Fundstück: Gewaltschutzwohnung in Thüringen ohne öffentliche Unterstützung

Vor nicht zwei Wochen machte die Meldung die Runde, dass in Sachsen zwei Gewaltschutzwohnungen für Männer eröffnet würden – und zwar mit Unterstützung der dortigen Landesregierung, insbesondere der Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Bereits dann schrieb ich:

Das ist doch eine hervorragende Vergleichsmöglichkeit, unter welcher Landesregierung und mit welchen Parteien sich etwas tut.

Eine Einschätzung, die sich – leider im negativen Sinne – heute bestätigt hat. Gleichmaß e.V. vermeldet sowohl per E-Mail als auch im Blog, dass es für die Gewaltschutzwohnung in Thüringen keine Unterstützung der Landesregierung geben wird – entgegen entsprechender Ankündigungen:

Trotz aller vor und nach der Thüringer Landtagswahl getätigten
Unterstützungs- und Befürwortungszusagen entschied sich die
Gleichstellungsbeauftragte zu Thüringen, Katrin Christ-Eisenwinder (Die
Linke), letztlich gegen eine Finanzierung unserer Schutzwohnung für von
häuslicher Gewalt betroffener Männer. Mit dieser Entscheidung wird nicht
nur der Begriff Gleichberechtigung außer Kraft gesetzt, sondern trotz
des seit vielen Jahren erforschten hohen Bedarfes Thüringer Männern
keinerlei Hilfe zuteil.

Tristan Rosenkranz nennt im Interview mit der Ostthüringer Zeitung Details. Natürlich braucht so eine Wohnung langfristige Unterstützung, um finanziell in trockenen Tüchern zu sein. Die Schilderung, wie Zusagen gemacht und dann nicht gehalten wurden, lese jeder selbst im Detail nach. Besonders peinlich:

Eine Kernaussage, die sich bis heute durch jede Argumentation zieht, ist, dass erst einmal erforscht werden müsse, inwieweit für eine Gewaltschutzwohnung überhaupt Bedarf besteht.

Dabei ist das, wenn man tatsächlich mal entsprechenden Vereinen und Personen zuhören würde, längst erforscht.

Auch die bisherige Auslastung der Gewaltschutzwohnung in Gera bestätigt die altbekannte Realität ein weiteres Mal: Es gibt mehr Bedarf als Angebot. In trauriger Zahl: Die eine Wohnung kann weniger als 2% der Betroffenen helfen.

In Sachsen hat die Landesregierung offensichtlich mehr Kontakt mit der Realität. Dort werde, nach Wohnungen in Dresden und Leipzig, derzeit eine dritte Wohnung in Chemnitz eingerichtet.

Tristan Rosenkranz zieht ein trauriges Fazit:

Fundraising als Option beispielsweise ist sehr aufwendig und ehrenamtlich nicht leistbar. Die WBG Aufbau zwar äußerte ausdrücklich den Wunsch, das Projekt auch künftig zu unterstützen. Sollte jedoch mit der Finanzierung Schluss sein, wird die Wohnung im Juli aufgelöst. Als Projektverantwortlicher bin ich müde geworden, habe mir viel zu viele Zusagen angehört, die nicht eingehalten wurden.

So sieht die Realität auch im Jahre 2017 noch aus: Um Männern zu helfen, müssen Ehrenamtliche bis zur Erschöpfung kämpfen.

Es gilt jedoch auch, was ich schon bei der Unterstützung dieser Wohnung geschrieben habe:

Jedes Gewaltopfer, das Unterstützung erfährt, ist ein aussichtsreicher Kandidat weniger für zwei andere Klassiker unter den Männerthemen: Obdachlosigkeit und Selbstmord.

Neben den direkt Betroffenen, denen hier geholfen wurde, profitieren aber weitere Männer davon: Dass solche Angebote existieren, hat mir die Sprachlosigkeit genommen. Danke, Tristan Rosenkranz!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wenn es Sachsen besser anstellt als Thüringen, bringe ich auch wieder Musik mit Bezug zu ersterem…

Sorry about Dresden: Relax, It’s Tuesday

Fundstück: Sind linke Clubs in Jena Horte sexueller Belästigung?

Die Ostthüringer Zeitung (das ist die, die immer wieder mal über Gleichmaß e.V. berichtet) veröffentlichte Anfang des Monats unter dem Titel „Wir sind kein Freiwild“ einen offenen Brief. Parallel dazu erschien außerdem ein begleitender Artikel: „Kein Freiwild“: 7 junge Frauen beklagen in offenem Brief sexuelle Übergriffe in Jenaer Clubs.

Zunächst einmal war ich beim Nachdenken über die Artikel überrascht, wie ich auf sie regiert habe. Ich bin inzwischen durch die inflationären Vorwürfe von Belästigung so abgestumpft, dass ich alles erst einmal mit einer gehörigen Portion Skepsis lese und überall versuche, Widersprüche oder Übertreibung zu entdecken.

Das darf natürlich nicht vom Kern ablenken: Es wird berichtet, dass Frauen in mehreren alternativen Clubs in Jena, welche namentlich genannt werden, belästigt wurden. Das „belästigt“ wird genauer ausgeführt: Angefasst (von hinten / an Busen und Po) und geküsst (ohne ihr Zutun), beides jeweils gegen ihren Willen. Hier sehe ich keine Diskussionsmöglichkeit: Wenn so etwas geschieht, dann ist das nicht in Ordnung.

Ab hier gehen jedoch meine Einschätzung und die in den Artikeln auseinander. Ich glaube nämlich, dass der von mir hervorgehobene Satz der Meinung einer breiten Mehrheit der Bevölkerung entspricht – auch innerhalb der Gruppe aller Männer. „Dass Männer gewisse Formen des Anstands an der Garderobe abgeben“, halte ich, falls es sich auf mehr als eine kleine Minderheit bezieht, für eine unzulässige Verallgemeinerung.

Dass die Gesellschaft heute sensibler auf das Thema reagiert und es derlei Vorfälle immer gegeben habe und immer geben werde, diesen Einwand will Sonnefeld nicht gelten lassen.

Richtig. Wer würde das jedoch tatsächlich als Einwand vorbringen?

Ob die Täter „immer dreister“ werden und ob es „[d]as, was heute in den Clubs passiert (…) in dieser drastischen Form früher tatsächlich nicht gegeben“ hat? Ich habe keine Beweise, die Artikel nennen jedoch auch keine und ich bin versucht, dies als Dramatisierung zu interpretieren, um noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist allerdings unnötig, denn wenn Frauen belästigt werden (angeblich oder tatsächlich) und dies beklagen, können sie sich breiter Aufmerksamkeit sicher sein. Es spielt für die Verdammung solcher Taten auch keine Rolle, ob es früher besser oder schlimmer war. Das bringt uns zum nächsten Knackpunkt:

Sie weiß, dass Übergriffe oft nicht öffentlich gemacht würden, aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, zumal die Grenzen zwischen einem rüpelhaften Ausfall und einer Straftat wie sexuelle Nötigung fließend sein können.

Zugegeben, Angst kann man schlecht rational diskutieren. Und kann mir gut vorstellen, dass ich, wenn ich unter dem Eindruck eines Abends in einem Club stände, in dessen Verlauf mich ständig irgendwelche Leute belästigt hätten, mich des Verdachts nicht erwehren könnte, das Publikum dort sähe das als normal an.

Ansonsten gilt jedoch, was ich oben schrieb: Frauen stoßen mit solchen Berichten i.a. auf offene Ohren.

Es spielt hier auch keine Rolle, was bereits strafrechtlich relevant ist oder nicht. Die oben geschilderten Vorgänge werden von den allermeisten Menschen nicht gebilligt. Die Welt zerfällt nicht in ein Schwarzweiß à la „ist alles super so“ vs. „ist eine Straftat“.

Völlig unerheblich ist daher auch das zitierte Anzeigenaufkommen, das gegen Null gehe. Polizeistatistik und Realität gehen sowieso mitunter leicht verschiedene Wege. Es hat überhaupt keine Aussagekraft, klingt im Artikel natürlich extra dramatisch, so als ob es eine hohe Dunkelziffer gäbe.

Kommen wir zur wichtigsten Frage, der nach Lösungsvorschlägen. Der zentrale Teils des offenes Briefes dazu:

Das Problem gibt es nicht nur bei euch, aber ich glaube, dass ich bei euch auf Gehör treffe.

Von linken Clubs hätte ich mehr erwartet. Ihr setzt euch für Gleichberechtigung ein, aber schafft es nicht, sie auf eurer Tanzfläche durchzusetzen. Die Atmosphäre bei euch, fühlte sich für mich nie so an, als ob ein offenes Ohr auf mich wartet, wenn ich von einem sexuellen Übergriff berichte. Ich traute mich nie, etwas bei der Security zu melden und versuchte mich so direkt wie möglich zu wehren. Wirklich erfolgreich war ich selten und Hilflosigkeit machte sich breit.

(…)

Hier seid ihr gefragt. Hängt Plakate auf, die das Bewusstsein für sexuelle Gewalt schärfen. Richtet eine Anlaufstelle für alle Betroffenen ein und macht auf sie Aufmerksam. Gebt öffentliche Statements ab, dass fairer gleichberechtigter Umgang in euren Räumen an erster Stelle steht.

Es ist sicherlich ein guter Impuls, seine Probleme zunächst selbst lösen zu wollen, etwa indem man die Leute direkt auf ihr Fehlverhalten anspricht. Mit steigendem Alkoholpegel und bei genügend Lärm und Geschiebe kann das mitunter schwer werden. Die nächste Option wäre Unterstützung durch Begleiter, aber die hat man erstens nicht jedesmal dabei und zweitens kann es auch keine Lösung sein, dass man nicht mehr alleine weggehen kann.

Dann wäre der nächstlogische Schritt für mich aber tatsächlich, dem Sicherheitspersonal Bescheid zu geben. Es ist die Aufgabe von Türstehern, dafür zu sorgen, dass es keinen Ärger gibt. Falls einem die starken Kerle selbst zuviel Respekt einflößen, hilft einem auch die Bedienung weiter.

Wer sich nicht benimmt, den kann man auch ohne Straftatbestand rausschmeißen und ihm ein Hausverbot erteilen. Mitarbeiter in Clubs und Diskotheken haben überhaupt keine Lust daran, dass sich jedes Wochenende dieselben Dramen wiederholen. Gerade Türsteher freuen sich, wenn sich gewisse Assis gar nicht erst blicken lassen und sie ihr Publikum kennen, das macht die Einschätzung und damit ihren Job leichter.

Und die Besitzer von solchen Einrichtungen müssen um den Ruf ihres Ladens fürchten. Wenn es erst einmal die Runde macht, dass Frauen ins XY gar nicht mehr gehen wollen, weil sie da ständig belästigt werden, bleiben auch die Männer aus deren Freundeskreis weg. Damit verliert man jedoch ausgerechnet die guten Kunden – die nämlich, die sich anständig benehmen können und das auch von anderen erwarten. Als Assi-Schuppen verrufene Etablissements haben nur noch eine sehr kleine Zielgruppe.

Insofern halte ich die Lösungsvorschläge aus dem offenen Brief für die falschen: Gerade, wenn man auf offenes Gehör zu treffen glaubt (und es spricht ja nichts dagegen), wäre es doch nur konsequent, zuerst Personal und dann Besitzer der Clubs zu kontaktieren.

So, wie es jetzt geschehen ist, ist der Ruf lädiert (die Besitzer werden sich aber vermutlich davor hüten, das gegenüber den Frauen zu beklagen – dadurch wirken sie automatisch wie die Bösen!), andererseits hatten die Mitarbeiter gerade nicht die Chance, die eingeforderte Gleichberechtigung „auf ihrer Tanzfläche durchzusetzen“, wenn sie nichts von den Vorfällen wussten. Und wie soll man gegen eine gefühlte Atmosphäre argumentieren? Ohne Meldung kann nichts unternommen werden.

Die eingeforderten Maßnahmen gehen aus meiner Sicht an dem Ziel vorbei. Die Leute brauchen etwa keine Plakate, die erklären, dass Begrabschen auf der Tanzfläche nicht in Ordnung ist. Die kleine Minderheit, die das nicht einsieht, wird es auch nicht durch Plakate lernen. Wie soll eine Anlaufstelle aussehen, an die man sich spontan wendet, wenn sie deswegen eingerichtet werden muss, weil sich die Leute nicht trauen, mit dem Sicherheitspersonal zu reden? Und was helfen öffentliche Statements, die nur verkünden, was für einen Großteil der Leute selbstverständlich ist?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ein realistisches Video darüber, was in dem durchschnittlichen nicht-alternativen Club abgeht…

The Axis of Awesome: In The Club Tonight