besonnene Einzelgänger im Vergleich zu einer Gruppe unsicherer Leute cool wirkt, erfordert keine besondere Strahlkraft des Charakters.

Am Ende ermordet er noch irgendeinen Typen im Hintergrund. (Das mag in einer blutrünstigen Serie seinen Grund haben; allein aus dem Kontext des Videos wird nicht klar, warum.) Also, wenn das „Game haben“ sein soll, ist das die schlechteste Werbung für Pickup, die ich mir vorstellen kann. 🙂

Es tut Popkultur nicht gut, wenn man darin auf Biegen und Brechen irgendwelche gesellschaftspolitischen Standpunkte unterbringen möchte oder ihre Bewertung im wesentlichen auf Übereinstimmung mit diesen beschränkt. Ein solches Aufladen hat schon im Fall von Star Wars: The Force Awakens und zuvor bei Mad Max weder dem jeweiligen Film noch der Debatte geholfen.

Ich musste bei dem Rom-Beispiel im Gegenzug an einen Spruch über die „Game of Thrones“-Folge „Book of the Stranger“ denken, der es bei Dorkly kurz nach Erstausstrahlung in die Sammlung der lustigsten Tweets über die Episode geschafft hat:

„Daenerys out here getting some kind of grassroots Dothraki feminist education“

Was geschieht in der Folge? Daenerys ermordet eine ganze Gruppe von Männern. Das wird als Graswurzelfeminismus gefeiert? (Da die Figur der Daenerys allgemein positiv dargestellt wird in einer Serie mit wenigen eindeutig guten Charakteren, gehe ich davon aus, dass auch diese Tat positiv beurteilt wird.) Das finde ich doch sehr verstörend.

Zum einen ist die Handlung sowohl in der Perspektive der Welt, die erzählt wird als auch aus der Erzählung heraus nicht zu verurteilen. Zum anderen wird Gewalt gegen Männer bewusst als Feminismus, und zwar jener „von unten“, bejubelt. Diese Vermischung der Ebenen, die letzten Endes zu einer Akzeptanz der Tat auf beiden führt, beunruhigt mich. Interessant auch, dass ein untheoretischer Mein-Feminismus-Feminismus, der ansonsten gegenüber dem „ideologischen“, „radikalen“ oder „Staatsfeminismus“ als „unschuldig“ abgegrenzt wird, hier wie selbstverständlich in die Gewalt abgleiten kann.

Nun kann man sagen: Komm, eine Person macht einen dummen Spruch auf Twitter, Sack Reis in China und so. Andererseits: Diese Dummheit wird als besonders lustig weiterverbreitet. Dafür braucht es mindestens zwei – sowie die Erwartung, dass es ein dankbares Publikum für solche Äußerungen gibt.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Derselbe Text wie in der Serie, aber eine andere Melodie, weil das Lied vorher entstand…

Karliene: The Rains of Castamere