Fundstück: Die Realität blubbert hervor – bei Fefe

Fefe veröffentlichte kürzlich einige äußerst erhellende Leserbriefe zum Thema Politik und gesellschaftliche Lage in Deutschland. Also, wenn das mal eine Tageszeitung so abdrucken würde, dann würde ich ernsthaft über ein Abo nachdenken!

Die beiden ersten Leserbriefe sollte man sich wirklich komplett gönnen. Da fällt es mir schon schwer, überhaupt einen Ausschnitt zu zitieren.

Von einem ehemaligen links/grün-Wähler:

Ich habe ein Problem mit der Tochter meiner Nachbarin: Die ist Bäckereiverkäuferin und kommt trotz achtstundenjob mit dem lächerlich wenigen Geld nicht über die Runden. Ich habe ein Problem mit Millionen Arbeitern, denen es genauso geht, weil seit Jahren die Reallöhne gekürzt werden, während die soziale und die monetäre Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Bildung und Prekariat immer weiter aufgeht. Ich habe ein Problem mit einer verlogenen und unfähigen Regierung, die die Digitalisierung komplett verschläft und sich von der Wirtschaft immer mehr kaufen lässt.

Aus dem schönen Bayern, wo es angeblich allen so gut geht:

Eltern haben vorher gespart und sich in Schulden gestürzt, das Haus zahlt sich mit Zinsen und Wachstum und Spekulation von selbst ab. Bei den Kindern geht das nicht mehr.

Eltern verstehen das nicht – für sie hat das doch auch funktioniert. Kinder stehen als Versager da, einser Abschluß und trotzdem nur Praktika bis 35.

Mich wundert die Wut nicht. Ich hab das jetzt ein paar Mal gesehen, im Keller bei Nachbars wohnt der Sohn, der war seit 6-7 Jahren bei Licht nicht mehr draussen. Hikikomori gibt es auch bei uns, im angebl. super-duper Boom-Oberbayern, im Landkreis mit den wenigsten Arbeitslosen.
(…)
Ich kann die Denkzettelwahl verstehen – es ist der einzige Freiheitsgrad, der einem (noch! – wie lange?) gelassen wird, weil Demos sind seit den unsanktionierten rausgekärcherten Augen ja auch diskreditiert!

(Gemeint ist Dietrich Wagner, der Rentner auf der Anti-Stuttgart-21-Demo, dem die Augen ausgeschossen wurden. Ganz gruselige Bilder, hat mich davon überzeugt, nicht mehr auf Demonstrationen zu gehen.)

Im Grunde wird da auf fast schon unheimliche Weise bestätigt, was ich sowieso schon vor Monaten geschrieben und fleißig zitiert habe:

Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren.

Die wirtschaftliche Lage und das „von der Politik vergessen worden sein“ treibt die einfachen Leute in die Arme der Rechtspopulisten.

Im Zuge der US-Wahlen gab es ja einige erstaunlich ehrliche Äußerungen von oben:

Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Da sagt jemand vom politischen Establishment:

  1. Uns ist gar nicht bewusst, dass es den Leuten so mies geht.
  2. Wir rechnen nicht damit, dass solche Leute konsequent genug sind, um wählen zu gehen und entsprechend zu wählen.

Wieso ist die politische und wirtschaftliche Lage ein Geschlechterthema? Den Zusammenhang habe ich erst kürzlich erklärt im Artikel „Sinkende Einkommen bei Männern führen zu weniger, bei Frauen zu mehr Ehen„.

Interessant ist, dass in den Mainstreammedien und der öffentlichen Debatte Ursache und Wirkung falsch dargestellt werden: Das Feindbild weißer Mann sorgt für die Erklärung, „die bösen weißen heterosexuellen Männer (WHM)“ seien die Macht hinter dem früheren Establishment – und hätten sich wieder verschworen und würden jetzt „zurückschlagen“ in der Form der Rechtspopulisten. Dabei sind es gerade die Männer ohne höhere Ausbildung, die von wirtschaftlich kargen Zeiten besonders getroffen werden, also gerade nicht von der Politik der letzten Jahrzehnte profitiert haben. Die Rechtspopulisten bzw. alles, was unter dieser Klammer so verortet wird, sind nicht besonders geliebt – sondern werden mangels Alternative in Betracht gezogen, weil sonst ja niemand mehr auch nur vorgibt, sich zu interessieren.

Fefe hat übrigens eine Alternative zu „AfD wählen“ anzubieten: Kleinstparteien wählen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Radikal, aber positiv… und auch mit der Botschaft, dass man ernten wird, was man sät…

New Radicals: You Get What You Give

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Warum ich die „arme Merkel“ für Angela, die Alternativlose halte

Die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz darf über eine Sache nicht hinwegtäuschen: Angela Merkel wird die Wahl so oder so gewinnen.

Außerhalb der SPD sehe ich niemanden, der überhaupt die Möglichkeit für realistisch hält, die SPD könne stärker werden als die Union. Selbst innerhalb der SPD scheint man sich ja mit der Rolle des Juniorpartners abgefunden zu haben, der hoffentlich nicht noch weiter ausblutet und immerhin die Hälfte seiner Vorhaben schafft: An der Macht bleiben – dafür gehen dann die eigenen großen Vorhaben flöten zugunsten von konservativer Politik und symbolpolitischen Placebos.

Es spielt daher erstaunlicherweise keine Rolle, dass man die CDU 2017 nicht wählen kann: Die anderen schrecken noch mehr Wähler ab oder gelten als unwählbar. Dass Angela Merkel erneut zur Wahl antritt, kann eigentlich niemanden vom Hocker hauen. Aber so ein einschlummernder Wahlkampf ohne irgendeine Aussage ist genau das Rezept, mit dem sie an der Macht geblieben ist: Asymmetrische Demobilisierung, also alle so einschläfern, dass von der Gegenseite noch mehr zu Hause bleiben.

Die AfD ist auch deswegen so stark, weil sie mit ihrer Methode der maximalen Provokation diese Einlullmethode durchbricht. Interessanterweise wird Angela Merkel bedauert, als Opfer gesehen, sie habe es so schwer – das sagt man allen Ernstes einer der mächtigsten Frauen der Welt nach (jaja, Friede Springer und Liz Mohn werden als mächtiger angesehen, ohne dass sie irgendein offizielles politisches Amt bekleiden müssen).

Dabei war Angela Merkel bisher erstaunlich erfolgreich, wenn man sie am Kriterium des Machterhaltes bemisst: Sie hat alle ihrer möglichen Konkurrenten in der eigenen Partei weggebissen, weggelobt oder ausgesessen. Programmatisch blieb nichts an ihr haften, das Prinzip Teflon hat sie sehr gut von Helmut Kohl gelernt. Wie es Volker Pispers schön dargestellt hat: Obwohl die Leute über die CDU oder Regierung schimpften, erfreute sich Angela Merkel anhaltender Beliebtheit, so als habe sie mit dem, was geschehe, nichts zu tun. Als ob die Leute tatsächlich raunen würden „wenn das die Merkel wüsste…“!

Dass sich erst nach über zehn Jahren, am Ende der dritten Legislaturperiode, überhaupt zum ersten Mal Risse im Bild zeigen, ist eine erstaunliche Leistung. Das erste Mal so richtig aufgeschmissen habe ich sie erst im Juli 2015 in Erinnerung – der Fernsehauftritt mit dem hübschen Flüchtlingsmädchen, das bald abgeschoben werden würde und in Tränen ausbrach.

Obwohl in vielen Ländern ein Erstarken des Rechtspopulismus gesehen wird, hat er in Deutschland derzeit keine Chance auf eine Regierungsbeteiligung: An Angela Merkel wird auch 2017 kein Weg vorbeiführen. Sie ist tatsächlich alternativlos.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Gut, das Lied liegt auf der Hand…

J.B.O.: Angie

Warum ich nicht das Ende der Welt befürchte

Große Ereignisse erzeugen eine erstaunliche Reaktion: Praktisch jeder kann das Ergebnis als Beweis für das ansehen, was er schon immer geglaubt hat.

Mit diesem Wissen gerüstet hoffe ich, nicht selbst in diese gedankliche Falle zu tappen. Außerdem ist ein wenig Bescheidenheit angesagt, um gar nicht erst dem Wahn zu erlegen, ich selbst hätte den Durchblick und könne in einem Blogeintrag die Welt erklären.

Statt reiner Kritik möchte ich in jedem Abschnitt etwas erwähnen, das positiv, optimistisch oder konstruktiv ist. Denn wenn die Welt oder alle anderen Leute blöd wären, dann würde es mir auch nichts mehr helfen, Rants zu verfassen (emotionale Befriedigung kann ich woanders leichter bekommen).

die Fakten

In den USA wurde ein neuer Präsident gewählt. In demokratischen Wahlen.

Wer darob die Welt nicht mehr versteht, dem seien zwei Blogs empfohlen, die ich vor Jahren entdeckt habe und die mich zu einem deutlich entspannteren, glücklicheren Menschen gemacht haben:

USA Erklärt – Der faktische Hintergrund, freundlich erklärt“ von Scot W. Stevenson, den ich hier im Blog schon zweimal zitiert habe.

Stevenson ist Amerikaner, wohnt seit seiner Kindheit in Deutschland und arbeitet für Reuters. Bezeichnenderweise stellte er gerade bei seinen Pressekollegen fest, dass es mit dem Verständnis der USA, also ganz schlicht wie da die Dinge laufen und was wichtig ist, nicht weit her ist.

Und was macht der Mann? Schreibt das einfach in einem Blog zusammen. Problem -> Lösung.

German Joys“ von Andrew Hammel, auf Englisch und wie ich gestehen muss, habe ich eine Zeit nicht mehr reingeschaut (nachdem ich so entspannt und glücklich geworden war).

Hammel ist ebenfalls Amerikaner und arbeitet seit vielen Jahren in Deutschland. Er genießt offensichtlich das Leben in Deutschland und genauso fröhlich-positiv kommt er bei mir rüber.

Stevenson und Hammel haben gemeinsam, dass sie beide Länder und Kulturen kennen, dass sie zu beiden ein positives Verhältnis haben und dass sie auf freundliche Weise ihr Wissen und ihre Meinung gerne teilen. Das prädestiniert sie zu Botschaftern in dieser Angelegenheit.

Zwei Beispiele, die heilsame Kulturschocks auslösen können:

  1. In den USA ist man vor dem Präsidenten am sichersten.
  2. eine direkt vor der Wahl veröffentlichte Einschätzung: Egal, wer gewinnt, in der Regierungspolitik wird sich nicht viel ändern.

Framing, Filter, Narrativ

Seid jetzt mal sehr aufmerksam. In chaotischen Zeiten, wenn sich das Narrativ noch nicht geeinigt hat, kriegt man lauter hochinteressante Einsichten darin, wie die Leute wirklich denken.

(Fefe, 09.11.2016)

Fakten alleine sind aber nie eine für Menschen ausreichende Realität. Es geht immer um eine Interpretation der Wirklichkeit, die – zumindest in weiten Teilen der jeweiligen Gemeinschaft – als Konsens durchgeht. Diese offizielle Lesart des Geschehenen ist dann die Wahrheit™.

Alle neuen Eindrücke werden auf ihre Kompatibilität zur bisherigen Wahrheit überprüft. Sind sie damit unvereinbar, werden sie einfach herausgefiltert, also ignoriert, als falsch oder unwichtig abgetan und vor allem – nicht weiterverbreitet. Bei Gemeinschaften mit anderen Interpretationen der Realität erkennt man diese Filter sehr schnell; erstaunlicherweise ist man für die eigenen entsprechend blind. Das Gerede von der eigenen Blog- oder Filterblase, welches ich ebenfalls gerne verwende, beinhaltet ja genau den gesunden Restzweifel, dass das, was jeweils „allgemein akzeptiert“ erscheint, eine vollständige, angemessene Abbildung der Realität darstellt.

Die selektive Wahrnehmung, Verbreitung und Interpretation von Fakten dient dazu, die bisherige Erzählung von der Welt, wie sie wirklich ist, solange wie möglich aufrechtzuerhalten. Erst wenn die Widersprüche so groß werden, dass das bisherige Narrativ nicht mehr zu halten ist, bricht alles zusammen und die Filterblase platzt.

Dann stehen die Leute völlig verwirrt da und versuchen sich schleunigst auf eine neue Wahrheit zu einigen. Denn große Unterschiede oder Unsicherheit vertragen Menschen dabei trotz allem Individualismus nicht.

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen war für viele Menschen offenbar nicht vereinbar mit ihrer bisherigen Realität. Die große Chance besteht darin, zu erkennen, was an dem bisherigen Narrativ falsch war und welche Filter und Framingtechniken angewandt wurden, um wichtige Informationen auszublenden. Die turbulente Zeit ist also die beste Einladung dazu, seinen eigenen Blick auf die Wirklichkeit zu erweitern.

(Die schlauen Ideen daraus stammen natürlich nicht von mir. Als eine ausführlichere Quelle für den tieferen Einstieg empfehle ich etwa den Vortrag „Die Wahrheit und was wirklich passierte„.)

Thesen, die es zu bezweifeln gilt

Wenn das bisherige Weltbild ins Wanken gerät, ist es wichtig, nicht sofort die dargebotenen einfachen Erklärungen anzunehmen, die einen irgendwie wieder einlullen würden. Ich empfehle sogar, sich stets zu fragen, ob denn nicht genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Drei Botschaften, mit denen in diesen Tagen gerne hausieren gegangen wird:

„Es ist alles ganz schrecklich!“
„Das gab es noch nie!“
„Die USA sind verrückt!“

Zur ersten These: Die meisten Menschen auf dieser Welt haben bei der Vergabe des wohl mächtigsten politischen Amtes der Welt kein Wahlrecht und müssen damit leben. Es wäre dumm, seine ganze Hoffnung auf ein singuläres Ereignis zu richten – sehr gut dargestellt übrigens bei South Park 2008. Sein Wohl und Wehe von unbeeinflussbaren Faktoren abhängig zu machen ist eine klassische Anleitung zum Unglücklichsein, zu Passivität.

Stadtmensch-Chronicles urteilt unter der Überschrift „Ernüchternd„:

Ich halte die Frage, ob denn nun alles in den USA schlimmer wird, für irrelevant. Man kann diese Frage nämlich wunderbar an der Karriere seines Vorgängers studieren. Der hatte mit extrem viel Pathos den »Change« als sein pesönliches [sic!], präsidiales Marketingkonzept hochgehalten, doch von diesem Elan ist am Ende nicht nur nichts übrig geblieben, sondern es wurde unter Obama – vor allem in weltpolitischer Hinsicht – vieles unerträglicher.

Barack Obama hat es in acht Jahren nicht geschafft, Guantanamo Bay zu schließen. Dazu kommen die zahlreichen Drohnenmorde. Menschen wie Edward Snowden und Chelsea Manning, die auf Missstände aufmerksam machten, werden verfolgt und verurteilt statt begnadigt. Das Ausspähen „befreundeter“ Länder ist daneben nur eine Kleinigkeit.

Die große Veränderung zum Guten, die mit seiner Wahl verbunden wurde, sie ist ausgeblieben. Immerhin wissen wir jetzt mit Sicherheit, dass es auch ein schwarzer Präsident nicht besser macht.

Wurde der Ausgang der Wahl 2008 so behandelt, als sei der Messias gekommen, so tut man 2016 spiegelbildlich so, als sei der Leibhaftige da. (Und dann lästert man über religiöse Amerikaner ab…)

Dabei ist es doch so: „Also, dieser Präsident ist ganz schlimm!“ konnte man genauso gut über Ronald Reagan sagen. Und selbst der wurde schließlich noch gelobt im Vergleich zu George W. Bush. In der öffentlichen Berichterstattung war man sich 2004 über den Ausgang der Wahl sicher: „Das kann doch gar nicht passieren, dass der wiedergewählt wird.“ So kann man sich irren – eine beachtliche Parallele. Selbst zwei Amtszeiten des letzten ganz schlimmen Präsidenten hat die Welt am Ende überlebt.

Das bringt uns zur zweiten These: Was ist hier neu? Dass irgendwo Leute an die Macht kommen, die als eklig, erzkonservativ oder populistisch gelten? Silvio Berlusconi, Viktor Orbán, Prawo i Sprawiedliwość (PiS) – alles europäische Fälle. In Deutschland hat man Pegida und die AfD, aber neu sind selbst die nicht: Schließlich gab es am Anfang des Jahrtausends „Richter Gnadenlos“ Ronald Barnabas Schill in Hamburg.

Dass Amerika ein geteiltes Land ist? Das war es doch schon lange. Den Gegensatz zwischen Stadt und Land konnte man seit Jahren auf jeder Wahlkarte sehen, insbesondere auf denen, die zwischen einzelnen Wahlbezirken unterschieden.

Bevor das jetzt als Beleg für die „ganz schrecklich“-These angenommen wird: Ein gespaltenes Land alleine ist noch nicht schlimm. Das war die Ukraine auch. Erst, als dort der demokratische gewählte Präsident weggeputscht wurde und ausländische Mächte kräftig mitmischten, ging alles den Bach runter. Ein Bürgerkrieg, der ist schrecklich – das wissen die Amerikaner selbst übrigens aus eigener Erfahrung, denn das war für sie auch ihr schlimmster Krieg.

Womit wir bei der dritten These wären. Die Liste der aufgezählten europäischen Politiker und Parteien legen es schon nahe: Es gibt keinen Grund zu Häme oder Überlegenheitsgefühlen.

Wer sich über das „seltsame“ Wahlrecht aufregt, der sei an das negative Stimmgewicht in Deutschland erinnert, welches bewirkte, dass eine Stimme für eine Partei diese einen Sitz kosten konnte. Auch bei der EU-Verfassung hat man sich nicht mit Ruhm bekleckert: In Deutschland wurden die Leute erst gar nicht gefragt. Als in einigen anderen EU-Gründungsländern die Verfassung prompt abgelehnt wurde, war man völlig ratlos. Man hatte anscheinend vergessen, die Wähler von dem zu überzeugen, was man beschließen wollte. Ist das denn demokratischer oder weniger führungslos?

Ja, gibt es denn wirklich etwas, was bei diesem Wahlausgang neu war? Zwei Dinge fallen mir ein:

Die Medien haben praktisch unisono gegen Trump geholzt. (…) Die kombinierte Macht der Medien ist komplett verpufft.
(…)
Die andere Lektion aus diesem Wahlkampf ist, dass Schmutz Werfen keine siegreiche Strategie ist. Das ist wichtig, weil das unsere aktuelle Strategie gegen die AfD ist. Wenn das für Hillary gegen Trump nicht gereicht hat, wird es auch hier gegen die AfD nicht reichen.

(Fefe, 09.11.2016)

Die Massenmedien liefern keine glaubwürdige Abbildung der Realität mehr

Das Narrativ, das durch die Mainstreammedien sowohl hüben als auch drüben geisterte, hatte mit dem eines Großteils der Bevölkerung nichts mehr zu tun. Das sollte zumindest kommerzielle Medien beunruhigen, denn wenn ich an breiten Konsumentenschichten vorbei veröffentliche, habe ich irgendwann niemanden mehr, der mich finanziert.

Wie konnte es soweit kommen? In Deutschland, das ja wie erwähnt sowieso seine Probleme mit einem nüchternen Blick auf die USA hat, gab es eine peinliche, verzerrte Berichterstattung über die Kandidaten. Man lese im Gegenzug zwei erklärende Artikel der Nachdenkseiten:

US-Vorwahlen: Wer ist hier der Radikale? Donald Trump? (1/2)
US-Vorwahlen: Wer ist hier der Radikale? Bernie Sanders? (2/2)

Nicht zum ersten Mal war mein erster Gedanke am Tag nach der Wahl: „Endlich ist der US-Wahlkampf vorbei! Ich kann’s nicht mehr hören.“

Die Kandidaten wurden präsentiert, als bringen sie die Erlösung oder seien der Teufel persönlich. Der Nachteil einer emotionalisierten Berichterstattung: Die Leute stumpfen ab oder schalten ab. (Übrigens wird die Emotionalisierung des Wahlkampfes Amerika immer vorgeworfen, wie heuchlerisch!)

Einerseits selbst über Clickbait fleißig zu emotionalisieren und zu vereinfachen, sich aber andererseits über Wutbürger oder wütende weiße Männer mit einfachem Weltbild aufzuregen, dass passt nicht zusammen. Stattdessen gehen auch einfache Fakten unter wie die, dass in den USA Personen und nicht Parteien gewählt werden, dass aufgrund des Mehrheitswahlrechtes die Wahlbeteiligung natürlich niedriger ist , weil es (im Gegensatz zu einer Verhältniswahl) auf die einzelne Stimme nicht ankommt und dass daraus auch folgt, dass es vollkommen schnurz ist, wer in der Summe die meisten Stimmen hatte.

Die Medien, auch die in den USA, haben in einem Punkt sicher den Bezug zur Realität verloren: Eine Zweiteilung der Welt in „gut“ und „böse“ ist unpassend, wenn man mit der „bösen“ Hälfte irgendwie weiterleben muss.

Die Aufladung des Wahlkampfes mit Feminismus, dem Geschlecht des weiblichen Kandidaten und gar der Rede vom „Krieg gegen Frauen“, das war der Versuch einer moralischen Geiselhaft. („Frauen, die lieber für Bernie Sanders statt für Hillary Clinton stimmen, wollen sich nur bei den Männern einschleimen und kommen in die Hölle!“)
Diese Taktik konnte irgendwann nicht mehr funktionieren, allein dass das Ende so früh kommen würde, war erstaunlich.

Die Vorwürfe an die Gegenseite hingegen waren nur noch stumpf, weil sie alle schon einmal dagewesen und gegen alles und jeden verwendet worden waren: Donald Trump soll ein Sexist sein? Na und? Das waren doch Matt Taylor und Tim Hunt auch. Inzwischen wissen wir doch: Alles ist sexistisch.

Und egal, was für böse und schlimme Dinge Donald Trump gesagt oder gesagt haben mag: Aus einem ganz anderen Kontext „wissen“ wir doch schon längst, dass Wladimir Putin „der Teufel“ ist. Es gibt eben keine Differenzierung mehr, da braucht man als Konsument gar nichts mehr für bare Münze zu nehmen.

Die Eliten gegen „den weißen Mann“ und die Debatte

Ich möchte hier einige bemerkenswerte Analysen und Reaktionen zitieren. Zunächst die Massenmedien:

Andrew B. Denison: Trumps Ergebnis stellt Gesetze der Politik auf den Kopf

[Donald Trump] hat Wähler mobilisiert, die keiner erwartet hätte.
(…)
Wir haben erwartet, dass Donald Trump zwar bei seinen Anhängern punktet, aber dass er andere Wählerschaften vertreiben würde, zum Beispiel Frauen und Menschen mit Universitätsabschluss. Aber das ist nicht passiert.
(…)
Die Umfragen lagen daneben, weil sie die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung bei ungebildeten Wählern, die vorher nie gewählt haben, nicht richtig einschätzen konnten.

Jörg Schönenborn: Trump: Für die Überraschung gibt es Gründe

Donald Trump hat vor allem im mittleren Westen, aber auch in anderen Bundesstaaten sehr viel stärker bei Männern ohne College-Abschluss gepunktet als erwartet und von den Demoskopen bei ihren Berechnungen unterstellt.
(…)
Umgekehrt leben in den klassischen Industriestaaten im mittleren Westen (…) besonders viele weiße Wähler ohne College-Abschluss, meist Arbeiter, die entweder ihren langjährigen Arbeitsplatz verloren haben oder bei weitem nicht mehr so gut bezahlt werden wie früher. Die Wahltagsbefragung zeigt, dass Trump in dieser Gruppe einen so hohen Vorsprung hat, wie seit über 30 Jahren bei keiner Wahl beobachtet.

Das Debakel der Wahlforscher: „Die Kristallkugel hat einen Sprung“

Eine Erklärung für die falschen Vorhersagen: Bei den Befragung gaben die Wähler nicht ihre wirkliche Meinung preis. Sozialforscher sprechen in solchen Fällen vom Phänomen der „sozialen Erwünschtheit“. Um Ablehnung zu vermeiden, antworten Befragte nicht wahrheitsgetreu.
(…)
Offenbar unterschätzt worden sei die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, aber diesmal ihre Stimme abgaben.
(…)
Larry Sabato: „Die Beteiligung der Weißen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen.“
(…)
Aber in den Vorhersagen zu den potentiellen Wählern sei schlichtweg die Beteiligung der weißen ländlichen Gebiete unterschätzt worden.

Es sollte als Menetekel gelten, wenn der verachtete politische Gegner massenweise Nichtwähler an die Urnen bringt. Die Klage über ungebildete Wähler, Unterschicht usw. ist nichts anderes als die Verachtung der Eliten gegenüber dem einfachen Volk. Aber was war denn die Demokratie neuzeitlicher Prägung, wenn nicht die Herrschaft des Volkes gegenüber der bisherigen Herrschaft der Eliten?

Klarer fällt die Analyse bei den „alternativen Medien“ aus. So etwa die Nachdenkseiten:

Präsident Trump – wir sind Zeugen einer Zeitenwende

Na klar, als linker, liberaler Intellektueller kann man einem Wahlsieg Donald Trumps erst einmal wenig abgewinnen. Der Sieg ist jedoch, so weh dies bei der Analyse tut, folgerichtig.
(…)
Die Wahl war auch eine Rache am politischen System, dem man nicht mehr zutraut, die Interessen der Mehrheit zu vertreten.

In dieem Beitrag sind auch Teile des folgenden älteren Artikels enthalten (vom 02. März 2016 – hier wird allerdings noch ein Wahlsieg Trumps ausgeschlossen):

Trump ist die Antwort auf die politischen Fehler der Vergangenheit und Gegenwart

Trump ist keine These. Er ist eine Antithese; die Reaktion auf eine politische Entwicklung, die von einem großen Teil der Bevölkerung als Fehlentwicklung angesehen wird. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und die Mittelschicht rutscht Stück für Stück nach unten ab? Produktive Jobs wandern mehr und mehr in Niedriglohnländer ab? Die Macht der Banken und großen Konzerne nimmt von Tag zu Tag zu? Die Politik schert sich nur noch um das eine Prozent ganz oben und hat die restlichen 99 Prozent aus dem Blick verloren? All dies sind Fragen, die man bei kritischer Analyse bejahen muss. All dies sind jedoch auch Fragen, auf die die traditionelle Politik keine Antworten liefert. Mehr noch: All dies sind Probleme, die von der traditionellen Politik direkt und indirekt verursacht wurden. Wen aber wählen, wenn die traditionelle Politik nicht die Antwort, sondern das Problem darstellt?

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, in der die Mehrheit des Volkes die Entscheidungen trifft – so zumindest in der Theorie. In der Praxis wird Politik jedoch all zu oft von einer kleinen Minderheit für eine kleine Minderheit gemacht. (…) Welcher Politiker wagt es denn, den weißen Mann ohne Hochschulabschluss direkt anzusprechen?
(…)
Jahre-, wenn nicht gar jahrzehntelang wurde eine Politik gegen die wenig schillernde Mehrheit der Bevölkerung gemacht und die Medien taten ihr Bestes, um mit Brot, Spielen und Meinungsmache den immer größeren Spalt zu überbrücken. Dass dies nicht endlos klappt, sollte jedem klar sein. Ernsthafte Angebote von der politischen Linken wurden ausgeschlagen. Nun hat die politische Rechte die Deutungshoheit über den Stammtischen und das Establishment ist schockiert. Selbst schuld!

Hier wird erfreulicherweise auch eine Lösung vorgeschlagen:

Die einzige Methode, radikale Populisten zu verhindern, ist es, ihnen den Boden zu entziehen. Also selbst moderat populistisch zu sein und eine Politik zu verfolgen, die nicht nur den Interessen der Eliten und Institutionen dient, sondern im wahrsten Sinne des Wortes demokratisch ist, also die Bevölkerungsmehrheit im Fokus hat, ohne gleichzeitig die Minderheiten zu ignorieren. Eine solche Politik, wie sie ja auch der demokratische Außenseiter Bernie Sanders propagiert, wäre natürlich möglich, wird aber erstaunlicherweise von den Eliten und Institutionen abgelehnt.

Die Nachdenkseiten haben auch kein Problem, gute Artikel der Massenmedien zu würdigen. Man beachte bei den Hinweisen des Tages etwa 5 d und e!

Der Blogger Fefe hat in seinen Analysen eine ähnliche Klarheit – und ausnahmsweise einen erstaunlichen Optimismus:

Fefe, 09.11.2016:

Mit Trump als Präsidenten werden wir auch Hillarys Gender- und Hatespeech-Vorstöße nicht kriegen. (…) Ich vermute, dass gerade eine Menge der Progressiven merken, dass ihre Echokammer, in der sie sich die ganze Zeit gegenseitig bestätigen, wie Recht sie haben, nicht die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegelt. Die Leute, die sich immer so offensichtlich auf der Seite des Guten verortet haben mit ihren Gender-Sprachvorschriften und mit ihren Safe Spaces und ihren Antirassismus-Geschichten. Und das ist eine überfällige Erkenntnis. Mal schauen, ob sie etwas bewirken wird.

Fefe, 09.11.2016:

Es gibt nämlich Grund zum Optimismus.

Erstens hat Trump ausreichend viele Investitionen in anderen Ländern, dass die Wahrscheinlichkeit für Kriege bei ihm geringer ist. Zweitens ist er ein lupenreiner Populist. Das wird gerne als Schimpfwort für Politiker benutzt, aber das ist ein absurder Vorwurf. Populismus ist der Job eines Politikers. Und Populismus ist mir lieber als so Triebtäter wie die Leute im polnischen Parlament, die aus Überzeugung die Abtreibung verbieten wollten. Populismus ist vorhersagbar. Ich denke mal, auch die Russen und Chinesen werden verhalten optimistisch sein, weil sie Trump als Geschäftsmann einschätzen, mit dem man Verhandeln kann.

Auch hat Hillary im Wahlkampf gezeigt, dass sie vor schmutzigen Tricks nicht zurückschreckt, was ich persönlich eher abschreckend fand. Trump ist ein Widerling und ein Arschloch, aber ein berechenbarer Widerling und ein vorhersagbares Arschloch. Viele Leute fanden das offenbar wichtiger.

Fefe, 10.11.2016:

Falls das jetzt so aussieht, als freue ich mich über Trump und blende aus, was für fiese Rassisten unter seinen Anhänger sind: Nein.
(…)
Dennoch. Seht die neuen Chancen, nicht die vertanen Gelegenheiten. Konzentriert euch darauf, was man jetzt tun kann, nicht was bereits geschehen ist. Die Zukunft ist, was wir aus ihr machen.

Fefe, 10.11.2016:

Also das hat ja fast ein religiöses Erweckungsmoment gerade, wie die ganzen Leute in ihren geplatzten Filterblasen mit Kopfschmerzen aufwachen und zum ersten Mal seit Jahren ein paar unbequeme Aspekte der Realität wahrnehmen. Wie sie der Reihe nach merken: Ja, es gibt da noch andere Leute, die meine offensichtlichen Wahrheiten nicht für offensichtlich wahr halten. Ja, wir müssen Leuten mit anderer Meinung zuhören, denn wenn wir einfach so tun, als gäbe es sie nicht, dann wählen sie einen Trump zum Präsidenten.
(…)
Für mich stellt sich gerade das Gefühl ein, dass der Trump-Wahlsieg vielleicht sogar unter dem Strich eine positive Sache sein kann, wenn es bei so vielen Menschen zu so profunden Einsichten führt.
(…)
Einen Moment der Hoffnung gibt es noch, den ich bisher nicht angesprochen habe. Nur Nixon konnte nach China gehen. (…) Nur ein Trump kann die GOP reformieren. Ob er es auch tut? Wir werden sehen. Vielleicht nicht. Aber Trump hat vor seine Präsidentschaftskandidatur sehr progressive Werte vertreten, „links von Bernie Sanders“ formulierte MSNBC letztes Jahr. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Trump ein progressives U-Boot ist, und jetzt die Republikaner in die Neuzeit holt. An dieser Stelle sei noch der Hinweis erlaubt, dass es nicht die Democrats waren, die die Sklaverei abgeschafft haben. Die Republikaner haben sich ursprünglich konstituiert, um die Sklaverei loszuwerden, und es waren auch die Republikaner, die es am Ende getan haben. Damals waren die Republikaner die Progressiven.

Update: Trump ist auch der einzige weit und breit, der mal den Militär- und Geheimdienstapparat zusammenkürzen könnte. Die Kompromatkoffer sind alle schon im Wahlkampf ausgespielt worden, aus der Richtung muss der also wenig Angst haben. Und wenn man da eine Kosten-Nutzen-Rechnung ansetzt, wie ich von Trump mal erwarten würde, dann sieht das ganz düster aus. Kein Wunder, dass die gerade Arsch auf Grundeis haben.

Fefe, 10.11.2016:

Ich habe hier ja schon häufiger die Warnung ausgesprochen, dass Filterblasen und Blocken und Wegzensieren von Nazis und „besorgten Bürgern“ das Problem eher noch schlimmer macht, weil wir dann auch gar nicht mehr sehen können, wie groß das Problem eigentlich inzwischen geworden ist. Und weil solche Leute sich dann in Parallelgesellschaften organisieren, und man gar nicht mehr an die rankommt, und alle moderierenden Einflüsse weg sind.
(…)
Und was hat niemand getan? Mit denen mal das Gespräch gesucht!

Und das war das eine, was man hätte tun können, um dieses Pulverfass zu entschärfen.

Da stecken eine Menge guter Ideen drin. Die Demokratie „von oben“, in der man durch Ausschließen statt Überzeugen gewinnt, mit Alternativlosigkeit statt Debatten, ist diesmal endlich einmal gescheitert.

Was helfen würde: Freiheit in der Debatte, die andere Seite hören. Political Correctness hingegen nutzt den herrschenden Eliten.

Und wer wirklich eine Gefahr von Extremisten wittert: Anstatt alle zwangsweise unter einer Fahne zu vereinen, wären Vielseitigkeit und Offenheit angesagt.

Wer ohne Rücksicht auf Verluste seine Agenda fährt, muss sich auch nicht wundern, wenn im Falle eines Siegs der Gegenseite dasselbe in umgekehrte Richtung geschieht. Es gab ja nichts zu gewinnen für „Konvertiten“, das wurde alles auf moralischem Anspruch gegründet. Im Gegenteil, es wurde als notwendiges Nullsummenspiel verkauft.

Was jetzt als „Rollback“ angekündigt wird, wäre kein Bruch, sondern eine Kontinuität, denn das gezeigte Verhalten war: Man kann andere Leute beliebig als Unperson verumglimpfen und ausschließen, solange man an der Macht ist. Die Lektion lautet daher, an die Macht zu kommen. Dialog, Verständigung, Kompromiss wurden ja stets ausgeschlagen. Das Pendel schlägt so gesehen „nur“ in die andere Richtung:

Fefe, 16.10.2015:

Ich mache mir ja bei sowas nicht nur Sorgen, dass die Männer hier unter Generalverdacht gestellt werden. Ich mache mir auch echt Sorgen um die nächste Generation Frauen. Diese Art von sozialer Veränderung kommt häufig als Pendel. Das Pendel schwingt dann zu weit und dann schwingt es massiv zurück. Je weiter wir es jetzt überdrehen, desto krasser wird der Backlash. In 20 Jahren wird man dann als Mann moralisch fast alles verteidigen können, indem man zurück verweist auf was die Gender-Idologie den Männern in diesen Tagen alles brutal reingedrückt hat.

Und das ist genauso schade, wie es bei Fefe anklingt. Gerade die Demokraten müssen sich die Leviten lesen lassen:

Fefe, 09.11.2016:

Wenn jemand mehr als alles andere Schuld am Sieg von Trump hat, dann der DNC. Von Anfang an hatte Bernie Sanders einen stärkeren Vorsprung vor Trump als Hillary in den Umfragen. Aber der hat Positionen vertreten, die die korrupten Partei-Funktionäre im DNC nicht hören wollten, und da haben sie mit undemokratischen Mitteln lieber Hillary zur Kandidatin getrickst.

Die Nachdenkseiten vermeldeten inzwischen, dass Bernie Sanders Trump Hilfe anbietet:

Der demokratische Senator aus Vermont stellte mit Blick auf den Wahlkampf fest, dass Trump offenbar den Nerv der unzufriedenen Mittelklasse getroffen habe, die sich in einer Abwärtsbewegung befinde. Diese sehr breite Schicht sei ernüchtert von den etablierten Politikern und Medien.

(Original: Sanders Statement on Trump)

Das Problem der Demokraten ist das Problem vieler „traditionell linker“ Parteien. Wie etwa Lucas Schoppe es ausdrückte:

„Rechts und links“ geraten heute ja tatsächlich in Verwirrung. Eine Politik, die sich als links versteht, ist mehr und mehr eine Politik einer weitgehend abgegrenzten, auf sich selbst bezogenen, sozial und ökonomisch privilegierten Schicht – während das Dazwischenreden von Menschen aus weniger privilegierten Schichten als rechts präsentiert wird. Ist es manchmal natürlich auch, in der Hetze gegen Flüchtlinge ist das ja nicht zu übersehen.

Es lohnt sich trotzdem, darauf zu achten, wie dieses „Rechte“ dann sonst noch beschrieben wird: als trollig, als ungeschlacht, wütend, primitiv, ungebildet, undifferenziert, vorurteilsbehaftet, unaufgeklärt, eben pöbelhaft. Die Rechts-Links-Zuordnung wird benutzt und instrumentalisiert für eine klassische Abgrenzung distinguierter Schichten gegen den Pöbel.

Oder wie ich es in einem Fundstück über die junge Linke zitierte: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“.

Aber ich möchte den langen Artikel mit einer positiven Note beenden. Via Nachdenkseiten gefunden: Harald Neuber: Warum Trumps Sieg eine Chance für die Linke ist … die sie aber offenbar nicht wahrzunehmen bereit ist – mit den weiteren Überschriften: „Trumps Sieg ist die Rache für Clintons Krieg gegen Sanders“ und „Trumps Sieg ist ein weiterer Beweis für das Scheitern des etablierten Meinungsbetriebs“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da der Katzenjammer bei einigen so groß ist, gibt’s entsprechende Musik.

Katzenjammer – Hey Ho (On The Devil’s Back)

Fundstück: Ahoi Polloi über Donald Trump, Politik und Medien

Seit zwei Tagen sammele ich Quellen für einen Artikel über die US-Wahlen. Zum Glück hat eine Kombination aus Zeitmangel, Perfektionismus und Müdigkeit bislang Schlimmeres verhindert! Stattdessen heute eine Sammlung von Ahoi Polloi (ist sowieso lustiger und mehr auf den Punkt gebracht), angefangen mit einem aktuellen Beitrag:

Brexit und Trump

ansonsten zu Donald Trump:

  1. Was passiert, wenn Trump gewinnt?
  2. Ist Trump zu weit gegangen?
  3. Trumpf im Wahlkampf
  4. Was bringt uns ein Präsident Trump?

ansonsten zu Politik und Medien:

  1. die Sorgen der Menschen ernst nehmen
  2. Horrorvorstellung und Realität
  3. Vertrauen in Politik und Medien wieder herstellen
  4. Brexit – das Ende
  5. Diskurs
  6. Selbstgespräch

bisherige Erwähnungen von Ahoi Polloi:

  1. über Genderidentität, politisch korrekte Sprache und das Rederecht bei den Grünen
  2. Sexismus
  3. Modernität bei Arbeit, Gesellschaft und Moby Dick
  4. über kulturelle Aneignung, rape culture und sexistische Werbung
  5. gegen mansplaining und Mikroaggressionen und für die Wahrheit
  6. zum neuen Sexualstrafrecht und der Unschuldsvermutung
  7. dreimal zu „hate speech“
  8. eine ganze Sammlung
  9. zu Sprache

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Jetzt ist auch noch Leonard Cohen gestorben… wie viele beliebte Musiker und Schauspieler kann es denn überhaupt noch erwischen in diesem Jahr?

Leonard Cohen: Hallelujah

Fundstück: Zur Wahl in Berlin stehende Parteien über Gender Studies

Der Wahl-O-Mat zur Abgeordnetenhauswahl 2016 in Berlin:
https://www11.wahl-o-mat.de/berlin2016/

Eine der Thesen dreht sich um Gender Studies: „An Berliner Hochschulen soll es weiterhin Geschlechterstudien (Gender Studies) geben.“

Ich zitiere im folgenden die jeweiligen Begründungen der Parteien für ihre Position zu dieser These. Vom Wahl-O-Mat dabei 1:1 übernommen: Die Reihenfolge der Parteien richtet sich nach ihrem Wahlergebnis bei der letzten Wahl. Parteien, die daran nicht teilgenommen haben, erscheinen anschließend in alphabetischer Reihenfolge.

Dafür:

SPD
„Geschlecht spielt in allen Bereichen unseres Lebens eine zentrale Rolle: Als eigene Identität in konkreten Alltagssituationen in der Schule, im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz. Es gibt deshalb einen großen Bedarf an Gender-Expertise in den verschiedensten Arbeitsfeldern, um Geschlechterverhältnisse zu analysieren und um Instrumente zur Chancengleichheit, Anti-Diskriminierung und zur Infragestellung von Normen und Normalitäten zu entwickeln.”

CDU
„Die CDU bekennt sich zur Unabhängigkeit der Wissenschaft und zur Freiheit von Forschung und Lehre an den Hochschulen, so wie sie im Grundgesetz festgelegt ist. Wir sind stolz auf das breite und vielfältige Angebot unserer Hochschulen.”

Grüne
„Wir haben uns immer für dieses Fach eingesetzt, denn die Frage nach den (sozialen) Geschlechtern, die vielfältiger als die traditionellen Vorstellungen von Mann und Frau sind, ist noch lange nicht ausreichend erforscht. Die Ergebnisse der Gender Studies sind zudem immer wieder Anregung und Richtschnur für mehr Gleichberechtigung, eine Kultur der Anerkennung und gegen gesellschaftliche Diskriminierung.”

Die Linke
„Frauen-und Geschlechterforschung begann in den Geistes- und Sozialwissenschaften und hat als disziplinenübergreifendes Wissenschaftsfeld auch in medizinische, technische und naturwissenschaftliche Fächern Eingang gefunden. Als Querschnittsaufgabe beeinflusst sie Methoden und Inhalte traditioneller Fächer und versetzt Lehrende und Lernende in die Lage, in sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Zusammenhängen zu denken, zu forschen und zu handeln.”

Piraten
(ohne Begründung)

FDP
„Über die Einrichtung von Studienrichtungen und Forschungsfeldern sollen die Hochschulen in eigener Verantwortung selbst entscheiden.”

Tierschutzpartei
„Wenn die Nachfrage nach diesem Studiengang besteht, sollte er im Sinne der Bildungsfreiheit auch angeboten werden.”

Die PARTEI
„Das Erforschen anderer Geschlechter ist für viele Studenten Hauptzweck der akademischen Ausbildung.”

ÖDP
„Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art 5 (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.”

PSG
(ohne Begründung)

B
„über alles soll kritisch geforscht werden. in dem wissenschaftlichen feminismus steckt etwas wertvolles: hinterfragen von was als grundfeste unserer identität und gesellschaft geglaubt wurde, die möglichkeit eines komplett neuen Standpunktes. „geschlecht“ ist konstruiert und die notwendigkeit eines neuen gesellschaftsentwurf lässt sich daher nicht aufhalten!”

ALFA
„Es gibt viele Arten von Gender Studies, die teilweise wichtige Erkenntnisse liefern. Unstrittiges Beispiel dürften beispielsweise Studien zu unterschiedlicher Wirkung von Arzneimittel bei Mann und Frau sein. Aber auch auf anderen Fachgebieten ergibt eine geschlechtsspezifische Betrachtung wichtige Erkenntnisse. Wichtig ist allerdings, daß an unseren Hochschulen ergebnisoffen und nicht ideologiegetrieben geforscht wird.”

DIE VIOLETTEN
„Ja, aber gerne in kleinerem Rahmen. Leider entstehen auch viele Ideologien und Dogmen durch dieses Fach. Das sehen wir kritisch.”

MENSCHLICHE WELT
„MENSCHLICHE WELT setzt sich für die Befreiung aller Menschen von jeglicher Ungerechtigkeit und Unterdrückung ein. Die wissenschaftliche Erforschung des Verhältnisses der Geschlechter kann zur Befreiung geschlechterbezogener Ungerechtigkeit und Unterdrückung beitragen.”

Neutral:

pro Deutschland
„An den Hochschulen soll zu allen möglichen Angelegenheiten geforscht werden dürfen. Da wird man Geschlechterstudien kaum generell ausschließen können. Aber derzeit ist das Meiste davon grober Unfug.”

DKP
„Vertreter dieser Fachrichtung mögen ursprünglich einmal mit fortschrittlichen Ambitionen angetreten sein. Das, was sie heute vermittelt, ist reiner Partikularismus, Identitätspolitik für Leute, die sich wissenschaftlich verbrämt ihrer Besonderheit versichern wollen, ist in der Regel aufklärungsfeindlich. Wer braucht unter solchen Umständen dieses Zeug?”

Graue Panther
(ohne Begründung)

Gesundheitsforschung
„Aus unserer Satzung: „Die Partei für Gesundheitsforschung ist eine Ein-Themen-Partei mit dem Ziel, die Gesundheitsforschung in Deutschland vermehrt zu unterstützen. … In alle anderen politischen Themen will sich die Partei nicht einmischen.“”

Dagegen:

NPD
„Die Gender Studies basieren zu großen Teilen auf einem mehr als fragwürdigen Menschenbild, dem zufolge die Geschlechter nur sozial konstruiert seien. Das ist aus unserer Sicht grober Unfug und hat an Hochschulen nichts zu suchen.”

BüSo
„Es besteht die Gefahr, daß derartige Studien zum Zwecke des „social engineering“ mißbraucht werden.”

AfD
„Universitäre Forschung darf nicht fachfremden Zwängen oder Ideologien unterworfen werden. Die Förderung der pseudowissenschaftlichen Geschlechterstudien (Gender Studies) ist in allen Bereichen zu beenden.”

eigene Kommentare dazu

  • Alle etablierten Parteien sind dafür. Wer dagegen ist, hat die Wahl zwischen Rechtsextremen, Rechtspopulisten oder Splitterparteien. Das sieht nicht nach einem baldigen Ende der Gender Studies aus. Wobei die Politik selten Avangarde ist, sondern meistens nur auf einen fahrenden Zug aufspringt, wenn sich abzeichnet, dass weite Teile der Bevölkerung eine bestimmte Meinung haben und diese auch en vogue in den Medien ist. Oder es verschlafen einige Parteien eine wichtige Entwicklung und müssen erst (auch deswegen) eine Wahl verlieren, um ihre Haltung zu ändern.
  • Das wichtigste Argument für Gender Studies ist die Freiheit der Lehre. Das halte ich, so absolut genommen, tatsächlich für richtig. Ich möchte nicht Leute zwangsweise daran hindern, etwas zu studieren, das ich selbst für Unsinn halte. Ich fange ja auch keine Diskussion darüber an, ob man bei der Kultur „Schund“ (Ballerspiele, Horrorfilme, Pornographie) verbieten sollte. Bisherige Versuche in Deutschland, den besseren Menschen heranzuzüchten, indem man nur „nützliche“ und „moralisch gute“ Sachen erlaubte, sind ja katatrophal gescheitert.
  • Mehrfach kommt der Hinweis auf eine ideologische Ausrichtung der Studien vor. Der Weltzwangsverbesserungs- und Umerziehungsanspruch, der davon ausgeht, wäre kurioserweise genau die Gefahr, die ich auch bei einem Verbot der Studien sehen würde.
  • Dass ich ausgerechnet von der DKP (!) eine Würdigung früherer „fortschrittlicher Ambitionen“ lese, die inzwischen aber „aufklärungsfeindlich“ umgeschlagen seien, hat mich doch sehr zum Schmunzeln gebracht. Nicht, dass ich über Nacht Kommunist geworden bin – was die Parteien vor der Wahl sagen und dann nach der Wahl machen, sind noch immer zwei verschiedene Dinge. Gerade bei den radikalen Parteien erwarte ich, dass das noch mehr ins Gewicht fällt. Aber einen guten Wortlaut weiß ich zu würdigen, egal von wem er kommt (so etwas habe ich bei Nazis noch nie gesehen, deswegen bin ich da so sicher).
  • Beachtlich finde ich ferner die sich völlig widersprechenden Begründungen für Gender Studies. Zum einen sei es eine Tatsache, dass „Geschlechter“ konstruiert seien, es also keine Unterschiede außer der Geschlechtsorgane gebe. Zum anderen sei erwiesen, dass Medikamente bei Männern und Frauen verschieden wirkten. Wenn beides wahr wäre, könnten wir durch reine Konstruktion die Wirkungsweise von Medizin bei Individuen verändern… ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass zwei miteinander unvereinbare Grundannahmen im selben Studiengang als „richtig“ gelehrt werden und gehe davon aus, dass die Idee, es gebe von Natur aus im Schnitt weitere körperliche Unterschiede, tatsächlich in den Gender Studies abgelehnt wird.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Zum Superwahljahr 1994 haben die Ärzte ihr nur ein Jahr zuvor erschienenes Lied „Quark“ auf einen politischen Kontext umgedichtet:

Die Ärzte: Quark (neuer Text – 135% politisch korrekt)