Fundstücke: Was tun im neuen Jahr?

Einige Artikel und Kommentare aus den letzten Wochen zeigen in Kombination einige interessante Möglichkeiten für 2017 auf. Bei Alles Evolution sind Fragen zum neuen Jahr erschienen und die ersten beiden finde ich besonders interessant:

1. Was wäre aus euer Sicht etwas, was die Männerbewegung voranbringen könnte? Wie setzen wir es um?
2. Welche Aktionen plant ihr oder würdet ihr gerne sehen?

eckitake5 beantwortet diese in den Kommentaren wie folgt:

1. Ein Gesicht. Jemand, der für die Männeranliegen steht und auch Talkshow-tauglich ist. Und öffentlich gegenhält. Am besten nicht ganz so provokativ wie Milo Yiannopoulos, sondern so klug und klar wie Janice Fiamengo. Kann man sich aber nicht selber backen und ist wohl nicht in Sicht.

2. Man sollte die Hauptstadt-Medien stärker bearbeiten. Vor allem an den hohen feministischen Feiertagen wie dem Equal Pay Day und dem Tag gegen Gewalt an Frauen. Das würde vielleicht manche Berichterstattung etwas verbessern. Viele Journalisten plappern den feministischen Kram nach, weil sie die Gegenposition gar nicht kennen.

Bei man-tau blickt man in the middle (mitm) in zwei Kommentaren sowohl zurück als auch voraus:

Gute Idee, die man auf sich selber ausdehnen kann: hat man im vergangenen Jahr seine Ziele erreicht, seine Zeit sinnvoll verwendet, stimmen die Annahmen über das politische oder sonstige Umfeld noch?

Die Männerrechtsbewegung (wie auch immer man die eingrenzt, zählt z.B. Fischer im Recht zur MRB? formal sicher nicht, faktisch hat er aber enorm viel für die MRB erreicht) ist ja in gewisser Weise eine thematisch spezialisierte außerparlamentarische Opposition und Protestbewegung, die insb. auch die feministische Propaganda und Meinungsmanipulation in den dominierenden Medien seit Jahren bekämpft. 2016 kann man insofern fast Erdrutsch bezeichnen, denn u.a. der Brexit und die Trump-Wahl zeigten, daß man mit der Kritik an der Presse und der feministischen Politik keineswegs alleine war. Vermutlich hat das jahrelange Hinweisen auf die Denkfehler und Widersprüche der feministischen Ideologie viele Leute zum Nachdenken und zum Ziehen von Konsequenzen gebracht (in den USA und in GB, in D wird es erst bei der Bundestagswahl richtig spannend). Allerdings ist dieser Erdrutsch nicht trennbar von singulären Ereignissen, namentlich der Flüchtlingswelle oder dem islamistischen Terror, die der Hauptgrund waren, warum einige politische bzw. mediale Betonköpfe an Macht verloren haben. Die MRB ist da eigentlich mehr Trittbrettfahrer, was aber egal ist, man hat jetzt eine Chance, mehr politischen Einfluß zu gewinnen. Man muß aber jetzt neu nachdenken, welche Chancen und Randbedingungen man hat und welche Forderungen man stellt.

Zur Lügenpresse, unserem Lieblingsgegner: der ist geschwächt, aber Totgesagte leben meistens länger, als man denkt, die Propagandaschlachten werden also weitergehen, und Gegendarstellungen bleiben eine zentrale Aufgabe. Das führt zu einigen Fragen:

Wieviel fundierte Information können wir als thematisch spezialisierte Masku-Blase für uns selber und ggf. auf Nachfrage dem allgemeinen Publikum bieten? Es ist relativ einfach, nur die Denkfehler und inneren Widersprüche feministischer Argumentationen aufzuzeigen. Wenn man in die Rolle eines zuverlässigen Informationslieferanten wachsen will, wird es anstrengend. Das schafft keiner alleine, dazu ist die Bandbreite an Themen viel zu groß. Es würde schon helfen, wenn man für die ca. 10 wichtigsten Themen einen sattelfesten Experten hätte.

Damit zusammen hängt das Thema Informationsüberflutung. Viele Themen im Kontext der Geschlechterthematik ufern aus, kein Mensch kann das alles lernen und wissen (vor allem in der Freizeit). Informationsreduktion ist daher entscheidend. Was direkt zu Bildungsfragen führt: was kann man als Grundwissen in den diversen Themengebieten voraussetzen? (Abiturwissen?) Was setzt man als spezielleres und volumenmäßig noch schaffbares Spezialwissen eines zertifizierten Maskus 🙂 oben drauf? Eine Debatte um ein Masku-Curriculum fände ich spannend (und notwendig): Education is not preparation for life…

Ebenfalls bei Lucas Schoppe wird Mark E. Smith in mehreren Kommentaren unter seinem eigenen Artikel ganz konkret, was er als Strategie sieht:

Ich beschäftige mich nur mit Schutzbach [gemeint ist Franziska Schutzbach], weil sie gegenwärtig in der Schweiz quasi die Schnittstelle zwischen dem Spezialdiskurs (Wissenschaft) und dem Interdiskurs (Medien) ist. Mir geht es quasi darum, dass so viel wie möglich im Netz über sie gelesen werden kann, wenn man nach ihr googelt und man dann sieht, dass sie auch viel Schrott erzählt.🙂

Ich habe ziemlich viel qualitative Inhaltsanalysen und Diskursanalysen gemacht, einfach weil ich der Überzeugung bin, dass schlussendlich für Krieg oder Frieden, für Sozialabbau oder Sozalstaatlichkeit, die öffentliche Meinung relevant ist. Deshalb finde ich bei den Linken momentan, wenn es um die Medien geht, die Nachdenkseiten am sinnvollsten. Relativ einfache Sprache, jedoch trotzdem reflexiv und kritisch. Mich hat immer Öffentlichkeit, Medien, PR, politische Kommunikation, Framing, Narrative, Diskurse, kulturelle Hegemonie etc. interessiert, weil ich wie gesagt, das Gefühl habe, dass dies die halbe Miete für politischen Erfolg ist.

Diesen drei Einschätzungen möchte ich meine Ansicht hinzufügen, insbesondere was das Bloggen angeht.

  1. Grundsatzartikel zu bestimmten Stichworten halte ich für wichtig und ich würde sie möglichst trennen von der tagesaktuellen Debatte, aus deren Anlass sie dann leicht wieder hervorgeholt werden können.
  2. Weil durch tagesaktuelle Ereignisse, Artikel, Videos usw. bestimmte Themen immer wieder hochkochen, habe ich schon länger eine Themensammlung ins Auge gefasst. Damit läßt sich zeigen, dass man sich schon länger mit einer Thematik befasst hast, dass bestimmte Argumente und Narrative immer wiederholt werden und dass umgekehrt vieles, was ein anderer vielleicht zum ersten Mal liest, trotz Analyse und Debatte stets auf ähnliche Weise erneut durchs Internet geht. Quasi „man in the middle“-Unterstützung.
  3. Mit demselben Ziel, also leichteres Einlesen für Neulinge, ältere maßgebliche Artikel immer wieder aufführen. Umgekehrt Insiderjargon vermeiden – oder, noch besser, getrennt erläutern.
  4. Mehr Verlinkung, um die Artikel zeitloser zu machen. Am Tag selbst findet jeder Artikel X und Kommentar Y, aber später sieht’s ganz anders aus.

Wie so ein Blogerfolg aussehen kann, das zeigt das hohe Google-Ranking von Alles Evolution und man in the middle beim Stichwort Privilegientheorie (2. und 3. Treffer bei mir). Mit anderen Worten: Wer nach dem Wort googelt, bekommt ganz oben bereits die Impfung gegen die Beschämungspropaganda angeboten.

Gleichzeitig lohnt es sich, sehr populäre Themen zu behandeln. Alles Evolution hat etwa den Dauerbrenner „Wie vermeidet man die Friendzone?“ – das war der meistgelesene Artikel 2016 (siehe Grafik in den Kommentaren), obwohl er vom Januar 2012 stammt.

An solche „Einstiegsartikel“ gilt es anzudocken und weitere lesenswerte, leicht erschließbare Inhalte anbieten. Sprich, ich möchte es neuen Besuchern leicht machen, viel Zeit mit Lesen zu verbringen. So geht es mir als Leser woanders nämlich ebenfalls: Ich komme via Google oder einer Verlinkung für eine ganz bestimmte Sachen und dann schaue ich mich um. Finde ich auf die Schnelle noch mehr, das interessant klingt, bleibe ich länger hängen.

Insofern zahlt es sich aus, „feministische Kampftage“ und populäre Videos durch eigene Beiträge begleiten. Ich denke da an die „36 Fragen an Männer„, die im letzten Jahr die Runde machten (das wäre eine Steilvorlage für die nächste, spontane Blogparade) oder auch die zahlreichen Artikel zum vermeintlichen „Equal Pay Day“. Gerade weil sie in aller Munde sind, werden diese Themen dann von Leuten gesucht, was dann wieder Zufallsfunde ermöglicht.

Eine der schönsten Entwicklungen des vergangenen Jahres geht über das Bloggen hinaus. Fragte Christian Schmidt noch im Dezember 2015 „Braucht die Männerbewegung einen Youtubekanal (und wer will einen unterhalten/helfen)?„, so läßt sich heute konstatieren: Ab 2016 gab es endlich interessante Youtube-Kanäle auf Deutsch, die die entsprechenden Themen beackerten und in schöner Regelmäßigkeit etwas veröffentlichten.

Das wird auch vorbildlich mit dem Bloggen kombiniert: Zum einen werden in Blogs die Quellen aufgelistet. Das Stapelchipsblog wurde etwa aus diesem Grund überhaupt ins Leben gerufen und bietet immer wieder Artikelsammlungen an. Umgekehrt sind Youtube-Videos leicht in Artikel einzubinden und liefern, wie z.B. der Doktorant, auch einfach mal das komplette Thema eines Artikels.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich mache mir keine Illusionen: Es wird noch viel Wasser den Rhein herunterfließen, bis sich etwas ändert in Gesellschaft und Politik. Dennoch bin ich verhalten positiv – so wie etwa das folgende Lied. Wer sagte, dass Männer keine großen Emotionen jenseits von Fußball ausdrücken können?

Herbert Grönemeyer: Land unter

Fundstück: EMANNzipation – Gleichberechtigung bitte auch für Männer

Auf diesen Beitrag wollte ich schon lange gesondert hinweisen, weil er so sehenswert ist. Der WDR brachte ihn ursprünglich in der Rubrik „Gegen den Strich“ seiner Sendung „Markt“. Angenehmerweise wurde er rechtzeitig bei Youtube eingestellt, so dass man ihn nach wie vor sehen kann:

EMANNzipation – Gleichberechtigung bitte auch für Männer (Original)

EMANNzipation – Gleichberechtigung bitte auch für Männer (Alternative Quelle)

Inhaltliche Zusammenfassung bei Genderama:

Der fast 20 Minuten lange Beitrag steht seit seiner Ausstrahlung auf der Blogroll von Genderama. In ihm stellen ausnahmsweise mehrere nicht-feministische Männer ihre Sicht auf die Geschlechterdebatte dar. Gunnar Kunz und Bernhard Lassahn weisen auf die mangelnde öffentliche Unterstützung von Männerorganisationen und das generelle Ausblenden der Männerperspektive in der Geschlechterdebatte hin. Wolfgang Jacobs schildert seine Erfahrungen als Opfer häuslicher Gewalt durch seine Partnerin. Der Psychotherapeut Professor Matthias Franz macht unter anderem darauf aufmerksam, dass über 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle Männer betreffen und sich Jungen dreimal so oft umbringen wie Mädchen. Wenn es anders wäre, so Franz, „hätten wir schon lange einen Aufschrei in unserer Gesellschaft, dann würde sich eine Talkshow an die andere reihen“. Die Soziologin Karin Flake erklärt, wie Väter von Müttern bei der Kindererziehung beiseite gedrückt werden. Auch die Benachteiligung von Jungen im Schulsystem und ausgrenzende Vorurteile gegen Männer in erzieherischen Berufen werden in dem Beitrag behandelt. Darüber hinaus hinterfragt er den beliebten Mythos, dass Frauen für dieselbe Tätigkeit 22 Prozent weniger als Männer verdienen würden.

Dieser Inhalt hat dem Beitrag 2016 die Saure Gurke der Medienfrauen „für besonders frauenfeindliche Beiträge“ eingebracht. Oder wie es Arne Hoffmann im oben verwiesenen Genderama-Beitrag ausdrückt:

Schon das Formulieren einer nicht-feministischen Perspektive gilt den Medienmacherinnen als Frauenfeindlichkeit.

Lucas Schoppe hat sich mit dieser Logik in seinem Artikel Ist Gleichberechtigung frauenfeindlich? auf humorvolle Weise auseinandergesetzt.

Der WDR-Film kam wesentlich zustande durch die Leute hinter nicht-feminist.de (heute faktum-magazin.de ). Zu dem ursprünglichen Erfolg, diese Themen in die Massenmedien zubringen, kam Ende 2016 noch hinzu, die peinliche Haltung der Medienfrauen aufzudecken. Wenn man mit dem Ansprechen von Problemen andere Leute provozieren kann, ist klar, wie weit es bei denen mit der Menschenfreundlichkeit wirklich her ist…

Dieses große Lob spreche ich dabei Leuten aus, mit denen ich mir gerade nicht ständig gegenseitig auf die Schultern klopfe. Vor wenigen Wochen wurde mein Artikel „Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind„, in dem ich auch Lucas Schoppe großzügig zitierte, als „Pudelquatsch der Woche“ ausgezeichnet.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Hoffen wir aufs Beste fürs neue Jahr.

ABBA: Happy New Year

Fundstücke: Artikelsammlung zur Silvesternacht 2015

Heute jährt sich die Silvernacht 2015 und mit ihr die Übergriffe in Köln. Aus diesem Anlass möchte ich – sozusagen als Leseliste – eine Sammlung von Artikeln bringen, die ich in den Monaten danach zu dem Thema gelesen und für lesenswert befunden habe. Es ist natürlich eine rein subjektive Auswahl mit besonderem Augenmerk auf diese Blogblase. Es bedeutet auch nicht, dass ich mit dem im jeweiligen Standpunkt, der im Artikel ausgedrückt wird, übereinstimme.

Einige Links, die ich gesammelt hatte, funktionieren inzwischen nicht mehr (die SZ Dank Adblocker-Blocker, Aranitas Gedanken hat eine neue URL, aber nicht alle alten Artikel). Einige Themen werden noch extra behandelt („Flüchtlinge“ waren schon vorher ein Thema, wurden aber mit der Debatte verbunden; „der postheroische Mann“ sprengt dann endgültig den Rahmen).

Als erstes möchte ich gesondert auf eine Buchrezension hinweisen, die erst vor wenigen Tagen erschienen ist und einige Fakten kurz und bündig nennt: Falsche Lehren aus der Silvesternacht von Monika Frommel (via Genderama).

Es folgen in chronologischer Reihenfolge die Artikel. In einigen Fällen habe ich noch Notizen zu den Artikeln. Nach der Liste kommen noch einige Zitate aus den Artikeln oder deren Kommentaren.

Popkultur gibt’s diesmal nicht, dafür eine technische Frage in die Runde: Schon seit einiger Zeit scheint dieses Blog keine Pingbacks mehr an andere Blogs zu versenden. Habt Ihr das Problem auch? Ist das also ein allgemeines WordPress-Problem? Oder liegt es an den Einstellungen? Hat sich im Hintergrund etwas geändert, was man jetzt neu einstellen muss? Oder werden die Pingbacks doch alle verschickt, aber fälschlicherweise als Spam identifiziert? Würde mich sehr darüber freuen, dieses Rätsel endlich zu lösen!

Artikel zum Thema „Silvesternacht von Köln 2015“

Gerhard beim Geschlechterallerlei: Nicht nur Männer sind Opfer von Gewalt

Mein Senf: Köln und Macht

Genderama: Vermischtes vom 05. Januar 2016

Erzählmirnix: Darum geht’s jetzt

Der Sexismusbeauftragte: Ein Hoch auf die Sippenhaft

Emannzer: Nur Erniedrigung von Frauen?

Der Blog des linken Maskulismus: Köln und die Gewalt am Bahnhof – entgültige und letztendliche Erklärung, die alle Zweifel beseitigt

sjw-watch: Die verstörende Reaktion der SJWs auf die Ereignisse in #Köln

Mein Senf: Menschen – Gruppen – Eigenschaften

Alles Evolution: Zu den sexuellen Belästigungen am Kölner Bahnhof

uepsilonniks: Feministische Deutung der Kölner Übergriffe: Sexismus sticht Rassismus

Genderama: Vermischtes vom 06. Januar 2016 – insbesondere über den Mythos „die Presse hat geschwiegen“ und den Kontext von OB Rekers Tipp („eine Armlänge Abstand halten“)

Lotoskraft: Zwei Seiten einer hässlichen Medaille

Don Alphonso bei Deus ex Machina: Sexuelle Gewalt in Köln mit dem Oktoberfest kleinreden

Legal Tribune Online: Kriminologe zur Silvesternacht in Köln „Keine ’neue Dimension der organisierten Kriminalität'“

Erzählmirnix: Handlungsanweisungen

Lucas Schoppe bei man-tau: Köln: Vom Alptraum in die Schützengräben

Gerhard Kaspar: Geschlechterrassismus ist In. Feminismus und Islamismus einig. Männer sind Schweine!

Genderama: Vermischtes vom 07. Januar 2016

Der Blog des linken Maskulismus: Solidarität mit dem nichtweissen Mann! (toller Aufruf!)

Genderama: Vermischtes vom 08. Januar 2016 – insbesondere über den Mythos „die Presse hat geschwiegen“

Genderama: Vermischtes vom 08. Januar 2016

Elitemedium: Doppelmoral

Gerhard Kaspar: Lügenpresse? Nein, aber Grünenpresse entspricht der Realität

Genderama: Lesermail (Versagen der Massenmedien)

Lucas Schoppe bei man-tau: Wie Anne Wizorek sexuelle Gewalt verharmlost

uepsilonniks: Die besten feministischen Reaktionen zu Köln-Sylvester

Emannzer: Männer – potenzielle Vergewaltiger?

Genderama: Vermischtes vom 11. Januar 2016

Mein Senf: #ausnahmslos (beinahe)

asemann.de: #ausnahmslos Mainstream

Erzählmirnix: Entwürdigt</a<

asemann.de: Rant: Wie die Nicht-Berichterstattung über Übergriffe Frauen zum Schweigen bringt

Dr. Alexander Stevens auf cuncti.net: Sexmobs und Sexismus – Deutschland dreht durch!

Genderama: Presseschau vom 11. Januar 2016

Genderama: Vermischtes vom 12. Januar 2016

Der Sexismusbeauftragte: Potentielle Vergewaltiger

asemann.de: Warum wird #ausnahmslos so hart getrollt?

Alles Evolution: #ausnahmslos

asemann.de: #ausnahmslos – schon gescheitert?

Genderama: Vermischtes vom 13. Januar 2016

Genderama: Vermischtes vom 13. Januar 2016 zum Zweiten

Der Sexismusbeauftragte: Potentielle Entschuldigung

Genderama: Vermischtes vom 15. Januar 2016:

Drachenrose: Der cis-heteronormative weiße Mann, der grundsätzlich immer schuld ist, und die Realität

aranxo beim Geschlechterallerlei: Kurznachrichten vom 16. Januar 2016

Corinna Bernauer bei der Piratenpartei: Warum Strafrechts- und Sexismusdebatten die falsche Reaktion auf Köln sind

asemann.de: Deutsche mit Migrationshintergrund vs. #ausnahmslos-Netzfeministinnen

Stadtmensch-Chronicles: Ausnahmslos vermurkst

Die Kraft von Kultur und Sozialisiation im intersektionalen Feminismus – der ganze ideologische Widerspruch treffend zusammengefasst

aranxo beim Geschlechterallerlei: Kurznachrichten vom 18. Januar 2016

Lucas Schoppe bei man-tau: Ein Kämpfer für den rechten Glauben besucht ein Amt

Genderama: Vermischtes vom 19. Januar 2016

Dog’n’Cat: Listen And Believe, If…

asemann.de: Verharmlosung a la Anke Domscheit-Berg

Erzählmirnix: Männer sind…

Genderama: Vermischtes vom 23. Januar 2016

asemann.de: Anne Will: Pauschalisieren mit Domscheit-Berg und Daimagüler

maennerrechte.org: Impressionen vom 06.02.2016 – missbrauchen von Missbrauchsopfern, Sexismus in Piratentrümmern – dieser Kommentar fasst es gut zusammen

asemann.de: Anti-Rassismus und Feminismus: Die Quadratur des Kreises – und noch einmal: der Widerspruch auf den Punkt gebracht

Genderama: Köln: Auflistung der Übergriffe zu Silvester liegt vor – Bilanz der Anzeigen

Leserpost (die ignorierten Opfer von Köln) – eine ganze Familie Opfer

Genderama: Vermischtes vom 13. Februar 2016 – 1/6 männliche Opfer, ignoriert

aranxo beim Geschlechterallerlei: Kurznachrichten vom 15. Februar 2016 – gute Kritik von links (Jungle World)

Lucas Schoppe bei man-tau: Kernschmelze. Rückblick auf einen überfordernden Monat

Der Schwulemiker: Von der Wölfin im Schafspelz

Genderama: Vermischtes vom 07. April 2016

Monika Frommel bei novo-argumente: Falsche Lehren aus der Silvesternacht (via Genderama: Vermischtes vom 23. Dezember 2016)

Monika Frommel bei Cuncti: Falsche Lehren aus der Silvesternacht (alternative Quelle)

Auswahl von Zitaten aus den Artikeln und deren Kommentaren

Tom174 bei Mein Senf:

wie kann es sein, dass Brüderles Dirndl Spruch zu einem Aufschrei führt, der Hinweis auf #köln aber in die rassistische Ecke geschoben wird?
(…)
Die Weissen haben die Macht. Ob das die Betroffenen Weissen auch so sahen?
(…)
wären es weisse Männer und eine schwarze Frau gewesen, was glaubt ihr was los gewesen wäre
(…)
Aber es passt eben, in direkten Beziehungen nicht, willkürlich definierten Gruppen (Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung was auch immer) mit Defaulteigenschaften zu belegen. Weder im Schlechtem noch im Guten.
(…)
Brüderle hatte an dem Abend auch nicht die Macht, seine Karriere hat die ach so wehrlose Journalistin zu einem ihr und ihrem Verlag genehmen Zeitpunkt beendet.

Christian bei Alles Evolution:
Hier hat Christian hervorragend vorhergesehen, wie man das Geschehene mit seinem Weltbild vereinbaren kann:

>>Man wertet dies nicht als etwas besonderes, sondern verweist darauf, dass es vielleicht etwas radikaler als sonst war, für die meisten Frauen das tägliche Leben eh ein Spiesrutenlauf tagtäglicher Belästigung ist, bei dem Frauen so etwas ständig erleben, und zwar von allen Hautfarben. Jetzt passt es auch wieder in das System, denn das Hervorheben der Übergriffe durch Schwarzafrikaner (darf man hier von PoCs schreiben?) ist dann:

* Leugnung der Rape Culture vor Ort („gute Deutsche machen das nicht“)
* Rassismus („wenn PoCs etwas machen, dann wird es erwähnt, im täglichen Leben ignoriert“)“<<

Ein Gedanke, der bei Forderungen an Männer nur selten vorkommt:
„Nur das mich eben mit afrikanischen oder deutschen Banden nichts verbindet, ich werde sie schon zum Schutz meiner Selbst sicherlich nicht in ihre Grenzen weisen, weil ich das gar nicht kann. Es dürfte dieser Subgruppe auch im übrigen relativ egal sein, wie sich anderweitig Männer benehmen, es sind schlicht sehr getrennte Verhältnisse.“

david in den Kommentaren:

Zu Ägypten: es gab mal eine Reihe von Meldungen über Frauen, die auf dem Tahir-Platz und drumherum begrapscht wurden. Das wurde bei uns über alle Maßen aufgebauscht (zur selben Zeit starben dort Männer!). Man berichtete damals viel über False Flag – Störer und Prügler, da das Regime offenbar versuchte die Demonstrationen als gewaltsame Aufstände zu diskreditieren.
Komischerweise kam den westlichen Journalisten nie in den Sinn, dass dies auch gerade für die wirkungsvollsten Ereignisse gelten könnte, die bei uns (und auch dort) den größten Aufschrei auslösten.
Komischerweise hat man von diesen Belästigern vorher und nachher praktisch nie wieder gehört. Nur zum Zeitpunkt, als die Leute mit der Revolution beschäftigt waren, ist das passiert. Genau am selben Ort.
Darauf hat mich schon damals mein Kairoer Freund aufmerksam gemacht, den ich just damals, Ende 2011, dort besucht habe.

Und später:

Hab mich gestern noch mit einer Freundin unterhalten, die mit einer Gruppe Frauen im Iran war. Als sie über einen Marktplatz in Ishafan gegangen seien, sei JEDE von ihnen MEHRMALS im Getümmel begrapscht worden.
Da scheint also durchaus ein Problem vorzuherrschen, was in unserem Kulturkreis in der Form keinesfalls besteht.

Der große Unterschied zu der Situation, die sich den Frauen in Köln geboten hat: es existiert dennoch eine generelle Ablehnung solchen Verhaltens, ein soziales Korrektiv ist jederzeit vorhanden und greift, wenn man sich dagegen wehrt, Umstehende darauf aufmerksam macht. Dann ist für den Grapscher schnell der Teufel los.

schöner Kommentar von yannababei erzählmirnix:

Also, wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich davon diskriminiert fühlen, immer als sabberndes Monster, dass beim Anblick einer nicht total verhüllten Frau sofort jegliche Selbstkontrolle verliert, dargestellt zu werden.

Arne Hoffmann bei Genderama, Vermischtes vom 09. Januar 2016:

Als einheimischer Mann hat man in dieser Irrsinns-Logik keine Chance. Schweigt man zu den Übergriffen, beteiligt man sich dran, sexuelle Gewalt unsichtbar zu machen. Empört man sich darüber, zeigt man, dass man nur sein Revier für eigene Übergriffigkeiten schützen möchte. Der nicht-zugewanderte Mann wird als im Kern bösartig schlicht vorausgesetzt.

Nicks Sternstunde bei erzählmirnix:

Es ist nur ein ganz kleiner und nur allzu logischer Schritt von „Männer haben einen kulturell determinierten Hang zu sexueller Gewalt“ hin zu „Muslimische Männer haben aber einen stärkeren kulturell determinierten Hang zu sexueller Gewalt“.

Die Geschichte des biologistischen Rassismus ist sehr ähnlich verlaufen: Erst wurde behauptet, dass der männliche Geschlechtstrieb an sich sexuelle Gewalt determiniere, um dann in einem zweiten Schritt zu behaupten, dass der „Wilde“ einen stärkeren und weniger kontrollierbaren Geschlechtstrieb habe. Das Ergebnis war die Rechtfertigung von sehr grausamen Lynchmorden, nur in einem Klima der Todesangst könne der schwarze Mann seinen Geschlechtstrieb im Zaume halten. Beim weißen Mann genüge eine strenge Erziehung (und Beschneidung)

Der zweite Schritt folgt eben fast unausweichlich aus dem ersten, weil es eine Binse ist dass nicht alle Menschen gleich sind. Der Kernfehler liegt in einem deterministischem Verständnis von Biologie/Kultur.

Es nützt also nichts, wenn unsere lieben Feministinnen sich darüber beschweren, dass Feminismus für rassistische Zwecke „instrumentalisiert“ werde. Die Frage, die sich Feminismus stellen müsste wäre: „Warum können Rassisten derart spielend leicht Feminismus instrumentalisieren. Wieso kann man eine soziale Bewegung, deren Ziel die Gleichheit aller Menschen ist, für eine Bewegung mißbrauchen, deren Ziel die Ungleichheit der Menschen ist. Stimmt etwa etwas mit unseren Paradigmen nicht? Haben wir etwa etwas mit den Rassisten gemein?“

Und LoMi ergänzend:

Normalerweise haben Rassisten in der gesellschaftlichen Mitte wenig Erfolg. Rassismus wird überwiegend abgelehnt. Sie haben deshalb ja auch die Idee von „Rasse“ aufgegeben.

Die Vorstellung von einer starken kulturellen Prägung können sie aber aufgreifen. Denn diese Vorstellung ist ja akzeptiert in der gesellschaftlichen Mitte. Wenn der Feminismus sagt, dass Gewalt gegen Frauen ein Kulturprodukt ist, dann können sie den Rechten kaum widersprechen, wenn diese das auch sagen. Und wenn der Feminismus einen kollektiven „Feind“ benennt, können Rassisten das ebenfalls in gewissem Rahmen tun, weil das Bild des kollektiven „Feindes“ oder „Täters“ ebenfalls akzeptiert ist. Es hat im Feminismus eben nur etwas andere Vorzeichen.

asemann:

Die Angriffe von Köln haben die Glaubwürdigkeit eines Kernbestandteils des intersektionalen Feminismus, die Privilegientheorie (die besagt, dass weniger privilegierte Menschen privilegierte Menschen per definitionem nicht diskriminieren können) vollkommen zerstört. Es ist offensichtlich geworden, und wird jetzt auch in linken Kreisen diskutiert (…), dass schwarze Asylanten eben auch übergriffig sein können, obwohl sie doch „unterprivilegiert“ gesehen werden. Und nun wird auch den linken, intersektionalen Feministinnen bewusst, dass ihre Weise, die Privilegientheorie in Aktionen umzusetzen, ideologisch verblendeter Unsinn war.

Bisher habe größere Teile der Damen, die sich jetzt mit „#ausnahmslos“ an die Spitze der Bekämpfung von sexueller Gewalt und Rassismus setzen wollen, daran mitgearbeitet, Frauen, die sexuelle Gewalt durch „Unterprivilegierte“ erfahren haben, mundtot zu machen und in die rechte Ecke zu stellen.
Sogar linke Aktivistinnen, die es wagten, Belästigung in einem „Refugee-Soli-Camp“ öffentlich zu machen, wurden mundtot gemacht, sogar die TAZ wurde anscheinend eingespannt, um die Behauptungen dieser Aktivistin zu dementieren.
Das heißt: Es gab in der feministischen Szene bisher ganz absurde Zustände, wo einerseits verlangt wurde, Frauen in Bezug auf sexuelle Belästigung immer zu glauben, andererseits Frauen aber nie geglaubt wurde, wenn diese „unterprivilegierte“ Tätergruppen beschuldigten.

Arne Hoffmann bei Genderama, Vermischtes vom 15. Januar 2016:

Zeigt sich auch hier eine Besorgnis erregende Erodierung der Männlichkeit? Das Unvermögen in Kategorien von „Das wird hart, aber da müssen wir jetzt durch!“ zu denken? Ein beliebter Vorwurf meiner Vorgängergeneration an meine lautete „Mit euch kann man auch keinen Krieg gewinnen“. Derartige Formulierungen sind heute natürlich politisch höchst unkorrekt. „Mit euch kann man keine nationale Herausforderung meistern“ trifft es aber gut.

Fundstück: Lucas Schoppe würdigt Konservative

Es wird viel Aufwand für Abgrenzung oder Kritik gegenüber Andersdenkenden betrieben – umso wichtiger, positive Aussagen hervorzuheben. Lucas Schoppe, der meines Wissens politisch als „Sozialdemokrat alter Schule“ zu verorten ist, schreibt in einem Kommentar folgende Wertschätzung über Konservative:

Demgegenüber haben Konservative sogar einen vernünftigen Punkt. Das Bestehende wird von ihnen nicht entlarvt, sondern im Hinblick auf seine Funktionalität bewertet. Wir wissen ja gar nicht immer, warum die sozialen Strukturen und Mechanismen, in und von denen wir leben, funktionieren – wir merken nur, dass sie es (mehr oder weniger gut) tun. Eine konservative Haltung geht einfach davon aus, dass Bestehendes immerhin seine Funktionalität nachgewiesen habe. Warum sollte man etwas ändern, dass Jahrzehnte lang gut funktioniert hat?

Natürlich gibt es für solche Änderungen mögliche Gründe, aber die müssen dann eben genannt werden. Außerdem müsste jemand, der etwas ändern will, zeigen, dass seine Ideen vermutlich besser funktionierende Strukturen ermöglichen würden.

Das finde ich sehr einleuchtend. In diesem Sinne: Auf mehr solcher positiven Äußerungen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Ich feiere, in diesem Jahr nicht einmal „Last Christmas“ gehört haben zu müssen…

Queen: Thank God It’s Christmas

Gastartikel: Leszek darüber, wie eine echte Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung aussehen kann

In der Diskussion über Insektionalität antwortet Leszek auf Mark E. Smith. Das kann man wieder 1:1 zitieren und zu einem Gastartikel machen:

Ich bin, was die Möglichkeit der Entwicklung von tatsächlich wissenschaftlichen Alternativen zur heute dominierenden ideologischen Intersektionalitätsforschung optimistischer als du.

Erstmal denke ich, dass es für eine wirklich empirische Ungleichheits- und Diskriminierungsforschung unvermeidbar ist, sich auch mit Überschneidungen von Diskriminierungsformen und deren Auswirkungen zu beschäftigen, denn solche sozialen Phänomene existieren ja nunmal und es fällt daher zwangsläufig auch in den Aufgabenbereich einer empirischen Ungleichheitsforschung solche Dinge zu berücksichtigen.

Man kann ja nicht einfach sagen: Weil die heutigen postmodernen Intersektionalitäts“forscher“ überwiegend unwissenschaftlich zu diesem Thema arbeiten, sollten als Reaktion darauf reale soziale Phänomene in der Forschung einfach ignoriert werden.🙂
Die Alternative zu schlechter Forschung ist nicht keine Forschung, sondern bessere Forschung, denke ich.

Ich gebe mal ein Beispiel, das männerrechtlich relevant ist:
Es liegen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen vor, die belegen, dass Jungen in heutigen deutschen Schulen bei gleichen Leistungen im Schnitt schlechtere Noten erhalten als Mädchen. Hierbei haben wir es also gemäß der Befunde mit Diskriminierung zu tun.

Es gibt des Weiteren auch Forschungsbefunde, die zu dem Ergebnis kommen, dass Schüler beiderlei Geschlechts aus der Unterschicht bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung erhalten als Schüler aus höheren sozialen Schichten. Auch dies ist gemäß der Befunde ein kritikwürdiges Diskriminierungsphänomen.

Wenn wir feststellen wollen, welche Gruppen von Schülern von Bildungsdiskriminierung besonders stark betroffen sind, werden wir nicht darum herumkommen, diese beiden Forschungsbefunde nicht nur isoliert zu betrachten, sondern auch zueinander in Beziehung zu setzen – und damit gelangen wir automatisch zur Intersektionalität.
Setzen wir beide Befunde zueinander in Beziehung wird deutlich, dass Jungen aus der Unterschicht im Schnitt besonders stark von Bildungsbenachteiligung betroffen sind, weil bei ihnen beide genannten Aspekte zusammenkommen.

Immer vorausgesetzt, dass die entsprechenden Forschungsbefunde fundiert sind, kann eine wissenschaftlich ausgerichtete Ungleichheitsforschung ein solches Überschneidungsphänomen nicht ignorieren, sie hat die Realität so wirklichkeitsgetreu abzubilden wie möglich, einschließlich der Überschneidungen von Diskriminierungen, wo es solche gibt.

Und auch die Männerrechtsbewegung als Anti-Diskriminierungsbewegung, die sich mit Diskriminierungen, sozialen Problemlagen und Menschenrechtsverletzungen, von denen Jungen und Männer betroffen sind, befasst, kann ein solches Phänomen m.E. nicht ignorieren.

Die meisten Kritikpunkte, die du benennst, betreffen ja Dinge wie klare Definitionen von Begriffen, begründete Auswahl von Strukturkategorien und Begründung der Auswahl von Forschungskontexten. Das sind alles wichtige Dinge, aber ich kann nicht erkennen, dass eine empirisch ausgerichtete Ungleichheitsforschung dies grundsätzlich nicht leisten könnte. Recht hast du natürlich damit, dass empirische Intersektionalitätsforschung umso schwieriger wird, je mehr Strukturkategorien man einbezieht.

Das Intersektionalitätsmodell von Nina Degele und Gabriele Winker, auf dass du ansprichst, beurteile ich übrigens auch etwas positiver als du. Zwar ist dieses Modell noch weit von dem entfernt, was mir vorschwebt, aber ich halte es für ausbaufähig und einen Schritt in die richtige Richtung.
Winker und Degele vertreten übrigens im Gegensatz zum Mainstream der Gender/Queer-Szene formal nicht das oben von mir kritisierte Prinzip der dogmatischen Schließung, d.h. sie sagen nicht, Diskriminierungen könne es immer nur auf einer Seite geben. Allerdings bleibt dies bei ihnen leider ein Lippenbekenntnis, in der Praxis werden keine ernsthaften Konsequenzen aus dieser Sichtweise bei ihnen gezogen, so dass sie letztendlich dann leider doch im politisch korrekten Paradigma verbleiben.

Trotzdem ist ein Teil der Ideen, die Degele und Winker in ihrem Buch „Intersektionalität – Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ für die Forschungspraxis formulieren m.E. interessant und anregend, daher würden ich ihren in dem Buch dargestellten Ansatz – bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an ihrer Befangenheit hinsichtlich einigem typischen gender/queer-feministischem PC-Nonsens – nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Ich halte ihren Intersektionalitäts-Ansatz also, wie gesagt, für das, was mir vorschwebt, keinesfalls für ausreichend, aber z.T. für potentiell ausbaufähig.

Auch dass Winker und Degele überhaupt auch die Strukturkategorie „Klasse“ berücksichtigen, ist für Gender/Queer-Kreise nicht selbstverständlich. Meistens spielt für deren Sichtweisen die Kategorie „Klasse“ keine Rolle mehr, diese Kategorie ist im Mainstream der politisch korrekten postmodernen Linken quasi „rausgefallen“.

Ich denke, dass eine tatsächlich wissenschaftliche Intersektionalitätsforschung in ihrer Forschungspraxis und Theoriebildung vor allem sehr viel kontextspezifischer agieren muss.
Es darf, wie oben dargestellt, nicht mehr darum gehen, bestimmte Gruppen einseitig als diskriminiert und andere einseitig als privilegiert zu labeln, sondern es sollte m.E. darum gehen, ergebnisoffen zu forschen, ob und inwieweit IN BESTIMMTEN SOZIALEN KONTEXTEN Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen vorhanden sind – ohne diese dann undifferenziert auf andere Kontexte zu generalisieren.

So könnte man z.B. bei einer Intersektionalitätsforschung nach meinen Vorstellungen ein Forschungsprojekt in der gender/queer-feministischen Subkultur machen, um herauszufinden, welche Einstellungen zu weißen, heterosexuellen Männern dort verbreitet sind und wie sich diese manifestieren. Ich würde vermuten, dass das Zusammentreffen der drei Strukturkategorien Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Orientierung im Sinne von weiß, männlich und heterosexuell in der gender/queer-feministischen Subkultur Bezugspunkt einer signifikanten und sich intersektional verstärkenden Diskriminierung ist, d.h. also: ich vermute, dass die gender/queer-feministische Subkultur ein sozialer Kontext ist, in dem sich eine Diskriminierung weißer, heterosexueller Männer wahrscheinlich ganz konkret wissenschaftlich nachweisen ließe.

Zweitens sollte m.E. auch die zeitliche Dimension bei Diskriminierungen stärker beachtet werden, es müsste also in gewissen zeitlichen Abständen immer wieder geprüft werden, ob bestimmte festgestellte Diskriminierungen und Überschneidungen von Diskriminierungen immer noch existieren bzw. immer noch in gleichem Ausmaß existieren. Einmal empirisch festgestellte Diskriminierungen könnten ja z.B. 20 Jahre später potentiell behoben oder zumindest signifikant verbessert sein und dies müsste dann auch berücksichtigt werden.

Drittens sollte m.E. stärker berücksichtigt werden, dass nicht alle sozialen Ungleichheiten zwangsläufig auf Diskriminierung beruhen.
Unterschiedliche durchschnittliche geschlechtsspezifische gesellschaftliche Verteilungen können z.B. auch auf unterschiedliche durchschnittliche Präferenzen von Frauen und Männern zurückgehen.
Oder wenn bestimmte Migrantengruppen im Schnitt häufiger in den unteren sozialen Schichten zu finden sind, so kann auch eine für moderne Gesellschaften dysfunktionale prämodern-autoritäre Sozialisation, die wenig Wert auf Bildung legt, potentiell einen signifikanten Beitrag hierzu leisten.

Solche alternativen Erklärungsansätze dürfen m.E. nicht mehr von vornherein ausgeblendet werden, weil sie dem PC-Paradigma widersprechen, sondern müssen ebenso in eine ergebnisoffene Forschung einbezogen werden.

Meta (ab jetzt wieder Graublau)

Die Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem, welche Leszek anspricht, ist das Leib- und Magenthema von Lucas Schoppe, der dazu zahlreiche Artikel veröffentlicht hat, zuletzt etwa Der WDR und der Hass auf Jungen. Immer wieder erschütternd zu lesen, wie Erwachsenen den Jungen selbst die Schuld an ihren Schwierigkeiten geben!

Zum Bloggen generell: Ich werde demnächst höchstwahrscheinlich eine Pause einlegen, weil ich keinen regelmäßigen Internetzugang haben werde. Wenn es trotzdem klappt, schön, ansonsten bis Mitte Januar!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Wo es um Schule geht: Die sollte hoffentlich inzwischen aus sein…

Alice Cooper: School’s Out (live)

Gastartikel: djadmoros zum Abdriften des Feminismus ins Narzisstische

In einem Kommentar reagiert djadmoros auf den gestrigen Artikel, in dem ich ausführlich Lucas Schoppe zitiert habe. Diesen Kommentar möchte ich im folgenden ungekürzt als Gastartikel wiedergeben:

Die biografische Ebene eines Bekenntnis zum Feminismus ist für mich unter vielen Umständen gut nachvollziehbar.

Schoppe benennt aber auch den Angelpunkt, an dem eine nachvollziehbare persönliche Betroffenheit fließend in den Narzissmus übergeht:

»Feminismus wird hier eigentlich gar nicht als politische Bewegung oder als Set politischer Positionen wahrgenommen, die offen kritisiert werden können – sondern als dringend notwendiger Teil der eigenen Biographie. Wer den Feminismus angreift, greift damit in ihrer Wahrnehmung die Biografie und das Leben dieser Frauen an«

Auf der biografischen Ebene ist Feminismus eine individuelle Problembewältigungsstrategie. Entscheidend ist, dass ich mir selbst zutraue, die Herausforderungen, die sich mir in meinem Leben stellen, sozusagen mit »Bordmitteln« bewältigen zu können, indem ich bestimmte Einstellungen und Sichtweisen auf die Welt pflege. Darum gibt es auch keinerlei notwendige Verbindung zwischen einer persönlichen, feministisch geprägten Emanzipation und staatlichen Maßnahmen wie einer Frauenquote.

Einer der »Urtexte« der neuen Frauenbewegung, Betty Friedans »Der Weiblichkeitswahn« von 1963, zeigt ziemlich deutlich, dass die feministischen Frauen dieser Generation gerade keinen harten Restriktionen ihrer Lebensführung mehr unterliegen, sondern, »weichen« kulturellen Erwartungen, die auch kein patriarchales »Original« mehr darstellen, sondern einen restaurativen Zeitabschnitt nach dem Zweiten Weltkrieg, der hinter das zurückfällt, was Frauen zwischen 1920 und 1945 bereits erreicht hatten. Auch die von Schoppe genannten Beispiele betreffen solche »weichen« Restriktionen.

Die Drift ins Narzisstische beginnt, wenn ich entweder meine persönlichen Herausforderungen für einzigartig und inkommensurabel zu halten beginne, oder wenn der objektive Grad einer Repression von Frauen aus politischen Gründen ins Unermeßliche und prinzipiell Inkommensurable aufgebläht wird. Viele Frauen, für die Feminismus eine biografische Strategie darstellt, haben die Abdrift des institutionalisierten Feminismus ins Narzisstische und Totalitäre gar nicht mitbekommen – was auch für viele Männer gelten dürfte, die ihr feministisches Bekenntnis als eine Art Solidarität auf biografischer Ebene sehen: man unterstützt Frauen in ihrer Weltsicht in der Erwartung, sie dadurch in ihrer Eigenkompetenz zu bestärken.

Die Verwandlung einer biografischen Strategie in einen gesellschaftlich herrschenden Diskurs (die im Radikalfeminismus immer schon parallel lief, der aber erst mit Zeitverzögerung der Durchbruch zur hegemonialen Ideologie gelungen ist) hatte nun zur Folge, dass eine weitere Generation von Frauen, die nicht einmal mehr Anlass zur biografischen Beschwerde hat, im Kontext einer Ideologie sozialisiert wurde, die das alte Märchen von der umfassenden Unterdrückung der Frau unter anachronistischen Rahmenbedingungen weitererzählt.

Diese Frauen bekommen die Einladung, ihre persönlichen Probleme zu narzisstischer Übergröße aufzublasen, auf dem Silbertablett serviert – und da die institutionalisierten feministischen Kader (wie jede Bürokratie) ein Interesse an der Reproduktion und Ausweitung ihrer Zuständigkeiten haben, ist diese Einladung zudem eine Aufforderung, die mit der Sanktion bewehrt wird, andernfalls nicht als moderne, emanzipierte Frau zu gelten.

Hinter dieser Fassade hat sich die historische Kraft des Feminismus jedoch mittlerweile erschöpft, und die Bewegung steuert dem intellektuellen Bankrott entgegen. Kluge Feministinnen können diese Differenzierung zwischen biografischer Strategie und etablierter Ideologie nachvollizehen. Den anderen kann man den Angriff auf ihre narzisstische Selbstwahrnehmung, welche vom Angriff auf die Ideologie impliziert wird, leider nicht ersparen.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Sich für den Nabel der Welt zu halten, wie es bei Narzissten der Fall ist, ist ja nun kein schöner Zug. Zum Thema „der Nabel der Welt“ gibt allerdings ein schönes Lied…

Jovanotti: L’ombelico del mondo

Warum positive Einstellungen zu Feminismus für mich kein Fehler in der Matrix sind

Lucas Schoppe schreibt in einem Kommentar bei Alles Evolution:

Ich hab eine ganze Reihe von Frauen kennen gelernt, die gute Gründe hatten, feministisch zu sein. Das ist unter anderem eine Generationenfrage. Frauen, die ich im Germanistik-Studium als Dozentinnen an der Uni erlebt habe und die heute vielleicht sechzig, siebzig oder auch achtzig Jahre alt sind, haben durchaus Zustände erlebt, die feministische Positionen sehr nahelegen.

Auch in der Germanistik, die heute eher ein Frauenfach ist, war es für viele Männer selbstverständlich, dass Texte von AutorINNEN nicht unbedingt von Belang waren. Dies selbst bei Autorinnen wie Marie von Ebner-Eschenbach oder Ingeborg Bachmann, die jemand, der Germanistik studiert, schon gelesen haben sollte. Ich hab selbst noch Germanisten kennen gelernt, für die selbst entlegene Texte von Brecht unbedingt zum Kanon gehörten, die sich aber nichtmal fünf Minuten Zeit für ein Gedicht von Bachmann genommen hätten.

Auch Professorinnen hatten als Wissenschaftlerinnen solche Herablassung erlebt. Dabei ging es eben NICHT um Gender Studies, die ja oft tatsächlich fragwürdige Wissenschaftskonzepte haben, sondern um ganz etablierte Formen des Fachs – die von Kollegen nur eben weniger wichtig genommen wurden, weil sie von Frauen ausgeübt wurden oder Autorinnen zum Thema hatten. (Übrigens rede ich nicht von den Fünfziger Jahren, sondern von den Neunzigern…)

In solch einem Kontext ist Feminismus viel nachvollziehbarer als im heutigen, in dem Feministinnen es schon als dringend nötigen Aktivismus begreifen, Fotos von Männern ins Netz zu stellen, die mit etwas geöffneten Beinen in der U-Bahn sitzen.

Noch ein zweiter Punkt, eher als Ergänzung zum Kommentar von Leszek denn als Widerspruch: Feminismus hat eben oft auch eine sehr große PERSÖNLICHE Bedeutung. Viele Feministinnen, die ich kennen gelernt habe, sehen den Feminismus als einen Rahmen an, der es ihnen ermöglicht hat, ein halbwegs selbstbestimmtes, selbstbewusstes Leben zu führen. Das zu dieser Einschätzung viel Legendenbildung gehört – geschenkt.

Wichtig ist: Feminismus wird hier eigentlich gar nicht als politische Bewegung oder als Set politischer Positionen wahrgenommen, die offen kritisiert werden können – sondern als dringend notwendiger Teil der eigenen Biographie. Wer den Feminismus angreift, greift damit in ihrer Wahrnehmung die Biografie und das Leben dieser Frauen an – und welche Motivation sollte er dafür haben, wenn nicht eine reaktionäre Böswilligkeit, mit der er Frauen wieder zurück an den Herd haben will?

Das ist ein Grund, warum Feminismuskritiker bei Feministinnen fast nie Gehör finden. Diese Kritik nämlich begreift Feminismus als Set politischer Positionen, die selbstverständlich kritisiert werden können und MÜSSEN – und für die Kritiker ist es einfach eine undemokratische Verweigerung von wichtigen Debatten, ihre Punkte nicht ernst zu nehmen.

Regelrecht putzig wird das in extremen Fällen, wie z.B. der Kritik an der feministischen Faschistin Solanas. Ich hab gewiss schon hundertmal Äußerungen von Feministinnen gehört oder gelesen, die sich darüber empörten, dass sie schon wieder zu Solanas Stellung beziehen sollen – als ob sie das schon hundertfach getan hätten. Tatsächlich hab ich allerdings noch niemals eine einzige Feministin erlebt, die es wichtig gefunden hätte zu erklären, wie solch ein faschistischer Müll im Feminismus Kult-Status bekommen konnte. Es ist eben nicht IHR Problem – im Rahmen ihrer Biografie spielt Solanas keine Rolle, und dann ist nicht verständlich, wieso sie sich dazu äußern sollten. Dass eine POLITISCHE Position durch Distanzlosigkeit zum Faschismus diskreditiert wird – das ist gewissermaßen einfach nicht ihre Diskussion.

Das ist weder radikal noch uninformiert – Feminismus wird hier nur ganz einfach nicht als eine politische Position wahrgenommen, sondern als eine sehr persönliche. Dann ist eben auch gar nicht klar, warum jemand über alle seine Aspekte informiert sein sollte, anstatt sich gerade das herauszusuchen, was er – bzw. eben: sie – braucht.

Damit berührt er ein Thema, das ich schon lange auf meiner Liste hatte (nur dass er es natürlich mal wieder viel eleganter formuliert). Ich habe in den letzten Jahren von einigen Frauen gehört, dass Feminismus nichts für sie sei, weil er einengend und nicht für Gleichberechtigung sei. Interessanterweise waren das waren charakterstarke Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt und in eigener Verantwortung leben wollten. Auf der anderen Seite habe ich andere Frauen getroffen, die mir erzählten, welches Geschlechterverhältnis sie von dort, wo sie herkamen, gewohnt waren:

  1. slut shaming: „Eine Frau, die einen Mann anspricht, ist eine Schlampe.“ Frauen müssen sich entsprechend aufbrezeln, lächeln und darauf hoffen, dass er den ersten Schritt macht.
  2. Sprüche wie „Studienfach X ist doch nichts für Frauen“ bzw. „Warum studierst Du denn? Du suchst Dir doch eh später einen Mann!“
  3. Im Beruf: „Frauen bekommen eh Kinder.“ / „Ein Mann braucht eine Frau, die ihm den Rücken freihält.“
  4. „Es ist Sache der Frau, dafür sorgen, dass zu Hause stets Essen auf dem Tisch steht.“

Dieses Weltbild hörte ich vor allem von Frauen aus Süd- und Osteuropa. In der Generation meiner Eltern haben die meisten Frauen etwas zu erzählen, gerade was das „nicht für voll genommen werden“ oder „weniger als ein Junge/Mann wert sein“ in früheren Jahren angeht. In Einzelfällen kenne ich – gerade aus dem Berufsleben – auch Geschichten von Gleichaltrigen.

Das zu schreiben kostet mich keine Mühe. Es ist aber Welten davon entfernt, dass es „allen Frauen überall“ so gehe. Man sieht das am besten an den Reaktionen der früher betroffenen Frauen selbst.

Gerade die Süd- und Osteuropäerinnen loben Nord- und Westeuropa dafür, insgesamt einen fortschrittlicheren Umgang mit Frauen zu haben. (Was Galanterie und Flirten angeht: Das ist ein anderes Thema!)

Das bedeutet nicht, dass hier und jetzt alles perfekt wäre. Ein eingängiges Bild von Christian Schmidt:

Natürlich: Auch verbesserte Zustände können schlecht sein. Einem Sklaven, der nur noch 10 Peitschenhiebe pro Tag erhält, kann man nicht entgegenhalten, dass er sich doch nicht aufregen soll, es wäre doch alles besser.

Die positiven Urteile etwa über Deutschland von Frauen aus Süd/Osteuropa passen aber überhaupt nicht ins Weltbild von Anne Wizorek: „Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen.“

Übrigens heißt dass auch nicht, dass es süd- und osteuropäischen Männern in ihrem Land jeweils prima ginge. Um das zu sehen, reicht ein Blick auf Suizidziffern Osteuropa, die für Männer stark schwankend nach Wirtschaftslage ausfallen, für Frauen hingegen relativ gleichbleibend niedrig sind.

Die Welt als „überall ist es gleich schrecklich“ oder „es ist so schlimm wie immer“ zu beschreiben, verdeckt den Blick auf die Unterschiede und das Erreichte. Vor allem ist es deswegen demotivierend, weil man offensichtlich durch eigenes Verhalten nichts erreichen kann. Bestimmte Leute kann man nicht zufriedenstellen. Dann konzentriere ich mich lieber auf die anderen!

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? „Einen Unterschied machen“ – das ist doch eine wichtige Motivation. Wenn alles gleich ist, kommt’s auch auf nichts mehr an.

Esther Phillips: What A Difference A Day Makes

Warum ich dieser Dolchstoßlegende keine Chance einräume

Auch zwei Wochen nach der US-Präsidentschaftswahl finde ich immer noch spannende Beiträge. Den heutigen Artikel rahme ich bewusst in zwei davon ein.

Via Fefe stieß ich auf eine großartige Analyse von Scott Alexander beim Slate Star Codex. Die lohnt es sich im Detail nachzulesen. Drei wesentliche Punkte:

  1. Donald Trump hat bei den Schwarzen, Hispanics und Asiaten gewonnen… am wenigsten jedoch bei den Weißen.
  2. Rassisten sind keine relevante Wählergruppe.
  3. Angst und Panik sind keine Lösung.

Die ersten beiden Punkte werden mit Fakten unterlegt und es ist wichtig, sich das klarzumachen, um nicht auf ein hektisch zusammengezimmertes neues Narrativ hereinzufallen („Rassisten haben die Macht übernommen! Wir werden alle sterben!“), das einem zwar einen Teil des (negativen) alten Weltbildes bewahrt, letzten Endes aber nicht weiterhilft. Damit kommen wir zum Thema der Legendenbildung im Fahrwasser der Wahlen. Ich hatte ja schon geschrieben:

Ehrlich gesagt warte ich noch auf die ausformulierte Dolchstoß-Legende: Hillary Clinton sei auf offenem Felde ungeschlagen gewesen, aber weiße Männer hätten heimlich Donald Trump gewählt. Mit solch einer Niedertracht sei die gute und eigentlich siegreiche Sache hinterrücks erdolcht worden.

Darauf kam folgender Hinweis von Lucas Schoppe:

Die Dolchstoßlegende gibt es übrigens schon, aber es sind natürlich nicht die weißen MÄNNER, die der wacker kämpfenden und im Felde unbesiegten Hillary den Dolch in den Rücken gestoßen haben – sondern die weißen Frauen.

Er verweist auf Hengameh Yagoobifarah in der taz. Die These dort lautet: „Weiße Frauen haben den Feminismus verraten“ (schöne Erwiderung von elitemedium!). Diese Dolchstoßlegende passt jedoch nicht gut.

Rufen wir uns in Erinnerung: In den USA leben etwa 70% Weiße, 12% Schwarze, 11% Hispanics, Rest Asiaten/sonstige. Wenn ich dabei 50% Männer annehme (in Wahrheit sind es weniger), dann erklärt das Feindbild weißer Mann 35% der Einwohner zu den Bösen. Dabei kann das sogar ein Abschwächung sein, wenn man mit „Männer sind böse!“ gestartet ist. Letzteres ist seit ca. 200 Jahren ein beliebtes Narrativ, es hat sich eingebürgert. Man riskiert entsprechend wenig, dieses Klischee zu bemühen.

Nun die weißen Frauen der Gruppe der Gesellschaftsfeinde und Modernitätsverhinderer zuzuschlagen, bedeutet aber, in den USA schlagartig 35% der Menschen, die bisher den „Opfern“ zugerechnet wurden, zu „Tätern“ zu machen. Das ist eine zu große Gruppe, zumal Frauen mehr Empathie genießen und ein Angriff auf Frauen Schutz- und Versorgungsinstinkte auslösen kann.

Übertragen auf Deutschland passt das natürlich noch weniger – der Anteil der Nicht-Weißen ist viel geringer. So kommt etwa auf 270 Weiße ein Schwarzer (Marius Jung, ab 10:46).

Natürlich ist das auch den hiesigen Feministinnen klar und sie handeln entsprechend nicht „intersektionell korrekt“, denn sonst würden sie sich größtenteils selbst aus dem Rampenlicht kicken. Wie Christian Schmidt bei Alles Evolution treffend feststellt:

Auch Anne Wizorek geht lieber selbst in Talkshows statt darauf zu bestehen, dass eine schwarze Feministin an ihrer Stelle (oder wenigstens zusätzlich) eingeladen wird.

Doch immer, wenn man denkt, es geht nicht durchgeknallter, hilft einem Twitter: Alex verweist auf einen Tweet, wo jemand allen Ernstes vorschlägt, in den USA allen Weißen (inklusive sich selbst) das Wahlrecht zu entziehen. Das ist natürlich eine „geile“ Idee, einfach mal 70% in den Status vor dem allgemeinen Wahlrecht zurückzuversetzen. Es komme mir niemand mehr mit Emanzipation und Suffragetten!

Aber abschließend zurück zur Vernunft. Via Aufwachen-Podcast stieß ich auf einen anderen Podcast, in dem der advocatus diaboli (ein Sozialkundelehrer!) über „Nach Trump“ spricht. Er fängt etwas verhalten mit der Wahl an, steigert sich dann aber beträchtlich (die Leute merken doch, wie es läuft; man soll mit Leuten reden usw.). Ja, wer sagt denn, die Bevölkerung sei dumm? Hier erklärt ein ganz normaler Bürger, was man machen kann, und das ohne rosarote Brille, sondern klar die Probleme benennend.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Eine weitere Gruppe, deren Einfluss mit dem Ausgang der Wahl gebrochen wurde, wären die „Spin Doctors“.

Spin Doctors: Two Princes

Fundstück: Das Feindbild weißer Mann

Ein Thema, das ich im Artikel zu den US-Präsidentschaftswahlen nicht mehr angeschnitten habe, war das Narrativ vom weißen Mann, der automatisch böse ist. Es gibt dieses Feindbild in mehreren spezialisierten Varianten – „der weiße heterosexuelle man“ (Abkürzung „WHM“, sehr verbreitet), als Verfeinerung davon „der weiße heterosexuelle cis-Mann“, „weiße junge Männer„, „alte weiße Männer“, „wütende weiße Männer“, „weiße Männer mit niedrigem Bildungsstand“ usw. Wichtig ist dabei, dass sie grundsätzlich gegen den jeweiligen Rest der Welt sind, welcher fortschrittlich ist.

In der Analyse des Wahlergebnisses war entsprechend die Rede vom „weißen Mann mit niedriger Bildung“, der Donald Trump den Wahlsieg ermöglicht habe. Das erinnerte mich doch gleich an die Kommentierung der österreichischen Präsidentschaftswahl:

Genderama vom 26. April

Bei den Wahlen in Österreich haben vor allem Frauen mit Hochschulreife den Kandidaten der Grünen gewählt und Männer ohne Hochschulreife den Kandidaten der FPÖ.

Genderama vom 28. April – ein Leser mit einer interessanten These:

Es soll über verschiedene Ebenen (Geschlecht, Politik, Bildungsstand) hinweg eine negative Analogie geschaffen werden, um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Es wird gleichzeitig ein Geschlecht und eine Wählerschaft diskreditiert. Die Analogie lautet Rechtpopulistenwähler = Mann = dumm (geringer Bildungsstand). Während es umgekehrt lautet: Grünenwähler = Frau = intelligent (mit Hochschulabschluß). Da gibt man in einem Atemzug die korrekte politische Richtung und das bessere Geschlecht vor.
(…)
Wozu also den Bildungsstand der Wähler bemühen, wenn sich das Wahlverhalten von Frauen und Männern in weiten Teilen gar nicht so sehr unterscheidet und dort, wo es die größten Differenzen gab, der „Geschlechter-Bonus“ eine nicht ungewichtige Rolle gespielt haben dürfte? Richtig: Der einzige Grund liegt darin, im Doppelpack zu diskredtieren.

Seitdem ich das gelesen habe, achte ich darauf. Man schaue etwa auf die Statistiken der Tagesschau (auf „Analysen zur Wahl“ klicken):

  Clinton Trump
Weiße 37 58
Schwarze 88 08
Hispanics 65 29
  Clinton Trump
Männer 41 53
Frauen 54 42
  Clinton Trump
kein College-Abschluss 44 51
College-Abschluss 52 42

(Quelle: Exit poll Edison)

Natürlich gibt es Unterschiede, aber für einen schwarzweiß gezeichneten Krieg entlang der Linien Geschlecht, Hautfarbe, Bildungsstand gibt es keinen Anhaltpunkt. Im Gegenteil, soweit sind die Zahlen gar nicht auseinander! Oder wie es anderswo formuliert wurde:

Fefe, 13.11.2016:

Hier hat keine Übernahme des wütenden weißen Mannes stattgefunden. Die anderen haben auch millionenfach für Trump gestimmt. Insbesondere übrigens die weißen Frauen.

Der Aufwachen-Podcast zeigte das auch in Folge 155 „Blasenplatzen“ (schöner Name!):

Das für einige Unvorstellbare: Frauen wählen Trump! Latinas wählen Trump! Das mit dem Sexismus ist denen nicht so wichtig!

Der Podcast ist in Gänze hörenswert. Ich habe zum Teil laut gelacht.

Lucas Schoppe schreibt ebenfalls eine höchst lesenswerte Analyse. Er pickt dabei noch den Punkt heraus, dass Hillary Clinton im Gegenzug nicht massenweise Schwarze, Hispanics usw. überzeugen konnte, wählen zu gehen.

Man muss dabei bedenken, dass es eine reine Mehrheitswahl war und die Wahlbeteiligung entsprechend niedrig (50%). Es geht also auch darum, wer überhaupt als Wählergruppe mobilisiert werden konnte.

Der eigentlich schon abgeschrieben Mann als relevante Wählergruppe… da läßt sich eine Einschätzung, die aus anderem Anlass gegeben wurde, jetzt wieder hervorkramen:

Genderama vom 12. März:

Vor einigen Jahren hatte die Grüne Renate Künast einen geschlechterpolitisch lichten Moment, den man mit dem kurzzeitigen geistigen Aufflackern von Demenzkranken vergleichen kann. Sie stellte beim Aufkommen der Piratenpartei fest: „Wir hätten mehr machen müssen, um die Wähler zu erreichen, die sich für die Piraten entschieden haben. Und das sind vor allem Männer unter 25 Jahren.“

zum Mythos „Frauen gleich behandeln“

Ein während der Wahl benutzter Kniff („Geschlechterkrieg“, „Männer gegen Frauen“, „Krieg gegen die Frauen“, „Frau = besserer Kandidat“) wird jetzt einfach weitergesponnen: Eine demokratische Wahl zu verlieren wird als Zeichen für die „gläserne Decke“ angesehen. Zum Vergleich: Jemand, der den später siegreichen männlichen Kandidaten während des Wahlkampfes versuchte anzugreifen, durfte entspannt Fernsehinterviews geben. Normalerweise wäre das ein mutmaßlicher Attentäter.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Es war viel die Rede vom „Rust Belt“, den ehemaligen Industriestaaten der USA, die die Wahl entschieden hätten.

Billy Joel: Allentown

Warum ich nicht das Ende der Welt befürchte

Große Ereignisse erzeugen eine erstaunliche Reaktion: Praktisch jeder kann das Ergebnis als Beweis für das ansehen, was er schon immer geglaubt hat.

Mit diesem Wissen gerüstet hoffe ich, nicht selbst in diese gedankliche Falle zu tappen. Außerdem ist ein wenig Bescheidenheit angesagt, um gar nicht erst dem Wahn zu erlegen, ich selbst hätte den Durchblick und könne in einem Blogeintrag die Welt erklären.

Statt reiner Kritik möchte ich in jedem Abschnitt etwas erwähnen, das positiv, optimistisch oder konstruktiv ist. Denn wenn die Welt oder alle anderen Leute blöd wären, dann würde es mir auch nichts mehr helfen, Rants zu verfassen (emotionale Befriedigung kann ich woanders leichter bekommen).

die Fakten

In den USA wurde ein neuer Präsident gewählt. In demokratischen Wahlen.

Wer darob die Welt nicht mehr versteht, dem seien zwei Blogs empfohlen, die ich vor Jahren entdeckt habe und die mich zu einem deutlich entspannteren, glücklicheren Menschen gemacht haben:

USA Erklärt – Der faktische Hintergrund, freundlich erklärt“ von Scot W. Stevenson, den ich hier im Blog schon zweimal zitiert habe.

Stevenson ist Amerikaner, wohnt seit seiner Kindheit in Deutschland und arbeitet für Reuters. Bezeichnenderweise stellte er gerade bei seinen Pressekollegen fest, dass es mit dem Verständnis der USA, also ganz schlicht wie da die Dinge laufen und was wichtig ist, nicht weit her ist.

Und was macht der Mann? Schreibt das einfach in einem Blog zusammen. Problem -> Lösung.

German Joys“ von Andrew Hammel, auf Englisch und wie ich gestehen muss, habe ich eine Zeit nicht mehr reingeschaut (nachdem ich so entspannt und glücklich geworden war).

Hammel ist ebenfalls Amerikaner und arbeitet seit vielen Jahren in Deutschland. Er genießt offensichtlich das Leben in Deutschland und genauso fröhlich-positiv kommt er bei mir rüber.

Stevenson und Hammel haben gemeinsam, dass sie beide Länder und Kulturen kennen, dass sie zu beiden ein positives Verhältnis haben und dass sie auf freundliche Weise ihr Wissen und ihre Meinung gerne teilen. Das prädestiniert sie zu Botschaftern in dieser Angelegenheit.

Zwei Beispiele, die heilsame Kulturschocks auslösen können:

  1. In den USA ist man vor dem Präsidenten am sichersten.
  2. eine direkt vor der Wahl veröffentlichte Einschätzung: Egal, wer gewinnt, in der Regierungspolitik wird sich nicht viel ändern.

Framing, Filter, Narrativ

Seid jetzt mal sehr aufmerksam. In chaotischen Zeiten, wenn sich das Narrativ noch nicht geeinigt hat, kriegt man lauter hochinteressante Einsichten darin, wie die Leute wirklich denken.

(Fefe, 09.11.2016)

Fakten alleine sind aber nie eine für Menschen ausreichende Realität. Es geht immer um eine Interpretation der Wirklichkeit, die – zumindest in weiten Teilen der jeweiligen Gemeinschaft – als Konsens durchgeht. Diese offizielle Lesart des Geschehenen ist dann die Wahrheit™.

Alle neuen Eindrücke werden auf ihre Kompatibilität zur bisherigen Wahrheit überprüft. Sind sie damit unvereinbar, werden sie einfach herausgefiltert, also ignoriert, als falsch oder unwichtig abgetan und vor allem – nicht weiterverbreitet. Bei Gemeinschaften mit anderen Interpretationen der Realität erkennt man diese Filter sehr schnell; erstaunlicherweise ist man für die eigenen entsprechend blind. Das Gerede von der eigenen Blog- oder Filterblase, welches ich ebenfalls gerne verwende, beinhaltet ja genau den gesunden Restzweifel, dass das, was jeweils „allgemein akzeptiert“ erscheint, eine vollständige, angemessene Abbildung der Realität darstellt.

Die selektive Wahrnehmung, Verbreitung und Interpretation von Fakten dient dazu, die bisherige Erzählung von der Welt, wie sie wirklich ist, solange wie möglich aufrechtzuerhalten. Erst wenn die Widersprüche so groß werden, dass das bisherige Narrativ nicht mehr zu halten ist, bricht alles zusammen und die Filterblase platzt.

Dann stehen die Leute völlig verwirrt da und versuchen sich schleunigst auf eine neue Wahrheit zu einigen. Denn große Unterschiede oder Unsicherheit vertragen Menschen dabei trotz allem Individualismus nicht.

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen war für viele Menschen offenbar nicht vereinbar mit ihrer bisherigen Realität. Die große Chance besteht darin, zu erkennen, was an dem bisherigen Narrativ falsch war und welche Filter und Framingtechniken angewandt wurden, um wichtige Informationen auszublenden. Die turbulente Zeit ist also die beste Einladung dazu, seinen eigenen Blick auf die Wirklichkeit zu erweitern.

(Die schlauen Ideen daraus stammen natürlich nicht von mir. Als eine ausführlichere Quelle für den tieferen Einstieg empfehle ich etwa den Vortrag „Die Wahrheit und was wirklich passierte„.)

Thesen, die es zu bezweifeln gilt

Wenn das bisherige Weltbild ins Wanken gerät, ist es wichtig, nicht sofort die dargebotenen einfachen Erklärungen anzunehmen, die einen irgendwie wieder einlullen würden. Ich empfehle sogar, sich stets zu fragen, ob denn nicht genau das Gegenteil der Fall sein könnte. Drei Botschaften, mit denen in diesen Tagen gerne hausieren gegangen wird:

„Es ist alles ganz schrecklich!“
„Das gab es noch nie!“
„Die USA sind verrückt!“

Zur ersten These: Die meisten Menschen auf dieser Welt haben bei der Vergabe des wohl mächtigsten politischen Amtes der Welt kein Wahlrecht und müssen damit leben. Es wäre dumm, seine ganze Hoffnung auf ein singuläres Ereignis zu richten – sehr gut dargestellt übrigens bei South Park 2008. Sein Wohl und Wehe von unbeeinflussbaren Faktoren abhängig zu machen ist eine klassische Anleitung zum Unglücklichsein, zu Passivität.

Stadtmensch-Chronicles urteilt unter der Überschrift „Ernüchternd„:

Ich halte die Frage, ob denn nun alles in den USA schlimmer wird, für irrelevant. Man kann diese Frage nämlich wunderbar an der Karriere seines Vorgängers studieren. Der hatte mit extrem viel Pathos den »Change« als sein pesönliches [sic!], präsidiales Marketingkonzept hochgehalten, doch von diesem Elan ist am Ende nicht nur nichts übrig geblieben, sondern es wurde unter Obama – vor allem in weltpolitischer Hinsicht – vieles unerträglicher.

Barack Obama hat es in acht Jahren nicht geschafft, Guantanamo Bay zu schließen. Dazu kommen die zahlreichen Drohnenmorde. Menschen wie Edward Snowden und Chelsea Manning, die auf Missstände aufmerksam machten, werden verfolgt und verurteilt statt begnadigt. Das Ausspähen „befreundeter“ Länder ist daneben nur eine Kleinigkeit.

Die große Veränderung zum Guten, die mit seiner Wahl verbunden wurde, sie ist ausgeblieben. Immerhin wissen wir jetzt mit Sicherheit, dass es auch ein schwarzer Präsident nicht besser macht.

Wurde der Ausgang der Wahl 2008 so behandelt, als sei der Messias gekommen, so tut man 2016 spiegelbildlich so, als sei der Leibhaftige da. (Und dann lästert man über religiöse Amerikaner ab…)

Dabei ist es doch so: „Also, dieser Präsident ist ganz schlimm!“ konnte man genauso gut über Ronald Reagan sagen. Und selbst der wurde schließlich noch gelobt im Vergleich zu George W. Bush. In der öffentlichen Berichterstattung war man sich 2004 über den Ausgang der Wahl sicher: „Das kann doch gar nicht passieren, dass der wiedergewählt wird.“ So kann man sich irren – eine beachtliche Parallele. Selbst zwei Amtszeiten des letzten ganz schlimmen Präsidenten hat die Welt am Ende überlebt.

Das bringt uns zur zweiten These: Was ist hier neu? Dass irgendwo Leute an die Macht kommen, die als eklig, erzkonservativ oder populistisch gelten? Silvio Berlusconi, Viktor Orbán, Prawo i Sprawiedliwość (PiS) – alles europäische Fälle. In Deutschland hat man Pegida und die AfD, aber neu sind selbst die nicht: Schließlich gab es am Anfang des Jahrtausends „Richter Gnadenlos“ Ronald Barnabas Schill in Hamburg.

Dass Amerika ein geteiltes Land ist? Das war es doch schon lange. Den Gegensatz zwischen Stadt und Land konnte man seit Jahren auf jeder Wahlkarte sehen, insbesondere auf denen, die zwischen einzelnen Wahlbezirken unterschieden.

Bevor das jetzt als Beleg für die „ganz schrecklich“-These angenommen wird: Ein gespaltenes Land alleine ist noch nicht schlimm. Das war die Ukraine auch. Erst, als dort der demokratische gewählte Präsident weggeputscht wurde und ausländische Mächte kräftig mitmischten, ging alles den Bach runter. Ein Bürgerkrieg, der ist schrecklich – das wissen die Amerikaner selbst übrigens aus eigener Erfahrung, denn das war für sie auch ihr schlimmster Krieg.

Womit wir bei der dritten These wären. Die Liste der aufgezählten europäischen Politiker und Parteien legen es schon nahe: Es gibt keinen Grund zu Häme oder Überlegenheitsgefühlen.

Wer sich über das „seltsame“ Wahlrecht aufregt, der sei an das negative Stimmgewicht in Deutschland erinnert, welches bewirkte, dass eine Stimme für eine Partei diese einen Sitz kosten konnte. Auch bei der EU-Verfassung hat man sich nicht mit Ruhm bekleckert: In Deutschland wurden die Leute erst gar nicht gefragt. Als in einigen anderen EU-Gründungsländern die Verfassung prompt abgelehnt wurde, war man völlig ratlos. Man hatte anscheinend vergessen, die Wähler von dem zu überzeugen, was man beschließen wollte. Ist das denn demokratischer oder weniger führungslos?

Ja, gibt es denn wirklich etwas, was bei diesem Wahlausgang neu war? Zwei Dinge fallen mir ein:

Die Medien haben praktisch unisono gegen Trump geholzt. (…) Die kombinierte Macht der Medien ist komplett verpufft.
(…)
Die andere Lektion aus diesem Wahlkampf ist, dass Schmutz Werfen keine siegreiche Strategie ist. Das ist wichtig, weil das unsere aktuelle Strategie gegen die AfD ist. Wenn das für Hillary gegen Trump nicht gereicht hat, wird es auch hier gegen die AfD nicht reichen.

(Fefe, 09.11.2016)

Die Massenmedien liefern keine glaubwürdige Abbildung der Realität mehr

Das Narrativ, das durch die Mainstreammedien sowohl hüben als auch drüben geisterte, hatte mit dem eines Großteils der Bevölkerung nichts mehr zu tun. Das sollte zumindest kommerzielle Medien beunruhigen, denn wenn ich an breiten Konsumentenschichten vorbei veröffentliche, habe ich irgendwann niemanden mehr, der mich finanziert.

Wie konnte es soweit kommen? In Deutschland, das ja wie erwähnt sowieso seine Probleme mit einem nüchternen Blick auf die USA hat, gab es eine peinliche, verzerrte Berichterstattung über die Kandidaten. Man lese im Gegenzug zwei erklärende Artikel der Nachdenkseiten:

US-Vorwahlen: Wer ist hier der Radikale? Donald Trump? (1/2)
US-Vorwahlen: Wer ist hier der Radikale? Bernie Sanders? (2/2)

Nicht zum ersten Mal war mein erster Gedanke am Tag nach der Wahl: „Endlich ist der US-Wahlkampf vorbei! Ich kann’s nicht mehr hören.“

Die Kandidaten wurden präsentiert, als bringen sie die Erlösung oder seien der Teufel persönlich. Der Nachteil einer emotionalisierten Berichterstattung: Die Leute stumpfen ab oder schalten ab. (Übrigens wird die Emotionalisierung des Wahlkampfes Amerika immer vorgeworfen, wie heuchlerisch!)

Einerseits selbst über Clickbait fleißig zu emotionalisieren und zu vereinfachen, sich aber andererseits über Wutbürger oder wütende weiße Männer mit einfachem Weltbild aufzuregen, dass passt nicht zusammen. Stattdessen gehen auch einfache Fakten unter wie die, dass in den USA Personen und nicht Parteien gewählt werden, dass aufgrund des Mehrheitswahlrechtes die Wahlbeteiligung natürlich niedriger ist , weil es (im Gegensatz zu einer Verhältniswahl) auf die einzelne Stimme nicht ankommt und dass daraus auch folgt, dass es vollkommen schnurz ist, wer in der Summe die meisten Stimmen hatte.

Die Medien, auch die in den USA, haben in einem Punkt sicher den Bezug zur Realität verloren: Eine Zweiteilung der Welt in „gut“ und „böse“ ist unpassend, wenn man mit der „bösen“ Hälfte irgendwie weiterleben muss.

Die Aufladung des Wahlkampfes mit Feminismus, dem Geschlecht des weiblichen Kandidaten und gar der Rede vom „Krieg gegen Frauen“, das war der Versuch einer moralischen Geiselhaft. („Frauen, die lieber für Bernie Sanders statt für Hillary Clinton stimmen, wollen sich nur bei den Männern einschleimen und kommen in die Hölle!“)
Diese Taktik konnte irgendwann nicht mehr funktionieren, allein dass das Ende so früh kommen würde, war erstaunlich.

Die Vorwürfe an die Gegenseite hingegen waren nur noch stumpf, weil sie alle schon einmal dagewesen und gegen alles und jeden verwendet worden waren: Donald Trump soll ein Sexist sein? Na und? Das waren doch Matt Taylor und Tim Hunt auch. Inzwischen wissen wir doch: Alles ist sexistisch.

Und egal, was für böse und schlimme Dinge Donald Trump gesagt oder gesagt haben mag: Aus einem ganz anderen Kontext „wissen“ wir doch schon längst, dass Wladimir Putin „der Teufel“ ist. Es gibt eben keine Differenzierung mehr, da braucht man als Konsument gar nichts mehr für bare Münze zu nehmen.

Die Eliten gegen „den weißen Mann“ und die Debatte

Ich möchte hier einige bemerkenswerte Analysen und Reaktionen zitieren. Zunächst die Massenmedien:

Andrew B. Denison: Trumps Ergebnis stellt Gesetze der Politik auf den Kopf

[Donald Trump] hat Wähler mobilisiert, die keiner erwartet hätte.
(…)
Wir haben erwartet, dass Donald Trump zwar bei seinen Anhängern punktet, aber dass er andere Wählerschaften vertreiben würde, zum Beispiel Frauen und Menschen mit Universitätsabschluss. Aber das ist nicht passiert.
(…)
Die Umfragen lagen daneben, weil sie die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung bei ungebildeten Wählern, die vorher nie gewählt haben, nicht richtig einschätzen konnten.

Jörg Schönenborn: Trump: Für die Überraschung gibt es Gründe

Donald Trump hat vor allem im mittleren Westen, aber auch in anderen Bundesstaaten sehr viel stärker bei Männern ohne College-Abschluss gepunktet als erwartet und von den Demoskopen bei ihren Berechnungen unterstellt.
(…)
Umgekehrt leben in den klassischen Industriestaaten im mittleren Westen (…) besonders viele weiße Wähler ohne College-Abschluss, meist Arbeiter, die entweder ihren langjährigen Arbeitsplatz verloren haben oder bei weitem nicht mehr so gut bezahlt werden wie früher. Die Wahltagsbefragung zeigt, dass Trump in dieser Gruppe einen so hohen Vorsprung hat, wie seit über 30 Jahren bei keiner Wahl beobachtet.

Das Debakel der Wahlforscher: „Die Kristallkugel hat einen Sprung“

Eine Erklärung für die falschen Vorhersagen: Bei den Befragung gaben die Wähler nicht ihre wirkliche Meinung preis. Sozialforscher sprechen in solchen Fällen vom Phänomen der „sozialen Erwünschtheit“. Um Ablehnung zu vermeiden, antworten Befragte nicht wahrheitsgetreu.
(…)
Offenbar unterschätzt worden sei die Zahl der stillen Trump-Unterstützer, die normalerweise nicht wählen gehen, aber diesmal ihre Stimme abgaben.
(…)
Larry Sabato: „Die Beteiligung der Weißen im ländlichen Amerika ist durch die Decke gegangen.“
(…)
Aber in den Vorhersagen zu den potentiellen Wählern sei schlichtweg die Beteiligung der weißen ländlichen Gebiete unterschätzt worden.

Es sollte als Menetekel gelten, wenn der verachtete politische Gegner massenweise Nichtwähler an die Urnen bringt. Die Klage über ungebildete Wähler, Unterschicht usw. ist nichts anderes als die Verachtung der Eliten gegenüber dem einfachen Volk. Aber was war denn die Demokratie neuzeitlicher Prägung, wenn nicht die Herrschaft des Volkes gegenüber der bisherigen Herrschaft der Eliten?

Klarer fällt die Analyse bei den „alternativen Medien“ aus. So etwa die Nachdenkseiten:

Präsident Trump – wir sind Zeugen einer Zeitenwende

Na klar, als linker, liberaler Intellektueller kann man einem Wahlsieg Donald Trumps erst einmal wenig abgewinnen. Der Sieg ist jedoch, so weh dies bei der Analyse tut, folgerichtig.
(…)
Die Wahl war auch eine Rache am politischen System, dem man nicht mehr zutraut, die Interessen der Mehrheit zu vertreten.

In dieem Beitrag sind auch Teile des folgenden älteren Artikels enthalten (vom 02. März 2016 – hier wird allerdings noch ein Wahlsieg Trumps ausgeschlossen):

Trump ist die Antwort auf die politischen Fehler der Vergangenheit und Gegenwart

Trump ist keine These. Er ist eine Antithese; die Reaktion auf eine politische Entwicklung, die von einem großen Teil der Bevölkerung als Fehlentwicklung angesehen wird. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer und die Mittelschicht rutscht Stück für Stück nach unten ab? Produktive Jobs wandern mehr und mehr in Niedriglohnländer ab? Die Macht der Banken und großen Konzerne nimmt von Tag zu Tag zu? Die Politik schert sich nur noch um das eine Prozent ganz oben und hat die restlichen 99 Prozent aus dem Blick verloren? All dies sind Fragen, die man bei kritischer Analyse bejahen muss. All dies sind jedoch auch Fragen, auf die die traditionelle Politik keine Antworten liefert. Mehr noch: All dies sind Probleme, die von der traditionellen Politik direkt und indirekt verursacht wurden. Wen aber wählen, wenn die traditionelle Politik nicht die Antwort, sondern das Problem darstellt?

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, in der die Mehrheit des Volkes die Entscheidungen trifft – so zumindest in der Theorie. In der Praxis wird Politik jedoch all zu oft von einer kleinen Minderheit für eine kleine Minderheit gemacht. (…) Welcher Politiker wagt es denn, den weißen Mann ohne Hochschulabschluss direkt anzusprechen?
(…)
Jahre-, wenn nicht gar jahrzehntelang wurde eine Politik gegen die wenig schillernde Mehrheit der Bevölkerung gemacht und die Medien taten ihr Bestes, um mit Brot, Spielen und Meinungsmache den immer größeren Spalt zu überbrücken. Dass dies nicht endlos klappt, sollte jedem klar sein. Ernsthafte Angebote von der politischen Linken wurden ausgeschlagen. Nun hat die politische Rechte die Deutungshoheit über den Stammtischen und das Establishment ist schockiert. Selbst schuld!

Hier wird erfreulicherweise auch eine Lösung vorgeschlagen:

Die einzige Methode, radikale Populisten zu verhindern, ist es, ihnen den Boden zu entziehen. Also selbst moderat populistisch zu sein und eine Politik zu verfolgen, die nicht nur den Interessen der Eliten und Institutionen dient, sondern im wahrsten Sinne des Wortes demokratisch ist, also die Bevölkerungsmehrheit im Fokus hat, ohne gleichzeitig die Minderheiten zu ignorieren. Eine solche Politik, wie sie ja auch der demokratische Außenseiter Bernie Sanders propagiert, wäre natürlich möglich, wird aber erstaunlicherweise von den Eliten und Institutionen abgelehnt.

Die Nachdenkseiten haben auch kein Problem, gute Artikel der Massenmedien zu würdigen. Man beachte bei den Hinweisen des Tages etwa 5 d und e!

Der Blogger Fefe hat in seinen Analysen eine ähnliche Klarheit – und ausnahmsweise einen erstaunlichen Optimismus:

Fefe, 09.11.2016:

Mit Trump als Präsidenten werden wir auch Hillarys Gender- und Hatespeech-Vorstöße nicht kriegen. (…) Ich vermute, dass gerade eine Menge der Progressiven merken, dass ihre Echokammer, in der sie sich die ganze Zeit gegenseitig bestätigen, wie Recht sie haben, nicht die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegelt. Die Leute, die sich immer so offensichtlich auf der Seite des Guten verortet haben mit ihren Gender-Sprachvorschriften und mit ihren Safe Spaces und ihren Antirassismus-Geschichten. Und das ist eine überfällige Erkenntnis. Mal schauen, ob sie etwas bewirken wird.

Fefe, 09.11.2016:

Es gibt nämlich Grund zum Optimismus.

Erstens hat Trump ausreichend viele Investitionen in anderen Ländern, dass die Wahrscheinlichkeit für Kriege bei ihm geringer ist. Zweitens ist er ein lupenreiner Populist. Das wird gerne als Schimpfwort für Politiker benutzt, aber das ist ein absurder Vorwurf. Populismus ist der Job eines Politikers. Und Populismus ist mir lieber als so Triebtäter wie die Leute im polnischen Parlament, die aus Überzeugung die Abtreibung verbieten wollten. Populismus ist vorhersagbar. Ich denke mal, auch die Russen und Chinesen werden verhalten optimistisch sein, weil sie Trump als Geschäftsmann einschätzen, mit dem man Verhandeln kann.

Auch hat Hillary im Wahlkampf gezeigt, dass sie vor schmutzigen Tricks nicht zurückschreckt, was ich persönlich eher abschreckend fand. Trump ist ein Widerling und ein Arschloch, aber ein berechenbarer Widerling und ein vorhersagbares Arschloch. Viele Leute fanden das offenbar wichtiger.

Fefe, 10.11.2016:

Falls das jetzt so aussieht, als freue ich mich über Trump und blende aus, was für fiese Rassisten unter seinen Anhänger sind: Nein.
(…)
Dennoch. Seht die neuen Chancen, nicht die vertanen Gelegenheiten. Konzentriert euch darauf, was man jetzt tun kann, nicht was bereits geschehen ist. Die Zukunft ist, was wir aus ihr machen.

Fefe, 10.11.2016:

Also das hat ja fast ein religiöses Erweckungsmoment gerade, wie die ganzen Leute in ihren geplatzten Filterblasen mit Kopfschmerzen aufwachen und zum ersten Mal seit Jahren ein paar unbequeme Aspekte der Realität wahrnehmen. Wie sie der Reihe nach merken: Ja, es gibt da noch andere Leute, die meine offensichtlichen Wahrheiten nicht für offensichtlich wahr halten. Ja, wir müssen Leuten mit anderer Meinung zuhören, denn wenn wir einfach so tun, als gäbe es sie nicht, dann wählen sie einen Trump zum Präsidenten.
(…)
Für mich stellt sich gerade das Gefühl ein, dass der Trump-Wahlsieg vielleicht sogar unter dem Strich eine positive Sache sein kann, wenn es bei so vielen Menschen zu so profunden Einsichten führt.
(…)
Einen Moment der Hoffnung gibt es noch, den ich bisher nicht angesprochen habe. Nur Nixon konnte nach China gehen. (…) Nur ein Trump kann die GOP reformieren. Ob er es auch tut? Wir werden sehen. Vielleicht nicht. Aber Trump hat vor seine Präsidentschaftskandidatur sehr progressive Werte vertreten, „links von Bernie Sanders“ formulierte MSNBC letztes Jahr. Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass Trump ein progressives U-Boot ist, und jetzt die Republikaner in die Neuzeit holt. An dieser Stelle sei noch der Hinweis erlaubt, dass es nicht die Democrats waren, die die Sklaverei abgeschafft haben. Die Republikaner haben sich ursprünglich konstituiert, um die Sklaverei loszuwerden, und es waren auch die Republikaner, die es am Ende getan haben. Damals waren die Republikaner die Progressiven.

Update: Trump ist auch der einzige weit und breit, der mal den Militär- und Geheimdienstapparat zusammenkürzen könnte. Die Kompromatkoffer sind alle schon im Wahlkampf ausgespielt worden, aus der Richtung muss der also wenig Angst haben. Und wenn man da eine Kosten-Nutzen-Rechnung ansetzt, wie ich von Trump mal erwarten würde, dann sieht das ganz düster aus. Kein Wunder, dass die gerade Arsch auf Grundeis haben.

Fefe, 10.11.2016:

Ich habe hier ja schon häufiger die Warnung ausgesprochen, dass Filterblasen und Blocken und Wegzensieren von Nazis und „besorgten Bürgern“ das Problem eher noch schlimmer macht, weil wir dann auch gar nicht mehr sehen können, wie groß das Problem eigentlich inzwischen geworden ist. Und weil solche Leute sich dann in Parallelgesellschaften organisieren, und man gar nicht mehr an die rankommt, und alle moderierenden Einflüsse weg sind.
(…)
Und was hat niemand getan? Mit denen mal das Gespräch gesucht!

Und das war das eine, was man hätte tun können, um dieses Pulverfass zu entschärfen.

Da stecken eine Menge guter Ideen drin. Die Demokratie „von oben“, in der man durch Ausschließen statt Überzeugen gewinnt, mit Alternativlosigkeit statt Debatten, ist diesmal endlich einmal gescheitert.

Was helfen würde: Freiheit in der Debatte, die andere Seite hören. Political Correctness hingegen nutzt den herrschenden Eliten.

Und wer wirklich eine Gefahr von Extremisten wittert: Anstatt alle zwangsweise unter einer Fahne zu vereinen, wären Vielseitigkeit und Offenheit angesagt.

Wer ohne Rücksicht auf Verluste seine Agenda fährt, muss sich auch nicht wundern, wenn im Falle eines Siegs der Gegenseite dasselbe in umgekehrte Richtung geschieht. Es gab ja nichts zu gewinnen für „Konvertiten“, das wurde alles auf moralischem Anspruch gegründet. Im Gegenteil, es wurde als notwendiges Nullsummenspiel verkauft.

Was jetzt als „Rollback“ angekündigt wird, wäre kein Bruch, sondern eine Kontinuität, denn das gezeigte Verhalten war: Man kann andere Leute beliebig als Unperson verumglimpfen und ausschließen, solange man an der Macht ist. Die Lektion lautet daher, an die Macht zu kommen. Dialog, Verständigung, Kompromiss wurden ja stets ausgeschlagen. Das Pendel schlägt so gesehen „nur“ in die andere Richtung:

Fefe, 16.10.2015:

Ich mache mir ja bei sowas nicht nur Sorgen, dass die Männer hier unter Generalverdacht gestellt werden. Ich mache mir auch echt Sorgen um die nächste Generation Frauen. Diese Art von sozialer Veränderung kommt häufig als Pendel. Das Pendel schwingt dann zu weit und dann schwingt es massiv zurück. Je weiter wir es jetzt überdrehen, desto krasser wird der Backlash. In 20 Jahren wird man dann als Mann moralisch fast alles verteidigen können, indem man zurück verweist auf was die Gender-Idologie den Männern in diesen Tagen alles brutal reingedrückt hat.

Und das ist genauso schade, wie es bei Fefe anklingt. Gerade die Demokraten müssen sich die Leviten lesen lassen:

Fefe, 09.11.2016:

Wenn jemand mehr als alles andere Schuld am Sieg von Trump hat, dann der DNC. Von Anfang an hatte Bernie Sanders einen stärkeren Vorsprung vor Trump als Hillary in den Umfragen. Aber der hat Positionen vertreten, die die korrupten Partei-Funktionäre im DNC nicht hören wollten, und da haben sie mit undemokratischen Mitteln lieber Hillary zur Kandidatin getrickst.

Die Nachdenkseiten vermeldeten inzwischen, dass Bernie Sanders Trump Hilfe anbietet:

Der demokratische Senator aus Vermont stellte mit Blick auf den Wahlkampf fest, dass Trump offenbar den Nerv der unzufriedenen Mittelklasse getroffen habe, die sich in einer Abwärtsbewegung befinde. Diese sehr breite Schicht sei ernüchtert von den etablierten Politikern und Medien.

(Original: Sanders Statement on Trump)

Das Problem der Demokraten ist das Problem vieler „traditionell linker“ Parteien. Wie etwa Lucas Schoppe es ausdrückte:

„Rechts und links“ geraten heute ja tatsächlich in Verwirrung. Eine Politik, die sich als links versteht, ist mehr und mehr eine Politik einer weitgehend abgegrenzten, auf sich selbst bezogenen, sozial und ökonomisch privilegierten Schicht – während das Dazwischenreden von Menschen aus weniger privilegierten Schichten als rechts präsentiert wird. Ist es manchmal natürlich auch, in der Hetze gegen Flüchtlinge ist das ja nicht zu übersehen.

Es lohnt sich trotzdem, darauf zu achten, wie dieses „Rechte“ dann sonst noch beschrieben wird: als trollig, als ungeschlacht, wütend, primitiv, ungebildet, undifferenziert, vorurteilsbehaftet, unaufgeklärt, eben pöbelhaft. Die Rechts-Links-Zuordnung wird benutzt und instrumentalisiert für eine klassische Abgrenzung distinguierter Schichten gegen den Pöbel.

Oder wie ich es in einem Fundstück über die junge Linke zitierte: „Junge Linke haben Bezug zur Unterschicht verloren“.

Aber ich möchte den langen Artikel mit einer positiven Note beenden. Via Nachdenkseiten gefunden: Harald Neuber: Warum Trumps Sieg eine Chance für die Linke ist … die sie aber offenbar nicht wahrzunehmen bereit ist – mit den weiteren Überschriften: „Trumps Sieg ist die Rache für Clintons Krieg gegen Sanders“ und „Trumps Sieg ist ein weiterer Beweis für das Scheitern des etablierten Meinungsbetriebs“.

Popkultur

Was wäre ein Blogeintrag ohne Popkultur? Da der Katzenjammer bei einigen so groß ist, gibt’s entsprechende Musik.

Katzenjammer – Hey Ho (On The Devil’s Back)