Fundstück: Ungarische Videos geben Frauen die Schuld an Vergewaltigungen

Es sind vier verstörende Videos, selbst wenn man ihren genauen Kontext nicht kennt und nicht alle Aussagen versteht. Weil ich in den deutschsprachigen Nachrichten und Blogs nichts dazu gefunden habe, braucht es etwas Anlauf, um alles zu erklären.

Kontext dieses Artikels

Ich habe ja bereits mehrfach über den Mythos Gender Pay Gap gebloggt. Das hält mich nicht davon ab, Fälle zu nennen, in denen diese allgemein falsche Behauptung („Frauen bekommen – unter exakt denselben Umständen – weniger Lohn als Männer“, evtl. ergänzt durch „das ist Absicht vom Patriarchat / den Männern“) tatsächlich einmal zutrifft, wie bei Birkenstock oder dem Politiker Janusz Korwin-Mikke. Das ist nicht nur redlich. Es ist wichtig, gegen den Automatismus anzukämpfen, solche Fakten, die nicht ins Weltbild passen, kleinzureden oder zu ignorieren. Gerade die empörenden Reaktionen auf die beiden Fälle passen wieder sehr gut in mein Weltbild, das dadurch insgesamt nicht ins Wanken gerät, sondern facettenreicher wird.

Exkurs: die Rape Culture

Neben der allgemeinen Verschwörungstheorie des Patriarchats („alle Männer haben sich gegen alle Frauen verbündet“) und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit für einen „Geschlechterkrieg“ sowie dem erwähnten Gender Pay Gap ist einer der beliebtesten Mythen der einer „rape culture“. Die Idee einer „Vergewaltigungskultur“ klingt für mich absurd – wie können Vergewaltigungen mit Kultur verbunden werden?

Tatsächlich sind es bei näherem Hinsehen sogar drei verschiedene Theorien, die einzig gemeinsam haben, dass Frauen allgemein unterdrückt werden:

„Vergewaltigungen werden akzeptiert.“ Das werden die meisten Menschen im Großteil der Welt abstreiten. In der westlichen Hemisphäre wird dann der argumentative Hebel angesetzt, dass die Definition, was eine Vergewaltigung sei, zu eng angesetzt sei und dadurch Vergewaltigungen offiziell akzeptabel gemacht würden. Dagegen helfe nur eine „consent culture„. Diese schlägt in der Praxis aber ins Gegenteil um und zeichnet sich dadurch aus, dass praktisch kein Geschlechtsverkehr vom Verdacht der Vergewaltigung frei ist und es auch keine praktikable Möglichkeit des Zustimmung gibt, um diesen Universalverdacht zu vermeiden.

„Vergewaltigungen werden nicht strafrechtlich verfolgt.“ In diesem Szenario sind Vergewaltigungen zwar offiziell geächtet, jedoch werden die Täter geschützt. Die Vergewaltigungszahlen werden heruntergespielt. Hierbei wird vom einzig sichtbaren, aber falschen Ende her argumentiert, nämlich wie viele Verdächtigte tatsächlich verurteilt werden. Das sagt aber nichts über die Qualität von Polizei und Justiz aus (deren Statistiken zudem auch untereinander nicht miteinander vergleichbar sind). Das Außerkraftsetzen eines der wichtigsten rechtsstaatlichen Grundsätze, die Unschuldsvermutung, hat hierbei in radikalfeministischer Propaganda eine unheilige Tradition.

„Es wird eine Vergewaltigungsangst erzeugt, damit die Frauen nicht aufbegehren.“ Hier sind Vergewaltigungen ebenfalls ein Verbrechen, aber die Wahrscheinlichkeit, Opfer dieses Verbrechens zu werden, wird künstlich aufgebauscht. Mit diesem Szenario läßt sich leicht erklären, warum sich nicht mehr Frauen wehren – sie sind ja vor lauter Angst nicht dazu in der Lage. Durch die stets drohende Gefahr werden Frauen davon abgehalten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Für den Fall, dass jemand an die offiziell niedrigen Fallzahlen erinnert, gibt es die Ausweichmöglichkeit auf zahlreiche andere Handlungen, die zwar nicht vor dem Gesetz eine Vergewaltigung sind, aber eben Teil „dieser Kultur“. Durch den rhetorischen Kniff von „Mikroaggressionen“ kann alles zur Vergewaltigungskultur beitragen. Ein einzelner Regentropfen ist auch eine Mikroüberschwemmung.

Die drei Definitonen widersprechen sich untereinander. Das macht aber bei Verschwörungstheorien nichts aus.

Die gängigen Fragen, um dem entgegenzutreten: Wer würde von einer „rape culture“ profitieren? Hat die Mehrheit der Männer etwas davon? Ist der „Nutzen“, Verbrechen begehen zu können, allgemein höher als der Nutzen, dass man selbst und der eigene Bekanntenkreis voraussichtlich nicht Opfer eines Verbrechens werden? Ist der Nutzen, angstfrei leben zu können, nicht höher als der Nutzen, andere zu beherrschen? Einen Sinn hat das nur unter dem Gesichtspunkt, dass tatsächlich ein Geschlechterkrieg herrscht, also alle Männer gegen alle Frauen sind.

Eine allgemein falsche Theorie kann trotzdem unter sehr eingeschränkten Bedingungen zutreffen. Es gibt Fälle, in denen Vergewaltigungen verharmlost oder verdeckt werden: Sport, Gefängnisse und Militär. Diese Szenazien haben folgende Gemeinsamkeiten, die auf die menschliche Gesellschaft insgesamt nicht zutreffen:

  1. strenge Hierarchien und Befehlsstrukturen
  2. starke Betonung von Stärke und Härte mit dem Ziel, „Dinge auszuhalten“
  3. Unterdrückung von Empathie für Menschen außerhalb der eigenen Gruppe
  4. hohes Stressniveau, wenig Empathie = die Basis vieler Verbrechen

Allgemein gilt eine Vergewaltigung als eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt. Bereits die Anschuldigung ist so schwerwiegend, dass selbst im Falle einer Falschbeschuldigung, die später herauskommt, der angebliche Täter sozial vernichtet ist. Skrupellose Menschen benutzen dies, um sich unliebsame Personen vom Hals zu schaffen oder sich an ihnen zu rächen.

der Kern der Sache: die ungarischen Videos

Ich wollte schon darüber bloggen, seit ich sie Ende 2014 zum ersten Mal gesehen habe, aber es hat sich nie der rechte Anlass gefunden und sie benötigen (wie man hier sieht) aus meiner Sicht doch einiges an Vorgeplänkel.

Zunächst einmal die Videos selbst. Ich finde nur noch eines bei Youtube, erinnere mich aber daran, dass ich mindestens zwei damals bei einem Kanal namens „Police Hungary“ gefunden haben. Dass es der offizielle Kanal der ungarischen Polizei war, kann ich jetzt allerdings weder beweisen noch widerlegen, da die Videos unter den ursprünglichen URLs inzwischen privat sind.

Der lange Clip (bei einem anderen Konto):

Eine Quelle für alle drei kurzen Videos:
http://indavideo.hu/video/Selfie_Spot_1
http://indavideo.hu/video/Selfie_Spot_2
http://indavideo.hu/video/Selfie_Spot_3

Artikel dazu:

  1. The Guardian: Hungarian police accused of victim-blaming in safety video
  2. Tudod mit üzen neked a rendőrség, ha egy buli után megerőszakolnak? „Tehetsz róla“
  3. Itt vannak a rendőrség új, buliellenes spotjai

Dem Guardian traue ich generell nicht so einfach über den Weg, wenn es um solche Themen geht. Die dort geschilderten Informationen nehme ich daher nicht ohne weiteres für bare Münze (verweise aber gerne darauf – es soll sich jeder selbst eine Meinung bilden).

Nun werden die wenigsten Ungarisch verstehen. Der verwendete Slogan „Tehetsz róla, tehetsz ellene!“ bedeutet in etwa soviel wie „Deine Schuld, mach etwas dagegen!“. Bei dem Spruch alleine wird einem schon unwohl. Er klingt so, als würde hier den Opfern von Straftaten selbst die Schuld in die Schuhe geschoben. Doch schauen wir uns einmal die Spots genauer an:

Nr. 1 (0:54 Minuten):
Drei junge Frauen werfen sich in Schale und scheinen bereits vorzuglühen. Irritierend sind die Seifenblasen – stellen sich die Filmemacher so „die Jugend von heute“ vor? Oder soll das andeuten, dass sie doch „so jung“ und „beinahe noch Kinder“ sind?

Dann kommen Posen, in denen die drei flirtende Blicke und Gesten in die Kamera machen. Ich fühlte mich jedenfalls angesprochen, wenn mir so eine Dame in der realen Welt begegnen würde. Aber was hat das mit der beabsichtigten Botschaft zu tun?

Jetzt zeigt man erneut, wie die Freundinnen zu Hause Selfies machen und dann – schon sichtlich angetrunken – erst losgehen (bzw. -wanken). Eine dreht sich an der Tür noch ein letztes Mal um und sieht eine weitere Freundin mit zerrissenen Klamotten und verwischter Schminke.

Am Ende kommt noch eine kurze Ansprache, die mit dem erwähnten Slogan endet. Immerhin wird hier für Gehörlose noch Gebärdensprache verwendet. Dass es sich bei der Übersetzerin Fanni Weisz um eine „Aktivistin für Chancengleichheit“ handeln soll, irritiert mich erneut. Sie muss doch wissen, was sie da mitteilt.

Nr. 2 (0:46 Minuten):
Die drei Freundinnen kommen sichtlich angeheitert im Club an, bestellen aber direkt noch einmal sechs Kurze. Es werden aber drei Runden, wie man an den leeren Gläsern sieht. Dann schmeißt man sich ins Getümmel auf der Tanzfläche. Seltsam hierbei, dass erst jetzt die Jacken abgelegt werden – die gibt man doch normalerweise an der Garderobe ab. Ein wenig Disco-Gezappel, dann erscheint mitten unter den Feiernden wieder die vierte Freundin wie gehabt. Erneut eine Ansprache (mit Gebärdensprache) und der Slogan.

Nr. 3 (0:48 Minuten):
Weiter auf der Tanzfläche, es wird geflirtet, man zieht den Männern schon einmal das Hemd aus, küsst und begrabbelt sich gegenseitig. Am Tisch zeigen leere Flaschen und Gläser, dass man noch ordentlich nachgetankt hat.

Dann verlassen alle gleichzeitig den Laden, der allerdings von außen überhaupt nicht wie eine Disco aussieht. Einer der Typen fällt direkt auf den Boden. Normalerweise disqualifiziert ihn das als Partner für einen heißen Flirt bzw. eine Fortsetzung zu zweit. Nun bleibt eine der Frauen alleine zurück, was mir unverständlich bleibt, da es doch vorher auch drei Männer waren. Wieso gehen außerdem die Freundinnen zu zweit in eine Richtung, einer der Männer alleine und der andere in eine andere Richtung davon? Was ist denn aus dem Flirten geworden?

Und was ist das überhaupt für ein Laden, der keinen Türsteher hat? Die sind nach eigener Erfahrung auch in Ungarn üblich!

Jetzt sieht man einen Mann an einer Mauer stehen. Schon an der hochgezogenen Kapuze vom Pulli und der Zigarette erkennt man: Das muss ein Böser sein! Auch die zittrige Hand, der unruhige Fuß und die unheimliche Musik lassen keinen Zweifel zu. Er eilt fort.

Die alleingelassene Frau reißt die Augen Richtung Kamera auf. In der nächsten Einstellungen sieht man die vierte Freundin aus den ersten zwei Spots auf der Erde sitzen, offenbar vergewaltigt. Auch hier wie gehabt eine Ansprache (mit Gebärdensprache) und der Slogan.

Der lange Clip (3:41):
Das ist quasi die Langfassung mit einigen weiteren Szenen.

Die drei Freundinnen rennen zuerst noch mit Straßenklamotten in die Wohnung, dabei laut kichernd. Hier frage ich mich allen Ernstes, in welchem Jahrhundert die Filmemacher zuletzt eine junge Frau gesehen haben.

Dann wird Musik angemacht, der Alkohol ausgepackt und das Aufbrezeln beginnt (es folgt wie gehabt die Handlung von Clip 1). Die lasziven, einladenden Gesten Richtung Kamera haben hier noch weniger Sinn. Tests vor dem Spiegel, wie man wirkt, können es nicht sein – denn welche Frau übt schon „Flirten mit dönerähnlichem Gegenstand in der Hand“? In der Realität machen die Freundinnen danach ein Selfie.

Bevor der Teil von Clip 2 einsetzt, sieht man den Club etwas besser: Es sieht weniger nach einer professionellen Disco als nach einem Jugendheim oder einem privaten, wenn auch ziemlich großen Partykeller aus. Auch jetzt gibt es weitere Szenen: Die drei Freundinnen machen sich gleich unbeliebt, indem sie Leute von der Bar wegschubsen. Beim Saufen ernten sie einen abfälligen Blick einer Frau von der Seite. Bereits an der Theke checken sie die ersten Typen ab, die sind aber alle doof. Nun kommt der Inhalt von Clip 3, ebenfalls ergänzt. Am Tisch wird scheinbar sogar noch der Restalkohol vom Tisch abgewischt. Also wenn jemand allen Ernstes so breit ist, klappt auch mit dem anderen Geschlecht nichts mehr! Der entsetzte Blick der Frau ist deutlich länger. Wie es sich in einem professionellen Horrorfilm gehören würde, läuft sie nicht weg – schreit allerdings auch nicht, was einer Karriere als Horrorfilmnebendarstellerin deutliche Grenzen setzen würde. Das Vergewaltigungsopfer wird ebenfalls länger gezeigt.

Am Ende wird offenbar noch den Geldgebern gedankt, wobei es tatsächlich nach der ungarischen Polizei aussieht. Der Abspann des Films unterstreicht jedenfalls, dass dieser Film professionell produziert wurde und ernst gemeint ist.

Bewertung

Ich muss gestehen, dass ich diese Videos auch beim erneuten Betrachten nicht anders ertragen konnte, als sie launisch zu beschreiben und zu kommentieren. Es sind einfach so viele Klischees über junge Leute, insbesondere Frauen versammelt, dass es schon weh tut. Der Film könnte auch von Verfechtern der Prohibition stammen, da der starke Alkoholkonsum besonders negativ dargestellt wird.

Wie es zur Vergewaltigung kommt, ist völlig unrealistisch, da direkt vor einem Club üblicherweise Security steht. Außerdem ist der im Dunkeln lauernde Täter ja gerade nicht der Normalfall – hier wurde also besonders tief in die Klischeeschublade gegriffen. Realistischer – so traurig es auch ist – wäre gewesen, wenn einer der Flirtpartner mehr von der Dame gewollt hätte, als diese bereit gewesen wäre mitzumachen. Wie man jedoch – auch nach intensivem Feiern – Freunde direkt vor der Tür verlieren kann, bleibt mir völlig schleierhaft. Im Zweifelsfall ruft man ein Taxi, wenn jemand partout nicht mehr kann.

Das Erscheinen der vierten Freundin mit den Opfermalen, die quasi wie ein Geist die anderen warnen soll, während diese sich noch „sündhaft“ dem Alkohol und den Männern hingeben, erinnert mich eher an religiöse Fanatiker. Neben den realitätsfremden Szenen (Kichern, Seifenblasen, Jacke nicht sofort ausziehen usw.) könnte man als nordwesteuropäischer Zuschauer große Teile des Feierns als „normalen Partyspaß von jungen Erwachsenen“ einordnen, ohne dass einem irgendetwas besonders negativ auffällt. „Klar, ein wenig heftig, aber so muss ein Wochenende eben sein“ wäre auch eine Zusammenfassung der reinen Feierszenen, die ich mir vorstellen könnte.

Der Slogan, welcher Vergewaltigungsopfern die Schuld gibt an dem, was ihnen passiert ist, wird durch das Gezeigte unterstrichen. Die jungen Frauen werden als verantwortungslos dargestellt, wie sie sich kleiden und aufführen, das Verbrechen als „fast schon absehbar“. Hier wird suggeriert, wenn Frauen sich so anziehen würden, seien sie selbst Schuld, wenn ihnen etwas zustoße.

die Reaktionen

Eine solche Videoserie, von der Polizei produziert, halte ich in West- und Nordeuropa nicht für möglich. Selbst in Ungarn, wo es politisch so aussieht, dass man sich freuen muss, wenn die Rechtspopulisten gewinnen, weil dann nicht die Neonazipartei an die Macht kommt, ließen die Proteste nicht auf sich warten.

Berichterstattung bei 7/24 (hu): „A nőket hibáztatja a rendőrség az erőszak miatt“
(„Die Polizei gibt den Frauen die Schuld an (sexueller) Gewalt“)

Judit Wirth, Nők a Nőkért Együtt az Erőszak Ellen (in etwa: Verein „Frauen für Frauen, gemeinsam gegen Gewalt“): Die Videos zeichneten ein schlechtes Bild sowohl von Frauen als auch von Männern. Als ob sich Männer beim Anblick von Frauen nicht mehr beherrschen könnten.

Berichterstattung bei Euronews (hu) über den Slutwalk in Budapest
Slutwalk: „a szexuális erőszakról nem az áldozat tehet“
(„An sexueller Gewalt sind nicht die Opfer Schuld“)

Berichterstattung über die Demonstration bei der HVG (liberales Wochenblatt)
„Nem a rendőrségi videó a fő probléma“
(„Nicht die Polizei-Videos sind das Hauptproblem“)

Dennoch zeigt sich hier das Gefälle zwischen Nord/Süd und West/Ost in Europa. Ich hatte bereits über konservative Geschlechterverhältnisse in Süd- und Osteuropa geschrieben:

Gerade die Süd- und Osteuropäerinnen loben Nord- und Westeuropa dafür, insgesamt einen fortschrittlicheren Umgang mit Frauen zu haben.
(…)
Das bedeutet nicht, dass hier und jetzt alles perfekt wäre.
(…)
Die positiven Urteile etwa über Deutschland von Frauen aus Süd/Osteuropa passen aber überhaupt nicht ins Weltbild von Anne Wizorek.
(…)
Die Welt als „überall ist es gleich schrecklich“ oder „es ist so schlimm wie immer“ zu beschreiben, verdeckt den Blick auf die Unterschiede und das Erreichte. Vor allem ist es deswegen demotivierend, weil man offensichtlich durch eigenes Verhalten nichts erreichen kann.

Das entspricht auch hier meiner Deutung: Solche ungeheuerlichen Videos kann man nur in bestimmten Teilen Europas drehen, sie sorgen jedoch auch im jeweiligen Land für Proteste. Es würde die Gleichberechtigung in Europa zumindest voranbringen, die Unterscheide zwischen den verschiedenen Ländern aufzuzeigen und auf das bereits anderswo Erreichte zu verweisen (das einen ja noch lange nicht zufriedenstellen muss).

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Nach diesen schauerlichen Videos wenigstens ein wenig Reggae aus Ungarn…

Ladánybene 27: Emelj fel

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Fundstück: Fehler der Polizei als Test für das eigene Handeln

Gestern hatte ich bereits einige typische Wahrnehmungsfehler erwähnt, die auch mir immer wieder passiert: Geschriebene Texte wirken unfreundlicher als sie gemeint sind und ich stelle mir die Autoren auch entsprechend in Rage vor. Dazu kommt das „Tunnellesen“ – ich blende unpassende Fakten aus und nehme vor allem die wahr, die meine bisherige Ansicht sowohl von der Sache als auch der Person stützen.

Das hat mich auf die Idee gebracht, noch ein Fundstück herauszusuchen, das mir immer wieder ein Aha-Erlebnis beschert. In Alternativlos, Folge 6 machten Fefe und Frank Rieger eine „Sondersendung zu den Themen Polizei (Einsätze, Taktik, Ausrüstung, wie man sich geschickt verhält) und Netzneutralität.“

Sie kommen unter anderem zu sprechen auf die Polizeidienstvorschrift, genauer die PDV 100, welche geheim ist. Zwischen 43:27-50:03 geht es um die Fragen: Warum eskalieren Einsätze von Seiten der Polizei unabsichtlich? Was sind die gängigen Fehler, die Koordinatoren eines Polizeigroßeinsatzes machen? Die Antworten sind den Kommentaren zur PDV, also dem Lehrmaterial, zu entnehmen. Und diese sind für die Öffentlichkeit erhältlich.

Die für mich augenöffnende Aussage, an die ich mich noch Jahre später erinnern konnte: Einer der häufigsten Irrtümer besteht darin, dem Gegner koordiniertes Handeln zu unterstellen.

Es gibt direkt darauf noch zwei weitere Erkenntnisse. Fehler Nummer zwei: Unklare Lage, die Zahl der gewaltbereiten Gegner wird durch die Meldekette immer größer. Problem Nr. 3: die Kultur in den geschlossenen, kasernierten Hundertschaften – die halten zusammen und bilden verschworene Gruppe mit Korpsgeist.

Ich gehe die drei Punkte im umgekehrer Reihenfolge durch. Der letztgenannte läßt sich ja recht einfach auf Blogblasen und sonstige Gemeinschaften übertragen. Je mehr Abgrenzung und je weniger Kontakt mit dem Rest der Welt, desto eher kann die Stimmung in Richtung „wie sind rein und gut, die anderen sind falsch und böse“ kippen. Das ist dann natürlich nicht förderlich, um Fehler und Vergehen von Leuten aus den eigenen Reihen mit der angemessenen Härte zu veurteilen und umgekehrt anzuerkennen, wenn jemand von den „Gegnern“ etwas richtig gemacht hat, etwa durch einen sinnvollen Vorschlag.

Der mittlere Punkt wird natürlich dadurch verstärkt: Wenn die Leute kaum noch eine gemeinsame Bezugsbasis etwa in Form von Nachrichten haben, wird es entsprechend schwer, selbst unter verständigen Menschen überhaupt noch eine Schnittmenge der Realität zu finden. Wenn dann ein Gerücht über eine Gruppe von skrupellosen Gegnern aufkommt, die sich sammelt, und es als besonders verwerflich gilt, eine Gefahr kleingeredet zu haben, gibt jeder das Gefühl wie eine Nachricht weiter und verstärkt es dadurch. So kann praktisch aus dem Nichts eine Atmosphäre der unmittelbaren Bedrohung aufkommen. So als ob die Orks vor Minas Tirith stehen.

Aber die größte Erleuchtung ist und bleibt, zu erkennen, dass man irrtümlicherweise annimmt, dass die Gegnern in der Debatte alle miteinander verbündet sind. Kein Wunder, wenn man sonst zu Verschwörungstheorien neigt, man scheint es ja von allen möglichen Seiten zu bekommen. Dabei lassen sich mit ein wenig Willen sehr leicht Gruppen unterscheiden, die zwar einen großen, allgemeinen ideologischen Gegner haben, sich selbst in ihrer Weltanschauung jedoch auch alles andere als grün sind.

Vor einem Monat etwa war der Konflikt Radikalfeministinnen gegen intersektionale Feministinnen recht deutlich zu erkennen. Ich begrüße es, dass ich diese Unterscheidung feministischer Gruppen in Hinblick auf ihr unterschiedliches Weltbild immer häufiger lese – es scheint sich langsam eingeübt zu haben.

Der größte Gewinn für einen selbst besteht dann darin, dass man recht gut vorhersehen kann, wie die jeweiligen Gruppen auf aktuelle Ereignisse reagieren. Es ist keineswegs zufällig oder wechselhaft; die Reaktionen sind immer so, dass die Deutung und Wertung mit dem eigenen Wertesystem zusammenpasst. Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird die scheinbar wirre Welt ein Stück erklärbarer, ohne dass man eine Verschwörung finsterer Mächte dafür braucht, so dass die Erklärung keine Angst macht. Es ist im Gegenteil befreiend, etwas zu verstehen.

Oder man nehme umgekehrt einige Gruppen, die zwar als Mainstream-Feindbild taugen, sich aber untereinander keineswegs wohlgesonnen sein müssen: PUA und MGTOW grenzen sich gerne voneinander ab. Und kein entsorgter Vater oder Maskulist muss automatisch mit einer der beiden etwas zu tun haben. Ich halte es außerdem für eine Internet-Großstadtlegende, dass sich so häufig wie berichtet Leute „gezielt in Foren verabreden“, um dann massenhaft unter Artikeln negativ zu kommentieren o.ä. – es gibt nur eine viel besser Erzählung her, dass es so passiert sei, weil man als Vertreter der Meinung des ursprünglichen Artikels die starke Ablehnung als „verabredet, also aufgebauscht“ abtun kann. Dass bei entsprechender Reichweite tatsächlich viele Leute von Video A oder Twitterkonto B zu Artikel C finden – geschenkt.

Dass sich nicht alle Gegner in einer Auseinandersetzung gegen einen verschworen haben und man sich selbst um einige wichtige Erkenntnisse bringt, wenn man das annimmt, das war die Lehre, die ich aus dem Podcast gezogen habe.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da es eingangs um die Polizei ging…

The Police: Bring On The Night

Kurznachrichten vom 30.06.2016

1: Bei Open Petition gibt es eine aktuelle Petition für die Einführung des Wechselmodells bei der Kindererziehung nach der Trennung. Mag sein, dass das in unserer Blogblase schon früher verlinkt wurde, aber ich bin eben erst drauf gestoßen und es kann ja nicht schaden, noch einmal darauf hinzuweisen.

2: Im Fall Gina-Lisa Lohfink melden sich noch einmal Juristen mit fundierten Beiträgen zu Wort. Zum einen Thomas Stadler auf seinem Blog Internet-Law, zum anderen legt Thomas Fischer in seiner Kolumne bei der Zeit noch einmal nach. Währenddessen hat sich auf Twitter ein Gegen-Hashtag zu #TeamGinaLisa gebildet: #TeamRechtsstaat.

3: In Freiburg gibt es ebenfalls einen dieser vielen „Einzelfälle“ von Falschbeschuldigung, die es feministischen Erzählungen zufolge gar nicht gibt, und wenn doch, dann hat eine Frau nur aufgrund unausweichlicher Bedrängnis so gehandelt. Im Gegensatz zu Frau Lohfink kommt die Täterin mit 800 Euro Geldstrafe davon.

Eine Freiheitsstrafe hielt das Gericht für nicht erforderlich.

Nö, warum auch, wenn man mit so einem Vorwurf nur seinen Ex auf Jahre unschuldig hinter Gitter bringen kann, mindestens jedoch seinen Ruf zerstört. Das Sorgerecht über das gemeinsame Kind bleibt selbstverständlich geteilt. Charakterliche Defizite bei der Mutter waren dem Gericht wohl nicht erkennbar.

4: Auf der Achse des Guten beschäftigt sich Karim Dabbouz mit der ach so großen Gefährlichkeit der weißen heterosexuellen Männer und nimmt damit den Artikel „Männer, seid weniger bedrohlich!“ von

Die Gefährlichkeit eines Menschen an der Hautfarbe festzumachen, wie Mark Heywinkel es tut, ist lupenreiner Rassismus. So einen echten Rassismus habe ich wirklich lange nicht mehr gesehen, selbst bei der AfD nicht. […] Irgendwann werden sich die Politkorrekten trotzdem entscheiden müssen, ob sie rassistisch argumentieren und soziale Phänomene an den Genen festmachen, wenn es gerade ins Weltbild passt (der böse weiße Mann), oder ob sie Gewalt, Sexismus und andere Unfeinheiten im Miteinander konsequent mit sozialer Prägung erklären. Dann dürfen sie sich auch ruhig einmal anschauen, was die Gemeinsamkeit zwischen der Kultur von Fußballprollos und Menschen mit einer aus westlicher Sicht rückwärtsgewandten Islamauslegung sind.

5: Die Polizei Schleswig-Holstein richtet auf Druck der Piraten Safe Spaces für Polizeianwärterinnen ein. Ähm, nun ja, nicht ganz, das war schon der vorweggenommene Teil der Wertung. Der Sachverhalt: Es köchelt schon seit längerem ein kleines Skandälchen über „rassistische“ und „sexistische“ Äußerungen an der Polizeischule Eutin von PolizeianwärterInnen gegenüber KollegInnen vor sich hin, was dazu geführt hat, dass die DelinquentInnen nun nicht zusammen mit ihrem Ausbildungsjahrgang in einem feierlichen Akt zu Beamten auf Probe ernannt werden. Unklar ist, ob es dabei nur um den feierlichen Akt geht oder die Ernennung komplett entfällt. Das geht nicht aus dem Artikel hervor. Außerdem soll „die charakterliche Eignung der Anwärter erneut geprüft“ werden. Offensichtlich wollte das Innenministerium die Angelegenheit deutlich niedriger hängen, hat sich aber von den Piraten damit den Vorwurf der Vertuschung eingehandelt.

Meiner Ansicht nach hätte da ein deutlicher Rüffel völlig ausgereicht. Selbstverständlich sollten sich zukünftige Polizisten zu benehmen wissen. Allerdings sollte man auch das Alter der Polizeischüler in Rechnung stellen, das irgendwo zwischen 17 und 20 liegen dürfte. Aber vor allem: Was soll das werden? Generation Snowflake goes police? Wie darf ich mir das denn vorstellen, wenn diese Persönchen auf die Straße geschickt werden, wo sie wahrscheinlich noch weit derberes zu hören kriegen? Wo es angesichts des Situation evtl. erforderlich ist, das runter zu schlucken und auf die Feststellung der Personalien zum Zwecke der Verfolgung einer Beamtenbeleidigung zu verzichten, um eine Eskalation zu vermeiden? Was wird das erst, wenn sie mal tätlich angegriffen werden? Mal ehrlich: Von einem Polizisten und auch von einer Polizistin erwarte ich einfach, dass sie heikle Situationen auch mal alleine regeln können, ohne in Mamis Schoß zu flüchten. Sprich: Wenn da wer nichts bei der Polizei verloren hat, dann hat man da vielleicht die falschen erwischt.

Da muss man sich dann nicht mehr wundern, woher das kommt, wenn sich manchmal Migranten über die zahnlose deutsche Polizei lustig machen. Auch wenn das jetzt so klingt: Ich bin beileibe kein harter Hund. Aber gerade weil ich das nicht bin, erwarte ich das von meiner Polizei, die in der Lage sein sollte, mich zu schützen.

6: Dass Frauen überall die Schwächeren und zu schützen sind, ist auch der Tenor eines Artikels über Touristinnen in Ägypten, die dort ja nur ein bisschen Liebe suchen und von einheimischen Loverboys schändlichst ausgenutzt und übers Ohr gehauen werden. Männern, die nach Thailand fahren, wird solches Verständnis eher selten zuteil. Die Kommentare unter dem Artikel zeigen erstaunlicherweise wenig Mitleid. Das kann sicher nur an internalisiertem patriarchalischen Denken liegen.

7: Jesus and Mo bringen es mal wieder auf den Punkt: