Warum ich Obdachlosigkeit für ein vernachlässigtes Thema halte

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl war unter anderem von Cicero genutzt worden, um darauf hinzuweisen, dass sich die Eliten von weiten Teilen der Bevölkerung entfremdet und keine Ahnung mehr haben, welche Probleme diese wirklich haben. Egal, was sich in der großen Politik abspielt: Das ist ein hervorragender Anlass, um auf die echten Themen hinzuweisen.

Die Nachdenkseiten sind mit gutem Beispiel vorangegangen. Dazu ergänzend: Angesichts von toten Soldaten und solchen mit psychischen Störungen ist mir Frieden wichtiger als Geschlecht von hochrangigen Politikern.

Ein weiteres Thema, von dem Männer überproportional betroffen sind, ist Obdachlosigkeit. Da erfahre ich via Genderama, dass Innsbruck bis zu 2.000 € Strafe für Übernachtung im Freien verhängen will. Das ist natürlich reine Schikane, um Obdachlose aus der Innenstadt zu entfernen, „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Es ist aber schon fast zehn Jahre her, als ich erlebte, in was für unterschiedlichen Welten die Leute unterwegs sind. Aus der Erinnerung heraus: Ariadne von Schirach, jünge, hübsche Frau, die eine gaaanz schreckliche Last durchs Leben trägt wegen ihres Namens (ihr Großvater hat seinerzeit die HJ gegründet), stellte ihr Buch vor, dessen Thema in etwa lautete „Es ist alles so schrecklich kompliziert mit unverbindlichen Bekanntschaften in Berlin“, wobei natürlich irgendeine schwammige Angst („Pornographisierung“ o.ä.) nicht fehlen durfte. Sie wurde dann überraschend deutlich zurechtgestutzt von Frank Zander, der auf sein Projekt Weihnachtsfest für Obdachlose aufmerksam machte. Das war doch gleich um mehrere Dimensionen ernster und realitätsnaher.

Die Zeiten sind nicht besser geworden: „Zahl der Wohnungslosen stark gestiegen“ vermeldet der Tagesspiegel (gefunden via Nachdenkseiten), „Immer mehr Wohnungslose in Deutschland“ ist bei Heise zu lesen (gefunden via Stadtmensch-Chronicles).

Die Zahlen sprechen für sich:

2010: 248.000 Wohnungslose
2016: 335.000 Wohnungslose, davon
29.000 Kinder
306.000 Erwachsene, davon
220.000 Männer

35% Zuwachs in sechs Jahren. Dabei sind insgesamt ca. 65,7% Männer.

Der Tagesspiegel zitiert die Regierung:

„Wohnungslosigkeit liegt vielfach nicht in fehlendem Wohnraum begründet, sondern hat in der Regel eine Reihe anderer sozialer und zum Teil auch psycho-sozialer Ursachen“, heißt es in der Regierungsantwort. Oft sei gezielte Hilfe nötig, weil familiäre Probleme, Sucht oder Krankheiten eine Rolle spielten.

Klar, weil mehrere andere Faktoren dazukommen können, kann es natürlich auf keinen Fall an mangelndem bezahlbaren Wohnraum liegen! Mal ganz davon abgesehen, dass sich die Politik bei speziellen Angeboten für Männer mit Problemen auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, um es mal milde auszudrücken.

Der Stadtmensch kommentiert entsprechend:

Wohnungslosigkeit war schon immer ein hauptsächlich männliches Problem, für das sich offziell und offiziös nur wenige sporadisch interessieren. (…)
Das Thema Obdachlosigkeit zeigt wie kein anderes auf, wie das Schicksal vieler männlicher Betroffener lediglich als vorweihnachtliche Mildtätigkeits-Folklore Verwendung findet (…). Ansonsten wird dieses Thema nur allzu gerne als persönliches Versagen der Betroffenen abgewürgt.
(…) Womöglich könnten sich die Bürgerleins ja mal fragen, wieso für Millionen Flüchtlinge – aber auch für die armen Banken – bei jeder Gelegenheit um Verständnis und Staatsknete geworben wird, die herkömmlich Gestrauchelten in diesem Land aber nur als pseudo-christliches Klischee einmal im Jahr auftauchen.

Forschungsergebnis zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) zeigen hier übrigens ein weiteres Ungleichgewicht der Geschlechter: Frauen werten häufiger Obdachlose ab.

Sowohl Nachdenkseiten als auch Stadtmensch verweisen auf Angela Merkels Aussagen à la „Deutschland gehe es gut“. Genau so muss man dieses Salbadern mit der Realität konfrontieren!

Was aber die Bundeskanzlerin und Wohnungslose angeht: Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bot vor einiger Zeit im Rahmen einer Aktion Kaffee an, bei der Männer 26 Cent mehr zahlen sollten. Das treibt die Realitätsferne auf die Spitze: Müssten männliche Obdachlose 1,26 € für einen Kaffee beim BMFSFJ bezahlen, Angela Merkel hingegen nur 1 €?

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Die Albumversion ist deutlich vitaler, aber ich fand diese Demoversion angemessener.

Paul Simon: Homeless (demo)

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Fundstück: Jörg, der Obdachlose vom Leopoldplatz in Berlin

Da wir hier im Blog darüber diskutiert haben, ob Jungs weinen dürfen und wann das für Männer gilt, hier ein kleines Video, in der der Obdachlose Jörg eine bewegende Geschichte erzählt.

Ich weiß nicht, ob es mehrere Anläufe gebraucht hat, um dieses Video zu produzieren und wieviel Material gedreht wurde, um am Ende etwa dreieinhalb Minuten zu bekommen. Es beeindruckt mich, mit welch klarer Stimme und wie direkt dieser Mann aus seinem Leben berichtet.

Jörg hat einen Sohn, der jetzt etwa 21 Jahre alt ist. Das letzte Mal gesehen hat er ihn, als er 6 war. An dieser Stelle ihm Video muss er weinen – ein starker Kontrast zum Rest, den er recht nüchtern erzählt.

Es ist ein konkretes Beispiel für einen Vater, der sein Kind nicht mehr sehen durfte. Umgekehrt gibt es viele verantwortungslose Väter, die sich nicht für ihre Kinder interessieren. Beides schreckliche Dinge.

Jörg erwähnt, dass er vor Karstadt sitzt, der Titel des Videos erwähnt den Leopoldplatz, und wenn man die Bilder des Videos mit den Aufnahmen von Google Streetview vergleicht, kann man sehr leicht herausfinden, wo Jörg sitzt. Es ist direkt an der U-Bahnhaltestelle Leopoldplatz. Als ich letzte Woche in Berlin war, habe ich ihn besucht und ihm ein wenig Kleingeld gegeben.

(gefunden via Genderama)

Aktualisierung 20.03.2014: Die Reaktionen sowohl von Stephan Fleischhauer als auch von Wolle Pelz zeigen mir, dass mein Verweis auf einen Beitrag von Robin missverständlich ist. Es geht mir nicht um den werdenden Vater aus ihrer Geschichte (der ist ja noch keiner!), sondern um Robins Vater. Für dieses Missverständnis bin ich verantwortlich, weil ich den kleinen, aber feinen Verweis ohne weiteren Kommentar gesetzt habe.

Aber noch ein anderer Punkt ist mir wichtig, weil es bei mir so ankam, als würde ich mir durch einen Verweis auf Robin ihre Positionen zu eigen machen: Wer Robin als Person ist, muss dabei überhaupt nicht diskutiert oder beleuchtet werden, denn das spielt für meine Beurteilung keine Rolle. Selbst die bösesten Menschen überhaupt (Nazikommunisten?) haben bestimmte Rechte verdient, in diesem Fall den Kontakt zum Vater. Dass bei diesen Rechten gerade nicht darauf geguckt wird, wen sie betreffen: Das ist doch der Rotz, den wir so lieben!

Ein zweiter Kritikpunkt kam von Wolle Pelz (Artikel siehe oben):
„Ich kann auch nicht feststellen, wer den Artikel verfasst hat.“

Ich habe das eine Weile gar nicht verstanden. Schließlich ist mein Pseudonym klar und deutlich zu lesen, wenn man den Artikel auf der Hauptseite des Blogs liest. Aber dann ging mir ein Licht auf: Ich hatte für den Eintrag die Vorlage „Video“ gewählt. Dabei scheint der Autorenname nicht oben im Artikel selbst angezeigt zu werden! Das ist eine Eigenart des WordPress-Themas „Twenty Ten“, die ich noch nicht kannte und die ohne Zweifel kontraproduktiv ist. Ich habe den Eintrag daher so geändert, dass wieder die Standardvorlage verwendet wird.

Immerhin habe ich bei allen Beiträgen von mir eine Sache konsequent eingehalten: Ich habe sie immer in die Kategorie „Graublau“ eingeordnet und beim bisher einzigen Gastbeitrag, den ich eingestellt habe, den Autor ausdrücklich erwähnt. Über die Kategorie war der Autor also die ganze Zeit ermittelbar – wenn das auch, zugegeben, ein ziemlicher Umweg ist.

Oh, und falls jemand die Popkultur vermisst hat: Die taucht am Ende des Videos auf! 🙂